Kapitel 10: Vor Gericht

Die Sitzreihen ragten bis knapp unter die Decke, doch der große Raum wirkte dadurch beinahe gespenstisch, da bis auf die Bänke vor ihnen niemand in diesem Raum war.

Zwei längere Tische waren je rechts und links aufgestellt. Links saßen Ted und Andromeda. Auf der rechten Seite saßen Rodolphus und Bellatrix, die sich bereits siegessicher sahen. Hochnäsig und herablassend blickten sie zu den Tonks' hinüber.

„Dann eröffne ich die Verhandlung", begann Crouch und sah zu beiden Parteien. „Es geht um ein Kind, welches die Tochter von Ted und Andromeda Tonks ist, aber Bellatrix und Rodolphus Lestrange behaupten, dass es ihre Tochter sei. Wir sind heute hier zusammen gekommen, um die Frage zu klären: Wer sind die wahren Eltern von Nymphadora?"

„Was soll das Ganze hier eigentlich?", regte sich Bellatrix auf. „Sie können gerne einen Bluttest machen und feststellen, dass wir ihre Eltern sind. Durch die Verhandlung führen: Bartemius Crouch, Arabella Fink, Abteilungsleiterin für magische Angelegenheiten und der Gerichtsprotokollführer Franklin Stones."

„Ich habe Sie noch nicht gefragt, Mrs. Lestrange."

Sie schnaubte wütend auf, verkniff sich aber ein Kommentar.

„Sie werden wohl verstehen, dass das Erbe meiner Mandaten ebenfalls auf dem Spiel steht", meinte der Anwalt. „Sie haben ihre Tochter geliebt und eines Tages war sie plötzlich verschwunden. Überall haben Sie nach ihr gesucht doch nicht gefunden und als sie eines Tages durch die Straßen gingen, sahen sie die Familie Tonks', mit einem kleinen Mädchen, was sofort die mütterlichen Gefühle von Mrs. Lestrange ausgelöst hat. Eine Mutter erkennt ihr Kind unter tausenden wieder."

„Aber wieso hat sich die Familie Lestrange nicht beim Ministerium Hilfe für das vermisste Kind geholt?", fragte Crouch.

„Das Ministerium hätte sie sofort als schlechte Eltern abgestempelt, weil das Kind verschwunden ist."

„Also war ihnen ihr Ruf wichtiger, als das Leben ihres Kindes?", fragte Crouch kalt.

„Natürlich nicht", antwortete der Anwalt, als wäre es selbstverständlich.

Crouch und auch viele andere warfen ihm ungläubige Blicke zu. „Sagten Sie nicht, dass den Lestranges die Tochter sehr am Herzen lag und sie alles für sie tun würden, Mr. Clark?"

„Das sagte ich", bestätigte dieser. Sein Gesicht glich mehr einer Mauer, als einem menschlichen Gesicht. Die Nase war platt gedrückt, die Augen eingefallen, aber dennoch gefährlich. Das restliche Gesicht war vernarbt und zerfurcht.

„Weil sie aber nicht als schlechte Eltern gelten wollten, haben sie keine Vermisstenanzeige gemacht und nach vier Jahren fällt ihnen plötzlich ein, dass sie auch noch eine Tochter hatten? Die sie plötzlich auf der Straße wieder erkannten? Wieso jetzt? Wieso haben sie es nicht früher getan, um dem Kind beim Aufwachsen zusehen zu können?", fragte Crouch.

Clark schienen im Moment die Worte zu fehlen. Er wiegte genau ab, was er sagen konnte und was nicht. „Haben Sie Kinder?"

„Ja, ich habe einen Sohn und meine Frau würde verrückt werden vor Sorge, wenn sie nach Hause kommt oder aufwacht und unser Kind wäre plötzlich nicht mehr da. Sie würde alles Mögliche unternehmen, um das Kind so bald als möglich wieder zu sich zu holen."

„Haben Sie auch gewusst, dass Mr. und Mrs. Tonks unbedingt Kinder wollten? Selbst aber keine bekommen können? Ist das nicht ein Zufall?" Er hielt inne. „Was ich bei meinen Forschungen herausgefunden und aus den Aussagen der Lestranges und guter Freunde der Tonks' gehört habe, ist mir klar geworden, dass die Beiden zu allem fähig wären, nur um an ein Kind zu gelange, sogar andere Menschen zu bedrohen und ihnen ihr Kind wegzunehmen."

„Also wollen Sie darauf hinaus, Clark, dass die Tonks' die Lestranges bedroht und mit irgendetwas erpresst haben, um deren Tochter zu bekommen?", fasste Crouch zusammen.

„Das ist korrekt", bestätigte Clark.

„Aber wir haben einen Brief, der alles erklärte", warf Ted ein und hielt ein Schreiben in der Hand. „Eines Morgens, lag ein kleines Bündel vor unserer Tür und wir haben es aufgenommen. In dem Brief stand, was genau geschehen war und weshalb das Kind ausgerechnet zu uns gebracht worden war."

Kingston, der Anwalt der Tonks', wirkte eher ruhig und harmlos. „Glauben Sie wirklich, Euer Gnaden, dass sich Menschen wie Ted und Andromeda Tonks so eine Geschichte ausdenken können?"

Clark lachte bitter. „Habe ich es Ihnen nicht gerade gesagt? Die Tonks' sind zu allem fähig, sogar dazu dreist vor dem Gericht zu lügen und gefälschte Indizien zu präsentieren."

„Es gibt keinen Grund etwas zu fälschen, denn das was meine Mandaten haben, ist alles ein Original", fügte Kingston hinzu.

„Natürlich", antwortete Clark sarkastisch.

„Mein Leben hängt von dieser Entscheidung ab", begann Bellatrix und klang überzeugend. „Ich bin die Mutter dieses Kindes und habe ein Recht dazu es wieder zu bekommen. Mein Leben hängt von dieser Entscheidung ab. Wenn ich es nicht bekomme, dann werde ich sterben."

„So drastisch würde ich es nun auch nicht sehen, Mrs. Lestrange", sagte Mrs. Fink beschwichtigend.

„Sie wissen nicht wie meine Lage ist", redete sie weiter. Irgendetwas spiegelte sich in Bellatrix' Augen wieder, aber Andromeda konnte nicht sagen was es war. War es Furcht? Angst? Sorge? Gier?

„Bringen Sie das Kind herein", orderte Crouch an. „Da anscheinend jeder von ihnen behauptet, die Eltern dieses Kindes zu sein, gibt es nur eine Möglichkeit die Echtheit der Eltern zu prüfen." Er schwang seinen Zauberstab und ein Kreis erschien auf dem Boden. „Stellt das Kind in den Kreis und die beiden Mütter stellen sich je links und rechts daneben."

Jeder tat wie ihm geheißen, nur Nymphadora wirkte ein wenig unschlüssig. Sie verstand nicht was hier gerade geschah und wer all diese fremden Menschen waren, die sie plötzlich alle beobachteten.

„Mrs. Tonks! Mrs. Lestrange! Nehmen sie jetzt jede eine Hand des Kindes", forderte Crouch auf. Die Gerichtsbeisitzenden blickten Crouch fragend an, denn keiner von ihnen schien auch nur eine Idee zu haben, worauf er hinaus wollte. „Nehmen Sie eine Hand des Kindes."

Bellatrix griff sofort nach der Hand des Kindes und zögernd griff auch Andromeda nach der Hand von Nymphadora.

„Die Frau, die das Kind aus dem Kreis ziehen kann, ist die wahre Mutter."

Schockiert über diese Aussage, ließ Andromeda die Hand des Kindes los und Bellatrix konnte ohne Probleme die Kleine zu sich ziehen.

„Sehen Sie? Blut ist dicker als Wasser", sagte Clark.

„Wieso haben Sie die Hand des Kindes los gelassen?", fragte Crouch Andromeda.

„Habe ich gar nicht bemerkt", antwortete sie, aber Crouch sah ihr an, dass sie log. „Also noch einmal. Stellen Sie das Kind in die Mitte des Kreises und nehmen je eine Hand."

Andromeda zitterte am ganzen Körper. Sie konnte einfach nicht mit ansehen, wie diese Aktion die Kleine verletzen konnte. Als Andromeda nur den kleinsten Widerstand spürte, ließ sie den Arm des kleinen Mädchens sofort wieder los.

„Wieso haben Sie sie dieses Mal los gelassen?", fragte Crouch.

Andromeda sah nur noch die Umrisse der Personen. In ihren Augen standen die Tränen und vereinzelt rannen sie ihr die Wange hinunter. „Ich kann doch nicht zulassen, dass Nymphadora verletzt wird. Sie ist doch noch so klein und bevor sie durch diese ‚Kreisentscheidung' verletzt wird … ich kann es doch einfach nicht zulassen." Ihre Stimme versagte und Ted kam sofort auf sie zu und nahm sie in den Arm.

„Dann ist die wahre Mutter und somit die wahren Eltern, wohl gefunden", meinte Crouch.

Die Lestranges strahlten.

„Ted und Andromeda Tonks sind die wahren Eltern von Nymphadora", sagte Crouch.

„Was?"

„Was?"

„Was?"

Die Lestranges und deren Anwalt sahen böse zu Crouch hinauf.

„Nur jene Frau, deren Gefühle, Seele und Herz an dem Kind hängen, konnte die wahre Muter sein. Sie würde nie zulassen können, dass dem Kind etwas zustößt und schon gar keine Gewalt. Sie, Mrs. Lestrange, waren bereit Gewalt anzuwenden und Mrs. Tonks hätte das Kind eher aufgegeben, als das es weitern Schaden erleidet. So eine Geste zeichnet eine wahre Mutter aus und deshalb war diese Entscheidung auch nicht schwer zu treffen." Crouch blickte zu einem Gerichtsdiener. „Bringen Sie das Kind zu seinen rechtmäßigen Eltern."

Dieser tat wie ihm geheißen und immer noch weinend schloss Andromeda Nymphadora fest in die Arme.

„Was diese Entscheidung noch mit sich bringt", unterbrach Crouch. „ist, dass niemand weiß, wer die wirklichen, die leiblichen Eltern dieses Kindes sind. Es scheint in keinen Akten auf, nur, dass eine Verhandlung stattgefunden hat. Weiteres werden Ted und Andromeda Tonks als leibliche Eltern angesehen und nur Sie beide werden die Wahrheit wissen. Ob Sie sie jemandem erzählen wollen, bleibt Ihnen überlassen, aber außer Ihnen, weiß sonst niemand darüber.

Bellatrix und Rodolphus Lestrange werden nur noch wissen, dass sie ein Kind hatten und es an unbekannten Gründe verstorben ist."

So glücklich hatte sich Andromeda noch nie gefühlt. Sie hatte ihr kleines Mädchen wieder, sie hatte Nymphadora wieder. Sie gehörte nun endgültig und vom Gesetz rechtlich zu ihr. Ted, Nymphadora und sie, waren eine richtige Familie! Eine Familie, die sie nie hatte!