26. Teil
„Der Zauber San Franciscos, oder Frisco - wie wir damals noch sagten - hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Es war Liebe auf den ersten Blick…" Ich atmete tief durch. Die Erinnerung an die Ankunft in dieser bunten und freundlichen Stadt war ganz deutlich.
--------- Flashback---------
Der
Flughafen war unglaublich groß. Wir waren erschöpft als
wir uns durch die dichten Gruppen von Menschen schoben. Logan stöhnte
auf. „Das beginnt ja gut…"
Die
kleine Carol quiekte fröhlich, auch sie spürte den Zauber.
Ich
sah in die freundlichen Gesichter der Menschen. Sie lachten und
unterhielten sich. Einige zwinkerten meiner Tochter zu. Sie war ein
unglaublich süßes Baby, ihre kommende Schönheit war
bereits sichtbar.
„Ist
die Kleine nicht putzig!" Eine ältere Dame schob sich uns
entgegen und versperrte so den Weg. „Wie heißt sie denn?"
Fragte sie mit dem warmen kalifornischen Akzent.
Ich
lächelte. „Carol."
„So
niedlich." Sie strich der Kleinen entzückt über die
Wange. „Bist du zum ersten Mal in San Francisco?"
Carols
blaue Augen weiteten sich so verwundert, dass es mir schwer fiel ein
Lachen zu unterdrücken. „Ja, wir sind gerade hier her
gezogen." Erklärte ich. „Wir kommen aus Connecticut."
„San
Francisco war eine hervorragende Wahl! Die beste Stadt um ein Kind
groß zu ziehen."
„Rory,
wo bleibst du denn?" Logan war wütend zurück zu uns
gekommen.
„Entschuldigen
Sie…" Doch er hatte mich schon unsanft mitgezehrt.
Die
Frau warf mir noch einen mitleidigen Blick zu, bevor sie von der
Masse verschluckt wurde.
Logan
schob mich unsanft aus der Tür. „Wir haben keine Zeit.
Freundschaften kannst du noch dein ganzes Leben lang schließen…"
Ich
wollte etwas erwidern, als ich plötzlich begann meine Umgebung
wahrzunehmen. Ein warmer Wind wehte durch meine Haare. Ich blickte
bewundernd auf die Palmenallee vor meinen Augen. Drei Cabrios, zwei
schwarze und ein rotes, fuhren mit lauter Musik vorbei. In jedem
saßen gutgelaunte Jugendliche, welche mir lachend zuwinkten.
Ein
leichtes Lächeln huschte über meine Lippen.
„Verdammt,
Rory, unser Wagen ist schon da!" Logan stöhnte genervt auf.
Einer
seiner Freunde hatte versprochen uns abzuholen. Ich hatte einen
dieser Angeber mit langer Limousine erwartet. Doch ich sollte
irren.
„Hey,
ich bin Kev." Eine starke Hand schüttelte meine.
„Hi."
Ich musterte den Mann in kurzer Hose und Hawaiihemd überrascht.
„Und
das muss die kleine Carol sein." Er strich ihr entzückt durch
das helle Haar. Das kleine Mädchen antwortete mit einem
fröhlichen Quieken.
„Kommt
schon."
Meine
Augen mussten sich um das zehnfache geweitet haben, als ich den alten
Kleinbus entdeckte, welcher mit bunten Farben verziert worden war.
Aber das sollte noch lange nicht alles gewesen sein.
„Diese
Stadt verändert die meisten Menschen." Kev grinste. „Zumindest
jene, die offen für Veränderungen sind." Er warf einen
Seitenblick auf Logan, welcher stöhnend einstieg.
Ich
folgte ihm lächelnd.
„Erste
Lektion: Sprecht vor uns nie über ‚Frisco'. Wir hassen den
Namen." Er drehte grinsend das Radio auf und es verwunderte mich
nicht, als „ The Mamas and the Papas" ihr „Flowers in your
Hair" anstimmten. Später sollte ich erfahren, dass Kev einfach
so war, wie er war und so eine Show niemals für uns abziehen
würde. Unsere immer tiefer werdende Freundschaft erleichterten
alle Anfangsschwierigkeiten in der neuen Stadt sowie meine Probleme
mit Logan. Bis zum heutigen Tage stelle ich mir die Frage, was wohl
passiert wäre, wäre er nicht zwei Jahre nach unserer
Ankunft bei einem Autounfall tödlich verunglückt.
--------- Flashback Ende---------
Ich
vermied es jedoch Mum etwas von Kev zu erzählen. Es schmerzte zu
sehr.
„Ich
fühlte mich vom ersten Moment an geborgen. Die Menschen waren
humorvoll und nett, das Arbeitsklima der Zeitung, bei der ich zu
arbeiten beginnen sollte, ungewöhnlich harmonisch. Ich war eine
junge Frau Anfang zwanzig. Alles schien so neu und aufregend. Trotz
des Steines, der meine Seele oft zu erdrücken schien. Es mag
furchtbar klingen, aber es war vor allem der Zauber dieser Stadt und
meine interessante Arbeit, die mein Leben lebenswert machten…und
die Telefonate mit dir…"
Mums
Augen tränten als sie meine Hand drückte. „Du bist mir
immer mehr entglitten…"
Ich
senkte den Kopf. Der alte Schmerz überkam mich erneut. „Du
warst so weit weg…Beatrice, Logan…sie hatten immer mehr begonnen
über mein Leben zu bestimmen. Ich wollte so oft gehen, hatte
aber stets den Mut verloren. Ich hatte Angst…Angst einfach wieder
zurück zu gehen. Es war nicht so einfach…und dann war es
plötzlich zu spät. Sie hatten mich unterdrückt. Ich
begann an mir zu zweifeln, verlor mein Selbstwertgefühl immer
mehr…" Nur mit Mühe gelang es mir die aufkeimenden Tränen
zu unterdrücken. „Ich hatte keine wirklichen Freunde…zu Lane
und Paris hatte ich beinahe völlig den Kontakt verloren. Die
Beziehungen zu meinen Kollegen blieben oberflächlich…Logan und
seine Familie waren meine einzig wirklichen Bezugspersonen…" Mum
wischte mir die Tränen von den Wangen.
„Warum
hast du nicht mit mir gesprochen?" Sie runzelte die Stirn.
Meine
Stimme zitterte. „Weil ich die Wahrheit nicht hören wollte…ich
konnte sie nicht ertragen…mein Talent mir selbst etwas vorzumachen,
ließ zu spät nach…" Als Mum mich in ihre Arme zog,
schluchzte ich hemmungslos. Ihre schwache Hand strich sanft über
meinen Kopf. „Es ist niemals zu spät, meine Süße."
Ich
konnte sie durch den Tränenschleier nur vage wahrnehmen. „Doch,
Mum. Das ist es. Ich war dumm. So dumm…so stolz und
hochmütig…wollte es nicht begreifen…ich war so schwach! Was
ist nur aus mir geworden, Mummy? Was ist nur aus deiner perfekten
Rory geworden? Hättest du vor über vierzig Jahren jemals
geglaubt, dass ich so tief sinken könnte?" Ich senkte den
Blick.
--------- Flashback---------
„Ich
bin ja so stolz auf dich!" Mum umarmte mich so fest, dass mir die
Luft abgeschnürt wurde. Ich löste mich sanft von ihr.
„Danke, Mummy."
Mums
Augen tränten. „Du bist viel zu schnell erwachsen geworden.
Jetzt hast du deinen Abschluss, in wenigen Monaten wirst du mit
deinem Studium beginnen."
„Aber
zuvor werden wir einen tollen Sommer in Europa verbringen." Ich
umarmte sie.
---------- Flashback Ende ---------
Mum
ergriff meine Hand. Ich wunderte mich über ihren kräftigen
Händedruck. „Sieh mich an."
Vorsichtig
hob ich den Kopf.
„Nenn
mir einen Menschen, nur einen einzigen, der frei von Fehlern
ist!"
„Ich
dachte, du würdest dich lediglich einzumischen versuchen…ich
habe alles verloren. Meine Mutter, meine Tochter, meine besten
Freundinnen…"
„Du
hast mich niemals verloren. Mein Herz hat dich stets begleitet. Ich
habe immer gewusst, dass du eines Tages wieder kommen
würdest."
Tränen
tropften auf das weiße Laken. „Ich hätte früher
kommen müssen…" Flüsterte ich. Auch Mums Augen begannen
zu tränen. „Ich habe mir oft überlegt, zu dir nach
Seattle zu fahren…aber ich habe es nicht geschafft. Mein Gedächtnis
lässt immer mehr nach. Aber ich erinnere mich, dass ich an einem
Sonntag vor zehn Jahren ins Auto gestiegen bin, los gefahren bin,
aber an der nächsten Abfahrt wieder zurück nachhause
gefahren bin."
Mein
Körper begann zu zittern.
„Ich
frage mich heute noch, was wohl gewesen wäre, wenn ich weiter
gefahren wäre."
Wie
hätte ich wohl reagiert, wenn sie plötzlich vor meiner Tür
gestanden hätte? Eine Frage, die ich bis zum heutigen Tage nicht
zu beantworten weiß. „Ich…ich hätte ihn nie heiraten
dürfen…" Jahrelang hatte ich Logan die Schuld an allem
gegeben. Doch ich hatte erkennen müssen, dass ich allein es war,
die für mein Leben verantwortlich gewesen war.
„Schätzchen,
es bringt uns nicht weiter, über diese Dinge nachzudenken. Sie
sind bereits geschehen. Wir müssen die Zeit, die uns bleibt
nützen. Denn immer wollen wir uns daran erinnern…"
Ich
wischte die Tränen von meinen Wangen. Bis heute kann ich nicht
erklären, warum es ausgerechnet in diesem Moment passierte. Ich
hatte lange mit mir gerungen überhaupt davon zu beginnen, doch
plötzlich war es passiert. „Erinnerst du dich an
Corinne?"
Mums
Gesichtszüge blieben unverändert. „Ich habe meine Töchter
in keiner Sekunde meines Lebens vergessen."
Ein
schmerzhafter Stich durchfuhr meinen Körper.
„Ich
spüre den Schmerz ihres Verlustes heute noch…" Ihre Augen
tränten. „Es sollte einfach nicht sein. Akzeptieren werde ich
es niemals können. Warum durfte meine Kleine nicht leben…diese
Frage stelle ich mir bis heute. Meine Ärztin hat mir sehr
geholfen, sonst wäre ich wohl am Verlust meiner Töchter
zerbrochen…" Sie biss sich auf die Unterlippe. „Aber Corinne
lebt in meinem Herzen."
Meine
Hände zitterten, als Mum diese ergriff. „Du musst mich doch
hassen, Mum. Es war meine Schuld…allein meine Schuld…wir hatten
so oft gestritten. Diese Streits und mein Entschluss mit Logan nach
San Francisco zu gehen, müssen dich sehr belastet haben…ich
verstehe, wenn du mir nicht verzeihen kannst…ich kann es doch
selbst nicht…"
„Rory…"
Sie hob mein Kinn und zwang mich sie anzusehen. „Niemals, nicht
einmal einen einzigen Moment haben Luke oder ich dir die Schuld
gegeben…" Die andere Hand strich durch mein Haar. „Ich erlitt
die Fehlgeburt höchstwahrscheinlich aufgrund einer
Infektion."
Tränen
rannen über meine blassen Wangen. Ich machte mir nicht mehr die
Mühe sie wegzuwischen. „Ich war an ihrem Baum…" Flüstere
ich.
Sie
lächelte leicht. „Ich war jeden Tag dort. Habe mit ihr
gesprochen. Sie hat meinen Humor."
„Es
tut mir so leid, Mummy…alles…"
Sie
zog mich in ihre schwachen Arme. „Ich weiß. Ich habe es immer
gewusst."
„Ich
liebe dich, Mummy…"
„Ich
dich auch, mein Schätzchen. Du wirst immer meine kleine Rory
sein…"
Ich
presste meinen Kopf an ihre Brust. „Ich täte alles dafür,
die Zeit zurück drehen zu können." Presste ich unter
Tränen hervor.
„Es
ist unmöglich die Vergangenheit zu verändern. Aber du hast
die Macht über deine Zukunft…nur du alleine…"
Ich
nickte leicht.
„Erzähle
mir von deiner Begegnung mit Jess." Forderte sie mich lächelnd
auf.
Meine
Stimme stockte anfangs, meine Sätze wurden aber mit jedem
auffordernden Nicken von Mum fließender. „Das war es. Wir
wussten, dass wir uns niemals wieder sehen würden. Es war uns
eine letzte Nacht geschenkt worden. Wir hatten diese genützt.
Nun war es wieder an uns gewesen unser Leben fortzuführen. Ohne
den anderen. Vergessen habe ich ihn jedoch niemals…"
Mum
schüttelte den Kopf. „Seine große Liebe vergisst man
niemals." Sie lächelte. „Jess hat sich verändert. Ich
habe ihn die letzten Jahre öfters gesehen. Luke und er haben den
Kontakt niemals gebrochen…Einmal war er sogar mit seiner Familie
da. Er ist ein wunderbarer Vater…" Sie fuhr sich durchs silberne
Haar. „Seine Töchter haben nun beide selbst Kinder. Jess ist
seit drei Jahren geschieden und lebt noch immer in New York."
Erzählte sie.
„Matt
weiß es nicht…" Begann ich leise.
„Du
würdest ihm die größte Freude machen, würde er
erfahren, dass Logan nicht sein leiblicher Vater ist." Mum
zwinkerte, wurde aber schließlich wieder ernst. „Du musst es
ihm sagen…"
Ich
nickte leicht. „Es muss noch so viel geklärt werden…"
„Rory,
du musst mit Carol sprechen…du sagtest einmal, sie hatte stets
versucht ihren Großeltern väterlicherseits zu
gefallen…aber du warst es in Wirklichkeit, der sie gefallen wollte.
Rory, ich weiß, dass es dir schwer fällt, ihr gegenüber
Gefühle zu zeigen. Aber du liebst sie. Mindestens genauso sehr
wie du ihre Geschwister liebst. Weil sie ihren Weg gegangen ist, ohne
zu zögern. So sehr du sie genau deswegen kritisiert hast, so
sehr warst du aus diesem Grund auch stolz auf sie. Carol hatte ein
schweres Leben, mit häufigen Rückschlägen. Doch sie
hat es geschafft."
Plötzlich
vernahmen wir ein leises Klopfen. Carol musterte uns nachdenklich.
Sie strich sich durchs Haar. „Entschuldigt…" Ich spürte,
dass sie die letzten Sätze gehört haben musste.
„Mum,
ich soll dich fragen, ob du auch eine Pizza willst…"
„Pizza…"
Mum lächelte sehnsüchtig.
„Nein,
danke. Ich habe keinen Hunger."
Carol
nickte und verließ langsam den Raum. Ich blickte ihr traurig
nach.
Mum
drückte meine Hand.
Meine
Augen tränten. „Ich habe sie schon vor vielen Jahren
verloren…sogar ihre Tante und ihr Onkel waren ihr mehr Familie als
ich…schließlich war sie als Kind sehr oft bei ihnen."
„Hast
du dich nie gefragt, warum sie plötzlich nicht mehr dort
war?"
„Nun,
das Verhältnis zu Sheila hatte sich etwas verschlechtert…"
Mum
lächelte milde und wechselte das Thema. „Carol hat erzählt,
Susana würde die nächsten Tage kommen…"
„Ja…"
Ich seufzte.
„Ich
mag sie. Susana ist so humorvoll und herzlich."
Ich
nickte leicht.
„Warum
kannst du sie nicht leiden? Weil du glaubst, sie würde mit Carol
eine Beziehung haben, wie ihr niemals haben könntet?" Sie
musterte mich prüfend.
Ich
senkte den Blick. „Es ist nicht nur das. Ich kann ihre ganze
Familie nicht leiden. Ramón hat Carols Leben zerstört.
Susana hat den Fehltritt Logans mit ihrer Schwester versucht zu
rechtfertigen…und…" Ich seufzte. „Sie gibt mir immer wieder
das Gefühl eine schlechte Mutter zu sein, womit sie eigentlich
nicht unrecht hat, und ihr Großcousin…" Ich biss mir auf
die Unterlippe.
„Was
ist mit ihm?"
Ich
seufzte. Niemandem hatte ich jemals erzählt, was auf Carols
Hochzeit geschehen war.
„Rory!"
Mum drückte meine Hand fester. „Antworte mir." Sie musterte
mich besorgt.
Die
Erinnerung an diesen Tag versetzte meinem Herzen einen schmerzhaften
Stich. „Ich wollte vor meinen langweiligen Sitznachbarinnen und
Logans offensichtlichem Flirt mit María flüchten und bin
auf dem Klo verschwunden. Als ich in Susanas geräumiges
Wohnzimmer ging, traf ich auf Josè." Ich atmete tief durch.
„Er war wahrscheinlich schon etwas betrunken…" Versuchte ich
den Vorfall unnötigerweise hinunterzuspielen.
Mum
erstarrte. „Er hatte doch nicht etwa gegen deinen Willen…"
Ich
senkte den Blick. „Nein…er hat es versucht. Meine Sitznachbarin
Juanita war plötzlich aus dem Garten hinein gekommen. Sie hatte
nichts bemerkt, sondern unschuldig gefragt, ob sie mich denn
gelangweilt hätte…"
Mum
zog mich in ihre Arme. „Das hatte ich nicht gewusst…"
„Woher
denn auch?" Ich atmete tief durch. „Ich hatte Ramón lange
dafür gehasst, dass er sich ausgerechnet von José zu
einem Job verhelfen ließ. Das war nicht fair, ich weiß.
Er kann es schließlich nicht wissen."
Mum
schüttelte den Kopf. „Meine Süße…" Sie küsste
meine Hand.
„Dieser
Vorfall hat meinen Hass ungerechterweise auf die ganze Familie
verstärkt."
„Wenn
ich damals nicht aufgrund meiner Blinddarmoperation im Krankenhaus
gewesen wäre, hätte ich dich beschützen können…"
Mum strich mir durchs Haar.
„Es
ist ja nichts passiert…"
„Zum
Glück…" Sie drückte mich an sich. „Warum hast du
niemandem davon erzählt?"
„Ich
weiß es nicht…" Flüsterte ich. Eine einzelne Träne
tropfte auf Mums Kissen. „Wem denn?" Es war beinahe lautlos.
„Mir,
Rory. Mir." Sie strich mir sanft über die Wange.
Ein
leises Klopfen riss uns erneut aus unseren Gedanken. Jenny trat
zögernd mit einem Karton ein. Sie musterte mich erschrocken.
„Mummy…"
„Schon
gut, Kleines. Deine Grandma und ich haben nur über früher
geredet…"
„Carol
meinte, du könntest Hunger bekommen. Wir sind alle sehr besorgt
um dich…" Ich öffnete den Karton. „Eine Pizza mit allem."
Erklärte Jenny.
„Die
liebt sie! Rory, du solltest wirklich essen." Meinte Mum.
Wir
waren doch wegen Mum hier. Warum schien sich aber jeder um mich zu
sorgen?
„Okay."
Willigte ich schließlich ein.
Jenny
lächelte. „Ich hoffe, sie schmeckt dir."
„Das
wird sie." Ich erwiderte ihr Lächeln.
Meine
Tochter wandte sich an Mum. „Wie fühlst du dich,
Grandma?"
„Etwas
müde, aber sonst sehr gut." Sie griff nach Jennys Hand.
„Danke."
„Möchtest
du schlafen?" Fragte ich Mum besorgt.
Sie
überlegte. „Ich würde am liebsten tage- und nächtelang
mit euch sprechen, aber angesichts meiner Müdigkeit wäre es
wohl besser, dies auf Morgen zu verschieben. Nimm deine Geschwister
und deine Mum mit, wenn du morgen kommst, okay?"
Jenny
nickte. „Gute Nacht, Grandma." Sie küsste diese sanft.
„Gute
Nacht, Mum." Ich drückte sie kurz, bevor wir das Zimmer
verließen.
Vor
dem Stiegenabgang blieb Jenny schließlich stehen. Sie atmete
tief durch. „Ich muss dir etwas sagen…"
„Ja?"
Ich blickte sie aufmunternd an. Meine Jüngste hatte mir niemals
Sorgen bereitet. Sie war stets selbstbewusst ihren Weg gegangen und
hatte mit ihrer gutherzigen Art aller verzaubert.
„Das
Studium…" Sie zögerte.
„Ja,
mein Schatz?" Ich lächelte. Jenny würde an meiner Stelle
Auslandskorrespondentin bei CNN werden, dessen war ich mir sicher.
Und zugegebenermaßen erfüllte es mich mit ungeheurem
Stolz.
„Mummy,
ich habe ehrlich gesagt schon nach dem ersten Semester erkannt…"
Sie senkte den Blick. „…dass es nicht das Richtige für mich
ist…"
Ich
runzelte irritiert die Stirn.
„Ich…ich
habe dann gewechselt. Ich studiere Psychologie und mache mein erstes
Praktikum bei Dr. Roberts im kommenden Sommer. Aber für den
Stanford Flyer schreibe ich trotzdem noch, weil es mir so Spaß
macht und Geld einbringt…" Sie hob vorsichtig den Kopf.
„Warum
hast du mir nie von deinem Wechsel erzählt? Wir können doch
über alles sprechen, oder nicht?"
Sie
biss sich auf die Unterlippe. „Ich wollte dich nicht enttäuschen,
dir keinen Kummer bereiten. Du warst so glücklich als ich
begonnen hatte Journalismus zu studieren."
„Süße,
ich bin glücklich, wenn du es bist…" Trotz meiner
Enttäuschung über ihre Unehrlichkeit, fühlte ich auch
eine Erleichterung in meinem Herzen. Wie lächerlich schien diese
kleine Lüge im Vergleich zu all den anderen Problemen und
Geheimnissen, welche diese Familie umgaben. „Ich könnte doch
nicht böse sein, nur weil du deinen Weg gehst…"
Sie
nickte leicht. „Es tut mir leid."
„Mach
dir keine Sorgen, meine Kleine." Ich schloss sie in meine Arme.
„Dr. Roberts ist ein sehr angesehener Psychotherapeut. Du kannst
verdammt stolz auf dich sein." Ich strich ihr eine Haarsträhne
aus dem Gesicht. Ihre Augen tränten. „Was hast du denn, mein
Schätzchen?"
„Du
hast mich immer für so perfekt gehalten…dabei bin ich alles
andere als das…" Sie presste ihren Kopf an meine Brust und
schluchzte.
Eine
schmerzhafte Unruhe erfasste mich mit einem Mal. „Gibt es noch
etwas, dass du mir erzählen möchtest?"
Sie
hob langsam den Kopf. „Ja…da ist so viel…aber ich kann das
jetzt nicht…" Sie wischte sich die Tränen von den Wangen.
„Entschuldige bitte, aber ich möchte mich jetzt hinlegen…"
Ich
nickte leicht. „Gute Nacht, mein kleiner Engel."
Sie
wandte sich schluchzend ab und ging in ihr Gästezimmer.
„Es
war für uns alle ein harter Tag."
Ich
drehte mich langsam um und erblickte meine Älteste am
Treppenabsatz.
„Du
weißt es, nicht? Du weißt, was sie mir sagen
möchte?"
Carol
biss sich auf die Unterlippe und nickte leicht. „Ja. Ich denke
schon."
„Warum
weißt du es, aber nicht ich? Ich dachte zumindest Jenny und ich
hätten ein inniges Verhältnis…"
Sie
trat seufzend auf mich zu. „Das musst du sie selbst fragen. Sie
hatte gewiss ihre Gründe. Du kennst doch Jenny. Sie würde
niemals jemanden absichtlich verletzen. Am wenigsten ihre eigene
Familie. Du weißt doch, sie war es immer, die uns alle retten
wollte." Carol lächelte.
Ich
senkte den Kopf. „Diesen Part scheint nun Mum zu
übernehmen."
„Grandmas
Wunsch ist, dass die Familie wieder eine Einheit ist, bevor sie uns
verlässt. Aber…" Sie schüttelte den Kopf. „…das ist
innerhalb weniger Wochen unmöglich. Wahrscheinlich werden wir
alle niemals wieder eine Einheit sein. Aber vielleicht sollten wir
einander zumindest eine Chance geben. Das, zumindest das, müssen
wir einander wert sein."
Ihre
Augen begannen zu tränen. Ich ging noch einen Schritt auf sie zu
und schloss sie in die Arme.
„Es
war für uns alle nicht leicht…" Flüsterte sie unter
Tränen.
--------- Flashback Carol---------
Die Stadt war in kühlem Nebel eingehüllt. Carol fröstelte als sie auf der ausgetrockneten Wiese ging. Sie war diese Wetterbedingungen nicht mehr gewöhnt. Ihr Herzschlag wurde schneller als sie an ihrem Ziel angekommen war. Zitternd strich sie sich eine Strähne aus dem Haar. Die Zeit verging, es wurde Nacht, ehe ihre Lippen ein Wort formen konnten. Ihre Stimme zitterte, als sie leise begann: „ Ich verzeihe dir. Ich verzeihe dir alles, alles, was du mir angetan hast. Ich verzeihe dir jedoch nicht um deiner Willen, denn das hast du nicht verdient. Aber ich verzeihe dir um meiner Willen, denn ich habe es verdient. Ich habe es verdient, meinen inneren Frieden wieder zu bekommen. Die Gewissheit, dass wir beide uns nie wieder sehen werden, erfüllt mich mit einer unglaublichen Ruhe." Diese Sätze, die sie laut ausgesprochen hatte, erfüllten sie mit einer inneren Wärme. Es war der zweite Schritt. Alles würde sich nun zum Guten wenden, daran wagte sie endlich zu glauben. Als sie den Friedhof verließ, ließ sie nicht nur das Grab ihres Onkels sondern auch ein altes Selbst für immer zurück.
--------- Flashback Carol Ende ---------
