Disclaimer: schnurr, schnurr, schnurr...


Schatten der Wahl

33. Sarin

Später am Tag saß Tigris in der Bibliothek und las erneut ‚Von Taliesin über die Hexen von Salem'. Er näherte sich langsam der Zeit, in der Hogwarts gegründet worden war. Seit Mordraud hatten sich Muggel und Zauberer immer weiter entzweit, und mit dieser Spaltung hatte die Anzahl Dunkler Lords und Ladys zugenommen. Nicht alle von ihnen waren auf Macht aus. Baba Yaga zum Beispiel, eine dunkle Hexe die vor 1200 Jahren im Gebiet des heutigen Russland gelebt hatte, hatte nichts anderes im Sinn als Zerstörung. Sie war der Grund dafür, dass sich die Dunkelelben von den Zauberern zurückgezogen hatten. Es ließ Tigris sich fragen, wie sein Vater mit den Elben in Kontakt gekommen war. Baba Yagas Geschichte deutete darauf hin, dass die Elben zutiefst verbittert gegenüber Zauberern waren.

Was Tigris an den Geschichten am meisten auffiel, war, dass keiner der dunklen Zauberer von Natur aus böse war. Viele von ihnen waren arrogant und machtgierig, ja. Aber bei ihnen allen hatten – oft tragische - Ereignisse in ihrem Leben dazu geführt, dass sie der Dunkelheit verfielen. Zuletzt hatte er über Lycerzepa gelesen. Tigris war sich nicht einmal sicher, ob man ihn überhaupt als Dunklen Lord bezeichnen konnte, auch wenn sein Kriegszug für die Zaubererwelt verheerend gewesen war. Das Kapitel, das Tigris gerade las, beschäftigte sich mit Corne Mlynk, der noch am ehesten in die typische Vorstellung eines Dunklen Lords passte. Ein machtgieriger, dogmatischer Magier aus einer reinblütigen Familie, der sich die Anarchie um ihn herum zu Nutze gemacht hatte, um die absolute Macht an sich zu reißen. Tigris' Ansicht nach hatte er jedoch bis auf seine Vorurteile nicht das Geringste mit dem jetzigen Dunklen Lord gemeinsam. Corne Mlynk war intelligent und charismatisch gewesen, so dass man verstehen konnte, warum die Leute ihm trotz seiner Grausamkeit folgten. Er hatte ihnen gegeben, was sie sich wünschten. Was gab der Dunkle Lord seinen Gefolgsleuten? Was brachte es den Todessern, wenn ihr Lord Unsterblichkeit erlangte? Er drosch nur Phrasen und tat nichts, um zu erreichen, was er proklamierte. Die ganze Zaubererwelt hatte Angst vor ihm, schön und gut. Was brachte das, wenn er sich im Verborgenen aufhielt, um Prophezeiungen zu stehlen und andere sinnlose Ziele zu verfolgen? Sein Vater, mit seinem Einfluss im Ministerium, hatte mehr Macht als der Dunkle Lord, trotz all dem Terror, den dieser verbreitete. Es ergab keinen Sinn für Tigris.

Nach allem, was Tigris gelesen hatte, erschien ihm der Meister seines Vaters als der unfähigste, lächerlichste Dunkle Lord, den es je gegeben hatte. Er konnte nicht verstehen, wie ein auch nur halbwegs intelligenter Mensch sich ihm anschließen konnte. Tigris wurde von dem Gefühl aus seinen Gedanken gerissen, dass ihn jemand anstarrte. Er sah auf und sah seine Mutter in der Tür stehen, die ihn lächelnd beobachtete. Er zog die Brauen hoch.

„Wie lange stehst du schon da?"

„Eine Weile."

„Wolltest du etwas von mir?"

Ihr Lächeln verstärkte sich etwas. „Braucht eine Mutter eine Entschuldigung, um ihren Sohn zu betrachten?"

Die Erwiderung verwirrte Tigris ein wenig und er sah sie fragend an.

Sie lachte leise. „Du bist so konzentriert wenn du liest, du nimmst kaum etwas um dich herum wahr. Du erinnerst mich an Severus, als er jung war. Wenn er ein Buch in der Hand hielt, hätte um ihn herum das größte Chaos ausbrechen können, er hätte es nicht bemerkt."

Tigris lächelte amüsiert. „Es fällt mir schwer, mir das vorzustellen."

„Ja, nicht wahr? Um die Wahrheit zu sagen wollte ich dir etwas zeigen. Es ist mir heute Morgen eingefallen, dass ich es habe. Ich dachte, es würde dich interessieren."

Tigris klappte sein Buch zu. „Was ist es?"

„Komm mit, dann zeige ich es dir."

Neugierig geworden stand Tigris auf und folgte seiner Mutter. Sie führte ihn an seinem und Dracos Zimmer vorbei und öffnete eine Tür am Ende des Ganges. Dies musste ihr privates Zimmer sein. Tigris sah sich neugierig um.

Der Raum hatte große Fenster, durch die das Licht hell herein fiel. Vor den Fenstern stand eine Staffelei und ein Tisch mit einer Reihe Farbtöpfen. Es überraschte Tigris, er hatte nicht gewusst, dass Narcissa malte. An der Seite neben dem Tisch lehnten eine Reihe Landschaftsgemälde, die erstaunlich gut waren. Ein großer Kleiderschrank nahm die gesamte linke Wand des Raumes ein. Auf der rechten Seite war die Feuerstelle, ein Schreibtisch mit vielen kleinen Schubladen und eine Reihe Truhen mit unbekanntem Inhalt. In der Mitte des Raumes befand sich ein Notenständer mit einem Hocker davor, an dem ein Cello lehnte. Tigris' Blick blieb einen Moment daran hängen und wanderte dann zu der Wand über dem Schreibtisch, wo etliche Fotos hingen.

Tigris trat näher und betrachtete sie genauer. Da war ein älteres von seiner Mutter und seinem Vater, es sah nach ihrem Hochzeitsfoto aus. Das Paar darauf lächelte glücklich und winkte ihm zu, dann wandte sich sein um einiges jüngerer Vater seiner Mutter zu und küsste sie auf die Stirn. Ein weiteres Foto zeigte die beiden – noch immer sehr jung – an einem Strand vor einem weißen, südländisch anmutenden Haus. Sie trugen sommerliche Kleidung und seine Mutter stand bis zu den Knien im Wasser und spritzte seinen Vater nass. Sie lief lachend im Wasser davon, als Lucius ihr nachrannte. Als Lucius sie schließlich einholte packte er Narcissa und beide fielen ins Wasser. Sie lachten und küssten sich. Vermutlich war es ihre Hochzeitsreise. Die meisten anderen Fotos zeigten Draco in unterschiedlichem Alter. Es gab nur eines, das Tigris' Eltern und Draco zusammen zeigte. Es schien zu einem speziellen Anlass gemacht worden sein, denn sie alle trugen Galaroben und lächelten ein wenig gezwungen, ohne sich viel zu bewegen. Zu Tigris' Überraschung gab es auch zwei Fotos von ihm. Eines zeigte ihn in der Bücherei, lesend. Das andere war es, was Tigris wirklich verblüffte. Es zeigte ihn und Draco im Slytherin-Gemeinschaftsraum. Draco trug eine Galarobe, es musste die Feier nach dem Quidditchspiel sein. Sie saßen auf einem der Sofas und diskutierten über etwas, beide ein Glas Wein in der Hand. Tigris erinnerte sich nicht daran, aber was immer sie beredeten war wohl amüsant gewesen, denn sie lachten dabei. Theodore saß in einem Sessel neben ihnen und sah ihnen zu. Hinter ihnen waren die übrigen Slytherin dabei, zu tanzen.

„Wie bist du an diese Fotos gekommen?", fragte Tigris erstaunt.

Seine Mutter lächelte zufrieden. „Das eine hat eine Hauselfe gemacht. Das andere... das ist mein kleines Geheimnis." Sie zwinkerte ihm zu und öffnete eine der Truhen. „Aber das bringt mich genau zu dem, was ich dir zeigen wollte."

Sie hatte schließlich einen kleinen Kasten hervorgeholt, den sie mit einem Zauber öffnete. Tigris sah neugierig über ihre Schulter. Darin waren einige Fotos von dem Garten vor ihrem Haus. Er sah verwirrt darauf. Was war so besonders an Fotos von ihrem Garten?

Narcissa schien seine Gedanken zu erraten, denn sie grinste. „Dieser Garten ist wirklich etwas Besonderes, weißt du?", sagte sie in einem harmlosen Tonfall. „Ich habe eine Zeitlang bei einem alten Freund meiner Familie, Lin Yun, die chinesische Kunst der Platzierung studiert. Ich habe den Garten mit Hilfe eines Luo-pan entworfen."

Auf Tigris' ungläubigen Blick hin lachte sie leise. „Aber das ist es nicht, was ich dir zeigen wollte." Sie tippte mit ihrem Stab auf die Fotos und murmelte etwas Unverständliches. Daraufhin veränderten sie sich langsam. „Dein Vater weiß nicht, dass ich diese Bilder habe, bitte sag es ihm auch nicht. Er wäre... nicht erfreut."

Tigris betrachtete die Fotos mit neuem Interesse. Als die wirbelnde Oberfläche sich klärte, atmete er verblüfft ein. Das oberste Foto zeigte seine erschöpft aussehende Mutter, die müde, aber glücklich in die Kamera lächelte. Sie lag in einem Bett und hielt ein sehr rot und zerknautscht aussehendes Baby im Arm, das seine kleine Hand um einen ihrer Finger geschlossen hatte. Ihr Bauch war noch immer gewölbt.

„Das bist du, kurz nach deiner Geburt.", sagte sie lächelnd. „Du wurdest kurz vor Mitternacht geboren, es ist früher Morgen. Dein Vater war weggerufen worden, und ich war allein mit den Hauselfen. Du musst wissen, dass wir keinen Heiler hinzuziehen wollten, weil wir Angst hatten, dass jemand herausfindet, dass ich Zwillinge bekomme. Ich hatte einige Ahnung vom Heilen und dachte, wir könnten es alleine schaffen. Wir hatten nicht erwartet, dass Lucius kurz vorher einen Ruf bekommt... ihr hattet ein wirklich schlechtes Timing." Sie lächelte in Erinnerungen versunken. „Die Wehen setzten nach deiner Geburt aus. Zu diesem Zeitpunkt machte ich mir noch keine Sorgen. Es passiert manchmal, wenn die Magie eines Kindes eng mit der der Mutter vermischt ist. Die Wehen setzen aus und setzen nach einigen Stunden wieder ein. Ich ließ die Hauselfen die Fotos machen und löschte ihre Erinnerung, damit sie Lucius nichts davon erzählten. Ich wollte zumindest etwas von dir haben, wenn ich dich schon weggeben musste." Ihr Lächeln wurde ein wenig traurig, aber die Traurigkeit verschwand schnell. „Du warst ein so starkes Baby! Von Beginn an wach und aufmerksam. Sieh mal, du weißt genau, dass etwas vor sich geht."

Sie zeigte Tigris ein weiteres Foto, auf dem das Baby seinen Kopf in Richtung der Kamera drehte und mit großen blauen Augen den Fotografen anstarrte. Sein Blick war nicht zielgerichtet, aber es schien zu wissen, dass dort etwas Wichtiges war.

„Und du wusstest, dass dein Bruder noch nicht da ist."

Auf dem nächsten Foto zappelte das Baby in ihren Armen um näher zu ihrem Bauch zu kommen, und als sie es darauf legte, tatschte es mit beiden Händen dagegen. Sie lachte entzückt, nickte, und sagte etwas zu dem Baby, worauf es die Bewegung wiederholte.

„Lucius kam einige Stunden später zurück und brachte dich weg. Ich begann mir Sorgen zu machen, weil die Wehen nicht wieder einsetzten. Ich war zu schwach, und mein Wissen reichte nicht aus, damit umzugehen. Schließlich holte Lucius doch einen Heiler, als ich in Panik geriet. Dein Bruder wäre fast gestorben, aber er kam zum Glück gesund zur Welt. Selbst bei magischen Kindern ist es ungewöhnlich, dass Zwillinge mehr als einen Tag auseinander geboren werden."

Tigris starrte auf die Fotos, mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite machte es ihn glücklicher, als er aussprechen konnte. Auf der anderen Seite erfüllte es ihn mit einer Art Sehnsucht, die er nicht ganz zuordnen konnte. „Hast du auch Fotos von Draco nach seiner Geburt?"

Narcissa schüttelte traurig den Kopf. „Wir waren beide sehr schwach. Der Heiler belegte seine Krippe mit Zaubern, um ihn am Leben zu halten, und ich durfte ihn nicht in den Arm nehmen. Es dauerte über eine Woche, bis ich mich erholt hatte, und wir ihn ohne Gefahr längere Zeit aus der Krippe nehmen konnten. Severus war die ganze Zeit da und braute Tränke für ihn und mich. Ohne ihn hätten wir vielleicht nicht überlebt. Aber danach gibt es Fotos."

Tigris strich nachdenklich mit dem Finger über die Fotos. „Danke, dass du sie mir gezeigt hast. Das bedeutet mir wirklich sehr viel."

Sie schlang den Arm um ihn und verwandelte die Fotos zurück. „Manchmal, wenn dein Vater nicht da war, habe ich sie hervorgeholt und mich gefragt wo du bist, und ob es dir gut geht. Lucius sagte mir immer, dass ich dich vergessen sollte, dass das Leben weiter gehen muss... Mein Verstand sagte mir, dass er Recht hatte, aber mein Herz sagte mir etwas anderes. Es war der glücklichste Tag in meinem Leben, als wir dich wieder gefunden haben."

Tigris lächelte ihr zu. Er erinnerte sich daran, wie er als Kind all die Fotos von Dudley angesehen hatte und gedacht hatte, dass er wirklich hässlich und abscheulich sein musste, weil sein Onkel und seine Tante kein einziges Foto von ihm machen wollten. Es war nur ein weiteres Zeichen dafür, dass ihn niemand wollte. Es gab ihm ein warmes Gefühl, zu wissen, dass während der ganzen Zeit jemand da gewesen war, der ihn wollte und an ihn dachte. Auch wenn sie ihn weggegeben hatte... Er warf seiner Mutter das nicht vor. Sie hatte ihn am Leben halten wollen. Wenn Tigris jemanden dafür hasste, dann war es der Dunkle Lord. Es war eine so unsinnige Regel, seinen Gefolgsleuten nur ein Kind zu gestatten. Es war nur ein Zeichen seiner allumfassenden Selbstsucht. Er wollte seine Gefolgsleute nicht einmal mit ihren Kindern teilen. Wahrscheinlich hätte er ihnen Kinder ganz verboten, wenn er nicht zu befürchten gehabt hätte, dass sie sich dann gegen ihn auflehnten. Schließlich wollten auch die treusten von ihnen ihre Blutlinien erhalten.

„Nun", sagte sie nach einer Weile, aufstehend, „dein Vater muss bald zurück sein. Wir haben heute Abend Gäste, musst du wissen. Ein paar Mitglieder des Ministeriums und andere einflussreiche Leute. Du musst nicht lange dabeibleiben, wenn du nicht willst, aber zumindest solltest du allen einmal vorgestellt worden sein. Man weiß ja nie, vielleicht sind deine zukünftigen Arbeitgeber darunter."

Tigris nickte nur. Die Vorstellung, den halben Abend mit einem Haufen Beamten zu verbringen stimmte ihn nicht gerade fröhlich. „Ich vermute, Fudge wird auch anwesend sein?"

„Zu Glück nicht! Nein, er und Lucius haben sich nach der Sache im Juni überworfen. Seine Tage als Minister sind ohnehin gezählt. Aber dieser Weasley- Junge wird vielleicht da sein."

„Percy?", fragte Tigris entsetzt.

„Ja, so hieß er. Er war auch letztes Jahr dabei, mit Fudge. Aber er ist intelligent, er bleibt nicht auf einem sinkenden Schiff."

„Das ist vermutlich die einzige Art von Intelligenz, die er hat.", meinte Tigris sarkastisch.

Seine Mutter lachte. „Vielleicht hast du Recht, aber Lucius hält ihn für nützlich. Sei einfach höflich und rede über Belanglosigkeiten, dann wirst du sehen, dass der Abend schneller um ist, als du gedacht hast. Die meisten dieser Gäste sind wirklich einfach zu unterhalten."

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„Guten Abend, Mister Godot. Es freut mich, dass Sie die Zeit gefunden haben. Darf ich Ihnen meine Söhne vorstellen... Draco werden Sie vielleicht kennen. Nein? Das ist mein Adoptivsohn, Tigris."

Tigris lächelte höflich und reichte dem gedrungenen kleinen Mann die Hand. Der erwiderte ein offensichtlich künstliches Lächeln und wandte sich wieder seinem Vater zu.

„Ihr Adoptivsohn? Ich hatte nichts davon gehört. Gratulation." Er musterte Tigris. „Sind Sie verwandt? Entschuldigen Sie die Frage..."

„Oh, keine Ursache. Tatsächlich, Tigris ist mein leiblicher Neffe."

„Äußerst interessant. Sie müssen mir später mehr darüber erzählen. Oh, wie ich sehe, ist Mrs. Edgecombe bereits angekommen, dann will ich Sie nicht länger von Ihren übrigen Gästen abhalten."

Sein Vater nickte und wandte sich dem nächsten Gast zu. „Madame Marchbanks, welch eine Freude, dass Sie kommen konnten..."

Tigris seufzte innerlich und schüttelte die ihm dargebotene Hand, zum unzähligsten Mal an diesem Abend. Zu Beginn war er ein wenig nervös gewesen, sich zu blamieren und alten Bekannten wie Percy zu begegnen. Inzwischen war er nur noch zu Tode gelangweilt. Sie mussten bereits über eine Stunde an der Eingangstür des großen Saales stehen, um die Gäste zu begrüßen, die nach und nach eintrafen. Er hoffte, dass langsam auch die letzten Nachzügler ankamen. Der Raum hinter ihnen, den Tigris bei seiner Ankunft nur flüchtig gesehen hatte, war nun von zahlreichen schwebenden Kronleuchtern erhellt. Die drei Feuerstellen waren angezündet und an einer Seite waren mehrere Tische aufgestellt, an denen bereits die meisten der Gäste saßen und sich unterhielten. Seine Mutter musste irgendwo zwischen ihnen sein. Sie ging bereits den ganzen Abend von einem Tisch zum nächsten. Ein paar Musiker standen um das Klavier herum, aber hatten noch nicht begonnen, zu spielen. Der Raum, der Tigris, als er ihn das erste Mal gesehen hatte so groß und leer vorgekommen war, hatte sich mit Menschen gefüllt. Irgendwo hatte Tigris Percy gesehen. Er war zu seiner Überraschung mit Marietta Edgecombe gekommen, deren Eltern sich auch auf dem Fest befanden. Fudge war, wie seine Mutter gesagt hatte, nicht anwesend. Dafür aber Dawlish, der Auror, den er noch von ihrer letzten Begegnung in Erinnerung hatte.

„Severus, vornehm zu spät wie immer, wie ich sehe."

Snape verzog das Gesicht und warf über die Schulter seines Vaters einen Blick in den Raum. „Ich habe, wie immer, nicht viel Zeit, Lucius. Ich bin nur aus formellen Gründen hier. Du weißt doch, wie sehr ich diese Art von Festivitäten verabscheue."

Sein Vater lächelte amüsiert. „Erfrischend ehrlich, Cousin. Vielleicht interessiert es dich, dass Mister Jigger dieses Mal hier ist."

„Tatsächlich?", meinte Snape, diesmal seinen Vater ansehend.

Sein Vater nickte und sein Lächeln verbreiterte sich. „Ich sah ihn zur Bar hinübergehen, wenn ich nicht sehr irre."

„Nun dann... Mit der Aussicht auf ein Gespräch mit einem Kollegen ist dieser Abend vielleicht nicht ganz so vergeudet, wie ich dachte."

Snape nickte Tigris und Draco zu und wandte sich in Richtung der Tische, hinter denen die Bar aufgebaut worden war.

Nach Snape trafen noch spärlich ein paar letzte Gäste ein, dann beschloss sein Vater zu Tigris' Erleichterung, dass der Rest wohl nicht mehr kommen würde. Tigris mischte sich mit Draco unter die Leute, während sein Vater zu den Musikern hinüberging. Wenig später ertönte ein heller, glockenähnlicher Ton, und die Gespräche verstummten, während die meisten Anwesenden sich zu seinem Vater umwandten. Tigris sah, dass seine Mutter nun neben ihm stand.

„Willkommen zu unserer jährlichen Weihnachtsfeier." Ertönte die Stimme seines Vaters im Raum. „Es freut uns, dass Sie alle so zahlreich erschienen sind und wir hoffen sie verbringen einen angenehmen Abend in unserem Haus. Unsere Hauselfen freuen sich, sie mit Essen zu versorgen und Sie finden die Bar auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Zögern Sie nicht, mich oder meine Frau anzusprechen, sollten Sie Wünsche oder Probleme haben. Ich möchte im Voraus Monsieur Rameau und seinen Kollegen danken, die sich bereit gefunden haben, diesen Abend mit Musik zu begleiten. Wenn keine Fragen mehr bestehen, danke ich ihnen für ihre Aufmerksamkeit und erkläre hiermit die Feier für eröffnet."

Höfliches Klatschen folgte Lucius' Worten und auf einen Wink von ihm begannen die Musiker zu spielen. Lucius und Narcissa betraten die Tanzfläche und wurden bald von etlichen anderen Paaren gefolgt. Die Musik war recht klassisch, aber gehörte zu den Stilen, die Tigris mit Pansy geübt hatte, somit machte er sich keine Sorgen, sich lächerlich zu machen.

„Haben Sie keine Tanzpartnerin, Mister Malfoy?", fragte eine vielleicht dreißigjährige blonde Hexe, Tigris aus seinen Gedanken reißend.

„Nein, meine Freundin ist heute nicht hier.", entgegnete Tigris. Sie lächelte ihm zu und nach ein paar unangenehmen Sekunden begriff er, was sie wollte. Er sah keinen Weg, sich höflich aus der Affäre zu ziehen, also hielt er ihr mit gut verborgener Unlust die Hand hin. „Wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen, Miss..."

„Mrs. Grayson.", erwiderte sie. „Aber nennen Sie mich doch Nora, Mister Malfoy. Es ist mir eine Freude."

Tigris gab ihr einen höflichen Handkuss und geleitete sie auf die Tanzfläche, im Stillen von den Wolken süßlichen Parfums angewidert, die sie umgaben.

Mrs. Grayson – Nora – war nur die erste einer Reihe von allein anwesenden Damen, die anscheinend aus dem Nichts auftauchten um rein zufällig zu bemerken, dass Tigris keine Tanzpartnerin hatte. Tigris bewunderte seine Mutter, die, nachdem sein Vater die Tanzfläche verlassen hatte, mit einem ähnlichen Strom von männlichen Gästen zu kämpfen hatte. Sie schien sich angenehm mit ihnen zu unterhalten, und erwiderte teilweise sogar ihre recht offensichtlichen Flirtversuche. Tigris wunderte sich nur, dass sein Vater nichts dagegen hatte. Er tat sich schwer, mit den überschminkten und seiner Ansicht nach nicht besonders intelligenten Hexen eine Unterhaltung zu führen. Die meisten von ihnen waren ohnehin nur neugierig zu erfahren, wie er Teil der Malfoyfamilie geworden war, und jede von ihnen entnervte ihn ein wenig mehr. Nach dem zwanzigsten Versuch, ihm tief in die Augen zu sehen, tat Tigris genau das. Wie er vermutet hatte waren die Gedanken seiner Tanzpartnerin so langweilig wie ihr Gesicht. Ab dann lieferte es ihm zumindest etwas Vergnügen, die Gedankengänge der nervtötenden Hexen zu verfolgen, selbst wenn keine von ihnen etwas wirklich Interessantes im Kopf hatte. Tigris fragte sich jedoch, wer Hillaria of Kent war, und was ein Gedicht, das sie für ihre Tochter geschrieben hatte, mit ihm zu tun hatte... besonders, da die Frau sich ständig ein Kichern verbiss, während sie darüber nachdachte. Es brachte Tigris fast dazu, genauer nachzusehen, aber es hätte ihn verraten, wenn er mehr belauscht hätte als oberflächliche Gedanken.

Tigris hatte schließlich genug, als einer der Männer ihn um einen Tanz bat, und gab vor, eine Pause zu brauchen. Als er endlich an der Bar saß und ein Glas Butterbier vor sich hatte, musste Tigris sich zusammenreißen, nicht erleichtert aufzuatmen. Nicht weit von ihm entfernt war Snape in ein Gespräch mit einem glatzköpfigen alten Mann vertieft und keiner von ihnen schien wahrzunehmen, was um sie herum vorging. Draco war dabei gewesen zu tanzen, als Tigris ihn das letzte Mal gesehen hatte. Tigris sah sich um und schwenkte frustriert sein Glas in der Hand. Wenn er eines wusste, dann, dass er Snapes Sicht dieser Feier vollen Herzens teilte. Er hasste sie. Er fragte sich, ob es zu früh war, sich höflich zu verabschieden. Seine Mutter hatte gesagt, es wäre in Ordnung. Tigris war kurz davor, genau das zu tun, als sich eine grauhaarige Frau neben in setzte.

Sie sah sich kurz um und seufzte dann erleichtert. „Ein Glas Feuerwhiskey bitte." Als das Glas vor ihr erschien, nahm sie einen tiefen Zug und lächelte Tigris zu. „Merlin bin ich froh, dass ich diesem Mob endlich entkommen bin. Diese Feiern sind so furchtbar, ich weiß nicht warum ich mir das immer wieder antue."

Tigris starrte sie einen Moment überrascht an. Sie entgegnete seinem Blick.

„Oh, entschuldigen Sie." Sie streckte die Hand aus. „Ich bin Polydora Ringwood."

Tigris erinnerte sich vage an sie, aber er hatte den ganzen Leuten bei der Begrüßung wirklich nicht viel Beachtung geschenkt. Ihr Name hingegen kam ihm bekannt vor. Sein Vater hatte ihm eine Liste der Anwesenden gegeben, bevor das Fest begann. Er schüttelte ihre Hand. „Tigris Malfoy. Ich erinnere mich an Sie. Sie sind Leiterin der Abteilung für magische Artefakte im Ministerium, habe ich Recht?"

Sie nickte erfreut. „Wie es aussieht sind Sie auch den Massen entflohen?"

Tigris verzog ein wenig angewidert das Gesicht. „Genauer genommen zu vielen einsamen Hexen ...und Zauberern.", fügte er nach einem Moment des Nachdenkens hinzu.

Mrs. Ringwood lachte erheitert. „Das kann ich mir vorstellen. Ein gutaussehender junger Mann wie Sie... nicht zu vergessen der Neugierfaktor."

Tigris seufzte ärgerlich.

„DAMIT habe ich in meinem Alter zum Glück kein Problem mehr. Aber ich schwöre, ich werde den nächsten verhexen, der mich auf Arthur anspricht. Warum glauben alle, dass ich ihn so gut kennen würde? Unsere Abteilungen mögen ähnlich klingen, aber sein Büro ist sieben Ebenen von meinem entfernt! Verzeihung, das interessiert Sie natürlich nicht. Es ist nur das Gerede einer alten Frau. Ich ärgere mich einfach, hier zu sein, wenn ich viel lieber die Runen auf diesen Scarabäi enträtseln würde, die wir vorgestern bekommen haben."

„Meinen Sie nicht Hieroglyphen?", fragte Tigris. „Entschuldigen Sie meine Neugier..."

Die Augen der Frau leuchteten auf. „Nein, das ist ja das Faszinierende daran. Sie wurden in Irland gefunden, in einer alten Grabstätte, die wir vor kurzem entdeckten. Sie müssen etwa zweitausend Jahre alt sein, und es sind ganz eindeutig dem Futhark verwandte Runen."

Tigris runzelte verwirrt die Stirn. „Sind nicht die frühesten Verwendungen von Futhark nur 1900 Jahre zurückzuführen?"

Sie warf ihm einen überraschten Blick zu. „Das dachten wir auch, ja, aber es ist offensichtlich nicht wahr. Was auch interessant ist, ist die Verwendung von Scarabäi. Ein Freund von mir ist Magizoologe, und er ist sich hundertprozentig sicher, dass es ägyptische Scarabäi sind, nicht etwa eine andere Art von Käfer. Sie sind äußert detailliert dargestellt."

„Könnte es eine Verbindung zwischen den Ägyptern und den Druiden gegeben haben?", spekulierte Tigris. „Ich habe bisher nichts gelesen, was darauf hinweist, aber die Aufzeichnungen aus dieser Zeit sind sehr spärlich. Es gibt interessante Parallelen zwischen Eriu und Isis, vielleicht wäre das eine Erklärung dafür."

Sie beugte sich ein wenig vor. „Ein faszinierender Gedankengang, aber zu diesem Zeitpunkt noch sehr weit hergeholt. Wenn wir allerdings Belege für eine solche Verbindung finden würden... Sie interessieren sich für das Altertum, merke ich?"

„Unter anderem.", entgegnete Tigris schulterzuckend. „Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit der Geschichte und Verwendung von Runen."

„Erfreulich, jemandem so jungen zu begegnen, der diesen Bereich nicht langweilig findet. Alte Artefakte sind etwas wirklich Spannendes, wenn man sich dafür begeistern kann. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen ein wenig über meine Arbeit erzählen."

„Wirklich?" Tigris beugte sich ein wenig näher zu ihr. „Was mich schon immer interessiert hat – diese Artefakte wurden durch die Verbindung von Tränken, Zaubern und Runen erzeugt, nicht wahr? Waren dafür spezielle Rituale erforderlich? Ich meine, ist es nicht erstaunlich, dass Zauberer vor so langer Zeit bereits dazu fähig waren?"

„Allerdings. Die Ägypter waren Meister dieser Kunst, leider ist ein Großteil ihres Wissens heute verloren gegangen. Das macht den Fluchbrechern in Ägypten einige Kopfzerbrechen. Aber auch die Babylonier standen ihnen nur um weniges nach. Tatsächlich beschäftigte sich unser letztes Projekt mit einigen babylonischen Schmuckstücken..."

In den folgenden Stunden vertiefte Tigris sich in ein anregendes Gespräch mit der älteren Hexe. Sie besaß ein erstaunliches Wissen über Geschichte, Tränke und Runen, und war nicht im Geringsten enttäuscht, wenn sie etwas für ihn genauer erklären musste. Sie kamen von einem Thema zum nächsten und merkten erst, wie spät es war, als der Raum sich zunehmend zu leeren begann.

„Ich habe seit langem nicht mehr so viel Spaß bei einer dieser schrecklichen Veranstaltungen gehabt.", meinte Mrs. Ringwood amüsiert. Tigris musste ihr versprechen, mit ihr in Verbindung zu bleiben, bevor sie sich verabschiedete. Als sie gegangen war, fiel ihm auf, dass Draco und Snape längst gegangen waren. Seine Mutter war noch immer dabei, zu tanzen und wirkte nicht im Geringsten müde, während sein Vater sich mit einer Gruppe Ministeriumsbeamten unterhielt, unter denen auch Percy Weasley war. Insgesamt waren nicht mehr als zwanzig Leute anwesend, und ein Blick auf die Uhr sagte Tigris, dass es bereits auf Mitternacht zuging. Er ging zu seinem Vater hinüber, um ihm mitzuteilen, dass er sich zurückzog, was dieser nur mit einem kurzen Nicken quittierte. Er war gerade in eine Unterhaltung mit Percy vertieft, der sich offenkundig in Fahrt geredet hatte.

„Sicher, Dumbledore ist ein großer Mann.", sagte der Rotschopf gerade. „Ich bin der Letzte, der das abstreitet. Aber Harry Potter war immer so etwas wie ein blinder Punkt bei ihm. Unter uns, der Junge WAR ein wenig geisteskrank. Wer kann es ihm zum Vorwurf machen? Ich meine, wer würde schon bei Verstand bleiben, nach allem was er durchgemacht hat? Cornelius hat einige Fehler begangen, doch ich fand immer, dass er im Grunde den richtigen Instinkt hatte. Er hat es nur nicht geschafft, ihn umzusetzen."

Die Zauberer und Hexen um ihn herum nickten nachdenklich.

„Sie sind ein sehr bedachter junger Mann.", sagte eine Hexe, die er als Madame Edgecombe in Erinnerung hatte. „Beeindruckend, vor allem wenn man Ihre Familie betrachtet."

Percy räusperte sich verlegen. „Ja, Vater war leider schon immer etwas unvernünftig. Er hat nun einmal diese Besessenheit mit Muggeln, von der er sich einfach nicht trennen will. Ich wäre der erste, ihnen die Hand zu reichen, wenn sie nur ein wenig Entgegenkommen zeigen würden. Zu meinem größten Bedauern ist dies jedoch nicht absehbar."

Madame Edgecombe tätschelte Percy mitfühlend den Arm. „Das muss furchtbar für Sie sein, Percy. Sie wissen, Sie sind in meinem Haus immer willkommen. Warum kommen Sie nicht am Sonntag zum Tee zu uns? Ich bin sicher, Marietta wäre außer sich vor Freude."

„Herzlichen Dank, Mrs. Edgecombe. Ich nehme Ihre Einladung natürlich liebend gern an."

Tigris musste sich zusammenreißen, um nicht angewidert das Gesicht zu verziehen, und ging, bevor er mehr von dem Gespräch hörte. Percy hatte sich offensichtlich nicht im Geringsten verändert. Soviel zu der Hoffnung, dass er wieder zu sich kommen würde, sobald das Auftauchendes Dunklen Lords publik gemacht wurde. Nach Tigris' persönlichen Meinung hatte Percy ohnehin nie eine Art Verstand gehabt, zu dem er hätte kommen können.

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Am nächsten Morgen beim Frühstück bat sein Vater Tigris, zurückzubleiben, als seine Mutter und Draco aufstanden.

„Ich arbeite gerade an etwas, und ich hoffe, dass du mir dabei helfen kannst.", sagte er auf Tigris' nervösen Blick hin.

„Ich?", fragte Tigris verblüfft und ein wenig beunruhigt. „Womit könnte ich dir denn helfen?"

Sein Vater grinste amüsiert. „Du wirst schon sehen. Komm mit."

Tigris begleitete ihn unsicher in sein Studierzimmer, wo sein Vater einige Male mit seinem Stab auf eines der Bücherregale tippte. Es öffnete sich daraufhin, wie es der Zugang zu Diagon Alley tat. Tigris verharrte überrascht, als ihm eine wütende Stimme von dahinter entgegenschlug.

Dumme, dumme Menschen. Ihr werdet es bedauern, mir nicht den Respekt zu zollen, den ich verdiene..."

Sein Vater schob Tigris in den Raum hinein und Tigris verharrte erneut, als er den Sprecher erkannte. Auf dem Tisch in der Mitte des Raumes war ein Kreis gezogen, der von etlichen Runen umgeben war. In der Mitte dieses Kreises bewegte sich zornig eine grüne Schlange mit silbernen Streifen hin und her. Nun merkte sie, dass sie eingetreten waren, und ihr Kopf fuhr zu ihnen herum. Ihre Augen waren smaragdgrün und starrten sie mit ungedämpfter Wut an.

Narren!", zischte sie erneut. „Narren!"

„Kannst du verstehen, was es sagt?", fragte sein Vater hinter ihm.

Tigris beachtete ihn nicht. Sein Blick war von der Kreatur vor ihnen gebannt. „Wunderschön.", entfuhr es ihm unwillkürlich.

Die Schlange verharrte und kroch dann auf Tigris zu, soweit es ihr der Bannkreis erlaubte. Sie richtete sich am Rande der Linie auf, bis dass ihr Kopf fast auf Augenhöhe mit ihm war.

Kannst du verstehen, was ich sage, Sprecher?", zischte sie. „Lass mich frei! Ich will frei sein!"

Ich kann nicht.", antwortete Tigris bedauernd. „Du gehörst meinem Vater."

Ich gehöre niemandem!", fauchte die Schlange mit Abscheu. „Ich diene niemandem außer meinem Lord!"

Du gehörst dem Dunklen Lord?", fragte Tigris schockiert.

Ich gehöre niemandem.", wiederholte die Schlange. „Mein Lord ist seit langer Zeit tot."

Wer bist du?", fragte Tigris interessiert.

Die Schlange starrte ihn einen Augenblick an. „Mein Name ist Sarin.", sagte sie schließlich. „Wie ist dein Name, Sprecher?"

Tigris.", antwortete er.

Ich kann dir Macht geben, Tigris.", zischte sie, ohne ihren Blick von Tigris abzuwenden. „Ich kann dich stärker machen. Ich kann dir Wissen geben, das du dir nicht in deinen Träumen vorstellen kannst. Lass mich dich beißen, und wenn du würdig bist, werde ich dir dienen. Ich werde dich Meister nennen und loyal sein zu dir und nur zu dir. Dann wirst du nicht mehr diesen schwachen, minderwertigen Menschen gehorchen müssen, die sich vor dir beugen sollten."

Tigris machte ohne Nachzudenken einige Schritte auf den Tisch zu, bis er dicht vor ihr stand.

Was, wenn ich nicht würdig bin?"

Die Schlange schien beinahe zu lächeln, soweit das für eine Schlange überhaupt möglich war. „Dann wirst du natürlich sterben."

Tigris betrachtete sie nachdenklich. Macht... was sollte er mit Macht? Er wollte nicht, dass sich irgendjemand vor ihm beugte. Andererseits, sie hatte ihm Wissen versprochen, und Wissen war auch eine Form von Macht. Eine Art von Macht, der Tigris weit weniger abgeneigt war. Außerdem wäre es bestimmt spannend, eine Kreatur wie diese als seinen Vertrauten zu haben. Wer weiß, wozu sie fähig war und was sie wusste. Es störte ihn nicht wirklich, dass ihr Biss ihn töten konnte. Er hatte keine Angst vor dem Tod. Es gab Zeiten, zu denen er ihn ersehnt hatte.

Tigris streckte die Hand aus, ohne sich zu wundern, dass der Bannkreis ihn nicht daran hinderte. Die Schlange stieß einen triumphierenden Schrei aus und schlug ihre Zähne in sein Handgelenk. Tigris hörte den entsetzten Aufschrei seines Vaters, aber nahm ihn nur halb wahr. Ein brennender Schmerz schoss seinen Arm hinauf in seine Herzgegend. Er zog seine Hand aus dem Bannkreis zurück und taumelte. Alles vor seinen Augen verschwamm. Das Letzte, was er sah, war ein hellhaariger Schemen, der sich über ihn beugte, dann wurde alles schwarz.

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Lucius betrachtete entsetzt, wie Tigris zusammenbrach und sandte ohne Nachzudenken einen Fluch auf die Schlange. In diesem Moment war es ihm völlig egal, wie wertvoll sie war, er wollte sie tot sehen. Zu seinem Schock jedoch hatte der Fluch nicht den geringsten Effekt. Lucius griff so schnell er konnte nach der Phiole mit Gegengift, die er immer bereithielt, wenn er diesen Raum betrat und flößte seinem Sohn den Inhalt ein. Tigris zeigte keine Reaktion und Lucius war mehr als erleichtert, als er noch einen Puls fühlte. Er versuchte, Tigris aufzuwecken, aber es gelang nicht. Die Schlange kroch auf der ihm zugewandten Seite des Bannkreises hin und her und schien ihn auszulachen.

„Avada Kedavra!", fauchte Lucius wutentbrannt. Die Schlange schwankte leicht, als das grüne Licht sie traf und fuhr dann vollkommen unberührt in ihrer Bewegung fort. Einige Augenblicke starrte Lucius sie ungläubig an, und sie wurde ihm zunehmend unheimlich.

„Was bei Mordraud hast du mir da verkauft, Marga?", flüsterte er mehr als beunruhigt. Aber er ließ sich keine Zeit, lange darüber nachzudenken, es gab ein dringenderes Problem. Er nahm Tigris in seine Arme und rannte aus dem Raum. „Narcissa!"

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Er saß auf dem Teppich in der Nähe des Feuers und beobachtete seine Mutter mit der Lyra, das Buch in seinem Schoß vergessen. Er war so stolz gewesen, als sie ihm schließlich den alten Band anvertraut hatte, aber nun waren seine Gedanken von dem Bild vor ihm eingefangen. Sie spielte leidenschaftlich, völlig gefangen in ihrer Musik. Schließlich begann sie zu singen und er war überzeugt, sie konnte nicht irdisch sein. Vielleicht war sie eine der alten Göttinnen, von denen sein Vater ihm früher erzählt hatte. Ja, es kam ihm in diesem Moment vollkommen logisch vor, dass sie kein Mensch war, sondern die Gestalt gewordene Brigit, die ihn mit ihrer Stimme in ihr überirdisches Reich mitnahm. Während sie sang, formten sich glitzernde Nebel von Magie um sie und umtanzten sie wie Elementargeister. Sie umgaben sie, wogten in den Raum und pulsten durch das Gebäude um sie herum. Es kribbelte auf seiner Haut, als sie durch ihn hindurch drangen und er rang überrascht nach Luft. Er hatte sie dies zuvor tun sehen, aber niemals so kraftvoll, so unwirklich. Schließlich stoppte sie und ein Gefühl des Verlusts durchströmte ihn. Sie lächelte mit geschlossenen Augen und ihre Hände spielten mit den magischen Weben um sie herum, formten und dirigierten sie als wäre die Magie ein Lebewesen.

Frau Mutter?", sagte er schließlich atemlos.

Ja?", erwiderte sie, ohne ihr Tun zu unterbrechen.

Werde ich auch eines Tages fähig sein, das zu tun? Wie gelingt es Euch?"

Ihr Lächeln verstärkte sich, aber sie öffnete ihre Augen nicht. „Vielleicht, mein Sohn. Er wird ohne Zweifel ein mächtiger Magus werden, denn er stammt aus einer alten Linie, auch wenn sie nicht mehr das Ansehen genießt, was ihr einst zuteil wurde. Es ist sein Schicksal. Lass er mich eine Geschichte erzählen." Sie hielt einen Moment inne, um sich zu sammeln, dann begann sie mit melodischer Stimme. „Vor langer langer Zeit herrschten die Druiden über die Erde..."

Er lauschte ihr, mit der Wärme des Feuers und ihrer Magie um ihn herum, und in diesem Moment kümmerte er sich nicht um die Christen um ihre seltsamen Bräuche. Wenn es so etwas wie einen Himmel gab, dann war er hier, und kein Engelsgesang konnte göttlicher sein als seines Mutters Stimme...

Plötzlich wurde alles um ihn herum kalt und der vertraute Raum wich einer dunklen Leere, durch die verzerrte Stimmen zu ihm hindurch drangen, die keinen Sinn für ihn ergaben. Tigris kämpfte verzweifelt gegen einen Druck an, der ihn zu ersticken drohte. Alles was er wusste war, dass ihm etwas Lebenswichtiges fehlte, und wenn er nicht aus dieser Beengung ausbrechen konnte, würde er ersticken wie ein Fisch auf dem Land. Tigris versuchte zu rufen, aber konnte es nicht. Die Leere um ihn wurde immer dichter, schmerzhaft dicht, und er schrie.

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„Merlin, Lucius, was hast du getan?"

Tigris war in Krämpfe verfallen, kurz nach dem er das Studierzimmer verlassen hatte. Lucius hatte es nur mit Glück geschafft, Tigris' Zimmer zu erreichen. Schließlich war er gezwungen gewesen, Tigris an sein Bett zu fesseln, damit er nicht um sich schlug.

„Ich habe nichts getan!", rief er zornig. „Die Schlange hat ihn gebissen!"

„Beruhige dich.", sagte Narcissa kalt. „Deine Wut ist nicht im Geringsten hilfreich. Welche Schlange und hast du ihm ein Gegengift gegeben?"

Lucius atmete ein paar Mal tief durch. Sie hatte Recht, es hatte keinen Sinn, zu streiten. „Eine Schlange, die ich von Marga gekauft habe. Ja, ich habe ihm ein Gegengift gegeben, aber diese spezielle Schlangenart ist unbekannt. Das Gegengift, was ich habe, ist nur ein Breitband- Gegengift, und es hat nicht die geringste Wirkung!"

Er zuckte zusammen, als Tigris sich in seinen Fesseln aufbäumte und zu schreien begann. Narcissa sah sehr blass aus, aber nichts desto trotz konzentriert.

„Wann haben die Krämpfe begonnen?"

„Direkt nachdem ich den Raum mit ihm verließ."

„Wir sollten die Schlange hierher bringen."

„Was?", rief Lucius ungläubig.

„Wenn es eine magische Kreatur ist, hat ihr Biss vielleicht eine Verbindung zwischen ihnen geschaffen. Möglicherweise löst die Entfernung zwischen ihnen die Krämpfe aus."

„Du verstehst nicht!", rief er. „Diese Kreatur ist gefährlich. Ich weiß nicht, ob ich sie kontrollieren kann!"

„Ist es dir lieber, wenn er stirbt?", schnappte sie.

„Nein, ich... Ich hole sie."

Lucius rannte aus dem Raum in sein Studierzimmer hinunter und hob den gesamten Tisch mit einem Schwebezauber. Die Schlange darauf war wieder in aufgeregte Schlängelbewegungen verfallen und zischte wütend gegen die Barriere, die sie gefangen hielt. Zum Glück passte der Tisch durch die Tür. Als Lucius oben ankam, sah er Draco in der Tür stehen.

„Aus dem Weg!", rief er zornig, und sein jüngerer Sohn beeilte sich, zu gehorchen. Sobald Lucius den Tisch neben dem Bett zum Stehen brachte, verstummten die Schreie und er atmete erleichtert auf.

„Was hast du mit ihm gemacht?", rief Draco beinahe hysterisch.

Lucius fuhr zu ihm herum. „Warum sind hier alle der Meinung, dass ich daran schuld bin? Geh in dein Zimmer, wir reden später miteinander!"

Einen Moment lang wirkte Draco, als würde er sich weigern. Dann stürmte er aus dem Zimmer und schlug die Tür seines Raumes hinter sich zu.

„Beruhige dich.", sagte Narcissa. „Er ist so besorgt wie wir." Sie schwenkte ihren Stab über Tigris, murmelte ein paar Worte und runzelte die Stirn. „Er hat hohes Fieber und sein Pulsschlag ist erhöht. Ich bin kein ausgebildeter Heiler, aber das ist nicht gut."

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Lauf!" Er warf einen panischen Blick auf die Menge um sie herum. Sie waren so viele, sie waren überall, wie sollte er ihnen entkommen?

Nein!", schrie er, als sich die Männer auf seine Mutter stürzten und sie niederrangen. Sie kämpfte wie ein wildes Tier, schreiend, beißend und kratzend, aber sie hatte keine Chance gegen sie. Sie rangen sie nieder. „Hexe!" „Hure des Teufels!"

Er wollte ihr helfen, aber zwei Männer hatten ihn gepackt. „Dämonenbrut.", zischte einer von ihnen in sein Ohr. Er traf ihren panischen Blick, aber ihre Furcht galt nicht ihr selbst, nein. Sie galt ganz allein ihm. „Flieh!", schrie sie, ihre wundervolle Stimme zu einer kreischenden Parodie verzerrt. „Flieh!"

Der Anführer des Mobs beugte sich mit einem hässlichen Grinsen über sie und zerriss ihre Kleider. Seine dreckigen Hände grabschten an ihr herum, bis er gefunden hatte, was er suchte. Er erbleichte, als er sah, dass der Mann ihren Stab in der Hand hielt. Nun hielt er ihn triumphierend in die Luft. „Hexe!", spie er. „Teufelspack!" Er trat nach ihr. „Ich weiß alles über euch dreckige Kreaturen! Meine Schwester war auch eine von euch, aber wir, die wir aufrichtigen Glaubens sind, werden nicht ruhen, bis die Welt von eurem Übel gereinigt ist!" Der Mann zerbrach ihren Stab über dem Knie. Ein paar Funken stoben aus ihm heraus und die Menge verfiel einige Sekunden in schockierte Stille, die sich schnell in Schreie der Wut verwandelte. „Verbrennt sie!"

Nein!", schrie er. „Mutter!"

Der Priester – denn ein Priester war es – schlug ihm ins Gesicht. „Schweig, Teufelsbrut! Wir werden eurem unheiligen Treiben ein Ende setzen!"

Einer der Männer trat seiner Mutter ins Gesicht und ihre Schreie wurden zu unartikulierten, gurgelnden Lauten.

Zorn und Hass durchfuhr ihn wie er sie noch nie zuvor in den zehn Jahren seines Lebens empfunden hatte. Er wollte sie verletzen, er wollte sie TÖTEN. Etwas explodierte hinter seiner Stirn wie ein Donnerschlag und er fühlte, wie sein ganzer Körper sich verwandelte. Beißen... Töten...

Ein Dämon!", kreischte die Menge und etliche flohen in Panik.

Tötet die Hexe!", schrie der Priester.

Er schwang seinen Kopf herum, nur um zu sehen, wie einer der Männer seiner Mutter die Kehle durchschnitt. Er konnte das Blut schmecken, das den Boden tränkte, obwohl er Meter von ihr entfernt war. Das Leben wich aus ihren liebevollen Augen. Kälte verschlang seine Gedanken wie ein Gewitter. Er richtete sich auf so weit er konnte – was überraschender Weise recht hoch war – und stieß mit einem Zischen auf den Priester nieder, seine Zähne in seine Kehle schlagend. Er pumpte sein Gift in ihn, bis er fiel, ihn mit sich zu Boden reißend. Dann wand er sich um den Hals eines der Männer, bis dass er Knochen splittern fühlte. Er kämpfte, bis nichts mehr Lebendes, Atmendes in seiner Umgebung zu finden war. Dann floh er ins Unterholz, die toten Körper hinter sich zurücklassend.

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Narcissa warf die Phiole quer durch den Raum und brach schluchzend zusammen. „Es hilft nicht. Warum hilft es nicht? Ich habe alles probiert, was ich kann!"

Tigris warf sich unruhig auf dem Bett hin und her, seine Haare schweißnass. Hin und wieder murmelte er unzusammenhängende Worte vor sich hin, teilweise in Parsel. Offensichtlich halluzinierte er.

„Du musst Severus rufen.", flüsterte sie schließlich. „Es kümmert mich nicht, was er denkt. Er ist der einzige, der uns noch helfen kann."


A/N: Hillaria of Kent und ihr Gedicht stammen aus „Snakes and Lions" von GatewayGirl.

Vielen Dank für eure Reviews an: Lara-Lynx, Lyonessheart, YanisTamiem, blablabla, Honigdrache, Angie, Little Nadeshiko, Lady-Claw, Kylyen, Nissa7, Igonia

Lara-Lynx: Alles was du geschrieben hast ist richtig, bis auf eins. Jetzt würdest du gerne wissen, was das eine ist... ich sag's dir nicht. :P Pansy hat die Narben einfach ignoriert und Tigris hat nicht daran gedacht.

Lady-Claw: Nein, ein Teil basiert auf einem realen Yuleritual. Die Kammer ist von New Grange inspiriert.

Igonia: Malfoy Manor befindet sich in Wiltshire... Von daher nicht zufällig ähnlich. Ich finde es toll, dass es dir aufgefallen ist! (Die Autostraße ist ein starker Hinweis ;-) ) Ja, sie meinte Sirius. Irgendwann wird sich alles aufklären...