Disclaimer:

Du wiederholst dich. Harry Potter gehört JKR!

Pedant.


Schatten der Wahl

44. Neubeginn

Tigris war erschöpft, als er in dem Raum mit den zwei leeren Porträtrahmen angekommen war. Am liebsten hätte er sich in einer Ecke zusammengerollt, um zu schlafen. Das einzige, was ihn davon abhielt, war seine Sorge um seinen Bruder. Tigris hatte Draco in der Gedankenwelt verloren. Was, wenn er nicht aufgewacht war? Tigris hatte Draco versprochen, ihn niemals im Stich zu lassen und dieses Versprechen gleich darauf gebrochen. Er seufzte, atmete tief durch und schlurfte aus dem Raum in Richtung Krankenflügel. Der Weg in den ersten Stock kam ihm länger vor als jemals zuvor. Gedankenverloren griff Tigris nach seiner Vertrauensschülerplakette und steckte sie in die Tasche. Wenn Draco wach war, wollte er ihn nicht schon jetzt damit konfrontieren. Draco würde es früh genug erfahren.

Als Tigris den Flügel betrat hörte er Stimmen und verharrte überrascht. Sein Herz schlug schneller vor Freude, als er eine davon als Dracos erkannte. Er rannte trotz seiner Müdigkeit in den Hinterraum und hielt verblüfft inne, als er Hermione sah, die in eine höfliche Unterhaltung mit seinem Bruder verwickelt war. Als sie Tigris bemerkten schwiegen beide abrupt, als hätte man sie bei etwas Verbotenem ertappt.

Draco erwachte als erstes aus seiner Starre und lächelte erfreut. „Tigris!" Er betrachtete Tigris genauer und runzelte besorgt die Stirn. „Was hast du gemacht? Du siehst furchtbar aus."

Tigris grinste. „Wow, danke, Draco. Das Kompliment kann ich zurückgeben. Ich habe nur schlecht geschlafen, das ist alles. Wie geht es dir, ist die wichtigere Frage?"

Draco strich mit den Händen über seine Decke. „Ich bin gerade erst aufgewacht. Granger hat mir gesagt, was passiert ist."

„Du erinnerst dich nicht?", fragte Tigris beunruhigt.

Draco schluckte und wich verlegen seinem Blick aus. „Nicht vollständig…"

Tigris öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Anstatt etwas zu sagen sah er Hermione an. „Eine andere Frage: Was tut sie hier?"

Hermiones Augen verengten sich etwas. „Wie ich schon vorher sagte, ich versuche nur, zu helfen."

„Gut, du hast geholfen, Granger.", kam Draco Tigris mit einer Entgegnung zuvor. „Nun, da dein Clarence Nightingale – Komplex befriedigt ist, kannst du gehen."

Hermione rang empört nach Luft und griff nach ihren Sachen. „Fein. Ich kann es erkennen, wenn ich Perlen vor die Säue werfe. Ich wünsche dir eine unangenehme Genesung, Malfoy. Tschüss." Sie schritt erhobenen Hauptes zur Tür und verneigte sich sarkastisch, als sie an Tigris vorbei kam. „Malfoy zwei." In der Tür verharrte sie noch einmal. „Im Übrigen, Malfoy, es heißt Florence." Die Tür fiel mit einem Knall hinter ihr ins Schloss und Tigris zuckte unwillkürlich etwas zusammen.

„Florenz?", fragte Draco kopfschüttelnd. „Was in aller Welt hat Florenz damit zu tun?"

Tigris starrte noch einen Augenblick Hermione nach. Nach einer Sekunde riss er sich aus den Gedanken und wandte sich wieder Draco zu. „Ich bin froh, dass es dir besser geht."

Draco grinste zufrieden. „Nun…"

„Sie sollten Miss Granger dafür danken.", sagte eine kühle Stimme von der Tür her. „Aber offensichtlich ermangelt es Ihnen beiden an der dazu notwendigen Höflichkeit."

Tigris wandte sich zu Madame Pomfrey um, die zu Draco hinüber ging, um ihn zu untersuchen.

„Und was genau, wenn ich fragen darf, hat Miss Granger mit der Genesung meines Bruders zu tun?", fragte er spöttisch. „Hat sie ihn aus dem Schlaf geredet? Ich dachte immer, sie würde normalerweise das Gegenteil bewirken. Aber oh, ich vergaß, Sie wussten ja von vornherein nicht, was mit ihm los war. Vielleicht hätten Sie Professor Trelawney mit einem ihrer Pendel herbitten sollen…"

Pomfrey sah Tigris stirnrunzelnd an. „Hüten Sie ihre Zunge, Mister Malfoy. Ich bin zwar kein Lehrer, aber ich kann auch Punkte abziehen."

Tigris verneigte sich ironisch. „Wenn Sie mich entschuldigen, Madame… Ich muss meinen Vater benachrichtigen." Er nickte Draco zu, der ihn nachdenklich betrachtete. „Ich komme zurück, wenn ich das erledigt habe."

„Leg dich lieber schlafen.", meinte Draco. „Du siehst aus wie der wandelnde Tod. Madame Pomfrey gibt mir wahrscheinlich ohnehin einen Schlaftrunk. Nicht wahr, Madame?"

Die Medohexe warf Tigris einen kritischen Blick zu. „Ja. Ihr Bruder hat Recht, Mister Malfoy, Sie wirken erschöpft. Legen Sie sich ins Bett. Ich werde ihren Bruder ohnehin nicht vor morgen entlassen."

„Gut.", sagte Tigris zögernd. „Bist du sicher?"

Draco nickte lächelnd. „Geh schon."

„Wie ich sehe sind sie wach, Mister Malfoy.", sagte eine Stimme hinter Tigris, zu Draco gewandt.

Tigris fuhr herum und sah sich Dumbledore gegenüber. Ein Schwall irrationaler Wut erfüllte ihn.

Der alte Mann sah ihn mit einem stechenden Blick an. „Fühlen Sie sich wohl, Mister Malfoy? Sie sehen… schwächer aus als sonst. Sie haben sich nicht vielleicht an ein paar besonders anstrengenden Zaubern versucht? Ich hoffe, Sie sind klug genug zu wissen, dass man das nicht ohne jemandes Aufsicht tun sollte."

„Um die Wahrheit zu sagen: Nein, habe ich nicht.", schnappte Tigris. „Wenn Sie mich entschuldigen würden…" Er ging an Dumbledore vorbei und widerstand dabei der Versuchung, ihn grob zur Seite zu stoßen.

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Nachdem Tigris den Krankenflügel verlassen hatte, ging er zu Professor Snapes Büro, um seinem Vater über Floo Bescheid zu geben. Lucius war nicht zuhause, also hinterließ Tigris eine Nachricht bei den Hauselfen. Seine Mutter schlief offenbar. Professor Snape riet Tigris ebenfalls, zu Bett zu gehen, bevor er zum Krankenflügel ging. Dass Snape nach Draco sah beruhigte Tigris, also befolgte er den Rat und legte sich schlafen.

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Tigris erwachte über zwölf Stunden später mit dumpfen Kopfschmerzen. Als er zum Krankenflügel kam, erfuhr er, dass seine Eltern bereits da gewesen waren. Sie hatten entschieden, dass Draco und er auch den Rest der Ferien in Hogwarts verbringen würden, da Madame Pomfrey Draco noch im Auge behalten wollte. Draco war ausgesprochen schlechter Laune. Er hatte erfahren, dass er seinen Status als Vertrauensschüler verloren hatte. Außerdem hatten die Bemühungen ihres Vaters im Schulrat bisher keine Ergebnisse gezeigt. Es schien, Dumbledore hatte die Schulräte alle gut im Griff. Tigris war nicht minder ärgerlich darüber, aber es half nicht sehr, dass er derjenige war, der das Abzeichen bekommen hatte. Tigris sagte sich, dass Draco sich nach einer Weile beruhigen würde, aber es verstimmte ihn trotzdem. Hinzu kam seine neue Unfähigkeit was Zauber anbelangte. Der Tarnzauber, den er auf die Armschienen gelegt hatte, war während Tigris schlief erloschen. Tigris hatte drei Versuche gebraucht, um ihn zu erneuern. Es reizte ihn ohne Ende. Es war ihm nie zuvor klar gewesen, wie unangenehm es sein konnte, eine Fähigkeit zu verlieren, die man sein ganzes Leben lang selbstverständlich besessen hatte.

Nach einer knappen Stunde wortkarger Unterhaltung mit seinem Bruder wurde es Tigris schließlich zuviel und er ging, um in die Kammer Slytherins zurückzukehren. Er musste etwas gegen die Einschränkung seiner Magie tun, bevor es ihn wahnsinnig machte. Tigris verbrachte den Rest des Tages damit, sich in einen Basiliken und zurück zu verwandeln, bis er die Runen auf den Armschienen so eingestellt hatte, dass er seinem ehemaligen magischen Potential wieder einigermaßen nahe kam. Überraschender Weise erschöpfte es ihn nicht annähernd so sehr, wie sein Zaubern, als die Armschienen noch höher eingestellt waren.

Anstatt danach zum Krankenflügel zurück zu gehen, vertiefte Tigris sich in die Büchern aus Slytherins Bibliothek. Er wollte endlich die Überwachung in Dracos und seinem Schlafraum dauerhaft brechen. Tigris war Dumbledores Einmischungen leid. Außerdem wollte er ungestört in ihrem Raum reden und arbeiten können. Tigris hatte sich vorgenommen, endlich herauszufinden, was er konnte und was Sarin konnte. Er würde Slytherins Erinnerungen analysieren, so dass sie ihn nicht erneut kontrollierten. Er hatte nicht vor, seine Fehler zu wiederholen.

Tigris fand schließlich ein Runenritual, das bewirken würde, was er wollte. Er braute den Trank bis in die Nacht hinein, nahm ihn dann mit nach oben und zog noch bevor er zu Bett ging die Runen damit. Es überraschte Tigris nicht, dass die Fenster dunkler wurden, als er das Ritual vollendet hatte. Sie hellten sich nicht wieder auf.

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Dieses Mal blieb der Tarnzauber über Nacht erhalten. Tigris erneuerte ihn dennoch, zur Sicherheit. Als er zum Krankenflügel kam, war Madame Pomfrey gerade dabei, Draco zu entlassen. Zu Tigris' Erleichterung hatte der Ärger seines Bruders nachgelassen – oder genauer genommen, er hatte sich auf Dumbledore und seine Angreifer konzentriert.

„Was ist mit den Fenstern passiert?", fragte Draco, sobald sie ihren Raum betraten.

Tigris warf den Fenstern einen bösen Blick zu. „Ich habe nur die Einmischung eines alten Mannes unterbunden."

Draco zog die Brauen hoch. „Dumbledore spioniert uns aus? Warum überrascht mich das nicht? Wie hast du es gemacht?"

Tigris zuckte mit den Schultern. „Nur ein Trank und ein paar Runen."

Draco ließ sich auf sein Bett fallen. „Großartig. Jetzt muss ich mir keine Gedanken mehr über einen lüsternen alten Voyeur machen, wenn ich meine Freundin mit hierher bringe."

Tigris verzog das Gesicht. „Bah, daran habe ich gar nicht gedacht."

Sein Bruder lachte. „Also, wie hast du mich aufgeweckt?"

„Was?", fragte Tigris verblüfft.

Draco verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Komm schon, ich weiß, dass du etwas damit zu tun hattest. Du warst zu verdammt selbstzufrieden, als du mit Pomfrey geredet hast. Außerdem erinnere ich mich an dich – vage."

Tigris sah ihn überrascht an, dann nickte er langsam. „Du hast recht." Er setzte sich auf sein Bett und fuhr sich nachdenklich mit der Hand über sein Gesicht. Er wollte Draco nicht alles sagen, aber er wollte ihn auch nicht mehr als nötig anlügen. „Ich habe entdeckt, dass eine gedankliche Verbindung zwischen uns besteht. Vermutlich weil wir Zwillinge sind." Tigris machte eine Pause, um Draco Gelegenheit zu geben, nachzufragen. Als sein Bruder nichts sagte, fuhr er fort. „Ich bin dieser Verbindung sozusagen gefolgt… Ich habe dich gefunden, oder besser ein gedankliches Bild von dir. Du hattest dich in einem Teil deines Geistes eingeschlossen. Ich habe dich nur überzeugt, die Tür zu öffnen. Als du aufgewacht bist, wurde ich hinausgeworfen."

Draco betrachtete ihn nachdenklich. „Ich erinnere mich daran, mit dir geredet zu haben… Es wirkte wie ein Traum. Hat Granger mir Arithmantikhausaufgaben vorgelesen?"

Tigris lachte. „Ja, hat sie."

Draco schüttelte amüsiert den Kopf. „Das kann auch nur ihr einfallen. Diese gedankliche Verbindung… ist das der Grund dafür, dass du mich gefunden hast?"

Tigris nickte. „Du hast sie auch benutzt. Erinnerst du dich an den Tag in der Eulerei?"

„Ja… Ich habe es nicht bewusst getan. Ich habe nie darüber nachgedacht, woher ich wusste, dass du da warst. Verrückt." Draco sah ihn an. „Denkst du, wir könnten sie auch für andere Dinge benutzen? Nun, da wir wissen, dass sie da ist, können wir uns vielleicht in Gedanken unterhalten."

Tigris grinste. „Vielleicht. Aber ich bezweifle es. Ich denke nicht, dass es auf diese Weise funktioniert. Ich muss mich zu sehr konzentrieren, um in deine Gedanken zu kommen. Es ist, als ob man einen langen Pfad entlang läuft. Wenn wir uns unterhalten wollten, müsste sich mindestens einer von uns in Trance befinden."

„Zu schade.", seufzte Draco. „Ich hatte gehofft, wir könnten ein paar Lehrer in den Wahnsinn treiben."

Tigris grinste. „Und vielleicht Dumbledore, als Bonus. Aber ich befürchte, der alte Mann würde nur zwinkern und uns ein Zitronenbonbon anbieten."

Draco schnaubte ärgerlich. „Das alte Fossil. Ich habe ihn nie gemocht, aber seit Neustem verabscheue ich ihn."

„Dem schließe ich mich an."

„Er hat dich zum Vertrauensschüler gemacht."

Tigris hieb mit der Faust auf das Bett. „Wie oft soll ich es noch sagen, ich habe die verdammte Plakette nie gewollt! Denkst du, ich freue mich über die Verantwortung? Ich hatte nie vor, meine Zeit mit dem Bemuttern von Erstklässlern zu vergeuden."

„Ich war froh darüber.", schnappte Draco.

Tigris stand ärgerlich auf. „Wir sollten den alten Narr nicht zwischen uns kommen lassen!"

Draco seufzte. „Ich weiß. Es ist nur… Du bekommst immer alles. Es ist nicht fair."

Tigris lehnte die Stirn gegen den Pfosten seines Bettes und schloss die Augen. „Ich wusste nicht, dass du so fühlst."

„Das tue ich auch normalerweise nicht. Nur manchmal… Warum fallen dir immer alle Dinge in den Schoss? In meinem Leben wird nur alles immer komplizierter…"

Zum ersten Mal seit langem war Tigris in einem Gespräch mit Draco wirklich in Verlegenheit. Er erkannte, dass er es die meiste Zeit als selbstverständlich hingenommen hatte, dass Draco für ihn da war. Es war immer Draco, der ihn unterstützte, ihm Zuspruch gab, wenn er Probleme hatte. Tigris hatte nie wirklich darüber nachgedacht, was sein Bruder fühlte. Er ging in Gedanken noch einmal Dracos Äußerung durch und runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?"

Draco wandte sich ab. „Ist nicht so wichtig…"

Tigris sah ihn an. „Hat das etwas mit deinem neuen Interesse an Verwandlungen zu tun?"

Draco fuhr überrascht herum. „Das hast du gemerkt? Ich dachte…"

„… dass ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt bin?", beendete Tigris Dracos Satz. „Gut, das war ich, auf gewisse Weise." Er lachte verlegen. „Ich habe es trotzdem gemerkt."

Draco biss sich auf die Lippen. „Es hat etwas damit zu tun, aber… ich würde lieber noch nicht darüber reden. Ich muss mir erst selbst über einiges klar werden. Weißt du, was ich meine?"

Tigris musterte ihn neugierig. Schließlich nickte er langsam. „Es ist natürlich deine Entscheidung. Du weißt, dass ich da bin, wenn du jemanden zum reden brauchst, ja? Ich weiß, ich bin manchmal sehr mit mir selbst beschäftigt, aber ich bin für dich da."

Draco betrachtete in ein wenig zweifelnd, aber nickte schließlich.

„Gut." Tigris setzte sich wieder. „Es gibt da noch etwas, was ich dich fragen wollte." Er zögerte.

Draco zog die Brauen hoch. „Ja?"

Tigris biss sich auf die Lippen. „Es geht darum, was passiert ist, als ich in deinem… nun ja, ich denke Unterbewusstsein ist der beste Ausdruck… war."

Draco wirkte ein wenig beunruhigt, aber bedeutete ihm, weiter zu reden.

„Dein geistiges Abbild war sehr jung.", fuhr er unsicher fort. „Fünf oder sechs vielleicht. Wir unterhielten uns ein wenig und du sagtest, du wolltest nicht älter werden, da Vater gesagt hätte, er würde dir wehtun, wenn du…"

Sein Bruder wandte sich ruckartig ab.

„Draco?", fragte Tigris besorgt.

Draco holte zitternd Luft. „Es scheint, es hat mich mehr beeinflusst, als ich dachte." Er drehte sich zu Tigris um und betrachtete ihn mit einem gequälten Blick.

„Was hast du gemeint?", fragte Tigris so sanft er konnte.

Draco schloss für einen Moment die Augen und vergrub die Finger in der Bettdecke. Als er die Augen wieder öffnete starrte er zu Boden. „Vater hat mich nicht immer bestraft wie er es jetzt tut. Als ich kleiner war hat er mich nicht angerührt." Draco zog die Knie an den Körper und umschlang sie. „Er hat immer gesagt, dass er keine kleinen Kinder schlägt. Ich nehme an, ich habe mit sechs aufgehört, ein Kind zu sein. Zumindest in seinen Augen." Er klang bitter.

„Du sagtest, er hat dich festgebunden…", sagte Tigris vorsichtig.

„Ja… Ich hatte Jähzornanfälle, als ich kleiner war. Er hat mich an mein Bett gebunden, bis ich mich beruhigt hatte. Es HAT mir beigebracht, mich zu beherrschen…"

Tigris setzte sich neben Draco und schlang den Arm um ihn. „Es tut mir leid. Ich hätte dich nicht daran erinnern sollen."

„Nein, es ist schon in Ordnung.", sagte Draco leise. „Es hilft, darüber zu reden. Ich habe immer gedacht, das ist Unsinn, aber es ist wahr. Mutter hat nie etwas dagegen getan, weißt du? Manchmal, als ich noch sehr klein war, kam sie und sang mir Lieder vor, um mich zu beruhigen, aber sie hat mich nie losgebunden. Sie hat auch nie etwas dagegen gesagt, wenn er mich geschlagen hat. Ich weiß nicht, ob sie denkt, dass ich es verdiene, oder ob es ihr egal ist."

„Ich denke nicht, dass es ihr egal ist. Hast je darüber nachgedacht, dass sie vielleicht einfach Angst vor ihm hat?"

Draco lachte bitter. „Als ich jünger war, ja. Ich habe gesehen, wie er sie geschlagen hat, wenn er Wutanfälle hatte. Es passierte nicht oft, und er hat sich immer danach entschuldigt… Ich dachte, sie fürchtet ihn so sehr wie ich. Aber das ist nicht wahr, Tigris. Das ist mir klar geworden, als ich älter wurde. Mutter ist eine mächtige Hexe. In mancher Hinsicht mächtiger als er. Sie könnte ihn überwältigen, wenn sie es wollte. Sie tut einfach niemals etwas gegen ihn. Sie denkt, es ist Liebe."

„Du denkst das nicht?"

Draco zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Ich habe mir immer vorgestellt, Liebe ist etwas anderes. Vielleicht ist das idealistisch."

„Vielleicht.", murmelte Tigris. Er konnte sich nicht vorstellen, wie Liebe etwas damit zu tun hatte. Wie konnte es Liebe sein, seinen Mann sein Kind misshandeln zu lassen? Das war nicht Liebe.

„Ich erinnere mich daran, wie er mich das erste Mal schlug. Es war kurz nach meinem sechsten Geburtstag. Er hat mir immer gesagt, dass er mich schlagen würde, wenn ich älter würde. Er sagte Dinge wie ‚wenn du älter wärst, würdest du jetzt vor Schmerzen schreien' und so… Ich denke, ich habe ihm nie wirklich geglaubt, weil dem nie etwas folgte. Ich dachte, er sagt es nur, um mir Angst einzujagen." Draco hielt kurz inne.

„Wie gesagt, ich war sechs. Ich hatte einen Privatlehrer, der mir einige Grundlagen beibrachte. Schreiben, Rechnen, Latein, Französisch, Meditation und so… Er war ein netter alter Mann, der mir alles durchgehen ließ. Ich nehme an, ich war kein sehr einfacher Schüler. Wenn ich mich langweilte oder keine Lust mehr hatte, begann ich, allen möglichen Unsinn anzustellen. Ich schmiss das Tuschefass um oder riss Seiten aus den Büchern um Papierflugzeuge daraus zu falten. Einmal warf ich ihm sogar seinen Zeigestab an den Kopf. Er hat nie etwas gesagt, einfach nur den Schaden repariert. Manchmal hat er eine Weile mit mir gespielt, bevor er weiter unterrichtet hat. Damals war mir natürlich nicht klar, welches Glück ich hatte, dass er nie etwas davon meinen Eltern erzählt hat. Vater war normalerweise im Ministerium und Mutter war immer auf der einen oder anderen Veranstaltung.

An einem Nachmittag kam Vater früher nach Hause. Mister Rochester wusste nichts davon. Ich weiß nicht, ob es Absicht war oder Zufall. Jedenfalls tobte ich gerade durch den Raum und schmiss Dinge in alle Richtungen. Ich bemerkte nicht einmal, dass er da war, bis er mich am Kragen packte. Er fragte Mister Rochester, ob das ein normales Verhalten von mir sei. Mein Lehrer gab nur ausweichende Antworten. Ich denke, er wusste, was passieren würde, auch wenn ich es nicht wusste. Ich weiß nicht, woher er Vater kannte, aber er muss ihn gut gekannt haben. Vater kam zu seinen eigenen Schlüssen, auch ohne dass er etwas sagte.

Er schleppte mich in sein Studierzimmer und hielt mir einen Vortrag über das richtige Verhalten eines Malfoy. Ich hörte ihm nicht wirklich zu, ich war in einer ziemlich trotzigen Stimmung. Ich erinnere mich daran, wie er sagte, dass ich alt genug sei, die Konsequenzen für mein Handeln zu tragen. Ich weiß noch, ich dachte, er streicht mir den Nachtisch oder so. Es war etwas, das in den Geschichten vorkam, die ich mit Mister Rochester las." Draco lachte humorlos. „Ich kann sagen, dass meine Eltern mir niemals in meinem ganzen Leben den Nachtisch gestrichen haben. Sie haben mich nie ohne Abendessen ins Bett geschickt und mir niemals Hausarrest gegeben. Vater ist ein konsequenter Mann." Er ließ sein Kinn auf den Knien ruhen und sah zu den Fenstern. „Er gab mir fünfzehn Schläge mit der Gerte an dem Tag. Zehn für mein Benehmen, und fünf, weil ich schrie und gegen ihn ankämpfte. Danach lernte ich schnell, das zu lassen."

Tigris strich Draco beruhigend über den Rücken. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Alles, was ihm in den Sinn kam, klang einfach zu gleichgültig.

„Von allen meinen Strafen erinnere ich mich an diese am lebhaftesten. Wahrscheinlich, weil ich niemals zuvor wirklich Schmerz empfunden habe. Sicher, ich habe mir mal das Knie aufgeschürft, oder so… Aber das war etwas anderes, er tat es mit Absicht. Er hat immer gesagt, dass er mir wehtun würde und dann tat er es. Er begann erst, die Peitsche zu benutzen, als ich elf wurde, aber selbst daran erinnere ich mich nicht so genau…" Draco wich ein Stück von Draco zurück. „Ich fühle mich so armselig, wenn ich darüber rede."

Tigris zog ihn in eine Umarmung. „Das ist es nicht." Er zögerte einen Moment, bevor er fort fuhr. „Ich habe nie viel von den Dursleys erwartet. Sie haben mich verabscheut. Ich habe nie wirklich erwartet, dass sie mich lieben, aber sie waren ja auch nicht meine Eltern. Sie haben mir immer gesagt, ich sei eine Missgeburt, etwas Abartiges und Widernatürliches. Sie behandelten mich wie einen Hauself. Ich lebte in dem Wandschrank unter der Treppe, bis ich elf war und sie Angst vor meinen Hogwartsbriefen bekamen. Mein Onkel schlug mich davor und begann wieder, als Dumbledores Leute ihm letztes Jahr drohten. Sie gaben mir nie genug zu essen… das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass ich immer klein und mager war. Es machte alles nur noch schlimmer, dass sie Muggel waren. Ich hatte nie den Mut, etwas gegen sie zu unternehmen. Außerdem gibt es ja das Gesetz gegen Zauberei Minderjähriger. Gilt es als Notlage, wenn ein fetter Muggel einen in einem Raum mit vergitterten Fenstern einschließt und fast verhungern lässt? Oder muss man zumindest warten, bis ein Feuer ausbricht?"

Draco lehnte sich gegen ihn. „Vater und Mutter lieben uns, Tigris. Sie waren nahezu verzweifelt, als du krank warst, und sie sind so viele Risiken eingegangen, um uns am Leben zu halten. Ich weiß, dass sie mich lieben. Vielleicht ist es nur unreif, sich über ein wenig Schmerzen zu beschweren, wenn sie mir so viel geben. Ich weiß, Vater tut nur, was er für das Beste hält. Ich weiß nicht, warum ich das nicht einfach akzeptieren kann. Ich habe es lange akzeptiert, aber seit einiger Zeit beginne ich, alles in Frage zu stellen. Am Anfang dachte ich, es hat nur mit dir zu tun, aber so ist es nicht. Ich denke, ich hätte auch so begonnen, an ihm zu zweifeln. Macht mich das undankbar?"

„Ich weiß nicht.", erwiderte Tigris gequält. Das schlimme war, er wusste, vor einem Jahr hätte er keinen Zweifel an der Antwort gehabt. Aber so vieles hatte sich verändert. Tigris hasste seinen Vater für alles, was er ihm angetan hatte. Doch Lucius hatte ihn auch aufgenommen. Er hatte sein Leben und das von Draco und seiner Mutter riskiert, um Tigris in seine Familie zurückzuholen. Er hatte ihm so viel gegeben. Er tat nur, was er für das Beste hielt. Machte es Tigris undankbar, dass er ihn hasste? „Ich weiß es nicht."

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Das Ende der Ferien kam schnell. Ehe sie es sich versahen, füllte sich die Schule wieder mit Schülern. Es freute sie, zu erfahren, dass Ron Weasley seine Vertrauensschülerplakette ebenfalls verloren hatte. Neville Longbottom war nun Vertrauensschüler von Gryffindor. Draco konnte sich kaum halten vor Lachen, als er davon erfuhr. Dumbledore hatte natürlich keine andere Wahl gehabt. Neville war der einzige Sechstklässler, der nicht an dem Angriff auf Draco beteiligt gewesen war. Außerdem hatte Ron die Leitung der DA verloren. Der neue Leiter war allerdings Terry Boot. Das hieß, es brachte keinen großen Unterschied. Boot war ein treuer Anhänger von Ron. Sie hörten trotzdem, wie Ron sich in der Eingangshalle lauthals über die Ungerechtigkeit des Ganzen beschwerte. Tigris brauchte all seine Selbstbeherrschung, um ihn nicht zu verhexen. Tigris verabscheute seine neue Position als Vertrauensschüler. Zu seinem Glück erklärte Draco ihm alle seine Pflichten – nicht nur das, er übernahm auch die meisten von ihnen. Es war Draco, der abends bei den jüngeren Jahrgängen vorbei sah, um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung war. Es war Draco, der ihren Problemen und Beschwerden zuhörte und damit zu Snape ging, wenn es nötig war. Tigris hatte vorher nie beachtet, wie viel sein Bruder tat. Er selbst ging zu den Vertrauensschülertreffen, wo er sich langweilte, und machte abends seine Runden durch die Gänge mit Pansy. Zum Glück hatten sie sich auf einen labilen Frieden geeinigt.

Tigris hasste diese Rundgänge. Fast jedes Mal mussten sie eine Auseinandersetzung zwischen einigen jüngeren Slytherins und Mitgliedern der DA auflösen. Die ersten Male versuchte Tigris noch herauszufinden, wer die Schuld trug. Bis zum zehnten Mal schrieb er alle Beteiligten auf und meldete sie bei ihren Hauslehrern. Danach nahm er einfach alle, die nicht in Slytherin waren, und schleppte sie zu Snape. Das hielt zumindest die jüngeren Jahrgänge für eine Weile ab.

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„Es wird Zeit, dass dies endlich ein Ende hat! Du hast vor Wochen versprochen, mit Professor Snape zu reden, warum hat es nichts das Geringste gebracht?"

Die Sprecher der verschiedenen Jahrgänge vom dritten Jahrgang aufwärts hatten sich in einer Ecke des Slytheringemeinschaftsraums zusammengefunden, um über das Problem mit der DA zu diskutieren. Es war keine geplante Versammlung, aber jemand hatte das Thema angefangen und die anderen hatten sich angeschlossen. Die letzten Minuten hatte Helena Wilkes sich in Fahrt geredet.

„Willst du etwa mir die Schuld daran geben?", rief Draco aufgebracht. „Ich habe mit Professor Snape geredet und er hat Dumbledore darauf angesprochen. Was kann ich noch tun? Ich kann Dumbledore nicht dazu zwingen, zu handeln!"

„Vielleicht hast du es nicht genug versucht!", gab Helena zurück.

„Ich möchte sehen, wie du es besser gemacht hättest!"

„Es hat niemand Schuld, außer den DA-Leuten!", unterbrach Tigris die beiden ärgerlich. „Es hat keinen Sinn, aufeinander los zu gehen!" Er warf Helena einen zornigen Blick zu. „Abgesehen davon, du hast wirklich Nerven, Draco vorzuwerfen, er täte nicht genug gegen die DA! Es gibt wohl kaum jemanden in diesem Raum, der mehr Grund hat als er, etwas gegen sie zu unternehmen!"

Helena funkelte Tigris wütend an, wusste aber offensichtlich nichts dazu zu entgegnen.

„Tigris hat Recht.", meldete sich Charles zu Wort. „Du trägst Draco noch immer die Sache mit Aquila Hunter nach. Krieg dich endlich ein. Alle außer dir haben sich damit abgefunden."

„Ja.", stimmte Fiona Bonham zu. Sie war die Anführerin der Drittklässler. Normalerweise war sie ein außergewöhnlich nettes Mädchen, aber wenn sie provoziert wurde, konnte sie sehr biestig werden. Die meisten in ihrem Jahrgang hatten schnell gelernt, dass ihre freundliche Art nicht hieß, dass sie sich übervorteilen ließ. „Aquila ist ein guter Sucher, selbst Agrippa hat das inzwischen akzeptiert. Warum kannst du es nicht? Du hast die Position doch ohnehin nicht wirklich gewollt."

Agrippa Avery war unglücklicherweise in Aquilas Jahr. Er hatte es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht, dem anderen Jungen das Leben schwer zu machen. Nach Aquilas Erfolgen im Quidditch hatte er endlich begonnen, sich etwas zurückzuhalten, besonders, nachdem Draco mit ihm gesprochen hatte.

„Er ist noch immer ein Halbblut!", rief Helena. „Dass du ihn verteidigst, zeigt nur, dass dir dein Blut genauso wenig bedeutet, wie ihm." Sie deutete vage zu Draco.

Draco und Fiona sprangen gleichzeitig auf. „Wie kannst du es wagen, mich als einen Blutverräter zu bezeichnen!", zischte Draco. „Jeder hier weiß, welche Meinung ich vertrete!"

„Tun sie das?", entgegnete Helena boshaft, obgleich sie ein wenig blass geworden war.

„In der Tat tun wir das!" Fiona trat zornig auf sie zu. „Weißt du, was du bist? Eine räudige kleine Hündin, die nichts kann als kläffen und denen in die Fersen beißen, die besser sind als sie. Was hast du jemals für Slytherin getan, hm? Nichts. Du verursachst nur Unfrieden. Du hältst dich für besser als alle anderen, dabei bist du nichts als ein Stachel in unserem Fleisch. Halt den Mund und lass die reden, die etwas zur Lösung unserer Probleme beitragen!"

„Wer glaubst du, wer du bist, du Ziege?", schrie Helena zurück. „Ich bin Vertrauensschülerin. Du bist nichts als Dreck unter meinen Schuhen."

Fiona verzog nur verächtlich das Gesicht und zuckte demonstrativ die Schultern. „Im Zweifelsfall, Helena, Liebes, gibt es in St. Mungos immer noch einen Platz für die Hoffnungslosen. So sehr es mir auch widerstrebt, dich in irgendeinen Besitz meiner Familie einzuladen…"

Helena stieß einen wütenden Schrei aus und sprang auf, als wolle sie auf Fiona losgehen.

„Schluss!", rief Tigris zornig. Zu seiner Verblüffung hörten die Streithähne tatsächlich auf ihn und hielten inne. „Setzt euch wieder! Auf diese Weise erreichen wir nicht das Geringste!" Fiona und Draco folgten seiner Aufforderung nach nur kurzem Zögern. Helena brauchte etwas länger, aber setzte sich schließlich ebenfalls, als ihr von allen Seiten ungehaltene Blicke zugeworfen wurden.

„Wenn wir überhaupt eine Chance gegen die DA haben wollen, müssen wir zusammenarbeiten!", sagte Tigris. „Wir haben so viele Probleme mit ihnen, weil sie uns gegenüber im Vorteil sind. Was wir wirklich brauchen, ist eine eigene Gruppe, die der DA ebenbürtig ist."

Helena schnaubte abfällig, sagte aber nichts. Etliche der anderen sahen nachdenklich aus.

„Dumbledore wird niemals zustimmen.", widersprach Draco. „Er glaubt noch immer an Zusammenarbeit zwischen den Häusern. Er wird wollen, dass wir auch der DA beitreten."

„Ich weiß.", entgegnete Tigris. „Ich habe ihn bereits darauf angesprochen. Aber wir sollten es trotzdem tun. Wenn die Gryffindors eine geheime Vereinigung gründen konnten, sollten wir erst recht dazu fähig sein."

Blaise nickte langsam. „Es ist keine schlechte Idee. Aber wenn wir das durchziehen wollen, müssen wir sorgfältiger sein, als die Gryffindors."

Helena schüttelte den Kopf. „Wie stellt ihr euch das vor? Das wird niemals funktionieren. Es ist ein Hirngespinst."

„Warum, weil es nicht aus deinem kleinen Köpfchen stammt?", spottete Fiona.

„Ja, warum sollte es nicht funktionieren?", stimmte Charles ihr zu. „Du bist doch nur wieder einmal gegen alles."

„Wie sollen wir das ohne Unterstützung der Lehrer hinbekommen? Wer soll unterrichten? Einer von euch? Pah!"

„Woher willst du dir denn ein Urteil über unsere Fähigkeiten in Verteidigung bilden können?", schnappte Draco.

Helena sah ihn verächtlich an. „Du bist doch selbst nicht gegen ein paar verrückte Gryffis angekommen. Wie willst du da uns beibringen, es besser zu machen?"

„Ich war alleine und sie waren zu dritt!", rief Draco aufgebracht. „Sie hatten mir meinen Stab abgenommen, bevor ich wirklich wusste, was los war!"

„Ach, und ich dachte, dein Vater hat dir beigebracht, ohne Magie zu kämpfen?"

„Woher willst du das wissen? Hat deine Mutter mal wieder ihren großen Mund nicht gehalten? Selbst wenn es so wäre, ich fange doch keine körperliche Auseinandersetzung mit Schlammblütlern an. Wer weiß, welche Krankheiten die haben."

„Stattdessen lässt du dich lieber verhexen?", fragte Charles ungläubig. „Wegen einem alten Vorurteil?"

„Es ist kein Vorurteil.", sagte Fiona. „Es ist erwiesen, dass Schlammblütler Krankheiten der Muggel in sich tragen. Uric Dumbledore zum Beispiel ist dafür bekannt, dass er dem Wahnsinn verfiel, nachdem er mit einem Schlammblut geschlafen hatte und sich eine Muggelkrankheit namens Syphilis einfing. Die besten Tränkemeister und Heiler haben fünfzehn Jahre gebraucht, bis ein Heilmittel dagegen gefunden wurde. Leider hat seine Familie nicht daraus gelernt."

Tigris schlug auf den Tisch. „Ist es unmöglich für euch, eine vernünftige Diskussion zu führen? Was hat das überhaupt noch mit unserem Thema zu tun?"

„Nichts. Aber diese ganze Diskussion war schließlich von Beginn an sinnlos.", antwortete Helena.

„Wenn sie sinnlos ist, warum hast du sie dann angefangen?", schnappte Fiona.

„Weil das ihre Spezialität ist.", sagte Charles.

Tigris schüttelte den Kopf und verließ die Gruppe frustriert. Er wollte etwas gegen die DA tun, aber diese Leute würden niemals etwas erreichen.

Tigris war gerade in seinem Raum angekommen und griff frustriert nach einem Buch, als die Tür ging und Blaise und Theodore eintraten.

Blaise setzte sich auf Dracos Bett und seufzte. „Ich denke, dass du Recht hast.", sagte sie dann. „Wir müssen etwas gegen die DA unternehmen, und Dumbledore wird uns nicht helfen. Je länger der Krieg andauert, desto schlimmer wird es werden. Für die anderen Häuser, besonders die Gryffindors, sind wir alle die zukünftigen Gefolgsleute des Dunklen Lords. Die DA ist eine Propagandavereinigung. Sie wird den Krieg nach Hogwarts hinein bringen, und bald sind alle Slytherin nur noch Füchse für Dumbledores Hunde. Niemand wird uns helfen außer uns selbst."

Tigris lächelte ihr zu. Er mochte ihre Art. „Also willst du mithelfen?", versicherte er sich.

Sie nickte entschieden. „Wenn du wirklich vorhast, eine solche Gemeinschaft zu gründen, bin ich dabei."

Theodore betrachtete sie skeptisch. „Wie wollt ihr so eine Vereinigung geheim halten, direkt unter Dumbledores Augen? Dumbledore ist nicht Umbridge, und selbst Umbridge ist den Gryffis schließlich auf die Schliche gekommen."

„Nur weil es einen Verräter unter ihnen gab.", sagte Blaise sachlich. „Wenn wir das durchziehen wollen, müssen wir sicherstellen, dass es keine Verräter gibt. Es muss gründlich geplant werden. Wir können nichts dem Zufall überlassen."

„Das kommt mir ausgesprochen kompliziert vor.", meinte Theodore. „Ich stimme mit euch überein, dass etwas gegen die DA getan werden muss, aber können wir nicht etwas finden, was nicht gegen die Schulregeln verstößt?"

„Genau genommen tut es das nicht." Draco war eingetreten und schloss nun die Tür hinter sich. „Das Edikt über schulische Vereinigungen wurde aufgehoben, man braucht nicht länger die Einwilligung des Schulleiters, um eine solche zu gründen."

„Bist du den zankenden Horden entkommen?", meinte Blaise amüsiert.

Draco rollte die Augen. „Es ist immer das gleiche, wenn wir uns zusammensetzen."

„Zu viele Hähne auf engem Raum.", nickte Blaise weise.

Theodore seufzte. „Das heißt im Klartext, die Anführer der unterschiedlichen Jahrgänge verstehen sich nicht besonders gut, nicht wahr, Blaise?"

„Ja. Um es für die politisch Unschuldigen unter uns zu erklären…" Sie grinste Tigris zu. Tigris bemühte sich, gekränkt auszusehen. Es gelang ihm nicht ganz. Er wusste, dass er nicht Blaises Verständnis für die Beziehungen der Slytherin untereinander besaß.

„Helena wird immer Draco angreifen, da er der Einflussreichste in der Gruppe ist. Sie denkt, wenn sie gegen ihn gewinnen kann, wird es ihren Status heben, was in gewisser Weise richtig ist. Die anderen gehen natürlich auf Helena los, da sie das leichtere Ziel ist. Sie sind zu jung, um es mit beiden aufnehmen zu können, aber wenn sie gemeinsam gegen Helena ankommen, fühlen sie sich bestätigt."

Tigris runzelte verwirrt die Stirn. „Also gehen sie immer aufeinander los? Ich habe sie nie zuvor streiten sehen."

„Sie kommen gut miteinander aus, solange jeder sich nur um seinen Jahrgang kümmert. Wenn sie gemeinsam etwas für alle entscheiden sollen, dann gibt es Probleme."

„Wie können wir dann auch nur hoffen, eine Gemeinschaft für alle auf die Beine zu stellen?", fragte Tigris frustriert.

Blaise grinste. „Wir stellen sie einfach vor vollendete Tatsachen. Sie werden damit leben lernen."

„Ach, und vor welche Tatsachen planst du, uns zu stellen, Blaise?", meinte Draco belustigt.

Blaise sah ihn lächelnd an. „Das müssen wir uns noch überlegen."

„Wenn wir das wirklich ernsthaft planen wollen, müssen wir sicher sein, dass nichts davon zu Dumbledore gelangt.", sagte Tigris. „Ich traue dem Gemeinschaftsraum nicht. Womöglich hat der alte Mann eine Möglichkeit, uns dort zu überhören. Wenn ich darüber nachdenke, es ist genau der Ort, den ich an Dumbledores Stelle ausspionieren würde."

„Oh.", meinte Blaise. „Und was macht dich so sicher, dass dieser Raum hier nicht abgehört wird?"

Tigris grinste. „Dafür habe ich gesorgt."

Blaises Augen leuchteten interessiert auf. „Wirklich? Wie?"

Tigris lächelte. „Das erzähle ich dir vielleicht ein anderes Mal. Zu dieser Vereinigung…"

Blaise wurde ernst. „Ja. Was genau stellst du dir vor, soll sie erreichen?"

Tigris lehnte sich zurück. „Die jüngeren Jahrgänge müssen genug lernen, um sich gegen die DA- Mitglieder zur Wehr setzen zu können. Mehr, wenn es geht. Außerdem sollten wir Strategien gegen die DA-ler entwickeln. Zum Beispiel sollte ein Slytherin niemals alleine unterwegs sein, so wie Draco, als die Gryffis ihn überfallen haben. Alle Mitglieder der Gruppe sollten sich gegenseitig helfen, egal in welchem Jahrgang sie sind. Wenn wir einen Weg finden, wie jemand die anderen um Hilfe rufen kann, wenn er in Schwierigkeiten gerät, umso besser."

„Du hast wirklich darüber nachgedacht, nicht wahr?", meinte Blaise amüsiert.

Tigris zuckte etwas verlegen mit den Schultern. „Ich bin es einfach leid, immer welche von uns in den Krankenflügel schicken zu müssen, wenn es mal wieder zu einem Streit in den Gängen gekommen ist. Außerdem plane ich noch immer, es Weasley heimzuzahlen."

„Allerdings.", sagte Draco mit verengten Augen. „Früher oder später wird er bekommen, was er verdient."

„Ich bin dabei.", nickte Blaise. „Ich habe gesagt, er wird bereuen, was er getan hat, und das meinte ich so."

Theodore betrachtete sie etwas besorgt.

„Er ist ein Mistkerl. Trotzdem, tut nichts Unüberlegtes…"

„Mit Blaise auf unserer Seite?", scherzte Tigris. „Niemals!"

„Also wie ist es, planen wir diese Gruppe?", fragte Blaise. „Theodore, bist du dabei? Wir könnten dein strategisches Genie gebrauchen."

Theodore seufzte. „Natürlich. Glaubst du ernsthaft, ich würde die Beteiligung an so einem Projekt verpassen? Außerdem ist es für Slytherin, nicht wahr?"

„Richtig.", sagte Blaise zufrieden.

„Wir brauchen einen Versammlungsort. Einen Platz, den die Lehrer nicht finden.", sagte Draco.

„Ich habe da eine Idee.", murmelte Tigris. „Ich bin nur nicht sicher, ob es funktionieren wird."

„Wie halten wir es geheim?", fragte Theodore.

„Wir sollten uns ein Wappen und ein Einweihungsritual ausdenken." Blaise hatte ein Leuchten in den Augen, das zeigte, dass sie wirklich begeistert von etwas war. „Wir entwerfen einen Eid, und jeder, der mitmachen will muss ihn schwören."

„Wir wollen nur eine Gruppe für Selbstverteidigung gründen, Blaise, keine Geheimgesellschaft.", meinte Tigris amüsiert. Draco lachte.

„Ihr seid langweilig.", sagte sie ein wenig beleidigt. „Überlegt euch mal, wie viel Spaß es machen würde. Außerdem würde es zeigen, dass wir es ernst meinen. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass uns einer verrät viel geringer."

Tigris musterte sie nachdenklich. „Wenn ich darüber nachdenke... vielleicht hast du nicht ganz unrecht."

Draco runzelte die Stirn. „Seid ihr sicher, dass das nicht zu weit geht?"

Blaise schüttelte energisch den Kopf. „Wir sind Slytherin. Entweder tun wir das ganz oder gar nicht."

Theodore lehnte sich auf dem Bett zurück. „Wir brauchen einen Eid, dem alle zustimmen können. Wenn wir das tun, dürfen wir keine Lücken offen lassen. Ein Eid ist nicht etwas, mit dem man leichtfertig umgehen kann."

„Wir brauchen etwas, um es zu besiegeln.", fügte Blaise hinzu. „Und etwas, an dem sich Mitglieder der Gruppe gegenseitig erkennen können."

„Was ist mit dem Wappen, das du vorgeschlagen hast?", fragte Draco.

„Ich frage Tracey.", erwiderte Blaise. „Sie kann gut zeichnen. Ich bitte sie, ein paar Vorschläge zu machen."

„Sollten wir das Ganze nicht besser erst einmal unter uns behalten, bevor wir es besser ausgeplant haben?", wandte Theodore ein.

Blaise nickte. „Ja, aber ich muss ihr nichts Genaues sagen. Ich kann so tun, als wäre es nur hypothetisch."

„Das klingt gut.", stimmte Tigris zu. „Was ist mit dem Eid?"

„Ich und Theodore werden daran arbeiten. Du hast doch nichts dagegen, Theodore?"

Theodore schüttelte den Kopf. „Ich sagte doch, ich bin dabei. Wir sollten in die Bibliothek gehen und magische Vereinigungen nachschlagen."

„Was ist mit mir und Draco?", fragte Tigris amüsiert. „Was tun wir?"

„Ihr leitet natürlich die Vereinigung.", sagte Blaise ganz selbstverständlich. „Eine Vereinigung ist nichts ohne Anführer."

„Ich denke, Tigris sollte die Leitung alleine übernehmen.", sagte Draco.

Tigris sah ihn überrascht an. Draco begegnete seinem Blick ruhig. „Du hast von uns allen die meisten Kenntnisse in Verteidigung." Er sah zu den anderen beiden. „Er ist fast so gut wie Vater, wenn man die Dunklen Künste außer Acht lässt. Außerdem denke ich, die Vereinigung braucht eine Leitfigur. Ich weiß, dass er es tun kann." Sein Blick sagte, was er nicht laut aussprechen konnte. SCHLIEßLICH HAST DU ES SCHON EINMAL GETAN.

Tigris biss sich auf die Lippen. „Du hast mehr Erfahrung im nichtmagischen Nahkampf als ich. Wir könnten uns gut ergänzen."

„Dann mach mich zu deinem Stellvertreter. Man sollte eine solche Position nicht teilen."

„Es stimmt, was er sagt.", stimmte Blaise schließlich zu. „Ihr seid beide Leitfiguren in unserem Haus, aber du bist besser in Verteidigung. Außerdem hast du Weasley öffentlich geschlagen, dass bringt die Leute dazu, dir zu vertrauen. Hinzu kommt, du bist nicht Teil des üblichen Machtgerangels. Du hast sicher gemerkt, wie dir heute alle zugehört haben. Draco müsste immer um seine Autorität kämpfen. Du solltest es tun. Wenn du willst natürlich nur."

Tigris begegnete drei erwartungsvollen Blicken und schluckte. „Also gut.", sagte er endlich. „Ich tue es." Er hatte es schließlich schon einmal getan.

Blaise grinste zufrieden. „Wunderbar. Also, Chef, wo ist der Raum, den du im Kopf hattest?"

Tigris zuckte ein wenig zusammen. „Nenn mich alles, nur nicht das. Ich muss noch daran arbeiten. Wenn ich sicher bin, seid ihr die ersten, die es erfahrt, versprochen."

„Gut, gut, großer Meister." Blaises Augen zwinkerten übermütig.

Tigris stöhnte. „Ich ahnte, es war eine schlechte, schlechte Idee diesen Vorschlag anzunehmen."

Die drei lachten.

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Der Raum, den Tigris im Kopf hatte, war natürlich Slytherins Kammer. Die entscheidende Frage war, wie er Nicht-Parselmündern Zugang zu ihr verschaffen konnte. Es musste einen Weg geben, schließlich hatte offensichtlich Slytherins namenlose Vereinigung darin getagt. Während Blaise und Theodore an dem Eid arbeiteten, verbrachte Tigris seine Zeit damit, in Slytherins Bibliothek nach einer Lösung zu suchen.

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Es war eine willkommene Abwechslung, als Blaise mit Traceys Entwürfen ankam. Tracey war eine begabte Zeichnerin, ihre Werke waren beeindruckend. Eines ihrer Bilder fiel Tigris auf der Stelle ins Auge. Er nahm es und betrachtete es schockiert. Es zeigte eine grün-silberne Schlange, die sich im Kreis um Algiz wand, die Rune für Schutz und Verteidigung.

„Wie ist sie auf dieses Bild gekommen?"

Blaise warf einen Blick darauf. „Komisch, dass du das fragst. Sie war selber ganz begeistert davon. Sie hat dieses Buch über magische Kreaturen, und darin war ein Bild von dieser Schlange. Tracey sagt, es ist eine Silberne Tigerotter. Angeblich wurden diese Schlangen von Slytherin selbst geschaffen. Sie hielt sie sofort für perfekt."

Tigris starrte eine Sekunden auf das Blatt hinunter. Er hatte keine Schwierigkeiten zu erkennen, dass es tatsächlich eine Silberne Tigerotter war. „Ich denke, es ist perfekt.", sagte er schließlich stockend. „Ich meine, es ist natürlich auch eure Entscheidung."

Blaise grinste. „Nicht doch, großer Meister. Wenn du sagst, es ist perfekt, dann ist es das."

Tigris gab sich nicht die Mühe, etwas zu dem lächerlichen Titel zu sagen, mit dem Blaise ihn bedacht hatte. Wenn er ihr zeigte, dass es ihn ärgerte, würde sie nur umso mehr sticheln.


Vielen Dank für eure Reviews an: Talvi, Dax, Lara-Lynx, Tolotos, CitySweeper, YanisTamiem, LaraAnime, Lyonessheart, Kylyen, pandoradoggis, AvallynBlack, Plasmagun, betzi

Lara-Lynx: Im Grunde war es beides... Eigentlich hat er ja nicht voraussehen können, dass der Trank Draco helfen würde.

Lyonessheart: Klatscht ihr Beifall, denn sie hat es herausgefunden! Ja! „Krieg aller gegen alle" im Original „bellum omnium in omnes" aus Thomas Hobbes „De Cive"

betzi: Ja, aber der Hauptgrund sind die Armschienen. Sie sind (waren) zu hoch eingestellt.