Disclaimer:

Ich weiche der schnöden Gewalt. Aber Harry Potter gehörte JKR, gehört JKR und wird immer JKR gehören!

Gibt es hier keine eichhörnchenfressenden Eulen oder so was??? Nein, Pig, stopp! Das ist wirklich nett, aber es ist ein bisschen zu groß für dich!


Schatten der Wahl

31. Double, double, toil and trouble

Draco kam in den Gemeinschaftsraum und ließ sich lachend neben Tigris auf die Couch fallen. Vincent und Gregory, die kurz hinter ihm eingetreten waren, hielten ebenfalls kaum ihr Grinsen zurück, auch wenn Gregory ein wenig verlegen schien. Es war Mitte Dezember und alle waren besserer Laune als sonst, da die Weihnachtsferien näher kamen.

„Du wirst nicht glauben, was gerade passiert ist!"

Tigris ließ sein Buch sinken und betrachtete seinen Bruder neugierig.

Draco atmete tief durch und grinste.

„Das Wiesel und zwei seiner idiotischen Freunde – Thomas und Boot - kamen uns entgegen, als wir vom Mittagessen kamen, um sich mit uns zu UNTERHALTEN. Man muss nicht erwähnen, das diese Unterhaltung schnell... sagen wir unfreundlich wurde."

Sein Bruder lachte erneut.

„Und?", fragte Tigris mit hochgezogenen Brauen. „Ist Snape aufgetaucht?"

Dracos Grinsen verbreiterte sich. „Das auch. Aber das ist nicht das Beste. Als Wiesel versuchte mich zu verhexen kamen Vincent und Gregory ihm zu vor – nebenbei, ich bin wirklich stolz auf euch, Jungs."

Die beiden Jungen strahlten förmlich. Die meiste Zeit gab Draco ihnen nur Anweisungen oder ignorierte sie einfach.

„Jedenfalls traf Vincent Boot mit einem Stupefy – er war sofort betäubt, und Gregory..." Draco lachte wieder. Gregory sah verlegen zu Boden. „Er wollte Tarantellagra sagen, aber versprach sich und sagte stattdessen Tarantula. Er erschuf eine hübsche kleine Spinne, die Thomas biss... na ja, sie war nicht wirklich klein. Du hättest das Wiesel sehen müssen! Er kreischte wie ein Mädchen. Ich habe noch nie jemanden so schnell kehrt machen sehen. Und er rannte geradewegs... rate in wen!"

„Snape?", vermutete Tigris.

„Genau! Rannte ihn um, um genau zu sein. Snape war furios, ich sage es dir. Ich hatte inzwischen die Spinne verschwinden lassen, und natürlich glaubte der Professor Weasley kein Wort, als er erzählte was passiert war. Er nannte ihn hysterisch..." Draco lachte erneut. „Schade, dass du nicht dabei warst. Es war zum Schreien."

Tigris lachte leise. Er konnte Ron nicht wirklich bemitleiden, aber was er am amüsantesten fand, war die Vorstellung, wie Ron Snape umrannte. Er wünschte, er hätte den Ausdruck auf Snapes Gesicht gesehen, als er sich plötzlich auf dem Boden wieder fand, einen panischen Ron neben sich. „Ich vermute, Gryffindor ist weiter vom Hauspokal entfernt als je zuvor?", meinte er trocken.

„Fünfzig Punkte insgesamt. Wir haben natürlich keinen einzelnen verloren. Es war wirklich Glück, dass es nicht McGonagall war. Thomas ist im Krankenflügel. Sie konnten nicht herausfinden, was ihn vergiftet hat. Wie ich Gregory kenne, wird es wahrscheinlich eine Ewigkeit dauern, bis sie es herausfinden."

„Ist er ernsthaft verletzt?", fragte Tigris ein wenig besorgt.

„Ach Unsinn. Sie wissen nur nicht, was genau mit ihm los ist, das ist alles. In ein paar Tagen hat Professor Snape das Gegenmittel gebraut. Sorgst du dich um einen Gryffindor?"

„Es könnte euch in Schwierigkeiten bringen, wenn er wirklich verletzt ist."

Draco zuckte mit den Schultern. „Vater würde nicht zulassen, dass wir ernsthafte Probleme bekommen. Es war ein Unfall, das kann ich bezeugen. Was die Gryffis angeht... die hassen uns ohnehin."

Tigris nickte nachdenklich, dann grinste er. „Ich wünschte, ich hätte Weasleys Gesicht sehen können, als die Spinne auftauchte."

„Du hast etwas verpasst, glaub mir." Draco klopfte Gregory auf die Schulter. „Das war eins der besten Dinge, die du je getan hast, wirklich." Gregory schwoll förmlich an vor Stolz. Tigris lächelte den beiden zu und widmete sich wieder seinem Buch.

o

Ron stürmte in den Raum wie eine Gewitterwolke. Er schmiss seine Tasche neben seinen Stuhl und setzte sich.

Wenn Blicke töten könnten, hätten Tigris und Snape sich auf der Stelle in Luft aufgelöst. Tigris war froh, dass ihre Arbeitsplätze sich an gegenüberliegenden Seiten des Raumes befanden. Dean war noch immer im Krankenflügel, vermutlich war das der Grund für Rons Laune.

Snape schien die feindseligen Blicke nicht zu bemerken und wandte sich um, um ein Rezept an die Tafel zu zaubern. „Da Sie in der letzten Zeit ein paar Fortschritte gemacht haben..." Er sah zu kurz zu Tigris. „Zumindest einige von Ihnen…"

Tigris musste sich bemühen, nicht spöttisch zu schnauben. Snape glaubte, er hatte Fortschritte gemacht? Aber nur für Rons Ohren. Vielleicht war der Fortschritt, dass er nur noch bei jedem zweiten Trank versagte, anstatt bei jedem Trank...

„...werden wir heute einen Trank durchnehmen, der Bestandteil des kommenden Curriculums ist. Ich hege die... zugegeben sehr schwache... Hoffnung, das führt dazu, dass Sie ihn im normalen Unterricht korrekt brauen."

Tigris sah interessiert auf. Das könnte tatsächlich nützlich sein. Wenn er einen Trank bereits einmal gebraut hatte, wusste er, auf welche Fehler er achten musste.

„Wenn Sie aufgepasst haben, werden Sie wissen..." Snape warf Ron einen vernichtenden Blick zu. „...oder auch nicht... dass wir bald mit enttarnenden Tränken beginnen. Der Trank um den es heute geht ist der Revealo- Trank. Es ist ein simpler Trank, welcher gegen die meisten gängigen Tarn- und Maskierungszauber und – tränke wirkt. Er muss nicht eingenommen werden, sondern das Einatmen des Dampfes oder Hautkontakt genügt. Sie brauchen sich allerdings keine Sorgen zu machen, dass Ihre kosmetischen Tricks auffliegen, dieser Trank verdampft nur bei sehr hohen Temperaturen. Denken Sie nicht, Sie sollten das aufschreiben, Mister Weasley? Oder sind Sie der Ansicht, ich erzähle Ihnen das zu meinem Vergnügen?"

Ron knallte seine Protokollrolle auf den Tisch und begann so zornig zu schreiben, dass es ein Wunder war, dass seine Feder nicht brach.

Tigris selbst war gerade damit fertig, das Rezept abzuschreiben und machte nun Notizen zu dem was Snape gesagt hatte darunter. Er hatte über diesen Trank gelesen. Es war ein sehr nützlicher Trank, den auch Auroren benutzten, und es gab nur wenige, aufwendige Tränke... zum Beispiel Vielsaft... gegen die er nicht wirkte. Er wirkte gegen sämtliche Tarnzauber, die er kannte, selbst wenn sie in Verbindung mit Tränken gesprochen wurden. Die Kombination von Tränken und Zaubern war ein sehr faszinierendes Thema, Tigris hatte vor kurzem gelesen, das man Runen dazu verwenden konnte... Er riss sich aus den Gedanken. Er sollte langsam beginnen. Tigris holte seine Zutaten aus dem Schrank und begann mit dem Trank. ‚Simpel' war eine typisch Snape'sche Untertreibung, der Trank war kompliziert. Aber er sollte innerhalb von zwei Stunden fertig sein, wenn Tigris keinen Fehler machte.

Ron war überraschend still. Er brütete über seinem Kessel und mörserte seine Zutaten mit gerunzelter Stirn und einem ärgerlichen Glitzern in den Augen.

Tigris machte sich nicht viele Gedanken über ihn und konzentrierte sich auf seinen Trank. Er hatte noch immer Schwierigkeiten, nicht mit seinen Gedanken abzudriften, aber es war ein wenig besser geworden. Es gab immer noch Tage, an denen er Dinge vergaß und Schritte verpasste, aber sie schienen seltener zu werden. Vielleicht hatte Snape doch Recht und er hatte Fortschritte gemacht. Zu Tigris' Freude nahm der Trank gegen Ende der Stunde die Konsistenz an, die er haben sollte. Selbst die Farbe ging einigermaßen in Richtung Rot. Tigris wünschte sich, er hätte ihn testen können. Vielleicht sollte er einen einfachen Maskierungszauber sprechen, um es auszuprobieren? Er sah eine Bewegung aus dem Augenwinkel und fuhr herum.

Ron hatte sich zu seiner Tasche gebückt und warf etwas nach ihm.

Tigris tat das erste, was ihm in den Sinn kam, und wich zur Seite, zog seinen Stab und rief „Stupefy!".

Der Zauber traf Ron, aber zu spät. Tigris erkannte seinen Fehler, als er das Platschen hörte, als was immer Ron geworfen hatte in seinem Trank landete. Der Trank gab ein hässliches Zischen von sich. Tigris wusste plötzlich, was Ron geworfen hatte und sprang hastig hinter dem Lehrerpult in Deckung, Snape mit sich zu Boden reißend. Keinen Augenblick zu spät. Die Feuerkracher explodierten, brennende Tropfen des Trankes im ganzen Raum verteilend. Unter dem Pult hindurch konnte Tigris sehen, wie sie an Rons bewusstlosen Körper abprallten. Natürlich, Ron hatte vorher einen Schutzzauber auf sich gesprochen. Wut kurvte durch Tigris. Dann schrie er auf, als er bemerkte, dass seine Robe brannte. Er sprang auf und zog sie hastig über den Kopf. Snape neben ihm tat dasselbe. Zu ihrem Glück waren die Kracher inzwischen erloschen und die einzigen noch brennenden Tropfen befanden sich auf dem Boden. Tigris hustete und wedelte mit der Hand, um den Rauch zu vertreiben.

„Purgaerem!", zischte Snape, und der Rauch verschwand. „Extinguo!" Die Feuer erloschen. Tigris atmete auf. Sie umgab ein Bild der Verheerung. Ein Teil der Papiere, an denen Snape gearbeitet hatte war in Flammen aufgegangen, ebenso wie die Pergamentrollen, die auf den Arbeitstischen gelegen hatten. Brandspuren zierten den Boden und die Tische. Das einzige, was von dem Feuer gänzlich unberührt geblieben war, war Ron, der noch immer bewusstlos neben seinem Tisch lag. Tigris spürte die plötzliche Versuchung, ihm einen Tritt zu verpassen.

Dann fiel sein Blick auf Snape und er erstarrte.

Snape begegnete Tigris' Blick, und seine Hand schloss sich unwillkürlich um seinen linken Unterarm, um das Dunkle Mal zu verdecken. Aber das war es nicht, was Tigris' Blick gefangen hielt. Die Hitze der Feuerkracher hatte offensichtlich genügt, um den Trank zum Verdampfen zu bringen. Zu einem anderen Zeitpunkt wäre Tigris stolz gewesen, dass sein Trank so tadellos funktionierte. Im Nachhinein vermutete er, genau das war Rons Absicht gewesen. Der Narr glaubte doch tatsächlich, Tigris wäre ein Todesser. Offensichtlich hatte er gehofft, ihn mit diesem törichten Stunt zu entlarven. Das einzige, womit er nicht gerechnet hatte, war, dass Tigris ihn betäuben würde.

Der Mann vor Tigris hatte kaum noch Ähnlichkeit mit dem Snape, den er kannte. Es war Snape, daran bestand kein Zweifel. Die Augen waren die gleichen, und die Körpergröße. Tigris vermeinte, ein wenig von dem kleinen Jungen in seinen Gesichtszügen zu erkennen, den er in Snapes Erinnerungen gesehen hatte. Im Nachhinein erinnerte Tigris sich, dass die Haare des kleinen Jungen nicht fettig gewesen waren und seine Haut nicht ungesund gelblich ausgesehen hatte. Aber es gab wirklich nicht viel zu vergleichen. Die gesamte rechte Körperhälfte des Mannes vor ihm war entstellt von Brandnarben. Sie bedeckten seinen Arm, seine Brust, seine rechte Gesichthälfte und seinen Kopf, der auf der rechten Seite kahl war. Man konnte nicht mehr wirklich Lippen erkennen, geschweige denn Augenbrauen, nicht einmal das Ohr. Das Auge, überraschender Weise, war unversehrt, auch wenn die Wimpern fehlten. Da waren auch andere Narben, aber sie gingen unter gegenüber dem Eindruck der vorherrschenden Entstellungen. Snape schien plötzlich zu begreifen, dass Tigris sah, wie er wirklich aussah, denn sein Gesicht verzerrte sich in Panik und er taumelte einen Schritt zurück. Dann flüsterte er hastig einen Strom Tigris unbekannter Worte, schwenkte seinen Stab und vor ihm stand wieder der Snape, der ihm vertraut war. Tigris öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber wurde unterbrochen, als Snape seinen Stab auf ihn richtete.

„Obliviate!"

Tigris blinzelte ein paar Mal. Der Zauber zerstreute sich an seinen mentalen Schilden, und die Erinnerung wich etwas in den Hintergrund, verschwand aber nicht. Allein um sie zurückzudrängen musste der Zauber außergewöhnlich stark gewesen sein. Warum war Snape so verzweifelt darauf bedacht, sein Aussehen geheim zu halten? Sicher, es sah furchtbar aus, aber gab es keine Möglichkeit, es zu heilen? Tigris blinzelte ein weiteres Mal, ganz den Eindruck einer Person bietend, die gerade einen Teil ihrer Erinnerungen verloren hatte. Snape wusste nicht, dass er ein Okklumens war, und er brauchte es auch nicht zu wissen. Dann wandte er sich ab und ging zu Ron hinüber, ihn unsanft mit einem Tritt auf den Rücken drehend. Nun, da der Schock über Snapes Anblick gewichen war, war die Wut auf seinen ehemals besten Freund wieder vorherrschend.

„Was zur Hölle hat er sich dabei gedacht?"

„Wie wir Mister Weasley kennen, vermutlich nicht viel."

Tigris wandte sich zu Snape um, dessen schwarze Augen sich in ihn bohrten.

„Mister Malfoy... woher haben Sie diese Narben?" Die Stimme des Lehrers klang beinahe sanft.

Tigris gefror. Er hatte die Narben ganz vergessen, die seinen Rücken zierten. Er presste die Lippen zusammen und ballte die Faust. „Tun Sie doch nicht so, als wenn Sie das nicht wüssten."

„Lucius.", stellte Snape ruhig fest.

Tigris begegnete seinem Blick nur zornig.

„Ich frage mich, was er getan hat.", meinte Snape unberührt. „Von seinen gewöhnlichen Strafen bleiben keine Narben zurück."

Tigris lachte bissig auf. Also wusste Snape davon. Nicht nur das, er kannte sogar Details. Und das war der Pate, auf den Draco so stolz war. „Offenbar entschied er sich, dass ich ein wenig mehr als seine ‚gewöhnliche Behandlung' benötige.", sagte er zynisch.

Snapes Augen verengten sich kaum merklich. „Und was genau hat er getan?" Snape klang beiläufig, nur aufrichtig interessiert, und wahrscheinlich war es genau das, was Tigris dazu bewegte, ihm zu antworten. Er wollte, dass dieser unbeteiligte Ausdruck aus Snapes Gesicht verschwand.

„Als ich diesen Sommer im Malfoy Herrenhaus ankam, war ich nicht exakt das, was er von einem Malfoy erwartete. Ich wurde von Muggeln aufgezogen, wie Sie vielleicht wissen. Ich stritt mich mit ihm. Ich widersetzte mich ihm. Das konnte er nicht zulassen, nicht wahr? Also entschied er sich, mich umzuerziehen zu etwas, was mehr seiner Vorstellung entsprach."

Tigris zitterte nun, und seine Wut vermischte sich mit etwas anderen, einem unbestimmten, nagenden Gefühl der Panik. Er schlang die Arme um sich und setzte sich. Hinter seinen Schläfen pochte es, aber nun, da er einmal angefangen hatte, schien es, als könnte er nicht aufhören zu reden.

„Er schleifte mich nach unten in die Kerker... er kettete mich mit den Handgelenken an die Decke." Tigris rieb seine Handgelenke unbewusst. Plötzlich kamen all die Erinnerungen zurück, als wäre keine Zeit verstrichen. Der Geruch, der Schmerz, die Kälte und die Stimme seines Vaters, die in seinen Ohren flüsterte, ihn verspottete. ‚Es ist ganz einfach... du musst nur zählen. Ein paar Worte, und dies endet... Du allein tust dir das an...' Tigris' Atem ging schneller und das Blut toste hinter seinen Schläfen. „Dann... peitschte er mich... bis... er... er sagte, es sei meine eigene Schuld. Das war es, ich meine, wenn ich im nachgegeben hätte, dann..." Tigris nahm kaum wahr dass er nun heftig zitterte, oder das Snape die Arme um ihn schlang und beruhigende Kreise auf seinen Rücken rieb.

„Ruhig, ganz ruhig. Atme tief durch. Langsam. Ja, so ist es gut. Hier, trink das."

Tigris nahm mit zitternder Hand die Phiole, die Snape ihm hinhielt und trank einen Schluck. Es war der vertraute Geschmack eines Beruhigungstranks und Tigris war zu aufgeregt um sich zu wundern, wo Snape ihn her hatte. Sein rasender Herzschlag beruhigte sich langsam und sein Atem ging wieder regelmäßiger. Tigris bemerkte langsam, dass er auf dem Boden saß – wie war er dahin gekommen? – und dass Snape hinter ihm kniete und die Arme um ihn geschlungen hatte. Aus einem seltsamen Grund machte es Tigris nichts aus. Im Gegenteil, es war merkwürdig beruhigend. Snape hielt ihn fest, bis er sich vollkommen beruhigt hatte. „Besser?", fragte er dann.

Tigris nickte schwach.

„Ich erinnere mich jetzt.", sagte Snape. Seine Stimme bebte vor unterdrücktem Ärger. „Der Bastard hat in meinem Gedächtnis herumgepfuscht. Jetzt weiß ich auch, warum Draco so merkwürdig reagiert hat, als ich mich Anfang des Schuljahres mit ihm unterhielt."

Tigris drehte sich langsam um und war überrascht, dass Snapes Gesicht steinern war vor Zorn.

„Sie dürfen niemandem davon erzählen.", sagte er, schlagartig besorgt.

Snapes Gesicht verzog sich zu einem boshaften Lächeln, das Tigris zutiefst entsetzt hätte, wäre es an ihn gerichtet gewesen. „Oh, keine Sorge, das werde ich nicht. Ich möchte mich persönlich mit meinem guten alten Freund Lucius darüber unterhalten."

„Nein!", rief Tigris panisch. „Das dürfen Sie nicht! Bitte... Es war ein Fehler, dass ich es Ihnen überhaupt gesagt habe!"

Snapes Zorn wich schlagartig und er betrachtete ihn mit etwas angrenzend an Kummer. „Ich verstehe. Keine Sorge, ich verstehe. Also das ist es, was aus Lucius geworden ist. Er muss stolz sein..."

Snapes Stimme war so vollkommen kalt, dass Tigris fröstelte.

„Warum haben Sie nichts getan?", flüsterte er. „Als er hier war, warum haben Sie einfach zugelassen..."

Snape biss ärgerlich die Zähne zusammen. „Ich konnte nichts tun. Sicher weißt du, was ich bin." Er fuhr mit seinem Finger über das Dunkle Mal auf seinem Arm. „Aber wenn ich gewusst hätte, wie weit er gegangen ist, wäre es mir egal gewesen, was mit mir passiert." Snapes Hand verkrampfte sich über dem Mal und seine Fingernägel bohrten sich in seine Haut.

„Nicht..." Ohne darüber nachzudenken hatte Tigris Snapes Hand genommen und von seinem Arm weggezogen. Snapes Fingernägel hinterließen halbkreisförmige Male auf seiner Haut. „Ich verstehe." Und das tat Tigris, zum ersten Mal vielleicht. Wie lange hatte er Snape gehasst, und plötzlich kamen ihm seine Gründe so lächerlich vor. Er hatte sich nie zuvor die Mühe gemacht, hinter Snapes gemeines Auftreten zu blicken. Nun tat er es plötzlich, und er sah einen Mann, der ohne Bedenken sein Leben riskieren würde, für einen Jungen, den er kaum kannte. Einen Mann, der all die Jahre sein Leben für einen Jungen riskiert hatte, den er hasste... und Tigris wusste einfach, dass es nicht nur Pflichtgefühl gewesen war, was ihn dazu bewogen hatte. Er sollte ihn nicht hassen. Er sollte ihn bewundern.

„Ich begreife nun, warum du mich so hasst.", sagte Snape kaum hörbar. „Wirklich, du hast alles Recht dazu."

„Nein!", sagte Tigris entschieden, Snapes Hand fest umschließend. „Ich habe es nicht verstanden. Aber das tue ich jetzt. Ich hasse Sie nicht."

Snape lächelte trocken. „Welche Ironie."

Tigris schloss die Augen, um seine Beherrschung wieder zu gewinnen. „Wir sollten... aufstehen. Weasley muss bald aufwachen."

„Ja.", sagte Snape, tief durchatmend. Er erhob sich und gewann seine alte Haltung zurück, Ron einen verächtlichen Blick zuwerfend. „Vielleicht sollten wir ihm danken."

Tigris lachte trocken, ebenfalls aufstehend.

„Sie können gehen.", sagte Snape dann. „Ich kümmere mich um ihn."

„Sie können ruhig fortfahren, mich zu duzen."

„Es wäre kaum angemessen.", entgegnete Snape ruhig. „Obwohl... soweit ich mich erinnere, sind Sie in gewisser Weise mein Patensohn."

Tigris schauderte kaum merklich. Woran erinnerte Snape sich genau? „Vielleicht. Aber mir ist nicht danach, Sie Onkel zu nennen."

Snape grinste humorlos. „Sehen Sie."

Tigris' Blick ging zu Ron. „Vielleicht sollten Sie ihn zuerst aufwecken. Vielleicht glaubt er mir dann endlich, dass ich kein Todesser bin, und hört auf mich zu belästigen."

Snape zog die Brauen hoch. „Darum ging das alles?"

„Ich vermute es, ja. Er ist aus irgendeinem Grund besessen von der Idee."

„Dann wird er auch nicht weniger davon überzeugt sein, nachdem wir Zeit hatten, neue Zauber zu sprechen." Snape erschuf zwei neue Sets Roben auf seinem Tisch und reichte Tigris eine davon. „Hier. Ich hoffe, sie passt."

Tigris seufzte. „Ich schätze, Sie haben Recht." Er zog die Robe an, und sie passte überraschend gut. Es war eine normale Slytherin- Schulrobe. Er betrachtete seinen Tisch und schloss, dass es keinen Sinn hatte, zu packen – alles was sich auf dem Tisch befunden hatte, war zumindest teilweise verbrannt.

„Also gut... dann gehe ich jetzt.", sagte er unbeholfen.

Snape nickte. „Wenn Sie irgendwann mit mir reden wollen... Sie wissen, wo Sie mich finden."

Tigris nickte zögernd, dann griff er nach seiner Tasche und verließ den Raum. Er verschwendete kaum einen Gedanken an Ron. Was immer ihn erwartete, er verdiente es.

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Draco sah zum Himmel hoch, wo der Mond voll und hell stand. Es war kalt und die Nacht war sternenklar. Er hörte Hufgeklapper hinter sich, aber er drehte sich nicht um. Schließlich gab es nur eine Person im Schloss mit Hufen. Der Zentaur blieb neben ihm stehen und sah zum Himmel hoch. „Pluto und Neptun tanzen miteinander. Sie verändern ihre Farben. Schon bald wird Pluto seine Mutter erneut verlassen, und Neptun seinem Namensvetter begegnen."

Draco tat nicht so, als würden die Worte für ihn einen Sinn ergeben. „Die Nacht ist sehr klar. Können Sie Pluto tatsächlich sehen?"

„Manchmal.", entgegnete Firenze unergründlich. Er senkte den Kopf und sah zu Draco hinunter.

„Haben Sie sich inzwischen entschieden?"

„Ja.", sagte Draco mit mehr Überzeugung, als er wirklich fühlte. „Ich will in Ihrem Kurs bleiben."

„Und was ist mit Ihrem Haus? Ich bin nicht blind gegenüber den Ansichten einiger Ihrer Hausgenossen."

„Das ist mir egal.", erwiderte Draco ärgerlich. „Sie werden damit leben müssen. Ich habe es satt, immer ihr perfekter kleiner Junge zu sein."

Firenze legte eine Hand auf Dracos Schulter. „Es ist eine schwere Entscheidung, von seiner Herde loszubrechen. Ich weiß es. Aber wir müssen alle dem Pfad unseres Schicksals folgen."

Draco fand den bedeutungsschweren Tonfall des Zentauren unangenehm und trat einen Schritt von ihm weg. Firenze seufzte und ließ seine Hand sinken. „Pluto und Neptun tanzen..."

Eine einsame Figur wanderte vom Schloss her auf sie zu. Als sie näher kam erkannte Draco Tigris. Er lächelte, aber sein Lächeln verschwand, als er seinen Gesichtsausdruck sah. Etwas war passiert, aber Draco fragte nicht danach. Tigris hatte diese Ausstrahlung, die praktisch schrie „Frag mich, und etwas Furchtbares wird geschehen.". Draco hatte schon früh gelernt, sie zu erkennen und sich zurückzuziehen.

„Da bist du ja.", sagte sein Bruder. „Ich habe nach dir gesucht. Snape hat mich früher gehen lassen."

Draco nickte nur. Tigris sah zu dem Zentaur und nickte ihm zu. „Professor Firenze."

Firenze musterte Tigris bedächtig und sah dann zum Himmel. „Der Mars scheint hell heute Nacht."

Tigris lachte leise. „Ihr Zentauren sagt auch immer das gleiche. Kommst du, Draco?"

Draco warf Firenze einen verwirrten Blick zu und nickte dann. „Wir sehen uns nächsten Freitag, Professor."

Firenze neigte seinen Kopf kaum merklich. „Bis wir uns wieder sehen, Mister Malfoy."

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„Da sind Brandspuren auf deiner Tasche.", sagte Draco, als sie zum Schloss hochgingen.

Tigris verzog das Gesicht und rang seine Wut nieder. „Ach wirklich? Es war Weasley, der Idiot. Er hat Feuerkracher in meinen Trank geworfen."

„Direkt vor Snape?", fragte Draco, nach Luft schnappend. „Ist er lebensmüde?"

„Vermutlich ist er einfach ein wenig irre.", fauchte Tigris zornig. „Er hat meine Robe ruiniert, meinen Trank, und er kam nahe daran, mich umzubringen... Wenn man betrachtet, dass ich direkt neben meinem Kessel stand, als er es tat. Aber ich vermute, das wäre aus seiner Sicht nur ein weiterer Vorteil gewesen." Nachdem er das Labor verlassen hatte, hatte Tigris sich auf die Suche nach Draco gemacht und dabei die Ereignisse des Abends noch einmal Revue passieren lassen. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr hatte er sich in seinen Zorn gesteigert, und im Moment hätte er Ron Weasley auf der Stelle erwürgen können, wäre er ihm über den Weg gelaufen.

„Dieser Mistkerl.", zischte Draco. „Ich nehme ihn auseinander, wenn er uns das nächste Mal begegnet."

Tigris lachte unwillkürlich. „Vorausgesetzt, Snape lässt noch etwas von ihm übrig. Seine Robe ist auch verbrannt."

Draco betrachtete ihn nachdenklich. „Ist etwas passiert zwischen dir und Severus?"

Tigris warf ihm einen überraschten Blick zu. „Wie kommst du darauf? Ja, wir sind zu einer Art... Einverständnis... gelangt."

Draco zuckte mit den Schultern. „Nur so eine Ahnung. Aber ich bin froh darüber, wirklich. Er ist kein schlechter Mann, weißt du?"

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Später in der Nacht konnte Tigris nicht schlafen. Das Bild von Snape ging ihm nicht aus dem Kopf, und er wälzte sich unruhig von einer Seite auf die andere. Schließlich traf er eine Entscheidung. Er vertraute Snape, auf eine seltsame Art und Weise, und er brauchte eine Antwort. Er würde ihm einfach sagen, dass er ein Okklumens war, und ihn fragen. Tigris kroch leise aus seinem Bett, griff nach seinen Schuhen und seiner Robe, und schlich sich aus dem Raum. Auf dem Flur zog er sich an und machte sich leise auf den Weg zu Snapes Quartier.

Als Tigris schließlich vor dem Eingang stand, kamen ihm zum ersten Mal Bedenken. War das wirklich eine so gute Idee? Er rang sie nieder. Er würde jetzt keinen Rückzieher machen. Außerdem, hatte Snape ihm nicht gesagt, er könnte jederzeit zu ihm kommen? Eine kleine Stimme wies Tigris darauf hin, dass der Lehrer damit höchstwahrscheinlich nicht mitten in der Nacht gemeint hatte, aber Tigris ignorierte sie. Dann wurde ihm klar, dass er das Passwort nicht kannte. Er klopfte, aber nichts rührte sich.

„Lachesis.", versuchte Tigris es. Das steinerne Relief, hinter dem sich der Eingang verbarg, bewegte sich nicht.

„Decuma." Nichts. Tigris starrte auf die Schlange, die ihn zu verspotten schien.

Verdammt, Snape, warum benutzt du so viele unterschiedliche Passwörter?"

Die Schlange starrte ihn an und züngelte.

Du willst eingelassen werden, Sprecher?"

Ja.", erwiderte Tigris, überrascht von seinem Glück.

So sei es dann." Das Relief glitt zur Seite und gab die Tür frei. Tigris trat hastig ein.

Der Raum war dunkel, aber das Feuer im Kamin war noch an. Snape saß in einem der Sessel und hatte die Augen geschlossen. Als Tigris näher trat, sah er auf und lächelte.

„Ah, Tigris. Setz dich doch."

Tigris war ein wenig schockiert. Er hatte zwar damit gerechnet, dass Snape noch wach war – Draco hatte ihm erzählt, dass sein Pate selten vor zwei Uhr nachts schlief – aber er hatte trotzdem erwartet, dass er ihn anschreien würde.

Tigris setzte sich zögernd Snape gegenüber. Der Mann lächelte noch immer. „Also, warum wolltest du mit mir reden?"

Tigris rang etwas nervös die Hände, nicht sicher wo er anfangen sollte. „Ähm... ich bin ein Okklumens..."

„Ah." Snape lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen, zufrieden vor sich hinlächelnd. „Also hat der Obliviate nicht funktioniert."

„Ja." Tigris musterte Snape unsicher. „Sind Sie nicht wütend?"

Snape sah ihn mit einem etwas verblüfften Ausdruck an. „Nein, warum? Du kannst schließlich nichts dafür, dass du ein Okklumens bist."

Tigris blinzelte etwas verwirrt. „Professor... Geht es Ihnen gut?"

Snape beugte sich etwas vor. „Natürlich, mir geht es hervorragend. Geht es dir gut? Du wirkst ein wenig nervös." Sein Tonfall war seltsam ruhig und völlig untypisch für ihn.

Tigris starrte den Lehrer einen Moment einfach nur an. Dann bemerkte er, wie abnormal geweitet Snapes Pupillen waren. Es war Tigris zuerst nicht aufgefallen, weil Snape schwarze Augen hatte, aber nun, da er sein Gesicht so nah vor sich hatte, sah er es. Tigris runzelte die Stirn und sah sich um. Sein Blick fiel auf eine leere Phiole neben Snapes Sessel, die einen Rest schwarzer Flüssigkeit enthielt. Er griff danach. „Was ist das?"

„Oh, das?", meinte Snape desinteressiert. „Das ist Mondschatten."

„Was?" Tigris starrte ihn bestürzt an. „Sind Sie verrückt? Das ist eine hochgradig abhängig machende Droge!"

Snape lächelte ihm beruhigend zu. „Nein, keine Sorge. Nicht wenn man das Einhornhaar durch Thestralhaar ersetzt, dann nicht."

Tigris war entsetzt. Er mochte ein unfähiger Brauer sein, aber er kannte sich in der Theorie aus. „Aber Sir, die Nebenwirkungen... Das Einhornhaar verhindert die Entzugsschmerzen. Und Thestralhaar... es bringt vielleicht dieses Gift aus der Blutbahn, aber..."

Snape tätschelte ihm beruhigend die Hand. „Wenn man so töricht ist, dieses Zeug zu trinken, muss man damit leben können, denkst du nicht?"

„Wenn Sie doch wissen, dass es töricht ist, warum nehmen Sie es dann?!", rief Tigris außer sich.

Snape grinste unbekümmert. „Weil ich töricht bin, vermutlich. Aber deswegen bist du doch nicht mitten in der Nacht hierher gekommen, oder?"

„Nein." Tigris betrachtete Snape unsicher. Einerseits war er nicht sicher, ob es richtig war, mit ihm darüber zu reden, solange er unter Drogen stand. Andererseits, vielleicht war das gerade sein Glück.

Er nahm seinen Mut zusammen. „Ich wollte Sie fragen, woher Sie diese Narben haben, und warum Sie sie nicht heilen lassen."

„Ah." Snape lehnte sich wieder zurück und schloss erneut die Augen. „Mein Vater stieß mich gegen einen Kessel mit kochendem Zaubertrank als ich fünf war. Meine Mutter war nie sehr gut in Heilzaubern, aber sie hat mir den Illusionszauber beigebracht. Damals war ich noch nicht sehr gut in Tränken, ich kannte nur ein paar einfache Heiltränke. Später habe ich dann herausgefunden, wie man den Maskierungszauber mit einem Trank dauerhafter machen kann. Warum ich es niemals habe heilen lassen?" Snape zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, ob das überhaupt möglich ist. Ich müsste mich an einen Heiler wenden, aber das würde eine Menge Fragen aufwerfen, die ich nicht beantworten will."

„Warum haben Ihre Eltern Sie nicht in ein Krankenhaus gebracht?", fragte Tigris fassungslos.

„In ein Krankenhaus?", fragte Snape verwirrt. „Aber dann hätte doch jemand erfahren, dass mein Vater mich gegen den Kessel gestoßen hat. Meine Mutter wollte es tun, ich erinnere mich. Aber mein Vater brachte sie kurz darauf um, also kam sie nie dazu."

Tigris rang schockiert nach Luft. Er bereute plötzlich, dass er jemals angefangen hatte. Snape hätte ihm das niemals erzählt, wenn er einen klaren Kopf gehabt hätte. Der ruhige, unbeteiligte Tonfall, in dem er all das sagte, machte es alles nur noch furchtbarer.

„Es tut mir Leid, Professor, ich hätte nicht..."

„Mach dir keine Sorgen, Tigris. Es ist in Ordnung. Es ist eine lange Zeit her. Außerdem hat Lucius ihn erstochen, also spielt es ohnehin keine Rolle."

„Er hat ihn ERSTOCHEN?", fragte Tigris, bevor er sich zurückhalten konnte. Es schien so eine merkwürdige Art, jemanden umzubringen. Warum hatte sein Vater nicht Magie benutzt?

„Ja, mit einem seiner eigenen Messer. Amüsant, nicht wahr?" Snape lachte leise.

Tigris fand es nicht im Geringsten amüsant. „Warum haben Sie keine, nun ja, besser aussehende Illusion gewählt, wenn Ihr Aussehen ohnehin nur eine Illusion ist?", fragte er, in einem verzweifelten Versuch, das Thema zu wechseln.

Snape betrachtete ihn amüsiert. „Das ist die Sache mit Maskierungszaubern... du solltest das wissen, so viele Bücher, wie du ständig liest... Maskierungszauber sind nicht sehr zuverlässig. Jemand kann sie erkennen, als was sie sind, wenn er sehr genau hinsieht. Deshalb ist es besser, eine Illusion zu wählen, die niemand sehr lange ansieht. Verringert das Risiko."

„Ich verstehe.", sagte Tigris heiser.

Snape hielt seine Hand vor sich und betrachtete sie nachdenklich. Sie zitterte leicht. „Die Wirkung scheint ihrem Ende zuzugehen. Schade, ich hätte noch ein wenig länger in diesem Zustand bleiben können." Er stand auf. „Du solltest jetzt gehen."

„Ja, Sir.", erwiderte Tigris, aber rührte sich nicht von der Stelle.

Snape beachtete ihn nicht länger, sondern ging zu einem Nebenraum hinüber. Als er die Tür erreicht hatte, schwankte er leicht und stützte sich im Rahmen ab, aber fing sich schnell. Tigris sah ihm nach und wandte sich halb zum Gehen, doch dann gewann die Neugier und er folgte Snape.

Der Raum den er betrat war offensichtlich das Schlafzimmer. Snape stand neben dem Bett, mit einer Hand an einen der Pfosten gestützt. Mit der anderen hielt er seinen Stab. Er versuchte offenbar einen Zauber zu sprechen, aber das Zittern seiner Hände war inzwischen sehr viel stärker geworden. Was immer er vorhatte, es funktionierte nicht. Nach ein paar fehlgeschlagenen Versuchen fiel ihm sein Stab aus der Hand und landete klappernd auf dem Steinboden.

Tigris beobachtete mit grausiger Faszination, wie das Zittern immer stärker wurde und sich über Snapes gesamten Körper ausbreitete. Tigris kannte natürlich die Theorie des Trankes, aber es tatsächlich zu sehen – das war etwas völlig anderes. Schließlich konnte Snape sich nicht mehr auf den Beinen halten und brach auf dem Bett zusammen. Er rollte sich auf den Rücken und krallte die Hände in die Matratze, aber das Zittern wurde nur schlimmer. Seine Augen rollten zurück und sein Atem kam in heftigen, hektischen Zügen. Schließlich bäumte er sich auf und begann, wild um sich zu schlagen.

Ohne nachzudenken stürzte Tigris sich auf Snape und drückte ihn nach unten. Es dauerte einen Augenblick, bis es ihm gelang, Snapes Handgelenke zu fassen. Eine von Snapes Händen traf Tigris heftig ins Gesicht, aber das kümmerte ihn nicht. Sobald er die Gelenke gepackt hatte, hielt er sie mit aller Macht fest. Snape wurde von immer heftigeren Krämpfen geschüttelt und schließlich warf er den Kopf zurück und schrie. Tigris brauchte all seine Kraft, um ihn festzuhalten, aber er wusste, Snape würde sich selbst verletzen, wenn er es nicht tat. Tigris betete nur zu allen ihm bekannten Göttern, dass Snape sich nicht an seiner Zunge verschluckte, denn dann wüsste er nicht, was er tun sollte. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, aber schließlich erschlaffte Snape abrupt. Als ein paar Sekunden vergingen und nichts mehr geschah, richtete Tigris sich außer Atem auf. Offensichtlich hatte Snape das Bewusstsein verloren. Tigris wischte sich den Schweiß von der Stirn und starrte den Körper unter sich an. Er konnte nicht verstehen, wie jemand sich selbst das antun konnte. Es entsetzte ihn. Für einen Moment hatte er befürchtet, Snape würde direkt unter seinen Händen sterben. Tigris' Wissen sagte ihm, dass das alles andere als ausgeschlossen war. Wenn Tigris nicht da gewesen wäre, um Snape festzuhalten... Er wollte gar nicht darüber nachdenken. Tigris stand auf und starrte einige Augenblicke auf Snape hinunter, bis sein Atem sich wieder beruhigt hatte. Auf Snapes Handgelenken waren die Abdrücke von Tigris' Fingern zu sehen, so fest hatte er sie umklammert. Tigris strich sich in einer nervösen Bewegung die Haare zurück und atmete durch. Unsicher beugte er sich über ihn und tastete nach Snapes Puls. Er ging wieder einigermaßen ruhig und regelmäßig. Nach einem Moment des Überlegens richtete Tigris seinen Stab auf Snape, sein Gesicht aufmerksam betrachtend.

„Ennervate."

Tigris hatte nicht damit gerechnet, wie schnell Snape sich bewegen würde. Er kam nicht einmal dazu, seinen Stab wegzustecken. Snapes Hand packte ihn an der Kehle und drückte ihn auf das Bett. Tigris ließ seinen Stab fallen und würgte, als er keine Luft mehr bekam.

„Du dummer Junge, was bildest du dir ein..."

Tigris kämpfte vergeblich nach Luft und schlug hilflos um sich, aber Snape war überraschend stark. In diesem Moment bedeutend stärker als er.

„Wie fühlt sich das an, einem anderen hilflos ausgeliefert zu sein?", zischte Snape neben ihm. „Kommst du dir jetzt schlau vor? Bist du zufrieden mit dir selbst?"

Tigris konnte nicht antworten, er konnte nicht atmen. Dunkelheit wogte heran und seine Versuche, Snape wegzustoßen wurden schwächer und schwächer. Schließlich gab er auf.

Von einem Moment auf den nächsten konnte Tigris wieder atmen, und er rang keuchend nach Luft. „Es tut mir leid.", brachte er hervor, sobald er wieder Luft in seinen Lungen fühlte. „Oh Gott, es tut mir so leid..."

Snapes Finger glitten über Tigris' Hals und Tigris zuckte zurück. Aber kurz darauf fühlte er den kühlenden Effekt einer Salbe, und das Atmen fiel ihm bedeutend leichter.

„Haben Sie herausgefunden, was Sie wollten?", fragte Snape kalt.

„Es tut mir leid.", wiederholte Tigris.

„Das hoffe ich. Ich habe etwas sehr Persönliches von Ihnen erfahren, also scheint es nur gerecht, dass Sie nun auch etwas von mir wissen. Allerdings hätte ich es vorgezogen, wenn Sie mich danach gefragt hätten, ohne in mein Quartier einzubrechen, während ich nicht bei klarem Verstand bin."

Tigris schluckte. Snape starrte auf ihn hinunter und fuhr mit dem Finger über Tigris' Gesicht wo sein voriger Schlag eine Prellung hinterlassen hatte. Dann strich er etwas von der Salbe auf die Stelle, und Tigris fühlte, wie die Prellung verschwand. „Vielleicht sollte ich einem Slytherin nicht die Schuld daran geben, dass er sich wie ein Slytherin verhält, dennoch... wenn Sie so etwas jemals wieder tun, werden die Konsequenzen sehr viel unangenehmer sein, als was ich gerade mit Ihnen gemacht habe. Verstehen wir uns?"

„Ja, Sir.", brachte Tigris mühsam hervor.

„Gut. Es erübrigt sich zu sagen, dass Sie niemals mit irgendjemandem darüber reden werden."

„Natürlich, Professor, ich schwöre es."

Snape nickte, dann griff er nach einer Phiole auf dem Nachtschränkchen und trank den Inhalt in einem Schluck. Es sah nach einem gewöhnlichen Schmerzmittel aus.

„Warum tun Sie sich das an?", fragte Tigris heiser, sich aufsetzend.

Snape betrachtete ihn nachdenklich, und Tigris war erleichtert, dass er nicht länger wütend schien. Aus irgendeinem Grund hatte er das Gefühl, er hätte es nicht ertragen können, wenn Snape wieder begann, ihn zu hassen.

„Manchmal muss man seinem Leben einfach nur für ein paar Stunden entfliehen. Sie verstehen das sicher nicht, und ich wünsche Ihnen, dass Sie es nie verstehen..." Snape rieb sich die Stirn. „Sie sollten gehen. Ich bin müde, und Sie sicher auch. Seien Sie vorsichtig, ich werde Sie sicher nicht entschuldigen, wenn sie nach Ausgangssperre außerhalb Ihrer Räume erwischt werden."

„Ja, Sir. Danke." Tigris stand auf. „Nochmals, Entschuldigung."

„Ja, ja." Snape winkte entnervt mit der Hand. „Verschwinden Sie, bevor ich mich entscheide, Ihnen Strafarbeiten zu geben."

Tigris grinste flüchtig, nickte Snape zu, und ging.


Vielen Dank für eure Reviews an: blub, Kylyen, Muinthel, Nissa, Condor, YanisTamiem, Lyonessheart, Die Happy, Schwarzleser, Igonia

Condor: Fragen, Fragen, Fragen… Nein, Lucius hat ihn mit keinem Zauber belegt.

Lyonessheart: Keiner mag Pansy... :-e

Die Happy: Wie ich mich kenne, sicher länger als ich denke ;-). Ich hoffe, dass ich das letzte Kapitel geschrieben habe, bevor der sechste Band herauskommt, mehr kann ich dazu wirklich noch nicht sagen.