Autor: Latina21
Rating: PG13/R16
Genre: Drama
Anmerkung: In dieser FF geht es vorallem um die Beziehung von Rory und Lorelai, aber auch um die von Rory und ihren eigenen Kindern. Die Geschichte spielt eigentlich in der Zukunft. Mit jedem Teil versuche ich den Lesern ein Stück mehr von Rorys und Lores Vergangenheit und Zukunft zu enthüllen.
A/N: Habe diese FF schon auf zwei anderen Seiten gepostet und hoffe auch hier Leser zu finden :-). Ich poste nun die bisherigen Teile. Bitte gebt mir FB, damit ich weiß ob/was euch gefallen hat bzw. was ich verbessern könnte.
Disclaimer: Ich besitze keinerlei Rechte an der Serie und ihren Charakteren. Darum ist eine Verletzung des Copyrights nicht beabsichtigt.
Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnen wird, zu leben. Marcus Aurelius
Prolog
Es war eine dieser Nächte, die mich an mein altes Leben erinnerte. Dicke Schneeflocken bedeckten die Straßen. Verliebte Pärchen stapften Händchen haltend durch den verschneiten Park. Das kleine Viertel strahlte eine unerträgliche Ruhe und Frieden aus. Der Mann, der schon seit mehr als dreißig Jahren Zeitungen an seinem kleinen Stand vor der großen Eiche verkaufte, grüßte mich freundlich. Ich erwiderte den Gruß nicht. Diese weihnachtliche Stimmung brachte mich beinahe um den Verstand. Der Zeitungsverkäufer war ein Heuchler, die Pärchen – und ja – die gesamte verdammte Stadt waren es.
Ich war heilfroh endlich meine warme Wohnung zu betreten. Wie jeden Abend machte ich mir eine heiße Kanne Kaffee und setzte mich mit Tolstoi an den kleinen Kamin. Er war der einzige, der mich verstand. Mich immer verstanden hatte.
Schließlich wurde ich auf das Blinken meines Anrufbeantworters aufmerksam. Meine Neugier siegte und ich hörte ihn tatsächlich ab, was ich normalerweise nur sehr selten tat. Die erste Nachricht war von Matt, der wieder einmal dringend Geld benötigte. Es überraschte mich kaum, danach Jennys Stimme zu hören. Sie rief jedes Jahr zu dieser Zeit an und stellte immer dieselben Fragen. Ich setzte mich wieder und lauschte der melodischen Stimme meiner Jüngsten nur sehr unkonzentriert.
„…er gab mir deine neue Telefonnummer. Du musst sofort nachhause kommen!"
Seine Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Vierzig Jahre waren vergangen, doch mir kam es plötzlich vor, als wäre es erst gestern gewesen. Wir standen im Flur. Ein Wort folgte dem anderen. Die Tür fiel mit einem lauten Knall ins Schloss. Ich sah die junge Frau vor mir, die ich einmal gewesen war. Sah wie sie schnell in den schwarzen Jaguar stieg und ihrer Heimat den Rücken kehrte. Dieser Tag hatte alles geändert. Ich hatte schrittweise begonnen mein Leben zu zerstören, ohne es zu bemerken.
Ich spürte wie sich mein Magen zusammenkrampfte, mein Herz begann zu rasen.
Warum rief er an? Es konnte nur einen einzigen Grund für seinen Anruf geben. Ich sah ihre verletzten Augen vor mir. Sie hatte geweint. Doch ich war gegangen, ohne mich auch nur ein einziges Mal umzudrehen.
Wenige Minuten später stand ich mit meinem neuen Koffer an der kleinen Bushaltestelle. Meine längste Reise seit vielen Jahren stand mir nun bevor. Ich hatte in meinem Leben sehr viele Länder bereist und einige wertvolle Erfahrungen gesammelt. Doch auf das, was nun auf mich zukommen sollte,
war ich nicht gefasst gewesen. Ich würde zurückkehren. In meine Vergangenheit.
Nachhause hatte er gesagt… Die traurige Wahrheit war, ich hatte kein zuhause mehr…
Teil 1
Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft hatte Wilhelm von Humboldt einst gesagt. Ich kenne meine Vergangenheit, doch habe ich eine Zukunft?
Ich konnte nicht mehr genau sagen was mich geweckt hatte. Vielleicht war es das laute Niesen meiner korpulenten Sitznachbarin, das nervende Telefonat meines Vordermannes oder auch einfach nur diese unmenschliche Vollbremsung des Busses.
Es war sehr warm in dem Linienbus. Der Fahrer schien Angst zu haben, dass seine Insassen erfrieren könnten. Ich strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und blickte aus dem Fenster. Der Versuch mich zu orientieren scheiterte zunächst. Als ich schließlich realisierte wo ich mich gerade befand, begann mein Herz zu rasen. Hartford. Wie lange war es nun schon her?
Ich war zuletzt bei der Beerdigung meiner Grandma hier gewesen. Sie war meinem Grandpa nach nur einem halben Jahr gefolgt. Der Gedanke an die Grabesrede ließen meine Augen tränen. Ich war Stunden lang an der Rede gesessen. Sie sollte etwas Besonderes werden. Emily Gilmore hatte einen würdigen Abschied verdient. Sie war mir immer eine wundervolle Großmutter gewesen.
Aus Höflichkeit meiner Mutter gegenüber blieb ich noch ein paar Tage in Stars Hollow, trotz unseres damals schon sehr abgekühlten Verhältnisses. Dies sollte sich schließlich als großer Fehler erweisen. Meine Mutter war nie ein Mensch großer Verschwiegenheit gewesen. Sie wartete ab bis Luke und Logan ins Diner gegangen waren um Essen zu holen, setzte die Kinder – natürlich gut versorgt mit zahlreichen Filmen und Popcorn – vor den Fernseher und zog mich die Treppe hinauf. Ich ahnte, worüber sie sprechen wollte. Ich hatte es in ihrem Gesicht gelesen. Ich war schon dankbar gewesen, dass sie nicht sofort auf der Trauerfeier mit ihrer Entdeckung heraus geplatzt war.
„Hältst du mich für vollkommen blind?" hatte sie mich gefragt.
Ich hatte nur geseufzt. Was hätte ich ihr antworten sollen? Zu sagen, ich hätte einen großen Fehler gemacht, wäre eine Lüge gewesen. Es war kein Fehler. Das und die Scheidung von Logan einige Jahre später waren die einzig richtigen Entscheidungen, die ich jemals getroffen hatte.
„Rory, antworte mir!" Ja, der Tonfall unserer Kommunikation hatte sich sehr geändert.
„Nein."
„Was, nein?"
Abstreiten hätte keinen Sinn gehabt. Matt war das Ebenbild seines Vaters. Je älter er wurde, desto mehr ähnelte er ihm. Matt war kein Huntzberger – genauso wenig wie ich.
Der Streit der schließlich gefolgt war, führte zu unserem endgültigen Kontaktabbruch. Sie hatte sich einmal zu oft in mein Leben einzumischen versucht.
Luke wollte uns aufhalten. „Geht nicht auf diese weise auseinander." Hatte er mir beinahe flehend zugeflüstert, als ich in Logans Auto stieg. Und zum zweiten und letzten Male hatte ich meiner Heimatstadt den Rücken gekehrt.
„Du bist eiskalt geworden." Ausgerechnet Paris hatte mir dies unverblümt mitgeteilt, als wir uns zwei Wochen später getroffen hatten.
Eiskalt Es war ein Fehler gewesen, ihr von dem letzten Streit mit meiner Mutter zu erzählen. Ich hätte wissen müssen, dass sie es nicht verstehen würde.
Eine erneute Vollbremsung des Busses ließ mich aus meinen Gedanken schrecken.
„Stars Hollow." Verkündete der Busfahrer gutgelaunt. Er hatte eine rauchige, unsympathische Stimme.
Der Weg bis zu der Tür schien endlos. Mit jedem Schritt verstärkte sich der Druck auf meinem Herzen. Je näher ich meinem Ziel kam, desto sicherer wurde ich mir, dass meine schlimme Vorahnung stimmen musste.
Der Fahrer wünschte mir noch einen schönen Tag, bevor ich den Bus verließ. Ich glaubte einen Moment lang, eine gewisse Ironie aus seiner Stimme zu hören.
Es hatte sich nichts verändert. Meine Augen wanderten durch die verschneite Stadt. Es war noch früher Morgen und deshalb noch sehr ruhig. Ich war dankbar nicht später angekommen zu sein.
Ganz Stars Hollow schien in Weihnachtsstimmung zu sein. An jedem Haus waren bereits Lichterketten angebracht, in manchen Gärten und auf einigen Dächern waren Weihnachtsmänner und Rentierschlitten angebracht worden.
Sogar der Pavillon war geschmückt geworden. Ich lächelte. Für einen kurzen Moment fühlte ich mich wieder wie die Person, die ich einst gewesen war.
„Rory? Nein, ist das möglich?"
Erschrocken drehte ich mich um und blickte in zwei braune Augen. Die Frau fuhr sich durch ihr schneeweißes Haar und lächelte leicht. Ihre Augen und Lippen waren von Fältchen umgeben. Ein Zeichen, dass sie sehr viel gelacht hatte in ihrem Leben. Aber auch die Stirnpartien waren faltig.
„Sookie. Hallo." Ich reichte ihr meine Hand. Es schockierte mich sie so gealtert zu sehen. Mir wurde plötzlich wieder mein eigenes Alter bewusst. Ich war letzten Monat sechzig Jahre alt geworden. Kann man in diesem Alter noch einmal ganz von vorne beginnen?
„Oh, Rory." Sie strich mir über die Wange, als wäre ich das Mädchen von damals. „Warst du schon bei ihr?"
Sieht sie meinen Koffer nicht? „Nein. Ich bin gerade erst angekommen."
Sookie nickte traurig. „Sie fragt nach dir. Beinahe jeden Tag." Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Der Druck auf meinem Herzen wurde unerträglich. Ich glaubte ersticken zu müssen. „Entschuldige. Ich muss zu Mum." Mum. Wie lange hatte ich dieses Wort nicht benützt?
Wenige Minuten später stand ich vor meinem alten Heimathaus. Mein Herz raste. Was würde mich nun erwarten? Ich hatte Angst, große Angst. Zaghaft ging ich die kleine Treppe hinauf. Meine Finger zitterten als ich anläutete.
Mir wurde sogleich geöffnet. Man hatte mich erwartet.
„Rory." Luke blickte mich traurig an. Sein Haar war vollständig ergraut, in seinem Gesicht hatten sich Fältchen gebildet.
„Luke." Ich umarmte ihn, eine Geste die mich selbst verwunderte.
Der Mann, der mir immer ein Vater gewesen war, strich mir sanft über den Rücken.
Ich löste mich langsam von ihm. „Geht es Mum gut?" Ich kannte die Antwort bereits.
Er seufzte. „Komm erst mal herein."
Er schenkte mir, ganz wie in alten Zeiten, eine Tasse Kaffee ein. Wir setzten uns auf die kleine Couch. Ich sah mich um. Mum hatte kaum etwas verändert.
„Sie wird immer schwächer, Rory. Sie ist die letzten zwei Jahre sehr oft krank gewesen." Begann er. Seine Stimme zitterte, er wich meinem Blick aus.
Zwei Jahre…warum haben sie mich nicht eher angerufen? Ich wäre sofort gekommen. Der Druck auf meinem Herzen wurde immer stärker. Ich hatte Angst vor dem, was er mir noch sagen würde.
„Vor einem halben Jahr stürzte sie und verletzte sich am Kopf. Seitdem ist ihr Gedächtnis sehr geschwächt. Es gibt gute und schlechte Tage. Es ist vorgekommen, dass sie mich nicht einmal erkannte." Seine Augen tränten. Ich griff nach seiner Hand und drückte sie sanft.
„Ihr Immunsystem ist sehr geschwächt. Sie muss sehr auf ihre Ernährung achten. Zu fetthaltige und koffeinhältige Nahrungsmittel können sehr gefährlich sein, sagte der Arzt." Luke seufzte traurig.
„Wie …wie konnte es dazu kommen?"
„Sie ist eine alte Frau, Rory. Ihr Körper wird immer kränklicher." Sagte er leise.
„Ist sie oben?" Ich wollte zu meiner Mum. So schnell wie möglich. Ich hielt es im Wohnzimmer nicht mehr aus.
„Sie schläft bestimmt noch. Rory, da ist noch etwas…"
Mein Herzschlag setzte aus.
„Sie ist wieder an Grippe erkrankt…"
Grippe. Grippe ist heilbar. Sie wird wieder gesund. Ganz bestimmt. Ich schluckte die Tränen hinunter. „Wir werden sie wieder gesund pflegen." Meine Stimme überschlug sich. Tränen rannen über meine Wangen.
„Ihr Körper ist zu schwach, Rory. Der Arzt gibt ihr…nur noch zwei Wochen."
Was wissen denn diese so genannten Götter in weiß schon von der Willenskraft Lorelai Gilmores? „Wie kannst du sie nur so schnell aufgeben? Meine Mum ist schon immer eine Kämpferin gewesen! Sie lässt sich nicht von einer einfachen Grippe unterkriegen!" Ich konnte und wollte die Realität nicht akzeptieren. Ich war die Tochter, die bei ihrer über alles geliebten Mutter sein wollte. Mum, ich brauche dich doch! Ich habe dich immer gebraucht. In jeder Sekunde meines Lebens! Du darfst nicht einfach gehen. Das lass ich nicht zu! Unter Tränen rief ich. „Sie wird wieder gesund. Mum wird wieder gesund!" Ich fühlte mich als würde ich ersticken. Luke drückte mich an sich und schluchzte laut.
Es dauerte ganze drei Stunden bis ich fähig war, das Schlafzimmer meiner Mum zu betreten.
Zitternd näherte ich mich ihrem Bett. Sie war ganz blass, ihre Augen hatten jeglichen Glanz verloren. „Mum…" Tränen rannen über meine Wangen, als ich mich an den Bettrand setzte.
Sie hob langsam ihre dünne Hand und strich mir etwas unbeholfen über die Wange. „Rory…" Brachte sie nur mühsam hervor. „Meine Rory."
Ich sank schluchzend auf ihre Brust, setzte mich jedoch schnell wieder auf. Ich hatte Angst ihr weh zu tun.
„Nicht weinen." Flüsterte Mum.
Ich sah sie an, versuchte zu lächeln. „Du wirst wieder gesund. Ganz bestimmt."
Sie lächelte. „Sie lassen mich keinen Kaffee mehr trinken. Kannst du dir das vorstellen?"
„Nein." Ich erwiderte ihr Lächeln.
„Wie geht es der kleinen Carol?" Erkundigte sie sich.
Die kleine Carol war mittlerweile beinahe vierzig Jahre alt, lebte in Puerto Rico und erwartete ihr drittes und viertes Kind, es sollten Zwillinge werden. Als hätten sie nicht schon genug Probleme. „Es geht ihr gut." Antwortete ich schließlich. Es war keine Lüge. Meine Älteste schien tatsächlich glücklich mit ihrem Leben zu sein.
„Schön." Mum lächelte.
Ich strich ihr sanft durch die Haare.
„Was ist nur passiert?" Fragte sie plötzlich.
Ich zögerte. Mum sah mich traurig an. „Wir waren wie Freundinnen. Wie konnte das nur passieren? Warum haben wir uns so entfremdet? Ich kann mich nur noch an Teile erinnern… da sind so viele Lücken. Was ist passiert, Rory? Ich…verstehe es nicht."
Ich kann mich an jede Einzelheit erinnern, verstehe es jedoch genauso wenig. Ich wollte die Vergangenheit vergangen sein lassen, wusste jedoch, dass dies nicht so einfach möglich sein würde. Wir mussten endlich über die letzten Jahrzehnte sprechen.
Mum drückte meine Hand und sah mich flehend an. „Rory, ich weiß, dass es schwer ist. Aber mein Gedächtnis ist so schlecht geworden. Ich möchte, dass wir darüber reden…uns endlich aussprechen...bevor ich sterben werde."
„Du wirst nicht sterben!" Der Druck auf meinem Herzen wurde stärker. „Du bist eine Kämpferin!"
Sie nickte leicht.
„Erinnerst du dich an Matt und Jenny?"
Sie blickte konzentriert auf die Kommode gegenüber, schüttelte schließlich den Kopf. „Es ist furchtbar. Ich weiß im tiefsten Inneren, da war etwas. Aber ich kann mich einfach nicht erinnern. Luke sagt, es wäre nicht immer so, ich hätte auch sehr gute Tage. Mir sind einige Teile meines Lebens noch ganz genau in Erinnerung. Ich kann mich beispielsweise noch ganz genau an den Tag des Probelaufes des Dragonfly erinnern. Luke und ich küssten uns an diesem Tag zum ersten Mal." Sie lächelte. „Aber danach…so viele Lücken…" Ihre Augen tränten.
Es war furchtbar für sie. Es schien als wären so viele Jahre ihres Lebens beinahe vollständig ausgelöscht worden.
Sie strich mir sanft über den Handrücken. Es war eine Aufforderung. Ich atmete tief durch und begann zu erzählen. Das war das Mindeste was ich für sie tun konnte.
2. Teil
Es war schwierig zu sagen, wann alles begonnen hatte. Ich bezweifelte, dass es möglich war einen genauen Zeitpunkt für die Veränderung einer Person, und somit der Leben so vieler betroffener Menschen, zu fixieren. Es war zu viel passiert. Vielleicht gab es ihn aber doch – den Abend, nachdem mein Leben begonnen hatte, eine andere Richtung einzuschlagen.
--------- Flashback --------
Es war eine laue Spätfrühlingsnacht, kurz vor dem Abschluss meines ersten Studienjahres in Yale. Ich hatte einen furchtbaren Abend hinter mir. Dean hatte mich abgeholt und zurück zum Wohnheim gebracht. Ich erinnere mich, wie dankbar ich ihm damals dafür war. Wir unterhielten uns gerade vor meiner Wohnungstür, als plötzlich Jess das Wohnheim betreten hatte und auf mich zukam. Mein Herz blieb stehen. Er hatte vor einem Jahr wortlos Stars Hollow verlassen. Ich war nahe daran gewesen den Schmerz endlich verarbeitet zu haben, als er plötzlich zurückgekommen war und mir seine Liebe gestand hatte. Doch er war wieder gegangen – ohne eine Antwort abzuwarten. Er hatte mein Herz ein weiteres Male gebrochen.
--------- Flashback Ende---------
Ich atmete tief durch. Die Augen meiner Mutter ruhten auf mir. Ihr Gesicht war emotionslos.
Es fiel mir so schwer über Jess zu sprechen. Der alte Schmerz kam wieder hoch. Ich erinnerte mich an die vielen Nächte, in denen ich weinend im Bett gelegen hatte. Jess war meine große Liebe gewesen. Meine Gefühle für ihn hatten mich überwältigt. Nie zuvor hatte ich einen Mann so sehr geliebt und niemals danach sollte ich einen Mann wieder so sehr lieben können.
--------- Flashback ---------
Obwohl etwas in mir ihn sofort bitten wollte zu gehen, ließ ich ihn in mein Zimmer kommen. Ich wollte wissen, was er mir noch zu sagen hatte. Und als ich es erfuhr, fiel ich aus allen Wolken. Ich hatte mit Vielem gerechnet. Aber nicht damit.
--------- Flashback Ende---------
Ich spürte die knöcherne Hand meiner Mutter, wie sie sanft über meinen Unterarm strich. Mum wusste, was sich in meinem Inneren gerade abspielte.
--------- Flashback ---------
„…Sag nur nein, wenn du nicht mit mir zusammen sein möchtest."
„Nein." Es war schnell gekommen. Es hatte unsere Herzen in tausende Stücke zerrissen. Ich glaubte hören zu können, wie sie zerbrachen.
Seine Augen waren so verletzt, als er den Raum verließ.
Ich habe mich sehr oft gefragt inwiefern unser aller Leben wohl anders verlaufen wäre, wenn ich ihn nicht abgewiesen hätte.
Doch was hätte ich tun sollen? Mit ihm gehen? Alle Menschen, die mir lieb sind, zurück lassen? Das Studium abbrechen?
Es war so unerwartet gekommen. Vielleicht hätte ich anders reagiert, wenn ich es gewusst hätte. Vielleicht hätte ich ihn gebeten nach Stars Hollow zu kommen? Vielleicht wäre es möglich gewesen wieder Vertrauen aufzubauen? Vielleicht hatte er sich wirklich bereits damals geändert.
Und wieder beginne ich über Fragen nachzudenken, auf die ich niemals eine Antwort bekommen werde.
Warum sind wir Menschen so besessen davon unsere Vergangenheit zu hinterfragen? Warum können wir vergangene Entscheidungen nicht einfach akzeptieren? Immerhin sind sie doch aus bestimmten Gründen getroffen worden, oder nicht?
Ich hatte Angst, große Angst wieder verletzt zu werden. Ich konnte ihm nicht mehr vertrauen.
Die einfachste Möglichkeit schien mir, ihn aus meinem Leben zu verbannen. Ich ahnte nicht, dass ich ihn zwölf Jahre später zufällig wieder sehen würde.
--------- Flashback Ende--------
Mum drückte sanft meinen Arm. Eine Träne rann über meine Wange und tropfe auf ihre Hand. Ich sah ihr nicht in die Augen. Sie würde darin lesen, wie sehr ich ihn noch immer liebe. Sie wusste es auch so.
--------- Flashback ---------
Jess endlich zu vergessen schien mir die einzig richtige Möglichkeit. Ich wollte wieder glücklich sein.
Ich sprach mit meiner damaligen besten Freundin Lane über Jess. Sie hatte Recht, einer der Gründe warum ich Jess so sehr liebte, war seine Unberechenbarkeit.
Dean war schon immer sehr berechenbar gewesen. Unsere Beziehung war zwar einigermaßen glücklich gewesen, aber alles andere als erfüllt. Ich hatte immer gespürt, dass mir etwas fehlte.
Und dann kam Jess und brach mein Herz zwei Mal. Ich selbst brach es das dritte Mal.
Dean war verheiratet mit Lindsay, eine Frau die er nicht liebte und die nicht zu ihm passte.
Ich wusste, Dean würde mich niemals verletzten und mich wirklich lieben. Ich wollte Sicherheit, Halt und Liebe. Da ich glaubte, dies bei Dean zu bekommen, wollte ich ihn lieben. Ich habe es mir selbst immer wieder eingeredet, doch niemals wirklich geglaubt. Es war unfair ihm gegenüber, doch ich war mir tatsächlich sicher ihn irgendwann wieder lieben zu können. Diese Sehnsucht nach Nähe und Liebe führte schließlich dazu, dass ich mich von ihm verführen ließ. Er würde Lindsay verlassen, da war ich mir sicher. Doch er verließ sie niemals - Du hast von Anfang an Recht gehabt, Mum.
--------- Flashback Ende---------
„Ich erinnere mich daran. Du sagtest, du würdest mich hassen und hast das Haus verlassen." Mums Augen tränten. Unser erster heftiger Streit schmerzte sie noch nach all diesen Jahren. Ich spürte erneut einen Druck auf meinem Herzen. Diesen anderen Abend, vor mehr als zwanzig Jahren, würde ich niemals vergessen.
--------- Flashback ---------
Wir standen im Flur des großen Hauses, das Logan vor einigen Jahren gekauft hatte.
Carol hielt zwei Koffer in ihren Händen. Ihre Augen waren gerötet, ihre wunderschönen Haare ganz verwühlt.
„Drehst du jetzt vollkommen durch?" Ich konnte nicht glauben, was ich gerade gehört hatte.
„Ich bin alt genug um meine Entscheidungen alleine zu treffen." Carol atmete tief durch und blickte mir selbstbewusst in die Augen. Ich konnte ihre Unsicherheit trotzdem spüren.
„Du bist noch keine zwanzig! Ich werde es nicht zu lassen, dass du alles aufgibst nur wegen eines Mannes!"
„Sein Name ist Ramon, Mum. Merke es dir endlich!"
„Du wirst dein Studium hier beenden!"
„Nein."
Plötzlich fiel es mir wie Schuppen vor die Augen. „Sag mir jetzt bloß nicht, dass er dich geschwängert hat?" Ich hatte diese Frage anders formulieren wollen, aber mein Mund war schneller gewesen.
Carol versuchte die aufkeimenden Tränen hinunterzuschlucken. „Nein, Mum. Ich liebe ihn einfach. Ich halte es hier nicht mehr aus." Tränen rannen über ihre blassen Wangen.
„Was willst du mir damit sagen?" Anstatt sie zu umarmen und zu trösten, stemmte ich meine Hände in die Hüften und blickte sie wütend an.
„Du hast mich niemals geliebt, Mum…"
Ich war wie gelähmt, konnte nicht fassen was sie eben gesagt hatte.
„Du hast mir doch immer insgeheim die Schuld für alles gegeben! Wäre ich nicht geboren worden, hättest du dein Studium nicht pausieren müssen…und hättest Dad niemals geheiratet! Was kann ich denn dafür? Hättet doch besser verhütet!"
„Wie kannst du nur…" Ich war sprachlos.
„Du liebst Jenny, unser aller Sonnenschein. Und natürlich Matt. Er ist schließlich der Sohn deiner Jugendliebe! Aber mich…nein, mich, hast du niemals geliebt!"
„Wie bitte? Wiederhole das!"
Carol wischte sich die Tränen von der Wange. „Dachtest du etwa, ich wüsste es nicht. Für wie dumm hältst du mich? Ich war im Nebenraum als du mit Grandma gestritten hast!"
„Du hast uns belauscht?"
„Ja. Eigentlich wollte ich Grandma nur etwas fragen, aber dann habe ich einige sehr interessante Wortfetzen aufgeschnappt und bin stehen geblieben. Du hast Dad betrogen!"
„Carol…"
„Ich habe dir nichts mehr zu sagen." Sie drehte sich noch einmal um bevor sie das Haus verließ.
„Sprich dich bitte endlich mit Grandma aus." Wie oft hatte sie das schon zu mir gesagt? Wir hatten seit der Beerdigung meiner Großmutter keinen Kontakt mehr zu Mum gehabt. Es waren zu viele Dinge passiert. Ihre Vorwürfe über mein angeblich falsches Verhalten Logan gegenüber waren nur mehr das berühmte Tüpfelchen am i gewesen.
„Das geht dich nichts an."
„Doch, das tut es. Du wolltest niemals, dass sie sich in dein Leben einmischt. Doch was tust du bei mir?"
„Er wird dir wehtun! Ihr seid zu verschieden…"
„Warum? Weil er zu wenig Geld hat? Lass mich endlich mein eigenes Leben leben!"
„In spätestens einem halben Jahr, wirst du wieder vor meiner Tür stehen und mir sagen, dass ich Recht hatte. So war es doch immer, wenn du eigene Entscheidungen getroffen hast."
Carol schluchzte. „Ich hasse dich." Sie ließ die Tür mit einem Knall in das Schloss fallen.
Ich glaubte, mein Herz würde zerspringen. Hatte sie das eben wirklich gesagt? Meine Kleine, die es bei mir immer so gut gehabt hatte? Ich hoffte aus einem bösen Traum zu erwachen. Meine kleine Tochter konnte nicht gegangen sein.
Ich weiß nur mehr, dass die Fliesen des Flurs kalt waren. Ich muss Stunden dort gesessen haben. Wie lange kann ein Mensch weinen?
Zwei kleine Arme legten sich tröstend um meinen Hals. „Mummy!" Ich zog die kleine Jenny zu mir und hielt sie fest. Carols Worte hallten immer wieder in meinem Kopf. Hatte sie recht gehabt mit ihren Vorwürfen? Der Druck auf meinem Herzen verstärkte sich, ich glaubte zu ersticken.
--------- Flashback Ende ---------
„Ich habe es nicht ernst gemeint. Ich war so verzweifelt, so wütend – weil ich im tiefsten Innersten wusste, wie Recht du hattest. Es tut mir so leid, Mum. Ich habe dich immer geliebt, jede Sekunde meines Lebens!" Der Druck auf meinem Herzen löste sich etwas. Befreiende Tränen liefen über meine Wangen.
„Ich liebe dich auch, mein Schatz." Mum lächelte leicht.
Ich umarmte sie schluchzend. Es war so ein wundervolles Gefühl in ihren Armen zu liegen. Ich hätte früher mit ihr sprechen müssen. Ich fühlte mich plötzlich so geborgen und sicher. Ich war bei meiner Mum, bei meiner geliebten Mum. Ich weinte. Sie wird sterben. Hatte Luke gesagt. Nein, sie durfte nicht sterben. Sie durfte mich jetzt nicht alleine lassen. Ich löste mich sanft von ihr.
„Erzähl weiter, Kleines." Forderte sie mich auf. Warum hatte sie es so eilig? Es schien als wollte sie die letzten über vierzig Jahre in wenigen Stunden aufarbeiten. Sie wird doch nicht… Ich schluckte und wagte nicht einmal daran zu denken.
„Du bist hinausgegangen und hast mich getröstet. Wir…wir haben uns wieder vertragen." Die Wahrheit war, dass der Streit bezüglich Deans den ersten kleinen, noch kaum merklichen Knacks unserer Beziehung verursacht hatte.
„Du liebst ihn immer noch…" Sagte Mum plötzlich.
Ich spürte, dass sie nicht über Dean sprach. „Ja." Sagte ich leise, kaum hörbar. Doch sie hörte es und nickte leicht.
Ich hatte jahrelang versucht, aufzuhören Jess zu lieben. Doch gelungen ist es mir bis heute nicht.
„Rory…" Mum sah mich müde an.
„Ja?" Ich machte mir Sorgen, sie war blasser geworden.
„Würdest du mir einen…Tee bringen?"
Ich musste über die Art, wie sie das Wort ‚Tee' herauspresste, lächeln. Gleichzeitig versetzte es meinem Herzen einen Stich. Mum würde niemals Tee trinken, wenn es nicht zwingend notwendig wäre.
„Natürlich."
„Ich bin müde, Mäuschen. Erzähle mir morgen, wie es weiter gegangen ist."
Ich nickte leicht und ging zum Stiegenabgang. In der Küche angekommen, sank ich auf den Boden und begann zu weinen.
3. Teil
Meine Glieder begannen zu schmerzen, doch ich bemerkte es nicht. Ich zog meine Beine fester an meinen Körper, lehnte die Stirn an meine Knie. Heiße Tränen rannen über meine Wangen. Ich fröstelte, ich schwitzte. Der Druck auf meinem Herzen wurde immer stärker. Ich bekam keine Luft mehr. Ich wollte erwachen, erwachen aus diesem furchtbaren Traum.
Eine kalte Hand auf meiner rechten Schulter ließ mich aufsehen.
Luke sah mich an. Auch er hatte geweint.
Ich wollte ihm etwas sagen, brachte aber keinen Ton hervor. Es schien als hätten mich die Tränen stumm gemacht. Vielleicht war es besser so, ich hatte die letzten Jahrzehnte zu viel gesprochen.
Der Mann, der mir immer ein Vater gewesen war, reichte mir seine Hand. Ich ergriff sie schließlich zögernd und ließ mich von ihm hochziehen. Luke war knapp unter achtzig Jahre alt, aber noch immer stark. Er war es für meine Mutter.
„Tee." Meine Stimme klang heiser.
Er runzelte die Stirn.
„Mum möchte Tee."
Luke nickte und warf einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr. „Sie muss ihre Tabletten nehmen. Ich werde das übernehmen. Geh ein wenig spazieren."
Ich kann Mum nicht alleine lassen! Ich schluckte. Sie litt seit zwei Jahren. Ich hatte sie die ganzen zwei Jahre im Stich gelassen. Nein, mehr als die Hälfte ihres Lebens. Meine Augen brannten.
Luke strich mir sanft über die Wange, ich nahm es jedoch kaum wahr. „Rory. Deine Mutter muss sich ausruhen. Du kannst gleich morgen wieder zu ihr."
Es war sechs Uhr abends. Mum war nie um sechs Uhr abends schlafen gegangen. Sie ist auch noch nie todkrank gewesen. Ich verdrängte den Gedanken und nickte leicht. Spazieren gehen? Wohin denn?
Ich rannte. Der Schneefall wurde dichter, der Himmel schwärzer. Doch ich rannte weiter.
Schließlich erkannte ich, wohin mich meine Beine gebracht hatten.
Seine Größe war beeindruckend. Doch sein Schatten schien mich erdrücken zu wollen. Ich starrte auf seine dicht mit Schnee bedeckten Äste. Der Baum, der niemals gefällt werden würde. Mum hatte ihn selbst gepflanzt. Es war eine Erinnerung. Eine Erinnerung an das Mädchen, das niemals das Licht der Welt erblicken durfte. Mum hatte mir viele Jahre die Schuld an ihrer Fehlgeburt gegeben. Wahrscheinlich hatte sie niemals damit aufgehört.
Ich ging einen Schritt näher und wischte den Schnee von der Rinde. Zur Erinnerung an Corinne Danes. Meine Augen begannen zu tränen. Warum durftest du niemals leben? Ich liebe dich, meine kleine Schwester. Ich hatte mir oft vorgestellt, wie sie wohl ausgesehen hätte.
Ein lautes Geräusch schreckte mich aus meinen Gedanken. Zwei Jungs liefen lachend auf der Straße und beschossen sich gegenseitig mit Schneebällen. Sie mussten in Carmens Alter sein. Ich lächelte.
--------- Flashback --------
Im Flur des Krankenhauses war ein aufgeregtes Stimmengwirr zu hören. Obwohl mein spanisch ausgezeichnet war, konnte ich nur einige Wortfetzen verstehen.
Ich sorgte mich. Es war noch kein Laut aus dem Kreissaal zu hören gewesen. Logan griff nach meiner Hand, ich entzog sie ihm schnell wieder.
„Sorge dich nicht." Sagte Susanna, Carols Schwiegermutter.
Ich wollte zu meiner Tochter. Sie brauchte mich doch.
Plötzlich hörte man das Weinen eines Babys. Susanna drückte meine Hand. Obwohl ich diese Frau mehr als alles andere auf der Welt hasste, ließ ich es zu.
Kurze Zeit später kam Ramon aus dem Kreissaal. Er hielt freudestrahlend ein kleines Baby in seinen Armen.
„Du hast eine Enkeltochter." Er lächelte und reichte sie mir.
Ich fühlte mich mit 48 Jahren noch nicht wie eine Großmutter, als ich die kleine Carmen jedoch in meinen Armen hielt, wurde mir warm ums Herz. Sie war das süßeste Geschöpf, das ich jemals gesehen hatte. Ich streichelte ihr sanft über die zarten Wangen.
„Sie hat den stolzen Blick einer Huntzberger." Meinte Logan plötzlich. Ich hasste ihn dafür.
Ich blickte in Carmens strahlend blaue Augen. Meine Augen, Mums Augen. „Du bist eine Gilmore."
--------- Flashback Ende---------
Carol hat meine Augen. Auch sie ist eine Gilmore. Ich schluckte. Ich war nicht nur eine schlechte Tochter, sondern auch eine schlechte Mutter. Ich drehte mich wieder zu dem Baum meiner Schwester. Ich war erst zwei Mal hier gewesen. Mein Finger fuhr sanft über die Inschrift.
„Was tun Sie da?" Rief plötzlich eine entsetzte Stimme.
Es versetzte meinem Herzen einen Stich. Ich erkannte sie sofort. Langsam drehte ich mich um.
„Oh, mein Gott!" Lane war trotz ihres Alters eine Schönheit. Sie hatte ihre langen, noch immer schwarzen, Haare hochgesteckt.
Ich machte einen Schritt auf meine ehemals beste Freundin zu. „Lane…"
„Du bist zurückgekommen." Es klang kalt. Lane war niemals kalt gewesen.
„Ja." Ich senkte den Kopf. Sie sollte nicht sehen, dass meine Augen schon wieder tränten.
„Das mit Lorelai tut mir so leid." Sagte sie sanft. „Wie…wie geht es ihr?"
Ich biss auf meine Unterlippe. „Sie wird wieder gesund werden."
Lane erwiderte nichts, ich liebte sie dafür.
„Wie geht es dir, Lane?"
Lane war mit ihrer Band berühmt geworden. Sie hatten viele Konzerte gegeben und waren auch auf MTV regelmäßig zu sehen gewesen. Nach fünfzehn Jahren hatten sie sich schließlich getrennt. Lane war nach einer stürmischen Beziehung mit Zach und einem gewissen Joe Cutter wieder mit Dave zusammengekommen. Sie hatten geheiratet und zwei wundervolle Söhne bekommen. Lane war Besitzerin eines bekannten Plattenlabels geworden. Mehr wusste ich nicht.
„Den Umständen entsprechend." Sagte sie.
Ich ging nicht näher darauf ein. „Wie geht es Mrs. Kim?"
„Sehr gut."
Ich konnte ihre abweisende Haltung verstehen. „Freut mich. Ich…ich werde dann gehen. Ich wollte noch zum Dragonfly." Mums großes Werk. Es würde sie glücklich machen, wenn ich es besuche.
Lanes Miene veränderte sich plötzlich. Sie blickte auf ihre Zehenspitzen.
Ich spürte wieder diesen Druck auf meinem Herzen.
--------- Flashback ---------
Mum starrte mich an. „Ihr wollt wohin ziehen?"
Ich strich eine Haarsträhne hinter mein Ohr. „Mum. Es ist meine Chance."
„Nein, es ist Logans Chance!"
„Mum! Ich werde bei einer richtigen Zeitung arbeiten!"
„Du wolltest Auslandskorrespondentin bei CNN werden? Hast du das etwa schon vergessen?" Ich hörte Mums Enttäuschung.
„Mum, bei CNN warten sie nicht auf mich! Ich habe keinerlei Aufstiegschancen in Connecticut!"
„Hat Logan dir das eingeredet?"
„Hast du denn wirklich gedacht, dass ich ewig hier bleiben werde? Dir wäre es doch am liebsten, wenn ich ein Haus neben euch bauen würde und eines Tages meinen Journalistenjob aufgeben würde, bloß um dein Kleinstadt - Hotel übernehmen zu können! Dafür habe ich nicht studiert!"
Mums Augen tränten. „Das Dragonfly ist mein Lebenswerk!"
--------- Flashback Ende -------
Ich war überheblich und gemein gewesen. Meine Mum hatte so vieles in ihrem Leben geleistet. Ich hätte niemals den Mut und diese Stärke gehabt. Mein Leben lang hatte ich sie dafür bewundert.
„Lane?" Ich sah sie flehend an.
Diese seufzte. „Du…du weißt es also nicht."
„Was weiß ich nicht?"
„Es war ein furchtbares Gewitter…es gab einen furchtbaren Brand. Das Geld fehlte um es wieder aufzubauen."
„Aber…aber es war doch ein historisches Gebäude…" Meine Stimme überschlug sich. Ein Brand, ein zweiter Brand.
Lane lächelte milde. „Leider sind auch historische Gebäude nicht vor Bränden gefeit."
„Wann ist das passiert?"
„Vor zwölf Jahren."
Ich fröstelte. Lane kam näher und umarmte mich. Ich kuschelte mich an ihre Brust.
Sie strich mir sanft über den Kopf. „Lass es raus." Flüsterte sie.
Ich konnte den Tränenfluss nicht mehr zurückhalten.
Ich kam erst gegen elf Uhr nachhause. Besorgt schlich ich die Treppen zu dem Zimmer meiner Mutter hinauf. Sie schlief friedlich. Luke saß schlafend in einem großen Lehnsessel neben ihrem Bett und hielt ihre Hand.
Ich atmete tief durch. Es war zu viel für mich. Ich lief in mein altes Zimmer und ließ mich auf mein Bett fallen. Ich möchte endlich aufwachen!
Ich wischte mir die letzte Träne von meiner Wange. Ich war die letzten Jahre nicht für sie da gewesen, doch nun würde ich sie nicht mehr im Stich lassen. Es würde nichts wieder gut machen, rein gar nichts. Aber sie würde zumindest in ihren letzten Tagen nicht ohne ihre Tochter sein.
Der Stuhl war schwer, trotzdem schaffte ich es ihn auf die andere Seite des Bettes zu tragen. Ich strich meiner Mum sanft über die Stirn und küsste ihre Wange. „Ich liebe dich." Ich setzte mich auf den Stuhl und hielt ihre Hand.
Ihre Lippen bewegten sich ein wenig. Es schien als würde sie lächeln.
4. Teil
Es ist ein merkwürdiges Gefühl eines Morgens zu erwachen, ohne zu wissen, wo man sich befindet. Ich bin dreimal in dieser Situation gewesen, und es war jedes Mal dasselbe. Zuerst möchte man verstehen, was passiert ist – danach möchte man es am liebsten wieder vergessen.
Die Sonnenstrahlen kitzelten meine Nasenspitze, ich unterdrückte das Verlangen zu niesen. Durch halbgeöffnete Augen konnte ich Luke erkennen, der sich sanft zu meiner Mutter beugte und ihr liebevoll etwas in ihr Ohr flüsterte. Sie lächelte.
Ich schloss die Augen und atmete tief durch. So befreiend Tränen sein konnten, sie würden diesen Moment zerstören.
--------- Flashback ---------
„Luke und ich sind jetzt zusammen." Mum biss strahlend von einer Scheibe Pizza.
Wir saßen im Wohnzimmer und es lief irgendeine unsinnige Talkshow im Hintergrund. Ich hatte gewusst, dass sie mir in Wirklichkeit etwas Wichtiges mitzuteilen hatte. Es war vielleicht ein, zwei Wochen nach dem Streit wegen der Sache mit Dean, dem „Vorfall", wie wir es nannten. Die ganze Stadt wusste bereits von der Beziehung, mir eingeschlossen.
Ich lächelte. „Ich weiß."
„Er lädt mich heute in ein teures Restaurant ein. Ich habe nichts anzuziehen." Sie wirkte unglaublich verzweifelt. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Mum benahm sich wie ein verliebter Teenager.
--------- Flashback Ende ---------
Luke streichelte Mum zärtlich über den Kopf. Sie griff nach seiner Hand. Ihre Finger zitterten dabei. Ihre Blicke waren voller Wärme.
So war es also, wenn man von ganzem Herzen geliebt wurde.
--------- Flashback---------
Nachdem ich mir zwei Stunden Paris Geschichte über ihren neuen Freund, einem jungen Arzt, angehört hatte, und sie endlich zu ihm gefahren war, wollte ich mich für eine kommende Prüfung vorbereiten. Doch bereits nach dem zweiten Absatz des unmenschlich dicken Skriptums, hörte ich ein energisches Klopfen an der Tür.
Genervt öffnete ich. „Mum?"
Sie stürmte in die Wohnung und ließ sich auf die Couch – nur wenige Millimeter neben meinem Skriptum – fallen.
„Ich muss dir unbedingt etwas erzählen…" Sie strahlte.
Ich setzte mich neben sie und legte mein Skriptum auf den Schoß. Sie sollte erkennen, dass ich nicht die ganze Nacht für sie Zeit haben würde.
„Du kennst doch Luke…" Begann sie aufgeregt.
Ich nickte, sagte aber nichts. Nach einer harten Kritik des Chefredakteurs, einer seltsamen Zurechtweisung eines Tutor, einem weiteren Streit mit Logan und Paris' Lobeshymnen an ihren Freund – welchen sie in spätestens zwei Wochen wieder verfluchen würde – war mir einfach nicht nach einer langen Unterhaltung zumute.
„Also, Luke. Unser Dealer, Freund, Liebhaber…"
„Dein Liebhaber." Verbesserte ich.
„Wir hatten gestern ein Date."
Ich seufzte. Konnte sie nicht allmählich zum eigentlichen Thema kommen?
Mum lächelte vergnügt. „Es war total romantisch! Picknick im Mondschein…"
„Luke und Picknick?" Ich glaubte nicht richtig gehört zu haben.
„Ja. Wir waren bei einem kleinen See. Es war unglaublich! Das Wasser glitzerte im Mondlicht…" Sie fuhr seufzend fort. „Er breitete zwei große Decken aus. Es gab Hähnchen, Pommes, Pancakes… alles was du dir vorstellen kannst! Und natürlich Kirschkuchen! Nachdem Essen räumte er den Korb ein, und wir kuschelten uns auf die weichen Decken. Er küsste mich zärtlich und…"
„Bitte keine Details!"
Mum grinste. „Nach den Details nahm er meine Hand und zog mich hoch. Wir spazierten ein Stück durch den nahe gelegenen Wald bis wir zur anderen Seite des Sees kamen. Du hättest den Himmel sehen sollen, Rory! Ganz klar! Ich versuchte die Sterne zu zählen, es gelang mir aber nicht." Sie lachte, wurde aber wieder ernst. „Dann nahm er plötzlich meine Hand und küsste mich sanft. Es war ein Kuss voller Leidenschaft. Ich habe noch niemals soviel Liebe und Leidenschaft für einen Mann empfunden. Er umarmte mich. Ich wollte mich nie wieder von seinen starken Armen lösen, fühlte mich so geborgen. Doch plötzlich löste er sich. Rory, es war wie im Märchen! Er erklärte mir, wie sehr er mich liebe. Das hatte er schon oft getan. Doch diesmal war es ganz anders. Er strich mir zärtlich über die Wange, während er mit der anderen Hand eine kleine Schachtel aus der Hosentasche holte…"
„Eine kleine Schachtel?"
Mum strahlte. „Er…er fragte mich, ob ich seine Frau werden wolle…"
„Und? Was hast du geantwortet?" Ich kannte die Antwort.
Sie atmete tief durch und hob ihre Hand, damit ich ihn sehen konnte. Er war Silber und trug einen roten Rubin. Ich umarmte sie.
--------- Flashback Ende ---------
Luke küsste meine Mutter sanft.
So war es also, geliebt zu werden. Ich schluckte die Tränen hinunter. Es war, als wäre ich nicht da, niemals da gewesen. Sie bemerkten mich nicht. In ihrem Leben gab es nur sie beide.
Sie hatten sich immer geliebt. Ihre Heirat war aus Liebe gewesen. Wie es auch sein sollte.
--------- Flashback ---------
„Du bist dir wirklich sicher?" Lane blickte mich zweifelnd an.
Ich nickte entschlossen. „Das mit uns hat keinen Sinn mehr."
--------- Flashback Ende ---------
Ich hatte die Beziehung zu Logan beenden wollen.
--------- Flashback ---------
Ich blickte auf die Uhr, ich blickte auf den Becher. Abwechselnd.
Die Zeit tat mir nicht den gefallen stehen zu bleiben. Es musste sein. Es gab kein Zurück mehr.
Ich kauerte in einer Ecke des kleinen Bades im Wohnheim. Die Tür war abgesperrt. Ich hörte Studentinnen klopfen, fluchen und rufen.
Zitternd zog ich den Streifen aus dem Becher. Ich kannte das Ergebnis, bevor ich es gesehen hatte.
--------- Flashback Ende ---------
Ich hatte die Beziehung zu Logan beenden wollen, doch dann war ich schwanger geworden.
--------- Flashback ---------
„Du bist…was?" Logan starrte mich erschrocken an.
Ich nickte. Tränen rannen über meine Wangen. Ich wusste nicht wie es nun mit mir weitergehen würde. Das Kind zu bekommen, schien mir als richtig, ich hätte niemals abtreiben können. Ich sank auf Logans Bett.
Er setzte sich zu mir und strich mir sanft über den Rücken. Seine Stimme wurde plötzlich ganz weich. „Wir schaffen das schon. Lass uns das einzig Richtige tun."
--------- Flashback Ende ---------
Das einzig Richtige, wie es Logan bezeichnet hatte, erwies sich als eine der vielen Fehlentscheidungen meines Lebens.
Eine einzelne Träne rann über meine Wange.
„Sie ist aufgewacht." Vernahm ich plötzlich Lukes Stimme.
Ich versuchte die beiden anzulächeln. „Guten Morgen."
„Bist du hungrig? Es ist bereits Mittag."
Mittag…was spielte Zeit schon für eine Rolle? Doch mir wurde klar, dass Zeit eine ungeheuer wichtige Rolle spielte.
„Nein…danke." Es schien mir unmöglich zu essen.
„Du musst etwas essen." Meinte Mum.
„Wie wäre es mit einem Pfannkuchen?" schlug Luke vor.
„Ja, bitte." Willigte ich ein.
„Und bring ihr einen Kaffee mit!" sagte Mum, bevor Luke das Zimmer verließ.
Sie sorgten sich um mich. Sollte ich es nicht sein, die sich um die beiden sorgt?
Mum streichelte sanft über meine Hand. Ihre Wangen waren nicht mehr so blass wie gestern, ihren Augen fehlte jedoch der Glanz, den sie früher hatten.
„Hast…hast du gut geschlafen?" Fragte ich.
Sie lächelte leicht, kaum merklich. „Ihr ward bei mir. Solange ihr bei mir seid, wird es mir immer gut gehen."
Ich spürte erneut den Druck auf meinem Herzen. Ich wusste nicht, ob ich das alles länger aushalten würde.
Plötzlich betrat Luke den Raum, mit einem großen Tablett. „Carol hat angerufen. Sie wird heute Nacht ankommen." Erzählte er leise.
Ich war zu selten für meine älteste Tochter da gewesen. Aber sie ließ mich nicht im Stich. Zumindest nicht ihre Großmutter.
„Erzähl weiter, mein Schatz." Sagte Mum matt lächelnd, nachdem Luke den Raum verlassen hatte. Sie konnte sich noch ganz genau daran erinnern, was ich ihr gestern erzählt hatte.
Luke hatte von guten und schlechten Tagen gesprochen. Ich hatte Angst vor den schlechten Tagen.
5. Teil
Aus Fehlern lernt man. Hatte mein Großvater immer gesagt. Richard Gilmore war ein kluger, wundervoller Mensch gewesen. Ich hatte ihn sehr geliebt.
Doch auch er war nur ein Mensch, der manchmal irrte.
--------- Flashback -------
„Die Party wird bestimmt toll." Logan lächelte und streichelte sanft über meinen Handrücken.
Wir standen vor dem schwarzen Brett, welches vor dem Bibliothekseingang angebracht worden war. Dort hing jenes Plakat, welches mich meinem Unglück einen Schritt näher bringen sollte. Dean und ich waren seit einem Monat nicht mehr zusammen. Ich hatte keinerlei Interesse mehr an Verabredungen gehabt.
„Ich stehe nicht so auf Partys." Meinte ich und entzog ihm meine Hand.
Er grinste. Sein Grinsen hatte eine eigenartige Wirkung auf mich. Einerseits machte es mich misstrauisch, andererseits brachte es mich zum Lächeln. Er wollte mit mir ausgehen, daraus machte er kein Geheimnis. Obwohl ich seine Absichten nicht interpretieren konnte, fühlte ich mich geschmeichelt. Und da war noch diese Sehnsucht…
„Rory, du solltest auch einmal Spaß haben. Zeit zum Lernen hast du auch später noch."
Seinen weiteren Worten kann ich mich nicht mehr entsinnen. Aber irgendwie hatte er es geschafft mich zu überreden auf diese unnötige Party zu gehen.
Und es kam wie es kommen musste.
--------- Flashback Ende --------
Mum blickte mich schweigend an. Sie hatte Logan immer gehasst. Vielleicht war das einer der Gründe, warum ich ihn schließlich wirklich geheiratet hatte.
Ich reichte ihr die Tasse Tee vom Nachtisch. Sie musste viel trinken.
Sie bemühte sich zu lächeln, nachdem sie getrunken hatte. Ich wusste jedoch, dass ihr der Geschmack nicht behagte.
„Ich würde alles für eine Tasse Kaffee tun." Flüsterte sie plötzlich.
Ich strich ihr sanft über die Stirn. „Bald bist du wieder gesund. Dann werden wir Kaffee trinken, Pizza essen und einen Videoabend machen."
Sie lächelte. Wie eine Mutter über ihr naives Kind zu lächeln hatte. Milde und freundlich.
Warum tust du das, Mum? Du darfst nicht aufgeben! Du kannst wieder gesund werden. Gib dich nicht auf. Ich werde dich niemals aufgeben! Ich unterdrückte die Tränen.
Mum griff nach meiner Hand und drückte sie. Wie schwach ihr Händedruck doch geworden ist. Ihre Augen blickten mich erwartungsvoll an.
Ich wollte nicht sprechen, aber ich musste es.
--------- Flashback --------
Nach unserer dritten Verabredung küsste er mich. Erst sanft, beinahe zaghaft. Dann stürmisch. Ich verwechselte es mit Leidenschaft.
„Danke für diesen Abend." Hauchte er mir ins Ohr. Sein warmer Atem verursachte eine Gänsehaut.
Es ist schwer zu sagen, was mir dieser Kuss bedeutete. Es war ein schönes Gefühl, begehrt zu werden. Seine Lippen waren weich, sein Aftershave roch sehr gut. Er war nett, sah nicht schlecht aus und konnte richtig witzig sein. Wir hatten die einen oder anderen gemeinsamen Interessen. Er respektierte mich. Interessierte sich für mein Leben.
Ein guter Fang. Sagte Grandma später. Der Typ ist ein Traum, lass ihn bloß nicht los. Sagte die eine oder andere Studienkollegin. Sogar Paris hatte damals kaum etwas an ihm auszusetzen.
So beschloss ich mit meiner Vergangenheit abzuschließen und ließ mich darauf ein.
Unsere Beziehung wurde nach dem einen oder anderen kleinen Problem schließlich ernster.
Nach nur vier Monaten behauptete er mich zu lieben.
Wie konnte er auch anders, schließlich hatte ich mich voll und ganz auf seine Welt eingelassen. Ein neues Leben schien mir der richtige Weg um mit meiner Vergangenheit abzuschließen.
Da saß der vermeintliche gute Fang also neben mir, auf meinem Bett, und gestand mir seine Liebe.
In diesem Moment wurde mir etwas klar, das ich nicht wahr haben wollte. Um mich vom Gegenteil zu überzeugen, schlief ich mit ihm. Es war auch etwas Alkohol im Spiel. Aber nicht genug, um die Schuld ganz darauf zu verschieben.
Ich wollte ihn lieben, er tat mir damals gut. Und irgendwann glaubte ich auch ihn zu lieben. Wir trafen uns noch regelmäßiger. Ich lernte seine Eltern kennen, die mich nie wirklich gemocht hatten. Er lernte meine Großeltern kennen, die ihn abgöttisch liebten. Logan lernte Mum und Luke kennen, die ihn nicht leiden konnten. Wie oft hatten wir wegen ihm gestritten?
-------- Flashback Ende-------
„Du hast ihn niemals geliebt." Sagte Mum leise.
Eine Träne rann über meine Wange.
-------- Flashback --------
„Ich sagte dir doch, er würde dir bloß Kummer bereiten!"
„Das hast du auch bei Jess gesagt!" Merkwürdig, dass er mir damals einfiel. Andererseits, vollkommen einleuchtend.
„Rory! Mach dich nicht unglücklich! Du kannst keinen Mann heiraten, den du nicht liebst! Ein Kind ist heutzutage kein Grund mehr für eine Hochzeit!"
Ich war mir damals sicher, das Richtige zu tun. Ich hatte damals einige Differenzen mit Mum, unsere Beziehung war abgekühlt. Sie verstand mich nicht und ich verstand sie nicht. Ich hatte in Logan endlich einen Mann gefunden, der mich so liebte, wie ich es verdient hatte. Sie hatte immer Angst, ich würde in Grandmas Welt tauchen und ihr entgleiten. Dies passierte wohl auch zu einem gewissen Teil.
-------- Flashback Ende --------
„Warum hast du ihn geheiratet?" Mum blickte mich fragend an. Sie hatte es nie verstanden. Ich auch nicht.
„Ich dachte, er könne mich glücklich machen." Das allein war es nicht. Schließlich hätte ich mich beinahe von ihm getrennt. „Grandma, Grandpa…seine Familie…Logan…" Ich seufzte.
Mum nickte. „Sie haben dich unter Druck gesetzt."
„Ich war nicht stark genug, habe ihnen irgendwann geglaubt."
„War ich denn nicht für dich da?" Mum hatte Tränen in den Augen. Das wollte ich nicht. Sie durfte nicht weinen. Sie hatte schon zu viel geweint. Wir hatten schon zu viel geweint.
„Wir hatten eine schwierige Zeit." Wie schlimm es danach erst wurde, erwähnte ich nicht.
Mum nickte.
„Und, ich glaubte ihm, dass er mich liebte." Es war leise, kaum hörbar.
--------- Flashback ---------
Alle Augen waren erwartungsvoll auf mich gerichtet. Grandma weinte. Aus Freude. Mum aus Trauer.
Ich blickte zu Logan. Er lächelte. Nett, vertrauensvoll. Ob er wohl so auch später seine zahlreichen Affären angelächelt hatte?
Es war ein heißer Tag. Ich war hochschwanger. Carol strampelte wild. Sie spürte, was ihre Mutter für einen Fehler begehen würde.
Meine Haare klebten auf der Stirn. Ich schwitzte.
Meine Augen wanderten durch die Reihen.
Sie erwarteten, dass ich antwortete. Mein Blick blieb an Mum hängen. Sie schüttelte den Kopf, nur ganz leicht, aber ich konnte es erkennen. Ihre Finger zitterten unruhig. Sie hätte alles getan um diese Hochzeit zu verhindern. Luke drückte ihre Hand, blickte mich traurig an.
Ich weiß noch genau was ich in diesem Moment dachte. Hört auf, über mein Leben bestimmen zu wollen!
So ließ ich es von anderen bestimmen.
Meine Antwort sollte mir immer in Erinnerung bleiben, samt Klang der Stimme und Unterton.
Es klang trotzig und war eher an Mum und das ungeborene Kind gerichtet als an Logan.
„Ja, ich will."
Klang so eine glückliche Braut?
--------- Flashback Ende --------
Davon zu laufen, das war meine Art mit der Vergangenheit abzuschließen. Ich habe nie wirklich damit abgeschlossen. Vielleicht war das einer der Hauptgründe, warum ich Logan niemals lieben konnte?
„Schätzchen…" Mum strich mir die Tränen von den Wangen.
Ich war hergekommen, um sie gesund zu pflegen. Nun war sie es, die versuchte mein Herz zu heilen.
Ich umarmte sie. „Mummy…" Mein Schluchzen war laut.
Sie strich mir sanft über den Kopf.
„Wir alle machen Fehler…"
„Ja, aber ihr hört irgendwann auf damit…" Ich klang wie ein Kind. Das wollte ich auch sein. Ein kleines Kind, welches weinte, weil es gestolpert war. Mum würde mir ein Pflaster über die Wunde kleben und mich in die Arme nehmen. Sie würde mich trösten und mir danach ein Eis kaufen. Ja, ich wollte dieses Kind sein. Nicht diese verbitterte Frau am Sterbebett ihrer Mutter!
--------- Flashback ---------
„Mummy!" Ich rannte vergnügt zu meiner Mutter. Es war mein sechster Geburtstag.
Sie umarmte mich. „Wie hast du geschlafen?"
„Toll!"
„Lass uns ins den Nebenraum gehen. Ich glaube, da liegen ein paar Geschenke für dich." Sie lächelte geheimnisvoll. Ihre dunklen Haare glänzten im Licht.
„Ja!" jauchzte ich vergnügt.
Ihre weichen Lippen berührten meine Wange. Sie nahm mich an der Hand und wir gingen gemeinsam aus dem Zimmer.
--------- Flashback Ende --------
„Ich liebe dich so sehr." Sagte ich schluchzend
Sie küsste meine Stirn. Ihre Lippen waren rauer und blasser geworden, aber es war dieselbe mütterliche Wärme und Liebe.
Ich würde mich sehr über Reviews freuen :-)
