Kapitel 5: Was damals wirklich geschah

„Aber es ist dein Kind!", versuchte Narzissa gut auf sie einzureden.

„Es ist aber ein Mädchen", antwortete Bellatrix kalt, als ob das schon Rechtfertigung genug wäre, ein Kind einfach herzugeben, weil es ein Mädchen war. „Ich will es nicht! Und jetzt schaff mir dieses Etwas aus den Augen!"

Narzissa tat wie ihr geheißen. Bellatrix hatte ihren Kopf komplett von ihr abgewandt, um ja nicht einen Blick, auf das von ihr bezeichnete wertlose Geschöpf zu werfen.

Sie verstand nicht was ihre Schwester hatte. Das Kind war reinblütig und hatte alles wofür sie sich einsetzten und jetzt sollte es nichts wert sein? Nur weil es ein Mädchen war? Aber ihre Entscheidung war es nicht, also tat sie das, was ihr in diesem Moment für die beste Entscheidung hielt.

„Accio Pergament und Feder!", rief sie und legte das Kind auf den Boden. Sie nahm die beiden Dinge, die sie gerufen hatte und schrieb einen Brief. Es fiel ihr auch nicht leicht, doch sie musste alles hineinschreiben, selbst wenn es ihr unangenehm war, um sicher zu gehen, dass das Kind genau dort blieb, wo sie wollte dass es hinkam.

Dann rollte sie das Pergament zusammen und schloss es mit dem Siegel, dass sie auf ihrem Ehering befand. Einen kurzen Moment blickte sie noch auf das strampelnde Bündel, dann auf den Brief. Langsam ließ sie ihre Augen durch den Raum wandern, in dem sie sich befand.

Sie fasste ihre Entscheidung, erhob sich, nahm das Kind und verließ hastig das Haus, genau darauf bedacht von niemandem gesehen zu werden.

Mit einem unbehaglichen Gefühl betrat sie die Straße. Sie hatte eine Welt betreten, die sie immer verabscheut hatte. Die Welt, die ihre Eltern sie gelehrt hatten zu hassen. Doch wie konnte Andromeda, die dieselbe Erziehung wie sie hatte, hier leben? Mit einem Muggel? Was war nur mit ihr geschehen, dass sie die Familienehre zerstörte? Aber weshalb war Narzissa dann mit diesem Kind hier? Wieso wollte sie dieses Kind, reinen Blutes, zu einer Blutsverräterin bringen?

Weil sie wusste, dass Andromeda dieses Kind gut behandeln würde: Weil sie ein gutes Herz hatte. Doch dieses Kind würde ebenfalls verdorben sein – Muggel liebend! Aber wenn Narzissa verhindern wollte, dass dieses Kind getötet würde, dann war es einfach die einzige Möglichkeit.

Sie atmete noch einmal tief durch, bevor sie den Vorgarten betrat. Narzissa zitterte am ganzen Körper, aber sie redete sich ein, dass es einfach nur eine kalte Nacht war, was es auch war, doch sie versuchte zu verdrängen, dass sie Angst hatte. Angst davor einen Fehler gemacht zu haben. Angst, in dieser Gegend gesehen zu werden.

Dann legte sei das kleine Bündel vorsichtig auf den Boden, den Brief daneben.

Schließlich tat sie etwas, was niemand ihr zugetraut hätte. Sie beugte sich vor, um die Stirn des Kindes zu berühren. „Pass gut auf dich auf!", sagte sie noch, ehe sie sich umwandte und in der Dunkelheit der Nacht verschwand.

Am nächsten Morgen, als Andromeda die Post holen wollte, erschrak sie, als sie etwas auf ihrer Türschwelle liegen sah.

„Ted!", rief sie zurück ins Haus.

„Ja?", kam es aus dem Wohnzimmer. Als er zu ihr trat konnte er sehen, weshalb sie so durcheinander war. „Wessen Kind ist das?"

„Keine Ahnung", antwortete Andromeda. „Aber da liegt ein Brief dabei! Holen wir das Kind herein, sonst erfriert es draußen noch."

Andromeda beugte sich um das Kind aufzuheben und erschrak erneut, als sie das Siegel sah.

„Was ist?", fragte Ted, der sich besorgt zu ihr gebeugt hatte.

„Dieses Siegel gehört der Familie … Malfoy", meinte sie.

„Hat das etwas zu bedeuten?", fragte er.

„Du kannst dir gar nicht vorstellen, was genau das bedeutet."

„Ließ erst einmal was darin geschrieben steht", schlug Ted vor.

„Dann liege ich mit einer Vergiftung im Krankenhaus. Ich kenne diese Art von Familie … ähm … ich bin selbst in so einer aufgewachsen."

„Aber wieso ist dann ein kleines Baby dabei?"

Sie sah ihn verwirrt an. „Neue Methode?!"

Ungläubig sah er seine Frau an. „Du glaubst das doch selbst nicht, oder?"

„Nein", gab sie ehrlich zu.

Aber sie ließ dich dazu überreden, das Kind ins Haus zu holen und den Brief zu lesen. Dieser Inhalt zeigte ihr etwas, was sie nie für wahr gehalten hätte, aber es stand hier schwarz auf weiß. So ungläubig es auch klingen mochte!

Liebe Andromeda!

Ich weiß, dass du dich fragen wirst, was das alles zu bedeuten hat. Es heißt aber auch, dass du den Brief gerade liest, wenn du das hier liest.

Lange ist es her, als wir das letzte Mal irgendeinen Kontakt zueinander hatten und du fragst dich sicher, und das berechtigt, was mich gerade jetzt dazu bringt dich aufzusuchen! Wo ich doch glücklich bin Mutter und Vater Ehre gebracht zu haben. Ja ich weiß was du sagen würdest. Nichts desto trotz, obwohl du eine Blutsverräterin bist, bist du noch meine Schwester und Blut ist stark. Du wirst nie abstreiten können aus welcher Familie du ursprünglich stammst, auch wenn du es gerne tun würdest! Ich kann dich in deiner Entscheidung einfach nicht verstehen, doch ich muss es wohl krampfhaft versuchen.

Es ist auch für mich nicht leicht dir diese Zeilen zu schreiben Erst recht nicht, um was ich dich noch bitten möchte und was ich dir erzählen werde.

Dieses Kind, welches sich jetzt in deiner Nähe befindet, ist die Tochter von Bellatrix und Rodolphus. Du wirst sicher denken, dass die Beiden sich glücklich schätzen können, dass sie ein Kind haben. Leider vergisst du den Punkt, dass sie ein Mädchen ist und kein Junge!

Du selbst wirst noch allzu gut wissen, wie unsre Eltern reagiert haben, als sie erfahren haben, dass wir Mädchen werden. Vor allem Bellatrix hatte es nicht leicht, da bei ihr ein Junge prognostiziert wurde und sie keiner wurde.

Rodolphus hat abwertend auf das Kind reagiert und es nicht einmal beachtet. Nur angesehen, als sei es Abfall, was ein Mädchen in seinen Augen auch ist, wenn es das erstgeborene Kind ist. Wäre das erstgeborene von ihnen ein Junge gewesen, hätten sie mit dem zweiten Kind, wenn es ein Mädchen geworden wäre, keine Probleme. Denn ihr Sohn könnte das Erbe übernehmen, aber eine Tochter ist dazu nicht in der Lage!

Selbst Bellatrix wollte das Kind nicht einmal. Zuerst wollte sie es, doch als sie erfahren hat, dass es eine Tochter ist, hat sie es keines Blickes mehr gewürdigt und mich gebeten dieses ‚Ding aus ihren Augen zu entfernen' – Sie wolle es nicht mehr sehen.

Hätte ich das Kind bei ihnen gelassen, hätte es keinen Sinn gehabt, denn niemand hätte sich um es gekümmert. Beide wollten es loswerden!

Nicht einmal mein gutes Zureden hat viel geholfen! Glaub mir, ich habe alles versucht, damit sie das Kind behielten oder zu jemand anderem geben, doch Bellatrix hat mir befohlen dieses Kind los zu werden!

Die einzige Person die mir noch eingefallen wäre, die das Kind nicht sofort umbringen würden, warst du, Andromeda! Ja, ich habe an dich gedacht, um das Kind von deiner Schwester aufzuziehen!

Auch wirst du dich wohl fragen, weshalb Lucius und ich die Kleine nicht übernommen haben, aber Lucius würde kein Mädchen akzeptieren. Er will einen Erben für sein Erbe. Jemanden, der sein Familiennamen weiterführt. Ein Mädchen wäre eine Schande für ihn und nichts wert. Du siehst, wie verzweifelt ich schon war dich zu bitten?

Du bist immer noch eine Black! Ich bitte dich in diesem Sinne, in diesem Namen, in der Hoffnung, dass du das Wort Familie im Zusammenhang mit uns noch kennst, dieses Kind als deine eigene Tochter anzunehmen. Sie zu erziehen!

Ich bin mir bewusst, dass du sie nicht als Reinblut erziehen wirst, doch dieses Risiko muss ich leider eingehen, so schwer es mir auch fehlt. Mir liegt an dem Kind etwas. Es ist ein Reinblut und sollte nicht, weil es ein Mädchen ist getötet werden.

Noch nie habe ich dich um etwas gebeten, aber bitte nimm diese Bitte an!

In Hoffnung, dass du dieses Kind annimmst

Deine Schwester

Narzissa Malfoy ehemals Black

„Sie scheint es ernst zu meinen"; meinte Ted.

Andromeda sah immer noch ungläubig auf das Papier vor ihr. Sie konnte einfach nicht glauben, dass Narzissa so etwas schreiben konnte und akzeptierte, dass ihre Nichte, die Tochter ihrer Schwester aus der Reinblutehe, mit Muggeln aufwachsen würde.

„Behalten wir es", sagte Ted.

„Wa-was?", fragte Andromeda und schreckte aus ihren Gedanken hoch.

„Behalten wir das Kind", meinte er und begann die Kleine zu kitzeln. Sie hatte ein so schönes Lachen. Kaum zu glauben, dass sie die Tochter von einer ihrer Schwestern war. „Also?"

„In Ordnung", sagte Andromeda. „Ein Name stand nicht dabei!"

„Dann geben wir ihr halt einen Namen!", meinte Ted, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt.