Disclaimer:
Harry Potter gehört JKR.
Du würdest einen guten Roboter abgeben.
Ah, aber ein Roboter hätte nicht so viel Spaß daran, dich zu ärgern!
Schatten der Wahl
39. Tief in Hogwarts
Am Dienstagmorgen kam zu Tigris' Überraschung Sceolaing mit einem Paket in den Klauen zum Frühstückstisch geflogen. Tigris hatte den Eulerich nicht mehr gesehen, seit er ihn vom Malfoy Herrenhaus aus vorausgeschickt hatte. Neugierig löste er das Paket aus Sceolaings Klauen und fütterte ihn mit etwas Toast vom Frühstückstisch. An das Paket war eine Pergamentrolle gebunden. Tigris brach das Siegel und entrollte sie.
„Ein Bestellformular von Madame Malkin's? Hat Mutter dich angesteckt?", fragte Draco, der über Tigris' Schulter geblickt hatte, spöttisch.
Tigris runzelte verwirrt die Stirn. Es sah nicht wie ein Bestellformular aus.
An unseren hochgeschätzten Geschäftsfreund, begann das Pergament.
Sorge dich nicht, keine uneingeweihten Augen werden fähig sein, dies zu lesen. Wir sind sicher, du wirst diese neuere Erfindung von uns zu schätzen wissen. Vielen Dank für deine Weihnachtsgrüße, sie wurden gutem Nutzen zugeführt. Wir hoffen, desgleichen geschieht mit unseren.
Tigris grinste flüchtig. Er hatte sich schon gewundert, dass keine Antwort von den Zwillingen kam. Der Brief ging noch weiter, aber es war zu auffällig, ihn am Frühstückstisch zu lesen. Tigris würde das Paket später in seinem Zimmer öffnen, und den Brief in Ruhe zu Ende lesen. Er packte beides in seine Tasche.
„Keine Ahnung, vielleicht hat Mutter es geschickt.", sagte er laut. „Ich muss zu Runen. Ich werde später nachsehen."
Tigris stand auf und ging, um weiteren Fragen zu entgehen.
Nach Runen ging er zurück in ihren Raum und öffnete das Paket – nicht ohne vorher ein paar Tricks zu entschärfen, welche die Zwillinge eingebaut hatten. Tigris war nicht danach, erklären zu müssen, warum er plötzlich grüne Haare hatte. Wie er vermutet hatte enthielt es eine Sammlung der neusten Erfindungen der beiden. Tigris räumte das Paket in seine Truhe und setzte sich, um den Brief weiter zu lesen.
Gratulation zu deiner Eule, es ist ein wirklich schlaues Vieh. Wir wollten erst eine Posteule benutzen, um dir dein Paket zu senden, aber da wären wir im Verleih etwas schief angesehen worden. Das Auftauchen deiner Eule machte diese Botschaft um einiges einfacher.
Die Handschriften der Zwillinge waren sich zwar ähnlich, aber es war deutlich zu sehen, wo sie sich abgewechselt hatten. Tigris grinste schief.
Du bist sehr beschäftigt gewesen haben wir gehört. Der kleine Ronnikins konnte gar nicht aufhören, von dir zu reden. Wie uns zu Ohren kam, hast du es geschafft, an dem einen Tag, nachdem du unser Geschäft verlassen hast, einer von Voldis meistgeschätzten Todessern zu werden. Wie machst du das nur, Kumpel? Für die ewig lange Zeitspanne von 0,1 Sekunden waren wir ehrlich besorgt um dich, aber schließlich konnten wir uns zusammenreißen.
Tigris lachte auf. Die Art der Zwillinge machte es unmöglich, sich lange über etwas zu ärgern, und Rons Ansicht war schließlich kein Geheimnis für ihn.
Da du nun gewissermaßen an der Quelle sitzt… mitten im Schlangennest… kannst du deinen alten Partnern einen kleinen Gefallen tun? Stell eine Schale mit unseren Süßigkeiten in den Gemeinschaftsraum. Bitte! Du würdest uns einen langjährigen Traum erfüllen. Wir wissen es ist viel verlangt, aber wir konnten die Chance, dich zu fragen, nicht vergehen lassen. Sag uns nur, womit wir dich bestechen sollen! Wir hoffen, bald von dir zu hören. Grüß das Jarvey von uns.
Strauchle nicht vom Pfad der Untugend, denn wir sind dir schon stolz darauf voran geschritten. G & F
Tigris legte den Brief lächelnd beiseite und warf einen nachdenklichen Blick auf seine Truhe. Er würde die Zwillinge wohl enttäuschen müssen, was die Sache mit den Süßigkeiten anging. Andererseits, wenn sie ihn ausreichend bestachen… Tigris lachte auf. In dem Paket waren auch einige Bögen Pergament gewesen, die nur von ihnen und ihm gelesen werden konnten. Es gab Zauber, die ähnliches bewirkten, aber wenn die Zwillinge ihr Genie darangesetzt hatten, war es vermutlich narrensicher. Tigris würde es sich nicht entgehen lassen, ihnen zurückzuschreiben.
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In Tränken begannen sie zu Tigris' Freude mit genau den Tränken, von denen Toth zuvor gesprochen hatte. In der ersten Stunde sollten sie einen Trank brauen, mit dem man einen Portschlüssel über geringe Distanzen erzeugen konnte. Snape versicherte ihnen allerdings, dass der Trank alleine keinerlei Wirkung haben würde. Tigris las sich das Rezept sehr genau durch, bevor er begann. Der Trank war nicht besonders schwierig, was ihn erstaunte. Nach allem, was Toth erzählt hatte, hatte er gedacht, es wäre komplizierter. Als Tigris fertig war füllte er etwas von dem Trank in eine Phiole, räumte seinen Arbeitsplatz auf und lehnte sich dann zurück, um sich im Tränkebuch die Rezepte verwandter Tränke durchzulesen. Zu seiner Überraschung waren nur wenige vor ihm fertig geworden, aber Tigris maß dem nicht viel Bedeutung bei. Die meisten bindenden Tränke waren erstaunlich einfach. Einige enthielten seltene oder schwierig herzustellende Zutaten, aber das war schon alles. Etliche der Tränke, die sie in ihrem dritten Jahr gebraut hatten, fand er schwieriger. Wahrscheinlich wurden sie nur so spät durchgenommen, weil sie fortgeschrittenes Wissen aus anderen Fächern erforderten.
Snape testete alle Tränke die eingereicht wurden. Als der Unterricht zu Ende war, bat er Tigris zurückzubleiben. Tigris gehorchte besorgt. Es beunruhigte ihn, weil er überzeugt gewesen war, dass sein Trank korrekt war. Normalerweise hatte er zumindest eine Ahnung, was er falsch gemacht hatte. Es bestand natürlich die Möglichkeit, dass sein Trank in Ordnung war, und Snape über etwas anderes mit ihm reden wollte. Das was in den Ferien geschehen war, oder das, was davor geschehen war. Tigris wusste nicht, was ihm mehr Unbehagen einflösste.
Snape hielt die Phiole, die Tigris eingereicht hatte, in der Hand, und drehte sie nachdenklich zwischen den Fingern. „Haben Sie während der Ferien geübt?", fragte er, als die anderen gegangen waren.
„Nein, Sir.", sagte Tigris überrascht. „Warum?"
Snape musterte ihn und stellte die Phiole auf den Tisch. „Ihr Trank ist perfekt, ich komme nicht umhin, Ihnen ein O zu geben. Ich würde Ihnen gratulieren, aber das überraschende an dieser Entwicklung lässt mich vermuten, dass es sich nur um Zufall handelt. Sie schienen mir konzentrierter als sonst, ist das richtig?"
Tigris blinzelte verwirrt und überlegte. „Vielleicht. Aber der Trank kam mir einfacher vor als die, die wir bisher durchgenommen haben. Ich habe nicht wirklich darüber nachgedacht."
Snape zog die Brauen hoch. „Tatsächlich? Nun, ich hoffe, dass es nicht nur eine Ausnahme war. Wenn Sie so weiter machen, kann ich sie aus der Nachhilfe herausnehmen."
„Danke.", sagte Tigris verblüfft. „Aber ich muss ehrlich sagen, ich weiß nicht, was ich anders gemacht habe als sonst."
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„Schreib ihnen, sie können mich ebenfalls.", meinte Draco, nachdem Tigris ihm den Brief der Zwillinge vorgelesen hatte. Natürlich nicht, ohne vorher ihren Raum abzuschirmen. Tigris war dabei, zu überlegen, ob es eine Möglichkeit gab, das permanent zu tun. Es würde ihm zusätzlich etwas praktische Erfahrung für Runen und Zaubertränke geben. Sein Bruder durchforstete das Paket der Zwillinge. „Glaubst du, wir können etwas davon zu den Gryffis schmuggeln?"
Tigris grinste. „Die Weasleys werden merken, wo es herstammt. Leider gibt es das meiste davon noch nicht zu kaufen." Die Zwillinge hatten zu den meisten der Sachen eine Notiz geschrieben. Die, bei denen sie es nicht getan hatten, betrachtete er mit äußerster Vorsicht.
„Welchen Nutzen haben sie dann?", fragte Draco missmutig. „Wenn wir sie benutzen, werden sich später alle wundern, wo wir sie herhatten."
„Wir dürfen uns eben von niemandem erwischen lassen.", entgegnete Tigris.
Draco verzog das Gesicht. „Das macht es unnötig kompliziert, und wir ernten keinen Applaus."
„Es wird sich sicher eine Gelegenheit ergeben, zu der wir sie nützlich finden.", erwiderte Tigris, und beendete seinen Brief.
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Sie waren auf dem Weg zu Zauberkunst, als sie vor sich einen Tumult hörten. Als sie um die Ecke bogen, sahen sie eine Gruppe Erstklässler aus ihrem Haus, die sich mit einigen Gryffindors und Ravenclaws der gleichen Stufe ein Duell lieferten. Das Duell war allerdings sehr einseitig. Einer der Slytherins war von einem Impedimenta getroffen worden, und ein anderer verlor gerade seinen Stab durch einen gut gezielten Expelliarmus.
„Was geht hier vor?", rief Draco aufgebracht.
„Sie haben uns angegriffen!", antwortete einer der Slytherins sofort.
„Das ist nicht wahr!", schrie einer der Gryffindors. „Sie haben angefangen!"
„Ich werde euch bei euren Hauslehrern melden.", sagte Draco kühl, an die Gryffindors und Ravenclaws gewandt. „Ihr wisst genau, dass Zaubern in den Gängen verboten ist!"
„Aber sie haben angefangen!", protestierte der Gryffindor, der offenbar der Anführer der Gruppe war. Die anderen betrachteten sie mehr oder weniger unsicher.
„Ich habe nur euch zaubern sehen.", entgegnete Draco hämisch. „Ihr könnt sicher sein, dass ihr dafür Punkte verliert."
„Aber das ist unfair! Typisch Slytherin!"
„Und noch mehr Punkte, weil ihr keinen Respekt vor einem Vertrauensschüler habt."
Der Gryffindor warf Draco einen bösen Blick zu.
„Also, wie heißt ihr?", fragte der ungerührt. Sie antworteten widerwillig, und Draco schrieb sie auf.
„Wo habt ihr überhaupt diese Zauber gelernt?", fragte Tigris eine der Ravenclaws.
„In der DA.", antwortete sie trotzig. „Und wir lernen da noch viel mehr!"
„Wenn ihr lernt, andere Mitschüler anzugreifen und die Schulregeln zu verletzen, sollten wir vielleicht mal mit dem Schulleiter reden.", sagte Pansy bissig. Das Mädchen wurde rot und presste ärgerlich die Lippen zusammen.
Draco steckte das Papier mit den Namen ein. „Das war's. Wir haben keinen Grund, uns noch länger mit euch abzugeben, verschwindet."
Das musste er den Kindern nicht zweimal sagen. Theodore und die anderen hatten inzwischen die Wirkung der Verwünschungen aufgehoben.
„Geht es euch besser?", fragte Draco.
Die Erstklässler nickten. „Wirklich, sie haben uns völlig ohne Grund angegriffen.", sagte der, der auch zuvor schon gesprochen hatte.
Draco grinste flüchtig. „Kommt schon, wir sind hier unter uns."
„Fein, vielleicht haben wir sie ein wenig provoziert.", gestand der Junge. „Aber sie haben angefangen, uns zu verhexen!"
„Ich habe von Anfang an gewusst, dass dieser Klub nur Unglück bringt.", meinte Pansy.
Theodore nickte. „Ron Weasley bringt ihnen sicher nicht bei, Streitereien zu vermeiden."
„Ich werde mit Professor Snape darüber sprechen.", sagte Draco. „Aber ich habe keine große Hoffnung, dass das etwas ändern wird."
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„Meister!"
Es war Samstagnachmittag nach Kräuterkunde. Tigris hatte den Vormittag mit Draco Schwertkampf geübt... etwas, für das er noch immer nicht das geringste Talent besaß. Nun war er alleine in ihrem Raum, in „Taliesin und die Hexen von Salem" vertieft. Er näherte sich langsam dem Ende des Buches. Gerade hatte er über Melusina gelesen, eine Hexe, die um 1500 herum Frankreich in Atem hielt. Tigris war nicht mehr weit von der Geschichte Grindelwalds entfernt. Es überraschte ihn, als Sarin plötzlich unter der Tür hervor geschossen kam, und sich aufgeregt zu ihm hinüber schlängelte.
„Kommt mit mir, ich muss euch etwas zeigen!"
Tigris zögerte einen Moment, aber seine Neugier siegte, und er stand auf.
„Komm her!" Sie wand sich um seinen Arm. Bevor sie nach Hogwarts zurückgekehrt waren, hatte Tigris mit Draco zusammen geübt, nicht Parsel zu reden, wenn er die Schlange ansprach. Es war schwerer, als Tigris gedacht hatte, besonders da er zu Beginn nicht merkte, wenn er in die andere Sprache wechselte. Zum Glück hatte er es einigermaßen in den Griff bekommen. Tigris verließ die Slytherinräume mit Sarin auf dem Arm. „Wohin?", flüsterte er.
„Nach links!", zischte die Schlange. Tigris folgte ihren Anweisungen und gelangte bald in einen Teil von Hogwarts, den er noch nie zuvor gesehen hatte. Es gehörte offenbar noch immer zu den Kerkern, aber die Porträts wurden seltener und verschwanden schließlich ganz. Die Decke wurde niedriger und Tigris fragte sich, ob sie bereits unter dem See waren. Seit einer Weile hatten keine Seitengänge mehr von dem Gang, in dem er sich befand abgezweigt, sonst wäre er längst umgekehrt. Tigris wusste sehr gut, dass man sich in Hogwarts verirren konnte.
„Hier.", zischte Sarin schließlich. Tigris blieb verwirrt stehen. An der Stelle, an der er sich befand, war nichts Besonderes. An den Wänden rechts und links von ihm befanden sich Ornamente, wie sie in diesem Teil der Burg häufiger zu sein schienen. Sarin schlängelte sich an ihm herunter zu Boden. „Folgt mir!" Sie kroch auf die Wand links von ihm zu und verschwand darin.
„Sarin!", rief Tigris besorgt. Er kniete sich hin und tastete die Wand ab, wo sie verschwunden war, aber konnte nichts Ungewöhnliches finden. Er sprach einen Analysezauber auf die Wand, falls sich eine Tür dahinter verbarg, aber der Zauber ergab nichts. Stirnrunzelnd tastete Tigris das Ornament ab, drückte dagegen – nichts. Einen Augenblick später tauchte Sarin genauso mysteriös wieder auf, wie sie verschwunden war.
„Wo warst du?", fragte er vorwurfsvoll.
„Ihr müsst mir folgen!", erwiderte Sarin ungeduldig, sich erneut zu der Wand wendend.
„Wie denn?", fragte Tigris ärgerlich. „Da ist keine Tür!"
„Natürlich ist da eine Tür!", entgegnete die Schlange. „Ihr müsst ihr sagen, dass sie sich öffnen soll!"
„Öffne dich!", sagte Tigris, sich ein wenig albern vorkommend. Nichts geschah. Er tippte mit seinem Stab gegen die Wand. „Öffne dich!" Wieder geschah nichts.
„Ihr müsst es ihr richtig sagen!", zischte Sarin.
„Wie denn?", entgegnete Tigris ungeduldig. Er deutete mit seinem Stab auf die Wand. „Alohomora! Patefacio! Diffindo!" Keiner seiner Zauber wirkte.
„Nein! Ihr müsst es ihr nur sagen!" Sarin wand sich gereizt vor ihm. „Es ist ganz einfach."
Tigris sah sie ungehalten an. „Ich habe es ihr bereits gesagt!", entgegnete er, vor Zorn in Parsel wechselnd. „Es funktioniert nicht. Sieh her: Öffne dich!"
Im selben Moment, in dem er das sagte, ertönte ein knirschendes Geräusch. Tigris wich erschrocken einen Schritt zurück.
„Endlich!", rief Sarin, und entschwand durch den entstandenen Spalt.
Tigris trat vorsichtig auf die Wand zu. Ein Teil des Ornaments hatte sich nach vorne bewegt. Er zwängte zögernd seine Finger in den Spalt und zog. Langsam und knirschend öffnete sich der Spalt weiter und der Teil der Wand, auf dem sich das Ornament befand, schwang ihm entgegen. Es war tatsächlich eine Tür. Dahinter war es dunkel. Tigris atmete tief durch und drängte sich zwischen den Steinen hindurch. Bevor er es verhindern konnte, schloss sich die Tür wieder und er befand sich in völliger Dunkelheit.
Tigris hob seinen Stab. „Lucesce!" Der Raum in dem er war füllte sich mit Licht. Was immer er erwartet hatte, es war etwas Aufregenderes gewesen. Er befand sich in einem etwa viermal vier Meter großen, leeren Raum. Rechts und links hangen insgesamt zwei mannshohe Bilderrahmen, in denen sich jedoch nur graue Leinwand befand. In die Wand vor ihm war ein Steinrelief gemeißelt. Es zeigte eine Schlange und einen Dachs, die sich umkreisten.
„Hier, Meister!", ertönte Sarins Stimme.
Tigris sah sich um und fand seine Schlange in der Nähe des Reliefs. Neben ihr lag ein erstaunlicherweise nicht verstaubtes Buch. Tigris hob es neugierig auf. Es war offensichtlich alt. Es war in gewachstes Leder eingeschlagen und als er es aufschlug fühlte er die ungleichmäßige Textur von Papyrus. Doch die Seiten waren so gut erhalten, als wäre es neu. Überhaupt schien dieser Raum von der Zeit unberührt geblieben zu sein. Man sah weder Staub noch Spinnweben. Tigris schlug die erste Seite des Buches auf.
„Tränke.", stand da einfach und simpel, in einer gestochenen Handschrift, die Tigris vage bekannt vorkam.
„Was ist das für ein Buch?", fragte er Sarin.
„Es gehört Euch.", antwortete die Schlange in einem triumphierenden Tonfall. „Ihr habt es gefunden, nun gehört es Euch."
„Ja, aber was ist das für ein Buch?"
„Mein Lord hat es geschrieben."
Tigris sah das Buch verblüfft an und erinnerte sich plötzlich, woher er die Handschrift kannte. Es war die Handschrift von Salazar Slytherin. Er strich ehrfürchtig über den alten Band. Das Buch war um tausend Jahre alt! Zweifellos waren es Zauber, die es in einem so guten Zustand erhalten hatten. Es war unschätzbar.
„Danke, Sarin.", sagte er ehrlich. „Wie hast du es gefunden?"
„Ich wusste es.", erwiderte Sarin einfach. Tigris fragte nicht weiter nach. Es gehörte offenbar zu dem seltsamen Wissen, von dem die Schlange selbst nicht wusste, dass sie es besaß.
Tigris sprach einen Zauber, der dem Buch das Aussehen eines gewöhnlichen Tränkebuchs verlieh. Sarin kroch wieder auf seinen Arm. Die Tür öffnete sich auf einen erneuten Befehl in Parsel hin. Tigris drückte das Buch an sich und eilte zu den Slytherinräumen zurück. Er konnte nicht abwarten, es zu lesen. Vielleicht würde es ein paar der Rätsel lösen, die ihn beschäftigten.
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Tigris verbrachte den Großteil des Sonntags damit, das Buch zu studieren. Die Tränke, die es enthielt waren ausgesprochen komplex. Snape wäre sicher begeistert gewesen, hätte er es in die Hände bekommen. Die Rezepte standen in keinem anderen Tränkebuch, das Tigris kannte, und er hatte viele gelesen. Von einigen hatte er bereits gehört und wusste, dass sie als vergessen galten. Manche waren unmöglich zu brauen, da die Tiere oder Pflanzen, die darin verwendet wurden, inzwischen ausgestorben waren. Andere waren zumindest fragwürdig. Es war sicher nicht legal, ein lebendes Demiguise in einem Trank zu verwenden, auch wenn dieser einen für vierundzwanzig Stunden unsichtbar machte.
Tigris brauchte einige seiner anderen Bücher, um Methoden oder Bestandteile der Tränke nachzuschlagen, und kam daher nur sehr langsam voran. Irgendwann während des Tages sah Pansy herein und versuchte, ihn zu einem Spaziergang zu bewegen, aber Tigris wies sie ungeduldig ab. Ihm war nicht danach zu schmusen, wenn er etwas viel Wichtigeres zu tun hatte. Sie schmollte, aber ging schließlich.
Gegen Abend stieß Tigris auf einen Trank, der ihn zugleich faszinierte und erschreckte. Der Protean - Trank. Als Tigris den Namen las, dachte er sofort an den Zauber, den Hermione angewandt hatte, um die Münzen für die DA zu verzaubern. Slytherin hatte zu jedem der Tränke eine Einleitung geschrieben. Teilweise hatte er sie selbst verfasst, teilweise war es das, was die Tränkemeister, die die Tränke entwickelt hatten, darüber geschrieben hatten. Es war mindestens so interessant wie die Tränke selbst. Bei dem Protean -Trank stand, dass er seit der Antike von Geheimgesellschaften verwendet worden war, um unauffällig miteinander zu kommunizieren. Als aktuelles Beispiel dafür wurde ein Geheimbund namens Rosae Crucis genannt. Es war eine Gemeinschaft von Muggeln mit Verknüpfungen mit Zauberern und Hexen. Der Name kam Tigris vage bekannt vor, aber er hielt sich nicht lange damit auf.
Das Interessante an dem Trank war, dass er kein Objekt mit dem Proteanzauber belegte, wie es Hermione getan hatte. Stattdessen erzeugte er eine Verbindung zwischen allen, die einen Schluck des Trankes aus einem bestimmten, mit Runen versehenen Gefäß tranken, oder aber einem Gefäß, das ein Objekt mit den Runen enthielt. Bei Rosae Crucis war dies ein Pokal mit einem stilisierten RC darauf gewesen. Es erforderte nur einen einfachen Zauberspruch von dem, der das Ritual vollzog, um ein Mal mit diesem Symbol auf dem Handgelenk dessen erscheinen zu lassen, der den Trank zu sich genommen hatte. Es bewies jedem, dass derjenige ein vollwertiges Mitglied des Ordens war. Es gab noch etliche Modifikationen des Trankes, aber das war zunächst unwichtig. Was Tigris so verblüffte, waren die offensichtlichen Parallelen zu dem Dunklen Mal. Derjenige, der das Ritual vollzogen hatte, war in der Lage, die Male zu beeinflussen. Er musste nur selbst ein Mal besitzen, oder aber Kontakt zu dem eines anderen haben. Tigris hatte gesehen, wie der Dunkle Lord Pettigrews Mal benutzt hatte, um die anderen Todesser zu rufen. Nirgendwo stand, dass das Mal gebrannt hatte, aber es gab sicher Wege, es zu verändern, damit es das tat. Er nahm nicht an, dass der Dunkle Lord dieses Buch besessen hatte, denn einige Tränke daraus hätte er sicherlich ausprobiert, und sie waren zerstörerisch genug, dass man davon wissen würde. Doch auch Slytherin hatte das Rezept nur abgeschrieben, es gab sicherlich noch andere Kopien. Je mehr Tigris darüber nachdachte, desto sicherer war er – dies war die Methode, mit der das Dunkle Mal erzeugt wurde. Er würde Snape oder seinen Vater fragen müssen, um es genau herauszufinden, aber er hatte kaum Zweifel. Was noch interessanter war, waren einige der Modifikationen. Tigris war ziemlich sicher, dass der Dunkle Lord davon nichts gewusst hatte. Eine bewirkte beispielsweise, dass das Mal nur für Mitglieder der Gemeinschaft sichtbar war. Wenn der Lord davon gewusst hätte, wäre Snape sicher nicht in der Lage gewesen, sein Mal Fudge zu zeigen.
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Tigris hatte die Freistunden am Montag damit verbracht, in letzter Sekunde seine Hausaufgaben zu erledigen, da er sie am Sonntag vollkommen vergessen hatte. Er kam einige Minuten zu spät in Hatkees Klassenraum an, und war überrascht, nur Draco und Blaise dort zu finden.
„Wo sind die anderen?", fragte er atemlos, halb verwundert, halb erleichtert, dass Hatkee noch nicht da war.
„Keine Ahnung.", erwiderte Blaise. „Daphne und Tracey sind nach dem Essen in eine andere Richtung abgebogen. Ich weiß nicht, was sie noch vorhatten."
Tigris hatte das Mittagessen zugunsten der Hausaufgaben ausfallen lassen und nur ein Sandwich gegessen. „Fein.", sagte er schulterzuckend. „Dann habe ich wenigstens Zeit, mir das Thema nochmals durchzulesen." Draco rollte mit den Augen.
„Es ist ein interessantes Thema.", meinte Blaise. „Voodoo, meine ich. Es ist ein Gebiet, mit dem sich meine Eltern nicht soviel beschäftigen. Ein Grund dafür ist, dass die alten afrikanischen Zaubererfamilien ihre Geheimnisse nicht gerne teilen. Ich habe gehört, sie benutzten es, um die Muggel glauben zu machen, dass sie Götter seien. Die Zauberer in Afrika und Indien waren für sehr viel längere Zeit mächtig, als hier in Europa. Erst der Fortschritt der Kolonialisierung zwang sie dazu, sich unserer Praxis der Geheimhaltung anzuschließen."
„Ich sollte Ihnen dafür einen Punkt geben, aber leider geht das an unserem Thema vorbei.", sagte eine Stimme von der Tür her.
Sie drehten sich um, und sahen Professor Hatkee in der Tür stehen. Sie sah sie amüsiert an. „Der Unterricht findet heute in einem anderen Raum statt. Kommen Sie, die anderen sind bereits da."
Sie wechselten verwirrte Blicke und standen auf. „Woher haben sie es gewusst? Sie hatten es nicht angekündigt.", fragte Draco verstimmt.
Hatkee lächelte nur und ging ihnen voran in Richtung der Kerker. „Sie haben geschummelt, nicht wahr?", meinte sie beiläufig.
Tigris warf Blaise einen verblüfften Blick zu, dem sie genauso verblüfft begegnete. Dann grinsten sie flüchtig hinter Hatkees Rücken.
„Wie kommen Sie darauf?", fragte Draco gekonnt entrüstet.
Hatkee lachte. „Professor Snape war so freundlich, uns für diese Stunde einen seiner Klassenräume zur Verfügung zu stellen." Sie öffnete die Tür. „Eintreten bitte."
Vor ihnen saßen die anderen Kursteilnehmer und blickten sie teils schadenfroh, teils überrascht an. Sie setzten sich und sahen die Lehrerin besorgt an. Hatkee setzte sich lässig auf das Pult. „Ihre Klassenkameraden würden gerne wissen, woher Sie wussten, dass diese Stunde hier stattfindet."
„Das ist doch offensichtlich.", rief Ron.
„Tatsächlich?", meinte Hatkee mit hochgezogenen Augenbrauen. „Und warum ist das so?"
„Etwas sagte mir, dass es richtig ist.", antwortete Ron.
„Aha. Was ist mit Ihnen, Miss Greengrass?"
„Wir wussten es einfach.", sagte Tracey.
„Etwas sagte es Ihnen? Sie wussten es einfach?", fragte Hatkee spöttisch. „Kommt Ihnen das nicht ein wenig unlogisch vor?"
„Nun, da Sie es sagen… ja.", meinte Hermione nachdenklich. „Aber warum hielten wir es bis jetzt alle für normal?"
Hatkee grinste. „Ich verrate Ihnen etwas. Ihre drei Klassenkameraden haben betrogen. Was immer sie in die Phiolen gefüllt haben, es war nicht ihr Blut. Leugnen Sie es nicht!", sagte sie zu Draco gewandt, der den Mund geöffnet hatte, um zu protestieren. „Ich weiß es besser. Normalerweise würde ich dafür Punkte abziehen, aber in diesem Fall muss ich wohl welche zuerkennen. Fünf Punkte für jeden von Ihnen, Misters Malfoy, Miss Zabini." Der Rest der Klasse wirkte empört. Hatkee hob die Hand. „Kann mir jemand erklären, warum?"
Blaise hob sofort die Hand.
„Ja, Miss Zabini?"
„Weil man niemals jemand Unbekanntem sein Blut geben sollte.", erwiderte Blaise. „Offensichtlich haben Sie es benutzt, um sie zu beeinflussen."
„Sehr richtig. Zwei Punkte an Slytherin.", sagte Hatkee zufrieden. „Sie sollten niemals jemandem eine solche Macht über sich geben, welche Position er auch innehaben mag. Ich hatte für diesen Test die Erlaubnis von Dumbledore, aber ich hätte auch etwas viel Gefährlicheres damit anfangen können, als sie in einen unbekannten Klassenraum zu leiten. Das Ritual, das dies bewirkt hat, heißt ‚Loas Stimme'. Ich habe es benutzt, um Sie glauben zu machen, dass Sie in diesen Klassenraum kommen sollten, anstelle in den, in den Sie eigentlich gehen wollten. Keiner von ihnen hat dem Widerstand geleistet, da keins Ihrer Gefühle dem entgegen sprach. Andernfalls wäre es schwieriger geworden, doch unterschätzen Sie nicht die Gefahr dieses Zaubers. Ich hätte Ihnen einreden können, einer Person zu vertrauen, die Sie nie zuvor gesehen haben, etwas zu begehren, was Sie nicht interessiert, selbst den Schutz von Hogwarts zu verlassen."
„Das ist nichts anderes, als der Imperiusfluch!", rief Hermione entrüstet.
Hatkee nickte ernst. „Ja, es ist sehr ähnlich. Der Unterschied ist, dass man das Blut der Person benötigt, die man beeinflussen will, und dass der Einfluss leichter zu brechen ist. Wie gesagt, Sie hatten keinen Grund, mir etwas entgegenzusetzen, sonst wäre es vielleicht anders ausgegangen. Dennoch, ein Punkt an Gryffindor." Sie deutete auf einige Kessel hinter sich. „Ich habe diesen und einige ähnliche Tränke gebraut. Ich möchte, dass Sie sie sich genau ansehen, damit sie sie wieder erkennen. Zumindest diejenigen unter Ihnen, die vorhaben, Auroren zu werden, werden dieses Wissen gut gebrauchen können."
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Am Abend schlug Tigris in Slytherins Tränkebuch nach und fand schnell den Trank, den er gesucht hatte. ‚Gesang der Sirenen', hieß der Trank, der exakt das bewirkte, was Hatkee beschrieben hatte. Wie sie gesagt hatte, benötigte man drei Tropfen Blut des Opfers, um ihn wirken zu lassen. Tigris ließ das Buch nachdenklich sinken. Auch einige der anderen Tränke waren in dem Buch beschrieben, allerdings unter anderem Namen. Beunruhigend, wenn man darüber nachdachte. Er beschloss, sich den Raum, in dem er das Buch gefunden hatte, nochmals anzusehen. Vielleicht gab es noch mehr darin zu entdecken, als nur leere Bilderrahmen?
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Tigris nutzte den Dienstagvormittag, während Draco Arithmantik hatte, um in den Raum zurückzukehren. Sarin nahm er natürlich mit. Nach einigem Überlegen sah er sich das Ornament mit der Schlange und dem Dachs genauer an.
„Öffne dich!", befahl er schließlich.
Es öffnete sich keine Tür, wie es zuvor geschehen war, aber die Schlange in dem Relief begann sich zu bewegen und blickte ihn an.
„Wer spricht zu mir und erweckt mich aus meinem Schlaf?"
Sie klang aggressiv, und Tigris trat vorsichtshalber einen Schritt zurück. Sarin kroch aus seinem Ärmel und begegnete dem Blick der Schlange.
„Der Herr einer Schlange Slytherins."
„Fürwahr?", entgegnete die Schlange in einem erheiterten Tonfall. „Was wollt Ihr von mir, Schlangenmeister? Wisst Ihr, was Ihr wollt?"
Aus einem ihm unbekannten Grund kamen Tigris die Worte plötzlich von selbst auf die Zunge. „Slytherin, Größter der Vier von Hogwarts, öffnet Eure Türen für mich."
Die Schlange schien zu lächeln. „Ich habe auf Euch gewartet, Schlangenmeister. Mögt Ihr erfolgreich sein, wo ich versagte." Damit kehrte die Schlange in ihre vorige Position zurück und schloss die Augen. Das Ornament zerfiel. An seiner Stelle entstand eine eisenbeschlagene Holztür, in die eine Schlange geschnitzt war, deren Körper ein ‚S' bildete. Sie sprang auf. Tigris stieß sie ganz auf und sah auf eine steinerne Treppe, die in die Tiefe führte.
Vielen Dank für eure Reviews an: hbt3, HermyBookworm, Esta, betzi, Fairylein, YanisTamiem, LaraAnime, Lady-Claw, Igonia
HermyBookworm:
(1)380 n.C. (hab ich glaub ich schon mal gesagt).
Meiner Meinung nach ist Hatkee im Groben chemisch korrekt. Eis hat eine geringe Entropie im Vergleich zu Wasser, und die Entropie nimmt immer zu... Andererseits ist es auch von Hatkees Seite nur eine Theorie...
(2)Ich habe einige wunderbare Interpretationen der Prophezeiung bekommen, und deine gehört ganz bestimmt dazu. Zu schade, dass ich nicht mehr verraten kann... :-)
(3)Jarvey... ha, ha, ich habe so gewartet, dass mich jemand danach fragt. Das Wort Jarvey hat mehrere Bedeutungen, aber die, die ich und die Zwillinge meinen stammt aus Newt Scamanders „Fantastische Kreaturen und wo man sie findet" (ich habe wieder mal nur die englische Ausgabe und verbürge mich nicht für die deutsche). Laut Scamander (bzw. Rowling) ist ein Jarvey „...in Großbritannien, Irland und Nordamerika zu finden. Es ähnelt zum größten Teil einem übergroßen Frettchen, ausgenommen der Tatsache, dass es sprechen kann. Wirkliche Unterhaltung übersteigt allerdings die Intelligenz des Jarveys, so dass es sich normalerweise damit begnügt, kurze (und meistens beleidigende) Sprüche in einem nicht enden wollenden Strom von sich zu geben."(FANTASTIC BEASTS AND WHERE TO FIND THEM, S.22)
(4)Du hast also das Original gefunden, aber es hatte schon einen Sinn, dass ich einen Teil weggelassen habe! Taliesin ist nicht Merlin, falls du dich das fragst, und Gwion gibt es in meiner Geschichte nicht.
(5) Wer sagt dir, dass Tigris das Buch schon ganz gelesen hat? Binns... da hat Tigris erstmal andere Probleme.
Esta: Nein, auch wenn ich ein wenig über Voodoo weiß, ist es hier vollkommen ausgedacht. In meinem Universum ist ein großer Unterschied zwischen ‚Zauberer'-Voodoo und ‚Muggel'-Voodoo.
Fairylein: Es war Bellatrix Lestrange (2) auf Seite 3. Was Lucius und Narcissa betrifft... das stimmt nicht ganz. Sagt die deutsche Übersetzung ‚die Stirn geboten'? Im Englischen heißt es ‚defied', was ich mit ‚widersetzt' übersetzt habe.
Igonia: Niemand kann vorhersehen, was in Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterrichtet wird, da jeder Lehrer etwas anderes unterichtet hat. („Hem, Hem... Wir lernen jetzt etwas über Rituale, meine lieben Kinder. Schlagt bitte Kapitel 1 in eurem Buch auf, ‚Warum Rituale Dunkle Magie sind und man sich nicht mit ihnen beschäftigen sollte'" ;-) )
