Hallo!

Auch wenn hier leider die meisten das Interesse verloren haben, poste ich der Vollständigkeit halber auch die letzten Kapitel. Vielleicht möchte ja doch noch jemand Feedback geben, würde mich freuen.

LG Latina

31. Teil

Die ersten sanften Sonnenstrahlen begannen die Dunkelheit des Raumes zu brechen. Meine Augen waren noch halb geschlossen. Ich hatte kein Bedürfnis sie zu öffnen. Denn es war nur ein weiterer Tag. Ein weiterer Tag, der unser aller Hoffnungslosigkeit bestärken würde.
Ich spürte die sanften Finger, welche über meine Schultern strichen. „Rory?"
Ein leises Seufzen entwich mir. Es gab keine Möglichkeit zu entkommen. Der Tag hatte begonnen. Ich drehte mich langsam um. Mein Kopf rumorte. „Wo ist Jenny?" Ich setzte mich langsam auf und sah mich im Raum um.
„Sie ist vor einer Stunde aufgestanden. Carol und sie machen gemeinsam mit Carols Kindern einen Spaziergang im Schnee."
Ich nickte leicht. „Warum hast du mich geweckt?"
Jess seufzte leise. „Du hast so unruhig geschlafen. Und Lorelai erwartet dich."
Eine panische Angst machte sich mit einem Mal in meinem Herzen breit und begann mir die Luft abzuschnüren. „Es ist doch nichts passiert?" Presste ich mühsam heraus.
„Ich denke, sie möchte sich nur einmal mit dir alleine unterhalten. Ihr kommt sonst immer im Rudel zu ihr."
„Okay. Ich werde sofort zu ihr gehen." Ich erhob mich langsam. „Ich habe Angst, Jess."
Er nickte leicht. „Ich auch."

Die Treppen schienen steiler als sonst. Mit jeder einzelnen Stufe schienen noch weitere hinzuzukommen. Ein schwerer Druck begann erneut mein Herz zu erfassen.
Meine Beine zitterten als ich den Raum betrat. Mum lag in ihrem Bett, ein dicker Polster stützte ihren Rücken. Ihr Blick war aus dem Fenster gerichtet.
„Mum?"
Sie drehte ihren Kopf langsam zu mir. Ein leichtes Lächeln erhellte ihr blasses Gesicht. „Es schneit schon wieder."
Ich nickte und mühte mich um ein Lächeln.
„Habe ich mich plötzlich in ein dreiäugiges Monster verwandelt? Komm näher und setz dich doch."
„Entschuldige. Hast du gut geschlafen?" Ich setzte mich auf den Stuhl.
„Ja. Ich habe geträumt." Sie betrachtete mich lächelnd.
„Was hast du denn geträumt?"
„Dass wir alle zusammen im Wohnzimmer sitzen und einen Film ansehen."
„Welcher Film war es?"
„Footloose."
„Wir haben den Film geliebt."
„Haben wir ihn denn oft gesehen?" Sie runzelte nachdenklich die Stirn.
„Ja, sehr oft."
Sie wich meinem Blick aus und betrachtete die weiße Bettdecke. „Es ist schlimm, Rory. Es gibt Szenen, die fallen mir spontan ein, auch wenn sie schon viele Jahrzehnte her sind. Aber da ist so vieles dessen ich mich nicht mehr entsinnen kann. Das Schlimmste daran ist jedoch, dass ich spüre, dass da etwas ist, das ich wissen müsste..."
„Du kannst mir jede Frage stellen."
Sie lächelte milde. „Besser du schreibst es mir auf..."
„Hast du schon Tee getrunken?"
„Bereits zwei Tassen. Luke wartete so lange, bis ich sie vor ihm ausgetrunken hatte. Schlucken musste ich leider auch."
„Der Tee tut dir gut, Mum."
„Mein Gedächtnis wird dadurch nicht besser..." Sie seufzte leise. „Hast du schon mal darüber nachgedacht unsere Geschichte aufzuschreiben?"
„Die Familiengeschichte? Nein." Ich schüttelte den Kopf.
„Ich bereue es, dass ich es niemals getan habe. Nicht weil ich meine schmutzigen Geschichten verbreiten wollte..." Sie zwinkerte. „...aber was wird mit den Nachfolgegenerationen werden? Carmens Enkelkindern? Ihren Urenkeln?"
„Ich fürchte, dass wir beide aufgrund unserer Skandale bis in alle Ewigkeit die schwarzen Schafe der Familie sein werden."
Sie musterte mich lächelnd. „Ich hoffe ja doch, dass Carmen und Juan noch einmal an einem illegalen Autorennen teilnehmen werden."
„Bitte bring sie nicht auf solche Gedanken." Ich lachte.
„Die Kleine hat es faustdick hinter den Ohren. Sie hat meine Augen und mit ihren zwölf Jahren schon ihren ersten Freund. Sie kommt ganz nach ihrer Urgroßmutter."
„Das stimmt."
Mum strich mir sanft über den Handrücken. „Wann wird es denn bei Carol wieder soweit sein?"
„Sie erwartet ihre Zwillinge im Februar."
„Vier Kinder..." Mum lächelte. „Sie wollte eigentlich früher nie Kinder bekommen. Weißt du noch?"
„Carol hat sich sehr verändert. Wir alle haben das."
Sie nickte leicht. „Rory, Matt war heute Morgen bei mir."
Ein schmerzhafter Stich durchfuhr mein Herz. „Ja?" Ich mühte mich um ein Lächeln.
„Er ist sehr verwirrt. Ich habe ihm versucht zu erklären, warum du es ihm nicht sagen konntest. Und ich rate euch beiden nochmals über das alles zu sprechen, wenn etwas Zeit vergangen ist...Zeit, das ist es, was er im Moment braucht."
Ich nickte leicht
„Du hast das Richtige getan, Rory. Er musste es erfahren."
Ich seufzte leise.
Mum betrachtete mich Stirn runzelnd, bevor sie schließlich erneut das Thema wechselte. „Ich habe gehört Jenny ist mit Carol und den Kindern ein wenig spazieren gegangen. Das wird ihr gut tun. Die letzten Monate waren sehr stressig für sie. Jenny ist so eine wundervolle junge Frau. So ehrgeizig wie du, aber manchmal fast ein wenig zu verbissen. Sie sollte sich einmal einen richtig schönen Urlaub gönnen. Einfach entspannen, das wäre jetzt das Richtige für sie. Und sie sollte mehr an sich denken. Oftmals scheint sie mir so selbstlos, will alle retten..." Mum schmunzelte, wurde aber wieder ernst. „...dabei sollte sie aber mehr Acht auf sich geben und auch Gefühle der Schwäche zu lassen. Sie spielt vieles herunter, Rory..."
Ich runzelte die Stirn. Mum hatte Recht. Jennys Gefühlsausbrüche waren umso heftiger, weil sie so selten waren. „Mum?" Ich wich ihrem Blick aus. „Jenny hat mir von ihrer Abtreibung erzählt..."
Mum nickte. „Die Liebe hat nicht allen in dieser Familie Glück gebracht."
„Jenny trieb das Kind vor sieben Jahren ab. Sie erzählte mir nicht davon, um mich nicht zu belasten..."
Ihre Hand strich sanft über meine. „Rory, das ist Jennys Schicksal. Es ist nicht mehr rückgängig zu machen, was passiert ist. Alles was du für sie tun kannst, ist für sie da zu sein. Ihr habt trotz der vielen Schicksalsschlägen immer ein sehr gutes Verhältnis gehabt."
„Ich habe seit gestern auch das Gefühl sie niemals wirklich kennen gelernt zu haben. Ich dachte immer für sie da gewesen zu sein, doch in Wirklichkeit war sie es, die fast immer für mich da gewesen ist..." Ich wich ihrem Blick aus.
Mum musterte mich prüfend. „Es war ihre Entscheidung...gib nicht dir die Schuld."
Ich sah langsam hoch. „Es wäre möglicherweise niemals soweit gekommen, wäre ich nicht so sehr mit mir selbst beschäftigt gewesen..."
„Hätte ich jemals meinen Plan durchgesetzt zu dir zu fahren, hättest du deine Depressionen möglicherweise schneller in den Griff bekommen. Das bringt nichts, Rory. Wir drehen uns im Kreis. Wir haben alle Fehler gemacht. Abhängig und unabhängig voneinander." Sie schüttelte den Kopf. „Du kannst ewig in der Vergangenheit leben, doch es führt zu nichts. Du musst akzeptieren, wie die Dinge gekommen sind und nach vorne blicken. Nur dann hast du eine Chance. Und deine Kinder." Sie lächelte milde. „Ich weiß, wie schwierig das ist. Es hat lange gedauert, bis ich Abschied von Corinne nehmen konnte. Auch Carol schaffte es erst nach vielen Jahren der Verdrängung den ersten Schritt zur Heilung ihrer Seele zu machen." Ihre glanzlosen Augen betrachteten mich nachdenklich.
„Mum?" Meine Stimme stockte und ein bedrängender Druck erfasste mein Herz. „Was ist Carol widerfahren?"
Mum sah mich lange an, bevor sie ihren Kopf zum Fenster wandte. Ihre Lippen bebten. Ich versuchte aus den Konturen ihres Gesichtes zu lesen, versagte aber.
„Rory..." Ihre Stimme war heiser. Sie räusperte sich leise, den Blick noch immer auf das Fenster gerichtet. „Siehst du die tanzenden Schneeflocken? Wie sie über unsere Stadt schweben, vom Wind getragen. Frei und unbekümmert. Keiner vermag sie daran zu hindern. Sie machen es unabhängig davon, ob wir hier sitzen. Sie würden ebenso tanzen, wären wir Kilometer entfernt oder nur in einem anderen Zimmer. Die Natur nimmt ihren Lauf, auch unser Leben muss den seinen nehmen." Die Tränen in ihren Augen glänzten, als sie sich wieder an mich wandte.
„Mum..." Meine Finger zitterten als ich ihre Hand ergriff.
Sie beobachtete schweigend, wie sich unsere Hände berührten. „Carol war den Schneeflocken ähnlich, bis ihr in jungen Jahren ihre Freiheit genommen wurde. In gewisser Weise ist das uns allen widerfahren. Aber nicht auf diese Art, wie sie es erleben musste. Carol gab sich selbst die Schuld an ihrer Unwissenheit. Das war wohl einer der Gründe für die lange Verdrängung. Sie schämte sich für etwas, auf das sie keinen Einfluss gehabt hatte. Ihr Flehen nach Liebe und Zuneigung war auf brutalste Weise ausgenützt worden. Carol hatte es lange nicht verstanden. Es hatte jedoch ihr ganzes Leben, all ihre Beziehungen, bestimmt. Bis zu der Beziehung mit Eric war sie stets mit Männern zusammen gewesen, welche sie früher oder später schlecht behandelt hatten. Sie hatte ihre Opferrolle unbewusst so lange akzeptiert, bis sich diese von ihr getrennt hatten. Carol war nie lange alleine gewesen, das konnte sie nicht. Ihr Motiv mit Eric zu gehen schien dasselbe wie bei den anderen, sie glaubte, Liebe gefunden zu haben. Und er liebte sie, war vollkommen verrückt nach ihr. Doch sie musste sich schließlich eingestehen, dass sie ihn nicht liebte und wahrscheinlich auch niemals geliebt hatte. Die Beziehung zu Ramón war die erste, die tatsächlich auf Liebe, beiderseits, beruhte..." Mum sah hoch, wandte sich schließlich wieder dem Fenster zu. „Weißt du noch, was du mir über den Großcousin Susanas erzähltest? José, welcher Ramón den tollen Job besorgt hatte. Was er im betrunkenen Zustand versucht hatte?" Mum schloss die Augen. „Er versuchte es nicht nur bei dir." Sie drehte ihren Kopf langsam zu mir und ergriff meine zitternden Hände. Ich spürte es nicht, sah es nur. Die Tränen bildeten kleine Flecken auf der weißen Bettdecke. „Carol stand unter Schock, konnte die Bilder der Gegenwart nicht mehr von den plötzlichen Szenen der Vergangenheit vor ihren Augen unterscheiden. Sie war ihm ausgeliefert. Doch zum Glück kam Ramón in diesem Moment nachhause. Er riss ihn von ihr und schlug auf ihn ein. Carols Flehen aufzuhören, gab er erst nach einigen Minuten nach. Sie mied beinahe eine Woche jede Gesellschaft, bevor sie ihm schließlich anvertraute, was ihr der eigene Onkel fünfzehn Jahre zuvor angetan hatte. Ramón war es schließlich, der sie zu der Therapie bewegte. Es gelang ihm jedoch nicht, sie davon zu überzeugen, gegen José und Roger gerichtlich vorzugehen. Aus diesem Grund hätten Ramón und Jenny vor sechs Jahren auf eine gewisse Art und Weise Selbstjustiz begangen. Carol war stets mehr als eine Schwester für Jen gewesen, besonders nachdem sie ihr in der Zeit nach ihrer Abtreibung so beigestanden hatte. Jenny wollte stets alle beschützen und retten. Nachdem sie auf dem Dachboden Logans Hauses in San Francisco Carols Tagebuch gefunden hatte und zu neugierig gewesen war um nicht darin zu lesen, hatte sie auch beschlossen ihre Schwester zu retten. Ramón begleitete sie, belog seine Frau bezüglich seines Aufenthalts. Beide waren voller Wut und blindem Hass getrieben, ohne Plan, aber nur mit einem Ziel..."

--------- Flashback Jenny ---------

Jenny starrte auf das Türschild. Zwei junge Frauen gingen an ihr vorbei und lächelten ihr freundlich zu. Das Mädchen zitterte, als sie sich umdrehte. Sie blickte Ramón unsicher an.
„Soll ich mitkommen?" Fragte er.
„Tun wir das Richtige? Wird sie uns dafür hassen?"
„Ja, das wird sie." Antwortete er emotionslos.

--------- Flashback Jenny Ende ---------

„...sie waren sich nicht bewusst, von wie viel Egoismus sie in Wirklichkeit zusätzlich getrieben wurden. Jenny hatte das schmerzende Gefühl ihrer geliebten Schwester etwas schuldig zu sein. Ramón wollte die beiden dunklen Jahre seiner Ehe wieder haben..."

--------- Flashback Jenny ---------

Jenny wich seinem Blick aus. „Nein, ich regle das alleine. Warte bitte hier."
Ramón nickte. „Aber sollte er dir auf irgendeine Weise zu nahe treten, schreist du laut, verstanden? Ich bin in weniger als einer Sekunde bei dir."
„Okay." Ihre Stimme stockte. Der Druck umfasste ihr Herz so stark, dass sie zu ersticken glaubte. Sie öffnete langsam die Tür.
„Jenny? Das ist aber eine nette Überraschung." Roger erhob sich lächelnd.
Sie schloss die Tür, vermied es ihn anzusehen.
„Wie geht es dir und deiner Mutter? Kommt doch mal wieder zu Besuch." Er wollte ihre Hand berühren, doch sie trat einen Schritt zurück. Ihr Magen drehte sich und eine rasende Wut erfasste sie erneut, als sie daran dachte, was seine Hände getan hatten.
„Du bist ja so blass. Bist du krank?"
Ihr Körper zitterte. Erst kam kein Wort über ihre Lippen. „Ich weiß es." Ihre Stimme zitterte. Sie versuchte ihm in die Augen zu sehen. „Ich weiß, was du ihr angetan hast."
Er blieb emotionslos. „Entschuldige, aber ich weiß nicht, wovon du sprichst."
Sie schüttelte den Kopf. „Du hast ihr Leben zerstört. Wie kannst du nur damit leben?"
„Die Scheidung von deiner Tante ist nun schon einige Jahre her. Sie hat meines Wissens bereits eine neue Beziehung..."
„Es geht nicht um Marcy!" Jennys Stimme hob sich. „Ich spreche von Carol."
„Carol?" Er runzelte die Stirn. „Ich habe schon lange nichts mehr von ihr gehört. Wir haben seit vielen Jahren keinerlei Kontakt mehr."
„Wundert dich das denn?"
„Hör mal, Jennifer. Ich habe viel zu erledigen. Solltest du mir irgendetwas unterstellen wollen, mach das bitte schnell."
Sie schüttelte den Kopf. „Du zeigst nicht einen Funken Reue. Es ist dir egal." Ihre Augen funkelten voller Hass. „Du hast das Leben eines Menschen zerstört. Wie kannst du das nur so einfach hinnehmen? Wie kann man so grausam sein? Ich verachte dich aus tiefstem Herzen."
Rogers Stimme erhob sich. „Das muss ich mir von keiner High School Schülerin bieten lassen! Hat dir deine Mutter kein Benehmen beigebracht? Ist sie also tatsächlich nur noch mit ihrer wirren Psyche beschäftigt? Bist du niemals davon unterrichtet worden, dass man für Rufmord angeklagt werden kann?"
„Gib es doch zumindest zu!" Schrie sie mit heiserer Stimme.
Er musterte sie verächtlich. „Das Leben ist kein Spiel, Jennifer. Geh zu jemanden anderen, wenn du Detektivin spielen möchtest. Ich hätte dich für reifer gehalten."

--------- Flashback Jenny Ende ---------

Mum schüttelte den Kopf. „Rogers provokante Art trieb Jenny schließlich Tränen in die Augen. Als Ramón ihre tränenerstickte Stimme vernahm, eilte er in das Büro. Roger brachte ihm noch mehr Verachtung entgegen als seiner Nichte.

---------- Flashback Jenny ---------

„Schon wieder arbeitslos? Oder wie bringst du sonst soviel Zeit auf die Schwester deiner Frau bei ihren Kinderspielen zu begleiten? Sie muss dir ja sehr am Herzen liegen. Was hält eigentlich Carol davon? Ich habe von Anfang an gewusst, dass ein Arbeitersohn nicht der Richtige für sie sein kann. Sie hätte dieses unzivilisierte Land erst gar nicht besuchen sollen..."
Ramón ballte die Hände zu Fäusten. „Du wagst es von zivilisiert zu sprechen? Zivilisierte Menschen vergehen sich nicht an jungen Mädchen!"
„Wenn ihr nicht auf der Stelle verschwindet, werde ich den Sicherheitsdienst rufen!"

--------- Flashback Jenny Ende ---------

„Der Streit ging noch einige Minuten weiter, bis Ramón sich schließlich nicht mehr beherrschen konnte und ihm hart ins Gesicht schlug.

--------- Flashback Jenny --------

Roger griff sich stöhnend unter sein Auge. „Das wirst du noch bitter bereuen, das schwöre ich dir. Was wird wohl Carol dazu sagen? Und Carmen?"
„Wage es nicht noch einmal den Namen meiner Tochter auszusprechen! Lass die beiden bloß in Ruhe, sonst mach ich dir dein armseliges Leben zur Hölle!"
„Denkst du tatsächlich, ich würde mich vor dir fürchten?" Roger betrachtete ihn spöttisch.
Ramón trat einen Schritt näher, doch Jenny hielt seinen Arm fest. „Lass es. Er ist es nicht wert. Das alles war eine sehr, sehr dumme Idee..." Sie wandte sich an ihren Onkel. „Ich empfinde tiefste Verachtung für dich und wünsche dir, dass dein Leben noch voller grausamer Schicksalsschläge sein möge. Und lass unsere Familie bloß in Ruhe. Ich bin mir sicher, dass sich gewiss die eine oder andere Zeitung für das alles interessieren könnte..."
„Willst du mir etwa drohen, Jennifer? Ich sitze am längeren Ast, könnte euch allen mehr schaden, als ihr mir. Glaub mir." Er griff nach dem Telefonhörer. „Euer kleines Spiel ist mir allmählich langweilig geworden. Entweder ihr verschwindet jetzt, oder ich werde dafür sorgen, dass ihr aus diesem Gebäude entfernt werdet..."
„Ramón?" Jenny blickte ihn flehend an, als sich dieser nicht von der Stelle rührte.
Er warf Roger schließlich noch einen letzten hasserfüllten Blick zu und folgte ihr aus dem Büro.

--------- Flashback Jenny Ende ---------

„Die Entscheidung Roger aufzusuchen hatten sie aus einem Effekt heraus getroffen. Sie sind beide hochemotionale Menschen und ließen sich von ihren Gefühlen leiten. Weder Jenny noch Ramón waren sich bewusst gewesen, was sie sich wirklich von dem Besuch versprochen hatten. Aufjedenfall verschaffte er ihnen keinerlei Frieden.
Im Gegensatz zu Jenny hatte Ramón zwar gewusst, was Carol angetan worden war, die Auszüge, welche sie ihm aus dem Tagebuch vorgelesen hatte, hatten seinen niemals wirklich gemilderten Hass jedoch um ein Vielfaches verstärkt. Beide erzählten mir, dass sie ohne die Anwesenheit des anderen wohl zu allem fähig gewesen wären und jegliche möglichen Konsequenzen ignoriert hätten. Ich weiß jedoch, dass weder Jenny noch Ramón es fertig gebracht hätten, jemanden zu töten, gleichgültig, wie sehr sie diesen auch hassen.
Ihr langer Rückweg war von großen Schuldgefühlen gegenüber Carol begleitet. Von Jennys Seite, weil sie das Tagebuch gelesen und von Ramóns, weil er seiner Frau vor Jahren hatte versprechen müssen, das Thema als Vergangenheit zu betrachten. Beide hatten von Anfang an gewusst, dass das alles ganz und gar nicht in Carols Sinne war. Ramón hatte sie sogar bezüglich seines Aufenthaltsortes belogen. Carol hatte herausbekommen, dass er sich in besagter Stadt niemals befunden hatte und ihm Untreue vorgeworfen, worauf ein heftiger Streit entfacht war. Die Wahrheit weiß sie bis heute nicht und wahrscheinlich ist es tatsächlich besser so, auch wenn ich lange Zeit anderer Meinung war. Jenny gibt sich noch immer eine gewisse Mitschuld an dem Selbstmord Rogers wenige Wochen nach ihrem Besuch. Ich bezweifle allerdings, dass dieser auch nur im Entferntesten damit zu tun hatte. Dieses Schwein kannte keine Reue und dass er sich aufgrund des Konkurses seiner Firma umbrachte, passt zu ihm. Er hätte Schlimmeres verdient als den Tod..." Mum senkte den Blick und hielt inne. Schließlich sah sie mich lange an. Mein Körper zitterte. Ich fröstelte. Das alles schien so unwirklich, wie in einem schlimmen Alptraum. Doch es war kein Traum. Der Druck nahm mir die Luft zu atmen. Ich hätte es ahnen müssen. Ich hätte Carol vor Roger beschützen müssen. Ich senkte den Blick.
„Rory..." Mum ergriff erneut meine Hand. „Ich habe dir das im Vertrauen erzählt, damit du manche Dinge besser verstehen kannst. Versprich mir, sie nicht darauf anzusprechen. Es könnte sie erneut in schwere Depressionen stürzen. Diese hätte ihr vor zehn Jahren beinahe ihre Ehe und den Job gekostet. Sie hat zwar seit ein paar Jahren alles sehr gut im Griff und ist zum ersten Mal im Leben wirklich glücklich, aber ich fürchte, dieses Glück ist noch immer wackliger, als sie selbst annimmt. So etwas braucht Zeit. Gib sie ihr. Vielleicht möchte sie eines Tages mit dir darüber sprechen, vielleicht auch nicht. Lass sie zu dir kommen, sie entscheiden. Sei einfach für sie da, so wie eine Mutter für ihre Tochter da sein sollte..." Sie hielt inne und verwischte meine stummen Tränen. „Du hättest es nicht verhindern können, Rory. Das hättest du nicht..."

32. Teil

„Du musst dich ausruhen, Cariña." Susana musterte Carol Stirn runzelnd.
Ich schloss die Tür zu Mums Zimmer leise und näherte mich den beiden.
Carols Wangen waren gerötet, Schweißperlen hatten sich auf ihrer Stirn gebildet.
Ich musterte sie besorgt. Ein schwerer Druck erfasste erneut mein Herz. „Was ist denn los?"
„Gar nichts, Mum. Sorge dich nicht. Sie dramatisieren alle nur. Mir ist lediglich ein wenig schwindlig beim Spazieren gehen geworden..."
„Niemand dramatisiert, Cara. Leg dich bitte zumindest eine Stunde hin."
Ich warf Susana einen kurzen Blick zu, wandte mich wieder an meine Tochter. „Sie hat Recht. Du brauchst Ruhe..." Ich ergriff ihre Hand. „Deinetwegen und wegen deinen ungeborenen Kindern. Ich war gerade unterwegs um Mum noch ein wenig Tee zu machen. Ich werde auch dir einen bringen."
Susana nickte. „Tee wird dir gut tun."
„Wie geht es Grandma?" Fragte Carol heiser, als sie erschöpft in das Gästebett sank.
Ich strich ihr sanft durchs Haar. „Sie scheint geistig topfit. Du kannst später zu ihr. In deinem jetzigen Zustand würde sie dich sofort wieder ins Bett schicken."
„Es geht ihr also besser?" Ein kurzer Hoffnungsschimmer blitzte in den Augen, welchen jenen Mums und meinen glichen.
Susana strich ihr über die Wange. „Versuch ein wenig zu schlafen. Ich werde deiner Mutter in der Küche helfen." Sie schenkte ihr ein sanftes Lächeln.
Bei der Tür angekommen hielt ich inne. „Susana..." Ich musterte Carol und wurde leiser. „...bitte bleibe bei ihr..." Ich atmete tief durch. „...sollte irgendetwas sein..."
Susana nickte leicht. „Das alles ist zu viel für sie..." Sie senkte den Blick.

Aus der Küche drangen gedämpfte Stimme und der sanfte Geruch frischen Tees.
Luke, Jess, Jenny und Ramón saßen am Küchentisch. „Sie darf die Kinder nicht verlieren...das würde sie nicht überstehen..." Jennys Stimme stockte.
„Das wird sie nicht!" Sie sahen mich irritiert an. Offenbar hatten sie mich nicht kommen gehört. „Carol wird diese Kinder bekommen. Alles wird gut werden..." Ich atmete tief durch. „Dafür werden wir sorgen."
Ramón nickte. „Vielleicht wäre es wirklich besser gewesen, wären wir in Puerto Rico geblieben..." Er wich meinem Blick aus.
Ich seufzte leise. „Carol wäre angesichts Mums gesundheitlichen Zustands niemals in San Juan geblieben. Du hättest sie nicht daran hindern können zu fliegen. Ist es ihr schon zuvor so gegangen oder erst seit ihr hier seid?"
„Erst in den letzten Tagen..."
Ich runzelte besorgt die Stirn. „Wir werden sie ins Krankenhaus bringen."
Jennys Augen begannen zu tränen. „Komm her." Jess nahm sie in die Arme. „Es wird alles gut. Sicherlich ist es nur der Stress..." Er strich beruhigend über ihren Kopf.
Seine liebevolle Geste zauberte ein kurzes Lächeln über meine Lippen. „Luke?" Ich blickte ihn Stirn runzelnd an. „Könntest du im Krankenhaus anrufen? Vielleicht bekommt sie noch heute einen Termin."
Er nickte und erhob sich sogleich. Erst jetzt bemerkte ich, dass seine Augen gerötet waren. Es war für uns alle zuviel. Mums schlechter gesundheitlicher Zustand, die harten Konfrontationen mit unserer Vergangenheit und jetzt auch noch Carol.
„Wo sind Matt und die Kinder?"
„Im Supermarkt." Antwortete Jenny.
„Gut." Ich nickte. „Carmen und Juan sollen sich nicht unnötig sorgen."
Nach wenigen Minuten kam Luke zurück. „Sie hat einen Termin für fünf Uhr Nachmittag. Ich werde sie hinfahren. Kommst du mit?" Er blickte Ramón an, dieser nickte.
„Natürlich."
„Fünf Uhr ist ideal, dann kann sie nun noch ein paar Stunden schlafen." Der Druck auf meinem Herzen begann sich ein wenig zu lockern.
„Rory?" Luke runzelte die Stirn. „Um halb fünf kommt Lorelais Arzt..."
„Ich werde da sein."
„Danke." Er lächelte leicht.
„Es geht ihr besser. Das Gefühl habe ich zumindest. Sie klagt weniger über Schmerzen, ist viel besser drauf und auch ihr Gedächtnis ist wieder besser..." Ich blickte ihn an. Flehend auf eine Bestätigung wartend. Als sich seine Miene jedoch in keinster Weise veränderte, erfasste mich erneut ein erstickendes Gefühl.
„Rory..." Er sprach nicht weiter, weil Matt und die Kinder gerade die Küche betraten.
„Matt hat uns Schokolade gekauft." Juan strahlte.
„Das ist aber nett von ihm!" Ich warf meinem Sohn einen unsicheren Blick zu, dieser wandte sich jedoch von mir ab. „Hey, Jen. Ich habe dir etwas mitgebracht." Er lächelte ihr kurz zu und zog ein Päckchen Kaffeebonbons aus der Jackentasche.
„Ich liebe dich!" Ihre Miene erhellte sich. Er reichte sie ihr grinsend.
„Die schmecken toll." Meinte ich.
Matt vermied es noch immer mich anzusehen.
„Das finde ich auch." Jenny blickte unsicher von mir zu Matt, welcher mir noch immer den Rücken gekehrt hatte. Mir entwich ein leises Seufzen. „Danke, dass ihr schon einmal Tee gemacht habt." Ich fühlte zwei Kannen an, warf meinem Sohn nochmals einen Blick zu und verließ die Küche.

Susana hatte sich auf einen Stuhl neben dem Bett gesetzt und hielt Carols Hand.
Die Tür knarrte ein wenig, als ich eintrat. Susana sah leicht lächelnd hoch. „Sie fühlt sich schon besser." An Carol gewandt fuhr sie fort. „Trinke ein wenig Tee und versuche dann zu schlafen."
Ich schenkte ihr ein wenig der dampfenden Flüssigkeit in eine Tasse und reichte sie ihr.
Carols Wangen hatten wieder ihre normale Farbe bekommen. Sie ergriff die Tasse zögernd. „Danke."
„Du solltest dich besser schonen." Ich betrachtete sie Stirn runzelnd. „Luke hat einen Termin im Krankenhaus für dich ausgemacht."
Carol fasste sich mit einer Hand an ihren Bauch. „Das ist nicht notwendig. Es ist wieder alles in Ordnung." Sie mühte sich um ein Lächeln.
„Höre auf deine Mamá, Cariña. Wir meinen es nur gut mit dir."
Carol nippte an ihrer Tasse und verzog sogleich den Mund.
Ich verkniff mir ein Schmunzeln. „Schlucken, Kleines."
„Warum hasst ihr mich nur so?"
„Oh, Cara, wir sorgen uns doch nur um dich."
„Susana?" Ich blickte sie Stirn runzelnd an. „Ich würde gerne noch ein paar Minuten bei meiner Tochter bleiben. Würdest du meiner Mutter ihren Tee bringen?"
Susana nickte lächelnd. „Natürlich. Lorelai und ich sind ohnehin noch kaum zum Reden gekommen." Sie schenkte Carol noch einen besorgten Blick, ehe sie mit der Teekanne das Zimmer verließ.
Ich setzte mich zu meiner Tochter. „Geht es dir wirklich schon besser?"
Sie seufzte leise. „Das ist nur der ganze Stress. Ich sorge mich so sehr um Grandma. Ich habe solche Angst..." Sie hielt inne. Ihre Augen begannen zu tränen. „Grandma ist immer für uns da gewesen. Für uns alle..."
Ich nickte leicht und strich ihr sanft durchs Haar. „Ja. Ich weiß."
„Mummy?" Sie musterte mich Stirn runzelnd. „Geht es ihr wirklich besser?" In diesem Moment wirkte sie so hilflos und zerbrechlich wie ein kleines Mädchen.
Ich versuchte gegen den Druck auf meinem Herzen anzukämpfen. „Ja, den Eindruck habe ich."
Das genügte ihr vorerst. Sie lächelte leicht. „Ich habe in den letzten Tagen sehr viel über mein Leben nachgedacht."
Ich nickte. „Ich auch."
„Das scheint das einzig Gute an dieser Sache zu sein. Wir alle haben unser Leben, unsere Schicksale, unsere Beziehungen zueinander reflektiert..." Sie hielt inne. „Grandma sagt, alles geschähe aus einem ganz bestimmten Grund..." Carol wich meinem Blick aus und fixierte, genau wie Mum vorhin, die Schneeflocken, welche am Fenster vorbei schwebten, sanft vom Wind getragen. „Carmen hat das auch immer gesagt..." Sie seufzte leise. „Sie sagte es immer. Ich spreche meistens noch immer von ihr, als wäre sie noch hier, unter uns. Für mich ist sie auch niemals gegangen. Niemals."
Ich drückte ihre Hand und strich die einzelne Träne von ihrer Wange. „Was würde Carmen jetzt sagen?"
Sie runzelte die Stirn und sah mich an. Plötzlich erhellte sich ihr Gesicht ein wenig. „Dass ich mich gefälligst nicht so anstellen und sofort den Tee trinken soll."
Ich lächelte. „Hör mal, Carol..." Eine leichte Falte bildete sich auf meiner Stirn. „Ich weiß, dass ich dir nun keine Mutter mehr sein werde können. Mum und Susana haben diese Rolle übernommen. Aber vielleicht..." Ich atmete tief durch. „...könnten wir Freundinnen werden."
Sie lächelte leicht. „Das wäre schön."
Ich strich ihr sanft über die Wange. „Jetzt schlaf ein wenig, mein Schatz."
Sie schüttelte den Kopf. „Lass uns noch ein paar Minuten reden."
„Okay." Ich nickte leicht.
Carols Gesicht nahm mit einem Mal wieder einen ernsten Ausdruck an. „Heute ist der zwanzigste Dezember. Carmens dreizehnter Todestag. Ich habe noch mit niemandem darüber gesprochen." Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte, doch sie fuhr sogleich fort. „Ich vermisse sie so sehr. Der Schmerz hat niemals wirklich nachgelassen. Ich kann nun besser damit umgehen, aber es tut immer noch so weh..." Sie wich meinem Blick aus. „Sie ist wegen mir diesen Weg durch die Seitengassen gegangen. Ich hatte sie aufgehalten, sie war in Eile. Ich weiß, dass mich keine Schuld an diesem grausamen Verbrechen trifft, dennoch frage ich mich oft, was wohl gewesen wäre, hätten wir uns an diesem Tag nicht getroffen." Sie hielt inne. „Aus welchem Grund musste ihr Leben so brutal beendet werden? Warum? Sie war die beste Freundin..." Ihre Augen begannen zu tränen. „...die man sich wünschen kann. Immer für mich da. In jeder Minute. Ich...ich konnte ihr nie richtig dafür danken..."
Ich zog sie instinktiv in meine Arme und strich ihr beruhigend über den Rücken.
„Mum?" Carol löste sich langsam aus meinen Armen. „Ich gehe wöchentlich an ihr Grab und zünde eine Kerze für sie an..." Sie schloss die Augen und atmete tief durch. „Ich rede jedes Mal mit ihr...und Mum, es mag seltsam klingen, aber ich weiß, dass sie mich hört. Sie ist auch jetzt noch für mich da."
„Carol, möchtest du, dass wir eine Kerze für sie anzünden? Ich könnte Luke fragen, wo er welche aufbewahrt."
„Ja." Sie lächelte leicht. „Das wäre schön."
„Okay." Ich nickte.
„Carmen ist...war...unglaublich. So herzlich und verständnisvoll. Aber auch so knallhart und ehrlich. Du wusstest stets, woran du bei ihr bist..."
„Solche Menschen sind mir auch sehr sympathisch."
„Sie war so klug und wunderschön...Du hast sie niemals kennen gelernt...Sie war sechsundzwanzig, Mum. Erst Sechsundzwanzig. Sie irrte, denn dieses Schicksal konnte aus keinem bestimmten Grund passiert sein...nein." Carol schüttelte den Kopf. „Carmen hatte so viele Probleme. Ich konnte ihr nicht annähernd so eine Hilfe sein, wie sie mir. Kurz bevor ihr Leben in geregelte Bahnen verlaufen wäre, wurde es ihr genommen."

--------- Flashback Carol ---------

Der Friedhof war in kaltem Nebel gehüllt. Dieser Nebel existierte jedoch nur in Carols Seele, denn es war ein heißer Tag in San Juan. Die Menschen fuhren an die Strände oder gingen fröhlich spazieren, während sie fröstelnd vor dem reich geschmückten Grab stand. Ihre Knie zitterten, das Bild vor ihren Augen verschwamm. „Carmen..." Flüsterte sie. „Warum? Warum hast du mich alleine gelassen?" Die Stille nahm ihr die Luft zu atmen. Die Freundin antwortete nicht. Das würde sie auch nicht mehr. „Verdammt, rede mit mir!" Presste sie unter Tränen hervor und sank auf das trockene Gras. „Was mache ich denn nun ohne dich?"
Carol wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, es spielte auch keine Rolle. Sie erschrak nicht, als sie die kühle Hand auf ihrer Schulter spürte.
„Carol?"
Sie reagierte nicht.
„Carol, sag doch etwas!"
Doch ihr Körper schien wie erstarrt, sie brachte nicht einmal ein Wort über die Lippen.
„Carol?!" Er zog sie mit aller Kraft in die Höhe.
„Sie kann nicht gegangen sein. Sag mir, dass das nur ein Alptraum ist!"
Miguel seufzte leise und zog sie in seine Arme.
„Ich will erwachen!"
„Ich auch." Er strich beruhigend über ihren Rücken.
„Warum? Warum hat sie uns verlassen? Warum?" Carol löste sich von ihm.
Er musterte sie traurig.
„Warum musste ich mich ausgerechnet an diesem Tag mit ihr treffen? Es hätte mir an ihrer Stelle passieren sollen!"
Miguel verwischte ihre Tränen. „Das hat keinen Sinn."
Carol presste ihr Gesicht an seine Brust und schluchzte.
„Wir hatten am Tag zuvor einen heftigen Streit. Ich hatte niemals die Gelegenheit ihr zu sagen, wie sehr ich sie liebte...doch, es hatte unzählige Gelegenheiten gegeben, ich hatte sie aber nicht genutzt..."
Sie löste sich langsam von ihm. „Sie wusste es."
„Ich wollte ihr an unserem Jahrestag, heute, einen Heiratsantrag machen..." Er wich ihrem Blick aus. „Kaum zu glauben, was? Wir brauchten Jahre, bis wir wirklich zusammen kamen und dann hatten wir nicht einmal ein ganzes Jahr. Könnte ich die Zeit zurück drehen, hätte ich ihr bereits bei unserem Kennenlernen kurz vor dem Schulabschluss meine Liebe gestanden und ihr einen Antrag gemacht."
„Miguel..." Carol lächelte sanft. „...wenn du das gemacht hättest, wäre sie schreiend davon gelaufen..."
Miguel erwiderte ihr Lächeln. „Bindungsfreudig war sie früher in der Tat nicht. Wir waren es beide nicht. Wir waren so dumm. All diese Jahre...die reinste Verschwendung...nun ist es zu spät..." Er senkte den Blick.
„Wir müssen dankbar sein..." Carol fixierte den Grabstein. „Für jede Minute mit ihr. Das hat meine Grandma gesagt. Sie wird in uns weiterleben..."
„Ich hätte sie beschützen müssen...verdammt, wo war ich zu dieser Zeit?"
Carol seufzte leise. „In der Arbeit. Miguel, wie du bereits gesagt hast, das führt zu nichts. Es tut so höllisch weh. Ich bezweifle, dass dieser Schmerz jemals vergehen wird. Aber Grandma hat gesagt, wir müssen stark sein. Für uns. Für Carmen. Sie hat Recht. Carmen würde das hier nicht wollen..." Sie wandte sich ihrem Freund zu. „Miguel?"
Er musterte sie Stirn runzelnd.
„Carmen wäre die Taufpatin meines Kindes geworden..." Carols Augen begannen zu tränen. Sie fasste sich an den noch flachen Bauch. „Würdest...würdest du diesen Part nun übernehmen?"
Er atmete tief durch, nickte schließlich. „Das würde ich von Herzen gerne."
Sie lächelte leicht. „Danke."
Miguel zog sie erneut in seine Arme. „Du kannst immer auf mich zählen, okay?"
„Danke." Carols Augen begannen zu tränen. Der Druck auf ihrem Herzen begann ihr die Luft zu nehmen. Sie löste sich langsam aus seinen Armen und wich seinem Blick aus. „Miguel, da ist noch etwas, das ich dir sagen muss..." Sie schloss die Augen und atmete tief durch. „Carmens Großvater hat mit mir über den Autopsiebericht gesprochen..." Sie hielt inne und blickte ihn mit tränenden Augen an. „Sie wusste es scheinbar selbst noch nicht...Miguel, auch Carmen...auch sie war schwanger."

--------- Flashback Carol Ende ---------

Ich beobachtete, wie sich meine Tochter die letzten Tränen von den Wangen wischte, unfähig zu sprechen. Was hatte diese junge Frau nur schon alles durchgemacht?
Als hätte sie meine Gedanken gelesen, meinte sie mit erstickter Stimme. „Mum, ich weiß ehrlich gesagt nicht, was mit mir passieren wird, wenn ich auch noch Grandma verliere..." Sie schüttelte den Kopf und fixierte die hellblaue Bettdecke.
„Carol! Sag so etwas nicht! Du hast eine Familie, welche dich über alles liebt! Und wunderbare Freunde!"
„Sie wird wieder gesund. Bitte sag mir, dass sie wieder gesund wird. Sie darf uns nicht verlassen." Carol schüttelte den Kopf.
„Wir werden alles dafür tun, dass sie wieder gesund wird. Das verspreche ich dir."
„Okay..." Sie atmete tief durch.
„Nun schlafe ein wenig."

Carol folgte meinem Ratschlag. Ich beobachtete sie während der folgenden zwei Stunden, schaffte es nicht mich zu erheben und wollte es auch nicht. Das Knarren der Tür schreckte mich aus meinen angsterfüllten Gedanken. Luke war gekommen um Carol abzuholen. Es wurden wenige Worte gewechselt und sie fuhren gemeinsam mit Ramón und Jenny ins Krankenhaus. Schließlich war auch Mums Arzt gekommen. Ich wartete unruhig vor der Tür, während er sie untersuchte und versuchte vergeblich Wortbrocken zu verstehen. Susana war derweil in die Küche gegangen um Essen für uns alle zu kochen. Nach einer halben Stunde verließ der schon etwas ältere Arzt Mums Zimmer. Mein Herzschlag wurde schneller. Ein schwerer Druck erfasste erneut mein Herz. „Dr. Connor..." Ich runzelte die Stirn.
Er schloss die Tür und schenkte mir ein kurzes Lächeln.
„Wie geht es ihr?" Ich wartete keine Antwort ab. „Sie klagte die letzten Tage schon etwas weniger über Schmerzen und kann sich zunehmend an Details erinnern." Ich mühte mich um ein Lächeln. „Sie nimmt ihre Tabletten regelmäßig und trinkt unter großer Müdigkeit ihren Tee sogar beinahe ohne zu jammern. Auch ihre Gesichtsfarbe wirkt rosiger..." Sein mildes Lächeln ließ meinen Redeschwall verstummen.
Er seufzte leise und betrachtete mich nachdenklich.
„Dr. Connor?"
„Mrs. Gilmore..."
Ich korrigierte ihn nicht bezüglich der falschen Anrede. „Ja?"
„Ihre Mutter ist schon im fortgeschrittenen Alter..."
„Heutzutage werden genügend Menschen dreißig Jahre, oder sogar mehr, älter..."
Er nickte. „Das ist richtig. Ich möchte Ihnen aber keine falschen Hoffnungen machen und muss ehrlich zu Ihnen sein..."
Ich rang fröstelnd nach Atem.
Dr. Connor legte seine Hand sanft auf meinen Arm. „Auch wenn die Erinnerungsfähigkeit Mrs. Gilmores in den letzten Tagen positive Phasen hatte, hat sich ihr gesundheitlicher Zustand leider nicht verbessert. Ihr Körper ist sehr schwach und müde. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich noch für sie tun könnte..."
Ich glaubte den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ein Schwindel erfasste mich. Meine Lippen wurden trocken, konnten zuerst kein Wort formen. Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Die Nägel stießen schmerzend in meine Haut. Die Wut, der Schmerz, die Angst - alle Gefühle schienen zugleich aus mir zu schwallen. „Was sind Sie eigentlich für ein Arzt?! Wie können Sie sie einfach so aufgeben? Was haben Sie schon für eine Ahnung über ihren Kampfgeist? Was wissen Sie schon darüber?! Ich werde einen Spezialisten konsultieren! Wer hat Ihnen das Recht verliehen als Arzt zu arbeiten? Was haben Sie denn schon versucht?! Sie geben sie einfach auf! Ihnen sollte die Lizenz entzogen werden! Sie wird nicht sterben! Sie wird kämpfen! Sie ist stark! Sie wissen gar nicht, wie stark sie ist! Sie wird nicht gehen. Nein, das wird sie nicht. Dafür werden wir sorgen. Sie wird wieder gesund werden! In wenigen Monaten werden wir wieder gemeinsam Kaffee trinken und Videos schauen!" Jede einzelne Träne versetzte mir einen weiteren Stich im Herzen.
„Mrs. Gilmore..." Dr. Connors Stimme war sanfter geworden.
„Verschwinden Sie! Verschwinden Sie endlich!" Schrie ich ihn an und wandte mich zum Treppenabgang, wo ich Jess auf der obersten Stufe stehend erkannte.
Es war zuviel für mich. Ich sank auf den kalten Boden und vergrub das Gesicht in den Händen
Jess wechselte leise ein paar Worte mit dem Arzt. Ich verstand sie nicht, versuchte es aber auch gar nicht.
„Rory?" Er reichte mir die Hände und zog mich hoch.
„Ich kann nicht mehr!" Schluchzte ich hemmungslos. „Ich kann nicht mehr, Jess! Das ist zuviel!"
Er zog mich in seine Arme und strich mich beruhigend über den Rücken.
Plötzlich vernahmen wir leise Schritte. Ich löse mich langsam aus Jess' Armen und drehte mich um.
Matt stand am Treppenabsatz und blickte uns an. Seine Augen waren voller Angst und Verzweiflung. „Nein." Flüsterte er. „Nein..."
„Matt..."
Er schüttelte den Kopf. „Sie ist nicht...sie wird nicht..." Er verstummte.
„Nein!" Ich zog ihn in meine Arme. „Nein, sie wird uns nicht verlassen. Das wird sie nicht! Wir pflegen sie gesund! Hast du mich verstanden?!"
Er löste mich langsam. Sein Anblick zerbrach mir beinahe das Herz. Er war blass geworden, seine Augen gerötet. Ich hatte Matt seit bestimmt zwanzig Jahren nicht mehr weinen gesehen. „Schatz, deine Grandma ist stark! So stark, das kannst du dir gar nicht vorstellen!"
Matt warf Jess einen Blick zu, dieser nickte zögernd. „Die Gilmores sind alle Kämpfer."
„Genau. Hör auf ihn. Er hat uns schon lange genug am Hals." Aus unerfindlichen Gründen gelang mir sogar ein leichtes Lächeln. „Verliere niemals den Glauben in sie. Schlimm genug, dass auch dieser Arzt sie aufgegeben hat. Aber wir werden einen fähigeren konsultieren, hörst du?"
Matt nickte zaghaft. „Darf ich zu ihr?"
„Natürlich. Geh ruhig. Wir werden einstweilen runter gehen und Susana helfen. Mum hat gewiss schon lange Hunger."
Als Matt die Tür hinter sich geschlossen hatte, ergriff Jess meine Hand. „Du bist so stark."
Ich lachte gequält. „Wir hatten tatsächlich zu lange keinen Kontakt mehr. Ich bin alles andere als stark, Jess. Wenn du wüsstest, wie es in meinem Inneren aussieht..."
„Das weiß ich..." Er strich mir die von den Tränen verklebten Haarsträhnen hinters Ohr. „...das habe ich immer gewusst."
Ich lächelte leicht. „Danke...für alles..."
„Ich bin für dich da, Rory. Das werde ich immer sein."
„Danke, Jess. Deine Freundschaft bedeutet mir sehr viel. Besonders in diesen schweren Stunden..."
Er nickte. „Lass uns hinunter gehen. Carmen und Juan können dich gewiss ein wenig ablenken. Ich helfe derweil Susana."
Auf der letzten Stufe angekommen, hielt ich inne. „Jess?"
Er blickte mich Stirn runzelnd an.
„Mum erzählte mir heute Morgen, dass sie von einem Videoabend geträumt hätte. Wir schauten Footloose..."
„Einer eurer Lieblingsfilme." Jess lächelte. „Wie oft habt ihr ihn gesehen, 2000 Mal?"
„Nein, exakt 3456 Mal."
„Wow."
Ich wurde wieder ernst. „Es macht mich traurig, wenn ich an die letzten vierzig Jahre denke...ich werde nie wirklich begreifen, warum es soweit kommen konnte..."
Er seufzte leise, wusste offenbar nicht, wie er reagieren sollte.
„Ich sorge mich auch um Carol. Sie hat schon so viel durchgemacht. Die ganze Aufregung und Angst...ich habe Angst, dass es ihr zuviel geworden ist..."
„Rory!" Jess ergriff meine Hände. „Carol wird es wieder besser gehen. Versprochen."
Ich unterdrückte die Tränen nur sehr mühsam. „Ja..." Ich versuchte selbstsicherer zu klingen. „Genau wie Mum..."
Jess wich meinem Blick aus. „Komm." Er zog mich ins Wohnzimmer, wo Carmen und Juan auf der Couch saßen und fernsahen. Ich setzte mich zu ihnen, während Jess in die Küche ging. Mein kleiner Enkelsohn ließ sich nicht von den bunten Bildern des Animationsfilmes ablenken. Carmen wandte sich jedoch sogleich mit ängstlichen Augen an mich. „Was ist mit Mamá? Wie geht es Uroma?" Ihre Stimme zitterte.
„Deine Mummy fühlt sich nur ein wenig schwindlig. Die Ärzte werden ihr Medikamente verschreiben. Es geht ihr gewiss bald wieder gut." Ich lächelte leicht.
„Und Uroma?" Carmen runzelte die Stirn.
Ich atmete tief durch. Es gelang mir erneut die Tränen zu unterdrücken. „Auch sie wird wieder ganz gesund werden."

33. Teil

Als der Nachmittag dem Abend wich, begann ein heftiger Schneesturm zu wüten.
Die Jalousien schlugen hart an die Fenster. Ich vernahm die Schritte auf den Stufen kaum, doch ein Instinkt trieb mich aus der Küche, wo wir gesessen und ein wenig gegessen hatten.
Matt saß auf den Stufen zum Stiegenaufgang, das Gesicht in den Händen gestützt. Den Blick zu Boden gerichtet. Ich näherte mich langsam. Er sah nicht hoch.
„Wie geht es ihr?"
„Sie möchte noch ein wenig Suppe."
Ich nickte leicht und ging zurück in die Küche.
Susana und Jess saßen noch immer auf dem kleinen Tisch und unterhielten sich leise.
„Susana?" Ich blickte sie unsicher an. Es war in diesen Stunden keine Qual mehr sie um etwas zu bitten. Die Vergangenheit schien angesichts dieser Zukunft so belanglos.
Sie betrachtete mich Stirn runzelnd.
„Mum mochte deine Suppe..."
Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie erhob sich. „Ich werde ihr noch ein wenig machen." Sie blickte auf ihre Uhr. „Sie werden ohnehin bald aus dem Krankenhaus zurück sein und wollen gewiss auch essen."
„Danke." Ich lächelte leicht. „Entschuldigt mich bitte kurz, ich möchte mit meinem Sohn sprechen."
Jess nickte. „Lass dir Zeit."
Zeit war im Moment das wenigste, das wir hatten.
Matt hatte seine Position noch nicht geändert. Ich ließ mich unsicher neben ihn sinken. Die Stufe war kalt, ich nahm es nur vage war. „Matt. Wir sollten darüber reden..."
„Warum hat der Arzt sie aufgegeben? Wir werden sie wieder gesund pflegen."
Ich nickte. „Ja, das werden wir...aber Matt, ich wollte über etwas anderes mit dir sprechen."
Eine Falte bildete sich auf seiner Stirn. Er seufzte. „Ich weiß."
„Ich habe einen großen Fehler gemacht. Der Fehler war es euch zu verschweigen und mich nicht sofort von deinem Vater zu trennen. Ich hatte schon damals gewusst, dass mich diese Ehe niemals glücklich machen konnte. Das, mein Schatz, war mein Fehler. Gewiss nicht du. Ich liebe dich. Und vielleicht hat Carol recht, wenn sie sagt, ich hätte dich auf eine gewisse Art und Weise stets bevorzugt, auch wenn mir das gar nicht richtig bewusst gewesen ist."
„Mum...lassen wir dieses Thema. Es gibt im Moment Wichtigeres, über das wir uns Gedanken machen sollten!"
„Matt..." Ich wollte seinen Arm berühren, doch er erhob sich schnell.
„Eines würde mich allerdings interessieren..." Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Sein Blick schien den Raum gefrieren zu lassen. „Warum erzählst du mir das ausgerechnet jetzt? Warum willst du ausgerechnet jetzt dein Gewissen erleichtern? Ausgerechnet jetzt. Jetzt, wo es so unsicher ist, wie es mit Grandma weitergehen wird..."

--------- Flashback ---------

Ich nippte gerade an meinen Kaffee, als es an der Tür klopfte. „Ja?" Ich erwartete den Chefredakteur, der heute keinerlei Geduld zu zeigen schien.
„Hey." Matt trat grinsend ein und schloss die Tür. „Ich hoffe, es ist okay, dass ich in der Redaktion vorbei schaue. Du sagtest, ich solle dich sofort nach den Prüfungen anrufen, ich hielt es für eine bessere Idee zu kommen."
Ich nickte und blickte ihn erwartungsvoll an. Als er nicht reagierte, meinte ich. „Mach es bitte nicht so spannend. Ich war, im Gegensatz zu dir, nervös."
Er grinste. „Du siehst einen neuen High School Absolventen vor dir."
„Oh mein Gott!" Ich umarmte ihn stürmisch.
Er löste sich. „Ich sollte ein Buch über meine Eltern schreiben. Alles was Dad meinte, war Na endlich. Du benimmst dich, als wäre mir ein Nobelpreis verliehen geworden."
„Ach Schatz! Ich freue mich einfach so! Du hast die letzten Wochen so hart gearbeitet. Auf welches College wirst du nun gehen?"
Er wich meinem Blick aus. „Da ist noch etwas, über das ich mit dir sprechen wollte. Ich habe mir überlegt ein Jahr zu pausieren und mir ein wenig von der Welt anzusehen."
Ich runzelte die Stirn.
„Mum, du hast es immer bereut nicht mehr von der Welt gesehen zu haben. Ich möchte das nicht. Jetzt ist wohl die geeignetste Zeit dafür. Aber ich verspreche dir, dass ich es nächstes Jahr zumindest mit einem Studium versuchen werde."
„Ach Matt..." Ich seufzte leise. „Ist dir diese Reise denn so wichtig?"
„Ja." Er nickte.
„Ich kann nicht sagen, dass ich damit einverstanden bin, aber du bist schon achtzehn. Ich möchte nicht, dass du mir eines Tages denselben Vorwurf wie Carol machst, dass ich versucht hätte, mich zu sehr in ihr Leben einzumischen."
Er ging nicht darauf ein. „Ich habe also deinen Segen?"
„Könnte ich es denn verhindern?" Ich lächelte leicht. „Ja, mein Schatz. Du hast meinen Segen. Aber nur wenn du mich zumindest zweimal die Woche anrufst und mir oft schreibst."
„Okay, das wird sich einrichten lassen." Er hob eine Augenbraue. „Da ist noch etwas." Er zog zwei Karten aus seiner Jackentasche und reichte sie mir.
„Was ist das?" Meine Augen weiteten sich. „Footloose?! Oh mein Gott! Ich hatte vor einer Woche gehört, dass es wieder aufgeführt werden würde!"
„Und davor gehen wir essen. Natürlich nur wenn du dich einen Abend lang mit deinem nervenden Sohn abgeben möchtest."
„Was redest du denn da? Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen! Aber das Essen möchte ich zahlen, hörst du? Schließlich ist das dein Abschluss."
„Es geht nicht nur darum, Mum." Er lächelte leicht. „Ich möchte dir danken. Du weißt, ich bin nicht unbedingt jemand, der groß über seine Gefühle spricht. Das ist meine Art dir zu danken, dass ich es so weit gebracht habe und du immer für mich da gewesen bist. Ohne dich hätte mich Dads Art bereits mit vierzehn, oder sogar noch früher, auf die Straße getrieben. Ich wäre wahrscheinlich unter einer Brücke an einer Überdosis gestorben."

--------- Flashback Ende ---------

„Matt..."
Er schüttelte den Kopf. „Du bist egoistisch. Du bist noch egoistischer, als du jemals gewesen bist..."
Ich seufzte leise, konnte nur schwer akzeptieren, dass es zu früh war. Wir würden nicht weiterkommen. Noch nicht. „Ich hoffe, dass du mir eines Tages verzeihen können wirst."
„Das hoffe ich auch." Er würdigte mich noch eines letzten Blickes, bevor er im Wohnzimmer verschwand.
Meine Augen begannen zu tränen. Plötzlich vernahm ich ein Geräusch an der Haustür. Mein Herzschlag wurde schneller. Ein beunruhigender Druck erfasste mich.
Die Tür schien sich wie in Zeitlupe zu öffnen. Ich erhob mich zaghaft.

--------- Flashback ---------

„Mum!" Carol ließ die Tür freudig ins Schloss fallen und lief in mein Arbeitszimmer, wo ich gerade an einem Artikel schrieb.
Logan hatte vor wenigen Minuten angerufen, dass er wieder länger arbeiten musste. Genervt von der erneuten Unterbrechung bemerkte ich nicht das Strahlen ihres Gesichtes, sondern nur die zersausten Haare und das verstaubte Gewand. „Wo hast du dich schon wieder herumgetrieben?"
Sie runzelte die Stirn. „Sheila, Chris, Sue und ich waren noch kurz am Strand und haben Eis gegessen. Zur Feier des Tages." Ein kurzes Strahlen erfüllte erneut ihr Gesicht.
„Ich habe zu tun." Ich deutete auf den Stapel Notizen, welcher noch in dem Artikel eingearbeitet werden musste. „Mach es bitte schnell. Du musst lernen auf den Punkt zu kommen!"
„Ich darf für die Schülerzeitung schreiben. Die haben meine Aufsätze gelesen und sich für mich entschieden!"
Ich lächelte leicht. „Das ist schön. Du kannst stolz auf dich sein. Aber nimm diese Aufgabe ernst. Sie ist nicht so einfach, wie sie dir möglicherweise scheinen mag..."
Eine Falte bildete sich auf ihrer Stirn. Sie verschränkte die Arme. „Was du nicht sagst. Herzlichen Dank, für die positive Anteilnahme..."
„Sei nicht schon wieder beleidigt. Du musst auch mich verstehen, ich habe gerade sehr viel zu tun..."
„Wann hast du das nicht?" Ohne eine Antwort abzuwarten verließ sie das Arbeitszimmer und ließ die Tür krachend ins Schloss fallen.

---------- Flashback Ende ---------

Ich musterte ihre Gesichter prüfend. Ein zartes Gefühl der Erleichterung erfasste mich, als ich die schon etwas entspannteren Mienen Lukes und Jennys sah. Schließlich betraten auch Ramón und Carol das Haus. Er schloss die Tür hinter ihnen.
„Carol!" Ich ergriff ihre Hände. Ein erneuter Druck erfasste mein Herz. Ihre Augen waren gerötet. „Was hat der Arzt gesagt?"
Sie wollte gerade antworten, als auch Susana, Jess, Matt und Carmen den Vorraum betraten.
„Mamá!" Letztere umarmte Carol stürmisch.
„Es ist alles in Ordnung, mein Liebling." Sie strich sanft durch das dunkle Haar ihrer Tochter. „Wo ist denn dein kleiner Bruder?"
„Er ist vor dem Fernseher eingeschlafen."
Carol lächelte. „Es wäre ohnehin schon längst Schlafenszeit für ihn gewesen."
Susana betrachtete ihre Schwiegertochter besorgt. „Was hat denn der Arzt gesagt?"
Carol löste sich sanft von ihrer Tochter. „Er hat mir beruhigende Medikamente verschrieben, die wir auch sofort danach besorgten, und mir geraten mich besser zu schonen..." Ihre Augen begannen zu tränen. Tränen der Erleichterung. „Den Kindern geht es gut. Aber ich muss mehr auf uns Acht geben."
Ich umarmte sie. „Ich bin so froh, dass mit euch alles in Ordnung ist. Ich hatte mich so gesorgt."
Sie löste sich langsam aus meinen Armen. „Danke, aber das wäre nicht notwendig gewesen." Sie lächelte leicht. „Ich würde jetzt gerne zu Grandma."
Susana nickte. „Aber iss vorher ein wenig."
„Das haben wir schon im Restaurant des Krankenhauses. Wir waren so hungrig." Erklärte Ramón.
„Im Krankenhausrestaurant?" Susana verzog den Mund und musterte ihren Sohn ungläubig.
„Es war wirklich sehr gut. Sie haben dort ausgezeichnete Küche." Jenny lächelte.
Susana wirkte schon ein wenig besänftigt. „Wir können ja etwas für morgen aufheben."
„Ich probiere gerne noch einen Teller." Luke lächelte. „Dein Talent zu Kochen ist so hervorragend, dass ich gerne mal etwas mehr esse."
Ein Strahlen umhüllte ihr Gesicht. „Vielen Dank, Luke. Möchtest du oben gemeinsam mit Lorelai essen? Es hat ihr so gut geschmeckt, dass sie noch etwas möchte."
„Tatsächlich?" Er lächelte zufrieden. Mum hatte in den letzten Tagen nur wenig Appetit gehabt. „Natürlich, ich werde zu ihr gehen."
Schließlich betraten wir fünf Minuten später zu dritt Mums Zimmer.
„Na endlich!" Sie musterte mich Kopf schüttelnd. Ich half ihr sich aufzusetzen und stützte ihren Rücken mit zwei Polstern. Luke brachte ihr ein kleines Tischchen, das er extra angefertigt hatte, damit sie im Bett essen konnte. Wir stellten das Tablett mit der dampfenden Schüssel darauf. Mum sog lächelnd den Duft auf. „Danke." Plötzlich fiel ihr Blick auf Carol, welche noch etwas abseits geblieben war. „Engelchen, was führst du denn auf? Wolltest du mir die Show stehlen?" Sie musterte ihre Enkeltochter besorgt und deutete ihr, sich auf den Sessel auf der rechten Seite des Bettes zu setzen. Luke und ich setzten uns währenddessen auf die anderen beiden Stühle. „Was hat George Clooney gesagt?"
Carol lachte. „Den Kindern und mir geht es gut. Wir haben Medikamente verschrieben bekommen und werden uns in Zukunft ein wenig mehr schonen."
„Und du wirst euch auch wirklich besser schonen und brav die Medikamente nehmen!"
„Natürlich, Grandma."
„Braves Kind." Mum nickte zufrieden und kostete von der Suppe. „Oh Carol! Du hast ein Glück, dass deine Schwiegermutter so gut kochen kann!" Sie wandte sich an Luke, der ebenfalls gerade seine Suppe aß. „Köstlich, nicht?"
Luke nickte. „Susana versteht ihr Handwerk."
„Grandpa kocht doch ebenso gut." Carol lächelte. „Susana gab es leider schon vor vielen Jahren auf, mir das Kochen zu lernen."
„Ein Talent zum Kochen steckt nicht in unseren Genen. Sieh dir deine Mutter und mich an. Fertiggerichte, die bekommen wir hin." Mum schenkte mir einen kurzen Blick.
„Mum machte früher ein paar Mal sehr gute Pancakes."
Mum starrte mich sprachlos an. „So etwas kannst du? Wie konntest du mir das nur verheimlichen?"
Ich zuckte mit den Schultern. „Pancakes machen kann man wohl kaum als kochen bezeichnen..."
„Wie bitte?" Mum schüttelte den Kopf. „Ich bin schwer von dir enttäuscht." Sie wandte sich an Luke. „Hast du das gehört? Die Kleine kann Pancakes machen!"
Luke lächelte. „Du hättest es gewiss auch gekonnt, hättest du es öfters als einmal versucht."
Sie zuckte mit den Schultern. „Wozu wärst du dann da gewesen?"
Carol betrachtete die beiden lächelnd. „Ich hoffe, dass es in dreißig Jahren zwischen Ramón und mir noch genauso sein wird."
„Wenn du ihn richtig erziehst, wird das klappen." Mum zwinkerte. „Wie läuft es denn mit Carmen und Eddie? Ich muss mich schließlich am Laufenden halten."
„Carmen und wem?" Luke musterte sie irritiert.
„Carmens Freund Eddie. Du solltest dir allmählich ein Hörgerät besorgen." Mum grinste.
„Carmen hat einen Freund? Unsere kleine Carmen? Die erst zwölfjährige Carmen?"
„Ja, Luke. Lasst du jetzt bitte unsere Enkeltochter zu Wort kommen? Sie muss sich schonen und ich möchte deshalb, dass sie heute früher zu Bett geht."
„Aber Carmen hat doch noch kein Interesse an Jungs!"
„Männer..." Mum schüttelte den Kopf und wandte sich wieder an Carol. „Also wie läuft es?"
„Ganz gut." Carol lächelte. „Er hat ihr zum Abschied einen Liebesbrief geschrieben und eine Rose geschenkt."
„Einen Brief und eine Rose?! So ein Schmeichler..." Brummte Luke.
Mum deutete ihn still zu sein. „Wie süß!" Sie betrachtete Carol lächelnd. „Die erste Liebe ist etwas Besonderes. Man vergisst sie nie..."
„Liebe! Sie ist erst zwölf!" Luke runzelte die Stirn. „Wie alt ist er denn?"
„Er ist bereits über dreißig und vor kurzem nach einem zehnjährigen Gefängnisaufenthalt wieder entlassen worden."
„Das ist nicht witzig, Lorelai."
„Jetzt klingst du schon wie meine Eltern." Mum lachte.
„Er ist in Carmens Alter und vergöttert sie." Carol lächelte.
„Das sind die Gefährlichsten!"
„Ein über dreißigjähriger Schwerverbrecher wäre dir also lieber?" Ich betrachtete Luke belustigt.
„Mach dich nicht auch du noch über mich lustig, Rory. Man hört täglich von Männern, welche so besessen von ihren Freundinnen sind, dass sie schließlich zu allem fähig werden."
Mum betrachtete ihn ernst. „Luke. Du solltest dir wirklich weniger Krimis ansehen..."
„Sie sind noch Kinder! Was sagt denn Ramón dazu?"
„Ich überlegen noch, wie ich es ihm am besten beibringen werden." Erklärte Carol.
„Dafür erweist sich das kleine Schwarze möglicherweise als ganz hilfreich..." Mum grinste.

„Frauen..." Luke schüttelte den Kopf. „Denkst ihr denn wirklich, es reicht euch aufreizend anzuziehen um unsere Gehirnzellen abzuschalten?"
„Natürlich nicht, Luke." Mum zwinkerte belustigt. Sie wandte sich an Carol und mich. „Vertagen wir das Thema lieber auf einen Tag, an welchem sich kein männliches Wesen störend einmischen kann..." Sie grinste. „Wie läuft es bei deiner Zeitung, Rory?"
„Ganz gut, Mum." Ich mühte mich um ein Lächeln. „Es ist nicht CNN, aber okay."
„Ach Schätzchen..." Sie drückte meine Hand. „Du hast viel erreicht. Sei zufrieden damit. Andere haben nicht einmal halb so viel erreicht."
Ich zuckte mit den Schultern. Es machte mich noch immer schwermütig, dachte ich an die Träume der achtzehnjährigen Rory von einst. Was war nur aus meinem Leben geworden? Ich schien in jeder Hinsicht versagt zu haben. Aus der ehrgeizigen Yale Studentin war eine kleine Journalistin einer noch kleineren Zeitung Seattles geworden. Christine Anampour wäre sicherlich stolz auf mich gewesen...
„Mum..." Carol schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln. „Du schreibst wunderbar. Ich habe jeden deiner Artikeln verschlungen und finde es schade, dass es die Zeitung nicht auch in Puerto Rico gibt. Jenny schickt mir manchmal eine Ausgabe. Auch Grandma hat schon sehr oft eine von ihr erhalten."
Mum nickte. „Das stimmt. Du bist wahnsinnig gut und kannst verdammt stolz auf dich sein. Denke nicht daran, was du einmal erreichen wolltest, sondern daran, was du erreicht hast. Blicke stets nach vorne, mein Schatz. Im Leben kommt vieles anders, als man sich erhofft und erträumt hat. Man muss das Beste daraus machen und darf vergangenen Zeiten nicht nachtrauern. Das bringt uns nicht weiter, im Gegenteil, es wirft uns nur zurück. Lebe, mein Schatz, lebe."
Ein eigenartiger Druck erfasste mein Herz. Ich fröstelte. Meine Augen begannen zu tränen, als die Angst erneut Macht über mich ergriff.
„Mum..." Carol betrachtete mich Stirn runzelnd.
Meine Augen hefteten auf Mums, welche mich sanft betrachteten und mir in diesem Moment so viel zu sagen schienen.
Ich schloss sie und atmete tief durch. „Entschuldigt..." Ich mühte mich um ein leichtes Lächeln. „Danke, Mum. Du hast recht."
„Natürlich habe ich das." Ihre Augen waren noch immer voller Liebe und Zärtlichkeit. Sie wandte sich lächelnd an Carol. „Es ist spät. Wir beide sollten nun ruhen, was denkst du?"
Ihre Enkeltochter nickte leicht.
„Morgen ist ja auch noch ein Tag." Mum lächelte. „Rory? Sag Susana ‚Danke' für die wunderbare Suppe."
„Okay." Ich nickte und umarmte sie. „Gute Nacht, Mum...ich liebe dich."
Sie verwischte die einzelne Träne. „Schlaf gut, mein Schatz."
Nachdem auch Carol sie umarmt und sich verabschiedet hatte, meine Mum zu Luke. „Würdest du noch ein paar Minuten bleiben?"
Er nickte schweigend.
Ich schenkte den beiden noch einen letzten Blick, als ich mit Carol den Raum verließ.

„Mum..." Sie betrachtete mich Stirn runzelnd, als ich die Tür geschlossen hatte.
Ich ergriff ihre Hand und drückte sie sanft. „Sag den anderen schnell ‚Gute Nacht'. Ich mache derweil dein Bett."
Sie nickte zögernd und folgte meinen Worten. Nach wenigen Minuten betrat sie das kleine Gästezimmer mit ihrem kleinen Sohn auf dem Arm. Sie legte ihn sanft in das kleine Bettchen, wo er sofort wieder in einen seligen Schlaf fiel. Wir gaben ihm beide einen Kuss auf die Wange, bevor wir uns auf das Bett setzten. „Danke fürs Bettmachen." Sie lächelte leicht.
Ich nickte. „Bevor du schläfst, möchte ich aber noch mein Versprechen erfüllen." Ich erhob mich langsam. Luke hatte mir gesagt, dass er in dem kleinen Schrank am Gang Kerzen aufbewahrte. Ich stellte fünf auf den kleinen Nachttisch.
Carols Augen begannen zu tränen. Sie lächelte leicht. „Danke, Mum..."
Wir zündeten sie abwechselnd an. Eine für meine Großmutter, eine für meinen Großvater, eine für Carmen, eine für Corinne. Und die letzte für Mum, deren Licht mir am hellsten zu strahlen schien. Wir betrachteten den beruhigenden Kerzenschein noch lange. Unsere Tränen waren stumm, aber voller Schmerz. Dennoch gaben uns die kleinen Flammen etwas sehr Wertvolles. Hoffnung und Mut.

Als ich zu sehr späten Stunde noch einmal die Küche betreten wollte um mir ein wenig Kaffee zu machen, bot sich mir ein ungewöhnliches Bild. Ich blieb zögernd in der Tür stehen und betrachtete es Stirn runzelnd.
Matt und Jess saßen an dem kleinen Küchentisch und nippten an ihren Tassen.
„Es ist nicht leicht." Meinte mein Sohn.
Jess schüttelte den Kopf. „Nein. Es wird zwar leichter werden, wir werden besser damit umgehen können, aber der Schmerz - er wird immer da sein."
Matt seufzte leise. „Danke."
Jess nickte leicht. „Du kannst jederzeit mit mir darüber sprechen. Natürlich auch über andere Dinge. Es ist oft leichter mit Menschen zu sprechen, welchen man sich seelisch nicht so sehr verbunden fühlt."
„Über Gefühle zu sprechen ist leider allgemein kein großes Talent von mir..."
Jess lächelte leicht. „Es gehört auch nicht unbedingt zu meinen Stärken."
Matt wich seinem Blick aus. „Das muss wohl in den Genen liegen."
„Hör mal, Matt..." Jess betrachtete ihn Stirn runzelnd. „Deine Mutter hat einen großen Fehler begangen, daran besteht kein Zweifel. Aber sie liebt dich. Ich verstehe, dass du wütend auf sie bist. Das ist dein gutes Recht. Aber gib ihr eine Chance. Die hat sie verdient. Sie ist kein schlechter Mensch."
Matt fixierte die Tischplatte schweigend.
„Ich weiß, es geht mich nichts an. Dieses Recht würde ich mir niemals herausnehmen. Es ist eine Sache zwischen euch beiden. Ich habe dir das nicht als dein biologischer Vater oder als nervender Neffe Lukes gesagt, sondern lediglich als jemand, der Rory einmal sehr gut kannte."
„Du hast nichts davon gewusst?"
Jess schüttelte den Kopf. „Bis vor kurzem nicht."
„Macht es dich denn nicht wütend?"
„Doch, Matt. Das tut es. Doch du kannst unsere Situationen nicht miteinander vergleichen. Rory und ich hatten jahrzehntelang keinen Kontakt. Außerdem, was hätte es für einen Sinn, würde ich in diesen Stunden auch noch Groll gegen eine Frau hegen, welche es so schwer hatte? Und wenn ich dich so betrachte, denke ich mir, dass es mich wirklich hätte schlimmer treffen können."
Matt seufzte. „Logan behandelte sie stets wie den letzten Dreck. Genau wie mich. Sie war meine wichtigste Bezugsperson, auch wenn ich ihr das niemals so deutlich gesagt habe. Ich bin so enttäuscht von ihr. Diese Enttäuschung ist wahrscheinlich viel größer als die Wut."
Jess nickte. „Ich kann dich verstehen. Mir ginge es nicht anders. Ich will dir nicht sagen, dass du diese Gefühle unterdrücken sollst, das wäre falsch. Es ist völlig verständlich, dass du noch Zeit brauchst. Aber schreibe deine Mutter nicht völlig ab. Das würde wahrscheinlich euch beiden das Herz brechen."
Sie saßen sich noch lange schweigend gegenüber, ehe Matt meinte. „Du hast aber nun hoffentlich nicht vor mit mir Angeln zu gehen?"
Jess grinste. „Ich hätte eher an ein Campingwochenende gedacht." Scherzte er, wurde aber sogleich wieder ernst. „Ich werde mich nach dreißig Jahren gewiss nicht plötzlich in eine Rolle drängen, welche mir nicht zusteht, das verspreche ich dir. Es würde mich lediglich freuen, würden wir nicht nur an den Weihnachtsabenden kurz telefonieren."
„Habe ich noch Geschwister?"
Jess nickte. „Zwei Schwestern."
Matt hob eine Augenbraue. „In dieser Familie gibt es wohl allgemein einen Frauenüberschuss. Hoffentlich werden Carols Zwillinge Jungs." Er grinste.
Ich verwischte meine stummen Tränen und beschloss diese Nacht keinen Kaffee mehr zu trinken, um dieses Bild nicht zu zerstören. So leise wie ich gekommen war, verschwand ich wieder in meinem Zimmer und legte mich in das weiche Bett. Meine Träume waren begleitet von Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Positive, sowie negative. Sie beide gehören zum Leben.

Die nächsten vier Tage verliefen einerseits sehr ruhig, andrerseits auch sehr turbulent. Drei Tage vor dem Weihnachtsabend begannen wir auf Mums Bitten hin das ganze Haus zu schmücken. Niemand hatte zuvor daran gedacht, das Fest schien vollkommen vergessen worden zu sein, was sie plötzlich Kopf schüttelnd kritisierte. Carol hielt ihr Versprechen sich zu schonen und verbrachte die meiste Zeit in einem großen Lehnstuhl, welchen Jess und Luke von unterer Etage in Mums Zimmer getragen hatten, und unterhielt sich mit ihrer Großmutter. Sie waren dabei selten alleine, wir alle leisteten ihnen abwechselnd Gesellschaft. In jenen Stunden überwogen die positiven Erinnerungen. Dunkle Momente, Schmerz und Schuldgefühle schienen für eine Zeit aus unseren Herzen verbannt. Die Gespräche betrafen vor allem sonnige Stunden unserer Vergangenheit. Zusammen erlebte, harmonische Momente. Scheinbar Belangloses aus unseren gegenwärtigen Welten.
Matt verhielt sich mir gegenüber noch immer sehr distanziert, doch er gab sich um Mums Willen Mühe. Ramón und ich entdeckten ein paar Gemeinsamkeiten, welche es zu bereden galt. Selbst Susana und ich schafften es über den normalerweise, von meiner Seite aus, eher kühlen und kurz angebundenen Wortwechsel hinaus.
Die Familie fand in jenen Momenten auf eine möglicherweise bis zu einem gewissen Grad heuchlerische, jedoch alle zufrieden stellende, Weise zusammen. Die ungewisse Zukunft wurde in keinster Weise thematisiert. Wir befanden uns auf dünnem Eis, welches zu zerbrechen drohte.
In jenen Stunden erhielten wir viele Besuche. Sookie und Jackson kamen mit reichlich Essen, Geschenken und lustigen Anekdoten über ihre Enkelkinderschar. Mrs. Kim und Lane besuchten uns ebenfalls. Genau wie andere Bewohner der kleinen Stadt, welche ich teilweise gar nicht kannte. Auch das Telefon schien nicht still zu stehen. Christopher, Sherry und Georgia - wie sie seit ihrer Teenagerzeit genannt werden wollte - meldeten sich zweimal und unterhielten sich abwechselnd mit Mum, Luke, mir und meinen Kindern. Sie versprachen, bald zu kommen. Zwei von Carols Freundinnen riefen an, genau wie ihr bester Freund und Patenonkel Carmens, Miguel. Auch Alejandro wollte Mum alles Gute wünschen und schließlich mit Jenny sprechen. Ramón versuchte dieses Gespräch zwar zu verhindern, Carol verbot ihm jedoch jegliche Einmischungen. So kam es, dass sein Bruder und Jenny zum ersten Mal seit langer Zeit wieder normal miteinander sprachen. Lizzie meldete sich aus Paris, was Mum besonders erfreute.
Alles verlief schließlich in den Umständen entsprechenden geordneten Bahnen, bis Carmen schließlich am frühem Abend des vierundzwanzigsten Dezembers von einer unbändigen Lust nach Kaffeebonbons und Lakritze erfasst wurde. Da alle beschäftigt schienen und ich ohnehin noch kaum Zeit mit meiner Enkeltochter alleine verbracht hatte, nahm ich sie schließlich an der Hand und wir stapften gemeinsam durch die glitzernde Schneelandschaft.
„Wow!" Rief das Mädchen immer wieder. Ihre Augen funkelten verträumt, als wir den Weg zum Supermarkt entlang gingen. „Das ist unglaublich! Ich wünschte, es gäbe Schnee in Puerto Rico!"
Ich betrachtete sie lächelnd. „Ihr könnt das nächste Weihnachtsfest gerne bei mir in Seattle verbringen. Da schneit es meist auch sehr viel."
Sie lächelte. „Das wäre toll! Wir sehen uns ohnehin viel zu selten, Grandma...oh, was ist das denn..." Sie hielt vor den reichlich geschmückten Pavillon, dessen Lichterketten im Schnee geradezu magisch zu funkeln schienen. „Wie im Märchen...oh, Grandma! Ich würde auch gerne hier aufwachsen. Deine Kindheit muss zauberhaft gewesen sein."
Ich drückte Carmens Hand und betrachtete den beleuchteten Pavillon. „Ja, das war sie." Meine Augen tränten einen Moment lang.
„Bist du mit Uroma oft im Schnee spazieren gegangen?"
„Ja. Denn weißt du, mein Engel, sie kann den Schnee riechen. Sie scheuchte mich nicht nur einmal nachts aus dem Bett." Ich schmunzelte. „Wir durften die ersten Schneeflocken des Jahres auf keinen Fall verpassen."
Carmen lächelte. „Mamá und ich haben auch ein Ritual. Wir gehen jeden Sonntagabend am Strand spazieren und picknicken danach dort. Das mag nach nichts Besonderem klingen, aber für mich ist es das."
Ich strich ihr zärtlich durchs Haar. „Carmen?"
Sie musterte mich erwartungsvoll.
„Hört niemals auf damit. Versprochen?"
Carmen nickte irritiert. „Okay."
„Solche Rituale schaffen Zusammenhalt, weißt du. Sie geben dir etwas, das du niemals vergessen wirst. Das dir für immer in deinem Herzen bleiben wird."
Sie lächelte. „Kann das zu unserem Ritual werden? Das wir im Winter zu diesem zauberhaften Pavillon gehen, nur zu zweit, und uns unterhalten?"
Ich umarmte sie. „Das klingt toll."
„Ich hab dich lieb, Grandma!"
„Ich dich auch mein Engel." Ich ergriff ihre Hand. „Komm, lass uns weiter gehen."
Im Laden angekommen entschied sich Carmen, dass ihre Lust nicht nur den Bonbons und Lakritze, sondern auch Schokolade und Chips galt. Danach bat sie mich ihr noch ein wenig von der kleinen Stadt zu zeigen. Schließlich kehrten wir erst beinahe eine Stunde später mit zwei vollen Säcken zum Haus zurück. Als hätte er auf uns gewartet, öffnete Ramón die Eingangstür auf der Küchenseite, bevor ich noch nach meinem Schlüssel suchen konnte.
„Da seid ihr ja endlich. Du hast deine Grandma ja ganz schön ausgenommen..." Sein Blick fiel auf die Säcke. „Wie viel bekommst du, Rory?"
„Das passt schon." Ich winkte lächelnd ab.
„Grandma hat mir den märchenhaften Pavillon gezeigt, Papá! Den, von welchem Mamá immer so schwärmt! Gehen wir morgen hin? Ich würde ihn dir so gerne zeigen!"
„Natürlich, Prinzessin." Er betrachtete seine Tochter lächelnd. „Aber jetzt kommt erst mal herein."
Kaum hatten wir das Haus betreten und uns der nassen Kleidung entledigt, umgab mich ein wunderbares Aroma. Kaffee war nur einer der vermischten Düfte. Ich runzelte die Stirn. „Was ist das?"
Ramón und Carmen musterten mich verwirrt. „Was meinst du?" Fragte sie.
„Wonach riecht es hier?"
„Ich rieche nichts." Meinte meine Enkeltochter und ging ins Wohnzimmer.
„Ramón, was ist das?"
Er zuckte mit den Schultern. „Jetzt komm erst mal."
Ich folgte ihm Kopf schüttelnd ins Wohnzimmer. „Was soll denn das. Ich wollte noch..." Ich verstummte und blieb in der Tür stehen. Mein Herzschlag wurde schneller.
„Das wurde auch Zeit." Meine Jenny lächelnd, als sie mich erblickte.
Ich starrte auf den kleinen, gedeckten Tisch, auf welchem Schüsseln und Teller noch aufgestapelt waren. In der Mitte der Tischplatte stand ein riesiger Suppentopf, rechts daneben Schüsseln voller Weihnachtsplätzchen, Chips, Popcorn und Marshmellows. Neben dem Tisch war ein zweiter aufgestellt worden, auf welchem eine Kaffee-, Kakao- sowie Teekanne, eine Flasche Cola, Soda sowie Tassen und Gläser standen. Daneben türmten sich zwei Fünferstapeln mit Pizzakartons. Neben dem Fernseher stand ein reichlich geschmückter Weihnachtsbaum. Carol, Juan, Carmen, Susana und Luke hatten es sich mit Decken auf der Couch bequem gemacht. Links davon waren zwei Bettmatratzen aufgelegt worden, auf welchen Ramón, Matt, Jenny und Jess saßen. Rechts neben der Couch standen zwei ausziehbare Lehnstühle. Auf dem linken saß Mum, in viele Decken gehüllt. Sie musterte mich ungeduldig. „Rory, wir haben Hunger!"
Stumme Tränen rannen über meine Wangen. Ich verwischte sie nicht. „Was ist das? Kaffee, Naschereien und sogar Pizza..."
„Ach Schätzchen...hast du etwa alles verlernt? Was ist denn ein Videoabend ohne Pizza? Selbst wenn ich sie nicht essen darf." Mum schüttelte den Kopf. Ihre Augen waren voller Liebe und Zärtlichkeit.
Ich schüttelte ungläubig meinen Kopf und suchte den Blick meiner Enkeltochter. „Hast du das gewusst?"
Carmen grinste. „Natürlich. Es war eine Überraschung. Für Uroma und dich."
„Wenn es dir nichts ausmacht, würden wir nun gerne anfangen, Mum." Matt lächelte.
Luke reichte mir einen Stapel DVDs. „ A Christmas Carrol, Willy Wonka und Footloose." Ich blickte Mum an.
„Ich hoffe, auch du bist mit dieser Auswahl einverstanden. Keine Sorge, wir haben noch mehr Filme in dem kleinen Kasten dort drüben, sollten wir danach noch nicht müde sein. Ich schlage vor, wir beginnen mit letzterem..."
Als die ersten Töne des Filmes erklangen, lehnte sich Mum zu mir und flüsterte. „Das ist mein schönstes Weihnachtsfest." Ihre Augen tränten.
Ich ergriff ihre Hand und ließ sie während des gesamten Filmes nicht mehr los.
Sie hatten das nicht nur für uns beide getan. Sie hatten es für uns alle getan. Für jeden einzelnen von uns. Elf Menschen, sich so verschieden und doch so ähnlich. Elf Menschen, eine Familie.

34. Teil

--------- Flashback ---------

Die Sonne brannte auf die steinige Seitengasse. Ein zarter Wind strich durch unser Haar. Wir verwischten die kleinen Schweißperlen, welche sich auf unseren Stirnen gebildet hatten und nippten beinahe gleichzeitig an dem Espresso, als zwei attraktive Männer an unserem kleinen Tisch vorbei gingen. Mum hob ihre Sonnenbrille etwas und warf ersterem ein charmantes Lächeln zu. Die Geste zeigte erwünschte Wirkung, denn die beiden drehten sich um und kamen auf uns zu. Mum war sichtlich erfreut und bejahte die Frage der beiden sich setzen zu dürfen. So kam es schließlich, dass wir auf weitere zwei Espressos und Tiramisu eingeladen wurden, bevor uns Giorgio und Giovanni ein wenig von Rom zeigten. Abends trennten wir uns schließlich auf der Piazza Navona und genossen die weiteren Stunden wieder zu zweit in einer der kleinen Restaurants. Mums Blick wanderte verträumt über die ausgelassene Menschenmenge, die Musiker, die Maler und die Springbrunnen. „Das ist der schönste Platz in Rom." Sie seufzte lächelnd.
Ich blätterte nickend in meinem Reiseführer. „Darin scheinen sich alle einig zu sein. Ich habe vier Reiseführer mitgenommen und alle betonen, man solle diesen zauberhaften Ort aufsuchen."
Sie entriss mir das Buch kopfschüttelnd. „Rory! Wir sind auf Urlaub! Sieh dich um und genieße."
Ich runzelte die Stirn. „Ich wollte nur nachsehen, welchen Teil dieser gigantischen Stadt wir uns morgen vornehmen könnten. Wir sind schließlich nur wenige Tage hier bevor wir weiter reisen."
„So etwas ergibt sich, mein Schatz. Oder hättest du dir gedacht, dass wir heute das beste Eisgeschäft der Stadt kennen lernen werden?"
„Nein, aber Giorgio war ganz scharf darauf es dir zu zeigen. Er hätte dir gewiss noch gerne ganz anderes gezeigt." Ich konnte das Grinsen nicht unterdrücken.
„Ist es nicht unglaublich, dass wir erst seit gestern hier sind? Ich habe das Gefühl niemals woanders gewesen zu sein."
Ich schmunzelte. „Das hast du in Paris auch schon gesagt."
„Lass uns hier bleiben."
„Du wolltest auch schon in London bleiben."
„Ja, aber das ist was anderes. Dieser Zauber ist einmalig."
Ich runzelte die Stirn. „Wetten, dass du den Zauber Barcelonas am Freitag noch einmaliger finden wirst?"
Mum verzog gespielt beleidigt den Mund. „Du nimmst mich nicht ernst."
„Mum..."
„Rory, ich habe mich in diese Stadt verliebt!"
„Okay. Ich werde mich morgen an der Uni einschreiben. Das Problem ist allerdings, dass wir die Sprache kein bisschen beherrschen."
„Die wichtigsten Worte kennen wir." Sie grinste und wollte weiter sprechen, als der Kellner unsere Pizzas servierte.
Nach dem Essen beschlossen wir noch ein wenig über den Platz zu spazieren. Ein Musikerensemble stimmte gerade ein neues Lied an, als Mum vor einem Springbrunnen innehielt und meine Hand drückte. Die Nacht war sternenklar und mild. Der Zauber Roms hatte auch mich erfüllt, auch wenn ich es noch nicht zugab.
„Rory?" Sie blickte mich lächelnd an. „Das ist der schönste Urlaub meines Lebens. Danke dafür."
Ich erwiderte ihr Lächeln. „Das ist er auch für mich."
„Ich war noch nie im Leben so glücklich, mein Schatz." Sie umarmte mich. „Ich bin so stolz auf dich. Du bist die wunderbarste Tochter, die sich eine Mutter wünschen kann. Ich liebe dich, mein Schatz."
Ich küsste ihre Wange. „Ich dich auch, Mum."
Als sie mich ansah, erkannte ich die Tränen in ihren Augen. „Mum?" Ich runzelte die Stirn.
„Ich bin nur so glücklich, Rory. Und ich muss täglich an deine wunderbare Abschlussrede denken."
Ich umarmte sie. „Ich habe jedes Wort so gemeint."
„Ich weiß." Sie strich sanft durch mein Haar. „Lass uns wieder her fahren. Wie wäre es nach deinem Collegeabschluss?"
„Klingt gut."
Sie löste sich sanft von mir und ergriff meine Hand. Wir spazierten noch eine Weile durch die Straßen, bevor wir todmüde in unsere Hotelbetten fielen. Wir waren so glücklich und uns näher als jemals zuvor im Leben. Beste Freundinnen. Mutter und Tochter. Seelenverwandte.

--------- Flashback Ende ---------

Wir hatten die magische Stadt auf den sieben Hügeln niemals wieder aufgesucht. Unsere Herzen waren sich auch nie wieder so nahe gewesen wie an jenem Sommerabend auf der Piazza Navona. Jahre kommen, Jahre vergehen. Der Lauf der Zeit ist unaufhaltsam. Wie die Schneeflocken, sanft vom Wind getragen.

--------- Flashback ---------

„Mummy!" Meine Stimme musste durch ganz Stars Hollow geschallt sein.
Mum kam mir bereits an der Tür entgegen. Auf ihrer Stirn hatte sich eine tiefe Falte gebildet. Ihre Augen waren besorgt auf mich gerichtet. Sie sank auf ihre Knie um den Größenunterschied zwischen uns zu verringern. „Was ist denn passiert, mein Liebling?" Sie umfasste meine Arme besorgt. Der stechende Schmerz in meinem Herzen begann nachzulassen. Mum war da. Mum würde immer da sein.
Sie verwischte meine heißen Tränen. „Rory, Schätzchen, du musst deiner Mummy sagen, was passiert ist." Sagte sie sanft.
„Die Jungs waren gemein zu mir. Sie haben mein Buch weggenommen und was ganz Böses gesagt."
Sie runzelte die Stirn. „Was haben sie gesagt?"
„Dass ich eine Streberin wäre."
„Ach Schätzchen..." Sie umarmte mich und erhob sich langsam um die Tür zu schließen. „Hör nicht auf das dumme Gerede. Die sind doch nur neidisch, dass du schon lange lesen kannst, während sie es erst lernen müssen. Sie haben dir doch das Buch wiedergegeben?"
Ich nickte. „Aber erst nachdem ich einem Jungen mit den Atlas nachgelaufen bin und gedroht habe, ihn damit zu hauen." Erzählte ich zögernd, während wir das Wohnzimmer betraten.
Mum nahm mich lachend auf den Schoß. „Jetzt besteht kein Zweifel mehr. Du bist im Krankenhaus nicht vertauscht worden, sondern tatsächlich meine Tochter."
„Miss Harris hat mich geschimpft. Sie hat mitbekommen, was ich zu Josh gesagt habe. Ich muss jetzt zwanzigmal schreiben, dass man so etwas nicht tun darf."
„Wie bitte?" Mums Augen weiteten sich, ehe ein dunkler Schatten ihr Gesicht überzog. „Die Jungs haben dich doch zuerst geärgert!"
Ich kuschelte mich an ihre Brust und ließ den Tränen freien Lauf. „Ich habe dir doch gesagt, dass sie mich hasst."
„Ach Schätzchen..." Sie strich mir sanft über den Rücken. „Ich werde mit ihr sprechen."
„Gleich morgen?"
„Natürlich. Gleich morgen." Sie küsste mich sanft auf die Wange. „Denk nicht mehr daran. Deine Mummy regelt das schon." Sie hob mein Kinn. „Was haltest du von einer riesigen Pizza?"
Der Schmerz schien plötzlich wie weggeblasen. Meine Augen leuchteten auf. „Pizza?"
Mum nickte. „So viel du willst. Und wir schauen uns deine neuen Filme an, okay?"
„Darf ich auch länger aufbleiben?"
Sie musterte mich kurz gespielt streng, bevor sie lächelnd nickte. „Eine volle Stunde."
„Zwei?" Ich blickte sie flehend an.
Sie seufzte leise. „Okay. Aber keine Sekunde länger."
Ich umarmte sie fröhlich. „Danke, Mummy."

---------- Flashback Ende ---------

Die Kälte kommt leise und unbemerkt. Wie ein Raubtier, welches seiner Beute auflauert. Sie umfasst dich wie aus dem Nichts und lässt dich nicht mehr los, ehe sie dir jede Kraft genommen hat. Es gibt kein Zurück. Nicht heute, nicht morgen. Niemals.

--------- Flashback --------

„Rory? Bist du da? Wenn du da bist, hebe bitte ab! Wir haben beide Dinge gesagt, die uns Leid tun. Rory! Ich versuche nun seit Wochen dich zu erreichen. Es tut mir leid, was passiert ist...Aber ich bin nicht die Einzige, welche einen Fehler gemacht hat...Wir müssen darüber sprechen! Rory, bitte hebe ab oder rufe mich zurück. Ich muss gleich wieder ins Hotel, bin aber ab 18 Uhr wieder zuhause...Bitte lass und über diesen fürchterlichen Streit sprechen...Rory...Ich verstehe einfach nicht, was mit dir los ist! Haben sie dich einer Gehirnwäsche unterzogen? Rory, du kannst mir nicht sagen, dass du auf diese Art glücklich bist! Ich will dir doch nur helfen...18 Uhr. Ich bin ab 18 Uhr wieder erreichbar. Wenn es dann bei dir nicht gehen sollte, kannst du mich auch morgen anrufen. Den ganzen Tag. Oder übermorgen...ruf mich an, Rory..."

Mein Zeigefinger zitterte, als er sich der schwarzen Taste näherte.

„Ihre Nachricht wurde gelöscht."

Es war zu früh. Ihre Worte hatten mich zu sehr verletzt gehabt.

Ich dachte nicht daran, dass es irgendwann zu spät sein könnte zurückzurufen.

--------- Flashback Ende ---------

Die Kälte hatte mein Herz umschlossen. Es war gefangen, wie in einem dunklen Sarg. Fest verschlossen. Unmöglich zu entkommen. Dem Tode ängstlich entgegenblickend.

--------- Flashback ---------

„Sie waren heute schon alle bei mir." Erzählte Mum lächelnd, als ich ihr Zimmer betrat.
Ich erwiderte ihr Lächeln und setzte mich auf den Stuhl neben ihrem Bett. „Das war ein wunderschönes Fest gestern."
Sie drückte meine Hand. „Das schönste meines Lebens. Die ganze Familie vereint. Das war mein größter Wunsch."
Ich nahm ihre Hände in meine, weil sie so kalt waren. „Vielleicht schaffen wir das jedes Jahr. Die Flüge sind teuer, aber wir könnten uns abwechseln. Wenn es dir dann wieder gut genug geht, feiern wir nächstes Jahr in San Juan."
Mum lächelte milde und betrachtete mich. Ich vermochte ihren Blick nicht zu deuten. „Weihnachten ohne Schnee?"
„Du hast Recht, Mum. Was für eine dumme Idee. Carmen und ich haben gestern erst über den Zauber Stars Hollows im Schnee gesprochen..." Ich atmete tief durch. „Ich hatte es lange nicht gesehen...war blind dafür gewesen...doch gestern habe ich ihn wieder entdeckt." Der Zauber meines alten Zuhauses war nicht das einzige gewesen, was ich wieder entdeckt hatte.
Sie nickte, mich immer noch lächelnd betrachtend. „Du siehst gesünder aus. Deine Wangen haben wieder Farbe bekommen." Bemerkte sie plötzlich.
„Ich fühle mich auch besser. Dieses Fest, ihr - vor allem du - habt mir etwas Wertvolles zurückgegeben. Ich hatte mich schon lange nicht mehr so lebendig gefühlt. War nur mehr eine Hülle meiner selbst gewesen. Ich weiß, dass das Leben nicht plötzlich perfekt geworden ist. Es werden sich noch viele Hürden stellen, wir alle werden noch Rückschläge erleiden. Aber ich habe das Gefühl, dass wir alles schaffen können, so lange wir zusammenhalten. Ich weiß, dass ich damit nichts ungeschehen machen kann. Aber ich werde zurück nach Stars Hollow kommen und mir in eurer Nähe eine Wohnung nehmen. Ich werde für euch da sein und dich wieder ganz gesund pflegen."
Mums Hand zitterte, als sie über meine Wange strich. Einen Moment wirkte es, als wollte sie etwas sagen. Schließlich formten ihre Lippen ein leichtes Lächeln. „Rory. Du warst ein ganz besonderes Mädchen, du bist eine ganz besondere Frau. Du bist aber auch nur ein Mensch, nicht frei von Fehlern, genau wie ich. Genau wie wir alle. Ich habe dir schon lange verziehen. Lange vor deiner Ankunft. Du warst Opfer deiner selbst. Das waren wir alle auf eine gewisse Weise. Ich habe meinen Frieden gefunden, mein Schatz." Ein eigenartiger Druck erfasste mein Herz, als sie erneut meine Wange berührte. „Du musst auch deinen finden, Rory. Akzeptiere, was passiert ist und akzeptiere, was passieren wird..." Der Druck begann mir den Atem zu nehmen. Ich glaubte zu ersticken. Die Tränen tropften auf das Laken. „Du musst dich der Gegenwart zuwenden, dir endlich vergeben. Sich selbst zu vergeben ist die schwierigste Aufgabe, welche man zu erfüllen hat. Es ist viel einfacher einen geliebten Menschen zu vergeben, als sich selbst. Auch ich konnte es lange nicht. Finde zurück ins Leben, geliebte Tochter. Lebe. Voller Freude und Leidenschaft. Koste jeden Tag aus. Vergiss niemals, du bist ein wertvoller Mensch." Sie betrachtete mich lächelnd. „Du hast mir in den letzten Wochen so viel gegeben. Auch wenn es nicht mehr so wie früher sein konnte, wir haben einander wieder gefunden. Dafür bin ich dankbar. Die Familie war vereint. Auch wenn es nur für Tage war, diese Stunden hat sie auf eine besondere Weise näher gebracht. Unsere Herzen haben zueinander gefunden."
„Das ist alleine dein Verdienst gewesen, Mum."
Sie strich über meine Finger. Ihr Blick glitt sanft über mein Gesicht und mein offenes, langes Haar. „Nein. Unser aller Verdienst." Sie strich über meinen Handrücken. „Ich bin stolz auf dich. Das war ich immer. In jeder Sekunde meines Lebens. Und ich bin dankbar. Für dich. Die wunderbarste Tochter. Für Corinne, welche leider nur wenige Monate in mir heranwachsen konnte. Für Luke. Den liebevollsten Mann der Welt. Für Carol. Sie hat so viel Liebe zu geben, trotz des vielen Schmerzes in ihrem Leben. Für Matt. Er wirkt äußerlich so stark, sein Inneres ist aber so sanft und verletzlich. Für Jen. Ihr größter Wunsch war es immer, dass die Familie wieder zusammen finden würde. Für Carmen und Juan, weil sie die vollkommensten Urenkeln sind, die man sich wünschen kann. Ich bin dankbar für diese Familie. Für jede Minute, welche ich mit ihr verbringen durfte."
Meine Lippen wurden trocken. „Mum?" Meine Stimme war heiser, kaum hörbar. Ein Schwindel erfasste mich. Der Raum begann sich zu drehen. Ich spürte ihre zitternden Finger auf meiner Wange. „Rory..." Ihre schwache Stimme schien aus einer fernen Welt zu kommen. „Rory? Du hast vor ein paar Tagen mit Dr. Connor gesprochen..."
Ich wollte etwas erwidern, schreien. Doch es gelangte kein Ton über meine Lippen. Schwere Seile schienen mein Herz zu umfassen, es mit sich in den Ozean zu reißen. Ich glaubte das salzige Wasser zu spüren, welches in meine Lungen drang.
„Rory!" Erklang Mums Stimme lauter. „Rory. Mein Körper ist müde geworden." Sagte sie ganz ruhig.
Plötzlich kam ich wieder zu mir. Von Verzweiflung gepackt. „Mum!" Ich hörte weder meine Stimme, noch spürte ich die Tränen, welche über meine Wangen rannen. „Mum, hör auf so zu reden! Ich habe dir versprochen, dich wieder gesund zu pflegen. Genau das werde ich auch tun! Dieser Arzt hat doch keine Ahnung!"
Sie lächelte milde und betrachtete mich schweigend. Ihre Augen waren voller Zärtlichkeit.
„Gib dich nicht auf, Mummy! Wir brauchen dich! Ich brauche dich! Du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich liebe dich." Meine Stimme wurde erneut von schmerzender Heiserkeit gepackt. „Wir schaffen das. Du wirst wieder ganz gesund. Wir werden noch wunderbare gemeinsame Jahre in Stars Hollow verbringen. Werden nachts aufstehen, wenn du den Schnee riechst. Werden viel zu viel Kaffee trinken und Süßes essen. Und fernsehen. Bis uns die Augen schmerzen." Ich verwischte die Tränen mit dem Handrücken. „Wir werden nochmals nach Rom reisen. Diesmal länger. Und an der Piazza Navona essen und Espresso trinken. Weißt du noch, Mum? Das war der schönste Sommer meines Lebens. Wir werden die anderen mitnehmen, wenn du möchtest. Sie alle sollen von dem Zauber erfasst werden, welcher uns damals so überwältigte. Wir werden ans Meer fahren. Ganz oft, wenn du das möchtest."
„Rory..." Ihre Stimme hatte sich nicht verändert. Sie lächelte noch immer. Zärtlich und sanft.
„Es geht dir doch schon besser, Mum! Deine Erinnerung hat sich verbessert. Deine Wangen...sie sind nicht mehr so blass und..."
„Rory..." Sie ergriff meine Hände. „Komm näher."
Ich presste mein Gesicht schluchzend an ihre Brust, löste mich aber schnell wieder von ihr, aus Angst ihr wehtun zu können. „Mummy!" Presste ich mühsam unter dem Schleier von Tränen, welcher mir die Luft zu nehmen schien. Ich glaubte zu ersticken.
„Rory." Sie strich mir zärtlich durchs Haar. „Ich bin alt und schwach geworden." Sie hob mein Kinn. Wie bei dem kleinen Mädchen von einst. Ich blickte in ihre Augen, fand jedoch keinen Trost. „Für diesen Moment, die letzten Tage. Für uns, für dich. Deshalb bin ich noch nicht gegangen. Deshalb konnte ich es noch nicht." Sie küsste meinen Handrücken. „Lass mich gehen, mein Liebling. Ich liebe dich, und das werde ich auch immer tun. Ich weiß nicht, was mich erwarten wird. Was uns alle erwarten wird. Aber ich bin nun bereit dafür." Sie strich über meine Wange. Ich zitterte am ganzen Körper, unfähig zu sprechen. „Ich spüre im Inneren, dass wir uns alle wieder sehen werden. Eines Tages. Wir werden wieder vereint sein, dann für die Ewigkeit."
„Mummy..."
„Rory. Ich muss nun zu deiner kleinen Schwester. Zu deinen Großeltern. Zu Carols Freundin Carmen." Sie schüttelte den Kopf. „Habe keine Angst, mein Schatz. Ich werde immer bei dir sein. Für immer und ewig." Sie verwischte meine stummen Tränen. „Weine nicht, dazu besteht kein Grund." Ihre Stimme war leiser geworden. Sie drückte meine Hand.
Ich spürte meine Glieder nicht mehr. Die Kälte hatte sie ertaubt. Meine eigene Stimme schien wie aus einer anderen Welt. „Ich liebe dich, Mummy."
Ihre Lippen formten ein Lächeln, bevor sie ihre Augen schloss. Ihre Hand lag noch immer in meiner. Ich war stundenlang unfähig mich zu bewegen, auch nur zu blinzeln.
Mum war gegangen. Als ich es begriff, riss mich der schmerzende Sog endgültig in die unendlichen Tiefen des dunklen Ozeans.

---------- Flashback Ende --------

Mit Mums Tod schien auch der letzte Teil meines Herzens gestorben. Erstickt an dem Schmerz, erfroren aufgrund der Kälte der Einsamkeit.

Nichts würde jemals wieder so sein, wie es war.
Sie war weg. Gegangen. Sie würde niemals wieder zurückkommen.

Ich würde niemals wieder in ihre blauen Augen sehen. Ihr klares Lachen hören. Sie würde mich nie wieder in die Arme schließen.

„Rory?" Die Stimme kam wie aus einer anderen Welt. Ich vermochte sie weder zu definieren, noch ihre Richtung auszumachen. Mein Körper war regungslos. Starr und kalt. Nur mehr eine leblose Hülle. Meine Augen brannten. Dieser Schmerz war das einzige Zeichen, dass ich noch nicht gegangen war. Mum noch nicht gefolgt war.

Meine leblosen Arme zuckten bei der Berührung. Ich bekam vage mit, als das Bett knarrte und sich jemand setzte.

„Rory?"

Ich bewegte den Kopf. Kaum merkbar. Es gab keine Rory mehr.

„Sie hat dich immer geliebt. In jeder Minute ihres Lebens."

Meine Augen begannen ihn wahrzunehmen. Seine Gesichtszüge. Die roten Augen. Die Tränen. Den Schmerz.

„Auch ich habe sie über alles geliebt. Sie war die Liebe meines Lebens." Luke nahm meine Hände in seine, rieb sie. Doch die Wärme drang nicht in meinen Körper, nicht in mein Herz.
„Sie würde das nicht wollen, Rory. Es ist nicht in ihrem Sinne." Er strich über meine Wangen. „Deine Kinder und Enkeln brauchen dich. Ich brauche dich. Wir brauchen einander in diesen schweren Stunden."

Und was war mit Mum? Ich brauchte sie. Mehr als alles andere. Ich rang nach Luft und hustete. Luke stützte mich. Seine Augen begannen erneut zu tränen. „Rory, du bist immer wie eine Tochter für mich gewesen."

Ich blickte ihn an. Die Worte kamen heiser und langsam. „Wie lange liege ich schon hier?"

Lukes Gesichtszüge entspannten sich für einen Moment. „Beinahe einen ganzen Tag."

„Warum? Warum musste sie gehen? Ich...ich hätte an ihrer Stelle gehen sollen." Mein Körper gab erneut nach. Ich sank in Lukes stützende Arme und schluchzte, das Gesicht an seine Brust gepresst. Ich spürte wie seine Finger zitterten, als sie über meinen Rücken strichen. Mein Körper löste sich langsam von ihm. „Wo bist du, Mum? Wo? Warum hast du mich alleine gelassen? Wie konntest du mir so etwas antun?" Schrie ich mit meinen letzten Kräften.
Luke schloss mich schluchzend in die Arme. „Lass es raus, lass es raus." Presste er unter Tränen hervor.

35. Teil

„Es soll schneien, wenn ich der Welt ‚Lebe Wohl' sage und es soll erst aufhören, nachdem ich beerdigt worden bin." Hatte meine Mutter gesagt.

Und tatsächlich trug der kalte Wind die ersten Schneeflocken, als ich den Platz des Pfarrers auf dem vollen Friedhof einnahm. Alle waren gekommen. Alle, die meine Mutter gekannt und geliebt hatten. Sie alle hatten ihre tränenden Augen auf mich gerichtet. Voller Hoffnung und Angst. Hoffnung auf Trost. Angst davor niemals Trost finden zu können.
Ich schloss meine Augen und atmete tief durch. Was würde sie nun wollen? Was würde sie wollen, dass ich sage? Mein lebloser Körper zitterte. Ich hatte Angst erneut die Kraft zu verlieren. Ich war es ihnen schuldig. Ich war es Mum schuldig. Als ich den Mund öffnete, wurde meine Kehle von einem schmerzhaften Druck erfasst. Kein Wort gelang über meine Lippen, welche wie ausgetrocknet schienen. Ich räusperte mich mühsam. Die Tränen hinterließen Spuren im Schnee. Ich vermied es die anderen anzusehen, wollte nicht auch noch ihren Schmerz spüren. Mein eigener schien mir schon jegliche Kraft genommen zu haben.

„Mum?"

Ich weiß bis heute nicht, ob tatsächlich eines meiner Kinder geflüstert hatte oder diese zarte, kaum hörbare Stimme meiner Einbildung entsprang. Auf jeden fall berührte sie mein blutendes Herz. Ich blickte auf den Sarg. Ein Schwindel erfasste mich erneut. Meine Augen wanderten über die blassen Gesichter. Ich schien tief in ihre Seelen zu blicken.
Eine Schneeflocke landete sanft auf meinem Handrücken. Ich hoffte noch immer zu erwachen. Zu erwachen aus diesem Alptraum.

Ich spürte eine Hand, welche die meine kurz drückte. Voller Liebe und Leben.
Leben.
Liebe.

Meine Stimme zitterte. Sie war heiser und drang anfangs nur sehr schwach durch mein Herz. „Mum..." Ich atmete tief durch. „...hatte sich gewünscht, es möge bei ihrem Abschied von dieser Welt und ihren geliebten Menschen schneien..." Meine Finger zitterten, als ich die Haarsträhnen aus dem Gesicht strich. „Schnee war immer etwas Wunderbares für sie. Sie weckte mich jedes Jahr, damit wir die ersten Schneeflocken willkommen heißen konnten..." Ich blickte zu Luke. Seine tränenden Augen waren auf den Sarg gerichtet. Ich bemerkte, dass er zitterte. „Mum konnte den Schnee riechen. Sie wusste genau, wann es zu schneien beginnen würde und irrte niemals. Mum hatte nicht nur das Gespür für den weißen Zauber, welcher Stars Hollow in eine Märchenlandschaft verwandelte..." Carmen schenkte mir ein leichtes Lächeln. „...sie hatte vor allem das Gespür für die Menschen in ihrem Leben. Mum war..." Mein Blick suchte jenen meiner ältesten Tochter, welche ihr Gesicht schluchzend an die Brust ihres Mannes gepresst hatte. „Mum ist die wundervollste Mutter, die sich ein Mensch überhaupt zu wünschen darf. Sie war immer da für uns, stand uns in jedem Moment unseres Lebens bei." Der Druck erfasste mein Herz erneut und begann es in die reißenden Tiefen des schwarzen Ozeans zu ziehen. „Sogar jetzt...in den letzten Tagen ihrer schweren Krankheit war sie für uns da. Sie wollte, dass sich die Familie wieder näher kommt. Das war ihr wichtiger als alles andere..." Ich atmete tief durch. Meine Stimme überschlug sich. „Kann ein Mensch selbstloser sein?...Sie verließ ihr Elternhaus mit siebzehn und kam in diese kleine Stadt, welche ihr Heimat werden sollte. Auch Mia wusste sofort, dass Mum nicht irgendein Mädchen, sondern etwas ganz Besonderes war. Sie gab ihr einen Arbeitsplatz im Independence Inn, welchem meine Mutter schließlich ihr Herz schenkte. Sie arbeitete sich in unglaublicher Geschwindigkeit hoch und wurde Hotelleiterin. Auch nach dem schweren Schicksalsschlag..." Ich suchte Sookies Blick. „...dem Brand des Hotels, gab sie nicht auf. Es sollte nur etwas mehr als ein Jahr vergehen, bis sie ihr eigenes Hotel eröffnete. Das Dragonfly war das Lebenswerk dieser bewundernswerten Frau. Ihr Leben in Stars Hollow war von Menschen umgeben, welche sie liebte. Keinen einzigen von ihnen hätte sie jemals missen wollen..." Mein Blick wanderte über die Menschen, welche gekommen waren um sich von Mum zu verabschieden. Viele von ihnen wirkten entspannter, andere hatten ihre Augen noch immer schmerzend auf mich geheftet. Es schien, als klammerten sie sich an meine Worte, aus Angst dem reißenden Gewässer sonst nachgeben zu müssen. „Sie war eine wundervolle Frau." Mein Gesicht löste sich nur mühsam aus der Starre. Ich versuchte ein leichtes Lächeln. „Sie hat unser aller Leben erhellt, unsere Herzen und Seelen berührt. Mum war die beste Mutter, die beste Großmutter, die beste Urgroßmutter, die beste Ehefrau, die beste Freundin..." Ich schmeckte meine salzigen Tränen. „Ich bin dankbar..." Ich hielt kurz inne um Luft zu holen. „Ich bin dankbar für jede einzelne Sekunde, welche ich mit ihr verbringen durfte. Für jeden noch so kleinen und scheinbar unbedeutenden Moment. Mum war stets für mich da. Als ich mich am Spielplatz am Knie verletzte, als mich die kleinen Jungs in der Grundschule ärgerten, als ich meinen ersten Liebeskummer hatte." Ich verwischte meine Tränen. „Sie war da, als ich meinen Abschluss machte und zum College ging. Sie war selbst dann noch für mich da, als uns tausende Kilometer trennten. Trotz hässlicher Konfrontationen und Jahrzehnte der Stille schloss sie mich nach vielen Jahren versöhnlich in die Arme. Danke, Mum..." Ich atmete tief durch. „Danke, dass du mich niemals aus deinem Herzen gelassen hast. Danke für jeden Moment, den du uns geschenkt hast. Du hast uns zu den wertvollen Menschen gemacht, die wir heute sind. Du hast uns allen mehr gegeben, als wir jemals fähig gewesen wären dir zurückzugeben." Meine Augen suchten erneut die Blicke der Menschen um mich. „Danke, dass ihr alle gekommen seid, um euch von meiner Mutter, Lorelai Victoria Gilmore-Danes, zu verabschieden. Sie war immer für uns da..." Ich atmete tief durch. Zum ersten Mal gelang mir ein leichtes Lächeln. „Und das wird sie auch immer sein. Tief in unserem Herzen, in unseren Erinnerungen, unseren Gesprächen und unseren Seelen wird sie weiterleben. Ein Mensch ist erst wirklich gegangen, wenn er vergessen worden ist. Und das wird Mum niemals sein. Sie wird immer bei uns sein...Bis in alle Ewigkeit."

----------- Flashback ---------

Die Schneeflocken glitzerten in ihrem dunklen Haar. Sie drehte sich fröhlich im Wind.
Ich lauschte ihrer hellen Stimme, dem melodischen Lachen. „Es schneit, Rory. Es schneit."
Sie umarmte mich lächelnd und küsste meine Wange.

--------- Flashback Ende -------

Lorelai Victoria Gilmore-Danes

Geliebte Ehefrau, Mutter, Großmutter, Urgroßmutter und Freundin

Geboren 17.04.1968, Gestorben 25.12.2044

Ruhe in Frieden

Der Tod ist nicht das Ende,

Nicht die Vergänglichkeit

Der Tod ist nur die Wende,

Beginn der Ewigkeit

10 Tage später

„Ich kann noch bleiben, wenn du das möchtest." Jenny runzelte ihre Stirn besorgt und trat von einen Fuß auf den anderen.
Ich konnte meinem Mutterinstinkt nicht entsagen und zog ihr die blaue Wollhaube zu Recht, damit diese beide Ohren überdeckte. „Nein, Schatz. Es ist in Ordnung. Du musst wieder zur Uni. Mum würde das so wollen."
Jenny lächelte leicht und blickte sich im verschneiten Garten um. „Kannst du dich noch daran erinnern, was Grandma einst zu mir über diesen Garten sagte? Es sei der Garten Eden, in welchem die Engeln leben...Sollte es Eden tatsächlich geben, dann ist sie nun bei uns."
Ich strich zärtlich über ihre kühlen Wangen. „Das wird sie immer sein."
Sie blickte mich an. „Ich weiß. Und dennoch schmerzt es. Ich weiß, dass sie nun von ihrer Krankheit erlöst und an einem besseren Ort ist, aber dennoch...oft ist mir, als würde mein Herz zerspringen, als würde es ohne sie nicht mehr schlagen können." Ich verwischte Jennys Tränen. „Es tut so weh, Mummy..."
Ich zog sie in meine Arme. „Es wird immer wehtun. Es wird leichter werden, aber schmerzen wird es immer. Du kannst mich jederzeit anrufen. Oft hilft es zu reden"
Sie nickte. „Und in zwei Wochen sehen wir uns." Sie löste sich langsam von mir.
„Wir werden einen langen Videoabend machen und Pizza essen. Matt möchte auch kommen, wenn es sich ausgeht."
Jenny lächelte und umarmte mich nochmals. In diesem Moment verließ Carol das Haus.
„Jen?" Sie blickte uns unsicher an. „Ramón würde gerne fahren, damit wir den Flug noch erwischen. Es soll einen Stau geben. Ist das okay für dich?"
Jenny löste sich langsam von mir und nickte. „Ja." Sie blickte sich seufzend im Garten um. „Ja, lass uns gehen. Ich werde mich nur noch von Grandpa verabschieden." Sie ging zurück ins Haus.
Carol umarmte mich. „Ich hab dich lieb, Mum. Das wollte ich dir nur nochmals sagen."
„Ich dich auch, mein Schatz."
„Du kommst wie versprochen übernächstes Monat?"
„Glaubst du etwa, ich möchte die Geburt meiner Enkelkinder verpassen? Das habe ich bisher noch nie." Ich betrachtete sie lächelnd.
Carol blickte auf ihren Bauch. „Am liebsten würde ich sie hier auf der Stelle bekommen. Ich habe mich noch nie so schwanger gefühlt."
„Du erwartest Zwillinge, mein Schatz."
„Schade, dass Grandma sie nicht mehr kennen lernen wird." Ihre Augen tränten.
Ich verwischte ihre Tränen und zog sie in meine Arme.
„Wie wird es mit uns allen weitergehen, Mum?"
Ich löste mich langsam von ihr.
„Grandma hat uns wieder zusammengebracht. Wie lange werden wir dieses Verhältnis aufrechterhalten können?"
„Schätzchen, es war nicht nur Mum, welche dies bewirkt hat. Es waren wir selbst. Sie hat uns nur daran erinnert, wie wichtig es ist, einander zu haben. Ich kann dir nicht sagen, wie es weiter gehen wird. Es wird auch in Zukunft Probleme geben, wir alle werden unsere Differenzen haben. Auch die Vergangenheit lässt sich nicht einfach auslöschen. Aber wir werden daran arbeiten. Du sollst auf jeden fall wissen, dass du mich jederzeit anrufen kannst."
Carol lächelte. „Danke. Das gilt auch für dich."
„Mum?" Wir hatten ihn nicht kommen gehört.
Carol blickte von Matt zu mir. „Ich werde Carmen und Juan holen."
Als sie gegangen war, näherte sich Matt zögernd. „Ich wollte mich nur verabschieden. Ich muss morgen wieder arbeiten."
Ich nickte leicht. „Matt?" Ich seufzte leise. „Es tut mir leid. Das wollte ich dir nochmals sagen. Ich hätte ehrlich zu dir sein müssen."
Er wich meinem Blick aus.
„Vielleicht kommst du einmal für ein Wochenende vorbei. Ich würde gerne nochmals mit dir über alles sprechen."
Er nickte leicht. „Okay."
Ich umarmte ihn. „Ich hab dich lieb."
„Ich dich auch." Er löste sich aus meinen Armen und schenkte mir ein kurzes Lächeln.
„Fahr vorsichtig, okay?"
Er nickte und warf dem Haus noch einen letzten Blick zu, bevor er zu seinem Auto ging.

„Nun sind sie alle weg..." Luke betrachtete seine Schuhspitzen Stirn runzelnd. Er hatte seine Hände in den Taschen des weiten Mantels vergraben.
„Wir sehen sie ja schon bald wieder." Ich mühte mich um ein Lächeln.
„Deine Rede...sie war wundervoll..." Er drückte meine Hand.
Ich seufzte leise. „Ich hatte so viel vorbereitet. Wollte eine ihr würdige Grabesrede halten. Ich brachte aber kein Wort heraus. Alle Worte, sie waren wie verschwunden..."
„Deine Worte kamen von Herzen, Rory. Sie waren wertvoller, als es jede Rede hätte sein können. Deine Mutter hat sich darüber gefreut, dass weiß ich. Ich konnte ihre Anwesenheit spüren."
Ich lächelte leicht. „Ich auch."
Luke wich meinem Blick aus. „Hör mal, Rory. Du musst nicht wegen mir bleiben. Ich komme zurecht. Fahre nachhause, wenn du das möchtest."
„Luke..."
Er blickte mich Stirn runzelnd an.
Meine Augen glitten über das Haus meiner Vergangenheit und den Mann, welcher mir immer ein Vater gewesen war. „Ich bin zuhause."

Epilog

Es roch nach Schnee, Mum. Ich erwachte heute um zwei Uhr morgens mit diesem kribbeligen Gefühl im Bauch. Als ich die Fenster öffnete und der sanfte Wind in meine Nase drang, wusste ich es. Ich wollte Carmen nicht wecken, schließlich hatten wir lange ferngesehen. Aber sie hörte, als ich den Schlüssel in das Schloss steckte. Wir gingen wieder zu unserem beleuchteten Pavillon und tatsächlich begann es in jenem Moment zu schneien, als wir ihn erreichten. Carmen sprach von einem Wunder - wie du weißt, glaubt ihre andere Großmutter, Susana, an diese - ich wusste jedoch, dass sich deine Gene endlich auch bezüglich der Fähigkeit Schnee zu riechen bemerkbar gemacht hatten. Nach unserem Spaziergang machte ich uns Kaffee und wir begannen den Baum zu schmücken. Das klingt für dich sicherlich sehr amüsant - genau wie für Carol - aber wir waren einfach zu aufgekratzt um nochmals schlafen zu gehen. Apropos Carol. Es freut dich sicherlich zu hören, dass auch die kleine Corinne endlich ihre Liebe zu den OOmpa Loompas entdeckt hat. Ich überlege ihr und Lorelai eine Willy Wonka DVD Sammelbox zu ihren dritten Geburtstag im Frühjahr zu schenken. Da Carmen nur drei Wochen später ihren sechzehnten Geburtstag feiert, wird die gesamte Familie sechs Wochen in Puerto Rico bleiben. Ich werde wieder Susanas komfortables Gästezimmer beziehen. Bei ihr zu wohnen macht es leichter, wenn wir beide einfach einmal unsere Ruhe brauchen und in San Juans gigantische Nationalbibliothek abtauchen möchten. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Susana und ich nicht nur Verbündete sondern auch noch Freundinnen werden würden?
Das nächste Fest in Puerto Rico wird doch schon Mitte Juni stattfinden, weshalb ich überlege, ob es nicht billiger wäre, das gesamte kommende Jahr bei Carols Schwiegermutter zu wohnen. Jenny hat sich nun endgültig auf diesen Termin festgelegt, welcher diesmal wohl bestehen bleiben wird. Nach einigen Diskussionen konnte sie Alejandro schließlich davon überzeugen, nach Kalifornien zu gehen. Er hat sich bereits für das Sommersemester in Stanford eingeschrieben. Derzeit haben wir viel Stress bei der Suche nach einer geeigneten Wohnung für die beiden in San Francisco. Obwohl ihrer beider Heimat nun Kalifornien ist, sind sie sich von Beginn an darüber einig gewesen, dass sie nur in San Juan heiraten könnten. Schließlich lernten sie sich dort kennen, kamen dort zusammen, trennten sich dort und kamen schließlich vor zwei Jahren wieder zusammen.
Ich weiß noch immer nicht, was ich von diesen Plänen halten soll. Meinen letzten kritischen Verbündeten habe ich aufgrund Carmens neuer Beziehung verloren. Kaum hatte sich Ramón an Eddy gewöhnt, traf Carmen Raúl und beendete die erste Beziehung ihres Lebens, die für ihr junges Alter sehr lange gehalten hatte.
Für ihren Vater verlor die Verbindung seines jüngsten Bruders mit seiner Schwägerin von Bedeutung, als er bemerkte, dass ihn der neue Freund seiner Tochter viel zu sehr an ihn selbst in jungen Jahren erinnerte. Momentan scheine ich die einzige zu sein, welche noch daran zweifelt, dass der richtige Zeitpunkt für Jennys und Alejandros Hochzeit schon gekommen ist.
Matt hat wahrscheinlich Recht. So lange die beiden glücklich sind, kann es nicht falsch sein. Lena und er haben sich übrigens nach einem kurzen zweiten Versuch endgültig getrennt. Er sieht aber seine kleine Tochter weiterhin regelmäßig. Sophie ist ein unglaublich süßes Mädchen. Sie liebt es, wenn ich mit ihr große Sandburgen am Strand baue. Manchmal treffe ich mich auch nur mit ihr und Lena, welche einen neuen Freund hat.
Rick ist ein sehr netter Mann und versteht sich nach ein paar Monate der Eifersucht nun auch mit Matt deutlich besser. Freunde werden sie wohl nie werden, aber das ist auch nicht wichtig.
Dieser Meinung ist auch Jess. Wir sehen uns noch immer ungefähr jede zweite Woche um Kaffee zu trinken und zu reden. Im Sommer lernte ich seine Kinder und seine Exfrau Liza kennen. Wunderbare Menschen, wir verbrachten einen lustigen Nachmittag miteinander. Ich bin glücklich, in Jess so einen guten Freund gefunden zu haben.
Seine Anwesenheit und Unterstützung half mir sehr über den Schock über Lukes plötzlichen Tod letztes Jahr. Er schlief eines Abends ganz ruhig vor dem Fernseher ein und wachte nicht mehr auf. Ich hatte ihm gerade einen Tee gemacht. Es war eine sehr schwere Zeit danach. Auch wenn ich wusste, dass er nun endlich wieder bei dir war.
Ich bereute meinen Entschluss, meine Wohnung und den Job in Seattle aufzugeben, niemals. So konnte ich die letzten Jahre zumindest für Luke da sein, welchem sein Alter auch zunehmend zu schaffen gemacht hatte.
Auch wenn Stars Hollow nicht mehr dasselbe ist und jemals sein kann, ohne euch, ich bin glücklich wieder zuhause zu sein. Endlich angekommen zu sein.
Meine Arbeitsstelle bei dem Hartford Examiner - von welcher Luke mir damals geraten hatte, sie anzunehmen - macht mir viel Freude. Ich habe in den letzten Jahren einige neue Freundschaften geschlossen.
Mein Leben ist nicht das, was ich mir einst erträumte, aber es ist das Beste, was ich nun leben kann. Ich habe gelernt, bescheiden zu sein. Die kleinen Dinge zu schätzen. Nicht immer nur zu verlangen. Vielleicht habe ich endlich gelernt zu leben.
Ich sehe meine Familie nun so regelmäßig wie möglich. Wir telefonieren zumindest zweimal die Woche. Zweimal im Jahr fliege ich nach Puerto Rico. Carol und ich nehmen uns dann zumindest drei Tage, welche nur uns beiden gehören.
Das Leben ist nicht perfekt. Auch weiterhin suche ich gelegentlich Dr. Winter auf. Aber es geht mir besser. Ich habe wieder Mut. Mut zu leben.
Ich liebe dich, Mum. Ich hoffe, es geht dir gut. Wo auch immer du sein magst. Ich bin bei dir, in meinen Gedanken.
Carmen wartet auf mich, sie möchte Kekse backen. Ja, du hast richtig gehört. Wir backen Kekse. Währenddessen werde ich ihr von früher erzählen. Und von ihren wunderbaren Urgroßeltern, welche sie leider viel zu wenig kannte.

„Grandma?" Die Stimme meiner ältesten Enkeltochter klingt ganz schüchtern, ungewöhnlich für das fünfzehnjährige Mädchen, welches sonst so schlagfertig ist.
„Ja, mein Engel?"
Sie reicht mir einen Stoß Zetteln. „Ich wollte dir das hier geben. Damit es auch Uroma sieht."
Ich runzle die Stirn und ergreife das Papier. „Carmen..." Entfährt es mir.
Sie lächelt. „Es sind erst zehn Kapiteln. Ich war nicht mehr sicher, wie es genau weiter ging..."
Ich lese die ersten Zeilen des neuen Kapitels nochmals. Meine Urgroßmutter Lorelai Victoria Gilmore sagte einst, dass ihr alle guten Dinge während Schneefalls widerfuhren. Auch an jenem Montag, Anfang Oktober des Jahres 1984, tobte ein wilder Schneesturm, als sie mit Wehen in den Kreissaal gebracht wurde.
„Ich weiß, schreibtechnisch gilt es einiges zu verbessern, aber..."
„Die Familiengeschichte..." Es verschlägt mir die Sprache.
„Das wollte Urgroßmutter doch."
Ich nicke lächelnd und umarme sie. „Lass uns Kaffee trinken und Kekse backen gehen. Währenddessen erzähle ich dir alles, was du wissen möchtest."

Wir unterhalten uns über meine Jahre in Stars Hollow, während wir den Friedhof verlassen und durch die weiße Schneelandschaft spazieren. Die besten Jahre meines Lebens.
Als wir das Haus erreichen, beginnt es erneut zu schneien. Wir sehen zum Himmel empor und beobachten lächelnd die Schneeflocken, welche vom Wind getragen werden.