Und es gehört immer noch nichts mir, noch verdiene ich Geld damit, meine Tastatur zu Bruch zu hämmern.
Begegnungen der mindestens dritten Art
Ray hatte sich gerade ein Glas Sekt und ein paar Leckereien vom Buffet geholt, als draußen ein lauter Schrei die leisen Gespräche drinnen unterbrach. In die völlige Stille hinein brach ein weiterer schriller Schrei, der sich verdächtig nach „Ich will ein Kind von dir!" anhörte, gefolgt von einem lauten ‚Plumps'. Heraus entwickelte sich ein anhaltendes Kreischen aus unzähligen Mädchenmündern, das in Verbindung mit einem bereits durch die abgedunkelten Fenster erkennbaren Blitzlichtgewitter die absolute Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf die Tür lenkte.
Quälend langsam öffneten sich die schweren Holzflügel, und erst jetzt konnte Ray den faktischen Geräuschepegel in seiner vollen Lautstärke genießen. „Ein Metal-Konzert ist nichts dagegen, hörte er jemanden neben ihm sagen – und musste dieser Person Recht geben. Selbst diverse Boygroups auf einmal wären nicht in der Lage gewesen, ein derartiges Gekreisch auszulösen.
Mit langsamen, beherrschten Schritten und lässig die linke Hand in die Anzugtasche gesteckt, trat Kai Hiwatari, Erbe der Hiwatari Corp. in den Saal. In seiner schwarzen Sonnenbrille spiegelte sich das matte Licht der Kerzen und Kristalllüster und viele staunende Gesichter, die ihm keinen Hauch eines Lächelns zu entlocken imstande waren.
Ein leises Flüstern kam unter den Anwesenden auf, hauptsächlich bewundernde Kommentare über den neu Angekommenen wurden ausgetauscht und Ray musste den meisten von ihnen zustimmen. In der vergangenen Zeit war Kai um einiges gewachsen, er maß jetzt bestimmt 1,85m und war somit gut 10 Zentimeter größer als Ray selbst. Der locker sitzende, dunkelrote Anzug mit dem schwarzen Hemd darunter stand dem Russen äußerst gut und auch dass er sich endlich von seiner himmelblauen Kriegsbemalung getrennt hatte, tat der Sache keinen Abbruch. Doch warum in aller Welt trug er in diesem Dämmerlicht eine Sonnenbrille?
Ray beschloss, Kai sofort danach zu fragen, wenn dieser mit ihm zu sprechen gewillt war. Denn noch immer umgab ein Kreis aus Eis den jungen Russen und verbat jedem, der nicht entweder ein ähnlich dickes Fell wie Takao oder ein Journalist war, ihm zu nahe zu treten. „Was…?" Täuschte er sich oder hatte er tatsächlich gerade gesehen, wie sich einer der Kellner beim Anbieten eines Cocktails ansatzweise vor Kai verbeugte???
Wie in aller Welt sollte er denn mit diesem Eisklotz reden können? Ray seufzte resigniert auf – höchstwahrscheinlich gar nicht, was er sehe bedauerte. Schließlich hatte er während ihrer Zeit als Bladebreakers gedacht, sie wären so etwas wie Freunde, egal, wie unterkühlt Kai sich gab. Doch das war nicht gegen den Eispanzer, den er sich in der Zwischenzeit angeeignet hatte – was war los? Was hatte den vor Selbstbewusstsein nur so strotzenden Kai dazu gebracht, sich noch mehr zu verändern? Und, wenn man genau hinsah, nicht nur zu seinem Besseren. Sein Gang, früher mit einem gewissen Elan, einer federnden Leichtigkeit der Schritte, erinnerte nun an das müde Schlurfen eines alten Mannes, der die Füße nicht mehr heben mag aus Angst, der Boden könnte unter ihm zusammenbrechen.
Langsam bahnte sich Kai seinen Weg zur Bar und bestellte erst einmal einen Martini – gerührt, nicht geschüttelt -, bevor er einen kaum hörbaren Seufzer ausstieß und seinen Kopf mit der Hand auf der Theke abstützte und scheinbar ins Leere starrte. Ray, der bisher unbemerkt neben ihm saß, betrachtete dieses Elendsschauspiel mit Interesse und Besorgnis, bis er mit typisch aggressivem Ton angeschnarrt wurde: „Was guckst du so? Willst du was?"
Noch immer hatte Kai weder seine Sonnenbrille abgezogen noch einen Blick neben sich geworfen, doch sein Gespür hatte ihm anscheinend verraten, dass jemand an seiner Seite saß und ihn beobachtete. Ray, erschreckt von diesem unfreundlichen Ton und der Kais Dreistigkeit, vor internationaler Presse so mit einem ihm Unbekannten – da nicht Gesehenen – zu sprachen, antwortete nur leise: „Ich will wissen, was mit dir los ist, das ist alles. Ich weiß nicht, ob du dich noch an mich erinnerst, aber…" weiter kam er nicht, denn Kai hatte ihn bereits unterbrochen: „Ray? Du hier? Ich wusste nicht, dass du eingeladen warst. Entschuldige, dass ich dich so angefahren habe, es war nicht meine Absicht, dich zu verletzen."
Es – war – nicht – seine – Absicht? Seit wann entschuldigte sich ein Hiwatari für etwas, was er gesagt hatte? Nun war Ray sich erst recht sicher, dass mit Kai etwas nicht stimmte. Und zwar ganz gewaltig. Doch noch bevor er seine Frage wiederholen konnte, hatte der Russe seinen Martini erhalten, heruntergestürzt und einen neuen bestellt.
Es schien eindeutig, dass er nicht reden wollte. Noch nicht?
So, das war's für heute, es scheint, als würde diese FF tatsächlich mal den Weg gehen, den sie gehen soll. Ich bitte wie immer um Feedback und gute Ratschläge
