Disclaimer:
Saruman hat zu lange, zu tief in den Palantir geblickt…
Falsches Buch.
Oops. Stimmt ja, dies ist Harry Potter, geschrieben von Joanne K…
Schon gut, red nur weiter mit was immer du sagen wolltest…
Schatten der Wahl
50. Bittersüß
Teil 2
Tigris' Vater hatte nicht sofort geantwortet. Er hatte einige Minuten schweigend nachgedacht. Anschließend hatte er Tigris gesagt, dass der Dunkle Lord normalerweise niemanden aufnahm, der seine Ausbildung noch nicht abgeschlossen hatte. Es gab Ausnahmen, aber die waren selten. Er hatte Tigris jedoch versprochen, zu sehen, was er tun konnte. Das war nun drei Tage her.
Wenn es eine Tugend gab, über die Tigris nicht im Geringsten verfügte, dann war es Geduld. Er hasste es zu warten.
Sie hatten begonnen, die Unverzeihlichen zu üben. Imperio lag Tigris nicht besonders. Eigentlich überraschend, bei seinem Talent, die Gedanken anderer zu beeinflussen. Tigris konnte sich nicht dazu bringen, Draco mit dem Cruciatus belegen zu wollen, was zu seinem kläglichen Versagen führte. Er benutzte den Fluch jedoch ohne große Schwierigkeiten an Ratten, ebenso wie den Avada Kedavra. Es half enorm, wenn er sich dabei vorstellte, die Ratte sei Pettigrew. Ja, Tigris verabscheute Pettigrew noch immer. Die Potters mochten nicht seine Eltern gewesen sein, aber Tigris hatte Sirius geliebt, und Pettigrew war der Grund dafür, dass Sirius zwölf Jahre in Askaban verbracht hatte.
Tigris verbrachte die Abende damit, Backgammon mit Draco zu spielen. Sie unterhielten sich über eine Menge Dinge, nur nicht über die, die wirklich wichtig waren. Es war immer so zwischen ihnen gewesen, Tigris fragte sich, warum ihm das gerade jetzt so auffiel. Wahrscheinlich weil Draco ihm immer wieder solche merkwürdigen Blicke zuwarf, als wüsste er, dass Tigris etwas Wichtiges vor ihm verbarg. Tigris hasste es. Draco wusste immer viel zu viel, aber er fragte nie nach. Ihnen beiden war in ihrer Kindheit beigebracht worden, dass es besser war, sich aus den Angelegenheiten anderer herauszuhalten, vielleicht lag es daran. Tigris selbst hatte das Talent, die Vorgänge um sich herum zu ignorieren, wenn sie ihn nicht direkt betrafen. Draco hingegen schien immer auf unergründliche Weise zu WISSEN was ihm nicht gesagt wurde, doch er behielt es für sich und machte sich seine eigenen Gedanken. Möglicherweise interpretierte Tigris auch zuviel in die Blicke seines Bruders hinein, aber so kam es ihm vor. Hatte Tigris ein schlechtes Gewissen, weil er mit Draco hätte reden sollen? Nicht wirklich. Tigris hatte von Beginn an nicht geplant, Draco in seine Pläne mit einzubeziehen. Draco war sein Bruder, aber wenn es darauf ankam gab es nur eine Person, der Tigris wirklich vertraute – sich selbst. Das mochte nicht immer gut sein, aber es bewahrte ihn davor, enttäuscht zu werden, und Tigris war in seinem Leben schon viel zu oft von anderen enttäuscht worden.
Wenn Tigris nichts anders zu tun hatte, lenkte er sich ab, indem er Tränke braute. Er brauchte die Übung. Abgesehen davon hatte es auch noch andere Vorteile.
Fast eine Woche, nachdem Tigris ihn gefragt hatte, sagte sein Vater ihm endlich, dass der Dunkle Lord bereit sei, ihn zu empfangen. Tigris hatte mit nichts anderem gerechnet. Es wäre töricht gewesen, hätte er nicht zuvor in den Gedanken des dunklen Magiers seine Erfolgschancen ausgetestet. Voldemort brauchte dringend mehr Gefolgsleute, nun da sein Aufstieg ernsthaft begonnen hatte. Lucius Malfoys Adoptivsohn war nicht etwas, das er sich entgehen ließ, zu jung oder nicht.
Nachdem das feststand, machte sich ein Gefühl der Ruhe in Tigris breit. Zuvor war er nervös gewesen, und eigentlich hätte er es nun nur noch mehr sein müssen. Tigris wusste nichts über die Initiationszeremonie, da Voldemort niemals darüber nachgedacht hatte, während Tigris sich in seinen Gedanken befand. Ganz zu schweigen davon, dass seine Pläne nun endlich aufgingen. Tigris hätte nervös sein müssen, aber er war es nicht. Er war gelassen, ein Gefühl grenzend an Resignation. Es war, als hätte er die innere Sicherheit, dass er mit was immer das Schicksal für ihn bereit hielt leben würde, wenn es auf ihn zukam. Oder als wüsste er, dass ihm dies von Anfang an vorherbestimmt gewesen war. Die Ironie des Ganzen! Tigris stellte fest, dass es ihm egal war, was andere von ihm denken mochten. Vielleicht das erste Mal in seinem Leben. Es war befreiend.
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„Wenn unser Lord mich ruft, werden wir gemeinsam apparieren.", sagte sein Vater. „Du wirst unseren Bestimmungsort natürlich nicht kennen, deshalb werde ich dich mitnehmen, wie ich es getan habe, bevor du deine Lizenz erhalten hast."
Tigris nickte nur. Er hatte nichts anderes erwartet.
„Bei der Initiation ist nur der innere Kreis anwesend. Das stellt sicher, dass nicht zu viele von uns alle Namen kennen, wie du dir sicher denken kannst. Wie ich unseren Lord verstanden habe, wirst du, falls er dich akzeptiert, noch nicht das dunkle Mal empfangen. Es wäre zu auffällig, solange du noch in der Schule bist. Dumbledore hat die lästige Fähigkeit, solche Dinge zu bemerken, besonders mit der Unterstützung der Schule. Unser Lord wird etwas anderes tun, um deinen Status zu belegen. Du wirst es sehen, wenn es soweit ist."
Tigris nickte erneut. Dies hatte er nicht erwartet, aber es ergab Sinn. „Sollte ich auf irgendetwas besonders achten? Sollte ich eine besondere Kleidung auswählen?"
Das Lächeln seines Vaters beunruhigte Tigris ein wenig. „Nein. Zieh an was immer du möchtest. Es spielt keine große Rolle."
„Kann ich Sarin mitbringen?"
„Wenn du willst. Du solltest allerdings vorsichtig sein. Wie du weißt hat unser Lord eine Vorliebe für Schlangen."
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Tigris zog eine seiner besseren dunklen Roben an und fragte sich, was das Lächeln seines Vaters zu bedeuten hatte. Er hatte sich entschieden, Sarin mitzunehmen. Der Dunkle Lord würde kaum an einer einfachen Kornnatter interessiert sein. Tigris hatte allerdings mit ihr gesprochen und ihr Anweisungen für den Fall gegeben, dass Voldemort mit ihr sprach. Sein Vater war noch immer in seinem Studierzimmer, also sagte Tigris ihm, dass er im Salon warten würde. Er nahm sich ein Buch und versuchte zu lesen, aber seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Tigris fragte sich nicht, ob alles so passieren würde, wie er es geplant hatte. Es würde geschehen oder nicht, abzuwenden war es nun ohnehin nicht mehr. Tigris rieb sich gedankenverloren die Stirn. Dies würde das erste Mal sein, dass er Voldemort gegenüber stand, ohne Schmerz zu empfinden. Tigris fragte sich noch immer, was diesen Schmerz ausgelöst hatte, aber das spielte nun keine Rolle mehr, da die Verbindung versiegelt war. Die Tür ging und Tigris sah auf.
„Es ist Zeit.", sagte sein Vater.
Tigris nickte und stand auf. Als sie die Eingangshalle betraten, kam ihnen seine Mutter entgegen. Sie betrachtete sie mit Besorgnis.
„Wohin geht ihr?"
Sein Vater legte eine Hand auf Tigris' Schulter. „Zu einem wichtigen Treffen. Geh zur Seite Narcissa."
Die Augen seiner Mutter weiteten sich ein wenig und sie trat einen Schritt zurück. Sie öffnete den Mund, als wollte sie etwas einwenden, und schloss ihn wieder. „Kommt gut zurück.", sagte sie schließlich.
„Das werden wir.", entgegnete sein Vater.
Sie verließen das Haus. Auf dem Weg zum Springbrunnen, wo der Apparierpunkt lag, verwandelte sich die Kleidung seines Vaters auf eine Handbewegung hin in eine Todesserrobe. Als sie vor dem Springbrunnen standen umschlang sein Vater Tigris von hinten mit seinen Armen und apparierte sie.
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Sie apparierten auf eine Waldlichtung. Es musste an dieser Stelle einmal ein Haus oder eine Kapelle gegeben haben. Man konnte noch die Reste einer Steinmauer erkennen, eingefallen und von Moos und Gestrüpp überwachsen.
„Gib mir deinen Stab.", forderte sein Vater.
Tigris gehorchte. Sarin kroch über sein Bein zu Boden und verschwand im Gras. Tigris hatte bereits vermutet, dass ihn eine Art Test erwartete, also hatte er ihr befohlen ihn zu verlassen, wenn jemand ihm seinen Stab abnahm, so dass sie nicht verletzt wurde. Außerdem hatte sie etwas, das er noch brauchen mochte. Es hatte ihr natürlich nicht gefallen, aber sie war gezwungen, Tigris zu gehorchen.
Einige Gestalten traten aus den Schatten der Bäume, alle in Todesserroben. Tigris versuchte, zu erkennen, wer es war, aber es gelang ihm nicht. Sein Vater gab ihm einen Stoß, so dass er einige Schritte vorwärts stolperte, und trat zurück zwischen sie. Sie versammelten sich in einem Kreis um Tigris herum. Es waren elf, mit seinem Vater.
„So, du willst dich also unserem Lord anschließen.", sagte einer von ihnen spöttisch. Tigris erinnerte sich an die Stimme. Dolohov.
„Das ist richtig.", antwortete Tigris ruhig.
Eine stechende Verwünschung traf ihn in den Rücken.
„Niemand hat dir erlaubt zu reden.", sagte eine weibliche Stimme hinter Tigris. Es war nicht Bellatrix, aber Tigris kannte sie. Richtig, Cornelia Nerva, Rookwoods Tochter.
Tigris biss die Zähne zusammen und senkte den Kopf. Der Schmerz wich langsam.
„Du wirst nur reden, wenn du gefragt wirst." Einer der Lestranges… Der jüngere Bruder, Rabastan.
„Zieh dich aus." Eine Tigris unbekannte Stimme.
Tigris gefror für einen Moment, dann griff er zögernd nach den Verschlüssen seiner Robe.
Eine weitere Verwünschung hinterließ einen Schnitt auf seiner Wange. „Ein wenig schneller, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit." Jugson. Seine Stimme klang noch immer fröhlich, allerdings mit einem deutlich anderen Unterton als bei seinem Gespräch mit Wilma Crabbe.
Tigris zögerte nicht länger und entledigte sich seiner Kleidung, eingeschlossen des Stabholsters an seinem Arm. Zum Glück war es Sommer. Tigris machte keinen Versuch, sich zu bedecken. Es wäre ein Eingeständnis seiner Verletzlichkeit gewesen, und auch wenn er sich verletzlich fühlte, war er nicht bereit es einzugestehen.
„Gut.", sagte einer der Umstehenden, und deutete mit seinem Stab auf die am Boden liegende Kleidung. Sie ging in Flammen auf.
Tigris trat hastig von dem brennenden Haufen zurück und die Todesser lachten.
„Du wirst sie nicht mehr brauchen, mein Hübscher." Bellatrix würde Tigris überall erkennen. „Wenn unser Lord dich unserem Kreis beitreten lässt, beginnt ein neuer Abschnitt deines Lebens für dich, und er wird dir die Kleidung geben, die dem angemessen ist. Wenn er dich als unwürdig befindet… nun, dann wirst du auch keine Kleidung mehr brauchen. Nie mehr."
Tigris wünschte sich, er könnte ihr antworten. Stattdessen starrte er sie nur an. Er konnte förmlich fühlen, wie sie hinter ihrer Maske grinste.
Einer der Todesser sprach einen Zauber auf Tigris. Es schmerzte nicht, aber kribbelte unangenehm auf seiner Haut. Ein Diagnosezauber. Während Tigris das noch dachte, traf ihn ein weiterer, intensiverer. Anscheinend versuchten sie herauszufinden, ob er etwas verbarg. Tigris machte sich keine Sorgen, sie würden nichts finden. Die Magie der Armschienen war alt und vergessen, um sie zu finden musste man sich schon größere Umstände machen. Der große Vorteil in dieser Hinsicht war, dass sie gegen Magie wirkten, also auch wenn sie an sich magische Gegenstände waren, hatten sie keine feststellbare magische Signatur.
Mit der Intensität der Zauber wurden sie auch unangenehmer. Sie sprachen sie reihum, einer nach dem anderen, ohne Tigris Zeit zum Atemholen zu lassen. Schließlich wurde Tigris schwindelig und er brach in die Knie.
„Hat länger durchgehalten als unser Letztes.", kommentierte Bellatrix.
Cornelia Nerva machte eine ärgerliche Bewegung in ihre Richtung, aber der Todesser neben ihr legte eine Hand auf ihren Arm.
„Oh, ist die kleine Conny unglücklich?", spottete Bellatrix.
„Du solltest dich auf unsere Aufgabe konzentrieren, Bella.", entgegnete Cornelia eisig.
„Gutes Mädchen, hör auf Daddy."
Cornelia ignorierte Bellatrix mit sichtlicher Mühe, und der Mann neben ihr, wie Tigris nun vermutete Rookwood, ließ seine Hand sinken.
Von einem Moment auf den anderen wurden sie alle still. Eine Gestalt in einem schwarzen Umhang war auf der anderen Seite der Lichtung aufgetaucht, gefolgt von einer gebückten kleineren.
Tigris hätte die Beiden anstarren können, aber zwang sich, den Blick zu senken. Der Dunkle Lord war schließlich gekommen. Die Todesser begrüßten ihn, indem sie zu ihm krochen und den Saum seiner Robe küssten. Tigris bewegte sich nicht. Der Dunkle Lord sah dies als ein Privileg… die Erlaubnis ihn anzureden, auch nur einen Teil von ihm zu berühren. Tigris besaß dieses Privileg noch nicht, also blieb er wo er war und verbeugte sich lediglich so tief es ihm möglich war.
Tigris fühlte mehr als er es sah, als der Dunkle Lord vor ihn trat. „Wie ich höre bist du hier, um dich Lord Voldemort anzuschließen?"
„Ja, mein Lord.", antwortete Tigris. Sein Herz schlug inzwischen heftig, und ließ seine Stimme ein wenig zittern.
„Sieh auf."
Tigris gehorchte und blickte in blutrote Augen in einem schlangengleichen Gesicht. Er verbarg seine Furcht nicht. Der Dunkle Lord genoss Furcht, und ihr Fehlen hätte ihn nur misstrauisch gemacht. Tigris konnte seine Präsenz in seinem Geist fühlen. Es überraschte ihn nicht, dass er stärker war als Dumbledore.
Knochige Finger berührten Tigris' Kinn und strichen sein Gesicht entlang.
„So sag mir, warum wünscht du mir zu dienen?"
„Ich wünsche mir, ein Teil der neuen Weltordnung zu sein.", antwortete Tigris. „Ich glaube daran, dass ich indem ich Euch diene meine Wünsche erreichen kann. Aber vor allem wünsche ich mir, von Euch zu lernen. Es gibt keinen Zauberer auf dieser Erde, der mehr Wissen und Macht besitzt als Ihr. Ich könnte mir keinen besseren Meister wünschen."
Der Dunkle Lord lachte amüsiert. „Und was, wenn ich kein Interesse daran habe, dich zu lehren, vermessener Junge?"
„Eure Präsenz allein kann mich mehr lehren, als ein anderer Zauberer es jemals könnte."
„Ah, Schmeichelei. Ich muss zugeben, dass du mir gefällst. Du kannst dich glücklich schätzen. Du wirst heute noch nicht sterben."
Tigris wusste, dass keine Antwort von ihm erwartet wurde.
„Reich mir deinen linken Arm."
Tigris gehorchte.
„Schwörst du, mir loyal zu dienen bis zum Tod?", zischte der Dunkle Lord.
„Ich schwöre." Tigris bebte unmerklich. Bis zum Tod, wiederholte er in Gedanken.
„Signum Proteanum." Der Dunkle Lord berührte Tigris' linken Unterarm mit der Spitze seines Zauberstabs. Ein brennender Schmerz wie Feuer schoss Tigris' Arm hinauf und verging so schnell wie er gekommen war. Tigris zuckte nicht zurück. Auf seinem Unterarm schlängelte sich eine kleine schwarze Schlange und verblasste langsam.
„Dieses Zeichen lässt dich wissen, wenn ich meine Gefolgsleute zusammenrufe, ohne dass Dumbledore es erkennt. Du wirst das vollständige Mal erhalten, sobald du Hogwarts verlässt."
„Ich danke Euch, mein Lord."
„Steh auf. Du gehörst nun mir."
Tigris erhob sich, noch immer ein wenig steif von den Zaubern die an seinem Körper gezehrt hatten.
Der Dunkle Lord schwenkte seinen Stab. Eine Todesserrobe entfaltete sich um Tigris und eine Maske verdeckte sein Gesicht.
„Dies ist mein Geschenk an dich. Von jetzt an musst du nur das Wort „Morsedo" aussprechen, und deine Kleidung wird sich mit deinem Wunsch mir zu dienen verwandeln. Sprich „Morsaturabat", und du wirst aussehen, wie zuvor."
„Ihr ehrt mich, mein Lord.", flüsterte Tigris.
Der Dunkle Lord lächelte flüchtig und hielt Tigris einen Stab hin, den Tigris zögernd nahm. Es war sein Sequoia-Stab, sein Vater musste ihn seinem Lord gegeben haben.
„Willkommen in meinen Diensten."
Tigris fiel erneut auf die Knie und senkte den Kopf. „Mein Lord… Ich möchte meinen Dienst nicht mit einer Lüge beginnen."
Der Dunkle Lord sah auf ihn hinunter. „Ja?"
Tigris atmete einmal tief durch. Sarin kroch aus dem Gras wieder auf Tigris' Arm und lenkte ihn für einen Sekundenbruchteil ab, bevor er sagen konnte, worauf er all die Wochen hingearbeitet hatte. „Ich bin nicht Lucius Malfoys Neffe, mein Lord. Ich bin sein Sohn."
Rote Augen verengten sich. „Wie ist das möglich?"
„Ich bin Dracos älterer Zwilling, mein Lord. Mein Vater erzählte mir von Eurem Befehl. Als Mutter mit Zwillingen schwanger war, entschied er, mich wegzugeben, sobald ich geboren wurde. Vor einem Jahr erfuhr er, dass ich von Muggeln aufgezogen wurde. Verabscheuungswürdigen Kreaturen, die mich misshandelten. Sie starben letztes Jahr, zu meiner Freude." Tigris ließ seinen Abscheu und seine Genugtuung in seiner Stimme mitklingen.
„Ich verstehe.", sagte der Dunkle Lord. „Steh auf, ich habe nicht vor, dich zu bestrafen, mein junger Diener. Noch nicht. Lucius hat sich mir also widersetzt... und ich dachte, ich hätte ihn besser gelehrt." Der schlangengleiche Mann lächelte boshaft und fixierte Tigris mit seinen roten Augen. „Was würdest du also vorschlagen sei die Strafe für diese... Insubordination?" Seine Stimme war nun sehr leise, fast nur ein Zischen, und Tigris war recht sicher, dass nur er, der direkt vor dem Magier stand, ihn hörte.
Tigris schulte sein Gesicht in eine kalte Maske. Das hatte er nicht erwartet. Vielleicht hätte er es erwarten sollen. Wenn irgendjemand Hass spüren konnte, dann war es der Dunkle Lord. „Ich kann nicht für mich in Anspruch nehmen, unvoreingenommen zu sein, mein Lord. Schließlich wäre ich nicht hier, wenn er nicht getan hätte, was er getan hat."
Rote Augen wurden kalt und unversöhnlich. „Tu so als wärst du es."
Tigris verneigte sich leicht. Er wusste, das geringste Anzeichen von Mitgefühl würde ihn in den Untergang reißen. „Ihr könntet Draco töten.", begann er kühl. „Er ist der jüngere und hat sich bisher nicht als wertvoll für Euch erwiesen. Ihr könntet mich töten, mich hat er versucht vor Euch zu verbergen. Ihr könntet ihn selbst töten. Ich würde jedoch nichts davon empfehlen. Draco hat bisher immer gezeigt, dass er Eure Ideale teilt. Ich erwarte, dass er sich uns bald anschließt. Ich werde nichts für mich selbst sagen, außer, dass ich Euch meinen Wert beweisen werde, wenn ihr es mir erlaubt. Vater letztlich war nicht wirklich illoyal, eher fehlgeleitet. Er glaubt an Euch und Eure Sache wie nur wenige, das weiß ich. Wir würden alle in Eurer Schuld stehen, wenn Ihr gnädig seid."
„Amüsant.", kommentierte der Dunkle Lord kalt. „Was würdest du mir also raten?"
„Lasst ihn am Leben, aber sorgt dafür, dass er niemals vergisst, wem er Gehorsam schuldet."
„Wie vermessen und zugleich erheiternd.", zischte Voldemort in Parsel. Tigris wusste es klang bedrohlich anderen gegenüber und es fiel ihm schwer, so zu reagieren als verstünde er es nicht. Sarin in seinem Ärmel lachte leise und Tigris wünschte sich, er könnte sie zum Schweigen bringen. Der Dunkle Lord schnippte mit seinen langen weißen Fingern.
„Luciussss..."
Tigris wandte sich zu dem Kreis der Todesser um und sah, wie sein Vater zwischen ihnen hervortrat. Er fiel auf die Knie und küsste den Saum der Robe seines Lords, dann kroch er ein Stück zurück.
„Ich muss erfahren, dass du mich verraten hast, Lucius.", sagte der Dunkle Lord mit boshafter Gelassenheit. „Du hast dich meinen Anordnungen widersetzt und hast Geheimnisse vor mir. Ist es nicht so?"
Tigris sah, wie sein Vater zitterte, auch wenn er versuchte, es zu verbergen. „Es ist wahr, mein Lord." Seine Stimme schwankte nur leicht.
„Es ist also wahr.", zischte Voldemort und trat einen Schritt auf seinen Vater zu. Seine roten Augen glühten bedrohlich. „Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?"
Lucius starrte zu Boden. „Ich bin Euer loyaler Diener.", sagte er tonlos. „Ich konnte nur mein eigenes Kind nicht töten. Vergebt mir."
„Ich vergebe nicht.", zischte der Dunkle Lord. Dann straffte er sich und machte eine abtuende Handbewegung. „Aber ich akzeptiere deine Schwäche. Du wirst für dein Handeln bestraft werden. Du verlierst deinen Platz in meinem Inneren Kreis, und es wird schwer werden, ihn zurück zu gewinnen. Außerdem sollst du bei meinen loyalen Dienern für deinen Verrat bezahlen. Schließlich hast du nicht nur mich verraten, sondern auch sie."
Die restlichen Todesser, die dem Ganzen zugehört hatten, kamen ein wenig näher.
„Ich gebe jedem von ihnen viermal fünf Minuten, mit dir zu tun was immer ihm beliebt. Ich werde gnädig sein, zwei Mal heute, wo nur der innere Kreis anwesend ist, weitere zwei Mal morgen, wenn der Rest meiner Diener sich uns anschließt. Oh, und ich denke, dein Sohn sollte die Ehre haben teilzunehmen. Schließlich hast du ihm auch Unrecht getan, nicht wahr? Du hast ihn seines Erbes beraubt, ihn unter Muggeln aufwachsen lassen… Ja, ich denke, es ist nur gerecht. Was sagst du zu dieser Entscheidung, Lucius?"
„Danke, mein Lord.", brachte sein Vater hervor. „Ihr seid barmherzig."
„Vergiss das nicht.", sagte der Dunkle Lord mit einem hässlichen Lächeln. „Tigris, du kannst beginnen."
Tigris verbeugte sich. „Wie Ihr wünscht, mein Lord. Wenn Ihr erlaubt…"
Tigris trat zu seinem Vater und griff nach der Kette an seinem Hals. „Dies ist ein Schutzamulett, was ihn vor schädlichen Zaubern beschützt." Tigris tippte mit seinem Stab darauf. „Finite magicum." Die Augen seines Vaters wurden für den Bruchteil einer Sekunde glasig. „Nun ist es nicht mehr als ein Schmuckstück."
Tigris trat einen Schritt zurück. Die Todesser schlossen einen Kreis um seinen Vater.
Tigris betrachtete Lucius nachdenklich. Er hatte diese Szene so oft in seinen Tagträumen vor sich gesehen, dennoch musste er einen Moment überlegen, womit er beginnen sollte. Die Todesserrobe und die Maske verbargen viel zu viel. Sie hinderten ihn daran, die Furcht in den Augen seines Vaters zu sehen. Wie Tigris sich wünschte Furcht in diesen Augen zu sehen, die ihm gegenüber immer kalt geblieben waren!
Der Dunkle Lord schien Tigris' Ansicht zu teilen, denn er winkte mit seiner Hand, und die Kleidung seines Vaters verschwand.
Der Körper darunter war vollkommen und unbeschädigt. Anders als sein eigener, dachte Tigris nicht ohne Bitterkeit. Er richtete seinen Stab auf Lucius.
„Crucio."
Sein Vater wurde aus seiner knienden Position gerissen. Zu Beginn schrie er noch nicht, aber als die Zeit verstrich brach seine Selbstbeherrschung. Als die fünf Minuten um waren, hatte er die Finger in der Erde vergraben und verschluckte sich an seinem eigenen Blut. Tigris trat zurück und überließ dem nächsten Todesser das Feld.
Der Dunkle Lord betrachtete die Zeremonie mit offensichtlichem Vergnügen.
Als die Reihe das zweite Mal zu Tigris kam trat er neben den Körper, der nun gebrochen und blutig war. Tigris beugte sich über ihn und holte eine Phiole aus seiner Tasche. Sein Vater sah ihn an, ein Blick voller Schmerz und Unverständnis. Tigris lächelte ohne Mitgefühl und beugte sich zu ihm hinunter.
„Dachtest du wirklich, ich könnte loyal zu unserem Lord sein, ohne ihm von deinem Verrat zu berichten?", fragte er leise. „Dachtest du wirklich, es wäre nicht süß für mich, deine Schreie zu hören?" Als der Blick sich zu Erkenntnis veränderte, riss Tigris den Kopf seines Vaters zurück und zwang ihn, die Phiole zu leeren. Dann trat er zurück und beobachtete, wie Lucius sich vor Schmerzen wand.
Nach der zweiten Runde befahl Voldemort, Lucius in die Kerker zu bringen und entließ seine Gefolgsleute.
Es war tatsächlich gnädig… Der Dunkle Lord wollte, dass Lucius sich erholte, um die nächsten zwei Runden durchzustehen. Tigris hatte von Anfang an damit gerechnet, dass er ihn am Leben lassen würde. Voldemort konnte es sich nicht erlauben, einen loyalen Gefolgsmann zu opfern. Nicht, solange sie noch so wenige waren.
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Als Tigris das Herrenhaus betrat, empfingen ihn Draco und seine Mutter in der Eingangshalle.
„Wie ist es gelaufen?", fragte sie angespannt.
„Ich bin akzeptiert worden.", erwiderte Tigris kühl. Er nahm seine Maske ab.
„Wo ist dein Vater?" Ihre Stimme schwankte ein wenig.
Tigris begriff ein wenig geschockt, dass sie gedacht hatte, er wäre sein Vater.
„Er wurde bestraft.", antwortete er gleichgültig.
Ihre Augen weiteten sich. „Bestraft? Wofür? Tigris!"
„Ich bin müde. Sagt den Hauselfen, sie sollen mich nicht stören." Mit diesen Worten ging Tigris an ihnen vorbei die Treppe hinauf. Tigris spürte, wie Dracos nachdenklicher Blick ihm folgte und schauderte beinahe. Draco wusste immer zuviel. Er widerstand der Versuchung, die Arme um sich zu schlingen. Allein der Gedanke, dass er heute mit ihrer aller Leben gespielt hatte! Andererseits, Tigris hatte nie erwartet, das Spiel zu verlieren.
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„Tigris!"
„Keine Zeit, Mutter!" Tigris' Konzentration war auf die Hitze in seinem linken Unterarm fixiert. Er stieß Narcissa ungehalten beiseite, als sie ihm in den Weg trat und verließ die Halle durch die Haupttür. Im Laufen flüsterte er das Wort, das seine Todesserrobe herbeirief, und apparierte, sobald es die Schilde erlaubten.
Nachdem alle Voldemort begrüßt hatten, wurde sein Vater wieder herbeigebracht. Es schien ihm besser zu gehen als am Tag zuvor. Gut, Tigris' Trank hatte gewirkt wie vorgesehen. Tigris hatte noch nicht vor, Lucius umzubringen.
„Ich habe euch heute hierher gerufen, um einen aus eurer Mitte zu bestrafen, der es gewagt hat, sich meinen Befehlen zu widersetzen.", zischte der Dunkle Lord. „Mein innerer Kreis hatte schon gestern das Vergnügen, heute sind zweimal fünf Minuten für jeden von euch übrig." Der Dunkle Lord lächelte mit boshaftem Vergnügen. „Ihr, die ihr mir treu wart, müsst euch hintergangen fühlen, dass einer aus eurer Mitte sich gierig genommen hat, worauf ihr so loyal verzichtet habt. Ich werde euch die Wahl lassen, ob ihr ihn bestrafen wollt. Diejenigen von euch, die ihm verzeihen, können nun gehen."
Nur sehr wenige disapparierten. Was immer ihre Gründe waren, Tigris wollte nicht an ihrer Stelle sein. Der Dunkle Lord erschien nicht erfreut über sie.
Wie Tigris gedacht hatte, winkte Voldemort ihm, zu beginnen. Tigris holte die Phiole aus seiner Robe, die er vorbereitet hatte. Es war ein blassgelber Trank mit einem leicht goldenen Schimmer. Sein Vater zuckte zurück, als Tigris neben ihm in die Knie ging.
„Ah, keine Sorge.", sagte Tigris ein wenig spöttisch. „Ich verspreche, dieser Trank wird dir keinerlei Schmerzen bereiten."
Graue Augen blickten ihn ungläubig an.
„Ich gebe dir mein Wort." Tigris lächelte. Sein Vater runzelte misstrauisch die Stirn. Tigris entkorkte die Phiole und hielt sie an Lucius' Lippen. Als sein Vater den Inhalt geschluckt hatte, verstärkte sich Tigris' Lächeln.
„Brav." Tigris stand auf. „Ich will dich nicht darüber im Dunkeln lassen, was dieser Trank bewirkt. Er schenkt dir Bewusstsein. Zwölf Stunden klares Bewusstsein, um genau zu sein. Er verstärkt außerdem deine Sinne: Geruchsinn, Tastsinn..." Tigris trat in Lucius' bereits verletzte Seite und sein Vater schrie überrascht auf. „...Schmerzempfinden. Viel Spaß." Lucius stöhnte gequält auf. Tigris grinste und trat zurück. Die Runde begann.
„Kreativ.", flüsterte eine zischende Stimme hinter Tigris.
Tigris musste sich bemühen, nicht zusammen zu zucken. Er hatte nicht gemerkt, dass der Dunkle Lord hinter ihn getreten war. „Danke, mein Lord."
Der dunkle Magier lachte leise. „Wie ich gesehen habe, hast du ein interessantes Haustier. Gib sie mir, ich möchte sie mir näher ansehen."
Tigris gefror für einen Sekundenbruchteil, dann schob er seinen Ärmel hoch und wand Sarin von seinem Arm, um sie dem Dunklen Lord zu reichen. Dieser nahm sie und schlang sie um seinen eigenen Arm.
„Sei gegrüßt, Kleine."
Sarin richtete sich auf und bedachte den Dunklen Lord mit gut gespielter Ehrfurcht. „Grüße, Sprecher."
Tigris wandte sich ab. Er konnte nicht zu interessiert erscheinen. Einer der Todesser, die gestern nicht da gewesen waren hatte seinem Vater gerade die Beine gebrochen und heilte sie nun, was nicht weniger schmerzhaft zu sein schien. Die meisten von ihnen heilten den Schaden, den sie anrichteten. Hätten sie es nicht getan, wäre sein Vater wahrscheinlich längst tot.
Etwas später kroch Sarin auf Tigris' Arm zurück. Tigris streichelte sie geistesabwesend. Wie er sich gedacht hatte, war das Interesse des Dunklen Lords wohl nur oberflächlich gewesen. Dennoch, Tigris fragte sich, worüber sie sich unterhalten hatten.
Als Tigris wieder an der Reihe war, war sein Vater bereits heiser vor Schreien. Tigris zauberte eine Peitsche in seine Hand. Er benutzte dunkle Magie, um das zu tun und genoss einen Moment das Gefühl. „Zehn Schläge.", flüsterte er dann, so dass nur sein Vater es hörte. „Zähl für mich."
Tigris war ein wenig überrascht, als sein Vater es trotz seines Zustands schaffte, sich auf die Knie zu ziehen und zu zählen, als Tigris zuschlug. Die Peitsche hinterließ rote Striemen, die nicht verheilten. Sie würden Narben hinterlassen. Die Stimme seines Vaters war monoton, als er zählte. Als Tigris zurücktrat, sah er den leeren Blick in seinen Augen, so als würde er von Schatten der Vergangenheit gejagt.
Plötzlich fühlte Tigris sich nur noch müde. All die Wut und der Hass, die sich so lange aufgestaut hatten, waren ins Nichts verschwunden. Tigris starrte auf den gebrochenen Mann vor sich und auf einmal war er nur noch das, und nicht mehr der Alptraum den Tigris hasste und fürchtete. In diesem Moment begriff Tigris vielleicht das erste Mal, dass dies sein Vater war... und er vergab ihm.
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Als es vorbei war nahm Tigris seinen Vater vorsichtig hoch. Trotz seiner Vorsicht verkrampfte der verwundete Mann sich und warf den Kopf zurück. Aus seiner Kehle kam nur ein gutturaler Laut. Entweder hatte er sich heiser geschrieen, oder einer der Zauber hatte seine Stimmbänder geschädigt. Tigris drückte den Körper fest an sich, so dass er ihn nicht fallen ließ, trotzdem Lucius sich vor Schmerzen wand. Tigris' Robe war schnell feucht von Blut.
Tigris apparierte zum Herrenhaus zurück und trug seinen Vater die Treppen hinauf in das Zimmer seiner Eltern. Seine Mutter stieß einen entsetzten Schrei aus, als sie ihn sah. Nachdem Tigris seinen Vater auf das Bett gelegt hatte, ging er wortlos, um eine Kiste mit Phiolen zu holen. Er überließ es seiner Mutter, die Heiltränke zu verabreichen, nachdem sein Vater vor seiner Berührung zurückzuckte. Tigris sprach die Heilzauber, die er sich zutraute, während sie es tat. Es waren nicht viele. Zwischenzeitlich war ihm halb bewusst, dass Draco in der Tür stand, aber als Tigris sich umdrehte, war sein Bruder gegangen. Seine Mutter sprach die komplexeren Heilzauber. Als sie fertig war gab Tigris seinem Vater das Gegenmittel zu dem Trank, den er ihm zuvor gegeben hatte. Als er ihn benutzte hatte er kein Gegenmittel eingeplant, erinnerte Tigris sich mit ein wenig Reue. Glücklicherweise war es ein einfacher Trank, so dass das Gegenmittel schnell zur Hand war. Sein Vater hatte einen Ausdruck von Überraschung auf dem Gesicht, als er das Bewusstsein verlor.
Tigris grinste zynisch. Als er den Raum verließ wartete Draco bereits auf ihn, und seine Mutter folgte kurz hinter ihm. Tigris seufzte. „Offensichtlich wollt ihr eine Erklärung."
Er zuckte beinah zusammen unter dem eisigen Blick seines Bruders. Tigris hatte sich nicht schuldig gefühlt, die ganze Zeit nicht. Er hatte seinen Sieg genossen – und er konnte nicht nur seinen Gebrauch dunkler Magie dafür verantwortlich machen. Doch der Blick seines Bruders ließ ihn sich dreckig vorkommen.
„Unser Lord hat herausgefunden, dass Vater ihn belogen hat.", sagte Tigris, ohne beide anzusehen, aber mit kühler Stimme. „Er weiß, wessen Sohn ich wirklich bin."
„Wie ist das möglich?", flüsterte seine Mutter. „Niemand wusste…"
„Ich habe es ihm gesagt."
Draco schlug Tigris mit der Faust ins Gesicht. Wenn Tigris es vorhergesehen hätte, wäre er ihm vielleicht ausgewichen. So fiel er nach hinten und landete auf dem Boden.
„Du Mistkerl.", zischte sein Bruder zornig. „Du hast das die ganze Zeit geplant, nicht wahr? Hast du dabei auch nur einmal an uns gedacht?"
Tigris musste sich eingestehen, dass er es nicht hatte. Jedenfalls nicht viel. Allerdings… „Unser Lord hätte euch niemals getötet. Er braucht die, die ihn unterstützen."
„Und was ist mit dir und Vater?", fauchte Draco aufgebracht.
Tigris zuckte mit den Schultern und rieb sich das Blut vom Kinn. Er hatte sich bei seinem Fall auf die Lippe gebissen. „Das Gleiche, auch wenn ich nicht so sicher sein konnte."
Seine Mutter schien gefroren. Sie sah Tigris an, als hätte sie ihn noch nie zuvor gesehen.
Draco trat neben Tigris und starrte auf ihn hinunter. Seine Augen waren kalt und zornig, wie geschmolzenes Silber. „Ich frage mich, wie du noch immer in den Spiegel sehen kannst.", sagte er schließlich. „Ich weiß du hasst ihn, aber was du getan hast war grausam. Du kannst es nicht Gerechtigkeit nennen. Was du getan hast war nichts anderes, als was er getan hat." Er hielt einen Moment inne. „Zumindest hast du offenbar die richtige Entscheidung getroffen, was den Dunklen Lord betrifft.", fügte er dann hinzu. „Ich bin sicher, du wirst schnell in den Rängen aufsteigen."
Tigris schloss die Augen. Draco hatte Recht… doch seltsamer Weise fühlte er keine Reue bei dem Gedanken. Nur eine leichte Übelkeit, tief in seinem Magen. „Auch wenn ich nicht denken würde, dass er es verdient hat…", sagte er dann. „Glaubt ihr wirklich, wir hätten das für immer vor unserem Lord geheim halten können? Er hätte es eines Tages herausgefunden, und das wäre unser aller Tod gewesen."
„Vielleicht.", sagte seine Mutter mit einem Zittern in der Stimme. „Aber er ist dein Vater und du hättest ihn beinahe umgebracht. Nichts was er getan hat verdient das… Nichts. Du solltest froh sein, dass er noch lebt, denn ich bin nicht sicher, ob ich noch einen Funken Liebe für dich in mir hätte, wenn er gestorben wäre."
Sie wandte sich hastig ab und rieb sich mit einer fast ärgerlichen Bewegung die Tränen aus dem Gesicht. Dann straffte sie sich und ging.
Draco sah ihr nach. „Wie es scheint hast du nicht dein Talent dafür verloren, die zu verletzen, die dich lieben."
Das, unabhängig von allem anderen was Draco gesagt hatte, fühlte sich an wie ein Stich in den Magen. Tigris zuckte zusammen und stand langsam auf. „Ich denke nicht, dass es ehrlich wäre, wenn ich mich entschuldigen würde.", sagte er erstickt.
„Versuch es weiter.", entgegnete Draco kühl. „Wenn du es tust, vielleicht werde ich dir vergeben."
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Tigris lag in seinem Bett und starrte an die Decke. Dabei strich er halb unbewusst mit seinen Fingern über seinen linken Unterarm. Die schwarze Schlange war unsichtbar, doch er hatte das Gefühl, er könnte spüren, wie sie sich unter seiner Haut bewegte. Tigris schauderte kaum merklich. Sollte er nicht Reue fühlen? Bedauern? Irgendetwas? Er hatte sein halbes Leben lang für die Seite des Lichts gekämpft, sollte er nicht mehr Gewissensbisse haben?
Was er fühlte, war eine gewisse Zufriedenheit, dass seine Pläne aufgegangen waren, und etwas Aufregung bei dem Gedanken, dass der Dunkle Lord ihn tatsächlich unterrichten mochte. Er sollte sich nicht so… glücklich… darüber fühlen. Es war nicht richtig. Aber Tigris konnte nicht ändern, was er fühlte. Wann war er so kalt geworden? Er schauderte erneut.
‚Ich bin sicher, du wirst schnell in den Rängen aufsteigen.', hatte Draco gesagt. Tigris fühlte noch immer das Gefühl der Übelkeit im Bauch. Doch das herausragendste Gefühl, das dieser Satz hervorrief, war Stolz. Stolz und Ehrgeiz. Tigris wollte das, die Macht. Er wollte in den Rängen aufsteigen, zeigen dass er besser war als der ganze Rest von Voldemorts erbärmlichen Lakaien. Er wollte sie alle übertreffen.
Während Tigris ohne Zweifel wusste, dass ein Jahr zuvor – selbst zwei Monate zuvor – der Gedanke ihm den Magen umgedreht hätte, konnte er nun nichts von diesem Gefühl mehr greifen. Es war, als hätte es niemals existiert, und er wusste nicht, warum er versuchen sollte, es zurück zu gewinnen.
Sarin rollte sich auf seiner Brust zusammen und Tigris streichelte sie geistesabwesend. „Was hat der Dunkle Lord von dir gewollt, Sarin?"
„Ist er nun Euer Meister, Meister?", fragte seine Schlange.
„Auf gewisse Weise, aber das betrifft dich nicht. Was wollte er?"
„Er wollte wissen, wie Ihr an die Phiole gekommen seid, die Ihr Eurem Vater zu trinken gegeben habt."
„Was hast du ihm gesagt?"
„Ich sagte ihm, dass ich sie bei mir hatte, als ich vor den Diagnosezaubern geflohen bin und Ihr sie danach wieder an Euch genommen habt."
„Ich hoffe, du hast nicht diese Worte benutzt." Sarins Wortschatz hatte sich um einiges verbessert, seit sie in der Lage war, die menschliche Sprache zu verstehen. Sie war erstaunlich intelligent. Viel zu intelligent für eine gewöhnliche Kornnatter.
„Nein, Meister. Ich nannte sie sich unangenehm anfühlende Lichter."
Tigris lachte unwillkürlich. Nicht nur intelligent, sondern auch verschlagen. „Gut, Sarin. Was hat er dazu gesagt?"
„Er hat gelacht. Ich denke, es hat ihm gefallen."
„Gut.", entgegnete Tigris, mit dem Finger über ihre schuppige Haut streichelnd. Sarin zischte wohlig. Wenn sie eine Katze wäre, hätte sie wohl geschnurrt. „Sehr gut."
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Als Tigris erwachte, war das Gefühl der Übelkeit noch immer da. Wenn überhaupt war es stärker geworden. Er hasste diesen Effekt Dunkler Magie, auch wenn er sich eingestehen musste, dass er das Nachlassen der Gleichgültigkeit mehr hasste als ihr Vorhandensein. Der Ausdruck in den Augen seines Vaters nachdem die Folter geendet hatte machte ihn krank.
Tigris fragte sich, was er nun für den Mann empfand. Die Wut und der Hass waren verschwunden. Das hieß nicht, dass er bereute, was er getan hatte. Vielleicht fand er, dass sein Vater genug gebüßt hatte. Tigris konnte ihm nun vergeben – und dafür war er auf seltsame Weise dankbar. Hass war wie eine Krankheit. Tigris fragte sich, was sein Vater nun tun würde. Er konnte nicht viel tun, solange er den Dunklen Lord nicht verärgern wollte. Das war der Aspekt seines Plans, der Tigris am besten gefiel. Sein Vater konnte ihm nicht wirklich übel nehmen, was er getan hatte. Schließlich hatte Tigris vorgeblich nur das getan, was sein Vater von ihm wollte. Lucius konnte Tigris kaum vorwerfen, gegenüber dem Dunklen Lord loyal zu sein. Tigris grinste unwillkürlich. Ja, sein Vater würde seine Strafe akzeptieren müssen… Genauso wie Tigris gezwungen gewesen war, die Strafen zu akzeptieren, die sein Vater für angemessen hielt. Egal was Draco sagte, Tigris empfand das als Gerechtigkeit. Schließlich war es nicht so, als wenn sein Vater dauerhaften Schaden davontragen würde… Abgesehen von ein paar Narben auf seinem Rücken, die hoffentlich als Erinnerung dienen würden. Andererseits, da war dieser Ausdruck in seinen Augen… Tigris runzelte die Stirn. Wer den Dunklen Lord hinterging, musste damit rechnen, gefoltert zu werden. Es konnte seinen Vater nicht so stark getroffen haben. Wenn Tigris sich nicht irrte konnte Lucius recht gut mit Schmerz umgehen. Merkwürdig… Aber Tigris hatte keine Lust, sich übermäßig damit zu beschäftigen.
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Das Frühstück verlief in unangenehmer Stille. Lucius war nicht anwesend, wahrscheinlich war er noch immer dabei sich zu erholen. Nach dem Essen ging Tigris in die Bibliothek um zu lesen, aber er fühlte sich ruhelos. Er durchsuchte gerade die Regale nach einem neuen Buch, um sich abzulenken, als seine Mutter eintrat.
„Dein Vater möchte dich sprechen.", sagte sie ziemlich kühl.
Tigris zog eine Braue hoch. „Du bist hierher gekommen, um mir das zu sagen? Warum hast du nicht eine Hauselfe geschickt?"
Ihr Blick wurde, wenn das möglich war, noch kälter. „Ich bin hierher gekommen, um dir zu sagen, dass du besser akzeptierst, was immer er entschieden hat. Zumindest, falls meine Meinung über dich dir noch etwas bedeutet."
Tigris strich seine Robe glatt und ignorierte den Stich, den er bei ihren Worten fühlte. Sie war verärgert. Er hatte nichts anderes erwartet, oder? Sie liebte seinen Vater, natürlich war sie verärgert, dass Tigris sein Leben in Gefahr gebracht hatte.
„Ich habe nicht vor, mich ihm zu widersetzen.", sagte Tigris ein wenig gezwungen.
„Gut.", erwiderte sie. „Er ist im Studierzimmer." Sie ging.
Tigris verharrte für ein paar Sekunden, dann machte er sich auf dem Weg nach unten.
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Minnilein: Ich habe es wörtlich übersetzt, ohne das deutsche Buch zu kennen. Livia…spielt sie noch eine Rolle? Oh ja. Abwarten. Blaise erinnert dich an Dumbledore? Wenn Dumbledore wäre wie Blaise, hätte es Voldemort nie gegeben… Ja, ich mag Sarin auch.
