Zweiter Teil: Hogwarts

1.

Draco benahm sich äußerst seltsam. Und das war schon extrem vorsichtig formuliert. Seine dunklen Gewänder verhüllten ihn fast vollständig, so dass man nur noch wenige Quadratzentimeter seines Gesichtes sah, ständig trug er ein Tuch, das fest um seinen Hals gewickelt war. Er ging tagsüber kaum noch nach draußen, die Pausen verbrachte er meist im Gemeinschaftsraum der Slytherins. Und er schien an Schlaflosigkeit zu leiden, nachts schlich er durch die Burg oder auch über den Hof, ängstlich bemüht, den Lehrern; Mr. Filch, dem Hausmeister und dessen neugieriger Katze, Mrs. Norris, aus dem Weg zu gehen. Snape hätte sich gerne mit seinem Schüler unterhalten, aber Draco vermied es, mit seinem Lehrer auch nur für einige Sekunden alleine zu sein.

Dann fand Hagrid tote Tiere, kleine Nager vor allem, aber auch einige seiner Bowtruckles, seiner Niffler und seiner Flobberwürmer, die er mit Liebe hegte. Er konnte sich so recht keinen Reim auf das ganze machen, außer zwei kleinen punktförmigen Einstichen an der Kehle gab es keine sichtbaren Verletzungen und eigentlich waren alle Tiere gesund gewesen. Woran waren sie nur gestorben? Welches Insekt hinterließ solche Bissspuren? Hagrid erwog, mit Dumbledore zu sprechen, zögerte aber, einen so wichtigen und vielbeschäftigten Mann damit zu behelligen. Vielleicht gab es ja eine ganz natürliche Ursache für den Tod der Tiere. Er musste sie nur finden.

Hagrid wäre wohl nie zu seinem Vorgesetzten gegangen, hätte nicht eines Abends Magorian, der Zentaur, an die Tür seiner Hütte geklopft. Hagrid starrte seinen Besucher an, sprachlos vor Überraschung. Die Zentauren mieden die Gesellschaft der Zauberer, zu tief war ihr Misstrauen, zu groß war ihr Hass. Für die meisten Zauberer waren Zentauren „Kreaturen" ohne Intelligenz oder nennenswerte Fähigkeiten, aber Hagrid wusste es besser. Er lebt schon lange genug mit ihnen, um sie zu kennen und zu achten. Trotzdem – die Zentauren hatten nie zu verstehen gegeben, dass sie Hagrid vertrauten. Sie akzeptierten seine Anwesenheit im verbotenen Wald und auch das nur unter großen Vorbehalten.

Magorian hatte jedoch einen sehr guten Grund, zu Hagrid zu kommen. Die Herde war in Aufruhr, in den letzten Nächten hatte eine schwarz verhüllte Gestalt die Fohlen gebissen. Zurückgeblieben waren kleine punktförmige Wunden und zutiefst verängstigte Zentauren. Es war ihnen nicht gelungen, die Gestalt zu stellen, jetzt bat Magorian Hagrid um Hilfe. Und Hagrid zögerte keine Minute länger. Er ging zum Schloss hinauf und bat Dumbledore um eine Unterredung.

Hagrid erzählte von den toten Kleintieren, die er gefunden hatte, von den völlig verängstigten Zentauren und von den punktförmigen Wunden. Dumbledore hörte ihm schweigend, aber aufmerksam zu. Als Hagrid geendet hatte, schwang der Schulleiter seinen Zauberstab, drückte seinem Lehrer die Tasse Tee, die auf dem Schreibtisch erschienen war, in die Hand, bat ihn, ihn einige Minuten zu entschuldigen und verließ eilig sein Büro.

Nach zehn Minuten (oder waren es fünfzehn gewesen?) kam Dumbledore wieder, einen wütend aussehenden Snape im Schlepptau. Offensichtlich war der Lehrer für Zaubertränke aus seinem Unterricht geholt worden, seine Robe war fleckig, an einigen Stellen waren Löcher eingeätzt und er roch nach Schwefel und Ammoniak. Dumbledore gab einen Wink mit seinem Zauberstab, sagte: „Aer bonum" und der Gestank war weg. Dann bat er Hagrid, seine Geschichte nochmals zu erzählen und als dieser geendet hatte, sah Dumbledore Snape an und fragte: „Nun, Severus, denken sie das gleiche wie ich?" „Ja," antwortete Snape, „ein Vampir treibt hier sein Unwesen, kein Zweifel. Er – oder sie – muss aber noch jung und unerfahren sein, sonst würde er sich kaum seine Opfer unter den Tieren suchen." „Wer?" fragte Dumbledore. „Es kann nur jemand sein, der mit uns in Durmstrang war," antwortete Snape, „nur dort hatten wir überhaupt Kontakt zu Vampiren." „Das engt den Kreis der Verdächtigen ein," erwiderte Dumbledore, „aber wer?" „Nun, ich ..." begann Snape, dann aber wurde er noch blasser als er es ohnehin schon war und sagte: „Bei Merlins Bart, wie konnte ich nur so blind sein? Draco! Es geht das Gerücht, er hätte Kontakt zu den Vampiren gesucht, und seit unserer Rückkehr benimmt er sich äußerst merkwürdig. Es würde zwar bedeuten, dass die Vampire ihre Eide gebrochen haben, aber – es ist Draco, da bin ich mir ganz sicher." „Was sollen wir jetzt tun?" fragte Dumbledore. „Nun," antwortete Snape, „zunächst einmal müssen wir ihn gefangen nehmen. Das sollte relativ einfach sein, seine Klasse hat jetzt gleich Unterricht bei mir. Ich werde ihn in meinem Studierzimmer einsperren. Aber was tun wir dann mit ihm? Können wir ihn zu Frau Huber ..." „Frau Huber ist schon lange tot, Severus," sagte Dumbledore ruhig, aber zum Glück gibt es noch andere Wiccas. Diesen Teil übernehme ich, kümmern sie sich um Draco. Und sie, Hagrid, gehen zurück und beruhigen die Zentauren. Es wird zu keinen weiteren Übergriffen kommen."

Doch ganz so einfach, wie Snape und Dumbledore sich die Ergreifung und Heilung Draco Malfoys vorgestellt hatten, war es nicht. Draco erschien nicht zum Zaubertränke-Unterricht. Snape ließ jeden Winkel der Schule absuchen, doch sein Schüler war spurlos verschwunden.

2.

Dumbledore berief eine Konferenz ein und informierte die Lehrer über die jüngsten Vorkommnisse. Den Schülern gegenüber sollte aber Stillschweigen gewahrt werden, denn so Dumbledore: „eine Panik ist das letzte, was wir jetzt bräuchten." Neben Vorkehrungen zum Schutz von Schülern und Schule ordnete er an, dass täglich sowohl die magischen wie auch die Muggle-Zeitungen auf seltsame Vorfälle hin durchgesehen werden sollten. Für Snape hatte er eine besondere Aufgabe: Draco zu suchen und ihn nach Hogwarts zurückzubringen.

Nach der Konferenz begleitete Dumbledore Snape in dessen Verlies. Snape begann unverzüglich mit den Vorbereitungen für seine Suchmission, er wusste schon, wo er mit seinen Nachforschungen beginnen würde. Dumbledore hätte ihm gerne Hagrid mitgegeben, Snape bestand jedoch darauf, alleine zu gehen. „Wer könnte wohl besser als ich für diese Aufgabe geeignet sein?" fragte er, seine Stimme hatte einen bitteren Unterton. „Warum sind sie sich so sicher, dass Draco in Durmstrang ist?" fragte Dumbledore. „Weil ich dorthin gehen würde, wäre ich an seiner Stelle," antwortete Snape, „dort sind die, die ihn zum Vampir gemacht haben, sie werden ihn willkommen heißen und ihm alles beibringen, was er wissen muss. Nicht zu vergessen: dort ist das Mädchen, das er liebt – oder glaubt, zu lieben."

Snape begann die Kettenapparation im frühen Morgengrauen. Jetzt, wo ihm kein Portschlüssel mehr zur Verfügung stand, war das die schnellste Methode der Fortbewegung. Über London, Rotterdam, Frankfurt, München, Wien, Budapest und Bukarest landete er schließlich wieder dort am Ufer der Donau, dort wo damals die Gruppe aus Hogwarts von den Portschlüsseln hingebracht worden war. Er wäre gerne näher an Durmstrang heran appariert, wegen der Schutzzauber der bulgarischen Schule war das jedoch nicht möglich. Also machte er sich auf den zweistündigen Fußmarsch.

Er erreichte Durmstrang im Licht der untergehenden Sonne. Die Zugbrücke war heruntergelassen, am Tor erwartete ihn Professor Stoykov, der Schulleiter. „Wir wussten, dass jemand kommen wird aus Hogwarts, es ist wegen dem Jungen." Sein eigentlich hervorragendes Englisch hatte einen harten Akzent und die verwendete Grammatik war nicht korrekt, ein deutliches Zeichen für seinen inneren Aufruhr. Snape erzählte in Kurzfassung was sich zugetragen hatte, seitdem die Hogwarts-Schüler und Lehrer wieder nach Hause zurückgekehrt waren. Er konnte sehen, dass Stoykov von Sekunde zu Sekunde wütender wurde und nahe daran war, die Beherrschung zu verlieren. „Das wird haben Konsequenzen, ich muss melden Ministerium," schrie er, „sie haben gebrochen alle Eide!" „Vladimir," sagte Snape mit ruhiger Stimme, „Vladimir, das hat Zeit. Zuerst muss ich Draco finden und mit ihm sprechen. Kommen sie!" Und gemeinsam eilten sie zur Kapelle, in der die Vampire lebten.

Die Sonne war mittlerweile untergegangen, für die Vampire hatte der Tag begonnen. Sie hatten sich in dem ehemaligen Altarraum um ihren Lehrer versammelt, auch Draco war unter ihnen. Er hielt die Hand seiner Freundin und sah sehr glücklich aus. Dragoman Dragulic, der Lehrer, sprach gerade: „... und du, Draco, wirst heute erstmals das Blut eines Menschen trinken. Es ist deine letzte Initiation, dann wirst du einer von uns sein. Nichts und niemand wird dich dann noch aufhalten können, alles wird dir offen stehen. Du wirst deine Ausbildung hier in Durmstrang mit den anderen abschließen und dann wartet auf dich die Akademie des Blutes, die beste Schule für schwarze Magie, die es gibt ..." „Nein Draco nein, tue es nicht. Wenn du ihren Weg gehst, dann entscheidest du dich für die Sklaverei. Noch bist du frei." Dragoman Dragulic verstummte als er Snapes laute Stimme hörte und drehte sich langsam um. „Severus, mein guter alter Severus. Nur weil du damals den Mut nicht hattest, den Weg zu Ende zu gehen, solltest du Draco jetzt nicht davon abhalten. Du warst feige, hast gezögert, hast ‚Nein' gesagt, aber Draco ..." Auch Draco sah seinen Hauslehrer wütend an. „Was wollen sie denn hier, Professor?" fragte er, seine Stimme troff vor Sarkasmus. „Sie können wieder gehen, ich habe mich entschieden. Ich bleibe hier, hier bei meinen Gefährten, bei der Frau, die ich liebe und die mich liebt ..." „Du solltest dich mal hören," sagte Snape und schüttelte den Kopf, „du kleiner dummer Junge. Ich war genau wie du, aber wenigstens bin ich aufgewacht, ehe es zu spät war. Ich werde nicht zulassen, dass du einer von ihnen wirst, eher bringe ich dich um – auch wenn ich deinen Eltern dann wohl einiges zu erklären habe." Er hob seinen Zauberstab und Dragulic begann zu lachen. „Severus, du Idiot! Zaubersprüche können uns nichts anhaben, das weißt du doch. Aber bitte, versuche es ..." Noch bevor Snape reagieren konnte, hatte Dragulic seinen Zauberstab gezogen und mit einem „Expelliarmus" flogen Snape und Stoykov gegen die Wand der Kapelle und blieben regungslos auf dem Boden liegen.

3.

Als die beiden aus ihrer Bewusstlosigkeit wieder erwachten, waren sie alleine in der Kapelle. Hastig durchsuchten sie die Räume, aber die Vampire waren verschwunden, nichts deutete mehr darauf hin, dass sie je hier gewesen waren. Sogar die Särge waren weg. Severus zog aus seiner Tasche eine große Flasche eines Zaubertranks, entkorkte sie und mit einem Wink seines Zauberstabes und einem lauten „Spray" verteilte sich der Inhalt in der Kapelle. Es roch nach einer Mischung aus Rosenblüten, Weihrauch und Knoblauch – der Gestank war so überwältigend, dass Professor Stoykov, die Hand vor den Mund haltend, ins Freie floh. Snape folgte ihm auf dem Fuß, auch sein Gesicht hatte eine leichte Grünfärbung angenommen. Er warf die Tür der Kapelle hinter sich ins Schloß und versprühte auch hier den stinkenden Trank. Dann verstopfte er jede Ritze der Tür mit Knoblauch und hängte noch einen Strauß wilder Rosen an die Klinke. „Das dürfte zumindest verhindern, dass sie sich hier wieder einnisten können," sagte er zu Stoykov, der sich wieder etwas erholt hatte, „sie müssen aber Durmstrang als solches noch mit Schutzzaubern gegen Vampire versehen." „Kein Problem," antwortete Stoykov, „ich werde mich sofort darum kümmern." „Außerdem würde ich mich gerne mit dem Zaubertränke-Lehrer unterhalten, wie heißt er doch gleich noch?" sagte Snape. „Professor Nikita Ninkovic," antwortete Stoykov ihm, „am besten kommen sie gleich mit."

Snape sprach mit Ninkovic und tauschte mit ihm Zaubertrank-Rezepte und Sprüche zur Abwehr von Vampiren aus. Danach saß er in Stoykovs Büro, trank Tee und besprach das weitere Vorgehen mit dem Schulleiter. „Wo wollen sie jetzt suchen?" fragte Stoykov. „Wenn ich das so genau wüsste," seufzte Snape. Er fühlte sich leer und ausgebrannt. „Bleiben sie über Nacht hier, schlafen sie etwas," schlug Stoykov vor. „Und essen sie, Schlachten schlägt man nicht mit leerem Magen." Stoykov brachte seinen Hogwarts-Kollegen zu einem der Gästequartiere. Snape streckte sich auf dem bequemen Bett aus und fiel in einen unruhigen Schlaf. In seinen wirren Alpträumen verbiss sich Roxana wieder und wieder in seinen Hals, als er erwachte, fühlte er sich noch elender wie am Abend zuvor.

Aber eigentlich waren es nicht die Alpträume gewesen, die ihn geweckt hatten, sondern ein klopfendes Geräusch am Fenster. Als er die Vorhänge beiseite schob, sah er eine der braunen Schuleulen von Hogwarts, die auf der Fensterbank saß und mit ihrem Schnabel an das Glas schlug. An ihrem linken Bein war ein Brief befestigt, den Snape behutsam abnahm und entfaltete. „Vorbereitungen beendet, erwarte Sie in Hogwarts. D.," stand dort in Dumbledores vertrauter Schrift zu lesen. „Wenigstens einer, der seinen Job gemacht hat," murmelte Snape vor sich hin. Er griff nach seiner Feder und einem Stück Pergament und schrieb: „Mission gescheitert, D. M. wieder verschwunden. Suche weiter. S." Nachdem er den Brief am linken Bein der Eule befestigt hatte, flog sie wieder davon, den langen Weg zurück nach Hogwarts.

Es dämmerte bereits und Snape beschloss, nicht mehr ins Bett zu gehen. Er blieb am Fenster stehen, starrte der Eule hinterher und wünschte sich, mit ihr fliegen zu können, zurück zu dem einzigen Zuhause, das er hatte. Er wusste einfach nicht, was er jetzt tun sollte, und er hasste sich dafür, so hilflos zu sein.

4.

„Auf dich wartet die größte magische Herausforderung – die Akademie des Blutes."

Eine Schule – nein, keine Schule – eine Universität der schwarzen Magie. Wer von dort kam, war auserwählt, unbesiegbar. Viele der Todesdiener redeten darüber, niemand wusste jedoch, wo sie war und wie man dort aufgenommen werden konnte. Er hatte immer genau zugehört, wenn von dieser Akademie die Rede war, schwarze Magie, das alte und geheime Wissen, dafür hätte er unbesehen seine Seele verkauft. Dachte er zumindest. Aber jetzt, wo ihm diese Chance angeboten wurde, schlug er sie aus. Denn die Akademie des Blutes war nur Vampiren zugänglich und genau das wollte er nicht sein. Wenn er in Roxanas Augen sah, sah er nicht nur eine schöne und begehrenswerte Frau, sondern auch eine Sklavin. Der dunkle Lord hatte aus seinen Verbündeten schnell seine Abhängigen gemacht, er strafte und belohnte die Vampire mit Blutzuteilungen, meist von gefangengenommenen Muggles. Das größte Vergnügen war es für ihn, einem fast verdursteten Vampir einen der alten Hauselfen vorzuwerfen und dabei zuzusehen, wie der Dämon seinem schreienden Opfer die wenigen Blutstropfen aus den Venen zog. Das wollte er nicht sein, so wollte er nicht werden.

Wissen, Macht – der Preis für seine Seele – er war ihm zu hoch.

„Wohin würde ich gehen?" Die Antwort auf diese Frage hatte Snape nach Durmstrang geführt, wo er sich unsagbar dämlich angestellt hatte. „Wohin würde ich gehen, wenn ich nicht mehr nach Durmstrang zurück kommen könnte?" Diese Frage führte ihn zur Akademie des Blutes.

5