Hallo!
Auch wenn hier leider die meisten das Interesse verloren haben, poste ich der Vollständigkeit halber auch die letzten Kapitel. Vielleicht möchte ja doch noch jemand Feedback geben, würde mich freuen.
LG Latina
31. Teil
Die
ersten sanften Sonnenstrahlen begannen die Dunkelheit des Raumes zu
brechen. Meine Augen waren noch halb geschlossen. Ich hatte kein
Bedürfnis sie zu öffnen. Denn es war nur ein weiterer Tag.
Ein weiterer Tag, der unser aller Hoffnungslosigkeit bestärken
würde.
Ich
spürte die sanften Finger, welche über meine Schultern
strichen. „Rory?"
Ein
leises Seufzen entwich mir. Es gab keine Möglichkeit zu
entkommen. Der Tag hatte begonnen. Ich drehte mich langsam um. Mein
Kopf rumorte. „Wo ist Jenny?" Ich setzte mich langsam auf und sah
mich im Raum um.
„Sie
ist vor einer Stunde aufgestanden. Carol und sie machen gemeinsam mit
Carols Kindern einen Spaziergang im Schnee."
Ich
nickte leicht. „Warum hast du mich geweckt?"
Jess
seufzte leise. „Du hast so unruhig geschlafen. Und Lorelai erwartet
dich."
Eine
panische Angst machte sich mit einem Mal in meinem Herzen breit und
begann mir die Luft abzuschnüren. „Es ist doch nichts
passiert?" Presste ich mühsam heraus.
„Ich
denke, sie möchte sich nur einmal mit dir alleine unterhalten.
Ihr kommt sonst immer im Rudel zu ihr."
„Okay.
Ich werde sofort zu ihr gehen." Ich erhob mich langsam. „Ich habe
Angst, Jess."
Er
nickte leicht. „Ich auch."
Die
Treppen schienen steiler als sonst. Mit jeder einzelnen Stufe
schienen noch weitere hinzuzukommen. Ein schwerer Druck begann erneut
mein Herz zu erfassen.
Meine
Beine zitterten als ich den Raum betrat. Mum lag in ihrem Bett, ein
dicker Polster stützte ihren Rücken. Ihr Blick war aus dem
Fenster gerichtet.
„Mum?"
Sie
drehte ihren Kopf langsam zu mir. Ein leichtes Lächeln erhellte
ihr blasses Gesicht. „Es schneit schon wieder."
Ich
nickte und mühte mich um ein Lächeln.
„Habe
ich mich plötzlich in ein dreiäugiges Monster verwandelt?
Komm näher und setz dich doch."
„Entschuldige.
Hast du gut geschlafen?" Ich setzte mich auf den Stuhl.
„Ja.
Ich habe geträumt." Sie betrachtete mich lächelnd.
„Was
hast du denn geträumt?"
„Dass
wir alle zusammen im Wohnzimmer sitzen und einen Film
ansehen."
„Welcher
Film war es?"
„Footloose."
„Wir
haben den Film geliebt."
„Haben
wir ihn denn oft gesehen?" Sie runzelte nachdenklich die
Stirn.
„Ja,
sehr oft."
Sie
wich meinem Blick aus und betrachtete die weiße Bettdecke. „Es
ist schlimm, Rory. Es gibt Szenen, die fallen mir spontan ein, auch
wenn sie schon viele Jahrzehnte her sind. Aber da ist so vieles
dessen ich mich nicht mehr entsinnen kann. Das Schlimmste daran ist
jedoch, dass ich spüre, dass da etwas ist, das ich wissen
müsste..."
„Du
kannst mir jede Frage stellen."
Sie
lächelte milde. „Besser du schreibst es mir auf..."
„Hast
du schon Tee getrunken?"
„Bereits
zwei Tassen. Luke wartete so lange, bis ich sie vor ihm ausgetrunken
hatte. Schlucken musste ich leider auch."
„Der
Tee tut dir gut, Mum."
„Mein
Gedächtnis wird dadurch nicht besser..." Sie seufzte leise.
„Hast du schon mal darüber nachgedacht unsere Geschichte
aufzuschreiben?"
„Die
Familiengeschichte? Nein." Ich schüttelte den Kopf.
„Ich
bereue es, dass ich es niemals getan habe. Nicht weil ich meine
schmutzigen Geschichten verbreiten wollte..." Sie zwinkerte.
„...aber was wird mit den Nachfolgegenerationen werden? Carmens
Enkelkindern? Ihren Urenkeln?"
„Ich
fürchte, dass wir beide aufgrund unserer Skandale bis in alle
Ewigkeit die schwarzen Schafe der Familie sein werden."
Sie
musterte mich lächelnd. „Ich hoffe ja doch, dass Carmen und
Juan noch einmal an einem illegalen Autorennen teilnehmen
werden."
„Bitte
bring sie nicht auf solche Gedanken." Ich lachte.
„Die
Kleine hat es faustdick hinter den Ohren. Sie hat meine Augen und mit
ihren zwölf Jahren schon ihren ersten Freund. Sie kommt ganz
nach ihrer Urgroßmutter."
„Das
stimmt."
Mum
strich mir sanft über den Handrücken. „Wann wird es denn
bei Carol wieder soweit sein?"
„Sie
erwartet ihre Zwillinge im Februar."
„Vier
Kinder..." Mum lächelte. „Sie wollte eigentlich früher
nie Kinder bekommen. Weißt du noch?"
„Carol
hat sich sehr verändert. Wir alle haben das."
Sie
nickte leicht. „Rory, Matt war heute Morgen bei mir."
Ein
schmerzhafter Stich durchfuhr mein Herz. „Ja?" Ich mühte
mich um ein Lächeln.
„Er
ist sehr verwirrt. Ich habe ihm versucht zu erklären, warum du
es ihm nicht sagen konntest. Und ich rate euch beiden nochmals über
das alles zu sprechen, wenn etwas Zeit vergangen ist...Zeit, das ist
es, was er im Moment braucht."
Ich
nickte leicht
„Du
hast das Richtige getan, Rory. Er musste es erfahren."
Ich
seufzte leise.
Mum
betrachtete mich Stirn runzelnd, bevor sie schließlich erneut
das Thema wechselte. „Ich habe gehört Jenny ist mit Carol und
den Kindern ein wenig spazieren gegangen. Das wird ihr gut tun. Die
letzten Monate waren sehr stressig für sie. Jenny ist so eine
wundervolle junge Frau. So ehrgeizig wie du, aber manchmal fast ein
wenig zu verbissen. Sie sollte sich einmal einen richtig schönen
Urlaub gönnen. Einfach entspannen, das wäre jetzt das
Richtige für sie. Und sie sollte mehr an sich denken. Oftmals
scheint sie mir so selbstlos, will alle retten..." Mum schmunzelte,
wurde aber wieder ernst. „...dabei sollte sie aber mehr Acht auf
sich geben und auch Gefühle der Schwäche zu lassen. Sie
spielt vieles herunter, Rory..."
Ich
runzelte die Stirn. Mum hatte Recht. Jennys Gefühlsausbrüche
waren umso heftiger, weil sie so selten waren. „Mum?" Ich wich
ihrem Blick aus. „Jenny hat mir von ihrer Abtreibung
erzählt..."
Mum
nickte. „Die Liebe hat nicht allen in dieser Familie Glück
gebracht."
„Jenny
trieb das Kind vor sieben Jahren ab. Sie erzählte mir nicht
davon, um mich nicht zu belasten..."
Ihre
Hand strich sanft über meine. „Rory, das ist Jennys Schicksal.
Es ist nicht mehr rückgängig zu machen, was passiert ist.
Alles was du für sie tun kannst, ist für sie da zu sein.
Ihr habt trotz der vielen Schicksalsschlägen immer ein sehr
gutes Verhältnis gehabt."
„Ich
habe seit gestern auch das Gefühl sie niemals wirklich kennen
gelernt zu haben. Ich dachte immer für sie da gewesen zu sein,
doch in Wirklichkeit war sie es, die fast immer für mich da
gewesen ist..." Ich wich ihrem Blick aus.
Mum
musterte mich prüfend. „Es war ihre Entscheidung...gib nicht
dir die Schuld."
Ich
sah langsam hoch. „Es wäre möglicherweise niemals soweit
gekommen, wäre ich nicht so sehr mit mir selbst beschäftigt
gewesen..."
„Hätte
ich jemals meinen Plan durchgesetzt zu dir zu fahren, hättest du
deine Depressionen möglicherweise schneller in den Griff
bekommen. Das bringt nichts, Rory. Wir drehen uns im Kreis. Wir haben
alle Fehler gemacht. Abhängig und unabhängig voneinander."
Sie schüttelte den Kopf. „Du kannst ewig in der Vergangenheit
leben, doch es führt zu nichts. Du musst akzeptieren, wie die
Dinge gekommen sind und nach vorne blicken. Nur dann hast du eine
Chance. Und deine Kinder." Sie lächelte milde. „Ich weiß,
wie schwierig das ist. Es hat lange gedauert, bis ich Abschied von
Corinne nehmen konnte. Auch Carol schaffte es erst nach vielen Jahren
der Verdrängung den ersten Schritt zur Heilung ihrer Seele zu
machen." Ihre glanzlosen Augen betrachteten mich
nachdenklich.
„Mum?"
Meine Stimme stockte und ein bedrängender Druck erfasste mein
Herz. „Was ist Carol widerfahren?"
Mum
sah mich lange an, bevor sie ihren Kopf zum Fenster wandte. Ihre
Lippen bebten. Ich versuchte aus den Konturen ihres Gesichtes zu
lesen, versagte aber.
„Rory..."
Ihre Stimme war heiser. Sie räusperte sich leise, den Blick noch
immer auf das Fenster gerichtet. „Siehst du die tanzenden
Schneeflocken? Wie sie über unsere Stadt schweben, vom Wind
getragen. Frei und unbekümmert. Keiner vermag sie daran zu
hindern. Sie machen es unabhängig davon, ob wir hier sitzen. Sie
würden ebenso tanzen, wären wir Kilometer entfernt oder nur
in einem anderen Zimmer. Die Natur nimmt ihren Lauf, auch unser Leben
muss den seinen nehmen." Die Tränen in ihren Augen glänzten,
als sie sich wieder an mich wandte.
„Mum..."
Meine Finger zitterten als ich ihre Hand ergriff.
Sie
beobachtete schweigend, wie sich unsere Hände berührten.
„Carol war den Schneeflocken ähnlich, bis ihr in jungen Jahren
ihre Freiheit genommen wurde. In gewisser Weise ist das uns allen
widerfahren. Aber nicht auf diese Art, wie sie es erleben musste.
Carol gab sich selbst die Schuld an ihrer Unwissenheit. Das war wohl
einer der Gründe für die lange Verdrängung. Sie
schämte sich für etwas, auf das sie keinen Einfluss gehabt
hatte. Ihr Flehen nach Liebe und Zuneigung war auf brutalste Weise
ausgenützt worden. Carol hatte es lange nicht verstanden. Es
hatte jedoch ihr ganzes Leben, all ihre Beziehungen, bestimmt. Bis zu
der Beziehung mit Eric war sie stets mit Männern zusammen
gewesen, welche sie früher oder später schlecht behandelt
hatten. Sie hatte ihre Opferrolle unbewusst so lange akzeptiert, bis
sich diese von ihr getrennt hatten. Carol war nie lange alleine
gewesen, das konnte sie nicht. Ihr Motiv mit Eric zu gehen schien
dasselbe wie bei den anderen, sie glaubte, Liebe gefunden zu haben.
Und er liebte sie, war vollkommen verrückt nach ihr. Doch sie
musste sich schließlich eingestehen, dass sie ihn nicht liebte
und wahrscheinlich auch niemals geliebt hatte. Die Beziehung zu Ramón
war die erste, die tatsächlich auf Liebe, beiderseits,
beruhte..." Mum sah hoch, wandte sich schließlich wieder dem
Fenster zu. „Weißt du noch, was du mir über den
Großcousin Susanas erzähltest? José, welcher Ramón
den tollen Job besorgt hatte. Was er im betrunkenen Zustand versucht
hatte?" Mum schloss die Augen. „Er versuchte es nicht nur bei
dir." Sie drehte ihren Kopf langsam zu mir und ergriff meine
zitternden Hände. Ich spürte es nicht, sah es nur. Die
Tränen bildeten kleine Flecken auf der weißen Bettdecke.
„Carol stand unter Schock, konnte die Bilder der Gegenwart nicht
mehr von den plötzlichen Szenen der Vergangenheit vor ihren
Augen unterscheiden. Sie war ihm ausgeliefert. Doch zum Glück
kam Ramón in diesem Moment nachhause. Er riss ihn von ihr und
schlug auf ihn ein. Carols Flehen aufzuhören, gab er erst nach
einigen Minuten nach. Sie mied beinahe eine Woche jede Gesellschaft,
bevor sie ihm schließlich anvertraute, was ihr der eigene Onkel
fünfzehn Jahre zuvor angetan hatte. Ramón war es
schließlich, der sie zu der Therapie bewegte. Es gelang ihm
jedoch nicht, sie davon zu überzeugen, gegen José und
Roger gerichtlich vorzugehen. Aus diesem Grund hätten Ramón
und Jenny vor sechs Jahren auf eine gewisse Art und Weise
Selbstjustiz begangen. Carol war stets mehr als eine Schwester für
Jen gewesen, besonders nachdem sie ihr in der Zeit nach ihrer
Abtreibung so beigestanden hatte. Jenny wollte stets alle beschützen
und retten. Nachdem sie auf dem Dachboden Logans Hauses in San
Francisco Carols Tagebuch gefunden hatte und zu neugierig gewesen war
um nicht darin zu lesen, hatte sie auch beschlossen ihre Schwester zu
retten. Ramón begleitete sie, belog seine Frau bezüglich
seines Aufenthalts. Beide waren voller Wut und blindem Hass
getrieben, ohne Plan, aber nur mit einem Ziel..."
--------- Flashback Jenny ---------
Jenny
starrte auf das Türschild. Zwei junge Frauen gingen an ihr
vorbei und lächelten ihr freundlich zu. Das Mädchen
zitterte, als sie sich umdrehte. Sie blickte Ramón unsicher
an.
„Soll
ich mitkommen?" Fragte er.
„Tun
wir das Richtige? Wird sie uns dafür hassen?"
„Ja,
das wird sie." Antwortete er emotionslos.
--------- Flashback Jenny Ende ---------
„...sie waren sich nicht bewusst, von wie viel Egoismus sie in Wirklichkeit zusätzlich getrieben wurden. Jenny hatte das schmerzende Gefühl ihrer geliebten Schwester etwas schuldig zu sein. Ramón wollte die beiden dunklen Jahre seiner Ehe wieder haben..."
--------- Flashback Jenny ---------
Jenny
wich seinem Blick aus. „Nein, ich regle das alleine. Warte bitte
hier."
Ramón
nickte. „Aber sollte er dir auf irgendeine Weise zu nahe treten,
schreist du laut, verstanden? Ich bin in weniger als einer Sekunde
bei dir."
„Okay."
Ihre Stimme stockte. Der Druck umfasste ihr Herz so stark, dass sie
zu ersticken glaubte. Sie öffnete langsam die Tür.
„Jenny?
Das ist aber eine nette Überraschung." Roger erhob sich
lächelnd.
Sie
schloss die Tür, vermied es ihn anzusehen.
„Wie
geht es dir und deiner Mutter? Kommt doch mal wieder zu Besuch." Er
wollte ihre Hand berühren, doch sie trat einen Schritt zurück.
Ihr Magen drehte sich und eine rasende Wut erfasste sie erneut, als
sie daran dachte, was seine Hände getan hatten.
„Du
bist ja so blass. Bist du krank?"
Ihr
Körper zitterte. Erst kam kein Wort über ihre Lippen. „Ich
weiß es." Ihre Stimme zitterte. Sie versuchte ihm in die
Augen zu sehen. „Ich weiß, was du ihr angetan hast."
Er
blieb emotionslos. „Entschuldige, aber ich weiß nicht, wovon
du sprichst."
Sie
schüttelte den Kopf. „Du hast ihr Leben zerstört. Wie
kannst du nur damit leben?"
„Die
Scheidung von deiner Tante ist nun schon einige Jahre her. Sie hat
meines Wissens bereits eine neue Beziehung..."
„Es
geht nicht um Marcy!" Jennys Stimme hob sich. „Ich spreche von
Carol."
„Carol?"
Er runzelte die Stirn. „Ich habe schon lange nichts mehr von ihr
gehört. Wir haben seit vielen Jahren keinerlei Kontakt
mehr."
„Wundert
dich das denn?"
„Hör
mal, Jennifer. Ich habe viel zu erledigen. Solltest du mir
irgendetwas unterstellen wollen, mach das bitte schnell."
Sie
schüttelte den Kopf. „Du zeigst nicht einen Funken Reue. Es
ist dir egal." Ihre Augen funkelten voller Hass. „Du hast das
Leben eines Menschen zerstört. Wie kannst du das nur so einfach
hinnehmen? Wie kann man so grausam sein? Ich verachte dich aus
tiefstem Herzen."
Rogers
Stimme erhob sich. „Das muss ich mir von keiner High School
Schülerin bieten lassen! Hat dir deine Mutter kein Benehmen
beigebracht? Ist sie also tatsächlich nur noch mit ihrer wirren
Psyche beschäftigt? Bist du niemals davon unterrichtet worden,
dass man für Rufmord angeklagt werden kann?"
„Gib
es doch zumindest zu!" Schrie sie mit heiserer Stimme.
Er
musterte sie verächtlich. „Das Leben ist kein Spiel, Jennifer.
Geh zu jemanden anderen, wenn du Detektivin spielen möchtest.
Ich hätte dich für reifer gehalten."
--------- Flashback Jenny Ende ---------
Mum schüttelte den Kopf. „Rogers provokante Art trieb Jenny schließlich Tränen in die Augen. Als Ramón ihre tränenerstickte Stimme vernahm, eilte er in das Büro. Roger brachte ihm noch mehr Verachtung entgegen als seiner Nichte.
---------- Flashback Jenny ---------
„Schon
wieder arbeitslos? Oder wie bringst du sonst soviel Zeit auf die
Schwester deiner Frau bei ihren Kinderspielen zu begleiten? Sie muss
dir ja sehr am Herzen liegen. Was hält eigentlich Carol davon?
Ich habe von Anfang an gewusst, dass ein Arbeitersohn nicht der
Richtige für sie sein kann. Sie hätte dieses unzivilisierte
Land erst gar nicht besuchen sollen..."
Ramón
ballte die Hände zu Fäusten. „Du wagst es von zivilisiert
zu sprechen? Zivilisierte Menschen vergehen sich nicht an jungen
Mädchen!"
„Wenn
ihr nicht auf der Stelle verschwindet, werde ich den
Sicherheitsdienst rufen!"
--------- Flashback Jenny Ende ---------
„Der Streit ging noch einige Minuten weiter, bis Ramón sich schließlich nicht mehr beherrschen konnte und ihm hart ins Gesicht schlug.
--------- Flashback Jenny --------
Roger
griff sich stöhnend unter sein Auge. „Das wirst du noch bitter
bereuen, das schwöre ich dir. Was wird wohl Carol dazu sagen?
Und Carmen?"
„Wage
es nicht noch einmal den Namen meiner Tochter auszusprechen! Lass die
beiden bloß in Ruhe, sonst mach ich dir dein armseliges Leben
zur Hölle!"
„Denkst
du tatsächlich, ich würde mich vor dir fürchten?"
Roger betrachtete ihn spöttisch.
Ramón
trat einen Schritt näher, doch Jenny hielt seinen Arm fest.
„Lass es. Er ist es nicht wert. Das alles war eine sehr, sehr dumme
Idee..." Sie wandte sich an ihren Onkel. „Ich empfinde tiefste
Verachtung für dich und wünsche dir, dass dein Leben noch
voller grausamer Schicksalsschläge sein möge. Und lass
unsere Familie bloß in Ruhe. Ich bin mir sicher, dass sich
gewiss die eine oder andere Zeitung für das alles interessieren
könnte..."
„Willst
du mir etwa drohen, Jennifer? Ich sitze am längeren Ast, könnte
euch allen mehr schaden, als ihr mir. Glaub mir." Er griff nach dem
Telefonhörer. „Euer kleines Spiel ist mir allmählich
langweilig geworden. Entweder ihr verschwindet jetzt, oder ich werde
dafür sorgen, dass ihr aus diesem Gebäude entfernt
werdet..."
„Ramón?"
Jenny blickte ihn flehend an, als sich dieser nicht von der Stelle
rührte.
Er
warf Roger schließlich noch einen letzten hasserfüllten
Blick zu und folgte ihr aus dem Büro.
--------- Flashback Jenny Ende ---------
„Die
Entscheidung Roger aufzusuchen hatten sie aus einem Effekt heraus
getroffen. Sie sind beide hochemotionale Menschen und ließen
sich von ihren Gefühlen leiten. Weder Jenny noch Ramón
waren sich bewusst gewesen, was sie sich wirklich von dem Besuch
versprochen hatten. Aufjedenfall verschaffte er ihnen keinerlei
Frieden.
Im
Gegensatz zu Jenny hatte Ramón zwar gewusst, was Carol angetan
worden war, die Auszüge, welche sie ihm aus dem Tagebuch
vorgelesen hatte, hatten seinen niemals wirklich gemilderten Hass
jedoch um ein Vielfaches verstärkt. Beide erzählten mir,
dass sie ohne die Anwesenheit des anderen wohl zu allem fähig
gewesen wären und jegliche möglichen Konsequenzen ignoriert
hätten. Ich weiß jedoch, dass weder Jenny noch Ramón
es fertig gebracht hätten, jemanden zu töten, gleichgültig,
wie sehr sie diesen auch hassen.
Ihr
langer Rückweg war von großen Schuldgefühlen
gegenüber Carol begleitet. Von Jennys Seite, weil sie das
Tagebuch gelesen und von Ramóns, weil er seiner Frau vor
Jahren hatte versprechen müssen, das Thema als Vergangenheit zu
betrachten. Beide hatten von Anfang an gewusst, dass das alles ganz
und gar nicht in Carols Sinne war. Ramón hatte sie sogar
bezüglich seines Aufenthaltsortes belogen. Carol hatte
herausbekommen, dass er sich in besagter Stadt niemals befunden hatte
und ihm Untreue vorgeworfen, worauf ein heftiger Streit entfacht war.
Die Wahrheit weiß sie bis heute nicht und wahrscheinlich ist es
tatsächlich besser so, auch wenn ich lange Zeit anderer Meinung
war. Jenny gibt sich noch immer eine gewisse Mitschuld an dem
Selbstmord Rogers wenige Wochen nach ihrem Besuch. Ich bezweifle
allerdings, dass dieser auch nur im Entferntesten damit zu tun hatte.
Dieses Schwein kannte keine Reue und dass er sich aufgrund des
Konkurses seiner Firma umbrachte, passt zu ihm. Er hätte
Schlimmeres verdient als den Tod..." Mum senkte den Blick und hielt
inne. Schließlich sah sie mich lange an. Mein Körper
zitterte. Ich fröstelte. Das alles schien so unwirklich, wie in
einem schlimmen Alptraum. Doch es war kein Traum. Der Druck nahm mir
die Luft zu atmen. Ich hätte es ahnen müssen. Ich hätte
Carol vor Roger beschützen müssen. Ich senkte den
Blick.
„Rory..."
Mum ergriff erneut meine Hand. „Ich habe dir das im Vertrauen
erzählt, damit du manche Dinge besser verstehen kannst.
Versprich mir, sie nicht darauf anzusprechen. Es könnte sie
erneut in schwere Depressionen stürzen. Diese hätte ihr vor
zehn Jahren beinahe ihre Ehe und den Job gekostet. Sie hat zwar seit
ein paar Jahren alles sehr gut im Griff und ist zum ersten Mal im
Leben wirklich glücklich, aber ich fürchte, dieses Glück
ist noch immer wackliger, als sie selbst annimmt. So etwas braucht
Zeit. Gib sie ihr. Vielleicht möchte sie eines Tages mit dir
darüber sprechen, vielleicht auch nicht. Lass sie zu dir kommen,
sie entscheiden. Sei einfach für sie da, so wie eine Mutter für
ihre Tochter da sein sollte..." Sie hielt inne und verwischte meine
stummen Tränen. „Du hättest es nicht verhindern können,
Rory. Das hättest du nicht..."
32. Teil
„Du
musst dich ausruhen, Cariña." Susana musterte Carol Stirn
runzelnd.
Ich
schloss die Tür zu Mums Zimmer leise und näherte mich den
beiden.
Carols
Wangen waren gerötet, Schweißperlen hatten sich auf ihrer
Stirn gebildet.
Ich
musterte sie besorgt. Ein schwerer Druck erfasste erneut mein Herz.
„Was ist denn los?"
„Gar
nichts, Mum. Sorge dich nicht. Sie dramatisieren alle nur. Mir ist
lediglich ein wenig schwindlig beim Spazieren gehen
geworden..."
„Niemand
dramatisiert, Cara. Leg dich bitte zumindest eine Stunde hin."
Ich
warf Susana einen kurzen Blick zu, wandte mich wieder an meine
Tochter. „Sie hat Recht. Du brauchst Ruhe..." Ich ergriff ihre
Hand. „Deinetwegen und wegen deinen ungeborenen Kindern. Ich war
gerade unterwegs um Mum noch ein wenig Tee zu machen. Ich werde auch
dir einen bringen."
Susana
nickte. „Tee wird dir gut tun."
„Wie
geht es Grandma?" Fragte Carol heiser, als sie erschöpft in
das Gästebett sank.
Ich
strich ihr sanft durchs Haar. „Sie scheint geistig topfit. Du
kannst später zu ihr. In deinem jetzigen Zustand würde sie
dich sofort wieder ins Bett schicken."
„Es
geht ihr also besser?" Ein kurzer Hoffnungsschimmer blitzte in den
Augen, welchen jenen Mums und meinen glichen.
Susana
strich ihr über die Wange. „Versuch ein wenig zu schlafen. Ich
werde deiner Mutter in der Küche helfen." Sie schenkte ihr ein
sanftes Lächeln.
Bei
der Tür angekommen hielt ich inne. „Susana..." Ich musterte
Carol und wurde leiser. „...bitte bleibe bei ihr..." Ich atmete
tief durch. „...sollte irgendetwas sein..."
Susana
nickte leicht. „Das alles ist zu viel für sie..." Sie senkte
den Blick.
Aus
der Küche drangen gedämpfte Stimme und der sanfte Geruch
frischen Tees.
Luke,
Jess, Jenny und Ramón saßen am Küchentisch. „Sie
darf die Kinder nicht verlieren...das würde sie nicht
überstehen..." Jennys Stimme stockte.
„Das
wird sie nicht!" Sie sahen mich irritiert an. Offenbar hatten sie
mich nicht kommen gehört. „Carol wird diese Kinder bekommen.
Alles wird gut werden..." Ich atmete tief durch. „Dafür
werden wir sorgen."
Ramón
nickte. „Vielleicht wäre es wirklich besser gewesen, wären
wir in Puerto Rico geblieben..." Er wich meinem Blick aus.
Ich
seufzte leise. „Carol wäre angesichts Mums gesundheitlichen
Zustands niemals in San Juan geblieben. Du hättest sie nicht
daran hindern können zu fliegen. Ist es ihr schon zuvor so
gegangen oder erst seit ihr hier seid?"
„Erst
in den letzten Tagen..."
Ich
runzelte besorgt die Stirn. „Wir werden sie ins Krankenhaus
bringen."
Jennys
Augen begannen zu tränen. „Komm her." Jess nahm sie in die
Arme. „Es wird alles gut. Sicherlich ist es nur der Stress..." Er
strich beruhigend über ihren Kopf.
Seine
liebevolle Geste zauberte ein kurzes Lächeln über meine
Lippen. „Luke?" Ich blickte ihn Stirn runzelnd an. „Könntest
du im Krankenhaus anrufen? Vielleicht bekommt sie noch heute einen
Termin."
Er
nickte und erhob sich sogleich. Erst jetzt bemerkte ich, dass seine
Augen gerötet waren. Es war für uns alle zuviel. Mums
schlechter gesundheitlicher Zustand, die harten Konfrontationen mit
unserer Vergangenheit und jetzt auch noch Carol.
„Wo
sind Matt und die Kinder?"
„Im
Supermarkt." Antwortete Jenny.
„Gut."
Ich nickte. „Carmen und Juan sollen sich nicht unnötig
sorgen."
Nach
wenigen Minuten kam Luke zurück. „Sie hat einen Termin für
fünf Uhr Nachmittag. Ich werde sie hinfahren. Kommst du mit?"
Er blickte Ramón an, dieser nickte.
„Natürlich."
„Fünf
Uhr ist ideal, dann kann sie nun noch ein paar Stunden schlafen."
Der Druck auf meinem Herzen begann sich ein wenig zu lockern.
„Rory?"
Luke runzelte die Stirn. „Um halb fünf kommt Lorelais
Arzt..."
„Ich
werde da sein."
„Danke."
Er lächelte leicht.
„Es
geht ihr besser. Das Gefühl habe ich zumindest. Sie klagt
weniger über Schmerzen, ist viel besser drauf und auch ihr
Gedächtnis ist wieder besser..." Ich blickte ihn an. Flehend
auf eine Bestätigung wartend. Als sich seine Miene jedoch in
keinster Weise veränderte, erfasste mich erneut ein erstickendes
Gefühl.
„Rory..."
Er sprach nicht weiter, weil Matt und die Kinder gerade die Küche
betraten.
„Matt
hat uns Schokolade gekauft." Juan strahlte.
„Das
ist aber nett von ihm!" Ich warf meinem Sohn einen unsicheren Blick
zu, dieser wandte sich jedoch von mir ab. „Hey, Jen. Ich habe dir
etwas mitgebracht." Er lächelte ihr kurz zu und zog ein
Päckchen Kaffeebonbons aus der Jackentasche.
„Ich
liebe dich!" Ihre Miene erhellte sich. Er reichte sie ihr grinsend.
„Die
schmecken toll." Meinte ich.
Matt
vermied es noch immer mich anzusehen.
„Das
finde ich auch." Jenny blickte unsicher von mir zu Matt, welcher
mir noch immer den Rücken gekehrt hatte. Mir entwich ein leises
Seufzen. „Danke, dass ihr schon einmal Tee gemacht habt." Ich
fühlte zwei Kannen an, warf meinem Sohn nochmals einen Blick zu
und verließ die Küche.
Susana
hatte sich auf einen Stuhl neben dem Bett gesetzt und hielt Carols
Hand.
Die
Tür knarrte ein wenig, als ich eintrat. Susana sah leicht
lächelnd hoch. „Sie fühlt sich schon besser." An Carol
gewandt fuhr sie fort. „Trinke ein wenig Tee und versuche dann zu
schlafen."
Ich
schenkte ihr ein wenig der dampfenden Flüssigkeit in eine Tasse
und reichte sie ihr.
Carols
Wangen hatten wieder ihre normale Farbe bekommen. Sie ergriff die
Tasse zögernd. „Danke."
„Du
solltest dich besser schonen." Ich betrachtete sie Stirn runzelnd.
„Luke hat einen Termin im Krankenhaus für dich
ausgemacht."
Carol
fasste sich mit einer Hand an ihren Bauch. „Das ist nicht
notwendig. Es ist wieder alles in Ordnung." Sie mühte sich um
ein Lächeln.
„Höre
auf deine Mamá, Cariña. Wir meinen es nur gut mit
dir."
Carol
nippte an ihrer Tasse und verzog sogleich den Mund.
Ich
verkniff mir ein Schmunzeln. „Schlucken, Kleines."
„Warum
hasst ihr mich nur so?"
„Oh,
Cara, wir sorgen uns doch nur um dich."
„Susana?"
Ich blickte sie Stirn runzelnd an. „Ich würde gerne noch ein
paar Minuten bei meiner Tochter bleiben. Würdest du meiner
Mutter ihren Tee bringen?"
Susana
nickte lächelnd. „Natürlich. Lorelai und ich sind ohnehin
noch kaum zum Reden gekommen." Sie schenkte Carol noch einen
besorgten Blick, ehe sie mit der Teekanne das Zimmer verließ.
Ich
setzte mich zu meiner Tochter. „Geht es dir wirklich schon
besser?"
Sie
seufzte leise. „Das ist nur der ganze Stress. Ich sorge mich so
sehr um Grandma. Ich habe solche Angst..." Sie hielt inne. Ihre
Augen begannen zu tränen. „Grandma ist immer für uns da
gewesen. Für uns alle..."
Ich
nickte leicht und strich ihr sanft durchs Haar. „Ja. Ich weiß."
„Mummy?"
Sie musterte mich Stirn runzelnd. „Geht es ihr wirklich besser?"
In diesem Moment wirkte sie so hilflos und zerbrechlich wie ein
kleines Mädchen.
Ich
versuchte gegen den Druck auf meinem Herzen anzukämpfen. „Ja,
den Eindruck habe ich."
Das
genügte ihr vorerst. Sie lächelte leicht. „Ich habe in
den letzten Tagen sehr viel über mein Leben nachgedacht."
Ich
nickte. „Ich auch."
„Das
scheint das einzig Gute an dieser Sache zu sein. Wir alle haben unser
Leben, unsere Schicksale, unsere Beziehungen zueinander
reflektiert..." Sie hielt inne. „Grandma sagt, alles geschähe
aus einem ganz bestimmten Grund..." Carol wich meinem Blick aus und
fixierte, genau wie Mum vorhin, die Schneeflocken, welche am Fenster
vorbei schwebten, sanft vom Wind getragen. „Carmen hat das auch
immer gesagt..." Sie seufzte leise. „Sie sagte es immer. Ich
spreche meistens noch immer von ihr, als wäre sie noch hier,
unter uns. Für mich ist sie auch niemals gegangen. Niemals."
Ich
drückte ihre Hand und strich die einzelne Träne von ihrer
Wange. „Was würde Carmen jetzt sagen?"
Sie
runzelte die Stirn und sah mich an. Plötzlich erhellte sich ihr
Gesicht ein wenig. „Dass ich mich gefälligst nicht so
anstellen und sofort den Tee trinken soll."
Ich
lächelte. „Hör mal, Carol..." Eine leichte Falte
bildete sich auf meiner Stirn. „Ich weiß, dass ich dir nun
keine Mutter mehr sein werde können. Mum und Susana haben diese
Rolle übernommen. Aber vielleicht..." Ich atmete tief durch.
„...könnten wir Freundinnen werden."
Sie
lächelte leicht. „Das wäre schön."
Ich
strich ihr sanft über die Wange. „Jetzt schlaf ein wenig, mein
Schatz."
Sie
schüttelte den Kopf. „Lass uns noch ein paar Minuten
reden."
„Okay."
Ich nickte leicht.
Carols
Gesicht nahm mit einem Mal wieder einen ernsten Ausdruck an. „Heute
ist der zwanzigste Dezember. Carmens dreizehnter Todestag. Ich habe
noch mit niemandem darüber gesprochen." Ich wusste nicht, was
ich erwidern sollte, doch sie fuhr sogleich fort. „Ich vermisse sie
so sehr. Der Schmerz hat niemals wirklich nachgelassen. Ich kann nun
besser damit umgehen, aber es tut immer noch so weh..." Sie wich
meinem Blick aus. „Sie ist wegen mir diesen Weg durch die
Seitengassen gegangen. Ich hatte sie aufgehalten, sie war in Eile.
Ich weiß, dass mich keine Schuld an diesem grausamen Verbrechen
trifft, dennoch frage ich mich oft, was wohl gewesen wäre,
hätten wir uns an diesem Tag nicht getroffen." Sie hielt inne.
„Aus welchem Grund musste ihr Leben so brutal beendet werden?
Warum? Sie war die beste Freundin..." Ihre Augen begannen zu
tränen. „...die man sich wünschen kann. Immer für
mich da. In jeder Minute. Ich...ich konnte ihr nie richtig dafür
danken..."
Ich
zog sie instinktiv in meine Arme und strich ihr beruhigend über
den Rücken.
„Mum?"
Carol löste sich langsam aus meinen Armen. „Ich gehe
wöchentlich an ihr Grab und zünde eine Kerze für sie
an..." Sie schloss die Augen und atmete tief durch. „Ich rede
jedes Mal mit ihr...und Mum, es mag seltsam klingen, aber ich weiß,
dass sie mich hört. Sie ist auch jetzt noch für mich
da."
„Carol,
möchtest du, dass wir eine Kerze für sie anzünden? Ich
könnte Luke fragen, wo er welche aufbewahrt."
„Ja."
Sie lächelte leicht. „Das wäre schön."
„Okay."
Ich nickte.
„Carmen
ist...war...unglaublich. So herzlich und verständnisvoll. Aber
auch so knallhart und ehrlich. Du wusstest stets, woran du bei ihr
bist..."
„Solche
Menschen sind mir auch sehr sympathisch."
„Sie
war so klug und wunderschön...Du hast sie niemals kennen
gelernt...Sie war sechsundzwanzig, Mum. Erst Sechsundzwanzig. Sie
irrte, denn dieses Schicksal konnte aus keinem bestimmten Grund
passiert sein...nein." Carol schüttelte den Kopf. „Carmen
hatte so viele Probleme. Ich konnte ihr nicht annähernd so eine
Hilfe sein, wie sie mir. Kurz bevor ihr Leben in geregelte Bahnen
verlaufen wäre, wurde es ihr genommen."
--------- Flashback Carol ---------
Der
Friedhof war in kaltem Nebel gehüllt. Dieser Nebel existierte
jedoch nur in Carols Seele, denn es war ein heißer Tag in San
Juan. Die Menschen fuhren an die Strände oder gingen fröhlich
spazieren, während sie fröstelnd vor dem reich geschmückten
Grab stand. Ihre Knie zitterten, das Bild vor ihren Augen verschwamm.
„Carmen..." Flüsterte sie. „Warum? Warum hast du mich
alleine gelassen?" Die Stille nahm ihr die Luft zu atmen. Die
Freundin antwortete nicht. Das würde sie auch nicht mehr.
„Verdammt, rede mit mir!" Presste sie unter Tränen hervor
und sank auf das trockene Gras. „Was mache ich denn nun ohne
dich?"
Carol
wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, es spielte auch keine
Rolle. Sie erschrak nicht, als sie die kühle Hand auf ihrer
Schulter spürte.
„Carol?"
Sie
reagierte nicht.
„Carol,
sag doch etwas!"
Doch
ihr Körper schien wie erstarrt, sie brachte nicht einmal ein
Wort über die Lippen.
„Carol?!"
Er zog sie mit aller Kraft in die Höhe.
„Sie
kann nicht gegangen sein. Sag mir, dass das nur ein Alptraum
ist!"
Miguel
seufzte leise und zog sie in seine Arme.
„Ich
will erwachen!"
„Ich
auch." Er strich beruhigend über ihren Rücken.
„Warum?
Warum hat sie uns verlassen? Warum?" Carol löste sich von
ihm.
Er
musterte sie traurig.
„Warum
musste ich mich ausgerechnet an diesem Tag mit ihr treffen? Es hätte
mir an ihrer Stelle passieren sollen!"
Miguel
verwischte ihre Tränen. „Das hat keinen Sinn."
Carol
presste ihr Gesicht an seine Brust und schluchzte.
„Wir
hatten am Tag zuvor einen heftigen Streit. Ich hatte niemals die
Gelegenheit ihr zu sagen, wie sehr ich sie liebte...doch, es hatte
unzählige Gelegenheiten gegeben, ich hatte sie aber nicht
genutzt..."
Sie
löste sich langsam von ihm. „Sie wusste es."
„Ich
wollte ihr an unserem Jahrestag, heute, einen Heiratsantrag
machen..." Er wich ihrem Blick aus. „Kaum zu glauben, was? Wir
brauchten Jahre, bis wir wirklich zusammen kamen und dann hatten wir
nicht einmal ein ganzes Jahr. Könnte ich die Zeit zurück
drehen, hätte ich ihr bereits bei unserem Kennenlernen kurz vor
dem Schulabschluss meine Liebe gestanden und ihr einen Antrag
gemacht."
„Miguel..."
Carol lächelte sanft. „...wenn du das gemacht hättest,
wäre sie schreiend davon gelaufen..."
Miguel
erwiderte ihr Lächeln. „Bindungsfreudig war sie früher in
der Tat nicht. Wir waren es beide nicht. Wir waren so dumm. All diese
Jahre...die reinste Verschwendung...nun ist es zu spät..." Er
senkte den Blick.
„Wir
müssen dankbar sein..." Carol fixierte den Grabstein. „Für
jede Minute mit ihr. Das hat meine Grandma gesagt. Sie wird in uns
weiterleben..."
„Ich
hätte sie beschützen müssen...verdammt, wo war ich zu
dieser Zeit?"
Carol
seufzte leise. „In der Arbeit. Miguel, wie du bereits gesagt hast,
das führt zu nichts. Es tut so höllisch weh. Ich bezweifle,
dass dieser Schmerz jemals vergehen wird. Aber Grandma hat gesagt,
wir müssen stark sein. Für uns. Für Carmen. Sie hat
Recht. Carmen würde das hier nicht wollen..." Sie wandte sich
ihrem Freund zu. „Miguel?"
Er
musterte sie Stirn runzelnd.
„Carmen
wäre die Taufpatin meines Kindes geworden..." Carols Augen
begannen zu tränen. Sie fasste sich an den noch flachen Bauch.
„Würdest...würdest du diesen Part nun übernehmen?"
Er
atmete tief durch, nickte schließlich. „Das würde ich
von Herzen gerne."
Sie
lächelte leicht. „Danke."
Miguel
zog sie erneut in seine Arme. „Du kannst immer auf mich zählen,
okay?"
„Danke."
Carols Augen begannen zu tränen. Der Druck auf ihrem Herzen
begann ihr die Luft zu nehmen. Sie löste sich langsam aus seinen
Armen und wich seinem Blick aus. „Miguel, da ist noch etwas, das
ich dir sagen muss..." Sie schloss die Augen und atmete tief durch.
„Carmens Großvater hat mit mir über den Autopsiebericht
gesprochen..." Sie hielt inne und blickte ihn mit tränenden
Augen an. „Sie wusste es scheinbar selbst noch nicht...Miguel, auch
Carmen...auch sie war schwanger."
--------- Flashback Carol Ende ---------
Ich
beobachtete, wie sich meine Tochter die letzten Tränen von den
Wangen wischte, unfähig zu sprechen. Was hatte diese junge Frau
nur schon alles durchgemacht?
Als
hätte sie meine Gedanken gelesen, meinte sie mit erstickter
Stimme. „Mum, ich weiß ehrlich gesagt nicht, was mit mir
passieren wird, wenn ich auch noch Grandma verliere..." Sie
schüttelte den Kopf und fixierte die hellblaue Bettdecke.
„Carol!
Sag so etwas nicht! Du hast eine Familie, welche dich über alles
liebt! Und wunderbare Freunde!"
„Sie
wird wieder gesund. Bitte sag mir, dass sie wieder gesund wird. Sie
darf uns nicht verlassen." Carol schüttelte den Kopf.
„Wir
werden alles dafür tun, dass sie wieder gesund wird. Das
verspreche ich dir."
„Okay..."
Sie atmete tief durch.
„Nun
schlafe ein wenig."
Carol
folgte meinem Ratschlag. Ich beobachtete sie während der
folgenden zwei Stunden, schaffte es nicht mich zu erheben und wollte
es auch nicht. Das Knarren der Tür schreckte mich aus meinen
angsterfüllten Gedanken. Luke war gekommen um Carol abzuholen.
Es wurden wenige Worte gewechselt und sie fuhren gemeinsam mit Ramón
und Jenny ins Krankenhaus. Schließlich war auch Mums Arzt
gekommen. Ich wartete unruhig vor der Tür, während er sie
untersuchte und versuchte vergeblich Wortbrocken zu verstehen. Susana
war derweil in die Küche gegangen um Essen für uns alle zu
kochen. Nach einer halben Stunde verließ der schon etwas ältere
Arzt Mums Zimmer. Mein Herzschlag wurde schneller. Ein schwerer Druck
erfasste erneut mein Herz. „Dr. Connor..." Ich runzelte die
Stirn.
Er
schloss die Tür und schenkte mir ein kurzes Lächeln.
„Wie
geht es ihr?" Ich wartete keine Antwort ab. „Sie klagte die
letzten Tage schon etwas weniger über Schmerzen und kann sich
zunehmend an Details erinnern." Ich mühte mich um ein Lächeln.
„Sie nimmt ihre Tabletten regelmäßig und trinkt unter
großer Müdigkeit ihren Tee sogar beinahe ohne zu jammern.
Auch ihre Gesichtsfarbe wirkt rosiger..." Sein mildes Lächeln
ließ meinen Redeschwall verstummen.
Er
seufzte leise und betrachtete mich nachdenklich.
„Dr.
Connor?"
„Mrs.
Gilmore..."
Ich
korrigierte ihn nicht bezüglich der falschen Anrede. „Ja?"
„Ihre
Mutter ist schon im fortgeschrittenen Alter..."
„Heutzutage
werden genügend Menschen dreißig Jahre, oder sogar mehr,
älter..."
Er
nickte. „Das ist richtig. Ich möchte Ihnen aber keine falschen
Hoffnungen machen und muss ehrlich zu Ihnen sein..."
Ich
rang fröstelnd nach Atem.
Dr.
Connor legte seine Hand sanft auf meinen Arm. „Auch wenn die
Erinnerungsfähigkeit Mrs. Gilmores in den letzten Tagen positive
Phasen hatte, hat sich ihr gesundheitlicher Zustand leider nicht
verbessert. Ihr Körper ist sehr schwach und müde. Ich weiß
ehrlich gesagt nicht, was ich noch für sie tun könnte..."
Ich
glaubte den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ein
Schwindel erfasste mich. Meine Lippen wurden trocken, konnten zuerst
kein Wort formen. Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Die
Nägel stießen schmerzend in meine Haut. Die Wut, der
Schmerz, die Angst - alle Gefühle schienen zugleich aus mir zu
schwallen. „Was sind Sie eigentlich für ein Arzt?! Wie können
Sie sie einfach so aufgeben? Was haben Sie schon für eine Ahnung
über ihren Kampfgeist? Was wissen Sie schon darüber?! Ich
werde einen Spezialisten konsultieren! Wer hat Ihnen das Recht
verliehen als Arzt zu arbeiten? Was haben Sie denn schon versucht?!
Sie geben sie einfach auf! Ihnen sollte die Lizenz entzogen werden!
Sie wird nicht sterben! Sie wird kämpfen! Sie ist stark! Sie
wissen gar nicht, wie stark sie ist! Sie wird nicht gehen. Nein, das
wird sie nicht. Dafür werden wir sorgen. Sie wird wieder gesund
werden! In wenigen Monaten werden wir wieder gemeinsam Kaffee trinken
und Videos schauen!" Jede einzelne Träne versetzte mir einen
weiteren Stich im Herzen.
„Mrs.
Gilmore..." Dr. Connors Stimme war sanfter geworden.
„Verschwinden
Sie! Verschwinden Sie endlich!" Schrie ich ihn an und wandte mich
zum Treppenabgang, wo ich Jess auf der obersten Stufe stehend
erkannte.
Es
war zuviel für mich. Ich sank auf den kalten Boden und vergrub
das Gesicht in den Händen
Jess
wechselte leise ein paar Worte mit dem Arzt. Ich verstand sie nicht,
versuchte es aber auch gar nicht.
„Rory?"
Er reichte mir die Hände und zog mich hoch.
„Ich
kann nicht mehr!" Schluchzte ich hemmungslos. „Ich kann nicht
mehr, Jess! Das ist zuviel!"
Er
zog mich in seine Arme und strich mich beruhigend über den
Rücken.
Plötzlich
vernahmen wir leise Schritte. Ich löse mich langsam aus Jess'
Armen und drehte mich um.
Matt
stand am Treppenabsatz und blickte uns an. Seine Augen waren voller
Angst und Verzweiflung. „Nein." Flüsterte er.
„Nein..."
„Matt..."
Er
schüttelte den Kopf. „Sie ist nicht...sie wird nicht..." Er
verstummte.
„Nein!"
Ich zog ihn in meine Arme. „Nein, sie wird uns nicht verlassen. Das
wird sie nicht! Wir pflegen sie gesund! Hast du mich verstanden?!"
Er
löste mich langsam. Sein Anblick zerbrach mir beinahe das Herz.
Er war blass geworden, seine Augen gerötet. Ich hatte Matt seit
bestimmt zwanzig Jahren nicht mehr weinen gesehen. „Schatz, deine
Grandma ist stark! So stark, das kannst du dir gar nicht
vorstellen!"
Matt
warf Jess einen Blick zu, dieser nickte zögernd. „Die Gilmores
sind alle Kämpfer."
„Genau.
Hör auf ihn. Er hat uns schon lange genug am Hals." Aus
unerfindlichen Gründen gelang mir sogar ein leichtes Lächeln.
„Verliere niemals den Glauben in sie. Schlimm genug, dass auch
dieser Arzt sie aufgegeben hat. Aber wir werden einen fähigeren
konsultieren, hörst du?"
Matt
nickte zaghaft. „Darf ich zu ihr?"
„Natürlich.
Geh ruhig. Wir werden einstweilen runter gehen und Susana helfen. Mum
hat gewiss schon lange Hunger."
Als
Matt die Tür hinter sich geschlossen hatte, ergriff Jess meine
Hand. „Du bist so stark."
Ich
lachte gequält. „Wir hatten tatsächlich zu lange keinen
Kontakt mehr. Ich bin alles andere als stark, Jess. Wenn du wüsstest,
wie es in meinem Inneren aussieht..."
„Das
weiß ich..." Er strich mir die von den Tränen verklebten
Haarsträhnen hinters Ohr. „...das habe ich immer gewusst."
Ich
lächelte leicht. „Danke...für alles..."
„Ich
bin für dich da, Rory. Das werde ich immer sein."
„Danke,
Jess. Deine Freundschaft bedeutet mir sehr viel. Besonders in diesen
schweren Stunden..."
Er
nickte. „Lass uns hinunter gehen. Carmen und Juan können dich
gewiss ein wenig ablenken. Ich helfe derweil Susana."
Auf
der letzten Stufe angekommen, hielt ich inne. „Jess?"
Er
blickte mich Stirn runzelnd an.
„Mum
erzählte mir heute Morgen, dass sie von einem Videoabend
geträumt hätte. Wir schauten Footloose..."
„Einer
eurer Lieblingsfilme." Jess lächelte. „Wie oft habt ihr ihn
gesehen, 2000 Mal?"
„Nein,
exakt 3456 Mal."
„Wow."
Ich
wurde wieder ernst. „Es macht mich traurig, wenn ich an die letzten
vierzig Jahre denke...ich werde nie wirklich begreifen, warum es
soweit kommen konnte..."
Er
seufzte leise, wusste offenbar nicht, wie er reagieren sollte.
„Ich
sorge mich auch um Carol. Sie hat schon so viel durchgemacht. Die
ganze Aufregung und Angst...ich habe Angst, dass es ihr zuviel
geworden ist..."
„Rory!"
Jess ergriff meine Hände. „Carol wird es wieder besser gehen.
Versprochen."
Ich
unterdrückte die Tränen nur sehr mühsam. „Ja..."
Ich versuchte selbstsicherer zu klingen. „Genau wie Mum..."
Jess
wich meinem Blick aus. „Komm." Er zog mich ins Wohnzimmer, wo
Carmen und Juan auf der Couch saßen und fernsahen. Ich setzte
mich zu ihnen, während Jess in die Küche ging. Mein kleiner
Enkelsohn ließ sich nicht von den bunten Bildern des
Animationsfilmes ablenken. Carmen wandte sich jedoch sogleich mit
ängstlichen Augen an mich. „Was ist mit Mamá? Wie geht
es Uroma?" Ihre Stimme zitterte.
„Deine
Mummy fühlt sich nur ein wenig schwindlig. Die Ärzte werden
ihr Medikamente verschreiben. Es geht ihr gewiss bald wieder gut."
Ich lächelte leicht.
„Und
Uroma?" Carmen runzelte die Stirn.
Ich
atmete tief durch. Es gelang mir erneut die Tränen zu
unterdrücken. „Auch sie wird wieder ganz gesund werden."
33. Teil
Als
der Nachmittag dem Abend wich, begann ein heftiger Schneesturm zu
wüten.
Die
Jalousien schlugen hart an die Fenster. Ich vernahm die Schritte auf
den Stufen kaum, doch ein Instinkt trieb mich aus der Küche, wo
wir gesessen und ein wenig gegessen hatten.
Matt
saß auf den Stufen zum Stiegenaufgang, das Gesicht in den
Händen gestützt. Den Blick zu Boden gerichtet. Ich näherte
mich langsam. Er sah nicht hoch.
„Wie
geht es ihr?"
„Sie
möchte noch ein wenig Suppe."
Ich
nickte leicht und ging zurück in die Küche.
Susana
und Jess saßen noch immer auf dem kleinen Tisch und
unterhielten sich leise.
„Susana?"
Ich blickte sie unsicher an. Es war in diesen Stunden keine Qual mehr
sie um etwas zu bitten. Die Vergangenheit schien angesichts dieser
Zukunft so belanglos.
Sie
betrachtete mich Stirn runzelnd.
„Mum
mochte deine Suppe..."
Ein
leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie erhob sich. „Ich
werde ihr noch ein wenig machen." Sie blickte auf ihre Uhr. „Sie
werden ohnehin bald aus dem Krankenhaus zurück sein und wollen
gewiss auch essen."
„Danke."
Ich lächelte leicht. „Entschuldigt mich bitte kurz, ich möchte
mit meinem Sohn sprechen."
Jess
nickte. „Lass dir Zeit."
Zeit
war im Moment das wenigste, das wir hatten.
Matt
hatte seine Position noch nicht geändert. Ich ließ mich
unsicher neben ihn sinken. Die Stufe war kalt, ich nahm es nur vage
war. „Matt. Wir sollten darüber reden..."
„Warum
hat der Arzt sie aufgegeben? Wir werden sie wieder gesund
pflegen."
Ich
nickte. „Ja, das werden wir...aber Matt, ich wollte über etwas
anderes mit dir sprechen."
Eine
Falte bildete sich auf seiner Stirn. Er seufzte. „Ich weiß."
„Ich
habe einen großen Fehler gemacht. Der Fehler war es euch zu
verschweigen und mich nicht sofort von deinem Vater zu trennen. Ich
hatte schon damals gewusst, dass mich diese Ehe niemals glücklich
machen konnte. Das, mein Schatz, war mein Fehler. Gewiss nicht du.
Ich liebe dich. Und vielleicht hat Carol recht, wenn sie sagt, ich
hätte dich auf eine gewisse Art und Weise stets bevorzugt, auch
wenn mir das gar nicht richtig bewusst gewesen ist."
„Mum...lassen
wir dieses Thema. Es gibt im Moment Wichtigeres, über das wir
uns Gedanken machen sollten!"
„Matt..."
Ich wollte seinen Arm berühren, doch er erhob sich
schnell.
„Eines
würde mich allerdings interessieren..." Ein kalter Schauer
lief mir über den Rücken. Sein Blick schien den Raum
gefrieren zu lassen. „Warum erzählst du mir das ausgerechnet
jetzt? Warum willst du ausgerechnet jetzt dein Gewissen erleichtern?
Ausgerechnet jetzt. Jetzt, wo es so unsicher ist, wie es mit Grandma
weitergehen wird..."
--------- Flashback ---------
Ich
nippte gerade an meinen Kaffee, als es an der Tür klopfte. „Ja?"
Ich erwartete den Chefredakteur, der heute keinerlei Geduld zu zeigen
schien.
„Hey."
Matt trat grinsend ein und schloss die Tür. „Ich hoffe, es ist
okay, dass ich in der Redaktion vorbei schaue. Du sagtest, ich solle
dich sofort nach den Prüfungen anrufen, ich hielt es für
eine bessere Idee zu kommen."
Ich
nickte und blickte ihn erwartungsvoll an. Als er nicht reagierte,
meinte ich. „Mach es bitte nicht so spannend. Ich war, im Gegensatz
zu dir, nervös."
Er
grinste. „Du siehst einen neuen High School Absolventen vor
dir."
„Oh
mein Gott!" Ich umarmte ihn stürmisch.
Er
löste sich. „Ich sollte ein Buch über meine Eltern
schreiben. Alles was Dad meinte, war Na endlich. Du benimmst dich,
als wäre mir ein Nobelpreis verliehen geworden."
„Ach
Schatz! Ich freue mich einfach so! Du hast die letzten Wochen so hart
gearbeitet. Auf welches College wirst du nun gehen?"
Er
wich meinem Blick aus. „Da ist noch etwas, über das ich mit
dir sprechen wollte. Ich habe mir überlegt ein Jahr zu pausieren
und mir ein wenig von der Welt anzusehen."
Ich
runzelte die Stirn.
„Mum,
du hast es immer bereut nicht mehr von der Welt gesehen zu haben. Ich
möchte das nicht. Jetzt ist wohl die geeignetste Zeit dafür.
Aber ich verspreche dir, dass ich es nächstes Jahr zumindest mit
einem Studium versuchen werde."
„Ach
Matt..." Ich seufzte leise. „Ist dir diese Reise denn so
wichtig?"
„Ja."
Er nickte.
„Ich
kann nicht sagen, dass ich damit einverstanden bin, aber du bist
schon achtzehn. Ich möchte nicht, dass du mir eines Tages
denselben Vorwurf wie Carol machst, dass ich versucht hätte,
mich zu sehr in ihr Leben einzumischen."
Er
ging nicht darauf ein. „Ich habe also deinen Segen?"
„Könnte
ich es denn verhindern?" Ich lächelte leicht. „Ja, mein
Schatz. Du hast meinen Segen. Aber nur wenn du mich zumindest zweimal
die Woche anrufst und mir oft schreibst."
„Okay,
das wird sich einrichten lassen." Er hob eine Augenbraue. „Da ist
noch etwas." Er zog zwei Karten aus seiner Jackentasche und reichte
sie mir.
„Was
ist das?" Meine Augen weiteten sich. „Footloose?! Oh mein Gott!
Ich hatte vor einer Woche gehört, dass es wieder aufgeführt
werden würde!"
„Und
davor gehen wir essen. Natürlich nur wenn du dich einen Abend
lang mit deinem nervenden Sohn abgeben möchtest."
„Was
redest du denn da? Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen!
Aber das Essen möchte ich zahlen, hörst du? Schließlich
ist das dein Abschluss."
„Es
geht nicht nur darum, Mum." Er lächelte leicht. „Ich möchte
dir danken. Du weißt, ich bin nicht unbedingt jemand, der groß
über seine Gefühle spricht. Das ist meine Art dir zu
danken, dass ich es so weit gebracht habe und du immer für mich
da gewesen bist. Ohne dich hätte mich Dads Art bereits mit
vierzehn, oder sogar noch früher, auf die Straße
getrieben. Ich wäre wahrscheinlich unter einer Brücke an
einer Überdosis gestorben."
--------- Flashback Ende ---------
„Matt..."
Er
schüttelte den Kopf. „Du bist egoistisch. Du bist noch
egoistischer, als du jemals gewesen bist..."
Ich
seufzte leise, konnte nur schwer akzeptieren, dass es zu früh
war. Wir würden nicht weiterkommen. Noch nicht. „Ich hoffe,
dass du mir eines Tages verzeihen können wirst."
„Das
hoffe ich auch." Er würdigte mich noch eines letzten Blickes,
bevor er im Wohnzimmer verschwand.
Meine
Augen begannen zu tränen. Plötzlich vernahm ich ein
Geräusch an der Haustür. Mein Herzschlag wurde schneller.
Ein beunruhigender Druck erfasste mich.
Die
Tür schien sich wie in Zeitlupe zu öffnen. Ich erhob mich
zaghaft.
--------- Flashback ---------
„Mum!"
Carol ließ die Tür freudig ins Schloss fallen und lief in
mein Arbeitszimmer, wo ich gerade an einem Artikel schrieb.
Logan
hatte vor wenigen Minuten angerufen, dass er wieder länger
arbeiten musste. Genervt von der erneuten Unterbrechung bemerkte ich
nicht das Strahlen ihres Gesichtes, sondern nur die zersausten Haare
und das verstaubte Gewand. „Wo hast du dich schon wieder
herumgetrieben?"
Sie
runzelte die Stirn. „Sheila, Chris, Sue und ich waren noch kurz am
Strand und haben Eis gegessen. Zur Feier des Tages." Ein kurzes
Strahlen erfüllte erneut ihr Gesicht.
„Ich
habe zu tun." Ich deutete auf den Stapel Notizen, welcher noch in
dem Artikel eingearbeitet werden musste. „Mach es bitte schnell. Du
musst lernen auf den Punkt zu kommen!"
„Ich
darf für die Schülerzeitung schreiben. Die haben meine
Aufsätze gelesen und sich für mich entschieden!"
Ich
lächelte leicht. „Das ist schön. Du kannst stolz auf dich
sein. Aber nimm diese Aufgabe ernst. Sie ist nicht so einfach, wie
sie dir möglicherweise scheinen mag..."
Eine
Falte bildete sich auf ihrer Stirn. Sie verschränkte die Arme.
„Was du nicht sagst. Herzlichen Dank, für die positive
Anteilnahme..."
„Sei
nicht schon wieder beleidigt. Du musst auch mich verstehen, ich habe
gerade sehr viel zu tun..."
„Wann
hast du das nicht?" Ohne eine Antwort abzuwarten verließ sie
das Arbeitszimmer und ließ die Tür krachend ins Schloss
fallen.
---------- Flashback Ende ---------
Ich
musterte ihre Gesichter prüfend. Ein zartes Gefühl der
Erleichterung erfasste mich, als ich die schon etwas entspannteren
Mienen Lukes und Jennys sah. Schließlich betraten auch Ramón
und Carol das Haus. Er schloss die Tür hinter ihnen.
„Carol!"
Ich ergriff ihre Hände. Ein erneuter Druck erfasste mein Herz.
Ihre Augen waren gerötet. „Was hat der Arzt gesagt?"
Sie
wollte gerade antworten, als auch Susana, Jess, Matt und Carmen den
Vorraum betraten.
„Mamá!"
Letztere umarmte Carol stürmisch.
„Es
ist alles in Ordnung, mein Liebling." Sie strich sanft durch das
dunkle Haar ihrer Tochter. „Wo ist denn dein kleiner Bruder?"
„Er
ist vor dem Fernseher eingeschlafen."
Carol
lächelte. „Es wäre ohnehin schon längst
Schlafenszeit für ihn gewesen."
Susana
betrachtete ihre Schwiegertochter besorgt. „Was hat denn der Arzt
gesagt?"
Carol
löste sich sanft von ihrer Tochter. „Er hat mir beruhigende
Medikamente verschrieben, die wir auch sofort danach besorgten, und
mir geraten mich besser zu schonen..." Ihre Augen begannen zu
tränen. Tränen der Erleichterung. „Den Kindern geht es
gut. Aber ich muss mehr auf uns Acht geben."
Ich
umarmte sie. „Ich bin so froh, dass mit euch alles in Ordnung ist.
Ich hatte mich so gesorgt."
Sie
löste sich langsam aus meinen Armen. „Danke, aber das wäre
nicht notwendig gewesen." Sie lächelte leicht. „Ich würde
jetzt gerne zu Grandma."
Susana
nickte. „Aber iss vorher ein wenig."
„Das
haben wir schon im Restaurant des Krankenhauses. Wir waren so
hungrig." Erklärte Ramón.
„Im
Krankenhausrestaurant?" Susana verzog den Mund und musterte ihren
Sohn ungläubig.
„Es
war wirklich sehr gut. Sie haben dort ausgezeichnete Küche."
Jenny lächelte.
Susana
wirkte schon ein wenig besänftigt. „Wir können ja etwas
für morgen aufheben."
„Ich
probiere gerne noch einen Teller." Luke lächelte. „Dein
Talent zu Kochen ist so hervorragend, dass ich gerne mal etwas mehr
esse."
Ein
Strahlen umhüllte ihr Gesicht. „Vielen Dank, Luke. Möchtest
du oben gemeinsam mit Lorelai essen? Es hat ihr so gut geschmeckt,
dass sie noch etwas möchte."
„Tatsächlich?"
Er lächelte zufrieden. Mum hatte in den letzten Tagen nur wenig
Appetit gehabt. „Natürlich, ich werde zu ihr
gehen."
Schließlich
betraten wir fünf Minuten später zu dritt Mums Zimmer.
„Na
endlich!" Sie musterte mich Kopf schüttelnd. Ich half ihr sich
aufzusetzen und stützte ihren Rücken mit zwei Polstern.
Luke brachte ihr ein kleines Tischchen, das er extra angefertigt
hatte, damit sie im Bett essen konnte. Wir stellten das Tablett mit
der dampfenden Schüssel darauf. Mum sog lächelnd den Duft
auf. „Danke." Plötzlich fiel ihr Blick auf Carol, welche
noch etwas abseits geblieben war. „Engelchen, was führst du
denn auf? Wolltest du mir die Show stehlen?" Sie musterte ihre
Enkeltochter besorgt und deutete ihr, sich auf den Sessel auf der
rechten Seite des Bettes zu setzen. Luke und ich setzten uns
währenddessen auf die anderen beiden Stühle. „Was hat
George Clooney gesagt?"
Carol
lachte. „Den Kindern und mir geht es gut. Wir haben Medikamente
verschrieben bekommen und werden uns in Zukunft ein wenig mehr
schonen."
„Und
du wirst euch auch wirklich besser schonen und brav die Medikamente
nehmen!"
„Natürlich,
Grandma."
„Braves
Kind." Mum nickte zufrieden und kostete von der Suppe. „Oh Carol!
Du hast ein Glück, dass deine Schwiegermutter so gut kochen
kann!" Sie wandte sich an Luke, der ebenfalls gerade seine Suppe
aß. „Köstlich, nicht?"
Luke
nickte. „Susana versteht ihr Handwerk."
„Grandpa
kocht doch ebenso gut." Carol lächelte. „Susana gab es
leider schon vor vielen Jahren auf, mir das Kochen zu lernen."
„Ein
Talent zum Kochen steckt nicht in unseren Genen. Sieh dir deine
Mutter und mich an. Fertiggerichte, die bekommen wir hin." Mum
schenkte mir einen kurzen Blick.
„Mum
machte früher ein paar Mal sehr gute Pancakes."
Mum
starrte mich sprachlos an. „So etwas kannst du? Wie konntest du mir
das nur verheimlichen?"
Ich
zuckte mit den Schultern. „Pancakes machen kann man wohl kaum als
kochen bezeichnen..."
„Wie
bitte?" Mum schüttelte den Kopf. „Ich bin schwer von dir
enttäuscht." Sie wandte sich an Luke. „Hast du das gehört?
Die Kleine kann Pancakes machen!"
Luke
lächelte. „Du hättest es gewiss auch gekonnt, hättest
du es öfters als einmal versucht."
Sie
zuckte mit den Schultern. „Wozu wärst du dann da
gewesen?"
Carol
betrachtete die beiden lächelnd. „Ich hoffe, dass es in
dreißig Jahren zwischen Ramón und mir noch genauso sein
wird."
„Wenn
du ihn richtig erziehst, wird das klappen." Mum zwinkerte. „Wie
läuft es denn mit Carmen und Eddie? Ich muss mich schließlich
am Laufenden halten."
„Carmen
und wem?" Luke musterte sie irritiert.
„Carmens
Freund Eddie. Du solltest dir allmählich ein Hörgerät
besorgen." Mum grinste.
„Carmen
hat einen Freund? Unsere kleine Carmen? Die erst zwölfjährige
Carmen?"
„Ja,
Luke. Lasst du jetzt bitte unsere Enkeltochter zu Wort kommen? Sie
muss sich schonen und ich möchte deshalb, dass sie heute früher
zu Bett geht."
„Aber
Carmen hat doch noch kein Interesse an Jungs!"
„Männer..."
Mum schüttelte den Kopf und wandte sich wieder an Carol. „Also
wie läuft es?"
„Ganz
gut." Carol lächelte. „Er hat ihr zum Abschied einen
Liebesbrief geschrieben und eine Rose geschenkt."
„Einen
Brief und eine Rose?! So ein Schmeichler..." Brummte Luke.
Mum
deutete ihn still zu sein. „Wie süß!" Sie betrachtete
Carol lächelnd. „Die erste Liebe ist etwas Besonderes. Man
vergisst sie nie..."
„Liebe!
Sie ist erst zwölf!" Luke runzelte die Stirn. „Wie alt ist
er denn?"
„Er
ist bereits über dreißig und vor kurzem nach einem
zehnjährigen Gefängnisaufenthalt wieder entlassen
worden."
„Das
ist nicht witzig, Lorelai."
„Jetzt
klingst du schon wie meine Eltern." Mum lachte.
„Er
ist in Carmens Alter und vergöttert sie." Carol lächelte.
„Das
sind die Gefährlichsten!"
„Ein
über dreißigjähriger Schwerverbrecher wäre dir
also lieber?" Ich betrachtete Luke belustigt.
„Mach
dich nicht auch du noch über mich lustig, Rory. Man hört
täglich von Männern, welche so besessen von ihren
Freundinnen sind, dass sie schließlich zu allem fähig
werden."
Mum
betrachtete ihn ernst. „Luke. Du solltest dir wirklich weniger
Krimis ansehen..."
„Sie
sind noch Kinder! Was sagt denn Ramón dazu?"
„Ich
überlegen noch, wie ich es ihm am besten beibringen werden."
Erklärte Carol.
„Dafür
erweist sich das kleine Schwarze möglicherweise als ganz
hilfreich..." Mum grinste.
„Frauen..."
Luke schüttelte den Kopf. „Denkst ihr denn wirklich, es reicht
euch aufreizend anzuziehen um unsere Gehirnzellen
abzuschalten?"
„Natürlich
nicht, Luke." Mum zwinkerte belustigt. Sie wandte sich an Carol und
mich. „Vertagen wir das Thema lieber auf einen Tag, an welchem sich
kein männliches Wesen störend einmischen kann..." Sie
grinste. „Wie läuft es bei deiner Zeitung, Rory?"
„Ganz
gut, Mum." Ich mühte mich um ein Lächeln. „Es ist nicht
CNN, aber okay."
„Ach
Schätzchen..." Sie drückte meine Hand. „Du hast viel
erreicht. Sei zufrieden damit. Andere haben nicht einmal halb so viel
erreicht."
Ich
zuckte mit den Schultern. Es machte mich noch immer schwermütig,
dachte ich an die Träume der achtzehnjährigen Rory von
einst. Was war nur aus meinem Leben geworden? Ich schien in jeder
Hinsicht versagt zu haben. Aus der ehrgeizigen Yale Studentin war
eine kleine Journalistin einer noch kleineren Zeitung Seattles
geworden. Christine Anampour wäre sicherlich stolz auf mich
gewesen...
„Mum..."
Carol schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln. „Du schreibst
wunderbar. Ich habe jeden deiner Artikeln verschlungen und finde es
schade, dass es die Zeitung nicht auch in Puerto Rico gibt. Jenny
schickt mir manchmal eine Ausgabe. Auch Grandma hat schon sehr oft
eine von ihr erhalten."
Mum
nickte. „Das stimmt. Du bist wahnsinnig gut und kannst verdammt
stolz auf dich sein. Denke nicht daran, was du einmal erreichen
wolltest, sondern daran, was du erreicht hast. Blicke stets nach
vorne, mein Schatz. Im Leben kommt vieles anders, als man sich
erhofft und erträumt hat. Man muss das Beste daraus machen und
darf vergangenen Zeiten nicht nachtrauern. Das bringt uns nicht
weiter, im Gegenteil, es wirft uns nur zurück. Lebe, mein
Schatz, lebe."
Ein
eigenartiger Druck erfasste mein Herz. Ich fröstelte. Meine
Augen begannen zu tränen, als die Angst erneut Macht über
mich ergriff.
„Mum..."
Carol betrachtete mich Stirn runzelnd.
Meine
Augen hefteten auf Mums, welche mich sanft betrachteten und mir in
diesem Moment so viel zu sagen schienen.
Ich
schloss sie und atmete tief durch. „Entschuldigt..." Ich mühte
mich um ein leichtes Lächeln. „Danke, Mum. Du hast
recht."
„Natürlich
habe ich das." Ihre Augen waren noch immer voller Liebe und
Zärtlichkeit. Sie wandte sich lächelnd an Carol. „Es ist
spät. Wir beide sollten nun ruhen, was denkst du?"
Ihre
Enkeltochter nickte leicht.
„Morgen
ist ja auch noch ein Tag." Mum lächelte. „Rory? Sag Susana
‚Danke' für die wunderbare Suppe."
„Okay."
Ich nickte und umarmte sie. „Gute Nacht, Mum...ich liebe dich."
Sie
verwischte die einzelne Träne. „Schlaf gut, mein
Schatz."
Nachdem
auch Carol sie umarmt und sich verabschiedet hatte, meine Mum zu
Luke. „Würdest du noch ein paar Minuten bleiben?"
Er
nickte schweigend.
Ich
schenkte den beiden noch einen letzten Blick, als ich mit Carol den
Raum verließ.
„Mum..."
Sie betrachtete mich Stirn runzelnd, als ich die Tür geschlossen
hatte.
Ich ergriff ihre Hand und drückte sie sanft. „Sag
den anderen schnell ‚Gute Nacht'. Ich mache derweil dein
Bett."
Sie nickte zögernd und folgte meinen Worten. Nach
wenigen Minuten betrat sie das kleine Gästezimmer mit ihrem
kleinen Sohn auf dem Arm. Sie legte ihn sanft in das kleine Bettchen,
wo er sofort wieder in einen seligen Schlaf fiel. Wir gaben ihm beide
einen Kuss auf die Wange, bevor wir uns auf das Bett setzten. „Danke
fürs Bettmachen." Sie lächelte leicht.
Ich nickte.
„Bevor du schläfst, möchte ich aber noch mein Versprechen
erfüllen." Ich erhob mich langsam. Luke hatte mir gesagt, dass
er in dem kleinen Schrank am Gang Kerzen aufbewahrte. Ich stellte
fünf auf den kleinen Nachttisch.
Carols Augen begannen zu
tränen. Sie lächelte leicht. „Danke, Mum..."
Wir
zündeten sie abwechselnd an. Eine für meine Großmutter,
eine für meinen Großvater, eine für Carmen, eine für
Corinne. Und die letzte für Mum, deren Licht mir am hellsten zu
strahlen schien. Wir betrachteten den beruhigenden Kerzenschein noch
lange. Unsere Tränen waren stumm, aber voller Schmerz. Dennoch
gaben uns die kleinen Flammen etwas sehr Wertvolles. Hoffnung und
Mut.
Als ich zu sehr späten Stunde noch einmal die
Küche betreten wollte um mir ein wenig Kaffee zu machen, bot
sich mir ein ungewöhnliches Bild. Ich blieb zögernd in der
Tür stehen und betrachtete es Stirn runzelnd.
Matt und Jess
saßen an dem kleinen Küchentisch und nippten an ihren
Tassen.
„Es ist nicht leicht." Meinte mein Sohn.
Jess
schüttelte den Kopf. „Nein. Es wird zwar leichter werden, wir
werden besser damit umgehen können, aber der Schmerz - er wird
immer da sein."
Matt seufzte leise. „Danke."
Jess nickte
leicht. „Du kannst jederzeit mit mir darüber sprechen.
Natürlich auch über andere Dinge. Es ist oft leichter mit
Menschen zu sprechen, welchen man sich seelisch nicht so sehr
verbunden fühlt."
„Über Gefühle zu sprechen ist
leider allgemein kein großes Talent von mir..."
Jess
lächelte leicht. „Es gehört auch nicht unbedingt zu
meinen Stärken."
Matt wich seinem Blick aus. „Das muss
wohl in den Genen liegen."
„Hör mal, Matt..." Jess
betrachtete ihn Stirn runzelnd. „Deine Mutter hat einen großen
Fehler begangen, daran besteht kein Zweifel. Aber sie liebt dich. Ich
verstehe, dass du wütend auf sie bist. Das ist dein gutes Recht.
Aber gib ihr eine Chance. Die hat sie verdient. Sie ist kein
schlechter Mensch."
Matt fixierte die Tischplatte
schweigend.
„Ich weiß, es geht mich nichts an. Dieses
Recht würde ich mir niemals herausnehmen. Es ist eine Sache
zwischen euch beiden. Ich habe dir das nicht als dein biologischer
Vater oder als nervender Neffe Lukes gesagt, sondern lediglich als
jemand, der Rory einmal sehr gut kannte."
„Du hast nichts
davon gewusst?"
Jess schüttelte den Kopf. „Bis vor kurzem
nicht."
„Macht es dich denn nicht wütend?"
„Doch,
Matt. Das tut es. Doch du kannst unsere Situationen nicht miteinander
vergleichen. Rory und ich hatten jahrzehntelang keinen Kontakt.
Außerdem, was hätte es für einen Sinn, würde ich
in diesen Stunden auch noch Groll gegen eine Frau hegen, welche es so
schwer hatte? Und wenn ich dich so betrachte, denke ich mir, dass es
mich wirklich hätte schlimmer treffen können."
Matt
seufzte. „Logan behandelte sie stets wie den letzten Dreck. Genau
wie mich. Sie war meine wichtigste Bezugsperson, auch wenn ich ihr
das niemals so deutlich gesagt habe. Ich bin so enttäuscht von
ihr. Diese Enttäuschung ist wahrscheinlich viel größer
als die Wut."
Jess nickte. „Ich kann dich verstehen. Mir ginge
es nicht anders. Ich will dir nicht sagen, dass du diese Gefühle
unterdrücken sollst, das wäre falsch. Es ist völlig
verständlich, dass du noch Zeit brauchst. Aber schreibe deine
Mutter nicht völlig ab. Das würde wahrscheinlich euch
beiden das Herz brechen."
Sie saßen sich noch lange
schweigend gegenüber, ehe Matt meinte. „Du hast aber nun
hoffentlich nicht vor mit mir Angeln zu gehen?"
Jess grinste.
„Ich hätte eher an ein Campingwochenende gedacht." Scherzte
er, wurde aber sogleich wieder ernst. „Ich werde mich nach dreißig
Jahren gewiss nicht plötzlich in eine Rolle drängen, welche
mir nicht zusteht, das verspreche ich dir. Es würde mich
lediglich freuen, würden wir nicht nur an den Weihnachtsabenden
kurz telefonieren."
„Habe ich noch Geschwister?"
Jess
nickte. „Zwei Schwestern."
Matt hob eine Augenbraue. „In
dieser Familie gibt es wohl allgemein einen Frauenüberschuss.
Hoffentlich werden Carols Zwillinge Jungs." Er grinste.
Ich
verwischte meine stummen Tränen und beschloss diese Nacht keinen
Kaffee mehr zu trinken, um dieses Bild nicht zu zerstören. So
leise wie ich gekommen war, verschwand ich wieder in meinem Zimmer
und legte mich in das weiche Bett. Meine Träume waren begleitet
von Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Positive, sowie
negative. Sie beide gehören zum Leben.
Die nächsten
vier Tage verliefen einerseits sehr ruhig, andrerseits auch sehr
turbulent. Drei Tage vor dem Weihnachtsabend begannen wir auf Mums
Bitten hin das ganze Haus zu schmücken. Niemand hatte zuvor
daran gedacht, das Fest schien vollkommen vergessen worden zu sein,
was sie plötzlich Kopf schüttelnd kritisierte. Carol hielt
ihr Versprechen sich zu schonen und verbrachte die meiste Zeit in
einem großen Lehnstuhl, welchen Jess und Luke von unterer Etage
in Mums Zimmer getragen hatten, und unterhielt sich mit ihrer
Großmutter. Sie waren dabei selten alleine, wir alle leisteten
ihnen abwechselnd Gesellschaft. In jenen Stunden überwogen die
positiven Erinnerungen. Dunkle Momente, Schmerz und Schuldgefühle
schienen für eine Zeit aus unseren Herzen verbannt. Die
Gespräche betrafen vor allem sonnige Stunden unserer
Vergangenheit. Zusammen erlebte, harmonische Momente. Scheinbar
Belangloses aus unseren gegenwärtigen Welten.
Matt verhielt
sich mir gegenüber noch immer sehr distanziert, doch er gab sich
um Mums Willen Mühe. Ramón und ich entdeckten ein paar
Gemeinsamkeiten, welche es zu bereden galt. Selbst Susana und ich
schafften es über den normalerweise, von meiner Seite aus, eher
kühlen und kurz angebundenen Wortwechsel hinaus.
Die Familie
fand in jenen Momenten auf eine möglicherweise bis zu einem
gewissen Grad heuchlerische, jedoch alle zufrieden stellende, Weise
zusammen. Die ungewisse Zukunft wurde in keinster Weise thematisiert.
Wir befanden uns auf dünnem Eis, welches zu zerbrechen drohte.
In jenen Stunden erhielten wir viele Besuche. Sookie und Jackson
kamen mit reichlich Essen, Geschenken und lustigen Anekdoten über
ihre Enkelkinderschar. Mrs. Kim und Lane besuchten uns ebenfalls.
Genau wie andere Bewohner der kleinen Stadt, welche ich teilweise gar
nicht kannte. Auch das Telefon schien nicht still zu stehen.
Christopher, Sherry und Georgia - wie sie seit ihrer Teenagerzeit
genannt werden wollte - meldeten sich zweimal und unterhielten sich
abwechselnd mit Mum, Luke, mir und meinen Kindern. Sie versprachen,
bald zu kommen. Zwei von Carols Freundinnen riefen an, genau wie ihr
bester Freund und Patenonkel Carmens, Miguel. Auch Alejandro wollte
Mum alles Gute wünschen und schließlich mit Jenny
sprechen. Ramón versuchte dieses Gespräch zwar zu
verhindern, Carol verbot ihm jedoch jegliche Einmischungen. So kam
es, dass sein Bruder und Jenny zum ersten Mal seit langer Zeit wieder
normal miteinander sprachen. Lizzie meldete sich aus Paris, was Mum
besonders erfreute.
Alles verlief schließlich in den
Umständen entsprechenden geordneten Bahnen, bis Carmen
schließlich am frühem Abend des vierundzwanzigsten
Dezembers von einer unbändigen Lust nach Kaffeebonbons und
Lakritze erfasst wurde. Da alle beschäftigt schienen und ich
ohnehin noch kaum Zeit mit meiner Enkeltochter alleine verbracht
hatte, nahm ich sie schließlich an der Hand und wir stapften
gemeinsam durch die glitzernde Schneelandschaft.
„Wow!" Rief
das Mädchen immer wieder. Ihre Augen funkelten verträumt,
als wir den Weg zum Supermarkt entlang gingen. „Das ist
unglaublich! Ich wünschte, es gäbe Schnee in Puerto
Rico!"
Ich betrachtete sie lächelnd. „Ihr könnt das
nächste Weihnachtsfest gerne bei mir in Seattle verbringen. Da
schneit es meist auch sehr viel."
Sie lächelte. „Das wäre
toll! Wir sehen uns ohnehin viel zu selten, Grandma...oh, was ist das
denn..." Sie hielt vor den reichlich geschmückten Pavillon,
dessen Lichterketten im Schnee geradezu magisch zu funkeln schienen.
„Wie im Märchen...oh, Grandma! Ich würde auch gerne hier
aufwachsen. Deine Kindheit muss zauberhaft gewesen sein."
Ich
drückte Carmens Hand und betrachtete den beleuchteten Pavillon.
„Ja, das war sie." Meine Augen tränten einen Moment lang.
„Bist du mit Uroma oft im Schnee spazieren gegangen?"
„Ja.
Denn weißt du, mein Engel, sie kann den Schnee riechen. Sie
scheuchte mich nicht nur einmal nachts aus dem Bett." Ich
schmunzelte. „Wir durften die ersten Schneeflocken des Jahres auf
keinen Fall verpassen."
Carmen lächelte. „Mamá und
ich haben auch ein Ritual. Wir gehen jeden Sonntagabend am Strand
spazieren und picknicken danach dort. Das mag nach nichts Besonderem
klingen, aber für mich ist es das."
Ich strich ihr zärtlich
durchs Haar. „Carmen?"
Sie musterte mich erwartungsvoll.
„Hört niemals auf damit. Versprochen?"
Carmen nickte
irritiert. „Okay."
„Solche Rituale schaffen Zusammenhalt,
weißt du. Sie geben dir etwas, das du niemals vergessen wirst.
Das dir für immer in deinem Herzen bleiben wird."
Sie
lächelte. „Kann das zu unserem Ritual werden? Das wir im
Winter zu diesem zauberhaften Pavillon gehen, nur zu zweit, und uns
unterhalten?"
Ich umarmte sie. „Das klingt toll."
„Ich
hab dich lieb, Grandma!"
„Ich dich auch mein Engel." Ich
ergriff ihre Hand. „Komm, lass uns weiter gehen."
Im Laden
angekommen entschied sich Carmen, dass ihre Lust nicht nur den
Bonbons und Lakritze, sondern auch Schokolade und Chips galt. Danach
bat sie mich ihr noch ein wenig von der kleinen Stadt zu zeigen.
Schließlich kehrten wir erst beinahe eine Stunde später
mit zwei vollen Säcken zum Haus zurück. Als hätte er
auf uns gewartet, öffnete Ramón die Eingangstür auf
der Küchenseite, bevor ich noch nach meinem Schlüssel
suchen konnte.
„Da seid ihr ja endlich. Du hast deine Grandma ja
ganz schön ausgenommen..." Sein Blick fiel auf die Säcke.
„Wie viel bekommst du, Rory?"
„Das passt schon." Ich
winkte lächelnd ab.
„Grandma hat mir den märchenhaften
Pavillon gezeigt, Papá! Den, von welchem Mamá immer so
schwärmt! Gehen wir morgen hin? Ich würde ihn dir so gerne
zeigen!"
„Natürlich, Prinzessin." Er betrachtete seine
Tochter lächelnd. „Aber jetzt kommt erst mal herein."
Kaum
hatten wir das Haus betreten und uns der nassen Kleidung entledigt,
umgab mich ein wunderbares Aroma. Kaffee war nur einer der
vermischten Düfte. Ich runzelte die Stirn. „Was ist
das?"
Ramón und Carmen musterten mich verwirrt. „Was
meinst du?" Fragte sie.
„Wonach riecht es hier?"
„Ich
rieche nichts." Meinte meine Enkeltochter und ging ins
Wohnzimmer.
„Ramón, was ist das?"
Er zuckte mit den
Schultern. „Jetzt komm erst mal."
Ich folgte ihm Kopf
schüttelnd ins Wohnzimmer. „Was soll denn das. Ich wollte
noch..." Ich verstummte und blieb in der Tür stehen. Mein
Herzschlag wurde schneller.
„Das wurde auch Zeit." Meine
Jenny lächelnd, als sie mich erblickte.
Ich starrte auf den
kleinen, gedeckten Tisch, auf welchem Schüsseln und Teller noch
aufgestapelt waren. In der Mitte der Tischplatte stand ein riesiger
Suppentopf, rechts daneben Schüsseln voller Weihnachtsplätzchen,
Chips, Popcorn und Marshmellows. Neben dem Tisch war ein zweiter
aufgestellt worden, auf welchem eine Kaffee-, Kakao- sowie Teekanne,
eine Flasche Cola, Soda sowie Tassen und Gläser standen. Daneben
türmten sich zwei Fünferstapeln mit Pizzakartons. Neben dem
Fernseher stand ein reichlich geschmückter Weihnachtsbaum.
Carol, Juan, Carmen, Susana und Luke hatten es sich mit Decken auf
der Couch bequem gemacht. Links davon waren zwei Bettmatratzen
aufgelegt worden, auf welchen Ramón, Matt, Jenny und Jess
saßen. Rechts neben der Couch standen zwei ausziehbare
Lehnstühle. Auf dem linken saß Mum, in viele Decken
gehüllt. Sie musterte mich ungeduldig. „Rory, wir haben
Hunger!"
Stumme Tränen rannen über meine Wangen. Ich
verwischte sie nicht. „Was ist das? Kaffee, Naschereien und sogar
Pizza..."
„Ach Schätzchen...hast du etwa alles verlernt?
Was ist denn ein Videoabend ohne Pizza? Selbst wenn ich sie nicht
essen darf." Mum schüttelte den Kopf. Ihre Augen waren voller
Liebe und Zärtlichkeit.
Ich schüttelte ungläubig
meinen Kopf und suchte den Blick meiner Enkeltochter. „Hast du das
gewusst?"
Carmen grinste. „Natürlich. Es war eine
Überraschung. Für Uroma und dich."
„Wenn es dir
nichts ausmacht, würden wir nun gerne anfangen, Mum." Matt
lächelte.
Luke reichte mir einen Stapel DVDs. „ A
Christmas Carrol, Willy Wonka und Footloose." Ich
blickte Mum an.
„Ich hoffe, auch du bist mit dieser Auswahl
einverstanden. Keine Sorge, wir haben noch mehr Filme in dem kleinen
Kasten dort drüben, sollten wir danach noch nicht müde
sein. Ich schlage vor, wir beginnen mit letzterem..."
Als die
ersten Töne des Filmes erklangen, lehnte sich Mum zu mir und
flüsterte. „Das ist mein schönstes Weihnachtsfest."
Ihre Augen tränten.
Ich ergriff ihre Hand und ließ sie
während des gesamten Filmes nicht mehr los.
Sie hatten das
nicht nur für uns beide getan. Sie hatten es für uns alle
getan. Für jeden einzelnen von uns. Elf Menschen, sich so
verschieden und doch so ähnlich. Elf Menschen, eine Familie.
34. Teil
--------- Flashback ---------
Die
Sonne brannte auf die steinige Seitengasse. Ein zarter Wind strich
durch unser Haar. Wir verwischten die kleinen Schweißperlen,
welche sich auf unseren Stirnen gebildet hatten und nippten beinahe
gleichzeitig an dem Espresso, als zwei attraktive Männer an
unserem kleinen Tisch vorbei gingen. Mum hob ihre Sonnenbrille etwas
und warf ersterem ein charmantes Lächeln zu. Die Geste zeigte
erwünschte Wirkung, denn die beiden drehten sich um und kamen
auf uns zu. Mum war sichtlich erfreut und bejahte die Frage der
beiden sich setzen zu dürfen. So kam es schließlich, dass
wir auf weitere zwei Espressos und Tiramisu eingeladen wurden, bevor
uns Giorgio und Giovanni ein wenig von Rom zeigten. Abends trennten
wir uns schließlich auf der Piazza Navona und genossen die
weiteren Stunden wieder zu zweit in einer der kleinen Restaurants.
Mums Blick wanderte verträumt über die ausgelassene
Menschenmenge, die Musiker, die Maler und die Springbrunnen. „Das
ist der schönste Platz in Rom." Sie seufzte lächelnd.
Ich
blätterte nickend in meinem Reiseführer. „Darin scheinen
sich alle einig zu sein. Ich habe vier Reiseführer mitgenommen
und alle betonen, man solle diesen zauberhaften Ort aufsuchen."
Sie
entriss mir das Buch kopfschüttelnd. „Rory! Wir sind auf
Urlaub! Sieh dich um und genieße."
Ich
runzelte die Stirn. „Ich wollte nur nachsehen, welchen Teil dieser
gigantischen Stadt wir uns morgen vornehmen könnten. Wir sind
schließlich nur wenige Tage hier bevor wir weiter reisen."
„So
etwas ergibt sich, mein Schatz. Oder hättest du dir gedacht,
dass wir heute das beste Eisgeschäft der Stadt kennen lernen
werden?"
„Nein,
aber Giorgio war ganz scharf darauf es dir zu zeigen. Er hätte
dir gewiss noch gerne ganz anderes gezeigt." Ich konnte das Grinsen
nicht unterdrücken.
„Ist
es nicht unglaublich, dass wir erst seit gestern hier sind? Ich habe
das Gefühl niemals woanders gewesen zu sein."
Ich
schmunzelte. „Das hast du in Paris auch schon gesagt."
„Lass
uns hier bleiben."
„Du
wolltest auch schon in London bleiben."
„Ja,
aber das ist was anderes. Dieser Zauber ist einmalig."
Ich
runzelte die Stirn. „Wetten, dass du den Zauber Barcelonas am
Freitag noch einmaliger finden wirst?"
Mum
verzog gespielt beleidigt den Mund. „Du nimmst mich nicht
ernst."
„Mum..."
„Rory,
ich habe mich in diese Stadt verliebt!"
„Okay.
Ich werde mich morgen an der Uni einschreiben. Das Problem ist
allerdings, dass wir die Sprache kein bisschen beherrschen."
„Die
wichtigsten Worte kennen wir." Sie grinste und wollte weiter
sprechen, als der Kellner unsere Pizzas servierte.
Nach
dem Essen beschlossen wir noch ein wenig über den Platz zu
spazieren. Ein Musikerensemble stimmte gerade ein neues Lied an, als
Mum vor einem Springbrunnen innehielt und meine Hand drückte.
Die Nacht war sternenklar und mild. Der Zauber Roms hatte auch mich
erfüllt, auch wenn ich es noch nicht zugab.
„Rory?"
Sie blickte mich lächelnd an. „Das ist der schönste
Urlaub meines Lebens. Danke dafür."
Ich
erwiderte ihr Lächeln. „Das ist er auch für mich."
„Ich
war noch nie im Leben so glücklich, mein Schatz." Sie umarmte
mich. „Ich bin so stolz auf dich. Du bist die wunderbarste Tochter,
die sich eine Mutter wünschen kann. Ich liebe dich, mein
Schatz."
Ich
küsste ihre Wange. „Ich dich auch, Mum."
Als
sie mich ansah, erkannte ich die Tränen in ihren Augen. „Mum?"
Ich runzelte die Stirn.
„Ich
bin nur so glücklich, Rory. Und ich muss täglich an deine
wunderbare Abschlussrede denken."
Ich
umarmte sie. „Ich habe jedes Wort so gemeint."
„Ich
weiß." Sie strich sanft durch mein Haar. „Lass uns wieder
her fahren. Wie wäre es nach deinem Collegeabschluss?"
„Klingt
gut."
Sie
löste sich sanft von mir und ergriff meine Hand. Wir spazierten
noch eine Weile durch die Straßen, bevor wir todmüde in
unsere Hotelbetten fielen. Wir waren so glücklich und uns näher
als jemals zuvor im Leben. Beste Freundinnen. Mutter und Tochter.
Seelenverwandte.
--------- Flashback Ende ---------
Wir hatten die magische Stadt auf den sieben Hügeln niemals wieder aufgesucht. Unsere Herzen waren sich auch nie wieder so nahe gewesen wie an jenem Sommerabend auf der Piazza Navona. Jahre kommen, Jahre vergehen. Der Lauf der Zeit ist unaufhaltsam. Wie die Schneeflocken, sanft vom Wind getragen.
--------- Flashback ---------
„Mummy!"
Meine Stimme musste durch ganz Stars Hollow geschallt sein.
Mum
kam mir bereits an der Tür entgegen. Auf ihrer Stirn hatte sich
eine tiefe Falte gebildet. Ihre Augen waren besorgt auf mich
gerichtet. Sie sank auf ihre Knie um den Größenunterschied
zwischen uns zu verringern. „Was ist denn passiert, mein Liebling?"
Sie umfasste meine Arme besorgt. Der stechende Schmerz in meinem
Herzen begann nachzulassen. Mum war da. Mum würde immer da sein.
Sie
verwischte meine heißen Tränen. „Rory, Schätzchen,
du musst deiner Mummy sagen, was passiert ist." Sagte sie
sanft.
„Die
Jungs waren gemein zu mir. Sie haben mein Buch weggenommen und was
ganz Böses gesagt."
Sie
runzelte die Stirn. „Was haben sie gesagt?"
„Dass
ich eine Streberin wäre."
„Ach
Schätzchen..." Sie umarmte mich und erhob sich langsam um die
Tür zu schließen. „Hör nicht auf das dumme Gerede.
Die sind doch nur neidisch, dass du schon lange lesen kannst, während
sie es erst lernen müssen. Sie haben dir doch das Buch
wiedergegeben?"
Ich
nickte. „Aber erst nachdem ich einem Jungen mit den Atlas
nachgelaufen bin und gedroht habe, ihn damit zu hauen." Erzählte
ich zögernd, während wir das Wohnzimmer betraten.
Mum
nahm mich lachend auf den Schoß. „Jetzt besteht kein Zweifel
mehr. Du bist im Krankenhaus nicht vertauscht worden, sondern
tatsächlich meine Tochter."
„Miss
Harris hat mich geschimpft. Sie hat mitbekommen, was ich zu Josh
gesagt habe. Ich muss jetzt zwanzigmal schreiben, dass man so etwas
nicht tun darf."
„Wie
bitte?" Mums Augen weiteten sich, ehe ein dunkler Schatten ihr
Gesicht überzog. „Die Jungs haben dich doch zuerst
geärgert!"
Ich
kuschelte mich an ihre Brust und ließ den Tränen freien
Lauf. „Ich habe dir doch gesagt, dass sie mich hasst."
„Ach
Schätzchen..." Sie strich mir sanft über den Rücken.
„Ich werde mit ihr sprechen."
„Gleich
morgen?"
„Natürlich.
Gleich morgen." Sie küsste mich sanft auf die Wange. „Denk
nicht mehr daran. Deine Mummy regelt das schon." Sie hob mein Kinn.
„Was haltest du von einer riesigen Pizza?"
Der
Schmerz schien plötzlich wie weggeblasen. Meine Augen leuchteten
auf. „Pizza?"
Mum
nickte. „So viel du willst. Und wir schauen uns deine neuen Filme
an, okay?"
„Darf
ich auch länger aufbleiben?"
Sie
musterte mich kurz gespielt streng, bevor sie lächelnd nickte.
„Eine volle Stunde."
„Zwei?"
Ich blickte sie flehend an.
Sie
seufzte leise. „Okay. Aber keine Sekunde länger."
Ich
umarmte sie fröhlich. „Danke, Mummy."
---------- Flashback Ende ---------
Die Kälte kommt leise und unbemerkt. Wie ein Raubtier, welches seiner Beute auflauert. Sie umfasst dich wie aus dem Nichts und lässt dich nicht mehr los, ehe sie dir jede Kraft genommen hat. Es gibt kein Zurück. Nicht heute, nicht morgen. Niemals.
--------- Flashback --------
„Rory? Bist du da? Wenn du da bist, hebe bitte ab! Wir haben beide Dinge gesagt, die uns Leid tun. Rory! Ich versuche nun seit Wochen dich zu erreichen. Es tut mir leid, was passiert ist...Aber ich bin nicht die Einzige, welche einen Fehler gemacht hat...Wir müssen darüber sprechen! Rory, bitte hebe ab oder rufe mich zurück. Ich muss gleich wieder ins Hotel, bin aber ab 18 Uhr wieder zuhause...Bitte lass und über diesen fürchterlichen Streit sprechen...Rory...Ich verstehe einfach nicht, was mit dir los ist! Haben sie dich einer Gehirnwäsche unterzogen? Rory, du kannst mir nicht sagen, dass du auf diese Art glücklich bist! Ich will dir doch nur helfen...18 Uhr. Ich bin ab 18 Uhr wieder erreichbar. Wenn es dann bei dir nicht gehen sollte, kannst du mich auch morgen anrufen. Den ganzen Tag. Oder übermorgen...ruf mich an, Rory..."
Mein Zeigefinger zitterte, als er sich der schwarzen Taste näherte.
„Ihre Nachricht wurde gelöscht."
Es war zu früh. Ihre Worte hatten mich zu sehr verletzt gehabt.
Ich dachte nicht daran, dass es irgendwann zu spät sein könnte zurückzurufen.
--------- Flashback Ende ---------
Die Kälte hatte mein Herz umschlossen. Es war gefangen, wie in einem dunklen Sarg. Fest verschlossen. Unmöglich zu entkommen. Dem Tode ängstlich entgegenblickend.
--------- Flashback ---------
„Sie
waren heute schon alle bei mir." Erzählte Mum lächelnd,
als ich ihr Zimmer betrat.
Ich
erwiderte ihr Lächeln und setzte mich auf den Stuhl neben ihrem
Bett. „Das war ein wunderschönes Fest gestern."
Sie
drückte meine Hand. „Das schönste meines Lebens. Die
ganze Familie vereint. Das war mein größter Wunsch."
Ich
nahm ihre Hände in meine, weil sie so kalt waren. „Vielleicht
schaffen wir das jedes Jahr. Die Flüge sind teuer, aber wir
könnten uns abwechseln. Wenn es dir dann wieder gut genug geht,
feiern wir nächstes Jahr in San Juan."
Mum
lächelte milde und betrachtete mich. Ich vermochte ihren Blick
nicht zu deuten. „Weihnachten ohne Schnee?"
„Du
hast Recht, Mum. Was für eine dumme Idee. Carmen und ich haben
gestern erst über den Zauber Stars Hollows im Schnee
gesprochen..." Ich atmete tief durch. „Ich hatte es lange nicht
gesehen...war blind dafür gewesen...doch gestern habe ich ihn
wieder entdeckt." Der Zauber meines alten Zuhauses war nicht das
einzige gewesen, was ich wieder entdeckt hatte.
Sie
nickte, mich immer noch lächelnd betrachtend. „Du siehst
gesünder aus. Deine Wangen haben wieder Farbe bekommen."
Bemerkte sie plötzlich.
„Ich
fühle mich auch besser. Dieses Fest, ihr - vor allem du - habt
mir etwas Wertvolles zurückgegeben. Ich hatte mich schon lange
nicht mehr so lebendig gefühlt. War nur mehr eine Hülle
meiner selbst gewesen. Ich weiß, dass das Leben nicht plötzlich
perfekt geworden ist. Es werden sich noch viele Hürden stellen,
wir alle werden noch Rückschläge erleiden. Aber ich habe
das Gefühl, dass wir alles schaffen können, so lange wir
zusammenhalten. Ich weiß, dass ich damit nichts ungeschehen
machen kann. Aber ich werde zurück nach Stars Hollow kommen und
mir in eurer Nähe eine Wohnung nehmen. Ich werde für euch
da sein und dich wieder ganz gesund pflegen."
Mums
Hand zitterte, als sie über meine Wange strich. Einen Moment
wirkte es, als wollte sie etwas sagen. Schließlich formten ihre
Lippen ein leichtes Lächeln. „Rory. Du warst ein ganz
besonderes Mädchen, du bist eine ganz besondere Frau. Du bist
aber auch nur ein Mensch, nicht frei von Fehlern, genau wie ich.
Genau wie wir alle. Ich habe dir schon lange verziehen. Lange vor
deiner Ankunft. Du warst Opfer deiner selbst. Das waren wir alle auf
eine gewisse Weise. Ich habe meinen Frieden gefunden, mein Schatz."
Ein eigenartiger Druck erfasste mein Herz, als sie erneut meine Wange
berührte. „Du musst auch deinen finden, Rory. Akzeptiere, was
passiert ist und akzeptiere, was passieren wird..." Der Druck
begann mir den Atem zu nehmen. Ich glaubte zu ersticken. Die Tränen
tropften auf das Laken. „Du musst dich der Gegenwart zuwenden, dir
endlich vergeben. Sich selbst zu vergeben ist die schwierigste
Aufgabe, welche man zu erfüllen hat. Es ist viel einfacher einen
geliebten Menschen zu vergeben, als sich selbst. Auch ich konnte es
lange nicht. Finde zurück ins Leben, geliebte Tochter. Lebe.
Voller Freude und Leidenschaft. Koste jeden Tag aus. Vergiss niemals,
du bist ein wertvoller Mensch." Sie betrachtete mich lächelnd.
„Du hast mir in den letzten Wochen so viel gegeben. Auch wenn es
nicht mehr so wie früher sein konnte, wir haben einander wieder
gefunden. Dafür bin ich dankbar. Die Familie war vereint. Auch
wenn es nur für Tage war, diese Stunden hat sie auf eine
besondere Weise näher gebracht. Unsere Herzen haben zueinander
gefunden."
„Das
ist alleine dein Verdienst gewesen, Mum."
Sie
strich über meine Finger. Ihr Blick glitt sanft über mein
Gesicht und mein offenes, langes Haar. „Nein. Unser aller
Verdienst." Sie strich über meinen Handrücken. „Ich bin
stolz auf dich. Das war ich immer. In jeder Sekunde meines Lebens.
Und ich bin dankbar. Für dich. Die wunderbarste Tochter. Für
Corinne, welche leider nur wenige Monate in mir heranwachsen konnte.
Für Luke. Den liebevollsten Mann der Welt. Für Carol. Sie
hat so viel Liebe zu geben, trotz des vielen Schmerzes in ihrem
Leben. Für Matt. Er wirkt äußerlich so stark, sein
Inneres ist aber so sanft und verletzlich. Für Jen. Ihr größter
Wunsch war es immer, dass die Familie wieder zusammen finden würde.
Für Carmen und Juan, weil sie die vollkommensten Urenkeln sind,
die man sich wünschen kann. Ich bin dankbar für diese
Familie. Für jede Minute, welche ich mit ihr verbringen
durfte."
Meine
Lippen wurden trocken. „Mum?" Meine Stimme war heiser, kaum
hörbar. Ein Schwindel erfasste mich. Der Raum begann sich zu
drehen. Ich spürte ihre zitternden Finger auf meiner Wange.
„Rory..." Ihre schwache Stimme schien aus einer fernen Welt zu
kommen. „Rory? Du hast vor ein paar Tagen mit Dr. Connor
gesprochen..."
Ich
wollte etwas erwidern, schreien. Doch es gelangte kein Ton über
meine Lippen. Schwere Seile schienen mein Herz zu umfassen, es mit
sich in den Ozean zu reißen. Ich glaubte das salzige Wasser zu
spüren, welches in meine Lungen drang.
„Rory!"
Erklang Mums Stimme lauter. „Rory. Mein Körper ist müde
geworden." Sagte sie ganz ruhig.
Plötzlich
kam ich wieder zu mir. Von Verzweiflung gepackt. „Mum!" Ich hörte
weder meine Stimme, noch spürte ich die Tränen, welche über
meine Wangen rannen. „Mum, hör auf so zu reden! Ich habe dir
versprochen, dich wieder gesund zu pflegen. Genau das werde ich auch
tun! Dieser Arzt hat doch keine Ahnung!"
Sie
lächelte milde und betrachtete mich schweigend. Ihre Augen waren
voller Zärtlichkeit.
„Gib
dich nicht auf, Mummy! Wir brauchen dich! Ich brauche dich! Du bist
der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich liebe dich." Meine
Stimme wurde erneut von schmerzender Heiserkeit gepackt. „Wir
schaffen das. Du wirst wieder ganz gesund. Wir werden noch wunderbare
gemeinsame Jahre in Stars Hollow verbringen. Werden nachts aufstehen,
wenn du den Schnee riechst. Werden viel zu viel Kaffee trinken und
Süßes essen. Und fernsehen. Bis uns die Augen schmerzen."
Ich verwischte die Tränen mit dem Handrücken. „Wir werden
nochmals nach Rom reisen. Diesmal länger. Und an der Piazza
Navona essen und Espresso trinken. Weißt du noch, Mum? Das war
der schönste Sommer meines Lebens. Wir werden die anderen
mitnehmen, wenn du möchtest. Sie alle sollen von dem Zauber
erfasst werden, welcher uns damals so überwältigte. Wir
werden ans Meer fahren. Ganz oft, wenn du das möchtest."
„Rory..."
Ihre Stimme hatte sich nicht verändert. Sie lächelte noch
immer. Zärtlich und sanft.
„Es
geht dir doch schon besser, Mum! Deine Erinnerung hat sich
verbessert. Deine Wangen...sie sind nicht mehr so blass
und..."
„Rory..."
Sie ergriff meine Hände. „Komm näher."
Ich
presste mein Gesicht schluchzend an ihre Brust, löste mich aber
schnell wieder von ihr, aus Angst ihr wehtun zu können. „Mummy!"
Presste ich mühsam unter dem Schleier von Tränen, welcher
mir die Luft zu nehmen schien. Ich glaubte zu ersticken.
„Rory."
Sie strich mir zärtlich durchs Haar. „Ich bin alt und schwach
geworden." Sie hob mein Kinn. Wie bei dem kleinen Mädchen von
einst. Ich blickte in ihre Augen, fand jedoch keinen Trost. „Für
diesen Moment, die letzten Tage. Für uns, für dich. Deshalb
bin ich noch nicht gegangen. Deshalb konnte ich es noch nicht." Sie
küsste meinen Handrücken. „Lass mich gehen, mein
Liebling. Ich liebe dich, und das werde ich auch immer tun. Ich weiß
nicht, was mich erwarten wird. Was uns alle erwarten wird. Aber ich
bin nun bereit dafür." Sie strich über meine Wange. Ich
zitterte am ganzen Körper, unfähig zu sprechen. „Ich
spüre im Inneren, dass wir uns alle wieder sehen werden. Eines
Tages. Wir werden wieder vereint sein, dann für die
Ewigkeit."
„Mummy..."
„Rory.
Ich muss nun zu deiner kleinen Schwester. Zu deinen Großeltern.
Zu Carols Freundin Carmen." Sie schüttelte den Kopf. „Habe
keine Angst, mein Schatz. Ich werde immer bei dir sein. Für
immer und ewig." Sie verwischte meine stummen Tränen. „Weine
nicht, dazu besteht kein Grund." Ihre Stimme war leiser geworden.
Sie drückte meine Hand.
Ich
spürte meine Glieder nicht mehr. Die Kälte hatte sie
ertaubt. Meine eigene Stimme schien wie aus einer anderen Welt. „Ich
liebe dich, Mummy."
Ihre
Lippen formten ein Lächeln, bevor sie ihre Augen schloss. Ihre
Hand lag noch immer in meiner. Ich war stundenlang unfähig mich
zu bewegen, auch nur zu blinzeln.
Mum
war gegangen. Als ich es begriff, riss mich der schmerzende Sog
endgültig in die unendlichen Tiefen des dunklen Ozeans.
---------- Flashback Ende --------
Mit Mums Tod schien auch der letzte Teil meines Herzens gestorben. Erstickt an dem Schmerz, erfroren aufgrund der Kälte der Einsamkeit.
Nichts
würde jemals wieder so sein, wie es war.
Sie
war weg. Gegangen. Sie würde niemals wieder zurückkommen.
Ich würde niemals wieder in ihre blauen Augen sehen. Ihr klares Lachen hören. Sie würde mich nie wieder in die Arme schließen.
„Rory?" Die Stimme kam wie aus einer anderen Welt. Ich vermochte sie weder zu definieren, noch ihre Richtung auszumachen. Mein Körper war regungslos. Starr und kalt. Nur mehr eine leblose Hülle. Meine Augen brannten. Dieser Schmerz war das einzige Zeichen, dass ich noch nicht gegangen war. Mum noch nicht gefolgt war.
Meine leblosen Arme zuckten bei der Berührung. Ich bekam vage mit, als das Bett knarrte und sich jemand setzte.
„Rory?"
Ich bewegte den Kopf. Kaum merkbar. Es gab keine Rory mehr.
„Sie hat dich immer geliebt. In jeder Minute ihres Lebens."
Meine Augen begannen ihn wahrzunehmen. Seine Gesichtszüge. Die roten Augen. Die Tränen. Den Schmerz.
„Auch
ich habe sie über alles geliebt. Sie war die Liebe meines
Lebens." Luke nahm meine Hände in seine, rieb sie. Doch die
Wärme drang nicht in meinen Körper, nicht in mein Herz.
„Sie
würde das nicht wollen, Rory. Es ist nicht in ihrem Sinne." Er
strich über meine Wangen. „Deine Kinder und Enkeln brauchen
dich. Ich brauche dich. Wir brauchen einander in diesen schweren
Stunden."
Und was war mit Mum? Ich brauchte sie. Mehr als alles andere. Ich rang nach Luft und hustete. Luke stützte mich. Seine Augen begannen erneut zu tränen. „Rory, du bist immer wie eine Tochter für mich gewesen."
Ich blickte ihn an. Die Worte kamen heiser und langsam. „Wie lange liege ich schon hier?"
Lukes Gesichtszüge entspannten sich für einen Moment. „Beinahe einen ganzen Tag."
„Warum?
Warum musste sie gehen? Ich...ich hätte an ihrer Stelle gehen
sollen." Mein Körper gab erneut nach. Ich sank in Lukes
stützende Arme und schluchzte, das Gesicht an seine Brust
gepresst. Ich spürte wie seine Finger zitterten, als sie über
meinen Rücken strichen. Mein Körper löste sich langsam
von ihm. „Wo bist du, Mum? Wo? Warum hast du mich alleine gelassen?
Wie konntest du mir so etwas antun?" Schrie ich mit meinen letzten
Kräften.
Luke
schloss mich schluchzend in die Arme. „Lass es raus, lass es raus."
Presste er unter Tränen hervor.
35. Teil
„Es soll schneien, wenn ich der Welt ‚Lebe Wohl' sage und es soll erst aufhören, nachdem ich beerdigt worden bin." Hatte meine Mutter gesagt.
Und
tatsächlich trug der kalte Wind die ersten Schneeflocken, als
ich den Platz des Pfarrers auf dem vollen Friedhof einnahm. Alle
waren gekommen. Alle, die meine Mutter gekannt und geliebt hatten.
Sie alle hatten ihre tränenden Augen auf mich gerichtet. Voller
Hoffnung und Angst. Hoffnung auf Trost. Angst davor niemals Trost
finden zu können.
Ich
schloss meine Augen und atmete tief durch. Was würde sie nun
wollen? Was würde sie wollen, dass ich sage? Mein lebloser
Körper zitterte. Ich hatte Angst erneut die Kraft zu verlieren.
Ich war es ihnen schuldig. Ich war es Mum schuldig. Als ich den Mund
öffnete, wurde meine Kehle von einem schmerzhaften Druck
erfasst. Kein Wort gelang über meine Lippen, welche wie
ausgetrocknet schienen. Ich räusperte mich mühsam. Die
Tränen hinterließen Spuren im Schnee. Ich vermied es die
anderen anzusehen, wollte nicht auch noch ihren Schmerz spüren.
Mein eigener schien mir schon jegliche Kraft genommen zu haben.
„Mum?"
Ich
weiß bis heute nicht, ob tatsächlich eines meiner Kinder
geflüstert hatte oder diese zarte, kaum hörbare Stimme
meiner Einbildung entsprang. Auf jeden fall berührte sie mein
blutendes Herz. Ich blickte auf den Sarg. Ein Schwindel erfasste mich
erneut. Meine Augen wanderten über die blassen Gesichter. Ich
schien tief in ihre Seelen zu blicken.
Eine
Schneeflocke landete sanft auf meinem Handrücken. Ich hoffte
noch immer zu erwachen. Zu erwachen aus diesem Alptraum.
Ich
spürte eine Hand, welche die meine kurz drückte. Voller
Liebe und Leben.
Leben.
Liebe.
Meine Stimme zitterte. Sie war heiser und drang anfangs nur sehr schwach durch mein Herz. „Mum..." Ich atmete tief durch. „...hatte sich gewünscht, es möge bei ihrem Abschied von dieser Welt und ihren geliebten Menschen schneien..." Meine Finger zitterten, als ich die Haarsträhnen aus dem Gesicht strich. „Schnee war immer etwas Wunderbares für sie. Sie weckte mich jedes Jahr, damit wir die ersten Schneeflocken willkommen heißen konnten..." Ich blickte zu Luke. Seine tränenden Augen waren auf den Sarg gerichtet. Ich bemerkte, dass er zitterte. „Mum konnte den Schnee riechen. Sie wusste genau, wann es zu schneien beginnen würde und irrte niemals. Mum hatte nicht nur das Gespür für den weißen Zauber, welcher Stars Hollow in eine Märchenlandschaft verwandelte..." Carmen schenkte mir ein leichtes Lächeln. „...sie hatte vor allem das Gespür für die Menschen in ihrem Leben. Mum war..." Mein Blick suchte jenen meiner ältesten Tochter, welche ihr Gesicht schluchzend an die Brust ihres Mannes gepresst hatte. „Mum ist die wundervollste Mutter, die sich ein Mensch überhaupt zu wünschen darf. Sie war immer da für uns, stand uns in jedem Moment unseres Lebens bei." Der Druck erfasste mein Herz erneut und begann es in die reißenden Tiefen des schwarzen Ozeans zu ziehen. „Sogar jetzt...in den letzten Tagen ihrer schweren Krankheit war sie für uns da. Sie wollte, dass sich die Familie wieder näher kommt. Das war ihr wichtiger als alles andere..." Ich atmete tief durch. Meine Stimme überschlug sich. „Kann ein Mensch selbstloser sein?...Sie verließ ihr Elternhaus mit siebzehn und kam in diese kleine Stadt, welche ihr Heimat werden sollte. Auch Mia wusste sofort, dass Mum nicht irgendein Mädchen, sondern etwas ganz Besonderes war. Sie gab ihr einen Arbeitsplatz im Independence Inn, welchem meine Mutter schließlich ihr Herz schenkte. Sie arbeitete sich in unglaublicher Geschwindigkeit hoch und wurde Hotelleiterin. Auch nach dem schweren Schicksalsschlag..." Ich suchte Sookies Blick. „...dem Brand des Hotels, gab sie nicht auf. Es sollte nur etwas mehr als ein Jahr vergehen, bis sie ihr eigenes Hotel eröffnete. Das Dragonfly war das Lebenswerk dieser bewundernswerten Frau. Ihr Leben in Stars Hollow war von Menschen umgeben, welche sie liebte. Keinen einzigen von ihnen hätte sie jemals missen wollen..." Mein Blick wanderte über die Menschen, welche gekommen waren um sich von Mum zu verabschieden. Viele von ihnen wirkten entspannter, andere hatten ihre Augen noch immer schmerzend auf mich geheftet. Es schien, als klammerten sie sich an meine Worte, aus Angst dem reißenden Gewässer sonst nachgeben zu müssen. „Sie war eine wundervolle Frau." Mein Gesicht löste sich nur mühsam aus der Starre. Ich versuchte ein leichtes Lächeln. „Sie hat unser aller Leben erhellt, unsere Herzen und Seelen berührt. Mum war die beste Mutter, die beste Großmutter, die beste Urgroßmutter, die beste Ehefrau, die beste Freundin..." Ich schmeckte meine salzigen Tränen. „Ich bin dankbar..." Ich hielt kurz inne um Luft zu holen. „Ich bin dankbar für jede einzelne Sekunde, welche ich mit ihr verbringen durfte. Für jeden noch so kleinen und scheinbar unbedeutenden Moment. Mum war stets für mich da. Als ich mich am Spielplatz am Knie verletzte, als mich die kleinen Jungs in der Grundschule ärgerten, als ich meinen ersten Liebeskummer hatte." Ich verwischte meine Tränen. „Sie war da, als ich meinen Abschluss machte und zum College ging. Sie war selbst dann noch für mich da, als uns tausende Kilometer trennten. Trotz hässlicher Konfrontationen und Jahrzehnte der Stille schloss sie mich nach vielen Jahren versöhnlich in die Arme. Danke, Mum..." Ich atmete tief durch. „Danke, dass du mich niemals aus deinem Herzen gelassen hast. Danke für jeden Moment, den du uns geschenkt hast. Du hast uns zu den wertvollen Menschen gemacht, die wir heute sind. Du hast uns allen mehr gegeben, als wir jemals fähig gewesen wären dir zurückzugeben." Meine Augen suchten erneut die Blicke der Menschen um mich. „Danke, dass ihr alle gekommen seid, um euch von meiner Mutter, Lorelai Victoria Gilmore-Danes, zu verabschieden. Sie war immer für uns da..." Ich atmete tief durch. Zum ersten Mal gelang mir ein leichtes Lächeln. „Und das wird sie auch immer sein. Tief in unserem Herzen, in unseren Erinnerungen, unseren Gesprächen und unseren Seelen wird sie weiterleben. Ein Mensch ist erst wirklich gegangen, wenn er vergessen worden ist. Und das wird Mum niemals sein. Sie wird immer bei uns sein...Bis in alle Ewigkeit."
----------- Flashback ---------
Die
Schneeflocken glitzerten in ihrem dunklen Haar. Sie drehte sich
fröhlich im Wind.
Ich
lauschte ihrer hellen Stimme, dem melodischen Lachen. „Es schneit,
Rory. Es schneit."
Sie
umarmte mich lächelnd und küsste meine Wange.
--------- Flashback Ende -------
Lorelai Victoria Gilmore-Danes
Geliebte Ehefrau, Mutter, Großmutter, Urgroßmutter und Freundin
Geboren 17.04.1968, Gestorben 25.12.2044
Ruhe in Frieden
Der Tod ist nicht das Ende,
Nicht die Vergänglichkeit
Der Tod ist nur die Wende,
Beginn der Ewigkeit
10 Tage später
„Ich
kann noch bleiben, wenn du das möchtest." Jenny runzelte ihre
Stirn besorgt und trat von einen Fuß auf den anderen.
Ich
konnte meinem Mutterinstinkt nicht entsagen und zog ihr die blaue
Wollhaube zu Recht, damit diese beide Ohren überdeckte. „Nein,
Schatz. Es ist in Ordnung. Du musst wieder zur Uni. Mum würde
das so wollen."
Jenny
lächelte leicht und blickte sich im verschneiten Garten um.
„Kannst du dich noch daran erinnern, was Grandma einst zu mir über
diesen Garten sagte? Es sei der Garten Eden, in welchem die Engeln
leben...Sollte es Eden tatsächlich geben, dann ist sie nun bei
uns."
Ich
strich zärtlich über ihre kühlen Wangen. „Das wird
sie immer sein."
Sie
blickte mich an. „Ich weiß. Und dennoch schmerzt es. Ich
weiß, dass sie nun von ihrer Krankheit erlöst und an einem
besseren Ort ist, aber dennoch...oft ist mir, als würde mein
Herz zerspringen, als würde es ohne sie nicht mehr schlagen
können." Ich verwischte Jennys Tränen. „Es tut so weh,
Mummy..."
Ich
zog sie in meine Arme. „Es wird immer wehtun. Es wird leichter
werden, aber schmerzen wird es immer. Du kannst mich jederzeit
anrufen. Oft hilft es zu reden"
Sie
nickte. „Und in zwei Wochen sehen wir uns." Sie löste sich
langsam von mir.
„Wir
werden einen langen Videoabend machen und Pizza essen. Matt möchte
auch kommen, wenn es sich ausgeht."
Jenny
lächelte und umarmte mich nochmals. In diesem Moment verließ
Carol das Haus.
„Jen?"
Sie blickte uns unsicher an. „Ramón würde gerne fahren,
damit wir den Flug noch erwischen. Es soll einen Stau geben. Ist das
okay für dich?"
Jenny
löste sich langsam von mir und nickte. „Ja." Sie blickte
sich seufzend im Garten um. „Ja, lass uns gehen. Ich werde mich nur
noch von Grandpa verabschieden." Sie ging zurück ins Haus.
Carol
umarmte mich. „Ich hab dich lieb, Mum. Das wollte ich dir nur
nochmals sagen."
„Ich
dich auch, mein Schatz."
„Du
kommst wie versprochen übernächstes Monat?"
„Glaubst
du etwa, ich möchte die Geburt meiner Enkelkinder verpassen? Das
habe ich bisher noch nie." Ich betrachtete sie lächelnd.
Carol
blickte auf ihren Bauch. „Am liebsten würde ich sie hier auf
der Stelle bekommen. Ich habe mich noch nie so schwanger
gefühlt."
„Du
erwartest Zwillinge, mein Schatz."
„Schade,
dass Grandma sie nicht mehr kennen lernen wird." Ihre Augen
tränten.
Ich
verwischte ihre Tränen und zog sie in meine Arme.
„Wie
wird es mit uns allen weitergehen, Mum?"
Ich
löste mich langsam von ihr.
„Grandma
hat uns wieder zusammengebracht. Wie lange werden wir dieses
Verhältnis aufrechterhalten können?"
„Schätzchen,
es war nicht nur Mum, welche dies bewirkt hat. Es waren wir selbst.
Sie hat uns nur daran erinnert, wie wichtig es ist, einander zu
haben. Ich kann dir nicht sagen, wie es weiter gehen wird. Es wird
auch in Zukunft Probleme geben, wir alle werden unsere Differenzen
haben. Auch die Vergangenheit lässt sich nicht einfach
auslöschen. Aber wir werden daran arbeiten. Du sollst auf jeden
fall wissen, dass du mich jederzeit anrufen kannst."
Carol
lächelte. „Danke. Das gilt auch für dich."
„Mum?"
Wir hatten ihn nicht kommen gehört.
Carol
blickte von Matt zu mir. „Ich werde Carmen und Juan holen."
Als
sie gegangen war, näherte sich Matt zögernd. „Ich wollte
mich nur verabschieden. Ich muss morgen wieder arbeiten."
Ich
nickte leicht. „Matt?" Ich seufzte leise. „Es tut mir leid. Das
wollte ich dir nochmals sagen. Ich hätte ehrlich zu dir sein
müssen."
Er
wich meinem Blick aus.
„Vielleicht
kommst du einmal für ein Wochenende vorbei. Ich würde gerne
nochmals mit dir über alles sprechen."
Er
nickte leicht. „Okay."
Ich
umarmte ihn. „Ich hab dich lieb."
„Ich
dich auch." Er löste sich aus meinen Armen und schenkte mir
ein kurzes Lächeln.
„Fahr
vorsichtig, okay?"
Er
nickte und warf dem Haus noch einen letzten Blick zu, bevor er zu
seinem Auto ging.
„Nun
sind sie alle weg..." Luke betrachtete seine Schuhspitzen Stirn
runzelnd. Er hatte seine Hände in den Taschen des weiten Mantels
vergraben.
„Wir
sehen sie ja schon bald wieder." Ich mühte mich um ein
Lächeln.
„Deine
Rede...sie war wundervoll..." Er drückte meine Hand.
Ich
seufzte leise. „Ich hatte so viel vorbereitet. Wollte eine ihr
würdige Grabesrede halten. Ich brachte aber kein Wort heraus.
Alle Worte, sie waren wie verschwunden..."
„Deine
Worte kamen von Herzen, Rory. Sie waren wertvoller, als es jede Rede
hätte sein können. Deine Mutter hat sich darüber
gefreut, dass weiß ich. Ich konnte ihre Anwesenheit
spüren."
Ich
lächelte leicht. „Ich auch."
Luke
wich meinem Blick aus. „Hör mal, Rory. Du musst nicht wegen
mir bleiben. Ich komme zurecht. Fahre nachhause, wenn du das
möchtest."
„Luke..."
Er
blickte mich Stirn runzelnd an.
Meine
Augen glitten über das Haus meiner Vergangenheit und den Mann,
welcher mir immer ein Vater gewesen war. „Ich bin zuhause."
Epilog
Es
roch nach Schnee, Mum. Ich erwachte heute um zwei Uhr morgens mit
diesem kribbeligen Gefühl im Bauch. Als ich die Fenster öffnete
und der sanfte Wind in meine Nase drang, wusste ich es. Ich wollte
Carmen nicht wecken, schließlich hatten wir lange ferngesehen.
Aber sie hörte, als ich den Schlüssel in das Schloss
steckte. Wir gingen wieder zu unserem beleuchteten Pavillon und
tatsächlich begann es in jenem Moment zu schneien, als wir ihn
erreichten. Carmen sprach von einem Wunder - wie du weißt,
glaubt ihre andere Großmutter, Susana, an diese - ich wusste
jedoch, dass sich deine Gene endlich auch bezüglich der
Fähigkeit Schnee zu riechen bemerkbar gemacht hatten. Nach
unserem Spaziergang machte ich uns Kaffee und wir begannen den Baum
zu schmücken. Das klingt für dich sicherlich sehr amüsant
- genau wie für Carol - aber wir waren einfach zu aufgekratzt um
nochmals schlafen zu gehen. Apropos Carol. Es freut dich sicherlich
zu hören, dass auch die kleine Corinne endlich ihre Liebe zu den
OOmpa Loompas entdeckt hat. Ich überlege ihr und Lorelai eine
Willy Wonka DVD Sammelbox zu ihren dritten Geburtstag im Frühjahr
zu schenken. Da Carmen nur drei Wochen später ihren sechzehnten
Geburtstag feiert, wird die gesamte Familie sechs Wochen in Puerto
Rico bleiben. Ich werde wieder Susanas komfortables Gästezimmer
beziehen. Bei ihr zu wohnen macht es leichter, wenn wir beide einfach
einmal unsere Ruhe brauchen und in San Juans gigantische
Nationalbibliothek abtauchen möchten. Wer hätte gedacht,
dass ausgerechnet Susana und ich nicht nur Verbündete sondern
auch noch Freundinnen werden würden?
Das
nächste Fest in Puerto Rico wird doch schon Mitte Juni
stattfinden, weshalb ich überlege, ob es nicht billiger wäre,
das gesamte kommende Jahr bei Carols Schwiegermutter zu wohnen. Jenny
hat sich nun endgültig auf diesen Termin festgelegt, welcher
diesmal wohl bestehen bleiben wird. Nach einigen Diskussionen konnte
sie Alejandro schließlich davon überzeugen, nach
Kalifornien zu gehen. Er hat sich bereits für das Sommersemester
in Stanford eingeschrieben. Derzeit haben wir viel Stress bei der
Suche nach einer geeigneten Wohnung für die beiden in San
Francisco. Obwohl ihrer beider Heimat nun Kalifornien ist, sind sie
sich von Beginn an darüber einig gewesen, dass sie nur in San
Juan heiraten könnten. Schließlich lernten sie sich dort
kennen, kamen dort zusammen, trennten sich dort und kamen schließlich
vor zwei Jahren wieder zusammen.
Ich
weiß noch immer nicht, was ich von diesen Plänen halten
soll. Meinen letzten kritischen Verbündeten habe ich aufgrund
Carmens neuer Beziehung verloren. Kaum hatte sich Ramón an
Eddy gewöhnt, traf Carmen Raúl und beendete die erste
Beziehung ihres Lebens, die für ihr junges Alter sehr lange
gehalten hatte.
Für
ihren Vater verlor die Verbindung seines jüngsten Bruders mit
seiner Schwägerin von Bedeutung, als er bemerkte, dass ihn der
neue Freund seiner Tochter viel zu sehr an ihn selbst in jungen
Jahren erinnerte. Momentan scheine ich die einzige zu sein, welche
noch daran zweifelt, dass der richtige Zeitpunkt für Jennys und
Alejandros Hochzeit schon gekommen ist.
Matt
hat wahrscheinlich Recht. So lange die beiden glücklich sind,
kann es nicht falsch sein. Lena und er haben sich übrigens nach
einem kurzen zweiten Versuch endgültig getrennt. Er sieht aber
seine kleine Tochter weiterhin regelmäßig. Sophie ist ein
unglaublich süßes Mädchen. Sie liebt es, wenn ich mit
ihr große Sandburgen am Strand baue. Manchmal treffe ich mich
auch nur mit ihr und Lena, welche einen neuen Freund hat.
Rick
ist ein sehr netter Mann und versteht sich nach ein paar Monate der
Eifersucht nun auch mit Matt deutlich besser. Freunde werden sie wohl
nie werden, aber das ist auch nicht wichtig.
Dieser
Meinung ist auch Jess. Wir sehen uns noch immer ungefähr jede
zweite Woche um Kaffee zu trinken und zu reden. Im Sommer lernte ich
seine Kinder und seine Exfrau Liza kennen. Wunderbare Menschen, wir
verbrachten einen lustigen Nachmittag miteinander. Ich bin glücklich,
in Jess so einen guten Freund gefunden zu haben.
Seine
Anwesenheit und Unterstützung half mir sehr über den Schock
über Lukes plötzlichen Tod letztes Jahr. Er schlief eines
Abends ganz ruhig vor dem Fernseher ein und wachte nicht mehr auf.
Ich hatte ihm gerade einen Tee gemacht. Es war eine sehr schwere Zeit
danach. Auch wenn ich wusste, dass er nun endlich wieder bei dir war.
Ich
bereute meinen Entschluss, meine Wohnung und den Job in Seattle
aufzugeben, niemals. So konnte ich die letzten Jahre zumindest für
Luke da sein, welchem sein Alter auch zunehmend zu schaffen gemacht
hatte.
Auch
wenn Stars Hollow nicht mehr dasselbe ist und jemals sein kann, ohne
euch, ich bin glücklich wieder zuhause zu sein. Endlich
angekommen zu sein.
Meine
Arbeitsstelle bei dem Hartford Examiner - von welcher Luke mir damals
geraten hatte, sie anzunehmen - macht mir viel Freude. Ich habe in
den letzten Jahren einige neue Freundschaften geschlossen.
Mein
Leben ist nicht das, was ich mir einst erträumte, aber es ist
das Beste, was ich nun leben kann. Ich habe gelernt, bescheiden zu
sein. Die kleinen Dinge zu schätzen. Nicht immer nur zu
verlangen. Vielleicht habe ich endlich gelernt zu leben.
Ich
sehe meine Familie nun so regelmäßig wie möglich. Wir
telefonieren zumindest zweimal die Woche. Zweimal im Jahr fliege ich
nach Puerto Rico. Carol und ich nehmen uns dann zumindest drei Tage,
welche nur uns beiden gehören.
Das
Leben ist nicht perfekt. Auch weiterhin suche ich gelegentlich Dr.
Winter auf. Aber es geht mir besser. Ich habe wieder Mut. Mut zu
leben.
Ich
liebe dich, Mum. Ich hoffe, es geht dir gut. Wo auch immer du sein
magst. Ich bin bei dir, in meinen Gedanken.
Carmen
wartet auf mich, sie möchte Kekse backen. Ja, du hast richtig
gehört. Wir backen Kekse. Währenddessen werde ich ihr von
früher erzählen. Und von ihren wunderbaren Urgroßeltern,
welche sie leider viel zu wenig kannte.
„Grandma?"
Die Stimme meiner ältesten Enkeltochter klingt ganz schüchtern,
ungewöhnlich für das fünfzehnjährige Mädchen,
welches sonst so schlagfertig ist.
„Ja,
mein Engel?"
Sie
reicht mir einen Stoß Zetteln. „Ich wollte dir das hier
geben. Damit es auch Uroma sieht."
Ich
runzle die Stirn und ergreife das Papier. „Carmen..." Entfährt
es mir.
Sie
lächelt. „Es sind erst zehn Kapiteln. Ich war nicht mehr
sicher, wie es genau weiter ging..."
Ich
lese die ersten Zeilen des neuen Kapitels nochmals. Meine
Urgroßmutter Lorelai Victoria Gilmore sagte einst, dass ihr
alle guten Dinge während Schneefalls widerfuhren. Auch an jenem
Montag, Anfang Oktober des Jahres 1984, tobte ein wilder Schneesturm,
als sie mit Wehen in den Kreissaal gebracht wurde.
„Ich
weiß, schreibtechnisch gilt es einiges zu verbessern,
aber..."
„Die
Familiengeschichte..." Es verschlägt mir die Sprache.
„Das
wollte Urgroßmutter doch."
Ich
nicke lächelnd und umarme sie. „Lass uns Kaffee trinken und
Kekse backen gehen. Währenddessen erzähle ich dir alles,
was du wissen möchtest."
Wir
unterhalten uns über meine Jahre in Stars Hollow, während
wir den Friedhof verlassen und durch die weiße Schneelandschaft
spazieren. Die besten Jahre meines Lebens.
Als
wir das Haus erreichen, beginnt es erneut zu schneien. Wir sehen zum
Himmel empor und beobachten lächelnd die Schneeflocken, welche
vom Wind getragen werden.
