17. Teil

--------- Flashback ---------

Der Regen prasselte sanft gegen die Fensterscheibe. Die Straße war beinahe menschenleer. Lediglich ein junges Pärchen spazierte mit einem auffällig bunten Regenschirm Richtung Diner.

Meine Mutter strich sich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr, während sie an meinem Schreibtisch sitzend meine Reportage für den Franklin las.
Ich beobachtete sie teils ungeduldig, teils nervös.
Schließlich wandte sie sich mir zu.

„Was sagst du?" Fragte ich unsicher. Mein Traum war es Journalismus zu studieren. Doch war ich überhaupt geeignet dazu?

Bevor Mum noch antworten konnte, meinte ich: „Es ist furchtbar, nicht wahr?"

Mum lächelte. „Es ist gut, Rory. Richtig gut."

„Wirklich?" Ich blickte sie fragend an.

Sie erhob sich und umarmte mich. „Du schreibst wunderbar."

„Danke." Ich lächelte glücklich.

„Ich hab dich lieb, mein Schatz."

„Ich dich auch, Mum."

--------- Flashback Ende ---------

„Sie ist immer für mich da gewesen…" Flüsterte ich.

„Lorelai ist eine wundervolle Frau." Luke strich mir sanft über den Rücken.

--------- Flashback---------

„Danke für den Kirschkuchen, Mum." Ich blickte lächelnd auf die große Schachtel, welche sie mir vorbereitet hatte.

Mum wiegte Carol in ihren Armen. „Was bist du nur für ein süßer Spatz! Na wie hat es dir bei deiner verrückten Großmutter gefallen? Sie hat heute mit mir gesprochen, Rory." Erzählte sie vergnügt.

Danielle hatte mittwochs ihren freien Tag, also passte Mum auf Carol auf während ich arbeitete beziehungsweise Vorlesungen besuchte. Ich durfte für eine kleine Zeitung in Hartford schreiben, obwohl ich mein Studium noch nicht beendet hatte.

„Das ist toll."

„Nein, sie hat wirklich gesprochen! Sie hat ‚Grandma' gesagt. Ganz deutlich. Carol, wer bin ich?"

Carol gab einen jauchzenden Ton von sich.

Ich lächelte.

Mum blickte ihre Enkelin gespielt streng an. „Das machst du jetzt nur, damit ich vor deiner Mummy wie eine Lügnerin da stehe."

„Mum, ich unterbreche eure Unterhaltung nur sehr ungern, aber wir müssen fahren. Beatrice erwartet uns um sechs Uhr."

Mums gute Laune verflog mit einem Mal. „Du lässt dich also lieber von diesem Drachen beleidigen, als Zeit mit deiner Mutter zu verbringen?"

„Mum! Sie hat uns eingeladen…"

„Spätzchen willst du noch bei deiner Grandma Lorelai bleiben oder zu der bösen Beatrice?"

„Mum!" Ich rollte mit den Augen. „Beatrice ist auch ihre Grandma."

„Unterhält sich Carol auch mit ihr?"

„Sie ist ein Baby, Mum…"

„Schon gut." Widerwillig legte sie Carol in das kleine Tragekörbchen.

„Wann kommt ihr denn wieder einmal zu einem Videoabend?"

Ich seufzte. „In nächster Zeit ist viel zu erledigen. Aber bald, versprochen."

Mum blickte auf ihre Zehenspitzen und nickte leicht. „Sag mal, verbietet dir der Drachen Zeit mit mir zu verbringen?"

„Mach dich nicht lächerlich. Wir müssen jetzt gehen. Beatrice regt sich sonst wieder auf, wenn wir zu spät kommen."

--------- Flashback Ende ---------

Das Knarren einer Tür schreckte mich aus meinen Gedanken. Langsam hob ich den Kopf.

Carol blickte Luke und mich besorgt an. Wir erhoben uns schnell.

„Was ist passiert?"

Ich blickte zu Luke, dieser antwortete: „Lorelai… es geht ihr heute nicht sehr gut…" Er unterdrückte die Tränen.

Carol seufzte traurig. „Kann ich irgendetwas tun?"

„Was willst du denn bitte schön tun?" fuhr ich sie an.

Carol blickte auf ihre Zehenspitzen. „Entschuldige."

„Nein, mir tut es leid. Ich habe wohl zu heftig reagiert. Ich bin so fertig wegen Mum…"

Sie nickte. „Das verstehe ich. Ich könnte uns einen heißen Kaffee machen. Und dir einen Tee, Luke."

Ich lächelte leicht. „Danke."

-------- Flashback ---------

„Deine Tochter benimmt sich unmöglich. Ein Debütantinnenball ist etwas sehr Bedeutendes für eine junge Frau. Warum weigert sie sich nur so hinzugehen?" Beatrice stellte ihre Tasse Tee so ruckartig ab, dass sie überschwappte.

Ich seufzte. Sogar Grandma verstand es. Beatrice natürlich nicht. Ich musste mir schon seit drei Stunden Vorwürfe anhören. Seit Beatrice in unserer Nähe wohnte, war es schlimmer als jemals zuvor.

„Warum ist es dir so wichtig, dass Carol diesen Ball besucht?"

Beatrice starrte mich empört an. „Was denkst du werden die Leute sagen, wenn eine Huntzberger nicht den Ball besucht?"

„Den Leuten ist es egal!"

„Was verstehst du schon von unserer Welt?" Sie musterte mich verächtlich.

„Beatrice…" Begann ich zögernd.

„Was bist du nur für eine Mutter, dass du das zulässt?"

Mir lag etwas auf der Zunge, ich schaffte es jedoch nicht die Worte auszusprechen. „Ich werde mit ihr sprechen." Gab ich schließlich nach.

Carol zappte gelangweilt durch das Fernsehprogramm, als ich das Wohnzimmer betrat. „Wie war es?"

„Ich musste mir eine stundenlange Predigt anhören! Kannst du nicht einfach ein einziges Mal so einen Ball besuchen?"

„Mum! Versteh mich doch endlich! Das verstößt gegen meine Prinzipien!"

„Was sind deine Prinzipien? Nicht so zu werden wie ich? Wir dürfen dich nicht mehr so lange Urlaub bei meiner Mutter machen lassen!"

Carol warf die Fernbedienung auf das andere Ende der Couch und lief in ihr Zimmer. Ich hörte wie die Tür krachend ins Schloss fiel.

„Komm sofort wieder herunter!"

--------- Flashback Ende ---------

Carol reichte mir die heiße Tasse Kaffe und setzte sich zu Luke und mir an den kleinen Tisch in der Küche.

„Wo ist denn Carmen?" Erkundigte ich mich.

„Sie ist mit Ramon zum Flughafen gefahren. Jennys Flugzeug müsste in einer halben Stunde landen."

„Ich hätte sie doch abholen können. Schließlich bin ich schon öfters mit Lukes Auto gefahren."

„Es war mir lieber, dass Ramon fährt." Erklärte Luke kurz. „Seid mir nicht böse. Das war ein schlimmer Tag, ich werde jetzt schlafen gehen."

Ich nickte und umarmte ihn kurz.

Nachdem er die Küche verlassen hatte, fragte Carol leise: „Sollten wir ihn wirklich alleine lassen?"

„Er braucht jetzt etwas Ruhe. Soweit er überhaupt Ruhe finden kann."

„Ich habe Angst, Mum." Flüsterte sie. Ihre Augen tränten.

„Ich auch." Ich nahm ihre Hand. „Wir müssen stark sein."

„Ich weiß nicht, ob ich das noch länger schaffe…" Sie blickte auf ihre Tasse Kaffee.

Ich beobachtete sie schweigend. Carol hatte viel durchgemacht. Logan und ich waren ihr nie gute Eltern gewesen. Beatrice hatte es Carol immer spüren lassen, dass sie der Grund für Logans größten Fehler – die Hochzeit mit mir – gewesen war. Mum und Luke hatten all meine Kinder vergöttert, aber Logan hatte es nicht zugelassen, dass sie sich oft sahen. Carols Onkel, mit dem sie in ihrer Kindheit viel Zeit verbracht hatte, hatte vor wenigen Jahren Selbstmord begangen. Sheila und Carol, die ehemals beste Freundinnen gewesen waren, hatten sich nachdem Carol ausgewandert war, immer mehr auseinander gelebt. Carol hatte ihre beiden geliebten Urgroßeltern im selben Jahr verloren.
Mum war immer für sie da gewesen. Ich wusste, dass sie oft telefoniert und regelmäßigen E-Mail Kontakt gepflegt hatten. Wie würde Carol es verkraften, wenn ihre Grandma sterben sollte? Würde sie es verkraften?

Ich drückte sanft ihre Hand. So sehr ich es wollte, ich konnte sie nicht trösten. Es gab nichts Tröstendes.

„Du schaffst das. Du bist stark." Sagte ich schließlich.

Carol nickte leicht. „Ich muss in letzter Zeit oft an Carmen denken, wie ich sie verloren habe. Sie war meine beste Freundin."

„Erzähl mir von Carmen. Sie muss ein wundervoller Mensch gewesen sein. Schließlich hast du meine süße Enkeltochter nach ihr benannt." Ich streichelte über ihren Handrücken.

„Sie war die Beste." Carol atmete tief durch.

--------- Flashback Carol---------

„Hey, was machst du da?" Carmen stemmte ihre Hände in die Hüften und blickte Carol entsetzt an.

Carol sah von ihrem Buch hoch. „Man nennt es lernen."

„Carol, wir haben Wochenende!"

„Carmen, wir haben Ende nächste Woche Prüfung!"

Carmen hielt sich die Ohren zu. „Ich höre nichts. Hast du eben etwas gesagt?"

„Lass das. Du kannst auch ohne mich in diesen Club gehen."

„Nein, das kann ich nicht. Sonst fragen wieder alle Typen nach meiner wunderschönen blonden Freundin. Das nervt allmählich! Ich überlege mir die Haare zu blondieren."

„Das ist nicht dein Ernst?"

„Nein, aber jetzt komm! Bitte!" Carmen blickte sie verzweifelt an. „Wir dürfen nur einmal jung und dumm sein! Dann lass uns auch bitte jung und dumm sein!"

„Dann gehe und sei jung und dumm. Ich werde mir nachher von Miguel einen Joint drehen lassen, versprochen." Carol grinste.

„Du wirst jetzt auf der Stelle deinen süßen Po heben und dich umziehen!"

Carol seufzte und schlug das Buch zu. „Zwei Stunden."

„Drei."

„Zwei."

„Vier!"

Carol zog sich ihre Jacke an. „Also, los."

Carmen schüttelte entsetzt den Kopf. „Wir sind nicht in den Staaten. Ziehe die Jacke aus. Es ist heiß. Und zieh dir etwas Anständiges an!"

„Was verstehst du unter anständig?"

„Ich borge dir mein rotes Kleid."

„Wie anständig. Warum sollte ich eigentlich überhaupt etwas anziehen?"

„Endlich hast du es verstanden." Carmen grinste.

--------- Flashback Carol Ende ---------

„Wir teilten uns ein Zimmer und hatten uns eigentlich sofort angefreundet. Sie studierte eigentlich Wirtschaft, machte aber auch ein paar Literaturseminare. Carmen zeigte mir, dass das Leben auch lebenswert sein kann." Carol senkte den Kopf. „Sie war immer für mich da."

--------- Flashback Carol---------

Carol saß in ihrem Stammcafe und nippte an einer Tasse Kaffee.

„Hey!"

Sie sah hoch.

Carmen setzte sich ihr gegenüber. „Entschuldige meine Verspätung. Ich hatte eine kleine Diskussion mit dem Autohändler."

„Schon okay." Carol versuchte zu lächeln.

„Was ist los mit dir?" Ihre Freundin blickte sie besorgt an.

„Nichts. Ich bin nur müde." Carol wollte sie nicht schon wieder mit ihren Problemen belästigen. Carmen hatte genügend eigene Sorgen.

„Du bist eine schlechte Lügnerin, Carol."

Sie seufzte. „Mum und ich haben wieder einmal gestritten. Ich wollte eigentlich Matt anrufen, natürlich hob sie ab und machte mir nach zwei Höflichkeitsfragen wieder Vorwürfe. Sie verkraftet es nicht, dass ich nicht nach Harvard gegangen bin."

„Ich verstehe sie nicht. Du bist nur ein Jahr hier. Du kannst doch immer noch nach Harvard. Okay, sie werden dich nicht mehr mit offenen Armen empfangen, aber du überzeugst das Harvard - Komitee schon, dass sie dich brauchen!"

Carol zuckte mit den Schultern. „Mum sucht immer nach einem Grund mir Vorwürfe zu machen."

Carmen strich ihr sanft über den Arm. „Die Familie kann man sich leider nicht aussuchen. Die Freunde schon. Ich werde dich so vermissen. Wir haben nur noch fünf Monate!"

Carol senkte traurig den Kopf. „Ich werde euch alle vermissen. Ihr seid mir eine Familie geworden." Sie lächelte bei dem Gedanken an ihre Clique.

„Du wirst uns aber besuchen."

„Natürlich. Und jeden Tag schreiben."

Carmen umarmte sie. „Weißt du was? Wir machen uns heute einen Frauenabend! Ich werde die andren zusammentrommeln…"

Carol seufzte. „Es tut mir leid…ich habe ein Date…"

Carmen blickte sie entsetzt an. „Sag mir bitte, dass es Enrique oder dieser Typ aus Frankreich – Pierre? – ist. Oder meinetwegen Miguel…"

Carol blickte auf ihre Kaffeetasse und schüttelte den Kopf.

„Nein! Nein. Carol, warum tust du das?"

„Es ist die Art wie er mich ansieht. Die Art wie er mit mir redet…"

Carmen rollte mit den Augen. „Ramon ist verlobt! Hallo! Verlobt! Yolanda trägt einen Ring von ihm!"

„Er hat sich von ihr getrennt…"

Carmen lachte auf. „Natürlich."

„Du bist gemein. Nur weil ihr vor zwei Jahren etwas miteinander hattet, meinst du ihn zu kennen!"

„Ich dachte, du hättest aus deiner Vergangenheit gelernt. Er ist um keinen Deut besser als die anderen!"

Carols Augen begannen zu tränen.

„Oh, mein Gott. Was habe ich gesagt? Es tut mir so leid!" Carmen umarmte sie. „Entschuldige. Ich will doch nur nicht, dass dir wieder wehgetan wird! Du hast schon genug durchgemacht."

„Das wird nicht passieren. Gib ihm doch wenigstens eine Chance."

Carmen strich ihr sanft über den Rücken. „Okay. Aber wenn du auch nur eine einzige Träne wegen ihm vergießen musst, werde ich ihn umbringen."

--------- Flashback Carol Ende ---------

Carol strich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr. Sie nahm einen großen Schluck Kaffee, bevor sie weiter sprach.

--------- Flashback Carol ---------

Carol ging aus dem Badezimmer, in welchem sie telefoniert hatte. Carmen, Nelly und Chantal saßen auf der kleinen Couch im Aufenthaltsraum des Studentenwohnheimes und unterhielten sich über die Party des Vortages.

Carol strich sich die Tränen von der Wange bevor sie ihren Freundinnen gegenüber trat.
„Ich…ich kann heute nicht mitgehen… es tut mir leid…"

Carmen blickte sie besorgt an. „Was ist passiert? Hat sie dich schon wieder fertig gemacht?"

Carol schüttelte den Kopf. „Ich möchte jetzt nicht reden. Wir sehen uns später." Sie ging zurück in ihr Zimmer.

Sie konnte nicht fassen, was sie eben gehört hatte. Carol sank auf ihr Bett und weinte.

Plötzlich wurde die Tür leise geöffnet. Carol spürte eine weiche Hand auf ihrer Schulter.

„Carol. Was ist passiert?" Carmen setzte sich zu ihr. „Du weißt, ich akzeptiere es, wenn jemand nicht reden möchte. Aber so wie es aussieht, solltest du dringend mit jemanden sprechen!"

„Sie ist gestorben." Presste Carol unter ihrem Tränenfluss hervor. „Einfach gegangen. Ganz plötzlich."

„Wer?"

„Meine Urgroßmutter!" Carol richtete sich ein wenig auf. „Wir haben erst letzte Woche telefoniert und über das Wetter gesprochen. Wir werden nie wieder über das Wetter sprechen können! Nie wieder! Sie ist gegangen, einfach gegangen!"

Carmen nahm sie in die Arme. „Das tut mir so leid!"

„Sie wollte, dass ich sie bald besuchen komme. Ich sagte ihr, dass es erst in drei Wochen ginge."

„Du konntest es doch nicht wissen."

„Zuerst mein Urgroßvater, dann auch noch sie."

--------- Flashback Carol Ende --------

„Sie war die einzige, die keine dummen Sätze sagte, die mich trösten sollten. Sie hat einfach nur zugehört und war für mich da." Carol strich sich eine Träne von der Wange. „Meine Urgroßeltern waren wundervolle Menschen."
Meine Augen tränten. „Ja, das waren sie."

„Ich habe lange gebraucht um damit klar zu kommen. Carmen und Ramon haben mir dabei geholfen. Und Susanna."

Tränen rannen über meine Wangen. Ich hätte für meine Tochter da sein müssen. Stattdessen war es zu unserem wohl heftigsten Streit gekommen.

--------- Flashback Carol ---------

Carol atmete tief durch und klopfte an die alte Tür.

„Wer ist da?" Ertönte eine genervte Stimme.

Obwohl ihr eigentlich nicht danach zumute war, musste Carol schmunzeln. „Du musst es noch eine Weile mit mir aushalten!"

Die Tür wurde aufgerissen. Carmen starrte sie an. „Nein. Das kann nicht sein." Sie strahlte. „Du bist zurück!" Carmen umarmte sie so stürmisch, dass Carol beide Koffer aus den Händen rutschten.

„Was soll der Krach?" Ertönte es aus dem Nebenzimmer.

„Carol ist zurück!" Rief Carmen so laut, dass man es mindestens bis zum Zentrum der Stadt gehört haben musste.

„Hi Carmen." Carol lächelte.

„Das nächste Mal, sag mir Bescheid!"

„Ich wollte keine Überraschungsparty mit sechzig Gästen, von denen ich nur zwanzig kenne…"

„Spielverderberin. Jetzt komm erst mal herein. Weiß es Ramon schon?"

„Ja."

„Ihm erzählst du es und mir nicht?" Carmen blickte sie gespielt beleidigt an.

„Nun, da ich bei ihm einziehe…"

„Oh…"

„Wie ist denn deine neue Mitbewohnerin?" Erkundigte sich Carol, während sie ihre Koffer abstellte und sich auf einen der drei Stühle bei dem kleinen Tisch setzte.

„Tja…lassen wir das." Carmen winkte ab. „Also, was hat dich so schnell zurück gebracht?"

„Soll ich wieder gehen?"

„Ich wusste, dass du zurückkommst. Chantal wusste es. Ramon wusste es. Fernando wusste es."

„Der Zeitungsverkäufer?"

„Unwichtig. Wie geht es dir?"

„Tja, bis auf den Streit mit Mum, ist alles halbwegs in Ordnung."

„Sag bloß sie hat dir sogar auf der Beerdigung irgendwelche Vorwürfe gemacht?"

„Nein. Ich weiß gar nicht mehr, wer von uns beiden begonnen hat. Es war drei Wochen danach. Ich hatte meine Entscheidung getroffen auszuwandern, wollte mit ihr darüber sprechen und da hat es dann irgendwie begonnen. Ein Wort jagte das andere, du weißt schon..."

„Ihr seid im bösen auseinander gegangen?"

„Nicht zum ersten Mal."

„Carol! Ruf sie an. Sie ist deine Mutter!"

„Was soll das? Ich dachte du wärst auf meiner Seite."

„Genau deshalb sage ich es ja!"

--------- Flashback Carol Ende ---------

Carol wich meinem Blick aus.

Ich konnte mich noch genau an das Telefongespräch erinnern.

-------- Flashback --------

Logan war wieder einmal in der Nacht nicht nachhause gekommen.

„Wo ist Daddy?" Fragte die kleine Jenny am Frühstückstisch.

„Arbeiten." Sagte Matt verächtlich, wofür er von mir einen strafenden Blick erntete. Er war erst zehn Jahre alt, wusste jedoch anscheinend ganz genau was sein Vater trieb. Ich hatte meinen Kindern nie erzählt, dass Logan mich betrogen hatte. Sie sollten eine gute Meinung von ihrem Vater haben. Matt und Logan hatten sich jedoch niemals gut verstanden. Es war, als wüssten sie, dass sie nicht verwandt waren.

Plötzlich klingelte das Telefon. Ich reagierte nicht, sondern aß weiter.

„Mummy…Telefon."

Ich seufzte. „Hebst du bitte ab, Matt?"

„Darf ich?" Jenny hatte sich schon sehr früh für das Telefonieren interessiert. Später sollte dies an ihren Telefonrechnungen deutlich sichtbar werden.

„Nein, aber das nächste Mal." Versprach ich.

Matt, der telefonieren übrigens hasste, kam kurz darauf aufgeregt zurück. „Carol hat angerufen…es wäre wichtig…"

„Carol!" Jenny jauchzte begeistert.

Ich erhob mich seufzend. Warum rief sie an? Ich wollte nicht mit ihr reden. Zu sehr hatten mich ihre Worte verletzt.

„Ja?"
„Mum, hi."
„Was willst du?"
„Ich bin gut angekommen in San Juan."
„Schön für dich. Wir sind gerade beim Frühstücken…"
„Mum! Es…es tut mir leid, was ich gesagt habe. Uromas Tod, der Streit…ich war aufgeregt. Ich hasse dich doch nicht..."
Ich atmete tief durch. „Du solltest in deinem Alter bereits fähig sein dich zu kontrollieren."
„Mum, es tut mir wirklich leid! Bitte verzeihe mir!"
„Ich verzeihe dir, dass du das gesagt hast. Aber nicht, dass du einfach gegangen bist! Du zerstörst dein Leben!"
„Mum, es ist mein Leben…"

--------- Flashback Ende ---------

Ich hatte bei Carol genau das gemacht, was ich meiner Mutter immer vorgeworfen hatte. Ich glaubte zu wissen, was das Richtige für sie war. Dadurch habe ich sie immer weiter von mir entfernt.
Nun saß sie mir gegenüber. Rote Augen, tränennasse Wangen. Ich wollte sie umarmen, zumindest jetzt für sie da sein. Doch mein Körper war wie erstarrt. Ich war unfähig mich zu bewegen, selbst zu reden.

--------- Flashback Carol ---------

Carol und Carmen spazierten fröhlich durch die Einkaufsstraße.

„Du hättest dir dieses Kleid kaufen müssen." Meinte Carmen.

„Es war zu teuer. Ich muss sparen."

„Weshalb treffen wir uns dann zum Einkaufen?" Carmen blickte sie verwirrt an, plötzlich änderte sich ihre Miene. „Du willst mir irgendetwas sagen! Habe ich Recht?"

Carol lächelte und blieb vor einem Geschäft stehen. „Mein Leben wird sich grundlegend ändern."

„Wie denn? Du bist verheiratet, du hast dein Leben bereits verdorben." Carmen grinste.

Carol strahlte.

„Was ist mit dir? Ich dachte, du hättest es bei einem Joint belassen?"

Carol lachte. „Ich habe nichts geraucht."

„Was ist dann los?" Carmen blickte sie verwirrt an. Plötzlich besah sie die Auslage des Geschäftes genauer. „Babygewand…oh mein Gott…oh mein Gott! Du bist schwanger!" Sie umarmte ihre Freundin.

Carol lächelte. „Ich habe es heute Vormittag erfahren."

„Weiß es Ramon schon?"

„Nein, du bist die erste."

„Wow, ich freue mich so für dich!" Carmen strahlte.

„Ich hätte dich gerne als seine Patentante."

„Natürlich! Die Kleine wird goldig! Ich werde ihr von unserer wilden Uni – Zeit erzählen…"

„Das lasst du mal schön…" Carol lachte. „Er soll nur das Beste von seiner Mama denken."

„Du glaubst, es wird ein Junge?"

„Mütter spüren das." Meinte Carol.

„Es wird aber ein Mädchen." Erwiderte Carmen.

„Wenn du meinst…"

--------- Flashback Carol Ende --------

„Wir setzten uns in ein Cafe und redeten zwei Stunden…" Sie machte eine Pause. „dann erst bemerkten wir, wie spät es bereits war. Carmen hatte es sehr eilig und wollte eine Abkürzung nehmen. Sie durfte nicht schon wieder zu spät zur Arbeit kommen. In ihrer Euphorie aufgrund meiner Schwangerschaft hatte sie sorglos den Weg durch Seitengassen gewählt…"

Carol begann zu zittern. Ich griff nach ihrer Hand. „Was ist passiert?"

„Ich hatte ein romantisches Essen für Ramon vorbereitet. Als es an der Tür klingelte, glaubte ich, er hätte seinen Schlüssel vergessen. Es war jedoch Carmens Großvater, der gekommen war…"

-------- Flashback Carol --------

Sie wusste, was passiert war als sie in sein Gesicht sah. Seine Augen waren rot und geschwollen. Seine Lippen zitterten, als er es aussprach. „Sie wurde überfallen…" Er sprach nicht weiter. Das musste er nicht. Carol glaubte man hätte ihr den Boden unter den Füßen weggerissen. Sie begann zu frieren. „Nein, nein! Nein! Nicht Carmen. Nicht sie. Carmen ist vorsichtig. Ihr passiert so etwas nicht!" Carols Stimme überschlug sich.

Carmens Großvater konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten. „Es gibt keine Gerechtigkeit. Sie wollen nichts tun. Gar nichts. Sie ist nur eine von vielen."

„Das…das kann doch nicht sein. Sie müssen doch nach dem Mörder suchen." Tränen rannen über ihre blassen Wangen. Sie spürte diese nicht.

Er nahm sie schluchzend in die Arme. „Mein kleiner Engel, gestern spielten wir noch Karten..."

Carol presste ihren Kopf an seine Brust und schluchzte.

-------- Flashback Carol Ende ---------

Carol strich sich die Tränen von den Wangen. „Sie war ein Engel…"
Meine Augen tränten. „Es wurde niemals nach dem Mörder gesucht?"
„Doch. Ein Freund ihres Großvaters kannte jemanden bei der Polizei. Aber man hat ihren Mörder niemals gefunden. Das war das einzige Mal, dass ich kurz überlegte zurück nach Kalifornien zu gehen."

Ich stand auf und umarmte sie. Sie lehnte ihren Kopf an mich und begann erneut zu weinen. Ich strich ihr sanft über den Kopf. „Es tut mir so leid. Ich hätte für dich da sein müssen, immer."

Es war der erste Schritt. Unser Verhältnis würde sich nicht von heute auf morgen bessern können, aber es war ein Anfang. Der erste Schritt in die richtige Richtung. Die Gilmores würden wieder eine Familie werden. Daran glaubte ich.

18. Teil

--------- Flashback ---------

„Wo bleibt sie denn nun schon wieder? Ihre Launen werden immer unerträglicher." Logan nahm einen Schluck von seinem Wein und blickte mich vorwurfsvoll an. Natürlich war es erneut meine Schuld, dass sich unsere Tochter in ihr Zimmer eingeschlossen hatte. Logan verstand nicht, dass sie zurzeit sehr viele Veränderungen durchmachte.

Der kleine Matt saß auf seinem Kindersitz und spielte mit seinem Plastiklöffel.

„Den benutzt man um zu Essen! Das ist kein Spielzeug!" Fuhr Logan ihn an.

„Logan, er ist ein kleines Kind!"

„Willst du meine Autorität untergraben? Sieh besser nach Carol. Du hast ihr dreimal gerufen. Wenn sie nicht kommen will, essen wir ohne sie!"

Ich erhob mich seufzend und ging zum Stiegenaufgang. Die Lust mit Logan zu diskutieren war mir vor langem vergangen. Eine Argumentation mit diesem führte außerdem zu nichts.

Aus Carols Zimmer dröhnte laute Musik. Ich überlegte kurz anzuklopfen, aber das hätte sie wohl ohnehin nicht gehört.

Sie lag auf ihrem Bett und blätterte in einem dieser unnötigen Jugendmagazine, welche lediglich dazu dienten junge Menschen zu verdummen.

Ich ging zu der großen Musikanlage, ein Geschenk meiner Mutter zu Carols dreizehntem Geburtstag, und stellte die Musik ab.

Carol blickte hoch. „Hi, Mum." Sie widmete sich wieder einem Artikel über eine Band, welche in drei Jahren niemand mehr kennen würde.

„Interessanter Artikel?" Fragte ich schnippisch.

Sie sah mich irritiert an. „Nein. Sie schreiben über ein klassisches One – Hit – Wonder, als wäre es bereits eine Legende."

„Wie schön, dass du das erkennst. Hast du eigentlich gehört, dass ich dich bereits dreimal gerufen habe?"

„Nein. Die Musik war ziemlich laut." Erklärte Carol.

„Was du nicht sagst? Du bist fast vierzehn und willst als Erwachsene angesehen werden, benimmst dich jedoch keineswegs danach. Wasch dir die Hände und komm essen!"

„Ich habe keinen Hunger." Antwortete sie.

Ich setzte mich zu ihr. „Was ist nur los mit dir? Du benimmst dich seit Monaten so seltsam. Rede dich bloß nicht wieder auf die Pubertät aus!"

Sie wich meinem Blick aus. „Es ist nichts, rein gar nichts!"

„Wenn es damit zu tun hat, dass du nicht zu dieser Party gehen durftest..."

Carol rollte mit den Augen. „Damit hat es rein gar nichts zu tun!" Sie vergrub ihr Gesicht in das Kissen.

„Gut. Wenn du dich wieder normal benimmst, komm hinunter. Wir werden schon mal mit dem Essen beginnen."

Ich verließ ihr Zimmer, ohne mich auch nur noch ein einziges Mal umzudrehen. Nach weniger als einer Minute dröhnte bereits wieder laute Musik von der Tür.

Ich hätte damals schon spüren müssen, dass etwas nicht stimmte.

--------- Flashback Ende ---------

„Ich war eine schlechte Mutter." Flüsterte ich.

Carol ging nicht darauf ein, was meinem Herzen einen schmerzvollen Stich versetzte. Aber was hatte ich erwartet? Sollte sie mich belügen, damit es mir besser ginge? Würde es mir dann besser gehen?

Carol löste sich sanft von mir. „Ich glaube, ich habe eben die Tür gehört."

Plötzlich hörte ich Stimmen im Flur.

„Sie sind früh gekommen." Ich lächelte.

Carol wischte noch einmal über ihre Wangen. Ihre Schwester und ihre Tochter sollten nicht sehen, dass sie geweint hatte.

Ich ging zum Waschbecken und wusch mein Gesicht. Kaum hatte ich es mit einem Tuch abgetrocknet, stürmte meine Jüngste in die Küche.

„Mummy!" Jenny umarmte mich. Ihr Rucksack fiel mit Krach zu Boden.

„Mein kleiner Liebling! Wie war dein Flug?"

„Toll." Sie umarmte Carol. „Wie geht es dir?" Fragte sie ihre Schwester besorgt.

„Den Umständen entsprechend." Antwortete Carol ehrlich.

Jenny runzelte besorgt die Stirn. „Wie geht es ihr?"

„Heute ging es ihr schlechter als die letzten Tage. Sie schläft nun. Morgen gehen wir gleich in der Früh zu ihr."

Jenny nickte. Ihre Augen tränten.

Jenny war noch ein Kleinkind gewesen, als ich mit Mum den Kontakt abgebrochen hatte. Matt und Carol hatten sie aber manchmal mitgenommen, wenn sie Mum besuchten. Ansonsten hätte sie ihre Großmutter mütterlicherseits wohl niemals richtig kennen gelernt.

Carol ergriff Jennys Hand. „Es wird alles gut. Setz dich."

Jenny tat was ihr gesagt wurde.

„Mein Mann ist hoffentlich einmal nicht gerast?" Carol grinste.

„Da Carmen auch dabei war, hat er sich wirklich bemüht und ist nur kurz zu schnell gefahren." Erzählte Jenny lachend. „Meine Nichte ist ja so goldig! Ihr habt das gut hinbekommen mit ihr!"

„Ich weiß. Danke." Carol lächelte.

„Wo sind sie denn?" Erkundigte ich mich.

„Carmen sucht eine Geschichte, die sie mir vorlesen möchte und Ramon bespricht irgendetwas mit Grandpa. Sie haben das Haus vorhin verlassen." Erklärte Jenny.

„Luke ist wieder aufgestanden? Was besprechen sie denn?"

„Anscheinend. Kaum hatten wir das Haus betreten, war Grandpa herunter gekommen und hat Ramon gebeten mitzukommen."

„Weißt du auch worüber sie sprechen?"

„Nein, es interessiert mich auch nicht. Wahrscheinlich irgendein Männergesprächsthema. Grandpa konnte nicht schlafen, jetzt wollte er sich wahrscheinlich über etwas unterhalten, das ihn ablenkt. Keine Sorge, Mum. Wir sind in der Überzahl, sie werden sich also kaum gegen uns verschwören." Jenny lachte.

Carol schmunzelte.

„Wie geht's denn deinen Kleinen, Schwesterherz?" Jenny blickte zärtlich auf Carols Bauch.

„So wie sie strampeln, würde ich sagen: ausgesprochen gut."

„Es ist ein wundervolles Gefühl, wenn man spürt, dass ein Lebewesen in einem wächst. Die Geburten waren für mich jedes Mal wie ein Wunder. Als ich…" Ich brach abrupt ab.

Jenny hatte den Blick auf ihre Zehenspitzen gerichtet. Ihre Augen tränten. Carol drückte sanft ihre Hand.

„Was ist denn passiert?" Fragte ich meine Jüngste besorgt.

Jenny tauschte einen kurzen Blick mit Carol. Schließlich antwortete sie. „Entschuldige. Es belastet mich so sehr, dass es Grandma so schlecht geht."

Meine kleine Jenny. Sie war immer ein liebes und sehr vernünftiges Mädchen gewesen, welches stets alles richtig gemacht hatte. Zwischen uns gab es ein ganz besonderes Band. Und nun saß sie mir gegenüber, mit geröteten Augen. Ich konnte ihr nicht helfen. Jeder Trost wäre eine Lüge gewesen. Ich ging schließlich zu ihr und schloss sie in meine Arme. Das war das Einzige, das ich tun konnte.

„Wir müssen versuchen stark zu sein." Flüsterte Carol.

Seit einigen Jahren hatte ich das Gefühl, dass es zwischen meinen Töchtern ein Geheimnis gab. Auch an jenem Abend, als Jenny nach Stars Hollow gekommen war um ihre Grandma zu sehen, beschlich mich die Ahnung, dass sie noch andere Dinge bedrückten, von denen ich nichts wusste. Wir hatten immer über alles gesprochen. Was konnte also so schlimmes passiert sein, dass sie es ihrer eigenen Mutter nicht erzählen konnte?

--------- Flashback Jenny ---------

Jenny ging langsam den weißen Flur entlang. Je näher sie der Tür kam, desto mehr zweifelte sie daran das Richtige zu tun.

Was würde ihre geliebte Mutter denken? Was würde Carol denken oder Matt?

Keiner wusste, dass sie hier war. Die wenigsten Menschen wussten überhaupt, was in diesem Gebäude geschah.

Die kalte weiße Tür war nun unmittelbar vor ihr. Ihre Finger zitterten, als sie nach der Türschnalle griff. Sie glaubte ihre Beine würden nachgeben.

Die Frau war um die vierzig Jahre alt. Sie lächelte ihr aufmunternd zu, als Jenny den Raum betrat.

Das Zimmer war klein und mit vielen Bildern geschmückt. Es waren großteils Landschaften fotografiert worden, ein Bild zeigte jedoch eine Mutter mit ihrer jugendlichen Tochter. Sie umarmten sich. Jenny schluckte. Ihre Mutter durfte niemals erfahren, dass sie hier gewesen war.

„Setzen Sie sich." Die Frau machte eine einladende Geste.

Jenny fröstelte. Sie setzte sich auf den kleinen Stuhl und reichte ihrem Gegenüber die Hand. Nur ein breiter Arbeitstisch trennte sie.

„Guten Tag, mein Name ist Jenny…"

„Keine Namen." Unterbrach die Frau sie lächelnd. „Guten Tag. Sie sind eine Freundin Daphnes?"

Jenny nickte leicht.

„Wie alt sind Sie?"

„Sechzehn."

„Wir haben telefoniert, richtig?"

Jenny nickte wieder leicht.

Die Frau lächelte wieder. Sie faltete die Hände als würde sie beten wollen. Wie ein Engel. Ein Engel mit beschmutztem Heiligenschein.

Das war mehr als eine Ironie. Unter anderen Umständen hätte Jenny gelacht.

„Sind Sie sich ganz sicher bei Ihrer Entscheidung?"

Jenny zögerte. Das würde ihre Entscheidung nun endgültig machen. Aber hatte sie eine andere Wahl? Sie dachte an Andrew, ihre letzte Begegnung. Sie dachte an ihre geliebte Mutter, an ihre Geschwister.

„Ja." Antwortete sie so bestimmt wie möglich.

„Haben Sie mit Vertrauenspersonen gesprochen? Mit Experten?"

„Ja." Log Jenny.

Der dunkle Engel glaubte ihr, verlangte keinerlei Nachweise. Ein Zeichen der Unseriosität und Illegalität dieses Gebäudes.

Jenny blickte auf das Foto. Daphne mit ihrer Mutter. Sie vertraute ihrer Freundin. Daphne vertraute ihrer Mutter. Sie musste diese letzte Möglichkeit nutzen.

„Wann kann ich wieder kommen?" Fragte sie selbstbewusst.

Die Frau schlug einen großen Block auf. „Nächsten Montag. Ginge zehn Uhr bei Ihnen?"

„Danke." Mit diesen Worten besiegelte Jenny ihr Schicksal.

---------- Flashback Jenny Ende ---------

19. Teil

Es schienen Jahre vergangen zu sein, als uns das Knarren des alten Bodens aus unseren Gedanken schrecken ließ. Carmen betrat lächelnd die kleine Küche, einen dünnen Stoß Papier in der rechten Hand haltend. Ihre Augen wanderten erstaunt von einem zum anderen. „Alles in Ordnung?" Sie runzelte die Stirn.

Ich wischte mir über die Wangen. „Natürlich, mein Schätzchen."

Carol stand auf und umarmte ihre Tochter. „Du solltest bald schlafen gehen. Es ist spät. Grandpa möchte dich doch morgen mit nach Hartford nehmen. Du musst ausgeschlafen sein." Sie lächelte. Ihr Schmerz war ihr kaum anzusehen. Sie war stark für ihre Tochter.

Carmen wechselte einen Blick mit Jenny. „Darf ich Jenny zuerst noch meine Geschichte vorlesen? Sie ist schon ganz gespannt darauf."

„Natürlich. Möchtest du Kaffee?"

„Was denn sonst?" Carmen grinste fröhlich. Sie setzte sich zu uns und begann zu lesen.

„Du liest wundervoll." Lobte ich, nachdem sie geendet hatte. „Mir gefällt es, wie du alles betonst. Und die Geschichte ist wirklich schön." Lächelnd strich ich ihr durchs Haar.

„Danke." Carmen errötete leicht.

„Ich liebe diese Geschichte. Aber eines würde mich interessieren…" Jenny lächelte. „…was hat dich denn dazu inspiriert? Deine Themen waren meist andere."

Ihre Nichte nippte an ihrer Tasse Kaffee. „Mein Freund." Sie strahlte.

Ich verschluckte mich beinahe.

Jenny schien die Vorstellung, dass Carmen einen Freund hatte, allerdings zu gefallen. „Du hast einen Freund? Er sieht bestimmt gut aus." Sie grinste verschwörerisch.

„Er ist ein netter Junge." Meinte Carol.

„Er ist sehr süß." Carmen errötete. „Eddie geht in meine Klasse und ist der Beste im Sportunterricht."

„Ein Sportler? Das ist toll." Jenny lächelte. „Du musst ihn mir vorstellen, wenn ich euch das nächste Mal besuche."
„Wann kommst du denn wieder?" Carmen blickte ihre Tante fragend an.

„In den Semesterferien, wenn es deiner Mutter recht ist."

Carol lächelte. „Natürlich."

Meinem Herzen versetzte es einen Stich. Die drei hatten ein unglaublich herzliches Verhältnis.

„Bringst du Lizzie mit?" Bat Carmen. Sie mochte diese sehr.

„Das geht leider nicht." Jenny schüttelte den Kopf. „Sie ist noch ein dreiviertel Jahr in Paris."

„Wie gefällt es ihr denn?" erkundigte sich Carol.

„Sie vermisst uns alle. Aber es gefällt ihr sehr gut." Jenny strich sich lächelnd eine Haarsträhne hinter ihr Ohr.

„Möchtest du auch ein Auslandsjahr machen?"

Ich warf Carol einen kurzen Blick zu. Jenny hatte nie Interesse für fremde Länder gezeigt. Sehr zu meiner Beruhigung, wie ich zugeben musste. Ich wüsste nicht, was ich machen sollte, wäre Jenny so lange Zeit nicht hier. Sie studierte in Kalifornien. Diese Entfernung war schon viel zu groß für mich.

„Vielleicht." Antwortete Jenny.

„Du könntest bei uns studieren." Schlug meine Enkeltochter vor. „Vielleicht wäre dann Mama deine Lehrerin…"

„Das hätte mir gerade noch gefehlt…" Jenny grinste.

„Willst du mir damit irgendetwas sagen?" Carol blickte ihre Schwester gespielt streng an.

„Alejandro würde sich freuen." Meinte Carmen.

Jennys Miene änderte sich plötzlich. „Wie kommst du denn darauf?" Ihre Stimme zitterte ganz leicht.

„Er vermisst dich." Erklärte Carmen.

Jenny und Carol tauschten einen kurzen Blick. „Carmen, du darfst nicht alles glauben, was dein Onkel dir erzählt. Er phantasiert manchmal, musst du wissen."

„Aber er spricht ständig von dir."

„Schätzchen…ich glaube, das ist jetzt kein passendes Thema…" begann Carol.

„Ist schon okay." Jenny lächelte. Ihre Augen glänzten. Sie unterdrückte ihre Tränen.

Ich strich ihr sanft über den Handrücken. Es waren beinahe drei Jahre vergangen. Aber was er ihr angetan hatte, schmerzte sie immer noch.
„Habe ich etwas Falsches gesagt?" Carmen blickte ihre Mutter besorgt an.

„Nein, Kleines. Mach dir keine Sorgen." Sie strich ihr sanft über die Wange. „Aber du solltest nun schlafen gehen. Es ist sehr spät." Carol lächelte leicht.

Ihre Tochter nickte. Sie umarmte uns alle kurz, bevor sie den Raum verließ.

„Es tut mir leid, Jenny…" Carol blickte sie ernst an. „Sie weiß es nicht…"

Jenny nickte. „Es ist wirklich in Ordnung. Das mit Alejandro ist Jahrhunderte her." Sie lachte gequält."

Carol und ich tauschten einen kurzen Blick. Jenny hatte immer versucht die Starke zu sein. In ihrem Inneren war sie jedoch verletzlicher als wir alle.

Eine unangenehme Schweigepause erfüllte den kleinen Raum. Es war schließlich Jenny, die erneut das Wort ergriff. „Ihr werdet es nicht glauben! Beatrice hat mich angerufen!" Sie rollte mit den Augen.

Jenny hatte Beatrice nie ‚Grandma' genannt. Sie hatten nur wenig Kontakt gehabt und ihre Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. Das hatte schon mit meiner Schwangerschaft begonnen.

--------- Flashback --------

Kaum hatte ich den Hörer aufgelegt beschlich mich eine schlimme Vorahnung. Beatrice lud mich normalerweise nicht ohne Logan, Carol oder Matt zum Tee ein. Das Treffen musste einen bestimmten Grund haben. Diesmal konnte ich mir jedoch beim besten Willen nicht vorstellen, worüber sie sich beschweren wollte.

Das Hausmädchen führte mich in den großen Salon. Beatrice thronte wie eine Königin auf dem großen weinroten Lehnstuhl. Sie hatte ihre Haare, wie sehr oft, zu einem strengen Knoten gesteckt. Beatrice runzelte die Stirn und deutete mir ihr gegenüber Platz zu nehmen.

„Nun, Lorelai. Wie geht es dir?"

Mein Misstrauen verstärkte sich. Beatrice interessierte sich normalerweise nicht für mein Befinden.

„Danke, sehr gut. Und dir?" Erkundigte sich mich höflich.

Sie stellte ihre Teetasse schwungvoll ab. „Sparen wir uns die Floskeln. Logan erzählte mir gestern von deiner Schwangerschaft." Er rief seine Mutter täglich an.

Erwartete sie nun eine Antwort. Ich nickte. „Ja, ich bin schwanger."

„Ein drittes Kind wird deiner Figur enorm schaden." Meinte sie verächtlich.

Ich verschluckte meinen Tee und hustete.

Beatrice rollte genervt mit den Augen. „Hoffentlich erziehst du dein drittes Kind besser."

Ich ballte meine Hände unter dem Tisch zu Fäusten, verkniff mir jegliches Kommentar.

„Zwischen Logan und dir scheint es ja wieder sehr gut zu laufen." Meinte sie süßlich.

Ich seufzte. „Was möchtest du mir damit sagen, Beatrice?"

„Logan klagte mir die letzten Wochen eure Krisen und nun bist du schwanger."

Ich holte tief Luft. „Beatrice, wenn du irgendwelche falschen Anschuldigungen machen möchtest, sage es mir direkt."

Ihre Lippen zogen sich zu einem schmalen Strich. „Ich habe ihm zu einem Vaterschaftstest geraten…"

„Wie bitte?" Ich starrte sie an.

„Ich habe es ihm auch bei Matt geraten…" Sie machte eine kurze Pause um mein Gesicht zu untersuchen. Es gelang mir den Schrecken zu verbergen.
„…aber Logan ist davon überzeugt, dass dein Sohn meinem Großvater ähnelt. Aber dieses Kind…" Sie blickte verächtlich auf meinem Bauch. „…ich bin gespannt wem es ähneln wird…"

Ich erhob mich wütend. „Das muss ich mir nicht bieten lassen."

„Lorelai, nur ein freundlicher Hinweis: In unserer Familie sind Bastarde nicht gerne gesehen…"

„Ich bin von Logan schwanger!" Ich schrie beinahe.

Es war vor drei Wochen gewesen. Ich war auf einer Betriebsfeier Logans Firma gewesen. Er hatte mich wieder einmal bloß gestellt und ich hatte mich aus lauter Wut betrunken. Am nächsten Morgen war ich nackt neben ihm erwacht ohne mich an die Nacht erinnern zu können. Er hatte behauptet ebenfalls nichts mehr zu wissen. Ich weiß bis heute nicht, ob er gelogen und meine Situation ausgenutzt hatte.

Beatrice glaubte mir kein Wort. Sie faltete die Hände und blickte mich herausfordernd an. „Und wer ist Matts Vater?"

Ich hätte es ihr liebend gerne mitgeteilt. Sollte die fragliche Ehre der Huntzbergers doch beschmutzt werden. Doch um meines Sohnes Willen hielt ich mich zurück und biss mir auf die Unterlippe. „Ich war Logan stets treu. Vielleicht solltest du ihn einmal auf dieses Thema ansprechen."

Sie reagierte anders, als ich erwartet hatte. „Was hast du erwartet? Denkst du deine Launen wirken auf einen Mann anziehend?"

--------- Flashback Ende ---------

Ich blickte Jenny überrascht an. „Was wollte sie denn?"
Meine Tochter winkte ab. „Das übliche. Neugierige Fragen und Vorwürfe."

Carol schüttelte den Kopf. „Warum lässt sie uns nicht in Ruhe?"

„Ruft sie dich denn auch an?"

„Ja, aber nur jedes halbe Jahr. Sie will wahrscheinlich überprüfen ob ich mein Leben schon ruiniert habe. Und ich enttäusche sie jedes Mal wieder." Sie lachte.

Beatrice hatte sich nach der Scheidung noch ein paar Mal bei mir gemeldet. An unser letztes Gespräch, vor etwa zwei Jahren, konnte ich mich noch sehr gut erinnern.

--------- Flashback ---------

Beatrice hatte anscheinend Wanzen in meiner Wohnung und am Arbeitsplatz montiert, denn sie wusste ganz genau, dass ich nach San Francisco geflogen war um ein Interview durchzuführen.

Sie bat mich um ein Treffen in ihrem Haus. Ich sagte zwar zu, betonte aber meine Eile.

Zu meiner Verwunderung war es sie selbst, die mir die Tür öffnete. „Komm endlich." Schnaufte sie. „Es ist etwas Furchtbares passiert."

Sie führte mich in den Salon.

„Es geht um Jennifer…" Sie blickte mich ernst an.

Meinem Herzen versetzte es einen Stich. Jenny hatte sich bereits seit zwei Tagen nicht mehr gemeldet. Ich dachte, dies würde an ihrem Prüfungsstress liegen. Der Druck auf meinem Herzen drohte mich zu ersticken. „Ihr ist doch nichts passiert?" Ich blickte meine verhasste Ex- Schwiegermutter ängstlich an.

„Deine Tochter ist verdorben!"

Ich glaubte den Stein zu hören, der mir vom Herzen fiel. „Inwiefern?" erkundigte ich mich höflich.

„Du weißt ich habe weder diese Beziehung mit diesem Andrew, noch mit Alejandro gut geheißen. Aber nun hat Jennifer sich endgültig der Moral entsagt."

Ich versuchte ernst zu bleiben, obwohl ich am liebsten laut gelacht hätte.

„Eine Schande ist das! Lorelai, stell dir vor: meine geschätzte Freundin Dorothy und ich fuhren nach Palo Alto. Wir wollten den Vormittag am Strand verbringen. Vormittags sind dort noch kaum Studenten…" Sie holte tief Luft. „Und da haben wir deine Tochter bei äußerst unmoralischem Verhalten ertappt. Dorothy hätte beinahe einen Herzinfarkt bekommen…"

Ich biss mir auf die Unterlippe. „Was hat sie denn getan?" Dieses Spiel war einfach zu schön.

„Zum Glück sitzt du bereits. Sie saß auf einem Badetuch, trug lediglich einen Hauch von Stoff am Körper, und küsste…eine Frau!" Beatrice war ganz blass geworden. „Jennifer ist eine Schande für unsere Familie! Ich habe euch stets gewarnt!"

„War die Frau hübsch?"

„Hast du keine anderen Sorgen? Ich habe diese kleine Göre sofort zurecht gewiesen. Und was sagt sie? Sie stellt mir ihre feste Freundin namens Lizzie – was ist das für ein Name! – vor! Feste Freundin!" Beatrice schnaubte.

„Ach, du meintest Lizzie. Ein nettes Mädchen. Sie studieren gemeinsam. Sie war letztes Wochenende bei uns."

Beatrice erstarrte. „Du wusstest von den Liebschaften deiner missratenen Tochter?"

„Ja, ich wusste, dass Jenny bisexuell ist und derzeit mit einer Frau zusammen ist. Ich mag Lizzie. Sie ist sehr höflich und nett. Allerdings wusste ich nichts von deiner Unart."

„Wie bitte? Was…"

„Nein. Jetzt rede ich, geschätzte Beatrice. Du hast nicht das Recht, so über meine Tochter zu sprechen. Sie ist das Beste was mir in meinem Leben passiert ist. Sie ist eine wundervolle und kluge junge Frau. Es ist allein ihre Angelegenheit, mit wem sie schläft…" Ich beobachtete mit Freude wie Beatrice immer blasser wurde „…und dich geht es schon gar nichts an!" Ich blickte sie selbstbewusst an. Ihre grauen Augen würden mich nie wieder einschüchtern.

Beatrice holte tief Luft. „Du bist wie deine Mutter! Ein kleine Göre vom Land!"

Ich lächelte spöttisch und genoss ihren Wutausbruch. Beatrice konnte mir nichts mehr anhaben. Mein Leben lag in Trümmern, aber ich hatte das Gefühl wenigstens dieses eine Mal alles richtig zu machen.

„Mit dir hat das Ende unserer Familie begonnen! Carol hast du vollkommen verzogen und es zu gelassen, dass sie diesen Ramon heiratet! Ihr stand Harvard offen, stattdessen verließ sie unser Land! Dann hast du auch noch zwei Bastarde in unsere Familie gebracht! Der eine wird früher oder später auf die schiefe Bahn geraten und diese kleine Göre geht unsittlichen Trieben nach! Ich wünschte, Logan hätte dich niemals geschwängert! Ich wollte immer, dass du abtreibst, so hätten wir uns eure Hochzeit erspart!"

Ich ballte die Fäuste. Meine Fingernägel bohrten sich in meine Haut. Ich erhob mich langsam. Das würden die letzten Worte sein, die ich zu ihr sagte. Ich wollte sie mir gut überlegen.
„Meine Kinder sind gute Menschen. Und sie haben weiß Gott mehr Anstand als du! Sie würden niemals einen Menschen so behandeln, wie du uns all die Jahre behandelt hast! Nein. Weder Carol, Matt noch Jenny waren Fehler. Logan war mein einziger Fehler! Und weißt du was meine beste Entscheidung war? Mich von diesem verzogenen Betrüger scheiden zu lassen! Kein Erbstück der Huntzbergers mehr an meinem Finger zu tragen!" Ich wandte mich zur Tür und ging.

„Lorelai! Bleib sofort stehen!"

Ich verließ ihr Haus, immer noch lächelnd. Strahlend sank ich auf meinen Sitz im Auto. Es war mein zweiter Sieg über meine Vergangenheit gewesen. Ich griff nach meinem Handy.

Plötzlich fiel es mir wie Schuppen vor die Augen. Es war zu spät. Ich konnte niemanden anrufen und davon erzählen. Außer Jenny, doch sie konnte ich nicht aus diesem Grund stören. Matt würde kaum Interesse zeigen.
Und die anderen – Mum, Luke, Lane und Carol - würden wahrscheinlich nicht einmal mit mir sprechen wollen. Ich hatte sie alle verloren. Carol war die einzige, mit der ich noch sporadischen Kontakt hatte. Doch dieser war sehr abgekühlt.

Ich wollte mit Mum sprechen, sie anrufen. Ich schaffte es jedoch nicht. Sie hatte gewiss mit mir abgeschlossen. Warum sollte ich sie belästigen?
Der Druck auf meinem Herzen wurde unerträglich. Was hatte ich nur getan? Wie konnte ich zu gelassen haben, dass sie alle aus meinem Leben verschwanden?
Warum war es mir so wichtig gewesen Logan und Beatrice zufrieden zu stellen, nicht aber meine Eltern, meine Tochter und meine ehemalige beste Freundin?

Meine Augen tränten. Meine Erkenntnis war zu spät gekommen. Ich lehnte meinen Kopf an das Lenkrad und schluchzte.

Ich hatte nicht gewonnen, weil ich schon vor Jahren verloren hatte.

--------- Flashback Ende ---------