6. Teil

--------- Flashback --------

Es war bereits stockdunkel. Der Regen prasselte gegen die Scheiben meines Autos. Es war gefährlich, aber das war nicht von Bedeutung. Ich musste an mein Ziel kommen. Mein Herz raste. Ich hatte Angst, furchtbare Angst.

Komm so schnell wie möglich. Hatte er gesagt. Seine Stimme war zitternd gewesen. Er musste geweint haben.

Der Druck auf meinem Herzen verstärkte sich je näher ich meinem Ziel kam. Meine Hände begannen zu zittern.

Im Radio lief ein fröhliches Lied aus einem weit entfernten Leben. Ich stellte es ab.

Der Parkplatz war beinahe leer. Trotzdem brauchte ich zehn Minuten um einzuparken. Einzuparken hieß Auszusteigen. Auszusteigen bedeutete mich mit der Wahrheit zu konfrontieren. Es würde kein Zurück mehr geben, sobald ich das Gebäude betreten hatte.

Kann man der Vergangenheit entkommen?

Ich sperrte den Wagen nicht ab. Sollte er doch gestohlen werden.

Ich spürte nichts von der Nässe und Kälte als ich in das Krankenhaus lief.

Luke saß im Wartezimmer, den Kopf in die Hände gestützt.

Er sah nicht auf als er meine Schritte hörte.

„Mum. Wo ist Mum?" Tränen rannen über meine Wangen. Der Druck auf meinem Herzen wurde stärker. Ich glaubte zu ersticken.

Luke sah langsam hoch. Seine Augen waren gerötet. „Zimmer 172." Er wirkte abwesend, war nur ein Schatten seiner selbst.

„Ist..ist…" Meine Kehle war wie zugeschnürt.

Lukes Augen blickten mich nur ausdruckslos an. Er wusste, was ich fragen wollte und ich kannte die Antwort.

Meine Beine begannen zu zittern. Ich fröstelte.
Das Wartezimmer hatte kalte weiße Wände. Es befanden sich nur Luke, eine Krankenschwester und ich im Raum.

Auf der Wand hinter Lukes Stuhl hing ein Bild. Es zeigte eine Frau und ein Baby. Sie hielt es lächelnd in ihren zarten Bleistiftarmen. Das Baby lachte. In der oberen rechten Ecke war eine große gelbe Sonne mit gelb- orangen Strahlen. Zwei verkrüppelte ‚V' sollten wohl Vögel darstellen. Möwen. Im Hintergrund waren drei Palmen zu sehen. Waren die beiden ans Meer gereist? Das Baby hatte gesunde rote Bäckchen und klatschte mit den Händen. In der rechten unteren Ecke befand sich die Signatur der jungen Künstlerin ‚Yasmine'.

„Sie können jetzt zu ihrer Mutter." Hatte da wirklich jemand gesprochen? Ich kann es nicht beantworten. Ich weiß nur noch, wie lange dieser weiße Gang war. Es schien Stunden, Jahre, zu dauern bis ich das Zimmer erreichte.

‚172' Die Tür war geschlossen. Was würde mich erwarten. Ich atmete tief durch. Meine Hand zitterte als ich nach der Türschnalle griff. Ich schwitzte. Ich fror.

Mum war alleine in dem kleinen Zimmer. Sie bemerkte mich nicht. Ihre Augen waren ausdruckslos auf die kahle Wand gegenüber gerichtet. Ihre Lider waren geschwollen, ihre Auge gerötet. Wie viele Tränen kann ein Mensch weinen?

Ich trat langsam näher. Eine Träne tropfte auf meine Hand. Ich wusste was passiert war.

Der letzte Funke Hoffnung war durch Mums Anblick verschwunden.

Es gab keinen Zweifel mehr. Auch nicht daran, wer Schuld gehabt hatte.

„Mum?" Meine Stimme klang heiser.

Sie sah mich nicht an.

„Mum?" Ich versuchte es ein weiteres Mal. Bitte sprich mit mir!

Ihr Kopf drehte sich ganz langsam zu mir. „Ich habe sie verloren." Ihre Stimme zitterte, sie hatte nur ganz leise gesprochen. Mum hatte noch nicht realisiert was passiert war. Sie stand unter Schock.

Ich griff vorsichtig nach ihrer Hand, doch sie entzog sie mir sofort wieder.

„Mum…"

Ich wusste nicht was es war, das in ihren Augen für einen Moment aufleuchtete, aber ich würde es niemals vergessen.

„Was möchtest du mir sagen, Rory? Denkst du denn tatsächlich, dass du mich mit irgendetwas trösten könntest? Du hast die letzten Monate schon zuviel gesprochen! Ich habe mein Baby verloren! Glaubst du, es gibt irgendetwas womit du mich trösten könntest?" Ihre Stimme überschlug sich. Tränen rannen über ihre Wangen.

Ich wollte sie umarmen, festhalten. Es war als wären meine Beine erstarrt, ich konnte mich nicht bewegen. „Mum…"

„Rory, geh bitte. Ich möchte alleine sein."

„Mum…der heftige Streit gestern…die letzten Monate…ich…"

Mum richtete sich ein wenig auf. „Rory, verlasse mein Zimmer! Akzeptiere wenigstens einmal meine Wünsche!"

Meine Mutter hatte mir niemals direkt die Schuld an Corinnes Tod gegeben. Ich wusste jedoch, dass sie es in ihrem Herzen tat.

Der Regen hatte aufgehört. Wäre es Tag gewesen, hätte man einen Regenbogen gesehen. Corinne würde niemals einen Regenbogen sehen.

Dem kleinen Geschöpf war das Leben verwehrt geblieben. Es hatte nie die Möglichkeit bekommen, seine Mummy kennen zu lernen.

Mit seiner Mummy ans Meer zu reisen und im Schatten der Palmen Möwen zu beobachten.

Ich hatte meine kleine Schwester umgebracht.

Das Lenkrad war hart und kalt. Mein Gewand und mein Körper waren durchnässt. Aufgrund des Regens, aufgrund der Tränen. Das konnte ich nicht sagen. Das war unwesentlich.

--------- Flashback Ende ---------

Der Traum der mich seit Jahrzehnten verfolgte. Die Erinnerung, welche niemals vergessen sein würde.

Ich lag im Bett meiner Kindheit. Das Kissen war feucht. Ich presste meinen Kopf gegen den weichen Stoff. Niemand sollte mein Schluchzen hören. Es war erst halb elf, doch ich lag seit drei Stunden in meinem Zimmer. Mum war schon früh müde gewesen.

Ich atmete tief durch. Mum erinnerte sich nicht an Corinne. Wie würde sie reagieren, wenn ich ihr vom dunkelsten Kapitel meiner Vergangenheit erzähle?

Das Klingeln war laut, doch ich bemerkte es kaum.

Erst eine junge, fröhliche Stimme ließ mich zurück in die Gegenwart kommen.

Vier Stimmen.

Sie waren angekommen.

Ich wischte mir die Tränen von den Wangen.

„Wo ist Mum?" vernahm ich die leise Stimme meiner Erstgeborenen.

„Sie schläft schon." Erklärte Luke.

„Wie geht es ihr?" Ihre Stimme war noch leiser geworden. Sie schien Angst zu haben, dass ich doch noch wach war.

Wie sollte es mir schon gehen?

Ich hörte Lukes Antwort nicht.

Es war beinahe Mitternacht, als ich zarte Schritte am Flur vernahm. Die Tür zu meinem Schlafzimmer wurde vorsichtig geöffnet.

„Grandma?" Ich sah Carmens zarte Silhouette.

„Ja, mein Schatz."

Sie schloss die Tür leise und kletterte in mein Bett. „Habe ich dich geweckt?"
Ich strich ihr sanft durch ihr lockiges, dunkles Haar. „Nein, Kleines."

Sie kuschelte sich an mich.

„Wie geht es dir, Granny?" Ihr süßer Akzent brachte mich zum Lächeln.

„Ich bin nur ein wenig müde." Ich war müde, unbeschreiblich müde. Aber diese Müdigkeit würde nicht vergehen, niemals. Völlig unabhängig davon, wie lange ich auch schlafen würde.

„Granny…?"

„Ja?"

„Wird Uroma sterben?" Carmen war immer ein fröhliches, durch und durch optimistisches Mädchen gewesen. Sie war auch immer etwas naiv gewesen.

Ich war noch nicht vorbereitet auf diese Frage. Carmen klang ängstlich. Auch ich hatte große Angst.

„Nein, wir pflegen sie wieder gesund."

Carmen nickte. „Ich habe eine Geschichte geschrieben. Für sie. Ich werde sie ihr morgen vorlesen."

„Darüber freut sie sich bestimmt." Meine Augen begannen zu tränen.

Mum erinnerte sich kaum noch an ihre Vergangenheit. Es war unwahrscheinlich, dass sie ihre Urenkelin erkennen würde.

Wie würde die kleine Carmen damit umgehen? Würde sie es verkraften können?

Würde ich es verkraften, sollte sie mich eines Tages nicht mehr erkennen können?

„Granny?"

„Ja, mein Schatz?"

„Ich liebe dich." Sie umarmte mich.

Es sind die Großmütter und Mütter, die für ihre Kinder und Kindeskinder da sein müssen. Ihre Aufgabe ist es diese zu beschützen. Sich um sie zu kümmern, sie zu trösten.

Meine Enkeltochter war es, die mir für einen Moment Kraft gegeben hatte, die mich zum Lächeln gebracht hatte.

Es schien zum ersten Mal seit Jahrzehnten, als würde es noch eine Chance geben für Rory Gilmore.

Dieses Gefühl währte nur kurz. Aber es war da gewesen.

7. Teil

Es war noch früher Morgen. Die Sonne warf ihre ersten Strahlen durch den Stoff des Vorhanges.

Carmen schlief noch. Sie sah aus wie ein kleiner Engel.

Leise verließ ich das Zimmer meiner Kindheit und schloss die Tür.

„Das kannst du nicht tun. Ich brauche meinen Kaffee. Du wirst mich noch umbringen mit diesem…" Sie suchte nach dem richtigen Wort
„Tee?" half er ihr freundlich.
„Ich brauche meine tägliche Ration Kaffee…"
„Du wirst dich noch selbst umbringen…"

Konnte das sein? Meine Schritte verlangsamten sich. War ich tatsächlich aufgewacht? War dies alles nur ein furchtbarer Traum gewesen?
Ich näherte mich zaghaft den aus der Küche kommenden Stimmen.

--------- Flashback ---------

„Nein, Lorelai. Du bekommst heute keine Tasse Kaffee mehr."
„Luke!" Sie blickte ihn flehend an.
Er seufzte. „Wie viele hattest du schon?"
„Ähm…zwei…fünf…"

--------- Flashback Ende --------

Mein Herz raste. Langsam betrat ich unsere kleine Küche.

Ich wusste, dass es nicht Mum und Luke waren, die diskutierten. Aber ich hatte mich an diese wohl unrealistischste Hoffnung geklammert als wäre sie ein Rettungsboot, welches mich im reißenden Ozean über Wasser hielt.

Luke sah meine hochschwangere Tochter kritisch an. Plötzlich bemerkte er mich. „Guten Morgen, Rory." Ich war immer seine kleine Rory gewesen, trotz allem was passiert war. Wie sehr kann man einen Menschen lieben, dass man auf diese Weise verzeiht?

Das Boot sank und riss mich mit. Ich hatte nicht geträumt.

„Hi, Mum." Carol blickte mich unsicher an. Ihre zarten Finger fuhren durch ihr blondes Haar. Sie hatte schon immer mit ihren Haaren gespielt, wenn sie nervös gewesen war.
Ich musterte sie kurz. Es würde bald soweit sein. Sie würde mich zum dritten Mal zur Großmutter machen.

„Wie konntest du nur in diesem Zustand in ein Flugzeug steigen?" Das war meine Begrüßung an die Tochter, die ich beinahe ein Jahr nicht mehr gesehen hatte. Das war die Begrüßung an jene Tochter, die als erste gekommen war, um Mum, Luke und mir beizustehen.

„Mum, ich…"

Plötzlich betrat Ramon den Raum, der sich natürlich wieder sofort einmischen musste. „Ich riet ihr erst nach der Entbindung zu fahren, aber…"

„Du wolltest sie also daran hindern ihre schwer kranke Großmutter zu besuchen?" Er sollte bloß nicht glauben, dass ich ihn und seine Familie jemals würde leiden können.

„Lorelai. Mama und ich meinten es nur gut. Der Arzt sagte…"

„Ich möchte auch nur das Beste für meine Tochter." Und das bist bestimmt nicht du.

„Das habe ich auch nie bestritten…"

„Kaffee?" Luke versuchte abzulenken. Aus irgendeinem mir vollkommen unverständlichen Grund, konnte er den Mann, der das Leben meiner Tochter zerstört hatte, leiden.

„Gerne." Willigte ich ein.

Er reichte mir lächelnd eine Tasse.

„Danke. Sag mal, Carol, wo ist eigentlich Juan?" Ich vermisste meinen kleinen Enkelsohn.
Carol und Ramon tauschten einen kurzen Blick. „Er ist krank geworden. Susanna kommt so bald wie möglich mit ihm nach."
Es traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. „Schön." Es klang nicht kalt genug.

Ich wandte mich wieder an Luke. „Ist Mum schon wach?"
Er nickte leicht.
„Wie geht es ihr?"
„Unverändert."
Unverändert. Das war nicht gut, aber es ging ihr immerhin nicht schlechter.
Plötzlich bemerkte ich das volle Tablett auf dem kleinen Tisch. „Darf ich es ihr bringen?"
„Natürlich. Sie muss drei von den roten Tabletten und zwei von den gelben nehmen." Erklärte er matt. Auch er war müde geworden.
„Ich möchte mitkommen." Sagte Carol.
„Ich weiß nicht, ob das so gut ist. Sie erinnert sich möglicherweise nicht an dich..."
„Ich...ich bin darauf vorbereitet." Sie versuchte sicher zu klingen.
„Wie du möchtest."

Mum lächelte leicht als wir den Raum betraten. „Rory."
„Guten Morgen, Mum. Wie geht es dir?" Ich stellte das Tablett auf den Nachtisch ab.

Mum musterte Carol. Sie schien zu überlegen.
Carol atmete tief durch. Ich ahnte, wie sie sich fühlen musste.
„Hi, Grandma." Sie ergriff vorsichtig Mums Hand. „Ist dir kalt? Deine Hand ist ganz kalt. Möchtest du noch eine Decke?"

Mum lächelte. „Mir ist so warm."

„Ich mache dir einen kalten Umschlag." Carol kam nach wenigen Minuten wieder zurück.

„Danke." Mum blickte mich an. „Du hast eine sehr nette Freundin."

Carols Augen begannen zu tränen. Ich drückte sanft ihre Hand. „Mum. Das ist Carol. Meine Tochter."

„Deine Tochter?" Mum blickte auf den Stoff der Decke. Plötzlich veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. „Du hast gestern von der Schwangerschaft erzählt. Wie alt bist du, Carol?"

Carol versuchte die Tränen zu unterdrücken. „39."

Mum lächelte. „Ist sie dein einziges Kind?"

Tränen rannen über die blassen Wangen meiner Tochter. Sie konnte nicht begreifen was mit Mum geschehen war.

Ich wollte etwas sagen, aber meine Mutter kam mir zuvor.
„Weine doch nicht, meine Kleine. Dein Gedächtnis funktioniert noch einwandfrei. Glaub mir, meine Situation hat auch Vorteile. Oft ist es besser manche Dinge nicht mehr zu wissen." Sie zwinkerte ihr zu.

Es versetzte meinem Herzen einen Stich. Ob Mum bewusst war, was sie eben gesagt hatte? Sie hatte es gewiss nicht so gemeint, Carol hatte es wohl auch nicht so verstanden. Denn sie lächelte ganz leicht unter ihrem Tränenschleier.

„Also, setzt euch doch. Carol, hast du denn nun Geschwister? Mache es nicht so spannend."
Mum schien trotz gewachsenem Erinnerungsverlust einen sehr guten Tag zu haben.
Wir folgten ihrer Bitte.
„Ich habe noch einen Bruder und eine Schwester."
Mum wandte sich an mich. „Du hast also drei Kinder von Logan bekommen."
Carol warf mir einen kurzen Blick zu. Meine Mutter und sie waren die einzigen, die von meinem Geheimnis erfahren hatten.

--------- Flashback ---------

Ich schaukelte den kleinen Matt glücklich in meinen Armen. Seine Augen waren so dunkel wie die seines Vaters. Ich streichelte ihm sanft über die Wange. Er war das Kind der Liebe.

Plötzlich betrat Logan, gefolgt von seinen Eltern, das Zimmer.
Es war kaum ein Tag vergangen, an dem sie ihren Enkelsohn nicht besucht hatten. Carol hatten sie nicht annähernd so oft sehen wollen.

Sie hatte immer um die Gunst ihrer Großeltern väterlicherseits gekämpft, diese aber niemals bekommen. Obwohl sie beinahe Logans weibliches Ebenbild war.
Aber sie war ein Mädchen, und das bedeutete für Logans Eltern, dass sie nur wenig wert war.

Außerdem war sie der Grund für unsere Hochzeit gewesen, die sonst wahrscheinlich niemals stattgefunden hätte.
Die furchtbare Wahrheit war, dass sie dieses unschuldige kleine Mädchen beinahe eben so hassten wie mich.

Logans Vater war unendlich stolz auf seinen Sohn, weil er selbst einen Jungen gezeugt hatte und somit eine neue Huntzberger Linie entstehen würde.

Ich erinnerte mich wie sie alle – Logan, sein Vater und zwei Onkeln – im Wohnzimmer gesessen hatten und eine Pfeife geraucht hatten.

Der Gedanke, dass es nicht Logan gewesen war, der einen Sohn gezeugt hatte, erfüllte mich mit einer gewissen Genugtuung und Schadenfreude.

--------- Flashback Ende -------

8. Teil

„Ich habe drei Kinder und zwei Enkelkinder." Antwortete ich ohne Mum und Carol anzusehen. Meine Mutter sollte es in der richtigen Reihenfolge erfahren. Nur so würde sie verstehen.

Carol blickte kurz auf ihre Zehenspitzen. „Entschuldigt mich. Ich habe Carmen versprochen, dass ich ihr die Stadt zeige. Sie freut sich so über den Schnee. Wir kommen später zu dir, Grandma." Sie lächelte kurz, vermied es jedoch mich anzusehen.

Wird sie es mir jemals verzeihen?

-------- Flashback -------

Es war ein harter Arbeitstag gewesen, das soll jedoch keine Entschuldigung sein.
Der Wonnemonat Mai hatte gerade begonnen. Matt war sechs, Carol gerade sechzehn geworden. Ich hatte zwei Tage zuvor erfahren, dass ich schon wieder schwanger war.
Ich hatte ihnen etwas von einem chinesischen Restaurant mitgebracht und war erstaunt die beiden nicht, wie üblich, vor dem großen Fernseher im Wohnzimmer vorzufinden.

Plötzlich vernahm ich Stimmen. Die Tür meines Schlafzimmers stand halb offen.
Die Tür meines Kastens war geöffnet worden.
Und dort stand er. Mitten im Zimmer. DER Karton.

Um ihn herum saßen Carol und Matt und hielten Fotos in ihren Händen.
„Was macht ihr hier?" Ich blickte Carol wütend an. Es war unmöglich, dass ihr kleiner Bruder die Kiste vom obersten Fach geholt hatte.
„Ich wollte mir deine blaue Bluse ausborgen. Dann habe ich den Karton entdeckt und…"
„Und hast dir gedacht, da könntest du ja mal rein sehen? Was würdest du sagen, wenn ich in deinen Sachen wühlen würde, Carol?"
„Entschuldige, aber du erzählst so wenig über dich und…"
„Was ist das denn für eine Begründung? Matt, gehe bitte in dein Zimmer. Ich muss mit deiner Schwester ein ernstes Wort sprechen."
Matt blickte ängstlich von mir zu seiner geliebten älteren Schwester, verließ schließlich schnell den Raum. Ich schloss die Tür.
„Mum, es tut mir leid."
„Wir sollen deine Privatsphäre akzeptieren, aber du akzeptierst unsere nicht…" Ich verschränkte wütend die Arme.
Carol sah das Bild in ihrer Hand lange an. „Das sieht nicht aus als hätte es etwas mit Dads Privatsphäre zu tun…"
„Werde jetzt bloß nicht frech, kleines Fräulein." Ich hörte mich an wie Grandma.
„Wer ist er?" Sie blickte mich fragend an.
Ich trat näher und besah das Foto. Es durchfuhr mich wie ein Blitz.
„Du siehst so glücklich aus." Carol lächelte.
Ja, das war ich auch. „Gib es zurück!"
„Wer ist dieser junge Mann? Er sieht gut aus. Ward ihr zusammen?"
„Ja. Würdest du jetzt bitte endlich die Kiste zurückstellen?"
„Warum klappte es nicht?"
„Es klappte einfach nicht."
Sie blickte lächelnd auf das Foto in ihren blassen Händen. Plötzlich weiteten sich ihre Augen erschrocken. Ich bemerkte das Zittern ihrer Finger. „Hast du ihn jemals wieder gesehen?" Sie sah mich nicht an.
„Nein." Ich riss ihr das Foto aus der Hand, legte es auf den Stoß im Karton und stellte diesen zurück.
„Mum…" Sie sah mich verwirrt an. „Hast du…hast du ihn geliebt?"
„Nein. Wir waren achtzehn. Nur zwei Jahre älter als du es jetzt bist."
Carol erhob sich langsam. „Weiß Dad von ihm?"
„Nein. Wozu auch? Hör mal, ich muss noch einiges erledigen. Du hast doch bestimmt Hausaufgaben?" Ich versuchte mich zu beherrschen.
„Warum erzählst du mir nicht von ihm?" Carol konnte sehr hartnäckig sein, außer es betraf Differentialrechnungen.
„Weil ich es nicht möchte. Und jetzt gehe bitte!"
Es wirkte für einen Moment als wollte sie noch etwas sagen. Schließlich verließ sie das Zimmer.

Sie hatte es gewusst. Von dem Moment an, als sie das Foto gesehen hatte. Wenige Jahre später sollte sie durch einen Streit mit Mum, welchen sie belauschte, die Bestätigung erhalten.

-------- Flashback Ende -------

Nachdem Carol gegangen war, nahm Mum meine Hand. Ich fühlte, dass ihr Händedruck schwächer geworden war.
Sie lächelte leicht. „Hast du denn schon gegessen?"
Sie sorgte sich schon wieder um mich, dabei war sie es doch, die schwer krank war.
„Ich bin nicht hungrig."
„Du schaust nicht gut aus. Iss mehr." Sie runzelte die Stirn.
„Wir haben oft Videoabende gemacht. Wir bestellten uns meistens eine riesige Pizza, aßen unbeschreiblich viele Süßigkeiten und sprachen nebenbei die Texte der Filme mit." Die Erinnerung war plötzlich ganz klar vor meinem inneren Auge erschienen.
„Wir kannten die Texte?"
„In und auswendig." Ich schmunzelte.
Ihre Augen tränten leicht. „Das klingt toll." Ihre rauen Finger strichen über meinen Handrücken. „Ich möchte das noch einmal machen, bevor ich sterbe."
Der Druck auf meinem Herzen verstärkte sich. Ihre Augen zeigten mir, dass dies tatsächlich ihr Wunsch war. Meine Augen tränten. Ihr Blick war so flehend.
„Wir werden einen Videoabend machen." Versprach ich. „Ganz wie früher." Ich versuchte vergeblich die Tränen hinunterzuschlucken. Nichts, rein gar nichts würde jemals wieder wie früher sein. Doch Mum würde ihren Videoabend bekommen, ich war bereit alles dafür zu tun.

--------- Flashback --------

„Pop Corn?"
„Da."
„Eis?"
„Da."
„Lakritze?"
„Da."
„Pizza?"
„Bestelle ich sofort."
„Rory, was ist ein Videoabend ohne Pizza?" Mum schüttelte gespielt empört den Kopf und grinste.

--------- Flashback Ende --------

„War Luke auch bei unseren Videoabenden?" erkundigte sich Mum.
„Nur sehr selten…es war wohl nicht ganz…seines…"

-------- Flashback -------

„Wozu seht ihr euch den Film an, wenn ihr den Text ohnehin auswendig könnt?"
Wir warfen Luke einen empörten Blick zu. „Das verstehst du nicht!"
„Warum muss ich mir diesen Schinken ansehen?"
„Das ist ein Klassiker!" korrigierte Mum.
„Wenn du meinst…" Luke lehnte seinen Kopf an ihre Schulter und blickte gequält auf den Bildschirm.
Ich musste grinsen.
Zwanzig Minuten später störte ein lautes Geräusch die Spannung zwischen dem Filmpärchen.
„Mum, dein Freund schnarcht! Unternimm etwas!"

-------- Flashback Ende -------

„Erzähl mir von Carol." Bat Mum.
„Was?" Ihr Gedankensprung war mir zu schnell gewesen.
„Carol, deine Tochter! Sag bloß meine Vergesslichkeit ist ansteckend?" Sie grinste.
Mum war schwer krank, scherzte jedoch trotzdem. Ich bewunderte sie dafür und bekam plötzlich ein schlechtes Gewissen. Ich war gesund, jedoch so verbittert.

9. Teil

--------- Flashback ---------

Der Schmerz durchfuhr meinen geschwächten Körper erneut. Ich schrie aus Leibeskräften. Ich würde sterben, da war ich mir ganz sicher.
„Pressen, Mrs. Huntzberger!"
Ich fühlte mich zuerst nicht angesprochen.
„Rory, du musst pressen!" Mum drückte meine Hand.
Ich blickte in Lanes Augen. Sie nickte. „Du schaffst es!"
„Es tut so weh. Ich will nicht! Es soll aufhören!" Tränen tropften auf das Kissen.
„Rory, du hast es bald geschafft."
Meine Haare klebten auf meiner Stirn. Ich drückte Mums Hand und versuchte zu pressen. Mein Schrei musste durch das ganze Krankenhaus gehallt sein.
„Rory, ich kann den Kopf sehen! Los, mach weiter!"
Wenige Minuten später wurde mir ein kleines weißes Bündel mit einem winzigen Baby gereicht. „Sie haben eine Tochter."
Ich lächelte keuchend.
„Sie hat unsere Augen." Mum strahlte.
Ich wollte mich gerade für ihre Unterstützung bedanken, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde.
„Lorelai!" Logans Mutter weigerte sich mich Rory zu nennen. Es war mir auch lieber so. Sie stürmte auf das Baby zu. „Entzückend und Logan wie aus dem Gesicht geschnitten. Diese Haare!" Sie strich bewundernd über Carols blonden Flaum.
Mum hatte diese Frau niemals leiden können. Doch nun gab es etwas, das sie verband. Sie wollte ihr eine Chance geben. „Ein wirklich schönes Mädchen."
Beatrice, Logans Mutter blickte mich überrascht an. „Ich dachte, es wäre ein Junge…"
Mum atmete tief durch und biss sich auf die Unterlippe. „Wie wirst du sie nennen?"
Ich wollte gerade antworten, aber Beatrice kam mir zu vor. „Carol. Nach meiner Schwiegermutter. Eine ehrenwerte Frau. Das Mädchen ist eindeutig eine Huntzberger und soll unserer Familie Ehre bereiten."
Mum blickte mich erwartungsvoll an.
Wir waren uns wieder näher gekommen. Diese letzten Stunden hatten wir uns nahe gefühlt. Und ich zerstörte es, wieder einmal.
Aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund war es Beatrice, die ich zufrieden stellen wollte, damit sie mich endlich akzeptierte.
Ich nickte.
Mums Miene änderte sich schlagartig. „Ich muss dann wieder los. Michelle braucht mich. Wir sehen uns am Samstag…"
Ich warf Beatrice einen flehenden Blick zu. Sie sollte es mich erklären lassen, nur dieses eine Mal.
Logans Mutter dachte jedoch nicht daran. Schließlich hätte sie mir so etwas Gutes getan.
„Am Samstag feiern wir eine große Grillparty anlässlich der Geburt von Logans Tochter. Sie sind natürlich herzlich eingeladen, Lorelai."
Ich hatte noch nie jemanden ‚herzlich' auf so eine vollkommen herablassende und unfreundliche Art sagen hören.
Das Gefühl, dass dieser Satz gleichsam für mich als auch Mum gelten konnte, ließ mich nicht los.
„Danke, vielmals. Ich möchte keinerlei Umstände machen." Mum schenkte Beatrice ein süßliches Lächeln.
„Na dann, vielleicht das nächste Mal."
„Möglicherweise." Sie verließ den Raum.
Ich wäre ihr am liebsten gefolgt.

--------- Flashback Ende --------

Carol konnte nichts für ihren Vater, dessen Eltern und schon gar nichts für die Hochzeit. Trotzdem war sie es, die meine Wut auf mich selbst öfters zu spüren bekam. Ich wollte es nicht, wirklich nicht. Aber da war etwas in mir, das es trotzdem tat. Carol hatte mich immer daran erinnert, dass ich eine Huntzberger geworden war.

Mum strich mir sanft über die Hand. „Sie ist eine Gilmore. Wie wir. Einem Kind darf niemals die Schuld an den Fehlern der Eltern gegeben werden." Sie blickte mich traurig an.

Meinem Herzen versetzte es einen Stich. „Ich weiß." Mum hatte immer ein sehr gutes Verhältnis zu Carol gehabt. Ich bezweifelte, dass ihr Kontakt nach jemals unterbrochen worden war.

Die traurige Wahrheit war, dass ich meine Tochter nicht kannte. Es war ihre Cousine Sheila gewesen, die Tochter Logans Schwester, welche mir nachdem Carol ausgewandert war, etwas über ihr Leben erzählt hatte. Sie waren im Briefkontakt geblieben.

Ich hatte meine Tochter an jenem späten Nachmittag verloren, an dem sie mir gesagt hatte, dass sie mich hasste.
Es war nicht das Ende unseres Kontaktes gewesen, aber dieser war noch deutlicher abgekühlt.

Sie war dabei meine Fehler zu wiederholen, da war ich mir sicher. Es sollten Jahre vergehen bis ich verstehen würde, was wirklich passiert war.

--------- Flashback --------

Achtzehn Monate nachdem sie für immer nach Puerto Rico gegangen war, rief sie mich an. Ich saß in der Küche und las, als das Telefon klingelte.
„Huntzberger."
„Mum?"
„Carol…" Ich war überrascht ihre Stimme zu hören.
„Wie geht es dir?" Im Hintergrund hörte ich fröhliches Gelächter.
Nun, deine kleine Schwester schläft endlich, Matt sieht fern und Logan schläft gerade mit seiner Arbeitskollegin… „Bestens." Es war ein normaler Tag, besser als die meisten.
„Das ist gut…Mum…"
„Ja?" Ich seufzte. Ein unruhiges Gefühl machte sich in meiner Magengegend breit.
„Ich werde heiraten."
Ich hörte an ihrer Stimme, dass sie lächelte. Was erwartete sie nun von mir? Sollte ich einen Freudentanz beginnen?
„So."
„Am fünfzehnten Mai. Ich hoffe, ihr kommt." Es klang unsicher.
Ich stand auf und besah unseren Wandkalender. Der rote Stift schien mir passend. „Natürlich. Kannst du uns ein günstiges Hotel empfehlen?"

Logan würde sich bestimmt aufregen, dass ich dies übernahm, aber das war mir im Moment egal. Sollte er seine ihm intellektuell gleichgestellte – traurigerweise ein wörtliches Zitat – Thailänderin doch seltener besuchen, dann könne er öfter für seine Familie da sein. Logan wusste noch nichts über meine Kenntnisse bezüglich seiner Affären.

„Mama hat ein wunderschönes Zimmer für euch…"
Mama…Ich glaube seit Carol dies gesagt hatte, hasste ich Susanna.

--------- Flashback Ende ---------

„Er hat dich betrogen?" Mums Blick war eine Mischung aus Mitleid und Überraschung.
„Mehrmals." Ich wich ihrem Blick aus.
„Warum hast du dich nicht scheiden gelassen?"
„Das habe ich. Aber erst relativ spät. Ich verdiente nicht viel. Wir hatten zwei Kinder zuhause…"
Mum sah mich traurig an. „Du warst alleine…"
Tränen rannen über meine Wangen. Ich nickte. Trotz ihrer Krankheit und all dem was zwischen uns vorgefallen war, kannte sie mich besser als jeder andere.
Sie spürte, dass ich nicht darüber reden wollte und glaubte ein komplett anderes Thema anzuschneiden. „Erzähl mir von Carols Hochzeit."

--------- Flashback ---------

Die Musik war laut. Carol war eine wunderschöne Braut. Ihre langen blonden Haare fielen ihr bis auf die Hüften. Ein prächtiger, rosefarbener Schleier zierte ihren Kopf.
Nach der traditionellen, puerto –rikanischen Tradition natürlich, Eheschließung gab es ein ausgewogenes Festmahl.

Ich fühlte mich fehl am Platz. Susanna setzte Logan und mich auf eine Seite der riesigen Tafel, inmitten von lauter wildfremden Personen, die kaum ein Wort Englisch verstanden. Die Kinder saßen an einem eigenen Tisch und versuchten sich mit Ramons unzähligen Neffen und Nichten über eine erfundene Zeichensprache zu verständigen, was auch zu klappen schien. Wenigstens Matt und Jenny hatten Spaß.

Ramon führte meine Tochter zu der Mitte des Tisches. Susanna umarmte sie. „Ich möchte dich nochmals herzlich willkommen in unserer Familie heißen."
Carol strahlte.
Meine Wut auf diese Frau stieg. Sie hatte mir meine Tochter endgültig entrissen.

Während Logan der vollbusigen Frau gegenüber, einer jüngere Schwester Susannas, in den Ausschnitt starrte und vorgab ihren langweiligen Geschichten über ihr Reisebüro zu lauschen, versuchte ich eine Unerhaltung zweier sehr betagten Frauen zu folgen. Sie redeten laut und schnell.

„Hast du Fernando gesagt, dass er den Stall gut verschließen muss?" Die alte Dame runzelte misstrauisch die Stirn.
„Ich denke, schon."
„Was heißt, du denkst schon? Das ist lebenswichtig, Juanita!"
Juanita seufzte. „Ich denke selbst den Cuppacabras wird es heute zu heiß sein."
„Höre auf dich über mich lustig zu machen!"
Ich rollte mit den Augen. Juanita warf mir einen belustigten Blick zu. „Sie behauptet in ihrer Kindheit, vor zweihundert Jahren, einen gesehen zu haben." Sie zwinkerte.
„Das entspricht der Wahrheit. Ich war noch keine sechs. Wollen Sie die Geschichte hören, Lorelia?"
„Lorelai." Verbesserte ich. „Nein, danke. Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss kurz auf die Toilette."
„Natürlich." Juanita nickte lächelnd. Ihre Sitznachbarin, deren Namen ich bis heute nicht erfahren habe, schüttelte empört den Kopf.

Ich hatte die große Wiese zur Hälfte überquert, als ich plötzlich beinahe mit Jose, Susannas Cousin zweiten Grades, zusammenstieß.
„Entschuldige. Ich war in Eile."
„Kann ich dir helfen?"
„Ich muss nur zurück zum Haus um auf die Toilette zu gehen. Danke, trotzdem." Ich versuchte zu lächeln.
Jose war ein sehr gutaussehender Mann, nur wenige Jahre älter als ich. Doch es gab etwas an ihm, dass mich irritierte, misstrauisch machte.
„Kommst du zurecht?" Er sah mich fragend an. Die Art, wie er mich ansah, gefiel mir nicht.
„Natürlich. Danke."

Ich blieb lange in Susannas großem Badezimmer. Sie hatte sehr viele Kästen mit unglaublich vielen Utensilien. Ich konnte keine spezielle Ordnung entdecken.
In diese Familie hatte meine Tochter also eingeheiratet. Ich seufzte. Es würde nur wenige Stunden dauern, bis Logan und Maria in einem der Gästezimmer verschwinden würden.
So war es schon immer gewesen. Susannas jüngere Schwester würde die letzte sein, mit der er mich betrog.

Nach einer halben Stunde beschloss ich zurück zu gehen. Juanita würde sich sonst Sorgen machen. Außer ihr und ihrer Sitznachbarin hatte niemand mein Verschwinden bemerkt, da war ich sicher.
Langsam verließ ich das Badezimmer und ging einen Umweg durch das Wohnzimmer.

„Na, möchtest du auch noch nicht zurück?" vernahm ich plötzlich eine Stimme von der Couch. Ich drehte mich langsam um. Jose grinste.
„Hast du auf mich gewartet?"
„Wolltest du denn, dass ich auf dich warte?"
„Nein."
„Setz dich."
Ich zögerte.

--------- Flashback Ende ---------

„Carol war bestimmt eine sehr schöne Braut." Mum lächelte.
Ich hatte ihr lediglich von der Zeremonie und der ersten Hälfte der Feier danach erzählt.
„Ja, das war sie."
„Hast du ein Foto?"
„Nicht hier." Ich schämte mich. „Aber Luke hat bestimmt eines. Ich werde ihn fragen."
Mum nickte lächelnd, plötzlich veränderte sich ihre Miene. „Rory, ist damals auf der Hochzeitsfeier etwas passiert?"
Mir rannte es eiskalt den Rücken hinunter. „Wie kommst du darauf?" Meine Stimme überschlug sich.
„Dein Gesicht hat sich plötzlich verändert. Als hättest du nicht alles erzählt."
„Susanna war Carol immer mehr eine Mutter gewesen, als ich es jemals sein könnte." Ich seufzte.
Mum drückte meine Hand.

Das war nicht alles. Ich wusste, dass es Mum wusste. Aber sie akzeptiere, dass ich nicht darüber sprechen konnte.
Ich hatte niemanden jemals erzählt, was damals in Susannas Wohnzimmer passiert war.