Disclaimer:
Lucius, schön dich zu treffen. Kannst du mir vielleicht sagen...
Du möchtest etwas von mir, Muggel?
Ähm... nichts. Hab's mir gerade anders überlegt. Im Grunde weiß ich ja, dass Harry JKR gehört... Hey!
Schatten der Wahl
23. And all our yesterdays
Tigris wartete hinter der Umkleide auf Draco. Sobald die anderen gegangen waren, schlichen sie sich zum Büro des Schulleiters. Einmal liefen sie beinahe in McGonagall, aber sie hatten Glück. Draco hatte das Team bis kurz vor Ausgangssperre auf dem Platz gehalten und die Gänge waren leer.
„Ich weiß das Passwort.", flüsterte Draco, kurz bevor sie den steinernen Greif erreichten. „Ich habe Severus belauscht."
Er sah sich um. Niemand folgte ihnen.
„Krokantfudge."
Der Greif bewegte sich zur Seite und gab den Eingang frei. Sie betraten die Wendeltreppe.
„Warst du schon einmal hier?"
Draco schüttelte den Kopf. „Ich kenne es nur von außen."
Tigris lauschte an der Tür, aber innen war alles still.
„Wenn er da ist, weiß er bereits, dass wir hier sind." Er klopfte an der Tür und öffnete sie.
Dumbledore stand am Fenster. Das Büro war aufgeräumt, aber voller seltsamer Dinge, wie all die anderen Male, als Tigris hier gewesen war. Er fragte sich, ob sie nicht in Wahrheit nur das Ziel hatten, den Besucher abzulenken. Der Schulleiter betrachtete sie ruhig. Dann winkte er mit der Hand und zwei Stühle erschienen vor seinem Tisch.
„Willkommen. Ich muss zugeben, ich habe Sie nicht erwartet. Aber das ist kein Grund, ein schlechter Gastgeber zu sein. Zitronenbonbon?"
„Nein, danke.", entgegnete Tigris. Nun, da er Dumbledore gegenüberstand, wusste er nicht, was er sagen sollte. Tigris fühlte wie Dumbledore seine Gedanken streifte und sich wieder zurückzog, als er nichts von Bedeutung fand. Sein Blick wanderte zu Draco, der ärgerlich die Stirn runzelte. Dumbledore zog die Brauen hoch und sah wieder zu Tigris.
„Ich nehme an, es gibt einen Grund für Ihren Besuch?"
„Den gibt es." Tigris umfasste mit den Händen eine Stuhllehne. „Ich bin mir nicht sicher, wo ich anfangen soll."
„Ich versichere Ihnen, wenn es in meiner Macht steht, Ihnen zu helfen, werde ich es tun." Dumbledore setzte sich und betrachtete ihn über den Rand seiner Brille.
„Ich denke nicht, dass wir wegen Ihrer Hilfe gekommen sind.", erwiderte Tigris schroffer, als er beabsichtigt hatte.
Der Schulleiter lehnte sich zurück.
„Das ist gewöhnlich der Grund, aus dem Schüler mich aufsuchen. Sie machen mich neugierig, Mister Malfoy."
Tigris verzog das Gesicht. Er hatte sich inzwischen an seinen Namen gewöhnt, aber aus Dumbledores Mund hörte er sich eigenartig an.
„Vielleicht können wir Ihnen helfen."
Dumbledore bedachte ihn mit einem stechenden Blick. „Denken Sie das?"
Tigris strich nachdenklich über die Stuhllehne.
„Ich weiß etwas, was sehr wichtig für Sie sein könnte, aber wenn ich es Ihnen sage, muss ich sicher sein können, dass es unter uns bleibt."
„Und was wollen Sie von mir?", fragte Dumbledore lächelnd.
„Ihr Ehrenwort als Zauberer, dass Sie geheim halten werden, was ich Ihnen zu sagen habe. Damit meine ich, dass sie weder darüber reden, noch andere Maßnahmen ergreifen, damit es herausgefunden wird. Sie sind ein listiger Mann, Professor. Aber geht es um mein Leben und das meiner Familie. Ich kann das nicht in einem Ihrer Spielchen riskieren."
Dumbledore lächelte weiterhin und goss sich ein Glas Tee ein. „Sie können nicht erwarten, dass ich Ihnen auf guten Glauben hin ein solches Versprechen gebe, Mister Malfoy. Wenn das, was Sie mir zu sagen haben wirklich so wichtig ist, könnte es entscheidend sein, das andere davon erfahren. Aber ich verspreche Ihnen, ich werde tun was in meiner Macht steht, um Sie zu beschützen – und das ist mehr, als Sie vielleicht glauben."
Tigris schüttelte den Kopf. „Entweder Sie geben mir dieses Versprechen, oder wir gehen, wie wir gekommen sind. Ich werde kein Risiko eingehen... und ich denke, ich habe eine ganz gute Vorstellung davon, was Sie tun können, und was nicht."
Dumbledore nahm seine Brille ab, putzte sie, und setzte sie wieder auf. Dann zog er seinen Zauberstab hervor und balancierte ihn auf seiner Handfläche.
„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Zauberer, niemand außer uns wird erfahren, was Sie mir heute erzählen und ich werde auch niemanden dabei helfen, es herauszufinden."
Der Stab wirbelte einen Augenblick lang im Kreis, wie eine irritierte Kompassnadel. Dumbledore betrachtete ihn nachdenklich, bis er abrupt zum Stillstand kam. Anschließend schloss er wortlos die Hand darum und steckte ihn wieder ein.
Tigris sah den Schulleiter einen Moment verblüfft an, dann nickte er. „Wenn Sie erlauben..."
Er zog seinen Stab, deutete auf die Tür und zog eine komplexe Figur in der Luft. „Dissimula ex toto!"
Dumbledore lehnte ein wenig den Kopf zurück, so als lausche er auf etwas nur für ihn Hörbares. „Trauen Sie meinen Schutzzaubern nicht, Mister Malfoy?"
„Nicht besonders.", erwiderte Tigris trocken. „Ich bin Harry Potter."
Dumbledore erstarrte. „Das ist keine Sache, über die man scherzt, Mister Malfoy." Er war heiser.
„Wenn Sie in meinen Geist sehen, werden Sie erkennen, dass ich die Wahrheit sage."
Dumbledore erhob sich ruckartig und deutete mit seinem Stab auf Tigris. „Legilimens!"
Tigris hatte kaum Zeit, seine Barrieren einzureißen. Er war schockiert von der Gewalt, mit der Dumbledore seine Erinnerungen an die Oberfläche zog. Die Dursleys, Quirrel, der Basilisk, die Schreie der Potters, Sirius, das Trimagische Turnier, Sirius, Umbridge, Sirius, der Dunkle Lord, Sirius... Tigris fühlte sich wie in einem Wirbelsturm, ohne jede Kontrolle über die Bilder, die seinen Geist durchströmten. In einer fast unmöglichen Anstrengung schrie er auf und trieb Dumbledore hinaus.
Tigris kam auf seinen Knien wieder zu sich. Erinnerungen an Sirius fuhren fort, sich in seinen Gedanken zu wiederholen. Er schluchzte auf. Er schaffte es nicht, das Bild zu verdrängen, wie Sirius durch den Vorhang in der Mysteriumsabteilung fiel. Draco kniete neben ihm und schüttelte ihn.
„Komm zu dir!" Draco fuhr zu Dumbledore herum. „Was bei Mordraud haben Sie mit ihm gemacht? Wenn Sie ihm geschadet haben, ich schwöre bei Merlin, Sie werden nicht lange genug leben, es zu bereuen!"
Tigris holte tief Luft und griff nach Dracos Schulter. Dumbledore mit dem Tod zu drohen war keine sehr weise Entscheidung. „Ich bin in Ordnung, Draco. Nur ein wenig durcheinander."
Draco nahm ihn in den Arm. „Das will ich hoffen. Wage es nicht, mich noch mal so zu erschrecken!"
Tigris' Zittern ließ nach und er gewann wieder die Kontrolle über seine Gedanken.
Dumbledore beugte sich zu ihm hinunter. „Es tut mir leid, Harry."
Tigris löste sich aus Dracos Griff und stand zornig auf. „Sie haben kein Recht... kein Recht mich zu bemitleiden. Wie konnten Sie es wagen..." Seine Stimme brach. „Es ist Ihre Schuld, dass er tot ist."
„Es tut mir leid.", wiederholte Dumbledore ehrlich. „Es war nicht meine Absicht, dich an Sirius zu erinnern."
„Sagen Sie nicht seinen Namen!", sagte Tigris mit gebrochener Stimme. „Sie haben mir nicht geglaubt, ist es nicht so? Und wenn ich gelogen hätte, aus welchem lächerlichen Grund auch immer? Was dann?"
Dumbledore schwieg.
Tigris lachte heiser. „War ich jemals mehr für Sie, als ein Spielstein? Ist irgendjemand mehr für Sie? Wie konnte ich Ihnen jemals vertrauen?"
Einige Glasgegenstände in den Regalen zersprangen. Draco hielt sich erschrocken die Arme über den Kopf.
Dumbledore streckte nur die Hand aus und die Scherben verschwanden ohne Schaden anzurichten. „Ich liebe dich wie einen Sohn, Harry. Vielleicht zu sehr."
„Vielleicht.", sagte Tigris eisig. „Aber ich bin nicht Ihr Sohn."
„Nein.", sagte Dumbledore ernst. „Scheinbar bist du Lucius Malfoys Sohn. Bist du bereit, mir zu erzählen, wie es dazu kommt?"
Tigris atmete tief durch. „Deswegen sind wir hier."
Draco stand vom Boden auf und setzte sich widerstrebend. Seine Augen wanderten zwischen Tigris und Dumbledore hin und her, als verfolge er jede ihrer Bewegungen. Dumbledore trat zurück, setzte sich ebenfalls und goss drei Tassen Tee ein. Er wirkte wieder, als könnte ihn nichts auf der Welt aus der Ruhe bringen.
Tigris selbst fühlte sich alles andere als ruhig. Er begann, vor dem Schreibtisch auf und ab zu gehen.
„Ich bin tatsächlich Lucius Malfoys Sohn. Ich bin Dracos Zwillingsbruder. Mein Vater traf eine Abmachung mit den Elben, die mich mit dem Sohn der Potters vertauschten. Genau genommen war ich also nie Harry Potter."
„Darf ich annehmen, das hatte etwas mit Voldemorts Order zu tun, dass jeder seiner Gefolgsleute nur ein Kind haben darf?", fragte Dumbledore gelassen.
Tigris zuckte leicht zusammen. „Richtig. Vater wusste nicht, wer ich war, bis vor etwa zwei Monaten. Nachdem er es erfahren hatte, täuschte er meinen Tod vor und holte mich zu sich."
„Voldemort weiß also nicht, wer du bist?"
„Natürlich nicht. Er würde uns alle umbringen. Das ist der Grund, warum niemand davon erfahren darf."
Dumbledore nickte nachdenklich. Dann musterte er Tigris prüfend.
„Du scheinst dich sehr gut mit diesen Neuigkeiten abgefunden zu haben."
Tigris sah zum Fenster hinaus, an Dumbledores durchdringendem Blick vorbei.
„Sie wissen, ich habe mir immer eine Familie gewünscht."
„Das ist mir bewusst, Harry. Aber ich glaube nicht, dass dies die Familie ist, die du dir vorgestellt hast, oder?"
„Das Leben ist eben nicht so perfekt, wie man es sich in seinen Träumen vorstellt.", fuhr Tigris ihn an.
Dumbledore lächelte wissend. „Das ist eine alte Weisheit, Harry. Aber wir beide wissen, dass das nicht alles ist. Kannst du Lucius Malfoy wirklich als Vater betrachten? Du weißt was er ist und du kannst nicht auf ewig verleugnen, was DU bist."
„Und was bin ich?", fragte Tigris bitter. „Der Retter Ihrer kostbaren Zaubererwelt? Meine Eltern haben sich dem Dunklen Lord niemals widersetzt, Professor. Es scheint, Sie müssen sich Ihren Helden woanders suchen." Draco machte eine ruckartige Bewegung, aber Tigris ignorierte ihn.
Dumbledore neigte nachdenklich den Kopf zur Seite. „Niemand kann seinem Schicksal entfliehen, Harry. Ich nehme nicht für mich in Anspruch, alles zu wissen. Aber ich habe das Gefühl, dass die Dinge nicht so einfach sind." Er trank einen Schluck Tee und verzog das Gesicht. „Er ist wieder zu bitter. Ich habe ihn zu lange ziehen lassen. Nicht einmal Zucker hilft da noch viel. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran."
„Ich habe nicht das Bedürfnis, mehr zu sein, als ich bin.", sagte Tigris kalt.
„Wenige haben das.", sagte Dumbledore. „Mach dich nicht weniger."
„Ich muss mein Leben leben, wie es ist. Ich wollte nur, dass Sie wissen, dass ich am Leben bin."
„Warum? Ich meine, du magst mich offensichtlich nicht besonders. Du hättest mich glauben lassen können, du wärst Agrippinilla Malfoys Sohn. Dann hättest du wirklich ein neues Leben beginnen können, wie es dein Wunsch zu sein scheint."
„Ich habe jemandem ein Versprechen gegeben.", antwortete Tigris gerade heraus. „Da es hiermit erfüllt ist, erwarten Sie nicht, dass ich Sie erneut aufsuche. Ich habe Ihnen nicht vergeben."
„Tatsächlich?", murmelte Dumbledore. Er schob die Teetasse zu Tigris hinüber. Tigris nahm sie, ohne sich zu setzen, und trank einen Schluck. Der Tee war tatsächlich sehr bitter.
„Stimmst du mit Lucius Malfoys Ansichten überein?" Die Frage war in einem beiläufigen Tonfall gesprochen, so als frage Dumbledore ihn, ob er ein Stück Zucker zu seinem Tee wolle.
„Was für eine Rolle spielt das?", entgegnete Tigris ärgerlich. „Nein, ich stimme ihm nicht zu. Ich werde mich niemals dem Dunklen Lord anschließen. Aber das wussten Sie schließlich."
„Denkst du, dein Vater wird diese Meinung akzeptieren?"
Tigris zuckte mit den Schultern. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Dunkle Lord an einem unfreiwilligen Diener Interesse hat."
„Du hast ihn einmal bei seinem Namen genannt."
„Harry Potter konnte sich das leisten. Tigris Malfoy nicht."
Dumbledore strich sich über seinen Bart. „Man kann das Verhalten von Menschen ändern, aber nicht sie selbst."
Tigris begegnete seinem Blick. „Sehr wahr."
Einige Augenblicke starrten sie sich an.
„Versuch nicht, etwas zu sein, was du nicht bist, Harry.", sagte Dumbledore dann. „Der Preis ist zu hoch. Lass mich dir helfen. Es gibt Wege, dich zu verstecken. Sie werden dich niemals finden."
Tigris lehnte den Kopf zurück und lachte bitter. „Und was ist mit Draco? Was ist mit meinen Eltern? Selbst wenn das ein Leben wäre, das ich wollte... Wie haben Sie vor, sie zu beschützen? Genauso, wie Sie die Potters beschützt haben? Oder die Longbottoms? Oder dachten Sie, ich überlasse sie einfach ihrem Schicksal?"
Dumbledore schüttelte langsam den Kopf. „Es hätte mir klar sein sollen, dass du das nie tun würdest, Harry." Er machte eine nachdenkliche Pause. „Ich bin froh, dass du am Leben bist."
Tigris lächelte humorlos. „Ich denke, es ist am Besten, wenn wir jetzt gehen."
Draco stand sofort auf.
„Gibt es sonst nichts, was du mir sagen willst?", fragte Dumbledore.
Tigris schüttelte ein wenig verwundert den Kopf.
„Nein. Sollte es etwas geben?"
„Wer weiß?" Dumbledore stand auf. „Falls es etwas geben sollte, ihr kennt ja das Passwort zu meinem Büro."
„Ja.", erwiderte Tigris ohne wirkliches Interesse. Er schwenkte seinen Stab. „Finite dissimulationem. Einen schönen Abend noch, Professor."
„Ich wünsche euch dasselbe."
Sie verließen das Büro, ohne sich noch einmal umzusehen. Auf der Treppe atmeten sie tief durch.
„Ich bin froh, dass wir das hinter uns haben.", meinte Draco.
Tigris nickte. „Danke, dass du da warst."
Draco zog eine Grimasse. „Einen Moment lang dachte ich, du würdest ihm nachgeben."
Tigris sah die Treppe hinauf. „Ich war niemals in Versuchung." Das Verwunderliche daran war, es war die absolute Wahrheit.
Sein Bruder lächelte. „Lass uns gehen. Wir sollten nicht zu spät im Gemeinschaftsraum sein. Es ist schon Ausgangssperre."
Sie hatten Glück auf dem Rückweg. Nicht einmal Miss Norris lief ihnen über den Weg.
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„Ist dir Dumbledore in letzter Zeit etwas seltsam vorgekommen?", meinte Rolanda Hooch beim Frühstück leise. Albus schien sie nicht zu hören, er war in ein Gespräch mit Flitwick vertieft.
„Nein, warum?", flüsterte Minerva zurück.
„Ich bin ihm gestern Nacht begegnet. Er sagte, er wollte sich nur eine heiße Schokolade aus der Küche holen."
Minerva lächelte traurig. „Er ist oft nachts wach und wandert durch Hogwarts. Er schläft nur sehr selten."
„Ich weiß.", wisperte Rolanda. „Das ist es nicht. Ich könnte schwören, ich konnte hören, wie er vor sich hinsummte."
Minerva konnte sich nicht helfen, sie warf den Kopf zurück und lachte. Es störte sie nicht, dass ihre Kollegen ihr seltsame Blicke zuwarfen.
„Es scheint, dass er zufrieden ist. Es wird höchste Zeit. Ich bin froh, dass er etwas gefunden hat, was ihn wieder glücklich macht, was immer es auch ist."
Minerva lächelte Albus zu. Er warf einen zwinkernden Blick zurück, dann widmete er sich wieder Flitwick. Sie hatte dieses Augenzwinkern vermisst. In letzter Zeit hatte sie es viel zu selten gesehen.
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Tigris nahm nur am Rande wahr, dass McGonagall lachte. Es hätte ihn überrascht, wäre er nicht mit den Gedanken woanders gewesen. Normalerweise wäre er nach dem Frühstück zur Bibliothek gegangen, aber heute war Freitag, was die Wahrscheinlichkeit erhöhte, dass er Hermione dort treffen würde. Außerdem fühlte er sich unruhig seit dem Gespräch mit Dumbledore. Es war, als hätte er ein paar leise Untertöne des Gesprächs verpasst, die immens wichtig waren. Tigris traute Dumbledore nicht. Draco mochte denken, ihr Problem sei nun erledigt, aber Tigris kannte den alten Mann zu gut dafür. Ihr Problem fing gerade erst an. Er glaubte nicht wirklich, dass Dumbledore sein Versprechen brechen würde, aber er würde auf andere Weise versuchen, sich in Tigris' Leben einzumischen. Das hatte er immer getan. Tigris warf einen stirnrunzelnden Blick zum Lehrertisch, wo Dumbledore sich fröhlich mit Flitwick unterhielt. Vielleicht würde es sich am Ende als die richtige Entscheidung herausstellen, ihm die Wahrheit gesagt zu haben, aber Tigris bezweifelte das ernstlich. Als Draco und Theodore nach dem Frühstück zur Bibliothek gingen, kehrte Tigris stattdessen zum Gemeinschaftsraum zurück. Die beiden hatten um elf Arithmantik und würden ihn ohnehin allein lassen. Vielleicht wären Vincent und Gregory bis dahin von Wahrsagen zurück, aber sie waren nicht gerade die interessanteste Gesellschaft. Er zog ihnen ein Buch dreimal vor.
Als Tigris im Zimmer vor seinem Bücherregal stand, dachte er einen Moment lang darüber nach, ein Tränkebuch zu lesen, aber verwarf sie schnell. Er hatte alles gelesen, was er konnte. Kein Buch konnte seine hoffnungslosen Braufähigkeiten verbessern. Er würde sich diesen Abend auf andere Weise mit Snape auseinandersetzen müssen. Tigris lächelte süßsauer. Er hatte keinen Zweifel daran, dass er wie immer verlieren würde. Sein Blick wanderte über die Buchrücken und blieb an einem dicken Band hängen, den er zuvor übersehen hatte. Er zog ihn heraus und betrachtete ihn nachdenklich.
‚Von Taliesin über die Hexen von Salem – Die Historie von Zauberern und Muggeln von der Antike bis zur Gegenwart'
Tigris hatte dieses Buch nun schon zweimal in der Hand gehalten um es zu lesen, und jedes Mal war etwas dazwischengekommen. Er konnte genauso gut jetzt damit beginnen. Er hatte nicht wirklich etwas anderes zu tun. Tigris legte sich auf sein Bett und schlug es auf. Auf der ersten Seite stand noch einmal in einer kunstvollen kalligraphischen Handschrift der Titel. Er fragte sich einen Moment lang, wie alt dieses Buch wohl sein mochte. Es war offensichtlich von Hand geschrieben. Jede Zeile war einzeln unterstrichen und die Anfangsbuchstaben jeder Seite schmuckvoll verziert. Es war mehr ein Kunstwerk als ein Buch und sehr wahrscheinlich ein wertvolles Einzelstück. Niemand hätte das aus dem schon recht schäbigen Einband erschließen können. Tigris strich einen Augenblick nachdenklich über die vergilbten Seiten, dann begann er zu lesen.
Willkommen, Leser, zu einem Blick in die Vergangenheit. Lasst uns das Leben der großen Zauberkundigen vor uns betrachten, durch Mythos und Legende bis zu dem, was durch Fakten belegt wird. Lasst uns aus den Ereignissen vor uns lernen. Möge das Licht der Wahrheit unseren Horizont erweitern.
Ephorus Xenophon Binns, IAM 1562
Tigris hielt inne. Binns? Konnte der Autor dieses Buches mit Professor Binns verwandt sein, dem Geist, der Generationen von Schülern in den Schlaf gelangweilt hatte? Oder hatte er es gar selbst geschrieben? Tigris grinste unwillkürlich. Das war nicht sehr wahrscheinlich. Er schüttelte den Kopf und las weiter.
1. Kapitel: Taliesin
Wir beginnen unsere Reise durch die Geschichte mit Taliesin. Es gab größere vor ihm und auch nach ihm, mögt ihr sagen, warum mit ihm beginnen? Es ist wahr, Taliesin mag nicht einer der Größten gewesen sein. Mächtige gingen ihm voran – Hekate, Rhiannon und Gullveig, um nur einige zu nennen – und Mächtige folgten ihm nach – Merlin und Morgana, Mordraud. Warum also Taliesin?
Tigris runzelte die Stirn. Natürlich kannte er Merlin und Morgana, aber er hatte sich nie sehr viel mit ihrer Geschichte beschäftigt. Die Namen der anderen Zauberer sagten ihm nichts, aber ihm war aufgefallen, dass Draco oft Mordraud erwähnte. Es war Tigris immer eigenartig erschienen, aber er hatte seinen Bruder nie gefragt warum. Er hatte immer angenommen, es wäre nur eine Redensart, wie die Muggel „Jesus" sagten, oder andere Zauberer „Bei Merlin". Tigris fuhr mit neuem Interesse fort.
Taliesin ist etwas besonderes, denn er ist ein Außenseiter in einer Zeit des Wandels. Seine Geburt findet zu einem Wendepunkt im Verhältnis zwischen Zauberern und Muggeln statt, der sich schon längere Zeit zuvor abzeichnete, aber in seinem Leben seinen endgültigen Verlauf nehmen soll. Während Taliesin an diesen Ereignissen keinerlei Anteil hat, wird er durch die Umstände seiner Geburt zu einem Beobachter, dessen Zeugnis uns erhalten ist.
Zu Taliesins Geburt sind sich Muggel der Existenz von Magie noch bewusst. In Britannien herrschen die Druiden durch ihre Zauberfähigkeiten und werden von den Muggeln gleichermaßen verehrt und um Rat ersucht. Sie versammeln sich einmal im Jahr an dem magischen Ort Aelwyd'ollam, um Gesetze zu diskutieren und ihr Oberhaupt zu wählen.
Obwohl Muggel von Magie wissen, können sie sie dennoch nicht verstehen. Sie schreiben die Kräfte der Druiden der Verwandtschaft mit Göttern und magischen Wesen zu, wie den Riesen, Zwergen und Elben, die sie Sidhe nennen. Die Druiden wahren ihre Geheimnisse eifersüchtig und bleiben unter sich. Muggelgeborene Kinder sind selten, und wenn es sie gibt, werden sie dem Einfluss der Götter oder Elben zugesprochen.
Taliesin ist solch ein Kind. Er muss ein mächtiger Zauberer gewesen sein, denn er zeigt bereits als Baby Anzeichen von Magie. Seine Eltern fürchten sich vor dem „Elbenkind"und setzen ihn in einem Fluss aus, auf dass die Sidhe ihn finden und zurück in ihr Reich holen. Er wird von dem Einsiedler Elphin gefunden, der ihn aufzieht und im Harfen- und Lautenspiel unterricht. Elphin ist ein Squib, der von den Druiden als Kind verstoßen wurde. Er erzählt Taliesin über Magie, aber behält ihn bei sich in der Einöde, so dass er nie zum Druiden ausgebildet wird. Als Elphin stirbt, beschließt Taliesin sein Heim zu verlassen und sich auf Reisen zu begeben. Er wird zum Barden, der von einem Ort zum nächsten zieht und die Geschehnisse um sich herum beobachtet. Taliesin ist nicht nur ein guter Beobachter, sondern auch ein mächtiger Seher. In seinen Liedern beschreibt er nicht nur, was er erlebt und erkennt, sondern auch, was er kommen sieht. Er teilt jedoch das Schicksal der Kassandra, die Wahrheit zu sehen, ohne den Verlauf der Welt beeinflussen zu können.
Es sind beinah vierhundert Jahre nach dem Propheten Jesus von Nazareth, es ist der Zeitpunkt der Geburt Merlins, der Beginn unserer Zeitrechnung. Druiden und Muggel befinden sich im Konflikt mit einfallenden Stämmen des Festlands, den Sachsen, Angeln und Jüten. Anders als die Briten haben Magier in diesen Stämmen nur die Rolle von Beratern, nicht Herrschern. Die Germanen glauben, dass die Zauberer Medien der Götter sind, deren Aufgabe es ist, in ihren Träumen zur Weltesche Yggdrasil zu reisen und dem Priesterkönig das Schicksal zu weissagen. Das ist ein Konzept, dass die Druiden entsetzt. Sie weigern sich, ihre Herrschaft zugunsten eines besseren Dienerstatus aufzugeben.
Der Konflikt erreicht seinen Höhepunkt, als die konservative Zauberin Morgana in Aelwyd'ollam zur obersten Druidin gewählt wird. Sie gerät in Streit mit dem liberaleren Merlin, der der Überzeugung ist, dass die Herrschaft der Druiden der Vergangenheit angehört. Der Streit eskaliert, als Merlin dem Squib Arthur auf den Thron Britanniens verhilft. Morgana verstößt Merlin aus dem Kreis der Druiden und erklärt ihn für geächtet. Sie ruft die Druiden zum Widerstand gegen Merlins Ideen auf, aber Merlin gelingt es, genug Zauberer hinter sich zu vereinen, um den Einfluss von Aelwyd'ollam zu brechen. Es kommt zum Kampf zwischen ihnen, aus dem Merlin als Sieger hervorgeht. Mit Morganas Tod ist die Macht der Druiden gebrochen, und das Zeitalter der Muggelkönige beginnt.
Morganas Sohn Mordraud, verbittert über den Tod seiner Mutter, versammelt Zauberer hinter sich um Arthur und damit Merlin zu stürzen. Er kreiert die Dementoren, erklärt Muggel zu Feinden der Zauberer und kürt sich selbst zum höchsten Druiden. Damit wird er zum ersten Dunklen Lord der Geschichte. Sein Krieg gegen Merlin und seine Verbündeten ist lang und blutig und endet mit Arthurs und Mordrauds Tod 157 p.m.n. bei Camlann. Als Arthur stirbt, zieht Merlin sich aus der Muggelwelt zurück und bereitet damit den Weg für die Zaubererwelt, wie wir sie heute kennen. Taliesin stirbt im Alter von zweihundertdreiundfünfzig Jahren und überlebt damit Merlin um vier Jahre. Bruchstücke seiner Lieder sind uns erhalten geblieben, und sie beschreiben in vielen Facetten die drastische Veränderung des Weltbilds von Muggeln und Zauberern in den nur zweihundert Jahren seines Lebens.
‚Ich bin beim Thron des Gebers gewesen.
Ich habe hoch oben auf dem Weißen Hügel gestanden.
Ich war beredet, bevor ich die Gabe der Sprache erhielt.
Ich war Lehrer aller denkenden Wesen.
Ich habe versucht ins Antlitz der Götter zu sehen.
Ich bin der Götter Name.
Ich bin ein Wunder, dessen Ursprung unbekannt ist.
Ich werde bis zum Tag der Götterdämmerung
auf der Erde sein,
und es ist nicht bekannt, ob mein Körper
Fleisch oder Fisch ist.
Gelehrter Druide,
ist dies eine Prophezeiung von Arthur?
Oder bin ich es, den sie feiern?'
Lieder des Taliesin, 2. Buch
Tigris sah auf und erkannte erschrocken, dass ihm nur noch wenige Minuten blieben, um zum Mittagessen zu kommen. Er hatte das Buch so interessant gefunden, dass er nicht auf die Zeit geachtet hatte. Hastig legte er es zur Seite, schnappte sich seine Tasche und rannte in Richtung der Großen Halle. Wenn er nach Zauberkunst noch zu Snape wollte, war es besser, wenn er jetzt genug aß. Wer konnte wissen, ob Flitwick überzog? Tigris konnte es nicht riskieren, gleich bei seiner ersten Nachhilfestunde zu spät zu kommen.
A/N: Der Auszug aus dem Lied Taliesins gehört natürlich Taliesin.
Vielen Dank für eure Reviews an: SkateZ, Leandriel-Whitestorm, auxia, YanisTamiem, Stupor, Novemberkind, pirat, Little Nadeshiko, Lara-Lynx, Esta, Deedochan, Kylyen, Truemmerlotte
Novemberkind: Ich weiß nicht genau was du meinst. Draco wusste immer, wer Tigris war, ich dachte, das sei offensichtlich.
Little Nadeshiko: Neugier ist doch nicht unbedingt eine schlechte Eigenschaft.
Lara-Lynx: Du hast da ein paar wirklich gute Punkte ;-). Okay, soviel verrate ich: Hermione kommt nicht mit Tigris zusammen. Noch ein Tipp, aber das ist wirklich der letzte: In Kapitel fünf steht wirklich nicht viel über Draco.
Deedochan: ‚Eigentlich müsste Tigris das hinbekommen, wenn er sich anstrengen würde...' Das ist genau das, was Snape denkt.
