Disclaimer:
Aus mir unbekannten Gründen ist Albus ein wenig aufgebracht. Dabei habe ich ihm nur ein Zitronenbonbon angeboten. Ich weiß wirklich nicht, was er hat. Ich dachte immer, er mag Zitronenbonbons. Severus, vielleicht kannst du mir weiterhelfen. Gehört Harry Potter jetzt...? Okay, okay. Er gehört JKR. Alles klar. JKR, nicht mir. Ganz allein JKR. Kannst du jetzt bitte deinen Stab woanders hin halten? Du machst mich ein bisschen nervös...
Schatten der Wahl
19. Dianthuskraut und Ginseng
„Warum hast du überhaupt diesen Aufsatz geschrieben, wenn du nie vorhattest, Verwandlungen zu belegen?"
Es war eine Frage, die Tigris schon die ganze Zeit beschäftigte. Draco lachte.
„Ich wollte mich nicht mit Vater darüber auseinandersetzen. Er hält Verwandlungen für furchtbar wichtig, aber ich kann McGonagall nicht ausstehen. Noch zwei Jahre mit ihr hätte ich nicht ausgehalten. Zum Glück war er zu beschäftigt, um uns nach unserer Auswahl zu fragen. Ich habe die ganze Zeit gefürchtet, dass er es tut, aber er hat es nicht getan. Merlin sei Dank."
„Wird er ärgerlich sein, weil du es abgewählt hast?", fragte Tigris besorgt.
Draco zuckte mit den Schultern. „Es ist nicht mehr zu ändern. Er wird damit leben müssen."
Tigris musterte seinen Bruder stirnrunzelnd, aber verfolgte das Thema nicht weiter. Draco musste McGonagall wirklich verabscheuen. Tigris fragte sich, warum. Sicher, sie mochte keine Slytherins, aber sie war nicht annähernd so unfair wie Snape. Das erinnerte Tigris daran, dass sie an diesem Tag Zaubertränke hatten. Er spürte plötzlich einen Stein im Magen. Er hatte alle Bücher gelesen, die in der kleinen Bibliothek auf dem ersten Regal standen, aber er fühlte sich noch immer so unsicher wie ein Erstklässler.
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„Guten Tag, Klasse. Da dies ein NEWT Kurs ist, hoffe ich, Sie zeigen ein wenig mehr Potential, als ich gewöhnlich in dieser Schule vorfinde. Vor allem hoffe ich, Sie übertreffen Ihren Parallelkurs, in dem sich ein paar wirklich beklagenswert unfähige Individuen befinden."
Die Tür, durch die er hereingestürmt war, flog mit einem Wink von Snapes Zauberstab ins Schloss. Tigris zuckte unwillkürlich zusammen. Er war nicht der einzige. Es war den Hufflepuffs anzusehen, dass Sie bereits bereuten, diesen Kurs belegt zu haben. Tigris konnte sie nur zu gut verstehen. Draco neben ihm grinste nur.
Snape drehte sich plötzlich zu ihm um. „Mister Malfoy, welches Kraut ist ein entscheidender Faktor bei verwandelnden Tränken, die mit Wassertieren zu tun haben?"
Tigris starrte ihn an und sein Kopf war plötzlich vollkommen leer. Sein Herz fühlte sich an, als schlüge es zweimal so schnell wie sonst.
„Sicher haben Sie Ihr Buch gelesen, Mister Malfoy?"
„N...natürlich, Sir.", stammelte Tigris. Er ballte die Faust. Er wusste die Antwort. Er hatte sie erst gestern gelesen. Es war eine einfache Frage. Aber er konnte sich einfach nicht erinnern. Es war, als wäre sein Geist gefroren.
Snape runzelte die Stirn, dann wandte er sich ab. „Sie wissen die Antwort, Miss Davis?"
„Dianthuskraut.", sagte Tracey.
„Richtig. Ein Punkt an Slytherin."
Tigris hätte vor Frustration aufschreien können. Er hatte das gewusst. Er hätte es sogar vermutet, bevor er all diese Bücher gelesen hatte. Warum fiel es ihm so schwer zu denken, wenn Snape ihn anstarrte? Draco warf ihm einen ungläubigen Blick zu. Tigris wusste, was er dachte. Er konnte es ja selbst nicht glauben.
„Wir werden in diesem Jahr mit Aussehen verändernden Tränken beginnen.", sagte Snape. „Heute beschäftigen wir uns mit einem Trank, der Ihre Augenfarbe verändert. Können Sie uns einen wichtigen Bestandteil dieses Trankes sagen, Miss Jones?"
„Scarabäusflügel?", fragte die Hufflepuff unsicher.
„Hätten Sie das Fragezeichen weggelassen, hätte Ihnen das einen Punkt eingebracht. Richtig, Scarabäusflügel. Warum Mister Malfoy?"
Tigris versteifte sich, aber zum Glück war es Draco, den er angesprochen hatte.
„Scarabäusflügel verstärken die Wirkung des farbgebenden Bestandteils des Trankes und stabilisieren die Magie, so dass sich nur die Iris und nicht das ganze Auge verfärbt."
„Sehr gut, Mister Malfoy. Fünf Punkte an Slytherin." Snape tippte mit seinem Stab an die Tafel. „Sie finden das Rezept auf Seite 128 von ‚Anspruchsvolle Zaubertränke für Fortgeschrittene'. Er muss zwei Stunden gerührt werden, sie sollten also besser schnell anfangen."
Tigris schlug hastig sein Buch auf. Der Trank war nicht annähernd so kompliziert wie der Paternitas Trunk, aber in diesem Moment kam er Tigris entsetzlich kompliziert vor. Er atmete tief durch und bemühte sich, seine Gefühle zu sortieren. Nach einer Weile wurde er tatsächlich ruhiger. Er holte sich die Zutaten und versuchte, so sorgfältig zu sein, wie er es beim Brauen des Paternitas Trunks gewesen war. Eine Weile ging es gut, bis Snape begann, zwischen ihnen umherzugehen, um ihre Arbeit zu begutachten. Tigris ertappte sich dabei, dass er mehr auf Snapes Bewegungen als auf seinen Trank achtete. Als sie sich dem Ende näherten, wusste er, dass sein Trank misslungen war. Die Farbe und auch die Konsistenz war falsch. Als er sich das Rezept durchlas, erkannte er, dass er das pulverisierte Klabberthorn vergessen hatte. Es war noch genau da, wo er es zu Beginn hingestellt hatte, genau zwischen den leeren Schalen, in denen die restlichen Zutaten gewesen waren. Dabei hatte er sich so bemüht, sorgfältig zu sein. Tigris sah ärgerlich darauf. Es war ein so DUMMER Fehler. Er wusste, dass Snape ihn anschreien würde, wie könnte er nicht? Als er aufsah, begegnete er Snapes Blick. Er hatte wieder einmal nicht bemerkt, dass der Mann direkt neben ihm stand. Zu Tigris' Überraschung sagte Snape nichts, sondern ließ einfach seinen Trank mit einem simplen „Evanesco!" verschwinden. Tigris starrte frustriert auf seinen leeren Kessel. Es hob seine Stimmung nicht gerade, dass alle anderen im Kurs den Trank perfekt gebraut hatten. Natürlich, sie hatten sich ihre O's verdient. Snape gab jedem von ihnen zwei Punkte, sogar den Hufflepuffs.
„Würden Sie bitte bleiben, Mister Malfoy.", sagte er, als die Stunde zu Ende war. Tigris stellte seine Tasche zurück und seufzte lautlos. Da ging seine Teilnahme an NEWT- Zaubertränke dahin.
„Mister TIGRIS Malfoy.", sagte Snape und Tigris erkannte, dass Draco noch neben ihm stand. Draco warf ihm noch einen Blick zu, der vermutlich aufmunternd sein sollte, und ging.
Snape winkte Tigris zu sich an das Lehrerpult. „Ich nehme an, Sie wissen, was ich von Ihnen will."
Tigris nickte ohne ihn anzusehen.
„Nun?"
„Sie schließen mich aus dem Kurs aus."; antwortete Tigris zwischen zusammengebissenen Zähnen. Warum konnte Snape es nicht einfach sagen und damit hatte es sich? Tigris fühlte sich auch schon so mies genug. Aber halt, das war Snape. Natürlich konnte er es nicht einfach damit bewenden lassen.
„Warum denken Sie das?", fragte Snape interessiert. Es war ein erstaunlich neutraler Tonfall für Snape.
Tigris machte eine ärgerliche Geste zu dem nun sauberen Kessel. „Es ist doch offensichtlich, dass ich nicht einmal einen einfachen Trank brauen kann. Sie wissen, dass ich das O in meinem OWL nicht verdient habe."
Snape tippte sich nachdenklich mit dem Zeigefinger gegen das Kinn.
„Was denken Sie haben Sie bei diesem Trank falsch gemacht?"
„Sie haben es doch gesehen! Ich habe das Klabberthorn vergessen. Sagen Sie es nur, es war ein idiotischer Fehler. Das weiß ich bereits."
Tigris erwartete, dass Snape jeden Moment wütend wurde und ihn anschrie, aber der Lehrer musterte ihn nur mit einem eigenartigen Ausdruck.
„Was ist der Nutzen von Demiguiseblut in Tränken, Mister Malfoy?"
„Es ist ein Bestandteil von Unsichtbarkeits- und Tarntränken.", antwortete Tigris, ohne den Sinn der Frage zu verstehen. „Das Demiguise ist ein in östlichen Regionen heimisches Tier, welches sich unsichtbar machen kann. Das Blut trägt die Essenz dieser Fähigkeit und ist damit der Schlüsselbestandteil aller Tränke, die einen verwandten Effekt haben."
Snape schlug mit der Hand auf den Tisch und Tigris zuckte zusammen.
„Warum haben Sie meine Frage am Anfang der Stunde nicht beantwortet, wenn sie offenbar schon weit fortgeschritteneren Stoff wissen, Mister Malfoy?"
Tigris starrte ihn an. „I..ich..." Da war das Gefühl wieder. Er hätte Snape erwürgen können.
Snape beugte sich zu Tigris vor. „Warum sind Sie so nervös?" Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern und Tigris fühlte sich paralysiert. Er verfluchte sich innerlich.
Snape richtete sich ruckartig auf und wandte sich ab. „All Ihr Wissen und Ihre Fähigkeiten werden Ihnen nichts nutzen, wenn Sie nicht mit Stress umgehen können, Mister Malfoy. Wenn Sie Ihren Kopf verlieren, sobald Sie sich unter Druck gesetzt fühlen, dann ist nichts was Sie können etwas wert."
Etwas in Tigris brach und er ballte wütend die Fäuste. „Ich kann mit Stress umgehen! Ich bin nicht unfähig, nur weil ich unter Druck stehe!"
Snape fuhr zu ihm herum. „Wirklich? Und warum, wenn ich fragen darf, haben Sie sich dann in dieser Stunde so verhalten?"
„Ich...", rief Tigris. „Es liegt an Ihnen! Sie... Sie..."
„Können Sie nicht einmal einen einfachen Satz beenden, Mister Malfoy?", spottete Snape.
Tigris ballte die Fäuste so fest, dass sich seine Nägel in seine Handflächen gruben. Er konnte nicht glauben, wie wütend dieser Mann ihn machte. Er hätte ihn hier und jetzt niederschlagen können, hätte er nicht gewusst, dass das einen Schulverweis zur Folge gehabt hätte. Was würde sein Vater wohl dazu sagen? Tigris atmete ein paar Mal tief durch.
„Warum sagen Sie nicht einfach, dass Sie mich aus dem Kurs verweisen und lassen mich gehen, Professor?" Tigris nahm erleichtert zur Kenntnis, dass seine Stimme wieder kühl klang. Seine Hände hatten sich entspannt.
„Weil ich Sie nicht aus dem Kurs verweise.", antwortete Snape und lehnte sich lässig gegen den Tisch.
„Was?" Tigris starrte ihn an, als hätte er einen Geist gesehen. Nein, keinen Geist, Geister waren zu alltäglich dafür.
Snape grinste spöttisch. „Haben Sie auch noch ein Problem mit ihrem Gehör, Mister Malfoy? Ich werde Sie nicht aus dem Kurs verweisen. Ich erwarte, dass Sie Ihr Problem lösen, und das bald. Es wäre doch eine Schande, Ihr Talent zu vergeuden, nur weil Sie unfähig sind, sich unter Kontrolle zu bringen. Offensichtlich können Sie es tun, wenn Sie es wirklich für notwendig halten. Ich sehe also keinen Grund, Sie aus dem Kurs zu werfen. Enttäuschen Sie mich nicht."
Tigris zuckte zusammen und Snape runzelte die Stirn. Dann seufzte er kaum hörbar und schüttelte unglücklich den Kopf. „Für Morganas Blut, Lucius.", murmelte er.
Tigris sah ihn schockiert an. Snape lächelte humorlos und winkte zur Tür. „Sie können gehen, Mister Malfoy. Und denken sie daran, was ich Ihnen bei Ihrer Ankunft gesagt habe... Wenn Sie jemals mit mir reden wollen... auch ohne meine Eigenschaft als Ihr Professor... Ich bin nicht Ihr Pate, aber Sie können trotzdem zu mir kommen."
Tigris war so verblüfft, dass er Snape einen Moment lang nur anstarrte. „Danke, Sir.", stammelte er dann und verließ den Raum.
„Wie ist es gelaufen?", fragte Draco, der draußen auf ihn gewartet hatte.
„Ich bin noch immer im Kurs.", sagte Tigris fassungslos.
„Natürlich.", lachte Draco. „Dachtest du, Severus schmeißt dich wegen einem misslungenen Trank raus? Was ist los?", fragte er dann besorgt.
Tigris schüttelte den Kopf. „Nichts. Es ist nur... nichts. Ich muss nur meine Gedanken ordnen."
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Sie saßen sich auf dem Boden gegenüber.
„Ich denke, besser wird es nicht.", sagte Tigris schließlich. „Jetzt möchte ich, dass du Legilimens auf mich sprichst."
Dracos Augen sprangen auf. „Was? Aber das kann ich nicht. Ich beherrsche noch nicht einmal Okklumentik."
„Du musst es nicht hervorragend können.", sagte Tigris geduldig. „Sag es einfach und versuche dabei, zu erkennen, was ich denke."
„Wenn du meinst.", sagte Draco zweifelnd und richtete seinen Stab auf ihn. „Legilimens!"
Tigris spürte Dracos Präsenz wie einen schwachen Schatten und zog sie ganz zu sich.
„Gut.", murmelte er. „Nun sieh hin."
Er konzentrierte sich auf Dracos Geist und sah ihn als ein ungeordnetes Netzwerk vor sich. Gedanken und Erinnerungen wirbelten chaotisch an der Oberfläche. Tigris versuchte, ein Gefühl dafür zu bekommen, wo Dracos Bewusstsein aufhörte und sein eigenes begann. Dann zog er sich zurück und stieß Draco gleichzeitig aus seinen Gedanken.
„Hast du es gesehen?"
Draco blinzelte mehrmals. „Das war... eigenartig. So als sähe man sein Spiegelbild in einem Spiegelbild."
„Aber du hast es gesehen."
„Ich denke schon.", sagte Draco zögernd. „Ich konnte den Unterschied zwischen deinen Gedanken und meinen spüren."
„Das war der Sinn. Nun solltest du erkennen können, wenn jemand versucht, in deine Gedanken zu sehen. Das macht es einfacher für dich, ihn auszugrenzen. Wenn du meditierst, solltest du dich auf genau dieses Bewusstsein konzentrieren."
„Das hört sich endlich einmal logisch an."
„Und es ist gar nicht so schwer. Es wird bald reiner Instinkt für dich werden, fremde Präsenzen auszuschließen. Das Schwierige ist, es nicht zu tun und ihnen stattdessen falsche Informationen zu geben. Aber das ist erst einmal nicht so wichtig. Ich denke es reicht für heute."
Draco grinste ihm zu. „Danke. Ich dachte wirklich, ich lerne es nie."
„Ja, das ging mir mal genauso." Tigris grinste zurück.
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„Heute ist das Auswahltraining, kommst du mit?"
Tigris stöhnte ärgerlich. „Wie oft muss ich es noch sagen, Draco: ICH WERDE NICHT TEILNEHMEN!"
Draco grinste. „Ich frage ja gar nicht, ob du teilnehmen willst. Ich bitte dich nur, zuzusehen. Du kannst dich ja auf die Tribüne setzen und eins deiner verdammten Bücher mitnehmen, wenn du dich nicht davon trennen kannst."
Irgendwie erinnerte Tigris dieses Gespräch an etliche, die er und Ron mit Hermione geführt hatten. Es erschreckte ihn, dass er so viel mit Hermione gemeinsam hatte, besonders da er diesen Zug an ihr nie sonderlich gemocht hatte. Es erschreckte ihn genug, dass er sein Buch zur Seite legte und Draco nach draußen folgte.
Tigris setzte sich auf die Tribüne und beobachtete die Menge an Bewerbern, die sich vor dem Feld sammelte. Es schien, Draco hatte sämtliche Positionen neu ausgeschrieben. Tigris war überrascht, als sie mit der Auswahl zum Sucher begannen. Draco flog natürlich auch, aber es gab mindestens drei Bewerber, die besser waren als er. Ein Drittklässler namens Malcolm Baddock, Helena Wilkes, die ihn beim Willkommensfest angesprochen hatte und ein Zweitklässler, der wirklich beeindruckend flog. Tigris war nicht sicher, dass er ihn hätte schlagen können, selbst mit seiner Erfahrung.
Als das Training weiterging, wurde es schnell klar, dass wohl keiner der alten Spieler es mehr ins Team schaffen würde – wenn Draco fair auswählte, hieß das. Draco flog für alle Positionen. Er würde einen hervorragenden Treiber abgeben – Tigris konnte verstehen, warum er lieber auf dieser Position spielen würde. Ansonsten konnten sich die alten Spieler gegenüber den Bewerbern nicht halten. Ein japanischer Junge – ein Fünftklässler – war fantastisch als Hüter. Wenn Draco ihn auswählte, würden die anderen Teams wahrscheinlich nie den Quaffel durch den Ring bekommen. Tigris war so fasziniert von dem Training, dass er kein einziges Mal seine Bücher vermisste. Einige Minuten lang bereute er seine Entscheidung, nicht mehr zu spielen, aber dann dachte er an Sirius. Es wäre nie mehr dasselbe für ihn.
Nach dem Training kam Draco zu Tigris hinüber und ließ sich erschöpft auf die Bank neben ihm fallen. Er war verschwitzt und seine Haare waren unordentlich, aber er grinste. Er sah aus, wie der Fuchs, der den Hühnerstall geplündert hat.
„Nun, was sagst du, Bruder?"
Tigris zog die Brauen hoch. „Ihr habt ein paar großartige Talente, wenn man sie sucht. Wo waren sie all die Jahre?"
Draco lachte zufrieden. „Ich habe mir deinen Rat zu Herzen genommen. Du hast nicht mitbekommen, wie ich im Gemeinschaftsraum ausgerufen habe, dass dieses Jahr jeder zum Training willkommen ist und dass alle Positionen zur Auswahl stehen. Du warst... lass mich überlegen... in der Bibliothek. Deswegen ist dir auch der darauf folgende Lärm entgangen. Ich wette, Wilkes ist nur geflogen, um die Ehre des Teams zu retten. Sie hat sonst immer verkündet, dass sie viel zu beschäftigt ist für etwas so Profanes wie Quidditch."
„Wilkes ist nicht schlecht, aber dieser Zweitklässler ist besser."
„Aquila Hunter.", meinte Draco. „Ja, ich habe es gesehen. Lass uns erst über die anderen Positionen reden."
„Du willst, dass ich mit dir die neuen Spieler aussuche?", fragte Tigris verblüfft.
„Warum nicht? Du kannst Spieler einschätzen, auch wenn du nicht selbst spielen willst. Was hältst du von Maria Lafitter, die kleine Blonde, als Treiber?"
„Vielleicht, aber Blaise war besser. Du warst auch besser."
„Wirklich? Ich hatte nicht das Gefühl ich bin in Form, aber vielleicht kommt das auch nur davon, weil ich vorher Sucher, Hüter und Jäger geflogen bin."
„Alles Positionen, in denen du nicht sehr gut bist, aber als Treiber würde ich dich sofort nehmen."
„Ich und Blaise dann?"
Tigris nickte. Draco schrieb etwas auf ein Pergament. „Ich will Hitoshi als Hüter, er war hervorragend. Ich hoffe nur, er kann es mit seinen Kursen in Einklang bringen."
„Ich stimme dir zu. Jäger?"
„Maldoun, die Rothaarige. Und Pritchard... das war der erste der geflogen ist."
Tigris nickte nur. „Die kleine Schwarzhaarige?", schlug er dann vor. „Drittklässlerin, glaube ich. Wie hieß sie noch gleich, O'Toole?"
„O'Brien. Ja. Sie ist klein, aber sie ist schnell."
„Gut, dann sind wir wieder bei Sucher. Was hast du gegen den Jungen... Hunter, richtig?" Tigris überlegte einen Moment, dann fiel es ihm auf. „Ah, ich verstehe. Er ist muggelgeboren?"
„Halbblut. Sein Vater ist ein Schl... muggelgeboren. Seine Mutter kommt aus einer recht alten reinblütigen Familie. Es war ein Skandal."
„Ist dir Wilkes lieber? Du hast selbst gesagt, sie will nicht wirklich spielen."
„Da ist immer noch Baddock."
„Er war nur der Drittbeste! Außerdem bin ich nicht sicher, ob er Ginny schlagen kann."
„Ist die Weaselette so gut?"
„Du hast sie doch spielen sehen. Sie ist nicht so gut wie Potter, aber sie ist klein und schnell."
Es war ein wenig seltsam, von sich in der dritten Person zu sprechen, aber Tigris gewöhnte sich langsam daran. Manchmal kam es ihm wirklich vor, als spräche er von einer anderen Person, die er nur sehr gut kannte. Erstaunlich, wie weit es weg schien, obwohl es doch eigentlich erst zwei Monate her war.
„Aber Hunter könnte sie schlagen?"
„Wilkes könnte sie vielleicht schlagen. Hunter fegt den Platz mit ihr. Ich bin nicht sicher, dass ich ihn schlagen könnte."
Draco zog die Brauen hoch. „Denkst du wirklich?" Er tippte nachdenklich mit seiner Feder auf den Pergamentbogen. „Ich denke darüber nach. Aber es wird Schwierigkeiten mit Wilkes geben, wenn ich ihn ihr vorziehe."
„Sag ihr die Wahrheit: Sie ist zu beschäftigt mit anderen Dingen."
„Vielleicht.", murmelte Draco. „Ich denke darüber nach."
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„Wach auf, Schlafmütze!"
Tigris stöhnte. Er hatte am Abend zuvor noch dieses wirklich faszinierende Buch über die Entwicklung des Orkhon – Alphabets und seine Verwandtschaft mit der chinesischen Schrift gelesen, aber er hatte die Zeit vergessen.
„Wie viel Uhr ist es?"
„Sieben.", verkündete Draco nervtötend wach. „Aufstehen, Bruder. Gleich gibt es Frühstück!"
„Geh weg...", murmelte Tigris und zog sich die Decke über den Kopf. „Es ist Samstag. Wir haben keinen Unterricht bis Zwei."
„Stimmt.", sagte Draco. „Aber du wolltest mit mir trainieren, wenn ich mich nicht irre. Auf!"
Plötzlich zog etwas an seiner schönen warmen Decke und kurz darauf war sie verschwunden.
„Hey!" Tigris setzte sich verschlafen auf. Draco stand am Fußende seines Bettes und grinste ihn an. „Gib es zurück!"
„Tsk tsk. Du klingst wie ein Kleinkind."
„Ich will meine Decke.", maulte Tigris und griff danach. „Geh weg, lass mich schlafen."
Draco lachte schallend und gewann den Kampf um die Decke mühelos.
„Ins Bad mit dir. Eine kalte Dusche wirkt Wunder. Oder...", meinte er nachdenklich und zeigte mit seinem Stab auf Tigris, „...wenn du nicht zur Dusche willst kommt die Dusche zu dir."
„Das wagst du nicht!", schrie Tigris. „Arrgh!" Ein Schwall kalten Wassers durchnässte ihn von Kopf bis Fuß.
„Warte, wenn ich dich erwische!" Draco lachte und floh.
Da er und sein Bett nun klatschnass und kalt waren, entschied Tigris sich doch noch aufzustehen, dabei Draco mit Rachegedanken verfolgend. Er könnte seine Haare rot färben... oder grün, immerhin war er nun ein Slytherin. Oder er könnte allen erzählen, dass Draco seine Haare BLOND färbte. Ein boshaftes Grinsen breitete sich in seinem Gesicht aus, als er zum Bad trottete. Im Grunde müsste er es nur Daphne erzählen, sie war Lavenders Äquivalent in Slytherin.
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„Wusstest du, dass mein Cousin sich die Haare bleicht?"
Dracos Hand erstarrte auf halben Weg zum Mund.
„Ja, in Wirklichkeit sind seine Haare eher grau, so wie meine."
„Wa.. wa.. was?", stotterte Draco.
„Tatsächlich?", meinte Daphne fasziniert. „Ich habe das eigentlich schon immer vermutet. Schließlich sind die Haare der Blacks normalerweise schwarz. Ich denke, deine Tante Narcissa hat eigentlich auch schwarze Haare. Jedenfalls sagte meine Mutter mal etwas in der Art. Sie ging mit ihr zur Schule, weißt du? Im Übrigen steht das auch alles in ‚Adelstand der Natur: Stammbaum der Zauberer'"
Tigris nickte nachdenklich und biss in seinen Toast.
Draco rang nach Luft.
Tigris trank gelassen einen Schluck Kaffee.
„Ist das wahr, Drakie?", fragte Pansy. „Du färbst deine Haare?"
„Das tue ich nicht.", zischte Draco.
„Aber warum nur?", fiel Blaise ein. „Ich meine, silberfarbenes Haar hat auch seinen Reiz."
„Er lügt!", fauchte Draco.
„Nun komm.", sagte Theodore. „Dafür muss man sich nicht schämen."
„Es würde mich wirklich interessieren, wie deine echte Haarfarbe aussieht.", meinte Pansy. „Es kann nicht so schlimm sein. Sieh dir Tigris an, er sieht großartig aus mit grauen Haaren."
„Ein für alle Mal, ich färbe meine Haare nicht!", brüllte Draco. Die halbe Halle drehte sich zu ihnen um.
„Du färbst dein Haar, Malfoy?", rief Ron vom Gryffindortisch. „Welche Farbe hat es wirklich, schlammbraun?"
Auf Dracos Wangen begannen sich pinke Flecken abzumalen.
Tigris kicherte leise.
„Das wirst du noch bereuen, Cousin!", zischte Draco, ihm seinen boshaftesten Blick zuwerfend. „Warts nur ab, in ein paar Stunden bist du nicht mehr so fröhlich."
„Das hat sich alles gelohnt, nur um dein Gesicht zu sehen.", flüsterte Tigris so leise, dass nur Draco ihn hörte.
„Sag ihnen, dass du gelogen hast!", fauchte Draco.
„Aber das würde doch den Spaß verderben.", entgegnete Tigris.
Draco griff nach den Cornflakes, vermutlich um sie Tigris über den Kopf zu schütten.
„Wirklich, Manieren, Mister Malfoy.", sagte eine seidige Stimme hinter ihnen. Snape war wieder einmal aus dem Nichts aufgetaucht. „Führen Sie Ihre Schönheitsdiskussionen für sich. Es gibt wirklich kein öffentliches Interesse daran, dass Sie Ihre Haare färben."
Dracos Mund klappte fassungslos auf und zu.
„Dafür... wirst du bezahlen.", zischte er dann zwischen zusammengebissenen Zähnen.
Tigris grinste nur. Rache ist süß.
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Draco hatte seit dem Frühstück nicht mehr mit Tigris geredet und war nur ihm voraus in die Kerker gestürmt, in einen Teil unterhalb des Slytherin- Gemeinschaftsraums und des Klassenraums für Zaubertränke. Nun schritt er wütend vor dem Porträt eines alten Zauberers auf und ab.
„Komm, so schlimm war es nun auch wieder nicht.", versuchte Tigris es erneut.
Draco schnaubte nur.
„Also, wo gehen wir hin?"
Draco ignorierte ihn.
Der Zauberer in dem Porträt zog die Brauen hoch.
„Bist du sicher, dass du das willst?"
„Öffne!", schnappte Draco ihn an.
Seine Brauen kletterten noch etwas höher. „Also wirklich...", sagte er zur Seite schwingend. „Zu meinen Zeiten hat man älteren Leuten noch Respekt entgegengebracht."
Sie betraten einen Kellerraum, der ähnlich ausgestattet war wie ihr Trainingsraum im Malfoy Herrenhaus. Allerdings war die Decke niedriger und es gab keine Fenster. Trotzdem war es hell, es schien nur keine Quelle für das Licht zu geben.
Sie zogen sich um und traten auf die Matte, auf der ein Kampfstab lag. Nur ein Stab. Draco betrachtete ihn einen Moment lang verwirrt, dann grinste er böse und nahm ihn auf.
„Es scheint, du hast mich erfolgreich abgelenkt, während ich darüber nachdachte, was wir brauchen. Andererseits, vielleicht habe ich auch GENAU, was ich brauche."
Er wog den Stab in den Händen.
„Nun komm, Draco.", sagte Tigris ein wenig unsicher. „Es war nur ein Scherz. Eine kleine Revange für das Wasser heute morgen."
„Du hast mich vor der ganzen Halle lächerlich gemacht!", sagte Draco ärgerlich.
„Genau genommen habe ich es nur Daphne erzählt. Du warst es, der so laut geschrieen hat, dass der Rest der Halle aufmerksam wurde."
Tigris wich hastig dem Stab aus.
„Übertreibst du nicht ein wenig? Ich meine, du bist schließlich nicht Lockhart, oder?"
„Es ist eine Beleidigung... mir zu unterstellen... dass ich mein Haar färben würde. Malfoys färben ihre Haare nicht!", fauchte Draco, dabei mit dem Stab nach Tigris schlagend. Es war ein wenig, wie Klatschern auszuweichen, und Tigris dankte Merlin für seine guten Reflexe.
„Fein, fein. Ich entschuldige mich fürchterlich. Nun hör auf damit, okay?"
Aber so einfach kam er nicht davon.
„Du wirst ihnen klar machen, dass es ein Scherz war!", zischte Draco und Tigris bückte sich hastig und sprang zur Seite.
„Wem, der ganzen Großen Halle?"
„Daphne, Pansy und den anderen!"
„Streit unter den Liebenden?" Tigris wich einem besonders fiesen Schlag aus. „Okay, okay. Ich schwöre feierlich, dass ich es ihnen klar machen werde, dass du niemals dein Haar gefärbt hast, färbst oder färben wirst und dass dein Blond vollkommen natürlich ist. Nun... hör auf?"
Draco zielte auf seine Beine und Tigris sprang über den Stab hinweg. „Bitte?"
Sein Bruder hielt inne und grinste. „Gute Reflexe, Bruder. Aber leg es besser nicht darauf an, dass ich WIRKLICH versuche, dich zu treffen."
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Am Nachmittag hatten sie Kräuterkunde, gemeinsam mit den Hufflepuffs. Tigris hatte sich inzwischen mit Draco versöhnt. Nachdem er den Slytherins geschworen hatte, dass es ein Scherz gewesen war. Sie hatten sich schwer getan, ihm zu glauben. Aber er hatte sie schließlich überzeugt. Oder zumindest schien es so. Nicht, dass Tigris es bereute. Er hatte schon lange nicht mehr so viel Spaß gehabt.
Er sah sich um. Drei Hufflepuffs und sieben Slytherins. Tigris bedauerte die drei ein wenig. Susan Bones musste mit Daphne zusammenarbeiten. Es amüsierte ihn etwas, dass ihr Yams einen Schreikrampf bekam, sobald Daphne es berührte und sich erst nach qualvollen zwanzig Minuten beruhigen ließ – von Susan.
Professor Sprout hatte sich vorgenommen, mit ihnen Yams und Ginseng zu ziehen, Pflanzen die den Alraunen sehr ähnlich waren, aber um einiges anspruchsvoller. Yams waren recht aggressiv und konnten buchstäblich giftig werden, wenn man sie falsch behandelte. Ginsengs hingegen wurden schnell melancholisch, wenn man sich nicht genug um sie kümmerte und hörten auf zu wachsen. Außerdem waren beide Pflanzen nicht an das englische Wetter gewöhnt, weswegen man ihre Umgebung mit Temperatur- und Luftfeuchtigkeitszaubern belegen musste. Draco und Tigris schafften es, ihre Pflanzen problemlos umzutopfen. Ihr Ginseng lächelte sogar verträumt – bis Daphnes Yams anfing zu brüllen. Sprout erklärte ihnen, dass sie die Zweitklässler Alraunen ziehen ließ, nur zum Vergleich.
Als Hausaufgabe verlangte sie drei Fuß Pergament über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der drei Pflanzen, was Tracey ein klägliches Stöhnen entlockte. Tigris machte sich nicht viele Sorgen darum. Er hatte bereits alles über die Pflanzen gelesen, so dass es ihm leicht fallen würde, den Aufsatz am Montagmorgen zu schreiben. Er sagte das nicht laut. Er hatte bereits in der ersten Woche begonnen, die neidischen und bewundernden Blicke zu hassen, die ihm daraufhin zugeworfen wurden. Schließlich konnte er für sein gutes Gedächtnis ebenso wenig wie zuvor für seinen Ruhm. Es war nur leichter zu verbergen.
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