Disclaimer:

Es war einmal ein Eichhörnchen, das immer das Gleiche wiederholte... Möchte jemand gefrorenes Eichhörnchen für seine Schlange haben? Ich habe auch gefrorenen Adler, gefrorenen Drachen...


Schatten der Wahl

46. Einladungen

Tigris zog sich zurück, beeindruckt und angewidert zugleich. Er hatte sich einen Freitagvormittag ausgesucht, um Voldemorts Gedanken auszuspionieren. Er war nicht gerade daran interessiert, eine Versammlung mit anzusehen. Tigris hatte angenommen, ein Vormittag wäre am Besten, Voldemort allein zu erwischen. Er hatte nicht wirklich eine Vorstellung gehabt, was der Dunkle Lord tat, wenn er allein war. Böse Intrigen ausdenken? Planen, die Weltherrschaft an sich zu reißen? Seinen neusten Muggelgefangenen foltern? Tatsache war, er las Bücher und streichelte dabei Nagini. Er trank Tee, da er Alkohol verabscheute. Er war überraschend und erschreckend langweilig und normal. Es widerte Tigris an, weil zur gleichen Zeit kein Zweifel daran bestand, dass dies der gleiche Mann war, der es für ein Vergnügen hielt, einem Muggel bei lebendigem Leib das Herz herauszureißen. Einige seiner Gedankengänge und Gefühle waren so abartig, das es Tigris den Magen umdrehte sie auch nur für kurze Zeit zu beobachten.

Zugleich jedoch konnte Tigris nun wirklich verstehen, warum selbst Dumbledore Tom Riddle als brillant bezeichnet hatte, denn das war er. Die Eindrücke, die Tigris aus Voldemorts Geist erhielt waren nur ungenau und flüchtig, aber was er sah, genügte.

Wenn Tigris geglaubt hatte, viel zu wissen, nach all den Büchern, die er gelesen hatte, belehrte ihn Voldemorts Geist eines besseren. Er konnte kaum hoffen jemals all das zu lernen, was der Dunkle Lord sich in seinem Leben angeeignet hatte. Nicht nur war er bereits als Schüler seinen Mitschülern um Jahre voraus gewesen, er hatte Jahre damit verbracht, die seltensten und obskursten Künste zu studieren. Er hatte Lehrmeister für Kenntnisse gefunden, die längst vergessen geglaubt wurden, und er hatte sie alle überflügelt. Tigris hatte die vage Ahnung, dass dies der Grund war, dass Voldemort Dumbledore so hasste – weil Dumbledore sich niemals dazu hatte überreden lassen, ihn als Lehrling anzunehmen. Dumbledore wusste Dinge, die niemand anders auf der Welt wusste, und Voldemort beneidete ihn grenzenlos dafür. Sein Gefühl sagte Tigris, dass Dumbledores Misstrauen gegenüber Tom Riddle auch darauf beruhte, dass er geahnt hatte, dass dieser Junge das Potential hatte, selbst ihn zu übertreffen.

Wie Dumbledore jemals hatte glauben können, dass er Voldemort besiegen könnte, war Tigris schleierhaft. Der Dunkle Lord hatte während seiner Studien mehr vergessen, als Tigris in seinem ganzen Leben gelernt hatte. Er hatte zahllose Rituale durchlaufen, um mächtig und unbesiegbar zu werden. Er war besessen davon, Unsterblichkeit zu erlangen. Wie konnte Tigris, ein unausgebildetes Kind, auch nur hoffen, gegen den siebzigjährigen Magier zu bestehen? Wenn er ihre bisherigen Begegnungen überlebt hatte, dann nur durch reines Glück.

Vielleicht war das der Grund, warum so viele Zauberer Voldemort folgten. Nicht, weil sie an seine Ideale glaubten, oder weil sie ihn vergötterten, wie Bellatrix. Einfach, weil sie wussten, dass er der mächtigste Zauberer der Welt war. Ein brillantes Genie, böse, aber dennoch ein Genie.

Tigris erkannte noch etwas. Die Gerüchte waren wahr, Voldemort fürchtete Dumbledore. Aber nicht, weil Dumbledore mächtiger war als er. Er fürchtete ihn, weil er den alten Mann nicht verstand. Voldemort wusste, dass Dumbledore Dinge wusste, die er niemals hatte erfahren können. Er fürchtete, dass diese seine Unwissenheit sein Untergang werden würde.

Tigris versuchte seine Gefühle zu ordnen und war dankbar dafür, dass er ein Basilisk war. Es machte einiges einfacher. Sein Ausflug in Voldemorts Geist hatte ihn zornig gemacht, und er fragte sich warum. Er verabscheute den Dunklen Lord. Er verachtete ihn. Aber… er beneidete ihn auch. Er beneidete ihn um all das Wissen, das er besaß. Er beneidete ihn um seine Fähigkeit, Menschen dazu zu bringen, es ihm zu geben. Und er hasste ihn dafür, dass er es vergeudete. Wie konnte jemand, der so abartig und niederträchtig war mit so vielen Gaben gesegnet sein? Wie konnte das Schicksal so ungerecht sein?

Voldemort hätte so viel sein, so viel erreichen können, wenn er nur ein anderer Mensch gewesen wäre. Anstatt dessen verursachte er nichts als Zerstörung. Tigris hasste ihn dafür, dass er missbrauchte, was ihm gegeben war.

In einem seltenen Augenblick der Erleuchtung erkannte Tigris, dass er Voldemort hasste, weil er ihm ähnlich war. Tigris hasste ihn, weil Voldemort das war, was Tigris zu werden mehr als alles auf der Welt fürchtete. Tigris hasste ihn dafür, dass er es genoss. Jeden Fehler, den Tigris in seinem Leben bereut hatte, beging Voldemort in tausendfacher Ausfertigung und fühlte nichts außer Genuss. DAFÜR hasste er Voldemort. Dafür, dass er keine Schuld kannte.

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Als Tigris die Treppen hoch ging, hörte er Stimmen im Vorraum hinter der Holztür. Neugierig schlich er näher. Er lächelte, als die Stimmen klarer wurden. Es waren eine männliche und eine weibliche Stimme.

„Wie ist es, sehen wir uns heute Abend?", fragte der Junge. Tigris' Lächeln verstärkte sich, als er Dracos Stimme erkannte. Sein Bruder verbrachte eine Menge Zeit mit Blaise, auch wenn man ihnen selten anmerkte, dass sie ein Paar waren.

Nur, dass dieses Mädchen nicht Blaise war.

„Sicher. Gleich nach deinem Heilkundeunterricht? Ich schicke Athena zu Helena hinüber, sie freut sich ohnehin über jede Entschuldigung, bei ihr zu schlafen.", antwortete die Unbekannte. „Indira macht es nichts aus, wie du weißt."

Tigris kannte ihre Stimme, und es war definitiv nicht Blaise. Er dachte einen Moment nach. Clarissa – Clarissa Maldoun, die rothaarige Jägerin aus ihrem Quidditchteam.

„Ausgezeichnet.", erwiderte Dracos Stimme. Tigris hörte, wie sich zwei Leute küssten.

Einen Moment blieb er verblüfft stehen. Kurz darauf hörte er die Tür gehen, und als er den Vorraum betrat, war er leer. Draco betrog Blaise mit Clarissa? Es überraschte Tigris, und ärgerte ihn mehr, als er vermutet hätte. Er wusste nicht warum, aber es ärgerte ihn mehr als Pansys Betrug.

Aufgewühlt ging Tigris zu den Slytherinräumen zurück. Er nahm sich vor, Draco zur Rede zu stellen, sobald er mit ihm alleine war. Blaise verdiente es nicht, so hintergangen zu werden. Er war so in Gedanken, dass er beinahe in jemanden hinein rannte.

„Ah, Tigris! Genau der, mit dem ich reden wollte!", sagte das braunhaarige Mädchen fröhlich.

„Blaise!", entfuhr es Tigris.

Sie packte ihn am Ärmel und zog ihn zu seinem Raum. „Ich muss mit dir über Du-weißt-schon-was reden.", zischte sie dabei leise.

Sobald sie in Tigris' Raum waren, schloss sie die Tür hinter sich. „Einige der Drittklässler haben Interesse an einer Verteidigungsgemeinschaft. Sie haben mitbekommen, dass Kira und Graham an etwas Interessantem beteiligt sind. Ich dachte, wir…"

„Wusstest du, dass Draco etwas mit Clarissa hat?", platzte Tigris ohne Nachzudenken heraus.

Blaise hielt überrascht inne. „Nein. Jedenfalls, was ich sagen wollte…"

„Kümmert es dich gar nicht?", fragte Tigris. Die Vernunft sagte ihm, er hätte es niemals erwähnen sollen, aber irgendwie konnte er nicht anders, als darüber zu reden.

Blaise runzelte die Stirn. „Nicht wirklich." Dann malte sich Erkenntnis in ihrem Gesicht ab. „Oh, du dachtest… Nein nein, Draco und ich haben uns vor einiger Zeit getrennt. Es hat einfach nicht funktioniert, weißt du? Er ist ein großartiger Kumpel, ich mag ihn, aber als Freund ist er einfach nicht der Richtige."

„Oh.", erwiderte Tigris einfältig.

Blaise musterte ihn nachdenklich. „Es war nicht sehr nett von dir, mir das zu sagen, ohne zuerst mit ihm zu reden, wenn du dachtest, wir sind noch zusammen."

Tigris fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. „Ja, ähm…" Was immer er erwartet hatte, das sie sagen würde, dies gehörte definitiv nicht dazu. Sie hatte natürlich recht. Wie sie meistens recht hatte. Tigris hätte zuerst mit Draco reden sollen. Er hatte vorgehabt, zuerst mit Draco zu reden. Irgendwie war das nicht nach Plan verlaufen. „Dann bist du also wieder Single.", sagte er, weil ihm nichts Besseres einfiel.

Blaise grinste flüchtig. „Ja, so wie du."

Tigris starrte sie an. Ihr Grinsen verstärkte sich. „Ach ja, wo war ich? Die Drittklässler…"

Er hörte ihr nur mit halbem Ohr zu und fuhr fort, sie anzustarren. Hatte sie ihm einen Hinweis geben wollen? Unsinn, er bildete sich Dinge ein.

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Auf der Suche nach etwas zu Lesen war Tigris wieder einmal auf „Von Taliesin über die Hexen von Salem" gestoßen. Es waren nur zwei Kapitel übrig, eins über Grindelwald und eins über Voldemort. Tigris hatte sie bereits durchgelesen, bevor er über sie nachzudenken begann. Das Kapitel über Voldemort offenbarte nicht sehr viel Neues. Der Name seiner Mutter, Cicuta Bator, war interessant, da sie denselben Nachnamen wie Hufflepuffs ehemaliger Assistent hatte. Tigris erinnerte sich nicht daran, dass Slytherin überhaupt Kinder gehabt hatte, aber dann waren seine Erinnerungen nach dem Verlassen von Hogwarts ohnehin sehr undeutlich. Es war überraschend, wie viel der Autor des Buchs gewusst hatte. Es enthielt alles, was Harry Potter gewusst hatte, und das war kaum offizielles Wissen der Zaubererwelt. Das Verblüffendste war jedoch, dass das Kapitel überhaupt existierte. Das Vorwort des Buches war 1942 geschrieben, noch vor Grindelwalds Fall, und das Buch sah noch weit älter aus. Es war merkwürdig, aber es war schließlich ein magisches Buch.

Was Tigris wirklich neugierig machte, war das Kapitel über Grindelwald. Alle Geschichten, die er bisher über Grindelwald gehört hatte, stellten ihn als ein grausames, unmenschliches Monster dar. Albus Dumbledore war der gefeierte Held, der die Zaubererwelt von diesem Fluch befreit hatte. Man erfuhr jedoch niemals etwas darüber, warum Grindelwald getan hatte, was er tat. Nun las Tigris, dass Grindelwalds Familie von Muggeln getötet worden war. Nicht nur das, das Buch enthielt seine gesamte Geschichte - sein Studium, seine Reisen, seine Freundschaft mit Dumbledore. Ja, laut dem Buch waren Antonin Grindelwald und Albus Dumbledore enge Freunde gewesen. Seltsam, dass davon niemand mehr etwas wusste. Besonders, da Dumbledores Sieg über den dunklen Magier nicht besonders heroisch gewesen war – mehr ein Zusammenspiel von Fawkes Hilfe und schlichtem Glück. Woher wusste dieser Binns, was niemand sonst wusste? Warum stand es nicht in den Geschichtsbüchern, wenn es bekannt war? War Grindelwald wirklich so böse, wie er dargestellt wurde? Wenn nicht, was sagte das über Dumbledore? Das alles waren Fragen, die an Tigris nagten. Er beschloss, ihnen auf den Grund zu gehen. Um das zu tun, musste er jemanden finden, der etwas darüber wusste. Es gab nur eine Person, die Tigris dazu einfiel: Professor Binns. Binns war wahrscheinlich nicht der Autor des Buches, aber er war vielleicht mit ihm verwandt. Im Zweifelsfall war er immer noch der Lehrer für Geschichte, wen könnte er besser etwas über Geschichte fragen?

Tigris suchte sich einen Sonntag aus, um mit Binns zu reden. Draco war an der Reihe, was die Schattengemeinschaft anging, so dass Tigris die Zeit dazu hatte. Er hatte keine Ahnung, wohin Binns verschwand, wenn er nicht unterrichtete. Daher setzte er sich einfach mit in den Unterricht, mit der Entschuldigung, dass er wissen wollte, wie der Geschichtsunterricht in Hogwarts war. Tracey sah ihn zwar etwas schräg an, aber den Rest der Slytherins im Kurs kümmerte es nicht. Binns, wie Tigris es vermutet hatte, merkte nicht einmal, dass er einen Schüler zuviel hatte.

Binns Kurs war in jeder Hinsicht so langweilig, wie Tigris ihn in Erinnerung hatte. Er nutzte die Zeit, um seine Hausaufgaben zu erledigen und hörte nur flüchtig auf die Beschreibung eines weiteren Koboldkrieges. Tigris begriff nicht, warum Binns das überhaupt unterrichtete! Es gab so viele wichtige und interessante Aspekte der Zauberergeschichte – Koboldkriege waren weder das eine noch das andere. Wenn man darüber nachdachte, dass er offenbar sieben komplette Jahre damit füllte! Es war geradezu absurd.

Am Ende der Stunde blieb Tigris zurück und eilte zum Pult, bevor Binns verschwinden konnte. Die anderen hatten es so eilig, den Raum zu verlassen, dass keiner ihn bemerkte. Binns war so verblüfft, dass er durch Tigris hindurch schwebte, bevor er etwas hinter ihm zum Halt kam. Es war eine ausgesprochen unangenehme Erfahrung.

„Kann ich etwas für Sie tun, Mister…" Binns runzelte die Stirn und versuchte offenbar vergeblich, sich an Tigris' Namen zu erinnern. „Sie sind in meinem Kurs, oder?"

Tigris beschloss, diese Frage zu ignorieren, da er befürchtete, dass Binns einfach davon schweben würde, wenn er verneinte.

„Ja, Professor, ich habe eine Frage.", sagte er etwas hastig. „Kennen Sie vielleicht jemanden namens Ephorus Xenophon Binns?"

Binns starrte ihn an. „Was für eine merkwürdige Frage, Mister… Ich glaube wirklich nicht, dass Sie in meinem Kurs sind."

Etwas an Binns Haltung war eigenartig. Normalerweise erschien er alterschwach, geistesabwesend und durchwegs senil. Diesmal jedoch war ein waches Glitzern in seinen Augen, das Tigris definitiv noch nie zuvor darin gesehen hatte. Aus einer Eingebung heraus hob er seinen Stab und zeichnete eine Rune in die Luft. „Dissimula ex toto."

Binns Stirnrunzeln verstärkte sich.

„Er hat ein Buch geschrieben. Ein sehr interessantes Buch über Geschichte. Ich hoffte, Sie wüssten etwas darüber."

Binns musterte Tigris einen Moment gedankenvoll, dann richtete er sich auf und nahm seine Brille ab. Es war verblüffend, welche Veränderung das in dem kahlköpfigen Mann bewirkte. Er erschien plötzlich nur noch halb so alt, seine Augen waren wach und er wirkte alles andere als senil. „Sie haben Glück, Mister Malfoy.", sagte er. „Ich bin Ephorus Xenophon Binns. Bevor Sie fragen: Ja, ich habe ‚Von Taliesin über die Hexen von Salem' geschrieben. Es freut mich, dass Sie mein Werk zu schätzen wissen."

Tigris musste sich bemühen, den Geist nicht offenen Mundes anzustarren.

Binns betrachtete ihn amüsiert. „Wenn ich es richtig verstanden habe, hatten Sie ein paar Fragen?"

„Ich… Sie… Wieso…", stammelte Tigris ziemlich unintelligent. Schließlich fing er sich. „Wie kommt es, dass Sie plötzlich so anders sind? Ich dachte immer, Sie wären…"

„…ein seniler alter Kauz?", ergänzte Binns. Er lachte zynisch. „Ja, diese Vorstellung haben meine Schüler bereits seit Jahrzehnten. Sie ist jedoch, das versichere ich Ihnen, weit von der Wahrheit entfernt."

Tigris sah ihn verwirrt an. „Aber wieso verhalten Sie sich so? Wieso unterrichten Sie nicht das, was Sie in Ihrem Buch geschrieben haben? Warum unterrichten Sie so völlig unnütze und langweilige Dinge, wenn Sie doch offensichtlich mehr wissen?"

„Sie sind geradeheraus, nicht wahr?", meinte Binns etwas spöttisch. „Ziemlich unslytherin, wenn Sie mich fragen. Ich war selbst einmal ein Slytherin, wenn Sie das interessiert. Das ist allerdings schon über hundert Jahre her."

„Ich hätte es für länger gehalten.", entfuhr es Tigris unbedacht.

Binns lachte leise. „Auch wenn es nicht so scheint, als ich starb war ich gerade einmal sechzig Jahre alt. Kaum ein Alter für einen Zauberer."

„Wann sind Sie gestorben?", fragte Tigris neugierig.

Binns grinste ihm zu, ein schockierend jungenhaftes Grinsen. „Meine Güte, Sie sind direkt. 1945, wenn Sie es wissen müssen."

„Das Jahr, in dem Grindelwald starb.", stellte Tigris überrascht fest.

Ein Hauch von Bedauern huschte über Binns Gesicht. „Ja."

„Kannten Sie ihn?", fragte Tigris interessiert.

Binns musterte ihn nachdenklich. „Du musst jemand besonderes sein, wenn du mein Buch gelesen hast. Nur Auserwählte können es finden, musst du wissen. Jene, die die Wahrheit zu schätzen wissen. Also gut – ich werde dir deine Fragen beantworten." Er sah einen Moment in die Ferne. „Es ist wahrscheinlich das Beste, mit deiner letzten Frage zu beginnen. Ja, ich kannte Lord Grindelwald. Um die Wahrheit zu sagen, ich kannte ihn sehr gut. Vielleicht besser, als jeder andere Mensch."

Binns knöpfte den Kragen seiner Robe auf. Es sah seltsam aus, als der durchsichtige Stoff beiseite glitt, um die ebenfalls durchsichtige Brust darunter zu entblößen. Man sollte meinen, die Robe könnte nichts verbergen, jedenfalls nichts, was nicht transparent war, wie der Rest des Geistes. Dies war jedoch offensichtlich falsch, denn auf der nackten Brust des Mannes zeichnete sich ein schwarzes Zeichen ab. „Weißt du, was das ist?", fragte der Geist.

Tigris betrachtete das Zeichen stirnrunzelnd. „Es sieht wie eine Blume aus."

Binns lächelte. „Es ist eine Lilie, Tigris. Die Lilie war seit seiner Zeit bei den Roma Lord Grindelwalds Zeichen. Sie nannten ihn Lilie, da die Lilie für sie ein Zeichen für Reinheit und Macht war, Eigenschaften, die Lord Grindelwald in ihrer höchsten Form verkörperte. Als er zum Lord wurde, machte er sie zu seinem Wappen. Du musst die Ironie darin verstehen – bei den Muggeln ist die Lilie auch ein Zeichen der Macht, doch zugleich ist sie ein Zeichen der Ausgestoßenen und Vogelfreien. Was hätte treffender sein können?"

„Also waren Sie ein Walpurgisritter?", fragte Tigris. Er hatte in dem Buch gelesen, dass Grindelwald seine Gefolgsleute so genannt hatte.

Binns legte die Hand über das Zeichen auf seiner Brust. „Ich BIN ein Walpurgisritter und werde nie aufhören, es zu sein. Mein Lord mag tot sein, aber mein Dienst geht weiter. Ich bin nicht irgendein Historiker, musst du wissen. Ich war SEIN Historiker. Er vertraute mir seine Geschichte an, seine innersten Gedanken und Geheimnisse, damit ich sie der Nachwelt überliefern konnte. Die Welt ist noch nicht reif für diese Geschichte, aber eines Tages wird sie es sein." Binns knöpfte seine Robe wieder zu. „Ich habe mein Leben lang danach gestrebt, die Wahrheit zu vermitteln. Ich war lange Lehrer. Mein Unterricht war nicht immer so wie jetzt, aber es ist kein Wunder, dass die Leute vergessen. Ich starb an dem Tag, an dem mein Lord starb. Ich habe die lächerlichsten Geschichten gehört, warum ich zurückkam. Die Leute sind Idioten. Weiß nicht jeder, dass es nur zwei Gründe dafür gibt, dass jemand zum Geist wird? Der eine ist, dass jemand sich zu sehr vor dem Tod fürchtet… ich versichere dir, ich war immer darauf vorbereitet, im Dienst meines Herrn zu sterben, der Tod schreckt mich nicht… der andere ist, dass derjenige noch eine wichtige Sache zu vollenden hat. Ich habe einst einen Eid geschworen, die wahre Geschichte der Zaubererwelt weiterzugeben. Ich habe nicht und werde niemals Lügen unterrichten."

Binns hielt einen Moment inne und sah Tigris durchdringend an. „Das ist der Grund dafür, warum ich so unterrichte, wie ich es tue, Tigris. Dumbledore ist nicht der Mann, für den ihn viele halten. Nachdem er meinen Lord getötet hatte, suchte er mich auf. Zu jener Zeit war ich bereits ein Geist. Er sagte mir, dass ich nicht weiter unterrichten dürfe, wie ich es bisher getan hatte. Er sagte, ich würde den Schülern ein falsches Bild der Geschichte vermitteln. Er sagte, ich würde ihnen nicht beibringen, wie böse das Dunkle sei, und dass dies ein wichtiger Bestandteil der Geschichte sei. Er drohte mir, mich zu bannen, wenn ich meinen Unterricht nicht änderte. Er wusste auch, dass ich begonnen hatte, die Geschichte der Zaubererwelt niederzuschreiben." Binns verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Er fürchtete sich vor der Wahrheit. Oh ja, er wusste nur zu gut, dass die Wahrheit nicht zu seinen Gunsten sprach. Mein Lord hat mich immer sehr großzügig in meinen Bemühungen unterstützt. Er war ein weitsichtiger und großherziger Mann. Es ist schwierig, einen Geist zu bannen, aber ich traute Dumbledore zu, es zu versuchen. Also tat ich alles, um ihn glauben zu lassen, ich hätte ihm gehorcht. Ich hatte schon einige Zeit zuvor vorgegeben, alt und senil zu sein, um keinen Verdacht zu erregen. Nun perfektionierte ich diesen Eindruck. Dumbledore wusste zwar, was ich war, aber er hielt mich für schwach und kontrollierbar." Binns Augen glitzerten nun ärgerlich.

„Ich habe geschworen, die Wahrheit zu vermitteln, ich werde diesen Eid niemals brechen. Wenn ich nicht die Wahrheit unterrichten kann, dann sollen meine Schüler überhaupt nichts lernen! Ich werde keine Lügen unterrichten, auch keine Halbwahrheiten! Jene, die an der wahren Geschichte interessiert sind, werden nach ihr suchen, und sie werden mein Buch finden." Binns lachte leise. „Ein Zauber, auf den ich persönlich stolz bin. Dumbledore wird nie davon erfahren, nie dieses Buch finden… Denn er sucht ja nicht nach der Wahrheit, die ich mitzuteilen habe, er flieht vor ihr. In all diesen Jahren habe ich an meinem Werk gearbeitet, es weiter geführt. Ich habe in den Lügen, die die Mächtigen verbreiten, die Wahrheit gesucht. Wenn eines Tages der Tag kommt, an dem es jeder Zauberer der Welt lesen kann, ist meine Arbeit getan, und ich kann meinem Lord in die Ewigkeit nachfolgen."

Der alte Historiker betrachtete Tigris freundlich. „In all den Jahren bist du erst der Zweite, der mich aufsucht. Ich denke, das muss etwas heißen. Vielleicht werde ich eines Tages auch über dich schreiben."

„Ich denke, ich weiß bereits ein paar Dinge, die nicht in Ihrem Buch stehen.", sagte Tigris kalkulierend. „Ich kenne die wahre Geschichte Salazar Slytherins."

Binns Augen verengten sich ein wenig. „Wirklich? Woher, wenn ich fragen darf, hast du dieses Wissen?"

„Ich kann es Ihnen nicht sagen.", antwortete Tigris ruhig. „Aber ich gebe Ihnen mein Wort, dass es die Wahrheit ist. Ich werde sie Ihnen erzählen… wenn Sie mir dafür erzählen, was Sie über Dumbledore wissen."

Binns grinste schief. „Am Ende doch ein Slytherin, wie ich sehe. Also gut. Unter einer Bedingung allerdings."

„Ja?", fragte Tigris misstrauisch.

„Du erzählst mir auch deine Geschichte, wenn es etwas zu erzählen gibt."

„Nicht heute.", sagte Tigris. „Aber eines Tages, das kann ich versprechen."

Binns lächelte. „Gut. Ich schlage vor, wir treffen uns ein anderes Mal wieder. Heute haben wir schon zuviel Zeit hier verbracht."

Tigris nickte. „Wissen Sie, wo Slytherins Kammer ist?"

Binns betrachtete ihn überrascht. „Ja, aber ich kann nicht dorthin. Dieser Bereich des Schlosses ist gegen viele Dinge geschützt. Geister ebenso wie die Überwachung durch fremde Augen."

„Gut zu wissen.", meinte Tigris. Das erklärte, warum Ron ihn niemals alleine auf der Karte gesehen hatte, obwohl er so oft alleine in der Kammer gewesen war. „Können sie zu meinem Raum kommen? Er ist vor den Augen des Schulleiters sicher, und die Slytherin werden uns nicht verraten."

Binns nickte bedächtig. „Ich werde dort sein. Im Übrigen… nenn mich bitte Xenophon. Es ist fünfzig Jahre her, seit ich zuletzt meinen Namen gehört habe. Ich vermisse seinen Klang."

Tigris lächelte ihm zu. „Sicher, Xenophon. Es ist mir eine Freude."

Binns lächelte zurück. „Die Freude ist ganz meinerseits. Wer weiß, vielleicht werde ich dir eines Tages eine eigene Ausgabe meines Buches schenken? Das habe ich auch für den letzten getan, der kam, um mit mir zu reden."

„Wer war es?", fragte Tigris.

Binns Lächeln wurde mysteriös. „Das, mein Freund, bleibt mein Geheimnis."

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Tigris kniete sich vor den Erstklässlern auf den Boden, so dass er mit ihnen auf einer Höhe war. Er fand es lustig, dass sie so klein waren. Er konnte sich nicht vorstellen, selbst jemals so klein gewesen zu sein. Tigris erinnerte sich daran, dass ihm in diesem Alter die älteren Schüler unglaublich groß und erwachsen vorgekommen waren, und nun war er selbst einer dieser ‚Alten'.

„Ihr vertraut uns, nicht wahr?"

Sie nickten ernsthaft.

„Wenn ihr mitkommen wollt, müsst ihr mir eure Zauberstäbe geben und euch die Augen verbinden lassen. Wir zwingen euch nicht dazu, aber wenn ihr es nicht tut, könnt ihr nicht mitkommen."

Blaise und Theodore hatten sich das ausgedacht. Es hielt zum einen den Ort ihrer Treffen geheim – selbst Gedächtniszauber konnten gebrochen werden – zum anderen zeigte es, wie sehr diejenigen, die der Gemeinschaft beitreten wollten, ihnen wirklich vertrauten. Wenn sie ihnen nicht genug vertrauten, um ihnen ihre Zauberstäbe zu geben, wie sollten sie dann einen Eid der Loyalität schwören?

Wie alle bisher zögerten die vier einen Moment, aber händigten Tigris schließlich ihre Stäbe aus. Sie waren einige der letzten. Wenn sie den Eid geschworen hatten, waren alle Slytherin bis auf die Siebtklässler und Helenas Gruppe in der Gemeinschaft. Die Siebtklässler waren zu sehr mit den NEWTs beschäftigt, um sich über die DA Gedanken zu machen. Helena vertraute einfach keiner genug, um sie anzusprechen.

Tigris war noch immer beeindruckt davon, wie schnell sämtliche Slytherin der Vereinigung beigetreten waren. Er hatte damit gerechnet, dass mehr von ihnen ablehnten, oder sich zumindest weigerten, nachdem sie von dem Eid erfuhren. Sicher, Blaise hatte gesagt, das würden sie nicht, aber Tigris hatte an ihren Worten gezweifelt. Nun zeigte sich, dass sie erneut Recht gehabt hatte. Egal ob es aus Wut auf die DA war oder aus Hausloyalität… nicht einer von ihnen hatte abgelehnt.

Draco und Blaise verbanden den Kleinen die Augen. Anschließend nahmen sie sie an die Hand, um sie zu der Kammer zu führen. Als sie auf der Treppe standen, führte Tigris die Hände des Jungen, den er geführt hatte zu der Wand.

„Fühlst du das? Du bist auf einer Steintreppe. Wenn du dich an der Wand entlang tastest, kannst du ihr ganz leicht nach unten folgen. Keine Sorge, die Stufen sind gerade, du wirst nicht fallen. Geh einfach immer weiter nach unten, bis die Treppe zu Ende ist. Draco ist direkt hinter dir, er wird dir dann weiterhelfen."

Der kleine Junge nickte nervös. Tigris ließ ihn los und ging ein paar Stufen voraus. Als er sah, dass der Junge zurecht kam, eilte er voraus, um vor ihnen in der Kammer zu sein.

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Der Rest der Gemeinschaft erwartete Tigris bereits. Tigris setzte sich im Schneidersitz auf die Bühne und sah zu dem Vorsprung hoch, wo die neuen Anwärter bald auftauchen mussten. Blaise und Theodore – Tigris vermutete, in erster Linie Blaise – hatten den folgenden Teil der Zeremonie entworfen. Er mochte es nicht besonders, aber sie hatten ihn davon überzeugt, dass es notwendig war. Tigris seufzte unhörbar. Vielleicht verließ er sich zuviel auf Blaise, aber wann hatte sie ihn jemals schlecht beraten? Davon abgesehen, niemand den er kannte wusste mehr über alte Zeremonien und Rituale, als sie. In magischen Zeremonien kam es so sehr auf Details an. Bevor sie einen Fehler machten, war es besser, der Expertin zu vertrauen.

Die Tür öffnete sich, und Draco und Blaise traten mit den vier Erstklässlern auf die Plattform. Sie flüsterten ihnen etwas zu, worauf sie sich hinknieten. Tigris lächelte flüchtig. Selbst aus der Entfernung konnte man ihnen ansehen, wie nervös sie waren.

„Ihr seid hierher gekommen, weil ihr gehört habt, dass es eine Gemeinschaft gibt, die dazu dient, uns Slytherin zu verteidigen.", sagte er laut. „Diese Gemeinschaft existiert, ihr befindet euch vor ihr. Wenn ihr uns beitreten wollt, dann nennt uns jetzt eure Namen und eure Gründe, so dass wir entscheiden können, ob ihr dessen würdig seid."

„Douglas Viridian.", sagte einer der Jungen nach einer geflüsterten Aufforderung von Draco. Tigris erinnerte sich vage an ihn. Er war der Wortführer der Gruppe, die sie beim Streit mit den DA-lern erwischt hatten. Er klang zunächst eingeschüchtert, aber fand schnell seine Entschlossenheit wieder. „Ich bin hier, weil ich genug davon habe, von der bescheuerten DA herumgeschubst zu werden."

„Edward Edgecombe.", sagte der Junge neben Douglas, der nun offensichtlich auch Mut gefasst hatte. „Ich bin aus dem gleichen Grund hier."

Tigris fragte sich einen Moment, ob er mit Marietta verwandt war. Cho hatte nie darüber gesprochen, dass sie einen jüngeren Bruder hatte, aber vielleicht war es ja ihr Cousin.

„Irene Sanchez.", folgte ein schwarzhaariges Mädchen mit zuversichtlicher Stimme. „Ich bin hier, um zu lernen, es den Idioten mal ordentlich heimzuzahlen."

Einige aus der Gruppe applaudierten ihr zustimmend. Tigris warf ihnen einen ärgerlichen Blick zu und sie verstummten schuldbewusst. Irene hatte sie aber offensichtlich gehört, denn sie grinste triumphierend.

„Keith Brown.", sagte der vierte der Gruppe nach kurzem Zögern unsicher. „Ich bin hier, weil, ähm… wegen allem, was die anderen schon gesagt haben. Und weil meine große Schwester eine dumme Ziege ist.", fügte er trotzig hinzu.

Tigris musste sich bemühen, nicht zu lachen. Es war offensichtlich, wer diese Schwester war.

„Hat jemand hier etwas gegen den Beitritt eines dieser Anwärter einzuwenden?", fragte er in die Runde. Niemand sagte etwas. Es war ohnehin mehr eine rhetorische Frage, was allen bewusst war.

„Kommt zu mir hinunter.", sagte er.

Draco und Blaise nahmen den Vieren die Augenbinden ab, woraufhin sie aufstanden und zögernd die Treppe zu Tigris hinunter kamen. Tigris winkte sie zu sich.

„Wie fühlt ihr euch?", fragte er sie, als sie vor ihm standen.

Sie lächelten verlegen.

Tigris lächelte zurück. „Keine Sorge, es ist okay, nervös zu sein. Alle waren das, auch wenn sie euch etwas anderes erzählen. Ihr könnt mir glauben, ich war dabei."

Sie grinsten. Gut, er hatte erreicht, was er wollte.

„Ich werde euch jetzt ein wenig zu dem erzählen, was von euch verlangt wird, wenn ihr dieser Gemeinschaft beitretet. Denkt gut darüber nach. Dies ist kein Spiel. Ihr werdet einen Eid schwören, und wenn ihr ihn brecht, hat das ernsthafte Konsequenzen. Versteht ihr alle, was ich sage?"

Sie nickten ernst.

„Gut." Tigris deutete zu dem Symbol der Gemeinschaft hinter sich. „Diese Gemeinschaft dient dazu, uns zu schützen. Ihr werdet lernen, euch besser zu verteidigen. Sie ist nicht dazu da, euch zu helfen, die Schulregeln zu brechen." Er warf Irene einen bedeutungsvollen Blick zu. „Wenn ihr euch selbst in Schwierigkeiten bringt, müsst ihr die Folgen auch selber tragen. Wir werden uns alle gegenseitig helfen, wenn einer von uns Probleme hat, aber wenn ihr diese Gemeinschaft für eure eigenen Zwecke missbraucht, bekommt ihr Ärger. Ist euch das klar?"

„Ja.", murmelten sie.

Tigris nickte zufrieden. „Wenn ihr dieser Gemeinschaft beitretet, akzeptiert ihr mich als euren Anführer. Das heißt ihr werdet mir, und auch denen, von denen ich es euch sage, gehorchen, wenn euch etwas befohlen wird. Das bedeutet nicht, dass ihr alles tun müsst, was ich euch sage, aber ihr WERDET mir gehorchen, wenn es um diese Gemeinschaft geht. Seid ihr damit einverstanden?"

Sie nickten alle ohne zu Zögern.

„Gut.", wiederholte Tigris. „Wir sind hier alle Slytherins. Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir zusammenhalten. Vielleicht gibt es einige aus unserem Haus, die ihr nicht mögt. Fein, niemand kann alle sympathisch finden. Das wird euch jedoch nicht davon abhalten, denjenigen zu helfen, wenn sie euch brauchen. Ich werde auch keine Streitereien während des Trainings dulden. Alle Probleme, die ihr untereinander habt, könnt ihr außerhalb der Gemeinschaft klären. Akzeptiert ihr das?"

Sie nickten erneut.

„Kommen wir zu dem wichtigsten Teil. Ihr werdet einen magischen Eid schwören. Das heißt, ich scherze nicht, wenn ich sage, es wird Konsequenzen geben, wenn ihr ihn brecht. Sehr unangenehme Konsequenzen. Ihr habt jetzt noch die Chance, euch anders zu entscheiden, wenn ihr euch unsicher seid. Habt ihr diesen Eid erst geschworen, gibt es kein Zurück mehr. Denkt gut darüber nach. Außerdem wird die Zeremonie bewirken, dass ein Mal auf eurem Handgelenk erscheint. Es sieht aus, wie die Schlange in unserem Wappen dort hinter mir. Wir alle haben es, ihr könnt es zurzeit nur nicht sehen, weil ihr noch nicht Teil unserer Gruppe seid. Es ist ein magisch bindendes Zeichen. Nicht nur wird es euch anzeigen, wann unser nächstes Treffen ist, es wird euch auch benachrichtigen, wenn jemand von uns in eurer Nähe in Schwierigkeiten ist. Passiert Letzteres, seid ihr verpflichtet, denjenigen zu helfen. Wenn ihr ein Problem damit habt, sagt es bitte jetzt. Niemand wird es euch übel nehmen, aber wenn ihr nichts sagt, müsst ihr mit den Konsequenzen leben."

Edward sah auf seine Füße hinunter, während Irene und Douglas Tigris anstarrten, als wollten sie ihn herausfordern. Keith legte den Kopf schief. „Wir alle wussten, dass es uns etwas kosten würde, beizutreten. Wir werden jetzt bestimmt keinen Rückzieher machen."

Die anderen nickten zustimmend.

Tigris lächelte. Er hatte bereits etliche ähnliche Worte gehört. „Wenn ihr noch immer entschlossen seid, werden wir mit der Zeremonie beginnen."

„Gut, fang an!", sagte Irene, die Hände energisch in die Taille gestemmt.

„Ja.", nickte Douglas.

Die anderen beiden stimmten ihnen zu.

„Wie ihr wollt." Tigris stand auf. „Wenn ich euren Namen sage, kommt zu mir hoch und folgt meinen Anweisungen."

Er öffnete die Kammer und holte den Kelch hervor, dann drehte er sich zu den anderen um. „Douglas Viridian."

Der braunhaarige Junge kletterte auf die Bühne und blieb vor ihm stehen.

Tigris lächelte ihm ermutigend zu. „Knie nieder und nimm diesen Kelch, zum Zeichen, dass du bereit bist dieser Gemeinschaft beizutreten, ihr und ihren Mitgliedern Respekt zu erweisen und dich ihren Regeln zu unterwerfen."

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Nachdem die neuen Mitglieder der Schattengemeinschaft ihren Eid geleistet hatten, winkte Tigris Blaise, Theodore und Draco zu sich hoch.

Die drei waren schnell so etwas wie Mit-Anführer der Gemeinschaft geworden. Blaise und Draco waren gut genug in Verteidigung, um mit ihm gemeinsam zu unterrichten, und Theodore hatte den meisten Überblick über die Stärken und Schwächen der Mitglieder. Blaise war auch nicht schlecht darin, aber sie war besser darin, die Persönlichkeit eines Menschen einzuschätzen. Theodore kannte die Fähigkeiten aller und war ungeschlagen darin, Gruppen zusammenzustellen, die sich gegenseitig ergänzten.

Tigris selbst mochte gut in Verteidigung sein, aber er konzentrierte sich zu sehr auf einzelne Personen. Charles und Sidney zum Beispiel kannte er inzwischen ziemlich gut, während er von einigen anderen kaum den Namen wusste.

„Bevor wir heute anfangen, habe ich ein paar Neuigkeiten.", sagte Tigris. „Wir sind nun siebenundfünfzig. Während ich mich freue, dass so viele aus unserem Haus dieser Gemeinschaft beigetreten sind, ist dies auch der Grund für ein paar Veränderungen. Wir sind einfach zu viele, um alle gemeinsam effektiv weiter zu lernen. Aus diesem Grund haben Blaise und Theodore einen Plan entworfen, um euch in Gruppen einzuteilen. Es wird insgesamt sechs Gruppen mit unterschiedlichen Stärken geben, die sich zu unterschiedlichen Zeiten treffen. Das wird es zudem einfacher machen, unsere Gemeinschaft weiterhin geheim zu halten. Ich werde nicht immer alle Gruppen persönlich unterrichten, aber einer von uns dreien…" Er gestikulierte zu Blaise und Draco. „…wird immer anwesend sein. Es gibt noch ein paar weitere Neuigkeiten, aber dazu kommen wir, wenn die Gruppen gebildet sind. Nun möchte ich, dass ihr folgendes tut:"

Tigris zeichnete mit seinem Stab eine Linie entlang der Längsachse des Raumes. „Sucht euch zunächst einen Partner aus eurem Jahrgang. Wenn jeder seinen Partner gefunden hat, stellt euch entlang dieser Linie gegenüber voneinander auf. Die Erstklässler auf dieser Seite, danach die Zweitklässler und so weiter. Mir ist klar, dass die Sechst- und Fünftklässler ungerade Zahlen haben, das ist der Grund dafür, dass Draco und ich uns euch anschließen."

Draco ging zu den Sechstklässlern hinüber, um sich mit Richard zusammen zu tun. Tigris selbst ging zu den Fünftklässlern, wo ein nervös wirkendes Mädchen noch keinen Partner hatte. Es dauerte einen Moment, bis Tigris sich an ihren Namen erinnerte. Sie war ziemlich ruhig und unauffällig, und obwohl sie sich einen Raum mit Helena teilte, hatte er die beiden noch nie zusammen gesehen.

„Priscilla, richtig?", fragte er, ihr aufmunternd zulächelnd.

Sie nickte hastig. „Du musst wirklich nicht mit mir zusammen üben, nur weil ich keinen Partner habe.", meinte sie, ihn unsicher ansehend. „Ich bin ohnehin nicht gut in Verteidigung. Ich bin viel zu tollpatschig. Ich mache immer Fehler und bin niemals schnell genug. Ihr könnt mich einfach in die Anfängergruppe stecken, wirklich. Das ist vollkommen in Ordnung für mich, wir brauchen das gar nicht zu testen. Ich weiß, dass ich lausig bin, ehrlich."

Sie biss sich auf die Lippen, als Tigris lachte.

„Kein Grund, nervös zu sein, Priscilla.", sagte er lächelnd. „Ich bin sicher, du bist besser, als einige der Erstklässler. Ich bin vorsichtig, versprochen."

Priscilla betrachtete ihn sichtlich zweifelnd. Tigris fragte sich, ob sie ernsthaft daran zweifelte, besser zu sein als die Erstklässler, oder ob ihre Zweifel sich auf sein Versprechen bezogen.

„Achtung!", rief Blaise von der Bühne aus. „Ihr werdet nun ein Duell beginnen. Das Ziel ist, euren Gegner so schnell wie möglich zu entwaffnen. Keine Zauber, die jemanden ernsthaft verletzen können! Beginnt bei drei, kein Mogeln! Wir beobachten euch! Fertig?"

Als sie ihre Stäbe gezogen hatten - Tigris hatte ein ungutes Gefühl, als Priscilla ihren beinahe fallen ließ – begann Blaise laut zu zählen. Dank eines Sonorus- Zaubers war ihre Stimme deutlich überall in der Halle zu hören.

Tigris wollte Priscilla etwas mehr Zuversicht geben, also begann er mit einem schwachen Stupefy, mit dem er nah an ihr vorbei zielte. Als der Lichtblitz auf sie zukam schloss sie panisch die Augen, schaffte es aber auf wundersame Weise, einen Impedimenta in Tigris' Richtung zu schicken, dem er nur knapp auswich, da ihr wildes Fuchteln mit ihrem Stab ihm keinen Hinweis gab, von welchem Punkt aus der Spruch kam. Sobald sie aus ihrer Erstarrung erwacht war, sprang sie zur Seite. Der Stupefy hatte sie natürlich schon lange verfehlt. Stattdessen stolperte sie – da ihre Augen noch immer geschlossen waren - rempelte ihren Nachbarn zur Seite und wurde von dem Expelliarmus seines Gegners getroffen.

Tigris schaffte es, ihren Stab aufzufangen und starrte ungläubig auf sie herunter. Als sie aufsah, war sie krebsrot angelaufen.

„Kannst du nicht aufpassen?", fauchte der Junge neben ihr, nicht im Geringsten dankbar dafür, dass sie ihn vor einer Niederlage bewahrt hatte. „Bei Merlin, wie blöd kann man sein?"

Priscilla krabbelte hastig von ihm weg und kam ungeschickt wieder auf die Füße.

„Ich habe es ja gesagt.", murmelte sie, als Tigris ihr ihren Stab zurückgab. „Ich bin eine Katastrophe."

Tigris seufzte. Irgendwie erinnerte ihn das an jemanden. „Jeder hat seine Schwächen. Dein Impedimenta war nicht schlecht, ich bin sicher, du kannst besser werden, wenn du weniger nervös bist."

Sie verzog das Gesicht. „Das ist es ja gerade, ich bin immer nervös. Es ist einfach hoffnungslos. Tut mir leid…"

„Kein Problem.", erwiderte Tigris, nicht wirklich wissend, was er antworten sollte.

Zu seinem Glück kam Blaise zu seiner Rettung. Es schien, die ersten Duelle waren alle recht schnell verlaufen. Als Tigris sich umsah, sah er, wie Draco Richard auf die Füße half.

„Alle Gewinner gehen nun bitte auf die rechte Seite der Linie, alle Verlierer auf die linke Seite. Der von den Gewinnern in eurem Jahrgang, der am weitesten auf dieser Seite der Linie steht" – Blaise bedeutete mit ihrem Arm, welche Seite sie meinte – „geht bitte zu dem der Verlierer, der am weitesten auf der anderen Seite steht. Alle anderen rücken um eine Stelle weiter."

Es folgte ein wenig Chaos, aber nach ein paar ordnenden Rufen von Blaise und Theodore hatte jeder einen neuen Partner. Das ganze wiederholte sich fünf Mal, wobei Tigris beim fünften Mal wieder Priscilla gegenüber stand. Nach ein wenig Überzeugung tauschte er den Platz mit einem anderen in seiner Reihe, der zuvor einmal verloren hatte und deshalb die Seite getauscht hatte, so dass sie alle einen neuen Partner hatten.

„Ihr habt nun alle drei oder mehr Mal gewonnen oder verloren.", erklärte Blaise danach. „Diejenigen, die drei oder mehr Mal gewonnen haben, gehen bitte auf die rechte Seite der Linie, die restlichen auf die andere. Diejenigen aus der sechsten Klasse, die auf der rechten Seite stehen, kommen bitte hier nach vorne, ebenso die aus der ersten Klasse, die auf der linken Seite stehen. Anschließend finden sich bitte die Verlierer des höheren Jahrgangs mit den Gewinnern des unteren Jahrgangs zusammen, also die Verlierer der zweiten Klasse mit den Gewinnern der ersten und so weiter."

Es überraschte Tigris nicht, dass Daphne, Draco, Tracey und Richard die Gewinner der sechsten Klasse waren. Theodore schickte Richard zurück, da er gegen Gregory, Vincent und Pansy gewonnen hatte, die wirklich erbärmlich in Verteidigung waren. Er machte noch ein paar andere Veränderungen, nachdem sich die neuen Gruppen gebildet hatten, dann begannen die Duelle von neuem. Tigris nahm diesmal nicht mehr teil.

Das Ganze dauerte sehr lange, aber am Ende entstanden sechs Gruppen, in denen alle ähnlich stark waren.

In der ersten Gruppe waren Tigris, Draco, Blaise und Daphne aus der sechsten Klasse, Evan Larkey, Stephen Mercurius und Clarissa Maldoun aus der fünften, Lydia Grimstone und Charles Moulsecombe aus der vierten und, zu Tigris' Überraschung, Fiona Bonham aus der dritten Klasse.

Die anderen Gruppen waren ähnlich gemischt. Vincent und Gregory waren, ähnlich wie Priscilla Faberge, in der schlechtesten Gruppe.

Theodore und Blaise legten mit allen Gruppen Zeitrahmen für die Treffen fest. Jeweils zwei waren abwechselnd samstags und sonntags, die anderen waren abends an Wochentagen. Die Samstagsgruppen würde immer Blaise übernehmen müssen, da weder Tigris noch Draco samstags Zeit hatten.

Insgesamt war es ein sehr gut ausgearbeiteter Plan, aber Tigris hatte nicht weniger von Blaise und Theodore erwartet.

„Wir werden in Zukunft fünf von euch auswählen, die uns im Unterricht assistieren.", verkündete Tigris, als die Diskussionen abgeschlossen waren. „Wer das sein wird, wird sich im Laufe der nächsten zwei Wochen entscheiden. Daneben werdet ihr nicht nur neue Zauber lernen, sondern auch, wie ihr besser zusammenarbeitet und wie ihr euch ohne Magie verteidigt. Das letzte ist Dracos Spezialität, also wird er das übernehmen. Weiterhin soll ab jetzt die Regel gelten, dass nie weniger als drei von euch alleine unterwegs sind. Wenn ihr nach oben in den Vorraum kommt, werdet ihr feststellen, dass dort nun eine Karte hängt, wo sich zuvor eines der leeren Bilder befand. Diese Karte zeigt nicht nur den größten Bereich von Hogwarts, sondern auch, wo sich wer darin befindet. Ihr werdet also wissen, ob sich Professoren oder andere Personen, von denen ihr nicht gesehen werden wollt auf eurem Weg zum Gemeinschaftsraum befinden, bevor ihr den Raum verlasst. Achtet sorgfältig darauf, das gilt besonders für diejenigen, die in der Woche abends hier sind."

Tigris war persönlich ziemlich stolz auf diese Karte. Es war eine vergrößerte Version der Karte der Marauder, die natürlich niemals verbrannt war. Tigris hatte nur ein leeres Pergament verbrannt, für den Fall, dass Dumbledore zusah. Erst danach war ihm eingefallen, dass die Karte vor Feuer geschützt war, aber der alte Mann hatte seine Geschichte trotzdem gekauft, also warum sich darüber den Kopf zerbrechen? Es war sehr knifflig gewesen, die Karte zu kopieren, und noch schwieriger, den von Slytherin geschützten Teil des Schlosses darauf erscheinen zu lassen, aber Tigris hatte es schließlich geschafft. Das Original bewahrte er in Slytherins Bibliothek auf.

Tigris sah auf die Uhr. Es war später Nachmittag, doch noch nicht Abend. „Diejenigen von euch, die jetzt gehen wollen, können gehen. Den Rest lade ich zu etwas einfachem Training ein, angesichts dessen, dass ihr heute nicht wirklich etwas gelernt habt."

Blaise stöhnte verhalten. Draco grinste ihr zu. „Keine Lust mehr?"

Sie warf ihm einen bösen Blick zu. „Du hast gut reden. Du brauchtest nur ein Duell gewinnen und hast seitdem gefaulenzt. Ich und Theodore haben die ganze Arbeit gemacht."

„Ihr könnt natürlich auch gehen.", sagte Tigris, zu ihnen umgewandt. „Es sind nicht mehr so viele, mit dem Rest komme ich auch alleine zurecht."

„Machst du Witze?", fragte Draco amüsiert. „Da gibt es einen Haufen Erstklässler zu verhexen."

Die Erstklässler, die sich um sie versammelt hatten, warfen ihm unsichere Blicke zu. Draco grinste ihnen boshaft zu.

„Kümmert euch nicht um ihn.", sagte Tigris. „Er macht nur Spaß."

„Ja genau.", sagte Draco, und drehte seinen Stab zwischen den Fingern. „Ihr könnt ruhig hier bleiben."

Zwei der Kleinen flüchteten daraufhin, doch der Rest betrachtete Draco herausfordernd.

„Du erschreckst die Ersties, Malfoy." Aquila Hunter war mit seinem Freund Fabian Frobisher zu ihnen hinüber geschlendert und grinste Draco zu.

„Still du kleiner Kobold, oder du bist der Erste.", entgegnete Draco gutmütig. „Wo hast du deinen Anhang gelassen?"

„Du meinst Avery?", meinte Aquila amüsiert. „Er ist missmutig, dass er einen Kurs unter mir ist. Ich nehme an, das ist der Grund, warum er gegangen ist. Andererseits könnte ich ihn auch beim Wort nehmen, und davon ausgehen, dass er nur seine Zeit nicht in meiner halbblütigen Gegenwart vergeuden will."

„Weil er Angst hat, dass du ihn in seinen reinblütigen Arsch trittst.", erwiderte Draco erheitert. Die beiden lachten.

Tigris hörte ihnen ein wenig verwundert zu. Er hatte nicht mitbekommen, dass die beiden so entspannt über das Thema redeten. Nach Dracos Tirade über Schlammblütler im Gemeinschaftsraum war er sich erneut unsicher gewesen, wo sein Bruder stand. Anscheinend hatte das nur dem Erscheinungsbild gedient.

Wenn das wahr war, warum redete Draco hier anders? Tigris sah sich um. Der größte Teil der Anwesenden war in der dritten Klasse oder jünger. Vielleicht lag es daran. Oder vielleicht lag es daran, dass niemand von ihnen weitererzählen konnte, was in diesen Räumen geschah. Es mochte ihre Meinung von Draco beeinflussen, aber zählte das wirklich, solange sein Vater nichts davon erfuhr?


Vielen Dank für eure Reviews an: Lara-Lynx, Revange, Lobarie, Crissi88, LaraAnime, Dax, YanisTamiem, Carabina, CitySweeper, Kylyen, Avallyn Black

Lara-Lynx: Sie können in einer hypothetischen Weise darüber reden (Wenn es eine Gemeinschaft gäbe, würdest du ihr dann beitreten...). Ich meinte Draco. Das nächste Kapitel verrät etwas mehr...

Carabina: Bist du schon hier angekommen?
:-) Ja, wo du es sagst... lol Ich als Leser der britischen Originale bin natürlich vertrauter mit „the boy-who-lived". Nachdem ich schließlich angefangen habe, deutsche Fanfiction zu lesen, komme ich allerdings auch langsam den deutschen Begriffen auf die Schliche. (Hermine /schauder/ Warum?
/starrt verständnislos in Richtung der Übersetzer/ )

CitySweeper: Hmm... Erstmal üben sie noch keine Patroni. Aber ich habe da etwas im Sinn...

Kylyen: Oh, ich befürchte, es wird noch gruseliger werden! Augen zu und festhalten... :-,

A/N: Fünfhundert Reviews! Ich habe fünfhundert Reviews! Ich liebe euch alle! Besonderen Dank an Carabína, von der das 500. Review stammt. Bleib dran! Es wird noch länger...