Disclaimer:

Eine Nuss, eine Nuss!

Wer bist du denn?

Scrat!

Nein! Nicht schon wieder ein Eichhörnchen! Ich gebe zu, Harry Potter gehört JKR, aber bitte HAU AB!

Eine Kokosnuss!


Schatten der Wahl

47. Mehr Einladungen

Da die meisten der Anwesenden so jung waren, hatte Tigris sich entschieden, einfache Kampfzauber wie Impedimenta und Stupefy mit ihnen zu üben. Blaise und Draco hatten ein spielerisches Duell begonnen, dem einige von ihnen zusahen, während die anderen übten. Später sagte Tigris sich, dass er es von Beginn an nicht hätte zulassen dürfen, aber sie waren alle ermüdet und ihm gefiel es, den beiden zuzusehen. In dem Moment sagte er sich, dass es eine nützliche Erfahrung für die Jüngeren war, zwei erfahrenen Duellanten zuzusehen.

Tigris sah aus den Augenwinkeln, wie die Erstklässler während ihrer Duelle durch den Raum tobten, aber widmete dem nicht viel Aufmerksamkeit. Es war nur Zufall, dass er sah, wie einer von ihnen einen Reductohex sprach, während seine Gegnerin sich gefährlich nahe vor der steinernen Bühne befand.

„Stopp!", rief Tigris, aber es war zu spät. Der Hex traf das Mädchen und schleuderte sie durch die Luft. Es gelang Tigris, sie ein wenig zu verlangsamen, aber nicht genug. Sie traf die Kante der Bühne mit einem übelkeitserregenden Krachen.

„Martha!", rief Irene Sanchez. Tigris schuf eine Barriere um das verletzte Mädchen, bevor sie zu ihr rennen konnte.

„Wartet! Fasst sie nicht an."

Draco hatte gesehen, was geschehen war und sein Duell mit Blaise unterbrochen. „Lass mich zu ihr, vielleicht kann ich feststellen, was passiert ist."

Tigris nickte und ließ die Barriere fallen.

„Bleibt weg von ihr.", warnte Draco Marthas Klassenkameraden, die sich um die Barriere versammelt hatten. „Wenn sie verletzt ist, verschlimmert ihr es unter Umständen nur, wenn ihr sie anfasst."

Tigris trat neben die beiden, aber blieb einen halben Meter von ihnen entfernt, während Draco stirnrunzelnd seine Hände über den Körper des Mädchens gleiten ließ.

Ihre Augen waren weit aufgerissen und sie bewegte sich nicht. Tigris erkannte mit einem sinkenden Gefühl, dass sich ihre Brust nicht hob.

„Ihr Genick ist gebrochen.", flüsterte Draco so leise, dass nur Tigris ihn hören konnte. Sein Gesichtsausdruck war steinern. Draco hob sie sanft hoch und legte sie neben der Bühne auf den Boden.

Tigris ging neben ihm in die Knie. Er fürchtete sich davor, zu fragen. „Ist sie tot?"

„Nein!", rief Draco ärgerlich. „Sie ist nicht tot! Sie wird nicht sterben!" Den Ausdruck in seinen Augen hatte Tigris noch nie zuvor gesehen. Draco kniete neben dem Mädchen nieder und legte seine Hände auf ihre Brust. „Sie ist nicht tot.", wiederholte er.

Eins der Mädchen hinter ihm schluchzte. Tigris bemerkte flüchtig, dass Blaise versuchte, sie zu beruhigen. Alle der Anwesenden hatten nun einen Kreis um sie gebildet.

„Wir müssen sie zur Krankenstation bringen.", sagte einer der Zweitklässler.

„Es ist zu spät.", entgegnete Fiona, die ebenfalls geblieben war. „Wenn wir sie bewegen, wird sie mit Sicherheit sterben."

„Seht sie euch doch an!", rief einer der Erstklässler hysterisch. „Sie ist bereits tot!"

„Nein, ist sie nicht!", schrie Irene zurück.

Blaise hielt die beiden gerade noch davon ab, aufeinander loszugehen.

Draco hatte die Augen geschlossen und murmelte leise vor sich hin. Als Tigris ihn genauer ansah, bemerkte er ein blaues Glühen, das sich von seinen Händen aus über seinen und Marthas Körper ausbreitete. Es war unheimlich, und Tigris hätte Draco am liebsten von ihr weggerissen, aber etwas sagte ihm, dass es besser war, von ihnen fern zu bleiben.

Das Glühen breitete sich weiter aus, bis sie beide von einem blau schimmernden Licht umgeben waren. Blaise war erstarrt und betrachtete die beiden ehrfürchtig. Selbst Irene und der Junge, dem sie gerade zuvor ein blaues Auge geschlagen hatte, hatten in ihrem Streit innegehalten.

Schließlich verschwand das Licht abrupt und Draco brach neben dem Mädchen zusammen. Tigris eilte hastig zu ihm und tastete nach seinem Puls, erleichtert, als er ruhig und deutlich schlug, auch wenn Draco bewusstlos war.

Das kleine Mädchen setzte sich verwirrt auf und blinzelte. „Was ist passiert?"

„Martha!", rief Irene erleichtert, und lief zu ihr, um sie zu umarmen. Zwei andere Erstklässler schlossen sich ihr schnell an. Martha erwiderte die Umarmungen, offensichtlich verwirrt darüber, welchem Grund sie die Aufmerksamkeit verdankte.

Tigris stand hastig auf. „Niemand von euch wird über das was hier passiert ist mit irgendjemandem reden. Es ist nie geschehen. Das ist ein Befehl."

Die Kinder sahen ihn mit großen Augen an, aber er war noch zu geschockt, um sich mit ihnen abzugeben. „Geht jetzt, das Training ist für heute beendet."

Für einen Moment waren alle wie erstarrt, dann beeilten sie sich, seiner Aufforderung zu folgen und die Halle zu verlassen.

„Gilt das auch für mich?", fragte Blaise, als alle gegangen waren.

Tigris sah sie erschöpft an. „Nein, natürlich nicht." Er kniete neben Draco nieder. „Was ist hier passiert?"

„Mach dir keine Sorgen, es geht ihm gut.", sagte sie ein wenig atemlos, neben ihn tretend. „Ich nehme an, er hat sich nur ein wenig überanstrengt. Es geschieht nicht jeden Tag, dass jemand die Toten wieder zum Leben erweckt."

„Was?", fragte Tigris ungläubig.

„Hast du ihre Augen nicht gesehen? Sie war tot, egal was Draco gesagt hat. Der Aufprall hat sie auf der Stelle umgebracht."

Tigris blinzelte verständnislos. „Aber… Wie...?"

Blaise atmete tief durch. „Ich wage es kaum auszusprechen, aber es gibt keinen Zweifel… dein Bruder ist ein wahrer Heiler, Tigris. Der erste seit zweihundert Jahren."

Tigris schüttelte den Kopf. „Er ist ein Heiler? Aber wieso…"

„Nicht nur ein Heiler.", unterbrach Blaise ihn. „Ein WAHRER Heiler. Jemand, der allein durch Berührung heilen kann. Es hat seit Clarence Nightingale keinen mehr gegeben. Einige ihrer Fähigkeiten sind nur ein Mythos. Es wird gesagt, dass Dunkle Magie sie nicht beeinflusst, dass sie jede existierende Krankheit heilen können… dass sie selbst Tote wieder zum Leben erwecken können. Ich habe es nie geglaubt… bis jetzt."

Tigris atmete tief durch und strich Draco die Haare aus der Stirn. Das war einfach zuviel, um es in ein paar Augenblicken zu verarbeiten.

„Wir können ihn nicht hier lassen. Er braucht ein paar Tränke. Hilf mir."

Tigris hob Draco mit einem Mobilicorpus und ging hinüber zu der hinteren Wand der Bühne. Blaise folgte ihm verwirrt und starrte verblüfft, als er die Wand zur Seite weichen ließ, um eine der Türen zu offenbaren. Tigris hatte den Raum dahinter ein wenig verändert, um ihn bequemer zu machen. Nun ließ er Draco auf die Couch sinken, und ging zu dem Schrank dahinter, um eine Phiole mit einem aufbauenden Trank herauszuholen.

Blaise ließ sich in einen der Sessel fallen. „Eines Tages werdet ihr zwei mein Tod sein." Sie deutete vage zu dem Raum. „Was ist das hier?"

„Es war von Anfang an da.", antwortete Tigris. „Ich wollte nur nicht, dass die anderen davon wissen."

„Ich bin geehrt.", murmelte sie schwach.

Tigris flösste Draco den Trank ein. „Komm, so schockierend ist das nun auch wieder nicht."

Sie starrte ihn an. „Hast du es nicht einmal gemerkt?"

Tigris sah sie stirnrunzelnd an. „Was?"

Blaise schüttelte ungläubig den Kopf. „Du hast eine ganze Wand versetzt und hast nicht einmal deinen Stab benutzt!"

Tigris hielt verblüfft inne und starrte auf seine Hände hinunter. „Ich… Du hast recht, das habe ich nicht."

Er setzte sich schockiert.

Sie lachte beinahe hysterisch. „Du hast es wirklich nicht gemerkt? Was beim Hades seid ihr beide?"

Tigris schüttelte unsicher den Kopf. „Ich weiß es nicht." Nun, das war nicht ganz richtig. Zumindest was ihn selbst betraf hatte er die starke Vermutung, dass es mit dem Ritual zusammenhing. Aber wie konnte das geschehen, trotzdem er die Armschienen trug? Verloren sie am Ende ihre Wirkung? Die erschreckende Vorstellung sich mitten in der Großen Halle in einen Basilisken zu verwandeln durchzuckte seinen Geist. Tigris atmete ein paar Mal tief durch, um nicht in Panik zu geraten. Vielleicht gab es eine ganz einfache Erklärung. Sein Vater beherrschte auch Handmagie, nicht wahr? Blaise sollte nicht davon wissen. Er dachte nicht einmal nach, bevor er mit der Hand in ihre Richtung winkte. „Recordatio everte." Sie blinzelte.

Tigris hatte kaum begriffen, was er getan hatte, als Draco stöhnte und ihn ablenkte. Tigris half ihm sich aufzusetzen.

„Martha…", flüsterte sein Bruder.

„Es geht ihr gut.", sagte Tigris eilig. „Du hast sie gerettet."

Draco atmete erleichtert auf und ließ sich in die Couch sinken. „Merlin sei Dank." Er sah sich verwirrt um. „Wo sind wir?"

„In einem Raum hinter der Bühne."

Draco rieb sich die Stirn. „Noch ein verdammtes Geheimnis?"

„Ähm…", stammelte Tigris.

Draco winkte mit der Hand. „Vergiss es. Ich denke, ich bin es, der euch eine Erklärung schuldet." Er sah zu Blaise. „Ich vermute, du weißt es bereits."

„Wenn du meinst, dass du ein wahrer Heiler bist, dann ja.", erwiderte Blaise. „Wie konntest du das geheim halten?"

„Wie konnte ich nicht?", zischte Draco. „Ist dir nicht klar, was das heißt?"

„Dass du eine einzigartige Gabe besitzt, mit der du Hunderten von Menschen helfen könntest.", erwiderte Blaise.

Draco stöhnte. „Ich bin erledigt."

„Du hast eine Verpflichtung!", fauchte Blaise.

„Ich habe gar nichts!", schrie Draco zurück. „Es ist mein Leben. Ich werde es nicht von diesem verdammten Fluch zerstören lassen!"

„Es ist kein Fluch!", schrie Blaise ebenso laut. „Es ist eine Gabe!"

„Das ist mir egal!" Draco wollte aufspringen, aber war noch zu erschöpft und fiel in die Kissen zurück. „Weißt du, was geschehen wird, wenn die Öffentlichkeit davon erfährt? Jeder der für todkrank oder unheilbar erklärt worden ist, wird verlangen, dass ich ihn rette! Leute werden zu mir kommen und verlangen, dass ich ihre Verstorbenen zurückbringe! Ich kann das nicht! Ich will das nicht!"

Die beiden starrten sich wütend an.

„Er hat recht.", sagte Tigris, zu Blaise gewandt. „Es ist seine Entscheidung."

„Ist es nicht.", fauchte sie. „Er hat eine Berufung! Es hat seit zweihundert Jahren keinen wahren Heiler mehr gegeben. Die Menschen werden ihn für ein Wunder halten, ein Zeichen. Er hat die Fähigkeit, die Welt zu verändern!"

„Und es ist sein Recht, es nicht zu tun, wenn er es nicht will.", entgegnete Tigris ruhig. „Du bist besessen von derlei Dingen. Du kannst nicht von ihm verlangen, sein Leben zu opfern, nur weil du es für richtig hältst."

„Ich kann und ich werde.", entgegnete Blaise ärgerlich.

„Nein, wirst du nicht.", sagte Tigris kalt. „Du wirst niemandem etwas davon erzählen. Du wirst seinen Wunsch respektieren. Das ist ein Befehl."

„Das kannst du nicht tun!"

„Du hast mir Loyalität geschworen. Ich kann und habe es getan."

„Es hat nichts mit der Gemeinschaft zu tun!"

„Du wüsstest nichts davon, wenn es die Gemeinschaft nicht gäbe, also hat es das. Außerdem dient die Gemeinschaft dazu, ihre Mitglieder zu schützen, und dieser Befehl schützt Draco. Du wirst ihn akzeptieren."

Sie starrte Tigris mit zusammengebissenen Zähnen an. „Ja.", fauchte sie schließlich. Dann sprang sie auf und stürmte aus dem Raum.

Tigris seufzte erleichtert auf.

Draco lächelte ihm erschöpft zu. „Danke."

Tigris lächelte zurück. „Wer könnte deine Gründe besser verstehen als ich?"

Sie schwiegen eine Weile, dann begann Draco langsam zu erzählen. Tigris war überrascht von dem, was er hörte. Anscheinend hatte Draco schon seit dem Ende der Winterferien von seiner Begabung gewusst. Wie sein Bruder es sich vorgenommen hatte, hatte er Firenze nach den Geschehnissen während Tigris' Vergiftung gefragt. Firenze war überrascht gewesen, aber hatte Draco erklärt, was es bedeutete. Offenbar waren solche Begabungen unter den Zentauren weit mehr verbreitet, und Firenze war nicht wirklich klar gewesen, wie bedeutsam es für einen Menschen war, eine solche zu besitzen. Als Draco begriffen hatte, was die Beschreibungen des Zentauren für ihn hießen, hatte er ihn gebeten, es für sich zu behalten, was Firenze getan hatte.

„Ich will diese Begabung nicht.", sagte Draco leise. „Ich weiß, es ist selbstsüchtig, aber… weißt du, was mit dem letzten wahren Heiler passiert ist?"

Tigris schüttelte nur den Kopf.

„Clarence Nightingale… er wurde zu einer Berühmtheit, sobald seine Begabung bekannt wurde. Zauberer und Hexen aus aller Welt suchten ihn auf, um von ihm geheilt zu werden, und er lehnte nie jemanden ab. Es spielte keine Rolle, wie arm oder reich jemand war, oder woher er stammte… Er half jedem, der seine Hilfe brauchte. Er war der Überzeugung, dass das Schicksal ihm mit seiner Gabe einen Auftrag gegeben habe… den Auftrag, das Leid in der Welt zu mildern. Er hat das Bild geprägt, das die Menschen von einem wahren Heiler haben. Sie glauben, dass es die Berufung eines wahren Heilers ist, sein Leben für andere aufzuopfern. Das ist genau das, was er am Ende getan hat, weißt du? Das vergessen die Geschichten natürlich. Er war nur zweiundvierzig, als er starb. Auf seinen Porträts sieht er aus, als wäre er über Hundert." Draco schlang die Arme um sich. „Ich will das nicht. Ich will mein Leben nicht auf diese Weise vergeuden. Sie haben kein Recht, es von mir zu verlangen!"

Tigris zog ihn in eine Umarmung. „Du hast Recht, das hat niemand. Es ist dein Leben, und deine Entscheidung, was du damit tun willst. Diese Gabe allein bestimmt nicht, was du bist."

Draco atmete tief durch und lehnte sich gegen ihn. „Ich habe darüber nachgedacht, eine Ausbildung zum Heiler zu machen. Was wir in Firenzes Kurs lernen hat mir Spaß gemacht, und diese Art Zauber fallen mir leicht. Wenn ich dieses Talent habe, warum soll ich es nicht nutzen? Ich will nur nicht, dass die Öffentlichkeit erfährt, was ich bin."

„Das ist dein gutes Recht."

„Das ist der Grund dafür, warum ich so viel für Verwandlungen gelernt habe.", fuhr Draco fort. „Man braucht einen NEWT in Verwandlungen, um eine Ausbildung zum Heiler machen zu können. Wenn man nicht die erforderlichen NEWTs hat, muss man ein ganzes praktisches Jahr machen, bevor man anfangen kann. Wenn ich gut genug bin, vielleicht lässt mich McGonagall nachträglich in ihren Kurs. Ich mag sie nicht, aber um die Ausbildung machen zu können würde ich sie in Kauf nehmen. Es tut mir Leid, dass ich es dir nicht früher gesagt habe."

Tigris zog ihn näher an sich. „Wir alle haben Dinge, mit denen wir erst alleine klar kommen müssen. Ich habe dir auch nicht alles über meine Probleme erzählt, und ich bin noch immer nicht bereit dafür... Ich bin froh darüber, dass du es mir jetzt erzählt hast, das ist alles."

Draco lachte trocken. „Ich hatte nicht wirklich eine Wahl, nicht wahr? Ich wünschte, du könntest mir mehr vertrauen, aber ich verstehe es auch, wenn du es nicht kannst. Wie du schon sagtest – manche Dinge muss man für sich selbst klären."

Tigris lächelte flüchtig. „Danke."

Draco zuckte nur mit den Schultern. „Wenn jemand mir vor einem Jahr gesagt hätte, wie unser beider Zukunft aussieht, hätte ich ihn für verrückt erklärt… und dennoch sind wir heute hier und betrachten uns als Brüder. Ich glaube nicht, dass wir jemals über alle unsere Unterschiede hinwegkommen werden… aber ich denke auch nicht, dass das nötig ist. Ich kenne dich, auch wenn du mir nicht alles erzählst."

Es rührte eine seltsame Mischung von Gefühlen in Tigris auf, dass Draco behauptete, er würde ihn kennen. Es wärmte und beunruhigte ihn zugleich. Als Tigris lächelte, wusste er, dass es ein wenig gezwungen erschien. „Danke.", sagte er erneut, aber er fühlte sich wie ein Lügner. Tigris war nicht wirklich der Überzeugung, das Draco ihn tatsächlich kannte, und er wollte es auch nicht. So lange er auch zurück dachte, Tigris konnte sich an keine Person erinnern, von der er sagen konnte, dass sie ihn wirklich gekannt hatte. Nicht einmal Dumbledore, Tigris wusste das nun. Wenn er sich die Wahrheit eingestand, dann fürchtete er sich davor. Wenn ihn jemals jemand wirklich kennen würde, was würde er wohl von ihm denken?

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Blaise betrat den Raum und schloss die Tür hinter sich. Der Unfall in der Kammer war einen Tag her. Tigris betrachtete sie nachdenklich. Sie hatten seit dem Abend zuvor nicht mehr miteinander gesprochen. Er konnte verstehen, warum Draco seine Fähigkeit nicht öffentlich machen wollte.

Blaise sah verlegen zu Boden, als er sie länger ansah. „Können wir… spazieren gehen? Ich möchte mit dir über etwas reden."

Tigris überlegte einen Moment, dann nickte er. Er dachte sich bereits, dass es um die Gemeinschaft ging. Sie verließen den Gemeinschaftsraum schweigend. Als sie in der Kammer angekommen waren, sah Blaise ihn fast bittend an.

„Es tut mir Leid wegen gestern. Du hattest recht, es ist Dracos Entscheidung. Ich habe mich einfach hinreißen lassen."

Tigris war etwas verblüfft. Es kam selten vor, dass Blaise einen Fehler zugab.

„Schon gut. Wir alle irren uns mal."

Blaise lächelte flüchtig. „Es freut mich, dass du nicht länger sauer auf mich bist."

Tigris zuckte mit den Schultern. „Du hast dich entschuldigt, es ist in Ordnung. Denk aber nicht, dass ich deswegen meinen Befehl zurücknehme."

Sie grinste. „Nein, dachte ich auch nicht." Sie setzte sich neben ihm auf den Rand der Bühne. „Hast du schon darüber nachgedacht, wen du als Assistenten benennen willst? Der Vorfall gestern hat deutlich gezeigt, dass wir sie brauchen. Draco kann schließlich nicht immer da sein."

Tigris nickte ernst. „Ich dachte an Aquila für den schwächsten Kurs. Er weiß noch nicht viel, aber er ist aufmerksam und geduldig. Ich habe ein paar Mal gesehen, wie er seinen Klassenkameraden etwas erklärt hat."

Blaise nickte. Wenig später waren sie in eine Diskussion vertieft.

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Sie wählten nach einer Woche fünf Assistenten aus. Nicht zufällig war keiner der gewöhnlichen Anführer darunter. Sie wählten diejenigen, die gut in Verteidigung waren, aber auch gelassen genug waren, um anderen etwas beibringen zu können. Aquila war ihre erste Entscheidung gewesen. Ihm folgten Indira Ghali - eine Fünftklässlerin, Stephen Mercurius, Sabina Fiorelli - eine Freundin von Fiona Bonham, und Tracey. Sie alle waren nicht die Besten in ihrem Jahr, was Verteidigung anging, aber sie waren diejenigen, die ihren Klassenkameraden am ehesten halfen, wenn sie etwas nicht verstanden.

Das Training ging daraufhin sehr gut voran. Blaise, Draco und Tigris wechselten sich ab. Tigris unterrichtete magische Verteidigung, Draco nichtmagische, und Blaise brachte allen etwas über Taktik bei. Draco und Tigris gaben ihre privaten Trainingsstunden am Samstag auf, da sie durch den Unterricht ohnehin in Übung blieben. Tigris war inzwischen recht gut im waffenlosen Nahkampf geworden, auch wenn er sich in keinster Weise mit Draco messen konnte, aber die einzige Waffe, für die er ein Talent hatte, waren Wurfmesser. Es war ein wenig niederdrückend, zuzusehen, wie elegant Charles Moulsecombe gegen Draco focht, während Tigris noch immer an seiner Haltung arbeiten musste. Draco sagte es nicht laut, aber ihm war deutlich anzumerken, dass er es genoss, endlich einen fähigen Gegner zu haben. Es war nicht nur Charles, einige der reinblütigen Familien hatten ihren Kindern traditionelle Kampfsportarten beigebracht. Fiona Bonham zum Beispiel bot Draco mit dem Kurzschwert eine echte Herausforderung, was man dem kleinen Mädchen vom Aussehen her niemals zugetraut hätte.

Es kam ein paar Mal vor, dass Tigris bei Problemen mit der DA zur Hilfe gerufen wurde, aber ihre Planung zahlte sich aus. Sobald die DA-ler begriffen, dass die Slytherin besser vorbereitet waren, nahmen die Streitigkeiten ab. Es gab natürlich immer einige Unverbesserliche, aber die fanden in den Mitgliedern der Schattengemeinschaft würdige Gegner. Insgesamt ging das Jahr einem angenehmen Ende zu, und bald war das Hauptthema im Gemeinschaftsraum nicht mehr die DA, sondern das herannahende Quidditchmatch gegen Gryffindor.

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Tigris mochte es, ein Basilisk zu sein, weil es soviel Klarheit mit sich brachte. All die Gefühle, die ihn als Mensch ablenkten, waren gedämpft. Sie waren noch immer da, aber während er als Mensch ohne nachzudenken nach ihnen gehandelt hätte, konnte er sich als Basilisk die Zeit nehmen sie anzuerkennen und dann entscheiden, was er tun wollte. Es machte seine Entscheidungen logischer, unbeeinträchtigter. Als Mensch würde er sich immer fragen, ob er nicht zu übereilt gehandelt hatte. Der Basilisk hatte keine solchen Zweifel.

Tigris hatte sich in der Mitte der verfallenen Kammer zusammengerollt und ruhte sich aus. Eine Zeit lang hatte er überlegt, ob er den Schaden an der Kammer beheben sollte, aber schließlich hatte er sich dagegen entschieden. Die Kammer war nicht in Gefahr einzubrechen, der meiste Schaden war an den Verzierungen entstanden. Der Anblick erinnerte Tigris daran, wozu unüberlegtes Handeln führen konnte, das erschien ihm wichtiger als die Wiederherstellung ästhetischer Feinheiten. Er war zufrieden, ein Gefühl, dass auch der Basilisk voll auskosten konnte. Wenn Tigris auf das vergangene Jahr zurücksah, hatte er viel erreicht. Es machte ihn zuversichtlich, dass er auch in Zukunft seine Ziele erreichen würde, was immer diese sein mochten. Dracos Gedanken über eine Karriere als Heiler hatten Tigris darauf aufmerksam gemacht, dass er sich nicht viele Gedanken um seine Zukunft machte. Er sollte es tun, schließlich hatte er endlich eine Zukunft. Harry Potters einzige Bestimmung war es gewesen, den Dunklen Lord zu besiegen. Er hatte nie wirklich geglaubt, diesen Kampf zu überleben, auch bevor er von der Prophezeiung wusste. Ohne es sich bewusst einzugestehen, war ihm klar gewesen, dass er eine Waffe war, die nur für einmaligen Gebrauch bestimmt war. Tigris Malfoy hatte diese Beschränkungen nicht. Er sah auf ein langes Leben – zog man in Betracht, dass Zauberer durchaus zweihundert Jahre alt werden konnten – das er nach seinen Wünschen gestalten konnte. Sein Vater würde vielleicht nicht zulassen, dass er sich für eine Karriere unter Muggeln entschied, aber das hätte er ohnehin nie vor gehabt.

Tigris schauderte innerlich. Bevor er begonnen hatte, sich damit zu beschäftigen, war ihm nicht wirklich klar gewesen, wie sehr er Muggel verabscheute. Er hatte es verdrängt, sich irgendwie eingeredet, dass die Muggel über die Arthur Weasley oder Hermione redeten andere Wesen waren, als die, die er kannte. Nun, da er ständig dazu gebracht wurde, darüber nachzudenken, was er von Muggeln hielt, erkannte er, dass er sie nicht ausstehen konnte. Es hatte nicht das Geringste mit den Vorurteilen seiner Eltern zu tun. Sie kannten Muggel schließlich nicht einmal. Es beruhte ganz allein auf seinen eigenen Erfahrungen mit Muggeln. Es hieß auch nicht, dass Tigris muggelgeborene Zauberer verachtete. Wenn überhaupt, dann bemitleidete er sie dafür, dass sie in solch einer Umgebung aufwachsen mussten. Es war im Grunde bewundernswert, dass sie so normal waren, wenn man in Betracht zog, wo sie herkamen. Alles, was Tigris über Muggel las, bestärkte ihn nur in seiner Meinung. Es war wahr, sie hatten im Versuch ihren Mangel an Magie auszugleichen ein paar erstaunliche Dinge entwickelt. Aber letztendlich führte alles was sie taten nur zur Zerstörung der Welt um sie herum. Sie wussten es sogar, um dennoch fuhren sie fort mit dem, was sie taten. Es war nur ein weiterer Beweis ihrer Dummheit und Gefährlichkeit.

Tigris fragte sich, ob es wahr war, was seine Mutter behauptet hatte, und Muggel wirklich keine Seele besaßen. Wenn das so war, war nicht die Existenz muggelgeborener Zauberer ein kleines Wunder? Irgendwie entstand ein vollkommenes, magisches Wesen aus einem Muggel. Tigris verstand Salazar Slytherins Abneigung gegen Muggelgeborene, schließlich hatte eine muggelgeborene Hexe indirekt zum Tod seiner Mutter geführt. Aber Tigris persönlich stimmte mehr mit Helga Hufflepuff überein. Helga hatte gesehen, wie besonders Muggelgeborene waren. Die Abneigung der reinblütigen Familien gegen sie war ziemlich lächerlich. Sicher, die alten Traditionen waren wichtig. Aber sie würden viel leichter überleben, wenn die reinblütigen Zauberer sie mit den Muggelgeborenen teilen würden, anstatt sie von ihrem Wissen auszuschließen, als wären sie giftig. Tigris war sich sicher, die meisten Muggelgeborenen wünschten sich innerlich, vollkommen in die Zaubererwelt integriert zu werden und würden ihre von den Muggeln übernommenen Vorurteile schnell dafür aufgeben. Es hatte einfach nie jemand versucht. Tigris fragte sich, ob er seine Eltern dazu bringen konnte, das zu sehen, wenn er es nur genug versuchte.

Andererseits, warum sollte er sich überhaupt um seinen Vater bemühen? Er war sein Vater, und Tigris respektierte ihn dafür. Slytherin hatte Gryffindor auch respektiert, schließlich war Godric sein Lord und Salazar war sein Paladin. Dennoch hatte er ihn gehasst. So wie Tigris seinen Vater hasste. Es war eine schreckliche Sache, zu sagen, dass er jemanden hasste. Tigris würde lieber niemanden hassen. Aber wenn er an seinen Vater dachte, wünschte er sich nichts anderes, als ihn leiden zu sehen für das, was er Draco und ihm, seiner ganzen Familie, angetan hatte, und er wusste, dass er ihn hasste. Selbst als ein Basilisk. Tigris hatte Bellatrix umbringen wollen, weil sie Sirius getötet hatte. Er hatte Voldemort umbringen wollen, weil er böse war. Tigris hatte diese Gefühle für Hass gehalten, aber nun wusste er, dass er sich geirrt hatte. Seine Gefühle Bellatrix und Voldemort gegenüber – das waren Zorn, Abscheu und der Wunsch nach Rache. Sie waren stark, aber nichts im Vergleich zu dem kalten, fast schmerzhaften Gefühl, das ihn erfüllte, wenn er an seinen Vater dachte. Noch während Tigris darüber nachsann wurde ihm klar, dass er etwas deswegen unternehmen musste. Ihm war noch nicht klar was und wann, aber er würde etwas tun müssen, oder dieses Gefühl würde ihn innerlich auffressen. Er konnte nicht für immer ein Basilisk bleiben, um ihm aus dem Weg zu gehen. Slytherin hatte Hogwarts verlassen, um dieser Entscheidung zu entkommen, aber sein Hass hatte ihn den Rest seines Lebens wie ein Schatten verfolgt. Tigris war nicht bereit, sein Leben auf diese Weise zu fristen. Hass war eine Schwäche, wie sich an Voldemort deutlich zeigte. Er konnte Menschen in eine Karikatur ihrer selbst verwandeln. Voldemort hatte sich nie wirklich seinem Hass gegenüber den Muggeln, mit denen er aufgewachsen war gestellt. Stattdessen hatte er sich in die Dunklen Künste gestürzt, die sich dankbar von seinen negativen Gefühlen ernährt hatten, bis es kein Zurück mehr für ihn gab.

Der Gedanke, wie ähnlich er Tom Riddle war erschreckte Tigris manchmal. Es war tröstlich zu wissen, dass Tigris im Gegensatz zu ihm davor gewarnt war, was geschehen konnte, und so nicht dieselben Fehler begehen würde.

Tom Riddle… Tigris hatte es sich zu einer Gewohnheit gemacht, sich in den Geist des Dunklen Lords zu begeben, wenn er ein Basilisk war. Er blieb nie sehr lange, und er beobachtete nur flüchtige Gedanken. Er konnte nicht wirklich mehr tun, ohne entdeckt zu werden. Tigris hatte einigen Versammlungen zugesehen. Sie beunruhigten ihn nicht halb so viel wie zuvor. Es mochte damit zu tun haben, dass er keine Schmerzen mehr fühlte, wenn Voldemort einen Fluch benutzte. Er fühlte auch nicht seine Gefühle. Dies alles wurde durch das Siegel, das er erstellt hatte, gefiltert. Es war, als betrachte er die Geschehnisse durch eine einseitig durchsichtige Glaswand. Es ärgerte Tigris unbeschreiblich, dass all dieses Wissen dort vor ihm lag, ohne dass er es greifen konnte. Er kam sich vor, wie ein Kind vor dem Schaufenster eines Süßwarenladens, dem es verboten war, hineinzugehen. Das war wahrscheinlich der Grund, warum er immer wieder zurückkehrte. Tigris hoffte, doch irgendwann etwas Konkretes zu erhaschen, obwohl er wusste, dass es sinnlos war. Es war frustrierend und zur gleichen Zeit unwiderstehlich.

Tigris verwandelte sich zurück. Es war bereits spät geworden. Zeit, dass er nach Slytherin zurückkehrte. Blaise war wahrscheinlich inzwischen im Gemeinschaftsraum. Tigris lächelte flüchtig, während er die Treppen hoch ging. Sie hatten es sich in den letzten Wochen zu einer Gewohnheit gemacht, sich abends vor dem Feuer im Gemeinschaftsraum zusammenzusetzen. Sie hatten beide die Angewohnheit, spät ins Bett zu gehen. Außerdem brachte Draco ab und an ein Mädchen mit in ihren Raum, und wenn Tigris erst spät zu Bett ging, schliefen sie meist bereits. Clarissa war bereits wieder Geschichte. Dracos gegenwärtige Liaison war eine reinblütige Ravenclaw, deren Name Tigris entfallen war. Wie auch immer, er und Blaise unterhielten sich für eine Weile über die Ereignisse des Tages, dann widmete sich jeder von ihnen seinem Buch, bis sie zu Bett gingen. Blaise war eine angenehme, ruhige Gesellschaft und Tigris ertappte sich dabei, dass er sie vermisste, wenn sie einmal früh zu Bett ging oder andere Dinge zu tun hatte.

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Für Wochen hatten sie dem Spiel gegen Gryffindor entgegen gefiebert, es war beinahe wieder unerwartet, als es schließlich da war. Gryffindor hatte Hufflepuff nach Ostern vernichtend geschlagen, was das bevorstehende Spiel nur spannender machte. Es würde höchstwahrscheinlich den Ausschlag dafür geben, wer in diesem Jahr den Hauspokal erhielt. Gryffindor war hinter Slytherin, nachdem Weasley, Thomas und Finnigan die 150 Punkte verloren hatten, aber der Quidditchpokal konnte sie wieder in Führung bringen. Es bedeutete, dass sie versessen darauf sein würden, zu gewinnen.

Tigris war überrascht, als sein Vater auftauchte, um sich das Spiel anzusehen. Draco und der Großteil des Teams waren bereits in der Umkleide, so bekam Draco seine Ankunft nicht mit, wofür Tigris ein wenig dankbar war. Wenn sein Bruder ihren Vater nicht zufällig auf der Tribüne sah, würde er womöglich nicht bemerken, dass er da war, bevor das Spiel zu Ende war, so dass er keine Chance hatte, nervös zu werden.

Tigris hatte angenommen, sein Vater würde sich zu den Lehrern in den Logenrang setzen, aber er gesellte sich nach einem kurzen Gespräch mit Snape zu Tigris in den Slytherinrang. Richard und Theodore suchten sich daraufhin diskret andere Plätze, was Tigris für eine kluge Entscheidung hielt, da Draco sicherlich zu ihnen sehen würde. Im Gegensatz dazu entschied sich Blaise, die kurz zuvor noch mit Theodore gesprochen hatte, zu bleiben und seinen Vater in ein Gespräch über Politik zu verwickeln. Es war amüsant zu sehen, wie Lucius zuerst ungehalten darüber wirkte, von einer Schülerin auf Politik angesprochen zu werden. Sobald er jedoch merkte, dass er einen würdigen Gesprächspartner gefunden hatte, vertieften sich beide so in ihr Gespräch, das sie beinahe den Anfang des Spiels verpassten. Es war faszinierend ihnen zuzuhören. Tigris war vorher nie aufgefallen, wie ähnlich die beiden dachten – nicht in Einzelheiten, aber in der Weise, wie sie an Dinge herangingen. Wenn Blaise sich mit Theodore unterhielt, gingen ihre Themen ebenfalls über das Verständnis der meisten Zuhörer hinaus, aber es schien immer etwas zu fehlen. Theodore war brillant, aber mit manchen von Blaises Gedankengängen kam er offensichtlich nicht mit. Er war zu trocken und sachlich dafür. Mit Lucius war es anders. Tigris merkte es an der Art, wie Blaises Augen leuchten, wenn sie mit ihm sprach, und sein Vater etwas von seiner distanzierten Haltung verlor und gestikulierte, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen. Es wäre sicher noch faszinierender gewesen, hätte Tigris nur die Hälfte der Personen gekannt, über die sie sprachen.

Schließlich musste Tigris Blaise daran erinnern, dass das Spiel bald begann, worauf sie sich hastig verabschiedete, um zur Umkleide zu rennen. Fünf Minuten später erschien sie außer Atem mit den anderen auf dem Feld. Tigris konnte sehen, wie ein sichtlich verärgerter Draco leise auf sie einredete, dann begann das Spiel.

Sein Vater betrachtete Blaise nachdenklich, war aber schnell abgelenkt, als Tigris ihm die Taktik des Teams erklärte, woraufhin sein Blick interessiert zu Theodore und Richard wanderte.

Es hatte mit Sicherheit nie zuvor ein Spiel gegeben, in dem die Kräfte der Teams so ausgeglichen waren. Die Jäger aus Gryffindor waren sichtlich entschlossen, alles zu tun, um zu gewinnen, aber Hitoshi, unterstützt von Blaise und Draco, ließ nicht einen Quaffel durch den Ring. Ron Weasley allerdings war ebenfalls in seiner Bestform, und auch Slytherins Jäger versuchten vergeblich, an ihm vorbei zu kommen. Selbst Theodores Taktik erwies sich als nutzlos. Nach einer Stunde stand das Spiel noch immer Null zu Null. Das Spiel war zu keiner Zeit uninteressant, beide Teams hatten eine Menge Torchancen, aber die Hüter waren einfach zu stark. Tigris persönlich war der Meinung, dass Weasley noch ein wenig besser war als Hitoshi, aber Draco und Blaise machten diesen Nachteil wett. Einer der besten Momente des Spiels war es, als Draco den Quaffel mit einem Klatscher traf, so dass er zur Seite flog, kurz bevor er den Ring treffen konnte. Die Gryffindors protestierten lautstark, dass es ein unerlaubter Zug sei, aber Madame Hooch entschied das Gegenteil. Inzwischen waren die meisten Augen auf den Suchern, da es recht offensichtlich war, dass diese das Spiel entscheiden würden. Selbst die Lehrer waren von dem Spiel eingefangen. Snape, der sich zu Beginn des Spiels noch mit Professor Sprout unterhalten hatte, starrte nun fast so intensiv auf Aquila, wie er Tigris in seinem ersten Jahr beobachtet hatte. Hatkee zog gedankenverloren an einer Zigarre und ignorierte Professor Ophelia, die ungehalten mit der Hand wedelte, als ihr der Rauch ins Gesicht blies. McGonagall war so von dem Spiel eingefangen, dass sie offensichtlich unbewusst Dutzende der Zitronenbonbons aß, die Dumbledore ihr anbot, obwohl sie sie sonst immer ablehnte.

Tigris gefror beinahe, als Ginny plötzlich nach unten sauste, ohne dass sich Aquila von der Stelle rührte. Theodore und Richard gestikulierten außer sich, doch Aquila kreiste seelenruhig weiter über dem Feld. Tigris suchte nervös nach dem Schnatz und war schwach vor Erleichterung, als er ihn nicht fand. Ginnys Manöver war nur eine Täuschung. Langsam realisierten das auch die anderen, und sie erntete etliche Buh-Rufe aus den Slytherinrängen, als sie wieder nach oben flog. Durch sein Omnikular konnte Tigris sehen, dass ihre Augen sich ärgerlich verengt hatten. Offenbar war sie alles andere als glücklich darüber, dass Aquila ihren Trick durchschaut hatte. Tigris Blick war noch auf ihr, als ein Aufschrei durch das Publikum ging und sie plötzlich aus seinem Blickfeld verschwand. Er senkte hastig das Omnikular und sah, dass Aquila den Schnatz gefunden hatte. Ginny war nicht weit hinter ihm, aber Tigris hatte keinen Zweifel, dass dies den entscheidenden Unterschied machen würde. Ginny und Ron flogen seit dem Sommer beide Firebolts, und Aquila hatte nur einen Nimbus, aber Aquila war der bessere Flieger. Der Schnatz flog zwischen die Ringe, was eine wilde Jagd der Sucher über das Feld zur Folge hatte. Ginny holte Stückchen für Stückchen auf. Für einen Moment schien es, als würde ihr besserer Besen ihr doch den Vorteil bringen. Dann verlor Aquila plötzlich den Halt auf seinem Besen. Einige der Zuschauer schrieen entsetzt auf, als er über drei Meter nach unten fiel und sein Besen einen Meter von ihm entfernt auf den Boden prallte. Aquila rollte sich jedoch gekonnt ab und hob triumphierend die Hand, in der die goldenen Flügel des Schnatz flatterten. Eine Sekunde lang herrschte Stille, dann brachen die Slytherins in tosenden Applaus aus. Sein Vater fiel in den Applaus mit ein, aber seine Augen hatten sich ein wenig verengt. Tigris warf ihm einen fragenden Blick zu.

„Der Junge ist ein hervorragender Spieler.", sagte er, ohne seinen Blick von dem Feld abzuwenden. „Ich frage mich nur, wo er gelernt hat, so zu fallen."

„Vielleicht hat sein Vater es ihm beigebracht.", sagte Tigris hastig. „Ich hörte, er ist bei diesen Muggel- Auroren, Scotland Yard."

Sein Vater zog eine Augenbraue hoch und warf Tigris einen kühlen Blick zu. „Tatsächlich?"

„Ja, Sir." Zum Glück war es die Wahrheit, John Hunter war bei Scotland Yard. Tigris wusste es, weil Aquila oft darüber redete, dass er selten zuhause war.

Sein Vater wandte sich ab und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Feld zu, wo die restlichen Spieler inzwischen gelandet waren, nachdem Madame Hooch das Spiel abgepfiffen hatte. „Nun, wer weiß. Ich will nicht unterstellen, dass Muggel nicht auch hin und wieder etwas Nützliches wissen können."

Tigris atmete lautlos aus. Er wusste nicht, was genau sein Vater davon halten würde, dass Draco die Slytherins im waffenlosen Kampf unterrichtete. Darüber hatte er nicht nachgedacht, als sie mit dem Unterricht begonnen hatten. Ihre Schüler waren zwar zur Verschwiegenheit verpflichtet, aber sie konnten kaum verlangen, dass sie nicht benutzten, was ihnen beigebracht wurde.

Tigris wurde abgelenkt, als sein Vater aufstand. „Komm, lass uns deinem Bruder zu diesem fabelhaften Spiel gratulieren." Die Slytherin, die ihn bemerkten, wichen respektvoll zur Seite, so dass sie relativ ungehindert durch die Menge zum Spielfeld gelangten. Zufällig war Blaise eine der ersten Spieler, auf die sie trafen. Sie war außer Atem und lachte ihnen etwas hilflos zu, als sie nicht gegen die Slytherin, die sie umgaben, ankam.

„Ich nehme an, ihr feiert heute Abend?", meinte sein Vater beiläufig.

Tigris grinste flüchtig. „Sehr wahrscheinlich." Er warf Blaise einen Blick zu. „Wie sieht es mit Getränken aus?"

Sie begegnete seinem Blick unschuldig. „Getränke? Da wirst du die Hauselfen fragen müssen, nicht mich."

Sein Vater grinste ihr zu. „Also hatten Sie nichts mit dem Wein im Gemeinschaftsraum nach den letzten Spielen zu tun? Ich bin enttäuscht, Miss Zabini."

Sie zog die Brauen hoch. „Wirklich? Sie wissen nicht zufällig, wie man einen solchen empörenden Bruch der Schulregeln zustande brächte, oder, Mister Malfoy?"

Sein Vater schüttelte den Kopf. „Ich bin ein Schulrat, Miss Zabini. Es ist meine Aufgabe, für die Einhaltung der Schulregeln zu sorgen. Ich habe allerdings gehört, dass der Onkel einer Ihrer Schulkolleginnen, Antonio Fiorelli, auch ein Gast dieses Spiels ist. Seine Familie ist seit langem berühmt für ihre Weinkellerei."

„Was Sie nicht sagen…", entgegnete Blaise amüsiert. „Sabina Fiorellis Onkel, sagen Sie? Ich denke, ich bin ihm ein oder zwei Mal begegnet. Es wäre schrecklich unhöflich von mir, ihn nicht zu begrüßen, wenn er hier ist. Entschuldigen Sie mich…"

Sie schaffte es irgendwie, sich durch ihre Verehrer hindurchzudrängen, und verschwand in der Menge. Sein Vater sah ihr einen Moment erheitert nach, dann ging er weiter zur Mitte des Spielfeldes, wo sich Draco mit den meisten anderen Spielern befand.

Draco fuhr herum, als sein Vater ihm die Hand auf die Schulter legte. Für einen Augenblick war er sichtlich überrascht, dann entspannte er sich. „Vater! Ich habe dich auf der Tribüne gesehen. Großartig, dass du kommen konntest. Was hältst du von unserem Spiel?"

Sein Vater warf einen Blick zu den restlichen Spielern. „Ich muss sagen, die Investition in diese Besen vor einigen Jahren hat sich schließlich doch gelohnt."

Draco grinste. „Sag es einfach, Vater, es war ein fantastisches Spiel."

„Nun…"

„Tu ihnen für dieses Mal den Gefallen, Lucius.", sagte eine seidige Stimme hinter ihnen. Professor Snape war von Professor Hatkee begleitet auf das Feld gekommen. „Ihr habt ein hervorragendes Spiel gespielt. Gratuliere."

„Danke, Professor!", rief Draco, eine Verbeugung andeutend. Die anderen Slytherin um sie herum jubelten.

„Nun gut, ich gebe es zu.", meinte sein Vater flüchtig lächelnd. Sein Blick wanderte zu Professor Hatkee, die zufrieden an ihrer Zigarre paffte und sie amüsiert musterte. Er machte einen Schritt auf sie zu und verbeugte sich. „E ku osan, Iya Hatkee."

Hatkee blies ihm spöttisch eine Rauchwolke ins Gesicht. „Ku osan, Lucius. Wie überraschend, dich hier zu treffen."

Sein Vater unterdrückte ein Husten und richtete sich auf. „Wie geht es Ijoye Ekun?"

Sie neigte ein wenig den Kopf schief. „Hervorragend wie immer. Er hat nicht nach dir gefragt, wenn du das meinst."

„Das habe ich auch nicht erwartet.", entgegnete sein Vater.

Hatkee schnippte ihre abgebrannte Zigarre zur Seite. „Nein, das dachte ich mir. Du bist viele Dinge gewesen, aber niemals dumm."

Die beiden betrachteten sich einen Moment lang ausdruckslos.

„Es wäre vermutlich sehr unhöflich, dich nach all der Zeit nicht auf ein Glas Rum einzuladen, nicht wahr?"

„E se, ich wäre geehrt."

„Dann komm." Sie wandte sich ohne ein weiteres Wort ab.

Ihr Vater drehte sich zu ihnen um. „Glückwunsch zu eurem Spiel. Wir sehen uns Ende des Schuljahres."

„Danke, Vater.", antwortete Draco ein wenig verblüfft. Ihr Vater nickte nur knapp und eilte Hatkee nach, die das Feld schon fast verlassen hatte.

Draco sah ihm stirnrunzelnd nach. „Ich wusste nicht, dass die beiden sich kennen."

„Sie hat es zu Beginn des Schuljahres gesagt, erinnerst du dich?"

„Ja…", meinte Draco gedehnt. Dann schüttelte er den Kopf und wandte sich Snape zu. „Wie sieht es aus, feiern Sie dieses Mal mit uns?"

Professor Snape zog eine Braue hoch. „Sie wissen sehr gut, dass ich Feiern verabscheue, Mister Malfoy. Wenn ich vorbeisehe, dann nur, um die Ordnung aufrecht zu erhalten."

„Natürlich, Professor.", grinste Draco.

„Ich lasse Ihnen das nur durchgehen, weil Sie uns gerade den Hauspokal gewonnen haben, ich hoffe, das ist Ihnen bewusst, Mister Malfoy."

„Ja, Sir.", erwiderte sein Bruder gespielt ernsthaft. „Kann mir jemand sagen, wo Blaise geblieben ist?"

„Wie ich es verstanden habe, unterhält sie sich mit Sabina Fiorellis Vater.", sagte Tigris.

„Aha, diese Art von Unterhaltung.", meinte Draco wissend. „Dann sollten wir zusehen, dass wir in den Gemeinschaftsraum kommen, meint ihr nicht?"

Zustimmende Rufe erschallten um ihn herum.

„Nehmt ihn!", rief Draco, auf Aquila deutend, als einige der Anwesenden ihn auf ihre Schultern heben wollten. „Er ist der Held des Tages! Bis später Professor!"

Snape warf Draco einen bösen Blick zu, aber wenn man genau hinsah, merkte man, dass er amüsiert war.

Tigris verließ mit den anderen das Feld, aber ein Teil seiner Gedanken beschäftigten sich noch immer mit seinem Vater und Hatkee. Sie schienen sich gut zu kennen. Seltsam, dass sein Vater nie etwas davon erwähnt hatte.

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Später am Abend saß Tigris in einer Couch im Gemeinschaftsraum und beobachtete die anderen Slytherin, von denen die meisten schon reichlich angeheitert waren. Er hatte aus dem letzten Mal gelernt und nur wenig getrunken. Für Draco konnte man das nicht sagen, was durch die Art, wie er mit einer der Fünfklässlerinnen flirtete offensichtlich war. Wie war noch einmal ihr Name, Artemis? Tigris wusste es wirklich nicht. Sie war allerdings eine von Helenas Freundinnen, was die düsteren Blicke erklärte, die das Mädchen den beiden zuwarf.

„Keine Lust zu tanzen?" Blaise setzte sich neben ihn, ein Glas Wein in der Hand.

„Warum, forderst du mich auf?", entgegnete Tigris amüsiert.

„Hat dir niemand beigebracht, dass der Herr die Dame auffordert?", gab sie zurück.

„Du weißt doch, ich bin mit Muggeln aufgewachsen. Ich habe keine Ahnung von Etikette." Tigris beugte sich zu ihr hinüber. „Wollen Sie tanzen, verehrte Dame?"

Sie stellte ihr Glas ab und reichte ihm gespielt affektiert die Hand. „Mit Vergnügen, mein Herr."

Tigris grinste und half ihr auf.

„Du bist doch nicht etwa in deine eigene Grube gefallen und hast dich betrunken?", meinte er, als sie begannen zu tanzen.

Blaise schmunzelte. „Zabinis sind niemals betrunken, Tigris. Siegestrunken vielleicht, aber niemals betrunken."

„Ich werde versuchen, es mir zu merken."

Sie tanzten einige Zeit zusammen und ignorierten beide die anderen Tänzer, die sie auffordern wollten.

„Du musst betrunken sein.", sagte Tigris, als sie sich während eines langsamen Tanzes gegen ihn lehnte. „Sonst müsste ich annehmen, dass du einen Malfoy gegen den anderen eintauschen willst."

Sie lächelte, ohne den Kopf von seiner Schulter zu nehmen. „Ich sagte dir bereits, Zabinis sind niemals betrunken. Wir tauschen auch nicht. Wir nehmen uns nur, was wir wollen."

„Bekommst du immer was du willst?"

„Immer." Sie schlang die Hände um seine Hüfte und zog ihn näher, bis sie mit Sicherheit den Effekt fühlen konnte, den ihre Nähe auf ihn hatte. „Ich bin schließlich ein Sieger, und der Sieger bekommt den Preis."

„Und wer hat mich zum Preis gemacht?", fragte Tigris heiser.

Sie lächelte spöttisch. „Ich." Eine ihrer Hände wanderte zu Tigris Nacken hoch und zog seinen Kopf zu ihr. Als sie ihn küsste, erwiderte er den Kuss. Es war anders als mit Pansy, und definitiv anders als mit Cho. Pansy hatte talentiert geküsst, aber dennoch hatte Tigris nicht diese Hitze gefühlt, die sich bei Blaises Kuss in ihm ausbreitete. Als Blaise zurück wich, war er atemlos und ein wenig benommen. „Ich gewinne.", flüsterte sie. „Immer."

„Dann habe ich wohl keine Wahl, als mich zu ergeben.", flüsterte Tigris zurück.

Sie grinste selbstzufrieden. Ihr Atem kribbelte auf seiner Haut. „Richtig, hast du nicht."

„Nun dann…" Tigris zog sie zu sich und küsste sie erneut.

o

„Ich würde gerne sehen, wie du es besser gemacht hättest. Ich bin nun mal nicht Harry!"

Hermione sah von ihrem Buch auf und sah Ginny, die zornbebend Ron gegenüber stand. Die beiden waren gerade, zusammen mit dem restlichen Team, durch den Eingang gekommen. Nach der Niederlage gegen Slytherin hatten sie sich einige Zeit in der Umkleide verbarrikadiert, vermutlich um dem Spott der Slytherins und der Enttäuschung der Gryffindors zu entgehen. Sie würde nie verstehen, wie man sich wegen eines simplen Spiels so in etwas hineinsteigern konnte.

„Nein.", entgegnete Ron kühl. „Wenn du es wärst, hätten wir dieses Spiel gewonnen."

„Ich hasse dich!", schrie Ginny, und stürmte zu den Mädchenschlafräumen hoch. Ron sah ihr ärgerlich nach.

Hermione schloss ihr Buch und stand auf, um Ginny zu folgen.

„Nun komm, Ron.", hörte sie Dean sagen. „Ich weiß, es ist hart, aber es war nicht ihre Schuld."

Ron schnaubte verächtlich. „Du bist nur noch immer verliebt in sie, Dean."

„Bin ich nicht!", entgegnete Dean ärgerlich. „Selbst wenn, es ist trotzdem wahr. Sie hat ihr Bestes gegeben. Die kleine Schlange ist nur besser."

Ron sah noch immer ärgerlich drein, aber er zuckte widerwillig mit den Schultern. „Vielleicht."

Der Rest des Gesprächs entging Hermione, als sie die Tür hinter sich schloss. Als sie den Raum der Fünfklässler betrat, hörte sie ein leises Schluchzen. Sie fand Ginny auf ihrem Bett. Sie hatte die Knie angezogen und den Kopf in den Armen vergraben. Vorsichtig setzte Hermione sich neben sie und zog sie an sich.

„Ist ja gut. Es ist nur ein dummes Spiel und Ron ist sein übliches gefühlloses Selbst. Du hast gut gespielt."

Ginny sank in ihre Umarmung und vergrub den Kopf an ihrer Brust. „Es ist nicht nur das.", schniefte sie. „Ich weiß das mit dem Spiel. Ron ist einfach nur blöd."

Hermione rieb ihr tröstend über den Rücken. „Was ist es dann, Ginny? Du weißt, du kannst es mir sagen."

Ginny weinte für eine Weile einfach weiter. „Ich will nicht nach Hause über den Sommer.", flüsterte sie schließlich.

Hermione sah verblüfft auf den Schopf roter Haare hinunter. „Was? Aber warum, Ginny?"

„Ich vermisse den Fuchsbau.", schluchzte Ginny. „Ich wünschte, wir würden wieder dorthin zurückziehen. Ich hasse dieses neue Haus! Es ist so groß und kalt! Zehn Leute könnten dort leben und sich niemals begegnen. Ich wünschte, es wäre wieder so wie früher! Warum musste er sterben? Ich bin so wütend auf ihn, Hermione. Vielleicht hasst du mich dafür, aber ich bin wütend auf ihn, weil er tot ist! Ich weiß, es macht keinen Sinn…"

Hermione strich ihr traurig über die Haare. „Ich hasse dich nicht deswegen, Ginny. Es ist völlig normal, so zu fühlen. Es wird mit der Zeit vergehen. Du wirst sehen, ihr werdet euch schließlich einleben…"

„Nein!", unterbrach sie Ginny hysterisch. „Du weißt nicht, wie es ist! Überall dort hängen Bilder von ihm, es gibt keinen Ort, an dem du ihn nicht siehst. Mama hört einfach nicht auf zu trauern, es ist, als wäre einer von uns gestorben. Man kann kein normales Gespräch mit ihr führen, ohne dass sie etwas an ihn erinnert und sie zu weinen anfängt. Du würdest sie nicht wieder erkennen, Hermione, sie ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Papa ist nie zuhause, immer auf der Arbeit. Manchmal schläft er sogar im Büro. Ich kann es ihm nicht vorwerfen, wenn er diesem Haus entkommen will, wer würde es nicht wollen? Und dann diese furchtbaren Hauselfen, sie machen es nur noch schlimmer. Dobby, der den ganzen Tag damit verbringt, Bilder von ihm zu polieren und Winky, die ständig betrunken ist. Sie sollten Mama dabei helfen, das Haus instand zu halten, aber das tun sie nicht! Wenn ich nach Hause komme türmt sich das Geschirr in der Spüle und überall riecht es verfallen und verrottet. In den Weihnachtsferien habe ich die ersten drei Tage damit verbracht zu putzen und verfallene Lebensmittel wegzuwerfen. Keiner dort kümmert sich um etwas! Ron versucht zu helfen, wirklich, aber es hat keinen Sinn. Er fühlt sich für alles verantwortlich. Man kann förmlich sehen, wie er jeden Tag wütender wird. Ich will nicht dorthin zurück, Hermione. Ich weiß, es ist egoistisch, aber ich kann es einfach nicht ertragen!" Ginny schluchzte hilflos.

Hermione hielt das rothaarige Mädchen schockiert in ihren Armen. Sie hatte gewusst, dass die Weasleys von Harrys Tod hart getroffen worden waren, aber sie hatte nicht gewusst, dass es so schlimm war. „Das kann so nicht weitergehen.", sagte sie entschieden. „Ich werde mit Dumbledore reden. Er muss jemanden schicken, um Molly zu helfen. Wofür ist der verdammte Orden denn gut, wenn wir uns nicht gegenseitig helfen! Was dich angeht, Ginny, du musst dir keine Vorwürfe machen. Du solltest nicht damit umgehen müssen. Himmel, du bist gerade erst fünfzehn! Wie wäre es, wenn du über die Ferien zu mir kommst? Meine Eltern und ich fahren dieses Jahr wieder nach Frankreich, sie haben bestimmt nichts dagegen, wenn ich eine Freundin mitnehme. Der Flug ist noch nicht gebucht und wir wohnen in dem Ferienhaus unserer Bekannten, es macht nicht die geringsten Umstände."

Ginny sah hoffnungsvoll zu ihr auf. „Meinst du das wirklich?"

Hermione strich über Ginnys tränenüberströmtes Gesicht. „Ganz sicher, Ginny. Wenn du einverstanden bist, schicke ich meinen Eltern noch heute eine Eule."

Ginny lächelte zaghaft. „Danke Hermione. Liebend gern." Ihr Gesicht verdüsterte sich ein wenig. „Aber was, wenn Mama mich nicht gehen lässt?"

„Ich rede mit Dumbledore.", sagte Hermione resolut. „Er wird sie davon überzeugen, dass es das Beste ist."


A/N:

E ku osan (Yoruba, Jüngerer zum Älteren): Guten Tag

Ku osan (Yoruba, Älterer zum Jüngeren): Guten Tag

E se (Yoruba, Jügerer zum Älteren): Danke

Iya (Yoruba): Mutter, als höflicher Titel

Ijoye (Yoruba): Meister

Vielen Dank für eure Reviews an: Lobarie, Dax, xray, HermyBookworm, Vroni, DarkMarron, Avallyn Black, Lara-Lynx, Drake, LaraAnime, milva, CitySweeper

HermyBookworm: Mit der Prophezeiung bis du leider völlig auf Abwegen. Also ich finde, es ist der perfekte Titel für eine Feier mit diesen Gästen... Die anderen Sprüche kann Tigris leider nicht lesen, da die Tafel zu alt ist. Das Ganze gibt es auch so nicht zu finden, obwohl die Übersetzung dir vielleicht bekannt vorkommt. Okay, ich lass mich überreden. Ist übrigens für die Handlung unwichtig, ich fand es nur lustig.

Helga Hufflepuff: "Varietas infinita in iuncturam infinitam" – "Unendliche Vielfalt in unendlicher Kombination" /grins/

PS: Weiß jemand, woher das stammt?

Vroni: Ja, ich schreibe sie alleine. Man übersieht natürlich ohne Beta ein paar Fehler, aber bisher bin ich ganz gut zurecht gekommen (Auch dank meiner Leser, die mir schreiben, wenn ihnen was auffällt). Manchmal habe ich schon einen Hänger, aber da ich weiß, wie die Geschichte ausgeht, komme ich leichter wieder ins Fahrwasser zurück. Anders ist das zum Beispiel bei meiner Geschichte „Wolfsrudel", wo ich von Beginn an nur eine vage Idee vom Verlauf der Story hatte und mich die Inspiration momentan gänzlich verlassen hat /seufz/. Irgendwann kommt auch diese Geschichte leider zu ihrem Ende (ich wird sie wohl auch vermissen, wenn es soweit ist /schnief/) Aber vielleicht lass ich mich ja zu einem Sequel überreden. Andererseits, vielleicht hasst ihr mich dann auch alle... :D

Drake: Bisher hat noch keiner die Prophezeiung herausgefunden, also bist du in guter Gesellschaft. Der Hauptfeind? XD Wer sagt, dass es ihn überhaupt gibt? Ich habe eine ganz gute Idee, wer der Hauptfeind sein könnte, aber ich bin nicht sicher, ob ihr da mit mir einer Meinung seid.

milva: Draco und Blaise haben generell nicht viel über ihre Beziehung geredet. Ob sie einen Grund dafür hatten? Vielleicht.

CitySweeper: Ich habe nur ganz wenige Abschnitte aus Dracos Sicht geschrieben, und das ist auch gut so. Im Großen und Ganzen wisst ihr über Draco, was Tigris über Draco weiß. Ja, die beiden reden nicht genug miteinander, ich weiß... 100 Kapitel? Ganz soviel wird es dann doch nicht werden. Schließlich will ich noch vor der Veröffentlichung des sechsten Bands fertig werden. Oh Mann... /manisch Tee und Kekse zusammensucht/.