Hallo!
Da sind wir wieder mit dem dritten und letzen Teil von "Unverhofft kommt oft".
Viel Spaß beim Lesen!
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...Er hustet erneut, und diesmal dauert es länger, bis er sich wieder beruhigt hat. "Am... am nächsten Morgen warst du so außer dir. Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du süß aussiehst, wenn du dich aufregst?" Ich muss leise lachen, obwohl mir Tränen in den Augen stehen. "Als ich im Bad war, habe ich mir überlegt, dass ich es drauf ankommen lasse. Also hab ich dich geküsst. Und als du mich zurückgeküsst hast... Es war fast zu schön um wahr zu sein. Ich bin noch nie-" "Aren, nicht die Augen zu machen! Wach auf!" Keine Reaktion. "Aren!"
Joeys POV
"Wir müssen sofort Charly finden! Wo ist sie?" "Sie wollte sicher nach Aren suchen. Er..." Aber ich höre schon nicht mehr zu, sondern eile los, blicke im Lauf nach links und rechts, ob ich irgendwo Charlys braunen Schopf entdecken kann.
Was machen wir jetzt nur? Frodo in Osgiliath? Das ist noch schlimmer als ein toter Aragorn! Er darf da nicht sein! Faramir sollte ihn freigelassen haben und er sollte mit Sam auf dem Weg nach Mordor sein! Wenn der Ring nicht zerstört wird, wenn Sauron ihn findet...
Scheiße, Scheiße, SCHEIßE!!
Ich biege scharf links ab – Legolas immer noch auf meinen Fersen – weil ich endlich Charly entdeckt habe. Keuchend komme ich neben ihr zu stehen. Sie kniet am Boden; Arens Kopf liegt auf ihren Beinen und sie drückt sein Gesicht an ihren Bauch. Er ist völlig entspannt; wahrscheinlich schläft er.
"Charly! Wir haben ein Problem! Frodo–"
Moment, habe ich entspannt gesagt? Erst jetzt bemerke ich die Unmengen an Blut. Und Aren atmet nicht...
"Charly?" flüstere ich. Sie sitzt dort wie in Trance und rührt sich nicht. Legolas legt ihr eine Hand auf die Schulter. "Charly?" "Aren ist verletzt. Wir müssen jemanden holen, der ihm hilft. Er braucht einen Arzt." Plötzlich hebt sie ihren Kopf und schaut uns völlig ausdruckslos an. "Damit er wieder aufwacht."
Legolas hockt sich neben sie und presst zwei Finger an Arens Hals. Ich merke wie mir alles Blut aus dem Gesicht weicht und meine Knie nachzugeben drohen, als ich den Ausdruck auf Legolas' Gesicht sehe. Er nimmt Arens Kopf in beide Hände und legt ihn vorsichtig neben Charly auf den Boden. Als er sich erhebt, zieht er sie mit sich hoch. "Er wacht nicht mehr auf..." "Aber– Aber Elben sind unsterblich!" Das Entsetzen in ihrer Stimme ist beinahe greifbar. Als Legolas schweigt, bricht plötzlich ein kurzer, aber lauter Schluchzer aus ihr heraus, aber sie fängt nicht an zu weinen. Stattdessen steht sie nur dort, zittert am ganzen Leib, Fassungslosigkeit in ihren Augen.
Ich merke wie mir die Tränen über die Wangen laufen. Legolas sieht verzweifelt erst von mir dann zu Charly, und ich wische meine Tränen fort. Wir müssen uns jetzt erst um sie kümmern.
Vorsichtig lege ich einen Arm um Charlys Schultern und schiebe sie Richtung Halle. Sie muss erst mal hier weg. "Nein, ich lasse ihn nicht alleine!" Charly versucht meinen Arm abzuschütteln und zu Aren zurückzugehen.
"Charly! Charly, sie mich an!" Widerwillig tut sie es. Ich packe sie links und rechts an der Schulter, damit sie sich nicht wegdrehen kann, und sehe ihr fest in die Augen. "Du kannst nichts mehr für ihn tun."
Ich sehe, wie sich etwas in ihren Augen verändert. Als würde sie die Wahrheit erst jetzt wirklich begreifen. Sie starrt mich an, dreht sich dann um und lässt sich von uns wegführen.
Unterwegs treffen wir Aragorn und Gimli, denen wir kurz berichten, was passiert ist. Sie sprechen Charly ihr Beileid aus, die nur kurz nickt und sonst nicht weiter reagiert.
In der Halle finden wir eine relativ ruhige Ecke, in der wir uns niederlassen. Charly sitzt am Boden und starrt vor sich hin.
Seufzend wende ich mich an Legolas. "Was machen wir denn jetzt?"
"Wir warten. Jeder geht mit seiner Trauer anders um."
"Aber–"
"Joey. Charly schweigt, weil sie mit ihren Gefühlen kämpft. Ich weiß nicht, ob sie sich vorher im Klaren war–"
"Legolas." Ich blicke mich zu Charly um, die uns beide ansieht. "Was bedeutet ‚Gerich meleth nîn'?" "Es bedeutet ‚Du hast meine Liebe.' Hat Aren..." Charly nickt. "Er hat es gesagt, kurz bevor wir uns trennen mussten. Das erste Mal, als die Frauen und Kinder gegangen sind."
Wir drei verfallen wieder in Schweigen.
Charlys POV
Joey und Legolas denken, ich würde schlafen. Deshalb haben sie mich alleine gelassen. Aber das tue ich nicht; ich kann nicht. Ich kann nicht die Augen schließen, ohne ihn in seinem eigenen Blut am Boden liegend zu sehen.
Ohne Arens Gesicht vor mir zu sehen, das Funkeln in seinen Augen, jedes Mal wenn er mich erblickt hat. Ohne mich an die heimlichen Blicke zu erinnern, die er mir zugeworfen hat, wenn er dachte ich würde es nicht merken. Ohne mich zu erinnern, wie sicher ich mich gefühlt habe, wenn er nur in der Nähe war.
Es sind erst ein paar Stunden vergangen und ich vermisse ihn schon so sehr. Es fühlt sich an, als würde mit jeder Minute ohne ihn das leere Gefühl in meinem Inneren immer schlimmer, der Kloß in meinem Hals immer größer.
Ich stehe auf. Ich weiß, dass sie die Toten in der Halle aufgebahrt haben. Ich habe es von den anderen gehört.
Langsam begebe ich mich dorthin. Sehe vor mir die vielen Gefallenen. Es ist still hier, als wäre man in einem Vakuum. Vorsichtig und zögerlich schreite ich die Reihen ab, bis lange blonde Haare und ein feingeschnittenes Gesicht meinen Blick auf sich ziehen.
Langsam trete ich auf Aren zu. Ich strecke die Hand aus, will das vertraute Gesicht berühren, traue mich dann aber doch nicht. Jemand hat ihm das Blut abgewaschen und ihm etwas anderes angezogen.
Er sieht so friedlich aus, als würde er schlafen.
Erschüttert weiche ich ein paar Schritte zurück, bis ich mit dem Rücken an eine Mauer stoße. Gott, es ist so unheimlich. Elben schlafen nicht.
Arens Bild verschwimmt mir vor den Augen, als die ersten Tränen meine Wangen herunterlaufen, und schluchzend lasse ich mich an der Wand entlang gleiten, bis ich auf dem Boden sitze.
Ich bin so wütend. Auf Aren, dass er mich in der Halle mit dem Uruk allein gelassen hat, dass er ohne mich losgezogen ist. Auf Théoden, der in mitgenommen hat. Auf mich, weil ich ihn habe gehen lassen und weil ich nicht bei ihm sein konnte.
Und ich fühle mich so hilflos.
Das Gespräch, dass wir geführt haben, bevor er mich in die Höhlen geschickt hat, fällt mir plötzlich ein, und ich schließe die Augen vor den Worten, die in meinem Kopf wiederhallen.
"Was ist, wenn dir etwas passiert? Dann bin ich nicht bei dir." "Mir passiert schon nichts."
Zitternd schlinge ich meine Arme um meine Knie.
Mir passiert schon nichts...
Ich habe meine Tränen kaum noch unter Kontrolle und lehne meinen Kopf gegen die Wand.
"Gott, Aren..."
"Dies ist ein Geschenk, mit dem ihr nicht leichtfertig umgehen dürft. Es soll euch Beistand sein, in eurer dunkelsten Stunde."
Galadriel?
Die Zeit ist gekommen...
Ich springe auf.
Joeys POV
Nachdem Charly eingeschlafen ist, stehen Legolas und ich auf und laufen ein wenig herum. Dabei treffen wir auf Katja, die sich immer noch erholen muss, der es aber ansonsten ganz gut geht. Wir erzählen ihr von Aren und sie ist ebenfalls sehr bestürzt.
Als Legolas und ich nach einiger Zeit wieder zu Charly zurückgehen, ist sie verschwunden. "Wo ist sie hingegangen?" frage ich besorgt. "Keine Sorge, sie kann ja nicht weit sein." "Was, wenn–" Doch weiter brauche ich nicht zu sprechen, denn da stürmt Charly schon von hinten an mir vorbei und lässt sich neben ihrem Rucksack auf den Boden fallen. Sie kramt hektisch darin herum und ich frage mich, was sie sucht.
"Da ist es ja!" ruft Charly plötzlich aus und hält das Holzkästchen von Galadriel in der Hand. Was will sie denn damit? "Charly, was machst du da?"
"Ich habe keine Zeit." ist ihre einzige Antwort, bevor sie wieder wegläuft. Legolas und ich eilen ihr nach.
Als wir die Toten erreichen, verlangsamen wir unsere Schritte und folgen Charly wesentlich zögerlicher. Es herrscht eine komische Stimmung und man kann gar nicht anders, als sich ehrfürchtig verhalten.
Charly ist schon bei Aren und hat das Kästchen neben ihm abgestellt, als wir sie erreichen. Sie hat das Schloss bereits geöffnet. "Charly, was hast du vor?" Entschlossen blickt sie zu uns. "Ich hole ihn zurück." Erschrocken sehe ich Legolas an.
Charly hat sich wieder an dem Kästchen zu schaffen gemacht und will gerade den Deckel öffnen, als Legolas sie zurückhält. "Warte! Hast du dir schon überlegt, ob du in Mittel Erde bleiben wirst?" "Was hat das hiermit zu tun?" sagt Charly und guckt Legolas leicht bestürzt an. "Wenn du ihn zurückholst, sprichst du damit gleichzeitig sein Todesurteil, wenn du nicht hier bleibst. Du weißt, dass Elben an Liebeskummer sterben können." Entgeistert schaut Charly zuerst Legolas, dann Aren an.
Und langsam, unendlich langsam nimmt sie die Hände von dem Holzkästchen.
