Charlys POV

Was ist, wenn Legolas Recht hat? Was ist, wenn ich Aren zurückhole und mich dann entschließe nicht zu bleiben und er an Liebeskummer stirbt? Oder ich bleibe, aber unweigerlich irgendwann sterben werde? Aber vielleicht kommt er auch über mich hinweg. Sucht sich eine nette Elbenfrau mit der er die Ewigkeit verbringen kann.

Und Galadriel hat gesagt, ich soll es tun.

"Oder ich bleibe hier und sterbe irgendwann. Oder er wird erneut tödlich im Kampf verletzt. Ich kann die Zukunft nicht voraus sehen; ich weiß nur, dass ich jetzt die Möglichkeit habe ihn zurückzuholen, und dass ich es tun muss. Ich könnte nicht damit leben diese Chance gehabt und vertan zu haben."

"Egal, welche Entscheidung du triffst, du wirst damit leben müssen. Er kann es nicht entscheiden und wir haben kein Recht es zu tun. Du allein trägst die Verantwortung. Tu es nicht und lasse ihn Vergangenheit sein, oder tu es und lasse die Zukunft auf euch zukommen."

Die Entscheidung ist leicht. Mit einem Ruck öffne ich das Kästchen. Innen liegt auf Samt gebettet eine Phiole mit kristallklarem Inhalt. Ich entkorke sie und lasse die Flüssigkeit in Arens Mund tropfen. Dann trete ich zurück und warte.

Ich spüre, wie sich Joeys Hand in meine schiebt und klammere mich an ihr fest. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Ich weiß nicht, ob wir dreißig Sekunden oder drei Stunden so dagestanden haben, aber plötzlich tut sich etwas. Aren scheint von Innen heraus zu leuchten, und dann sieht es so aus, als würden winzig kleine Schmetterlinge aus Licht über seinen Körper tanzen. Unvermittelt bäumt er sich auf, scheint gegen irgendetwas anzukämpfen, um dann wieder auf die Decke zurückzufallen. Ich weiß nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist, und mir bricht der Angstschweiß aus. Was, wenn etwas schief geht?, denke ich panisch. Dafür ist es jetzt zu spät, rüge ich mich selbst, als Joey mich in die Realität zurückholt. Sie rüttelt an meiner Hand und flüstert: "Charly, sieh nur!"

Und ich sehe es. Ganz leicht, kaum bemerkbar, wenn man nicht darauf achtet, hebt und senkt sich Arens Oberkörper.

Er atmet. Oh mein Gott, er atmet!!

Die Bewegung wird immer kräftiger und ich lasse Joeys Hand los um mich zu Aren zu beugen. Jetzt da ich ganz nah an seinem Gesicht bin, kann ich seine Atmung hören. Ich lege ihm eine Hand auf die Brust, um sie auch zu spüren, und fühle noch etwas anderes. Sein Herz schlägt unter meiner Hand, kraftvoll und regelmäßig – am Leben.

"Aren," flüstere ich ihm ins Ohr, "Aren, kannst du mich hören?"

Aren seufzt und öffnet dann langsam die Augen.

Und ich kann mich nicht erinnern jemals etwas so Wundervolles gesehen zu haben. So etwas Simples und doch so Wunderschönes wie ein Paar blauer Augen.

"Was–" ächtzt er verwirrt, räuspert sich und versucht es noch mal, "Was ist passiert?" "Kannst du dich nicht erinnern?" Er sieht mir forschend in die Augen, dann fliegt seine Hand zu seiner Brust. Ich greife nach ihr. "Es ist OK. Es ist vorbei."

Joeys POV

Aren sieht Charly lange und nachdenklich an.

"Es ist vorbei..." Aren schaut zu Legolas. "Ruh dich jetzt aus, du wirst deine Kraft bald wieder brauchen. Doch vorher bringen wir dich woanders hin."

Zu dritt schaffen wir es, den noch etwas geschwächten Aren auf die Beine zu bringen. Als er sich umsieht, wird er sich plötzlich all der Toten bewusst. "Ich dachte ich hätte geträumt... Aber es ist wahr... Was hast du getan?" flüstert Aren und Charly wendet ihren Kopf ab.

"Ant o Galadriel." antwortet Legolas für sie. Die beiden Cousins sehen sich an und schließlich nickt Aren andeutungsweise, wie als Antwort auf etwas, was nur Elben jemals verstehen können. Denn obwohl ich nur das Galadriel verstanden habe, spüre ich doch, dass diese Worte eine besondere Bedeutung haben.

Wir bringen Aren fort und in einen anderen, helleren Raum. Nachdem wir ihn auf ein Felllager gelegt haben, verschwindet Charly.

Kurze Zeit später taucht Aragorn auf. "Charly hat gesagt... Ist es war?" Als er Aren erblickt geht er neben ihm auf die Knie. "Aren, mein Freund! Wie geht es dir?" "Gut." und Arens Blick schweift Richtung Tür, wo Charly plötzlich wieder aufgetaucht ist.

"Mit deiner Hilfe konnten wir den Feind vertreiben. Doch er wird sich nicht lange brauchen, um einen neuen Angriff zu starten. Gandalf will nach Isengart reiten. Warum, hat er nicht verraten. Wie schnell bist du wieder auf den Beinen?"

"Schnell. Gib ihm noch ein, zwei Stunden. Dann ist er wieder ganz der Alte." antwortet Legolas. "Aber wie konnte es geschehen? Ich dachte... Als ich den Speer gesehen habe... Ich dachte du seist–" "Tot? Das war ich. Aber Galadriel hat Charly ein Geschenk gemacht. Und sie hat es als viel größeres Geschenk weitergegeben." In Aragorns Augen blitzt die Erkenntnis und ich frage mich, ob ich die Einzige bin, die das nicht versteht.

Doch bevor ich fragen kann, steht Aragorn auf. "Wir brechen auf, wenn du soweit bist. Wir alle." Dabei sieht er Charly und mich an. "Ich werde Katja Bescheid sagen." fährt er fort und geht dann.

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Ant o Galadriel. = Das Geschenk von Galadriel.