Kapitel 2
Zoe
Langsam ebbte der brennende Schmerz ab.
Meine Knie hatte ich so weit hochgezogen, dass ich mit der Kinnspitze den Morgenmantel berührte, in welchen Erik mich eilig gehüllt hatte.
Ich war Nadirs Tochter...
Nach dieser Erkenntnis war alles aus dem Ruder gelaufen. Laut fluchend war er förmlich vor mir geflüchtet und es hatte geschlagene zehn Minuten gedauert, ehe er den Raum, in dem ich noch immer nackt und verzweifelt gelegen hatte, wieder betrat.
Ich hatte meinen Fluchtplan doch nicht ganz so kalkuliert verfolgen können, wie ich gehofft hatte. Wie hätte ich ahnen können, dass diese ‚Sache', über die ich und meine Freundinnen im Internat so oft gelacht und getuschelt hatten, einen derart großen Einfluss auf mich haben würde? Ich hatte mir doch vorgenommen, das Ganze als das zu sehen, was es war: ein unverbindlicher Tausch – Eriks Vergnügen, gegen meine Freiheit aus Nadir Khans Obhut.
Aber da war so vieles, auf was mich die Gespräche unter Internatsschwestern – von denen einige sogar mit Jean-Frederic in seiner Gärtnerhütte verschwunden und mit glühenden Wangen wiedergekehrt waren – nicht vorbereitet hatten.
Zu Anfang hatte es mir alle Anstrengung abverlangt, den Gedanken daran zu verdrängen, dass ich etwas tat, wofür ein anständige junge Dame verdienterweise zu einem Freudenmädchen degradiert wurde. Und dann war mir plötzlich bewusst geworden, dass Eriks Nähe eine überwältigende Mischung aus bebender Verlockung und der Gewissheit, Macht über ihn und seine Begierde zu haben bedeutete.
Diese Berührungen, diese unerforschten Gefilde männlicher Anatomie, die ich bisher nur von unanständigen Skizzen gekannt hatte...
Es war faszinierend gewesen, und hatte mich förmlich in eine Rauschwolke geheimer Wünsche gehüllt, die mir bisher nie bewusst waren.
Und dann hatte es weh getan. Mehr als ich erwartet hatte.
„Hör auf zu weinen, Zoe", Eriks Stimme war wie Balsam auf der klaffenden Wunde meines Selbstbewusstseins.
„Ich hatte ja nicht mal gemerkt, dass ich damit angefangen habe", schniefte ich zurück und weigerte mich, ihn anzusehen. Immerhin hatte er die Selbstbeherrschung besessen, in seiner kurzen Abwesenheit das Bild eines tadellosen Herrn wiederherzustellen, hatte schwarze Hosen und ein schwarzes Hemd angelegt, wirkte ruhig und gefasst.
Meine Erscheinung hingegen musste fürchterlich sein.
„Komm mit mir", sanft und weich hallten diese Worte in meinem Kopf wider. „In der Küche wartet ein heißer Tee mit Kräutern auf dich. Trink ihn. Das wird dir nicht helfen dich besser zu fühlen, aber wenigstens kannst du danach ruhig schlafen."
Die dargebotene Hand und die Aussicht, all die wirren Gedanken für einige Zeit in den Hintergrund drängen zu könne, brachten mich dazu, Erik ohne Widerstand zu folgen.
Erschöpft ließ ich mich auf einem der dunklen Holzküchenstühle sinken und zeichnete verlegen mit einem Finger die Maserung des Tisches nach. Hinter mir goss Erik den versprochenen Tee ein, und ich fragte mich wie viele geheimnisvolle Heilpflanzen wohl nötig sein würden, um mich in dieser Nacht einschlafen zu lassen.
Langsam wurde mir übel, je mehr ich mir klar machte, was heute Nacht geschehen war.
Geräuschlos hatte Erik einen dampfenden Becher vor mir platziert und ließ sich nun selbst nur einen Meter von mir entfernt auf einem anderen Stuhl nieder.
Während er die beeindruckend lagen Beine elegant übereinander schlug, erinnerte ich mich daran, wie ausgemergelt und sehnig der Rest seines Körpers gewesen war...
Seine Haut auf meiner Haut...
Schnell zog ich den Tee heran und pustete angestrengt in die würzig duftende Hitze. Vielleicht konnte ich so eine unverfänglichere Erklärung für meine roten Wangen konstruieren.
Aber Eriks Pläne schienen anders gelagert, als das Thema nun ruhen zu lassen. Gleich seine nächsten Worte trugen nicht gerade zu meiner Entspannung bei: „ Warum hast du in einen derartigen Handel eingewilligt, wenn du doch allem Anschein nach ein anständiges junges Mädchen bist, das keinerlei Erfahrung auf diesem Gebiet hat, Zoe?"
„Ist das nicht offensichtlich?" Vorsichtig nippte ich an dem Getränk und genoss das fremde aber wohlige Aroma. „Ich würde alles tun um nicht länger eine unliebsame Gefangene in Nadir Khans Haus zu sein."
„Nun, ich empfinde seine Anwesenheit auch nicht gerade als unerschöpflichen Quell der Freude, doch was in drei Treufels Namen könnte ihm eine solch tiefe Abneigung seitens seiner Tochter eingebracht haben?" Der amüsierte Sarkasmus dieser Frage ließ mich unfreiwillig schmunzeln. Ich war froh, dass er nicht länger über die Situation sprach, die mir langsam aber sicher immer unwirklich erschein, an die mich nur noch eine dumpfe Scham, eine schale, unerfüllte Sehnsucht erinnerte.
„Ich habe nicht das Bedürfnis, darüber zu reden Erik. Es muss genügen, wenn du weißt, dass Nadir Khan mein Leben vor drei Monaten ganz und gar in seine Hände genommen hat. Nach dem Tod meiner Mutter kam ich in das Haus eines Mannes, den ich nie gekannt hatte. Ich war mit der Gewissheit großgezogen worden, das mein Vater tot sei. Und nun setzt diese Mann das Verhalten einer gehorsamen Tochter voraus, die ich nach solchen Maßstäben niemals sein wollte." Ich schluckte. Warum hatte ich plötzlich doch das Gefühl, soviel mehr sagen zu wollen? „Ich war glücklich mit meinem Leben. Meine Mutter wollte mich nach diesem Schuljahr holen lassen, damit ich bei ihr in Paris leben könnte..."
Das war der Punkt, an dem meine Stimme wegbrach und ich die Lippen fest aufeinander biss, damit ich nicht noch einmal in Tränen ausbrach. Lieber nahm ich noch zwei kräftige Schlucke von dem Tee, und versuchte das angenehm Warme Gefühl zu genießen, dass sich langsam in meinem Bauch ausbreitete.
Erik lehnte sich vor und erschrocken stellte ich fest, dass ein dumpfes Entgegendrängen zu ihm, abermals in mir erwachte. Und da kam mir die siedendheiße Erkenntnis, dass unsere Abmachung noch nicht erfüllt war. Meine Augen flogen hoch und fixierten die von Erik direkt und - wie ich hoffte - eindringlich.
„Es war nicht meine Schuld, dass wir unser Vorhaben nicht beenden konnten, Erik. Also ist es nun an dir, mir zu helfen, wie du es versprochen hast."
Ein kurzes Blinzeln seinerseits verriet mir, dass er nicht mit diesem Umschwung der Gesprächsthematik gerechnet hatte. Das Bedauern in seiner Stimme, und der leise Seufzer, der seinen Worten voranging waren gar kein gutes Zeichen...
„Sei vernünftig Zoe. Wenn du einmal nüchtern über die ganze Angelegenheit nachdenkst, wird dir klar werden, dass eine unüberlegte Flucht mehr Schwierigkeiten als Vorteile birgt..."
Ich sprang auf. „Was?"
Ein leichter Schwindel ließ mich leicht nach dem Halt der Tischkante fassen.
„Soll das heißen, es war umsonst, dass ich dir... ich mich..."
„Ruhig, Zoe... vorsichtig." Auch Erik erhob sich. Warum nur bewegte er sich so langsam? Und warum war ich nicht einmal dazu in der Lage, seine Hand auszuschlagen, so wie ich es beabsichtigt hatte?
Beinahe dankbar für den Halt, lehnte ich meinen Kopf an seine Schulter. Sandelholz... jetzt fiel mir auf, dass er nach Sandelholz duftete.
Meine Knie knickten ein.
Ich hatte das Gefühl, meinen Kopf nicht mehr aufrecht halten zu können.
„Was war in dem Tee?"
„Keine Angst. Ich würde nichts tun, dass dich noch mehr verletzt. Ich werde dich vor all dem in Sicherheit bringen, was heute Nacht passiert ist."
‚Du verletzt mich aber! Du kannst mich doch nicht gegen meinen Willen mit einem Schlaftrank betäuben! Nein! Bring mich nicht zurück! Bitte! Erik! Bitte'
Ich wünschte, ich hätte noch genug Kraft gehabt, das alles laut zu sagen, aber meine Zunge fühlte sich so schwer an, dass ich es nicht vermochte.
Statt dessen fühlte ich mich mit Leichtigkeit aufgehoben.
Alles, was ich noch schaffte, war meine Arme wie ein kleines Kind um Eriks Hals zu klammen.
Am Rande meines Bewusstseins nahm ich noch etwas Merkwürdiges wahr ehe ich spürte, dass meine Gedanken immer mehr in Nebel gehüllt wurden. Den Sinn konnte ich nicht verstehen.
„Es tut mir leid, Zoe. Ich habe ihm schon seinen Sohn genommen – ich kann ihm nicht auch noch die Tochter nehmen."
Erik
„Warum nur war mir klar, dass Sie heute Nacht noch mit ihr bei mir auftauchen würden?"
Offenbar hatte meine Ankunft gegen halb Vier Uhr morgens den Daroga aus dem Bett getrieben. Während ich ihm bedächtig folgte und nun den Salon betrat, musterte ich abfällig. Er trug Morgenrock und Hausschuhe.
„Die Sorge um Ihre Tochter scheint Sie nicht gerade um den Schlaf gebracht zu haben, Nadir."
Mit einem müden Lächeln und in einem leicht akzentdurchzogenen Tonfall bedeutete er mir, jeder Einwand wäre überflüssig. „Sie verstehen nicht viel von Kindern, Erik, schon gar nicht von Töchtern in Zoes Alter. Darius hat sie in Empfang genommen?"
Ich nickte. Scheinbar hatte Monsieur noch nicht bemerkt, dass seine Tochter nur mit einem Morgenmantel bekleidet war. Ich hatte mir selbst nicht genug vertraut, um in meiner Wohnung noch ihre Kleider zu wechseln, während sie bewusstlos war. Bewusstlos... sie hätte nichts gespürt... sich nicht erinnert... Nein! fort mit diesen Gedanken!
„Mir scheint als wären auch Sie auf diesem Gebiet nicht unbedingt die kompetenteste Instanz", ich verlor mich in Sarkasmus um meine Gedanken anderweitig zu lenken.
Leise lachend nahm er in einem Ohrensessel nahe des Kamins Platz. „Erik, Erik", kopfschüttelnd bedeutete er mir, mich ebenfalls zu setzen.
Ich zog es vor, stehen zu bleiben. Die Kutsche, welche das Mädchen und mich hierher gebracht hatte, würde noch eine Viertelstunde warten. mir lag nicht daran, in dieser Nacht zu Fuß nach Hause zurückzukehren. Ich fühlte mich ernüchtert und unsagbar müde.
Der Daroga tat meine Haltung mit einem kaum merklichen Schulterzucken ab und fuhr unbeirrt fort: „Früher oder später wäre Zoe nach Hause gekommen. Sie kennt niemanden in der Stadt. Wohin hätte sie sonst gehen können?" Diese Erklärung schien ihn vollkommen zufrieden zu stellen. Mit wieviel Gleichgültigkeit dieser Mann seiner Tochter entgegenstand. Einen Moment lang fragte ich mich, wie er damals im Falle eines Verschwindens von Reza reagiert hätte.
„Und Sie hatten keine Bedenken, dass das Phantom oder eine seiner Fallen dem Mädchen zum Verhängnis werden könnten, Daroga?"
Die Augen meines Gegenübers fixierten mich ernst und ohne jeden Anflug von Eingeschüchtertheit. „Ich wusste, dass Sie dort unten ganz in unserer Nähe waren, Erik."
„Wie man hört, fällt das ‚Phantom' doch mit besonderer Vorliebe über kleine Ballettratten her... warum nicht über Ihre Tochter?" Meine Stimme troff vor Bissigkeit.
Nadir blieb ungerührt, seine Worte nüchtern und klar. „Sie vergessen, dass ich bereits seit einigen Wochen meine persönlichen Vermutungen über die Identität des Phantoms hege. Und diesem Informationsstand zu Folge, ist es ‚lediglich' verantwortlich für die Erpressung der Direktion, und einige massive Akte von Sabotage." Sein Blick sollte mich festnageln, als er sich nun mit aufeinadergepressten Handflächen vorbeugte. „Machen Sie keine Scherze mit der sprichwörtlichen Maskerade, die Sie in der Oper ins Leben gerufen haben, Erik. Und denken Sie an Ihr Wort... keine willkürlichen Morde. Sie sind mir Rechenschaft dafür schuldig, der Preis der Freiheit – ohne diesen Handel wäre ihr Lebensfaden schon lange von der Persischen Gerichtsbarkeit durchtrennt worden."
Ich versuchte den pochenden Schmerz hinter meinen Schläfen zu ignorieren und auch die Tatsache, dass die heutigen Geschehnisse mehr als unvorhergesehen verlaufen waren, und ich somit die kleine Ampulle Morphium in meinem Schreibtisch bisher unangetastet gelassen hatte.
Ich wünschte nur zu inständig, mein Gewissen würde schweigen. Keinen Mord hatte ich begangen, den ich nun vor dem Mann beichten konnte, dem ich mich vor allen anderen dazu verpflichtet gefühlt hätte – wohl aber hatte ich seine Tochter in gröbster Weise kompromittiert. Ich wog alles In Gedanken ab. Wenn ich sprach, müsste ich für alle Beteiligten die Konsequenzen bedenken. Es war unmöglich, zu leugnen, dass ich mich schuldig fühlte – Nadir gegenüber und auch in Hinsicht auf Zoe – denn solch eine Enthüllung würde ihr das Leben in diesem Haus nicht unbedingt erleichtern.
Ganz sicher war es klüger, ihr den Zeitpunkt dieser Offenbarung zu überlassen, und die Lage nicht noch zu verschlimmern.
Statt dessen hörte ich mich selbst eine banale Frage stellen, die sicher eine ebenso nichtssagende Antwort nach sich ziehen würde. „Sie waren also noch einmal verheiratet, Daroga. Zoes Mutter war wohl Französin. Wie haben Sie sie kennengelernt?"
Mein Blick glitt zur Uhr. Zehn Minuten blieben mir, um aufzubrechen.
In Gedanken wandte ich mich bereits der Tür zu, als ich das bedeutungsvolle Schweigen des Daroga bemerkte. Natürlich... ich hatte alte Wunde aufgerissen. Scheinbar hatte er ihren Tod noch nicht verwunden. „Mein Beileid." – die Floskel lag mir bereits auf der Zunge, als er endlich sprach.
„Ich verlange von Ihnen ehrlich zu sein, Erik... aber in dieser Angelegenheit bin ich es, der wohl nicht so gehandelt hat, wie es jede moralische Verantwortung verlangen würde:"
Die Vorstellung, einen schwachen Punkt bei dem integersten Menschen, den ich jemals kennengelernt hatte gefunden zu haben, erweckte meine Neugier.
„Ich bin wohl kaum jemand, der sich mit einer solchen Information in den Mittelpunkt des nächsten gesellschaftlichen Ereignisses drängen würde."
Unbehaglich seufzte Nadir Khan, und ihm war anzusehen, dass die Worte mit allem anderen als Leichtigkeit über seine Lippen kamen. Doch Ehrenmann was er war, wäre eine Lüge wohl weniger in Frage gekommen, als die prekäre Wahrheit. „Ihr Mutter... war eine Prostituierte."
Ich nickte knapp und nahm die gerunzelte Stirn meines Gegenübers ungerührt hin. Er hatte doch wohl nicht damit gerechnet, dass ich eine pseudomoralische Rechtfertigung von ihm fordern würde, oder mich übertrieben erschüttert zu dieser Offenbarung äußern würde.
„Ich muss Sie wohl enttäuschen, Daroga. Diese Erklärung scheint mir ungleich plausibler, als das Szenario, dass Sie Ihren Glauben und die Liebe zu Rezas Mutter über Bord geworfen hätten, um mit einer ‚ungläubigen' Europäerin in neues, trautes Familienglück einzutauchen."
Einem verlegenen Räuspern folgte der Anflug alten Schmerzes in den Augen des Persers.
Reza. Noch immer hatte er den Tod seines Sohnes nicht überwunden – Genauso wenig wie ich meinen Frieden mit der Tatsache geschlossen hatte, das Kind aus den Armen seines Vaters genommen zu haben. Nur um ihm das Leid einer verheerenden Krankheit zu ersparen, sagte ich mir in Gedanken. Nur um ihm Leid zu ersparen.
„Zoes Mutter kam wenige Wochen vor ihrem Tod zu mir... da erst erfuhr ich überhaupt, dass ich ein Kind haben sollte, aus der kurzen...Liaison, die wir geteilt hatten." Nadir Khans Blick verlor sich im Feuer des Kamins. „Offenbar wusste sie, dass ihr nicht mehr lange die Möglichkeit gegeben war, für das Mädchen aufzukommen, und das sie von mir das Geld erhoffte, die Ausbildung unserer Tochter weiterzufinanzieren. Nicht mehr für lange... sie hätte ohnehin eine Person ihres Vertrauens damit beauftragt, sich von Zoes Schulabschluss an um sie zu kümmern."
„Wie rücksichtsvoll."
„Anfangs war es mir unmöglich ihren Worten zu glauben! Ich sollte seit Jahren eine Tochter haben, von der ich nichts wusste."
„So etwas kann passieren, wenn man sich unverbindlich mit Damen wie Zoes Mutter einlässt." Unruhe begann mich zu erfassen. Da war ein stetig nagender Druck tief in meinem Inneren und ich spürte, wie das Verlangen, Vergessen im Nebel meines Morphiums zu finden, mehr und mehr wuchs. Kopfschmerz begann hinter meinen Schläfen zu pochen. „Was immer Sie mir mit diesem Geständnis sagen möchten, Daroga, reden Sie es sich von der Seele und kommen Sie zum Punkt!"
„Eigentlich gibt es keinen ‚Punkt zu dem ich kommen könnte, Erik." Traurigkeit schwang in seiner Stimme. „Als ich sie sah, konnte ich eine augenscheinliche Ähnlichkeit nicht leugnen." In hilfloser Gese hob er eine Hand. Wie alt er geworden war... Die silbergrauen Strähnen in seinem Haar, die Falten um Augen und Mund, ließen ihm im Kaminfeuer so müde und vom Leben hart gefordert wirken, wie er zweifelsohne war. „Ich holte sie zu mir, in der Hoffnung, ihr einiges von den Werten vermitteln zu können, welche ich noch immer als mein persisches Erbe in mir trage, doch ich erreiche sie nicht. Vom ersten Moment an, hat sie sich widerspenstig und ablehnend verhalten, wollte nichts davon wissen, was das Verhalten einer anständigen jungen Frau angehet, was den Verlauf eines für sie angemessenen Lebens betrifft!" Nadir Khan senkte den Kopf. „Bei Allah! Sie ist meine Tochter! Und doch sind wir fremd, als würde uns nichts verbinden."
Fünf Minuten blieben mir noch, um das Gespräch zu einem unverbindlichen Ende zu führen und die Kutsche zurück zur Oper zu nehmen.
„Daroga..."
Ein Klopfen an der Tür schnitt mir das Wort ab, und stumm, unauffällig, wie man es von dem ernsten jungen Mann gewohnt war, trat Nadirs Diener ein.
„Was ist, Darius?" Ich wusste nicht recht, ob der Herr dieses Hauses erfreut oder verstimmt war, dass der Gesprächsfaden nun offenbar durchtrennt worden war. Er runzelte die Stirn und blickte auf das, was der hochgewachsene Mann mir nun entgegenhielt.
„Mein Morgenmantel", kommentierte ich schlicht und nahm den teuren Stoff an.
Der grimmige Blick, mit dem mich Darius bedachte, entging mir ebenso wenig wie jener Anflug von Misstrauen und Wut in Nadir Khans Stimme. „Und wie genau erklärt sich die Anwesenheit dieses Kleidungsstückes in meinem Haus?"
„Ganz einfach. Zoe trug ihn, als ich sie hierher brachte:"
„Was?" Mit einem Sprung war der wütende Daroga an meiner Seite und starrte feindselig auf das unsägliche Objekt der entstandenen Aufregung.
„Keine Sorge. Ich habe natürlich daran gedacht, ihre übrige Kleidung ebenfalls mitzubringen. Jedoch schien es mir unangemessen, Ihrer Tochter in schlafendem Zustand noch die Garderobe zu wechseln."
„Wie rücksichtsvoll!" Ein Schritt und Nadir Khan überwand jenen Abstand, der für gewöhnlich die unsichtbare Grenze zwischen zwei Menschen darstellt, welche einen respektvollen Abstand markiert. „Haben Sie Hand an Zoe gelegt, Erik?"
„Wenn
es so ist, dann tragen Sie wohl Ihren Teil der Verantwortung, das
Mädchen allein in den Katakomben zurückgelassen zu haben,
Daroga." Ich spürte, wie die Geschehnisse der Nacht, und das
Gefühl, in die Enge gedrängt zu werden, meine Hände
nervös zucken ließen. Ich kannte den Knoten, der sich in
meinen Eingeweiden zusammenzuballen begann nur zu gut... er hatte
viele Menschen das Leben gekostet... Meine Stimme stieg gepresst aus
der Kehle empor. Es kostete mich Mühe, jeden Gedanken an Angriff
aus meinem Kopf zu tilgen. „Mir steht der Sinn nicht länger
nach Diskussionen, Daroga! Ihre Tochter ist wohlbehalten
zurückgekehrt! Sie lebt! Das ist wohl mehr als die anderen sagen
können, die sich hinabgewagt haben an den Ort, an dem sie war."
Wütend wandte ich mich um, brachte ein gehöriges Stück
Abstand zwischen mich und die beiden Männer und riss die Tür
mit aller Kraft auf.
„Sorgen Sie dafür, dass es Zoe gut geht, Daroga. Glauben Sie mir... das wäre auch in Ihrem Interesse."
Meine Kutsche war bereits fort, und vor mir lag ein unangenehmer Heimweg.
Zoe
Ich war erst teilweise wieder bei Verstand, als ich auch schon, gegen heftigen Schwindel ankämpfend, aufsprang und zur Tür taumelte.
Mein Zimmer sollte verschlossen sein! Ich wollte niemanden sehen! Nicht den Betrüger, der mich wieder hierher gebracht hatte, nicht Nadir Khan und seine bohrenden Fragen und nicht einmal meine Zofe oder Darius.
Ich drehte den Schlüssel herum und ließ mich mit dem Rücken zur Tür auf den Boden hinab gleiten.
Meine klägliche Lage drohte mir abermals Tränen in die Augen zu treiben, doch diesmal kämpfte ich das brennen mit einem störrischen Schnauben nieder. Sie würden alle schon sehen, dass mich nicht einmal diese abgekartete Intrige, dieser bodenlose Vertrauensbruch in die Knie zwingen und klein bei geben lassen würden!
„Ich bin erleichtert, dich wieder so munter zu sehen, Zoe", dickflüssig sickerten mir gesprochene Worte zu Bewusstsein. Mein Kopf flog hoch – was mit heftig pochendem Stechen hinter den Schläfen quittiert wurde - und ich blickte direkt in Nadir Khans Augen, der vor mir in die Knie gegangen war. Offenbar hatte er an meinem Bett Wache gehalten und somit auch meinen gescheiterten Verbarrikadierversuch verfolgt.
„Fabelhaft", murmelte ich und spürte, wie trocken mein Hals war. Ich versuchte ruhig einzuatmen und das Kratzen zu ignorieren, doch ein plötzlicher Husten stieg in meiner Kehle auf und schüttelte mich mit solcher Heftigkeit, dass ich eine Hand auf den Mund pressen musste und beinahe das Gefühl hatte, zu ersticken
Instinktiv klammerte ich mich an den ersten Halt, der sich mir bot, und als meine Atmung allmählich wieder ruhiger wurde, erkannte ich dass Nadir Khan seine Arme um meine Schultern gelegt hatte.
Er stützte mich!
Seitdem ich diesen Mann getroffen hatte, waren wir uns nie so nahe gewesen. Und auch wenn diese tröstliche Geste einen Hauch von Ahnung in mir aufkeimen ließ, was väterliche Geborgenheit bedeutete, die ich nie gekannt hatte, machte sie mir gleichzeitig Angst.
Was war das für ein merkwürdiges, ruhiges Gefühl von Wärme, das sich dort in mir für den Daroga zu entwickeln drohte? Es verwirrte mich - es sollte verschwinden! Er sollte mich in Ruhe lassen!
„Hör auf mit dem Unsinn", brachte ich heiser hervor und löste mich entschlossen von meinem Gegenüber. Er machte ebenfalls keine Anstallten, weiterhin meine Nähe zu suchen.
Schleppend bewegte ich mich in Richtung Bett und ließ mich um Halt tastend auf der Kante nieder. Mein Kopf schien mir so schwer, dass ich ihn mit den Händen stützen musste.
Einatmen – ausatmen – ganz ruhig. Nur nicht wieder in einen Hustenanfall geraten.
„Hier."
Ein flüchtiges Aufblicken und ich sah ein Glas, das Nadir mir entgegenhielt. Misstrauisch nahm ich es entgegen. „Erik hat mich vergiftet... Ich hoffe doch sehr, dass ich dieses Mal wirklich nur Wasser gereicht bekomme."
Keine Reaktion – erstaunlich, wenn man bedachte, dass mein Sarkasmus ansonsten stets aufs Schärfste kritisiert wurde.
Gierig trank ich und seufzte innerlich auf angesichts der Frische, die meinen Körper sofort zu durchrinnen schien.
„Hör zu, Zoe", er sprach weiter, und schien seine Worte äußerst bewusst zu wählen. Offenbar sah ich mich dem verblüffenden Versuch seinerseits gegenüber, mir nach bester Möglichkeit entgegenzukommen. „Beinahe einen ganzen Tag lang warst du nicht bei Bewusstsein..."
‚Das war mir gar nicht aufgefallen', dachte ich hämisch, verkniff mir aber jede Äußerung, um abzuwarten, was er wohl noch vorzubringen hatte.
„Yvette hat sich sehr gut um dich gekümmert, doch als ich vorhin an deinem Zimmer vorbeikam und sah, wie sie dir die Stirn kühlte, wusste ich, dass etwas an dieser Situation nicht richtig war." Er räusperte sich, blickte scheinbar verlegen zur Seite. „Du bist trotz allem meine Tochter, und eigentlich, wäre es an mir gewesen, dir zur Seite zu stehen."
‚Trotz allem', stieß es mir auf.
„Ich wünsche, dass wir in Zukunft mehr Zeit miteinander verbringen, Zoe. Die Mahlzeiten werden wir gemeinsam einnehmen und uns vor dem Zubettgehen noch ein wenig austauschen."
„Und wenn ich nicht den Wunsch verspüre?" Merkwürdig... ich sollte so lange geschlafen haben und war immer noch müde. Meine Augen brannten und ich wollte nur meine Ruhe.
„Ich reiche dir die Hand. Es würde mich froh stimmen, wenn du sie annimmst."
Seine Stimme klang derart versöhnlich und zeigte keine Spur von Herausforderung, dass ich – wütend mit mir selbst, einwilligte. Doch ich war der festen Überzeugung, dass ich Nadir Khan noch weniger mochte, allein weil mich ein Anflug von Entgegenkommen derart schwach machte.
Erik
An jenem Abend, als ich seine Tochter das erste Mal gesehen, und noch nicht weiter beachtet hatte, war Nadir Khan kurz vorher so unverfroren gewesen, auf dieses Treffen zu bestehen. Und ich hatte in einem Anflug von nostalgischem Verpflichtungsgefühl eingewilligt
Nun stand ich also um elf Uhr nachts am Ufer des unterirdischen Sees – pünktlich, wie mir meine Taschenuhr verriet. Zum wiederholten Male heute Abend fragte ich mich, weshalb um alles in der Welt ich diesem absurden Arrangement tatsächlich nachkam.
‚Um ihn in Sicherheit zu wiegen', beteuerte mein Verstand.
‚Um vielleicht etwas über sie zu erfahren", flüsterte jedoch eine andere Stimme, tief in meinem Innersten.
Unbewusst hatte ich mir über den Arm gestrichen und zuckte kurz zusammen. Wieder ein Bluterguss! In den letzten Wochen waren meine Dosen schon beständig höher geworden, so dass es mir schwer fiel, eine geeignete Stelle für den Nadelstich zu finden. Doch seit der Begegnung mit Zoe vor zwei Tagen, machte mir noch zusätzlich eine dramatische Erhöhung der Morphiumdosis Gedanken.
Zweimal bereits hatte ich mich selbst ohne Maske auf dem Boden des Arbeitszimmers wiedergefunden. Im Rausch musste ich mich selbst dieses notwendigen Übels entledigt haben, ohne darüber nachzudenken – eine geschmacklose Nachlässigkeit, die mich geradezu mit Scham erfüllte.
Konnte es sein, dass dieses eine Ereignis, diese eine Nacht, mich den Schmerz meines gewählten Exils so deutlich vor Augen führte? Dass ich allein dadurch Gefahr lief, mich selbst über die letzte Grenze zu stoßen, die mich von ewiger Einsamkeit trennte?
Mit einem verächtlichen Schnauben, versuchte ich diese Grübeleien zu vertreiben. „Unfug!"
Es war kalt hier unten am Wasser und die feuchte, moderige Luft kroch mir durch die Glieder. Ich atmete tief durch, was ein leichtes Ziehen in der linken Brusthälfte bewirkte. Die allgemeinen Zipperlein, die jeder Mann meines Alters kannte. Wenn ich zurückkam, von diesem absurden nächtlichen Treffen, würde ich mich später eine Weile vor den Kamin zurückziehen und an den Noten des kleinen Violinenstückes arbeiten, das mir heute Morgen in den Sinn gekommen war.
Weitere fünf Minuten später – ich hatte mir gerade den Umhang enger um die Schultern gezogen und spielte mit dem Gedanken, einfach ins Boot zu steigen und mich auf den Heimweg zu machen – erschien die schlanke Figur des Daroga weit hinten im Dunkel eines Ganges.
„Ich dachte immer dass Pünktlichkeit zu Ihren wenigen stärken gehören würde", fiel meine Begrüßung schlicht aus.
„Ich wurde aufgehalten", in einer entschuldigenden Geste, neigte er den Kopf.
Als ob mich das interessiert hätte. „Nun, es war Ihre glorreiche Idee, wöchentlich meine ‚kriminellen' Schandtaten zu reflektieren, und so hatte ich zumindest damit gerechnet, dass sie beim ersten Treffen dieser Art den nötigen Respekt aufbringen, der einem Operngeist gebührt."
„Nun, Erik", mit einem Räuspern begann er. „Wie ich herausfinden konnte, sagt der neue Bariton Ihrem Geschmack wohl nicht zu... unter den Ballettmädchen geht das Gerücht um, dass er sich zum wiederholten Mal in den letzten zwei Monaten krank gemeldet hat. Offensichtlich erhält er in regelmäßigen Abständen Nachrichten, die ihm nahe legen, nicht aufzutreten..."
„Seien Sie froh, dass Sie diesen Mann noch nicht hören mussten, Daroga! Ganz Paris sollte dankbar dafür sein! Er glaubt seine Kolloratuhr derart zu beherrschen, dass er geradezu verschwenderisch damit umgeht! Was immer die Direktion annehmen ließ, diesen Mann nehmen zu müssen – ich fühle mich durch diese Wahl auf persönlicher Ebene angegriffen." Verächtlich wandte ich mich ab. „Lassen Sie uns diese unangenehme Sache so schnell wie möglich hinter uns bringen. Auch auf die Gefahr hin, Ihnen in Ihrer Ermittlertätigkeit vorzugreifen, zähle ich lieber mein Inerscheinungtreten auf., um nicht länger Ihrem kläglichen Rätselraten folgen zu müssen."
Er hob eine Augenbraue, als könne es nichts unter meinen Ausführungen geben, das ihn zu überraschen vermochte und ich schmunzelte im Schutz meiner Maske. Wir würden sehen. „Wir haben also die Empfehlungsschreiben an Monsieur Ismaél, den Bariton, des Weiteren eines an den Klarinettisten, dessen Fingersatz in letzter Zeit unter seiner wiederholtauftretenden Trunksucht gelitten hat. Außerdem bekenne ich mich schuldig, den kleinen Wasserschaden im Kostümfundus verursacht zu haben – doch ich hatte die Schneiderin mehrere Male gewarnt, nicht derart viel Purpur für die Kostüme in ‚Norma' zu verwenden!" Ich hielt kurz inne, um die Woche noch einmal gedanklich Revue passieren zu lassen. „Die Direktion erhielt einige Dankeszeilen für die pünktliche Zahlung und die gelungene Samstagabend Martiné und der Schließerin meiner Loge wurde für ihre wie immer umsichtige Sorgfalt eine Schachtel Pralinen zugestellt – diejenigen mit Cognac in Zartbitterschokolade, die schätzt sie besonders." Eine wegwerfende Handbewegung beendete meinen kleinen Bericht. „Oh, und ich mag verantwortlich sein für die Ohnmacht der ein oder anderen kleinen Ballettratte. Die üblichen vier von ihnen haben sich nämlich zum wiederholten Male mit zwei jungen Vicomtes in den Logen herumgetrieben."
Ich seufzte kurz voller Befriedigung, angesichts des schockierten Gesichtsausdruckes Nadir Khans.
„Wenn Sie mich nun entschuldigen würden, Daroga..." Über Zoes Befinden hatte ich nun nichts Weiteres gehört. Doch es wäre vermutlich auch empfehlenswerte, mich darüber persönlich zu informieren, anstelle auf Nadir Khan als Informationsquelle zurückzugreifen. Mit einem Kopfnicken wandte ich mich um.
„Erik!" seine Hand packte mich am Ärmel, und das war der Moment, in dem alles um mich herum in gleißend rotem Licht zu explodieren schien. Ich war nicht mehr in der Lage ruhig und überlegt meine nächsten Schritte zu bedenken.
„Ich warne Sie, Daroga!" Mein Hand schloss sich fester um seine Kehle, und ich spürte den wilden Herzschlag mit einem lange entbehrten Gefühl von Macht unter meinen Fingern. Leben und Tod, lagen noch immer in meiner Gewalt. Leben oder Tod dieses Mannes - eine Entscheidung, die ich ganz allein treffen konnte. „Ich denke mein Entgegenkommen ist für heute Abend ausgereizt! Sie schnüffeln in meinem Haus herum, haben sogar das Privileg bis hier her vorzudringen, und verlangen noch immer nach mehr? Wagen Sie es ja nicht! Auf diesem Fleckchen von Paris, haben Sie rein gar nichts zu verlangen! Es liegt alles in meiner Macht! Hören Sie, Daroga? Meiner Macht!"
Kleine Schweißperlen – ich konnte sie unter der Maske meine Haut herabrinnen spüren. Adrenalin schoss in ungebremster Konzentration durch meine Adern. Ich wollte, dass etwas geschah, ertappte mich selbst bei dem Wunsch, Nadir Khan könnte sich wehren, gewaltsam versuchen sich loszureißen, so dass ich dem glühenden Verlangen in meinem Innersten nachgeben konnte - in fester Überzeugung, dass ich lediglich handelte, um mich und meine Geheimnisse zu schützen.
Mein Griff wurde fester, immer fester. Doch nichts setzte man mir entgegen, als einen unbeirrten, starren Blick – Ruhe, Gelassenheit. Es war das Fügen in ein Schicksal, dessen Verlauf dieser Mann nun vollkommen aus seiner eigenen Verantwortung gab.
Schwindel erfasste mich – alles schien undeutlich vor meinen Augen zu werden, alles verschwamm. Es schien mir beinahe als würde die Blutgier mit jedem Ausatmen weiter aus meinem Körper weichen, bis sie langsam, ganz langsam vollkommen abebbte.
Mit einem Stoß löste ich mich von Nadir Khan und wandte mich abermals von dieser Szenerie ab. Meine Hände zitterten, als ich mich daran machte, das Boot abzutäuen. „Ihre unsägliche Passivität rettet Ihnen dieses eine Mal wohl das Leben, Daroga!"
„Sie hätten mich nicht getötet, Erik." Aus seinen abgehackten Atemzüge schloss ich, dass er die Hände auf seine Knie stütze, um zu Luft zu kommen. „Sie haben mir das Versprechen gegeben, nicht mehr aus Willkür zu töten, nur noch aus Notwehr. Und wir beide wissen, dass dies noch nicht der Wendepunkt aller Geschehnisse ist, an dem ich zu Ihrem Feind werde."
„Wissen wir das?" Dieser Narr hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wie nahe er diesen Abend davor gestanden hatte, vor das Angesicht seines Schöpfers zu treten. „Gehen Sie Heim, Daroga."
„Werden Sie nächste Woche wieder hier erscheinen?"
Ich konnte nicht leugnen, dass seine Beharrlichkeit mir zu imponieren begann – wenn sie auch von einem gewissen Maß überheblicher Dummheit zeugte.
„Mit dem allergrößten Vergnügen." Ich sprang geübt auf die Planke und trieb das Boot mit einem kräftigen Riemenstoß ab. „Bestellen Sie Zoe meinen Gruß", konnte ich gerade noch zurückhalten zu sagen.
Zoe – ein Name, der einen Sturm der widersprüchlichsten Gefühle in mir auslöste... und da wusste ich, was mich heute Nacht noch erwarten würde.
Ich wartete zwei Stunden – genügend Zeit für Nadir Khan, um nach Hause zu gelangen, einzuschlafen und mich nicht bei meinen Plänen zu stören.
Immer wieder schalt ich mich selbst einen Dummkopf, der ganz genau wusste, wie töricht sein unerklärbares Interesse an diesem Mädchen war, doch all das hielt mich nicht davon ab, im Schutz der Finsternis meinen Weg entlang der einsamen Häuserschluchten zu suchen und schließlich vor einer unscheinbaren Wohnung, die sich durch nichts von all den anderen aneinandergereihten Gebäuden unterschied, zum Stehen zu kommen.
Schnell hatte ich die kleine Treppe gefunden, nach der ich Ausschau gehalten hatte, und zwei geübte Handgriffe später, stand ich in der dunklen, im Keller gelegenen Küche.
Das ganze Haus lag in vollkommener Stille, und es kostete mich nicht viel Zeit, leise nach oben zu gelangen, auf jenen Flur, wo die Schlafzimmer gelegen waren.
Einige große Türen zweigten von hier aus ab. Da hinter einem leises Schnarchen zu vernehmen war und zwei weitere von ihnen lediglich zu dunklen Zimmern ohne erkennbare Funktion führten, griff ich abermals zu meinem Werkzeug, um die letzte verbleibende Tür zu öffnen.
Himmel, was tat ich hier nur?
Zoe
Begierde aus der Ferne -
Traumgelebter Schein
Verlangen, brennend' Sehnsucht
nur Leere, Nacht wie Tag
Ahnung deiner Wärme
Einsam nicht allein
Erlösung die mich ruft?
Stille, tief in meinem Grab...
Jemand sang.
Irgendwo zwischen Schlaf und Wachheit atmete ich tiefer ein.
Vielleicht konnte ich es so schaffen, alles in mich aufzunehmen, was da an wundersamen Zauber um mich herum geschah.
Es war ein Gefühl, als hätte ich die Erfahrungswelt verlassen, welche mich mein Leben lang begleitet hatte. Hier, wo ich nun war, umhüllte mich eine leise Stimme - so wunderschön, traurig und klar, dass ich wusste, sie konnte nicht menschlich sein. Wie ein Schleier aus Seide legte sich diese Stimme mir auf Seele und Haut, streichelte mich, küsste mich, liebkoste mich.
Ich wollte die Arme ausstrecken, nach der Quelle dieser wohlig samtenen Geborgenheit greifen, doch ich hatte Angst, den Bann zu brechen und einfach nur wach und allein in meinem Zimmer zu mir zu kommen.
Hoffentlich würde ich nie mehr erwachen.
„Geh nicht", glaube ich mich sagen zu hören, als ich spürte, wie die warme Stimme sich zu entfernen drohte. Dann strich etwas mit unendlich Sanftheit über meine Lippen.
„Geh nicht...", sank ich wieder in die Dunkelheit.
Ein angenehmer, schwacher Duft lag in der Luft, als ich mich viel später endgültig aus der Umklammerung des schläfrigen Dämmerzustandes löste. Ich konnte nicht genau sagen, was meine Nase hier so ungewohnt und doch mit Vertrautheit wahrnahm.
Schwaches Licht fiel durch die schweren Vorhänge und ich sah mich konfrontiert mit dem vertrauten, bedeutungsleeren Zimmer.
Etwas hatte heute Nacht ein unglaubliches Gefühl von Verlust zurückgelassen. Ich war ganz nah herangelangt an das Gefühl von Erfüllung und Zufriedenheit, nach dem ich mich ein Leben lang gesehnt hatte – und nun war es fort. Ich war ganz allein, wie ich es eigentlich immer gewesen war.
Langsam setzte ich mich auf, zog die Knie bis unters Kinn und schlang die Arme herum. Nachdenklich starrte ich auf die weißen Laken.
Weiße Laken... ein großes Bett... ungeahnte Gefühle... Erik.
Warum tauchen nun ausgerechnet Bilder von jener Nacht vor meinem inneren Auge auf, von jenem Verrat? Und warum fühlte ich mich bei diesen Gedanken nun nicht mehr so elend und hinters Licht geführt, wie jedes andere Mal seit es geschehen war?
„Mademoiselle Zoe?" Ein Klopfen an der Tür ersparte mir weitere fruchtlose Grübeleien. „Yvette ist krank und Ihr Vater hat mich geben, mitzuteilen, dass das Frühstück in einer halben Stunde bereitsteht."
„Danke, Darius. Sag ihm..." während ich das Laken zurückschlug und gerade im Begriff war, die Beine über den Rand des Bettes zu schwingen, fiel mein Blick plötzlich auf etwas, das mir den Atem stocken ließ.
„Ist etwas nicht in Ordnung, Mademoiselle?"
„Doch, doch... ich werde gleich da sein, Darius." Meine Hand berührte die edle, weiße Rose so vorsichtig, wie ich es kaum von mir gewohnt war. Natürlich konnte ich die Zartheit der Blütenblätter unter meinen Fingerspitzen spüren! Hatte ich etwa erwartet, dass sie sich in Luft auflösen würde, wie der Überrest eines Traumes?
Eine weiße Rose... wie seltsam. So etwas hatte ich noch nie gesehen.
Zögernd hob ich sie auf.
Die Erinnerung brachte meine Haut zum Prickeln, und so – wie um eine kaum auszusprechende Ahnung zu überprüfen - ließ ich die üppige Spitze weich über meine Lippen gleiten.
Ja...
Meine Augen flogen zu.
Da war es wieder, das Gefühl von letzter Nacht...
Beinahe konnte ich die Stimme, diese wundervolle Stimme, wieder hören.
„Begierde aus der Ferne -
Traumgelebter Schein"...
Immer weiter folgte ich selbst nun der Spur, die diese Blume vergangene Nacht unsichtbar auf meiner Haut hinterlasen hatte. Ich strich über meinen Hals, atmete schwerer, als das Pochen meines Herzens lauter und lauter wurde.
Ja...
Die zärtliche Berührung war überall, wanderte am Ausschnitt meines Nachthemdes entlang, liebkoste die bloßen Arme, fuhr ohne wirklichen Kontakt die Konturen meiner Haut unter dem Stoff nach.
„Geh nicht..."
Keuchend riss ich die Augen auf und mit einem Wurf schleuderte ich die Rose von mir.
Was war heute Nacht mit mir geschehen?
„Nein", in Gedanken immer noch bei ganz anderen Dingen, schüttelte ich den Kopf. „Im Internat hat eine Musikklasse einmal einige Lieder vorgetragen, aber eine richtige Oper habe ich noch nie gesehen."
Lustlos nahm ich einen weiteren Bissen Toast und spülte ihn mit Kaffee herab. Hunger hatte ich keinen. In meinem Magen hatten sich zu viele Sorgen und undefinierbare Gefühle zusammengefunden, denen die Gesellschaft einer eintönigen, trockenen Mahlzeit nicht unbedingt gut bekam.
Nadir pflegte jeden Morgen nichts als eine dampfende Tasse würzig duftenden Tee zu sich zu nehmen. Vielleicht sollte ich Darius darum bitte, mir auch eine zu bringen.
Ich wandte den Kopf, doch scheinbar war er bereits in die Küche zurückgekehrt. Wie beschäftigt er stets war... Eigentlich kümmerte er sich allein um den Haushalt. Außer der Tätigkeit einer kleinen Putzkraft, fiel vom Kochen, bis zum Einkauf alles in seinen Aufgabenbereich. Die Zofe, welche der Daroga eigens für mich ins Haus geholt hatte, kam lediglich morgens um mir bei der ein oder anderen Sache zur Hand zu gehen. Lediglich in den Tagen, nach meinem Aufenthalt in den Kellergewölben, war sie länger geblieben.
„Dann wird es heute Abend ganz bestimmt ein besonderes Erlebnis sein, Zoe." Ein leises Lächeln umspielte die Züge meines Vaters. Er faltete die Hände und sah mich über die Entfernung einer Tischlänge prüfend an. Ich hatte es von Anfang an vorgezogen, nicht an seiner Seite, sondern am anderen Kopf der Tafel Platz zu nehmen. „Ich hoffe doch, dass deine Schule dir die nötigen Benimmregeln beigebracht hat, nicht wahr?"
Ein Hauch von Spott umspielte meine Lippen. „Ich denke durch wirst keinen Punkt der Beanstandung finden." Mathematik, Handarbeiten und Zeichnen waren nie unbedingt meine favorisierten Unterrichtsfächer gewesen, doch wenn ich aus der Zeit im Internat etwas behalten hatte, dann waren es die oftmals schmerzvollen Lektionen was Etikette, korrektes Auftreten zu gesellschaftlichen Anlässen und die hierbei gebotenen zurückhaltende Koketterie betraf.
Sicherlich wäre Monsieur Volteriés Rohrstock noch so manches Mal mehr zum Einsatz gekommen, hätte er geahnt, dass wir Mädchen neben Tanzschritten, Konversationsfloskeln und Tischmanieren hauptsächlich Interesse an den Erzählungen unserer älteren Mitschülerin gehabt hatten. Besonders Niannes Ausführungen genossen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit und erlaubten uns einen Blick hinter die steife Fassade. Ihre Mutter war eine Concierge in der Opera de Bastille, und hatte von heimlichen ‚Tête-à-tête galantes' in den Logen bis hin zu dekadenten Feiern wo sich die Creme de la creme der Pariser Gesellschaft überaus ausgelassenen Vergnügungen hingab.
Ich weiß, was ich zu tun und unterlassen, was ich zu sagen und worüber ich zu schweigen habe. Da du meine Garderobe ausgesucht hast, wird wohl etwas passendes darunter zu finden sein."
Ein einverständiges Nicken war vorerst die einzige Reaktion meines Gegenübers. „Ausgezeichnet. Wir werden gegen sechs Uhr Abends aufbrechen. Sag Darius, falls du noch etwas benötigst und sei pünktlich." Irgend etwas in seinem Blick schien sich zu verändern. Die Nachdenklichkeit, welche sich plötzlich auf seinen Zügen widerspiegelte, machte mich stutzig. Scheinbar war Darius durch die Tür hinter mir getreten, und der stumme Verständigungswechsel der beiden endete mit einem angedeuteten Kopfneigen Nadir Khans. „Wenn du mich nun bitte entschuldigen würdest, Zoe..."
„Natürlich." Was hatte er nur?
Unter dem Vorwand, mich völlig auf das Leeren der Kaffeetasse und nicht auf das kurze, auf Persische geführte Gespräch zu konzentrieren, wartete ich bis mein Vater das Zimmer verlassen hatte.
„Ich habe zwar kein Wort verstanden, Darius, aber irgend etwas stimmt doch nicht, oder?"
Die schlanken, gebräunten Hände, die mit jahrelanger Geübtheit alle nötigen Griffe verrichteten, um in der kleinen Küche Ordnung zu schaffen, hielten kurz inne.
„Kommen Sie schon, Darius", ich machte den Versuch, ihn mit einem Lächeln aus der Reserve zu locken. „Natürlich sollen Sie sich nicht in Schwierigkeiten bringen, weil Sie mir zuviel anvertrauen, aber ich habe das Gefühl es handelt sich diesmal..."
„Heute Nacht war jemand im Haus, Mademoiselle." Ich fühlte seinen kritischen Blick, der mich nicht losließ. „Die Person ist direkt durch die Kellertür gelangt. Sie stand heute Morgen noch offen. Scheinbar hatte man sich nicht die Mühe gemacht, alle Spuren des Eindringens zu beseitigen. Mein Herr hat nicht feststellen können, dass etwas gestohlen oder beschädigt wurde..."
Mein Herz schlug schneller und schneller.
„Seltsam, nicht wahr?" Darius hatte sich nun mit beiden Händen auf den Tisch gestützt und betrachtete mich auf eine Art und Weise, die mir deutlich machte, was ich schon lange ahnte: nichts was hier im Hause vor sich ging, konnte ihm in seiner Sorge und Loyalität für meinen Vater entgehen. Doch wieviel wusste er wirklich?
„Ja, seltsam", erwiderte ich hastig und hoffte, dass meine Wangen nicht so glühend rot waren, wie sie sich anfühlten.
„Zoe", seine Stimme, warm und leise drang zu mir durch, gerade als ich mich gedanklich schon auf der Fluch in den Schutz meines Zimmers befand. „Ihr Vater hat sicher genauso eine Ahnung, wer dieser Eindringling war, wie ich sie hegen."
„Dann melden Sie Ihren Verdacht doch der Sûtere." Hoffentlich wirkte mein nervöses Lachen überzeugend genug. Nicht dass ich mich für das schämte, was da heute Nacht vor sich gegangen war, doch gedanklich hatte ich die abermalige Begegnung mit Erik – dem großen Schatten, der nun über mir schwebte – noch nicht ausreichend verarbeitet. „Ich werde mich lieber noch eine Weile zurückziehen, ehe ich mich heute Abend ungewohnten musischen Verpflichtungen hingebe. Waren Sie schon einmal in der Oper, Darius? Kaum zu glauben, das ist also das erste Mal, dass mein Herr Vater sich mit mir ins Licht der Gesellschaft wagt..."
Ich konnte den jungen Mann nicht eine Sekunde von dem ablenken, was scheinbar noch immer seine Gedanken bestimmte, und als er dann plötzlich verschämt zu Seite blickte, wortlos etwas aus den Falten seiner Tunika nahm und es mir reichte, wurde geradezu schwindelig.
„Ihr Zimmermädchen wollte sie wegwerfen. Sie hat sie wohl in Ihrem Zimmer gefunden, Mademoiselle... Nicht viele wissen es, aber in Persien, haben weiße Rosen eine ganz besondere Bedeutung: Es heißt, sie seien Ausdruck von heimlicher Liebe, die unmöglich Erfüllung finden kann - Begierde, die unerfüllt bleibt – Bewunderung, die nur aus der Ferne existieren kann." Es war nur kurz, dass unsere Hände sich mit sanftem Druck berührten, und ich spürte, wie Darius sich seiner mangelnden Distanz sofort bewusst wurde, und sich mit einem Ausdruck des Bedauerns abwandte. „Passen Sie heute Abend in der Oper auf sich auf, Zoe. Dort treibt sich ein Geist um... der Geist eines früheren Todesengels."
Erik
Mäzene – nicht mehr als ein nötiges Übel um der Oper die benötigten Finanzen zukommen zu lassen!
Doch gehen sie zu weit, kann auch ihr Reichtum nicht die Schlinge lösen, die ich noch um so manchen Hals zu legen gedenke!
Und gerade jetzt kocht eine Wut in mir, die nur auf eine Art und Weise zu besänftigen war.
„Bringen Sie diesmal nach der Vorstellung nicht nur die Elfjährige, sondern auch ihre ältere Schwester", äffte ich den schnarrenden Tonfall Comte de Chassevents nach, und stieß den Riemen mit aller Kraft in das dunkle Wasser. „Mein Sohn soll bei der ersten Erfahrung dieser Art, kein wimmerndes Kleinkind vor sich haben!"
Es ekelte mich mit welch ungerührter Bereitwilligkeit Clairent, der Ballettmeister, bei Übergabe einiger Scheine seine Zusage zu diesen geschmacklosen Gepflogenheiten gegeben hatte.
Diese Verfehlung konnten selbst seine beachtlichen Choreografien nicht mehr ausgleichen! Ich würde mich so schnell wie möglich um seine Entlassung kümmern. Meine Oper sollte nicht zu einem Bordell verkommen!
Auch wenn ich wusste, dass es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein war, und ich unmöglich jede moralisch bedenkliche Handlung dieser Art unterbinden konnte, fühlte ich mich als Zeuge dieses Gespräches dazu verpflichtet, wenigstens heute Abend einzugreifen.
„Keine Sorge, Monsieur le Comte. Der einzige, der heute Abend wimmern soll – sind SIE!"
Eine Stunde bevor die Vorstellung beginnen sollte, betätigte ich den Hebelmechanismus und glitt in den Schatten meiner Loge.
Aus Zuschauersaal und Orchestergraben drang mir die gewohnte Mischung gedämpfter Konversationen und Feineinstimmung der Instrumente entgegen. Die warme Atmosphäre der beginnenden Darbietung beflügelte mein Gemüt ebenso wie jene höhnische Vorfreude auf die drohenden Unannehmlichkeiten, von denen ein ganz bestimmter Gast dieses Hauses noch nichts ahnte.
Obwohl meine Gedanken mit Anderem beschäftigt waren, nahm ich - ehe ich mich setzte – wohlwollend das bereitgelegte Programmheft zur Kenntnis. Gute Madame Giry, sie würde sich sicher freuen, wenn sie ihre kleine Tochter heute Abend als ‚premiere danseur' auf der Bühne sehen könnte...
Das Licht im Saal erlosch und die Overtüre erklang.
Genussvoll lächelnd schlug ich die Beine übereinander und nahm eine entspannte Sitzhaltung ein. Entgegen aller anderen Blicke im Saal, konzentrierte sich meine Aufmerksamkeit jedoch nicht auf ‚Carmen', sondern lag ganz bei der Loge schräg mir gegenüber. Wie selbstzufrieden der Monsieur le Comte noch wirkte. Voller Stolz brüstete sich der feiste Kahlkopf mit dem hübschen jungen Sohn neben sich, für den er an diesem Abend doch eine ach so große Überraschung geplant hatte. Es würde in der Tat eine Überraschung werden...
Der erste Akt war zufriedenstellend, hier und da fielen meinen geübten Ohren noch Unsicherheiten in Stimme und Musik auf, doch die würden sich erfahrungsgemäß nach dezenten Hinweisen auf Verbesserung erübrigen. Im zweiten Akt fühlte ich mich angenehm vom Solo der ersten Geige überrascht. Er hatte in den vergangenen Monaten erhebliche Fortschritte gemacht – seit ihm nahegelegt worden war, seine Hände lieber am Instrument zu üben, als beim Kartenspiel mit den Bühnenarbeitern.
Noch eine Viertelstunde bis zum Vorstellungsende. Nun konnte meine Inszenierung beginnen.
Hinter meinem Opernglas genoss ich die Geschehnisse.
Auftritt Jules Bernard – gekleidet im Livree des Saalpersonals. Die Übergabe meines akkurat verpackten Geschenkes an den Comte de Chassevents erfolgt komplikationslos und Jules tritt ab.
Meine tragisch-komische Hauptfigur fragte sich natürlich, wer ihm diese unerwartete Aufmerksamkeit zukommen ließ und auch sein Sohn lehnte sich mit einem Ausdruck von Neugier herüber, um genau zu beobachten, während der Comte die Verschnürung um jene Schuhkartongroße Pappschachtel löste.
Nur zu, Monsieur le Comte... sie haben es nicht anders gewollt.
Sein Gesicht verzog sich in Ekel und um die Blässe auf den Zügen zu erkennen hätte ich nicht einmal das Opernglas benötigt. Doch so konnte ich noch mehr Details seiner Empörung mitverfolgen und lächelte voller Genugtuung wie die Farbe der aufgeplusterten Wangen sich von weiß zu puterrot entwickelte und er wütend nach Luft schnappte. Sein erschrockener Sohn sprang auf und endlich schleuderte der Graf die Schachtel fort. Das Poltern des Kartons auf dem Logenboden verblasste freilich vor der herrlichen Kulisse meines Orchesters, doch auch so, konnte ich mir nur zu lebhaft das beleidigte Quietschen der beiden Tierchen vorstellen, welche den Herrschaften nun um die Füße sprangen.
Meine beigelegte Botschaft würde deutlich sein: „Dies sind die einzigen ‚Ballettratten', die Ihnen heute Abend Gesellschaft leisten werden, Monsieur le Comte. Für alle weiteren Bedürfnisse suchen Sie ein Bordell oder die Huren im Bois du Boulogne auf, nicht die Oper."
Ich stand langsam auf und lächelte genüsslich. Zwei weitere Schauplätze erwarteten mich und ich beabsichtigte, alles aus erster Reihe mitzuerleben.
Zoe
Schon im Vorraum hatte ich gemerkt, wie man einen Bogen um Nadir und mich machte. Eine Dame hatte es sogar für nötig gehalten, beim Anblick meines Begleiters ein abergläubisches ‚Der Perser mit dem bösen Blick' zu flüstern dem eine Bekreuzigung folgte. Welch ein Unsinn!
Sogar um mich schien man einen Bogen zu machen, bloß weil ich die Begleiterin dieses Mannes war!
Energisch meinen Fächer benutzend, ließ ich mich mit hocherhobenem Kopf nieder und beschloss, mir diesen Abend in Freiheit dennoch nicht verderben zu lassen.
Tatsächlich trug die Vorstellung meine Gedanken weit davon und für ein paar Stunden hatte ich das Gefühl mich mit einer Welt beschäftigen zu können, die nicht mit der zusammenhing, in welche ich am Ende des Abends wieder zurückkehren müsste.
Doch schließlich war auch der letzte Vorhang gefallen...
Als wir aus den Sitzreihen traten, und der riesige Strom von Menschen sich laut plappernd zur Haupthalle drängte, fühlte ich mich abermals unwohl. Vergessen schienen für alle anderen die Vorstellung und sogar die herrlichen Hallen, in denen sie heute Abend umher gehen durften nahmen sie nur als ihre höchst eigene Kulisse hin.
Wie konnten sie sich lieber im Schein ihrer Eitelkeit sonnen, als angesteckt von der prachtvollen Atmosphäre und dieses Meisterwerk von Baukunst und Zierde bewundernd den Ausklang eines angenehmen Abends zu genießen?
Überall schienen Damen und Herren mit Ausstaffierung, Rang und Namen oder wenigstens Lautstärke während unnötiger Konversationen beeindrucken zu wollen.
Verstohlen blickte ich mich um. Auch wenn mein weinrotes Taftkleid und das samtene Kropfband mir vorm Spiegel in der Rue de Rivoli wunderschön und festlich erschienen waren, musste ich doch einsehen, dass ich unter all den Pfauen nicht mehr als ein kleiner Spatz war. Ich zuckte die Schultern. Wenigstens beachtete man mich somit kaum und ich hatte die Gelegenheit, mich in Ruhe an den wunderschönen Deckenverziehungen, den marmornen Säulen und spiegelverzierten Wänden freuen.
„Es hat dir gefallen, Zoe?" drang plötzlich eine Stimme zu mir durch - angenehm zurückhaltend und nicht so unangenehm aufgeregt, wie all die anderen Unterhaltungen um uns herum. Zum ersten Mal fiel mir die Ruhe auf, die von Nadir Khan ausging. Er war neben mir am Geländer der Haupthalle zum Stehen gekommen und betrachtete den Publikumsstrom unter uns, der sich langsam die Treppe hinab bewegte.
„Für meine Begriffe war die Vorstellung ein wenig zu pompös. Lieber hätte ich allein die Musik genossen, ohne Gesang und Ausstattung", ich unterbrach mich kurz und ließ meine Augen über den Raum wandern. „Doch dieses Gebäude ist so überwältigend, dass ich es am Liebsten niemals im Leben mehr verlassen möchte. Es würde sicher Jahre in Anspruch nehmen, um all die fein gestalteten Details zu sehen."
„Wirklich alle Details, kennt wohl nur ein Mensch allein..." Die Antwort meines Vaters wurde von einem lauten Schrei unter uns gestört, der bald ein vielfaches Echo fand. Es war weniger Angst, mehr Überraschung und Empören, welches die Operngäste anstachelte, als plötzlich ein Regen aus weißen Zetteln aus dem Nichts auf alle niederging.
Erstes Gelächter machte sich breit, als man las, welch geheime Botschaft hier die Runde machte.
Operngeist, immer wieder das selbe Wort.
Mein Hände schnellten vor und ehe der Blätter regen von oben immer weniger wurde, packte auch ich zu und las nun laut: „Die Leidenschaft des Comte de Chassevents gilt dem Ballett – ganz besonders den minderjährigen Ensemblemitgliedern. Allen anderen Herren, die Interessen dieser Art hegen, rate ich, ihnen nicht in diesen Hallen nachzukommen. Es wird Ihnen nicht gut tun . Ihr ergebener Diener, OG."
„OG?" verwirrt ließ ich den Zettel sinken. „Was soll das alles..:?"
„Geh zur Kutsche, Zoe. Und sag Darius er soll wach bleiben, bis ich nach Hause komme."
Ich
hatte nicht einmal mehr die Gelegenheit mich zu empören, den
schon war Nadir Khans Gestalt aus meinem Blickfeld verschwunden. Hier
in der Menge war es unmöglich ihn so leicht wieder zufinden.
Er
hatte doch wohl selbst nicht erwartet, dass ich so einfach zu
verscheuchen wäre... was mochte hier vor sich gehen?
Operngeist... das klang faszinierend!
Erik
Eine halbe Stunde lang hatte ich von meinem Versteck aus das Gefühl des Triumphes über den dekadenten Werteverfall in diesen heiligen Hallen ausgekostet - ehe ich schließlich aufbracht, um die letzten Formalitäten für heute zu erledigen und danach in meine Wohnung zurückzukehren.
Ich rieb die Hände und beschleunigte meine Schritte.
Was für ein Abend! Alles war exakt nach meinen Vorstellungen verlaufen. Und das beschämte Gesicht des Comte, das sich unter den entrüsteten Augen der Menschenmenge noch röter verfärbt hatte, als er hastig das Operngebäude verließ, war eine zusätzliche Entlohnung gewesen.
Meine Beglückwünschung zu diesem vortrefflichen Abend auf dem Schreibtisch des Direktionsbüros zu hinterlassen, war ein rein routinierter Akt. Niemand war anwesend. Wahrscheinlich konzentrierte man sich immer noch darauf, unter den empörten Herrschaften die Wogen zu glätten – wobei ich den Entschluss fasste diejenigen Herrn besonders im Auge zu behalten, die sich am meisten ereiferten. Ich war mir im Klaren darüber, dass Comte de Chassevents nicht der einzige Mann war, der sich den Ballettmädchen in dieser Weise zu nähern suchte.
Umso mehr stieg meine Wut auf Clairent den Ballettmeister! Ich würde bei seinem Nachfolger auf eine Kraft bestehen, die sich sowohl der Künstlerischen als auch moralischen Verantwortung den kleineren Mädchen gegenüber bewusst war.
Der allgemeine Tumult, den meine fliegenden Botschaften ausgelöst hatten und die üblichen Feierlichkeiten unter Ensemble und Gästen am Ende einer erfolgreichen Vorstellung hatten die Requisitenkammern, Probenräume und hinteren Garderoben schnell geleert.
Und so war ich gegen halb Zwölf auf dem Weg meine letzte Aufgabe zu erfüllen. Die Augen wachsam durch den letzten Flur streifen lassend, griff ich mit der linken Hand in die linke Brusttasche meines Umhangs. Seine Entlassungspapiere wären das erste, was dem Herrn Ballettmeister gleich morgen in seinem kleinen Büro hinter den Garderoben der Künstler erwarten würde...
Hektische Schritte...
Verschlucktes Keuchen...
Jemand, kam in großem Tempo den Gang entlang auf mich zu.
Meine Muskeln spannten sich an.
Die Person war zu schnell – ihr auszuweichen nicht mehr möglich.
Ich senkte den Kopf und wandte mich ein wenig zur Seite. So würde meine Maske im schummerigen Licht nicht auf den ersten Blick zu erkennen sein.
Entweder würde gleich jemand in großer Eile vorbeistürmen, ohne mich weiter zu beachten, oder...
Die Hand, welche eben noch das Papier eines Briefumschlages ertastet hatte, wanderte tiefer zu meiner rechten Hüfte. Ich kam nie nach oben, ohne bewaffnet zu sein.
Wachsamkeit und Anspannung durchfluteten mich. Ich spürte den schwachen Hauch von Erregung, der mich stets begleitet hatte, wenn ich ahnte, dass zu Töten mein einziger Ausweg war.
Ruhig.
Ganz ruhig.
Gleich würde jemand aus den Schatten auftauchen...
Ein Ruck durchlief meinen Körper und als hätte ich mich verbrannt löste sich meine Hand vom dünnen Seil des Punjablassos und griff nach dem kleinen weißen etwas, das gerade gegen meine Beine geprallt und auf den Boden zurückgefallen war.
Das Schluchzen des kleinen Mädchens ließ mein Blut erstarren.
„Ist alles in Ordnung, ma petite?" Ich versuchte so leise wie möglich zu sprechen, mich nicht hastig oder unüberlegt zu bewegen, um das kleine Ding nicht noch mehr zu ängstigen.
Offenbar hatte ihr jemand übel mitgespielt.
Während sie sich mühsam hoch rappelte, meine dargebotene Hand ignorierte und auch nicht wagte, mich direkt anzusehen, überzeugte mich ein prüfender Blick vom Zustand des Mädchens - etwa 12 Jahre alt, aschblonde Locken, die zu einem wirren Pferdeschwanz gebunden waren, zierliche Ärmchen und Beinchen die unter einem Meer von weißem Tüll erbarmenswert verloren wirkten. Eine Site ihres Gesichts war rot und begann bereit anzuschwellen. Die Oberarme wiese deutliche Spuren auf, dass man grob nach ihr gefasst hatte.
Die unappetitlichen Worte des Comte klangen mir in den Ohren: „Bringen Sie diesmal nach der Vorstellung nicht nur die Elfjährige, sondern auch ihre ältere Schwester."
„Wo sind sie?"
Auf meine Frage hin deutete das kleine Mädchen auf genau den Raum am Ende des Ganges, den ich erwartet hatte.
Clairent!
„Geh zum Foyer de la danse. Maguerite... Meg Giry und ihre Mutter sind noch dort." Das war im Moment der sicherste Ort der mir einfiel. „Geh, deine Schwester kommt gleich nach", forderte ich die Kleine noch einmal auf, die den Kopf weiterhin gesenkt hielt. Ich fragte mich, ob meine Worte überhaut durch den Schleier von Verstörtheit drang, der sie umgab. Doch wie auf ein unsichtbares Zeichen hin, löste sich auf einmal ihre Starre und sie lief so schnell ihre kleinen Beine es zuließen los.
Es galt keine Zeit zu verließen. Vor irgendwo her ertönte Lärm - ein leiser, unterdrückter Schrei, gefolgt von einem Poltern.
Noch während ich rasch die letzte Distanz zum Büro des Ballettmeisters überwand, ergriff ich das Punjablasso, holte es hervor und trat schließlich ohne Umschweife durch die Tür.
Sie war nicht verschlossen und so verursachte ich kein Geräusch.
Ein Paravent teilte das Zimmer in zwei Bereiche: eine kleine Büroecke, auf deren Schreibtisch sich unordentliche Berge von Papier und eine dem Sterben begriffene Pflanze befanden, und ein Zweiter Raumteil, der noch abgeschirmt war.
Eine flüsternde Stimme belästigte meine Ohren auf geschmackloseste Art und Weise.
„Nun verstehst du endlich, dass ihr niemandem davon erzählen dürft, nicht war, ma petit puce?"
„J...ja... Monsieur. Nein! Bitte... bitte!" Ein mitleiderregend schwaches Stimmchen flehte ihn an.
„Sei still! Gibt dir lieber Mühe, mich für die verlorenen 20 Goldfrances zu entschädigen... au! Du kleine Hure! Da! Das hast du von deiner Unfolgsamkeit!"
Er musste hartzugeschlagen haben, denn keine Erwiderung erklang. Zwei Schritte trugen mich an den Ort des Geschehens hinter dem Sichtschutz.
Das Bild, welches sich mir bot, bewirkte zwei Dinge. Zum einen drehte sich mir der Magen um, angesichts des bewusstlosen Kindes, welches mit zerrissenem Tüllrock und einer blutigen Platzwunde an der schneeweißen Schläfe vor dem schlaksigen, Mann – der gerade im Begriff war, sich an ihr zu vergehen - auf einer dunkelgrünen Chaiselounge lag. Zum anderen senkte sich ein blutroter, dickflüssiger Nebel über alles, was ich tat und sah.
Wut... überwältigende Wut pulsierte wie ein heißer Lavastrom durch meine Adern.
Ich hörte keines der gewimmerten, Fadenscheinigen Ausflüchte des Mannes, die erst verstummten, als ich ohne ein Wort zu verlieren auf ihn zu schoss, das schmale Seil aus Katzendarm 1um seinen knochigen Hals schlag und so mit aller Kraft zuzog. Nüchtern vermutete ich, dass sich morgen dünne Spuren von Quetschungen auf meinen Händen zeigen würden, doch dieser Gedanke verblasste vor der Genugtuung, Clairent noch ein letztes Mal aufbegehren zu spüren, ehe er nur noch schwach zuckte und sich schließlich nicht mehr rührte.
Es musste geschlagene zwei Minuten dauern, ehe sich der rote Nebel langsam zu lichten begann. Es war ein merkwürdig heiseres Geräusch, das mir als erstes auffiel. Mein leises Lachen, erschrak mich regelrecht und ich zwang mich zur Ruhe.
Vorsichtig machte ich meine Waffe los. Die Todesursache des Ballettmeisters würde Polizeiermittlungen nach sich ziehen, keine Frage... zumal der Mann mit heruntergelassenen Hosen und eindeutigen Würgemalen am Hals hier gefunden werden würde.
Es sollte mich nicht kümmern. Meinen Brief würde ich nicht hinterlassen, das kleine Mädchen auf dem Flur hatte mich nicht einmal angesehen... Es war also nichts vorgefallen, das auf das Phantom der Oper hindeutete.
„Bei Allah! Erik!"
Kopfschüttelnd wandte ich mich um. „Willkommen im Sündenpfuhl der westlichen Welt, Daroga", begrüßte ich ihn, während ich eine nach einem Umhang vom Kleiderständer am Fußende der Chaiselounge langte und die Blöße des immer noch bewusstlosen Kindes bedeckte.
„Sie haben ihn umgebracht!"
„Er hat sich sein Schicksal selbst zuzuschreiben. Hier, nehmen Sie das Kind und bringen Sie es zu Madame Giry im Foyer de la danse..." Ein stechender Schmerz im linken Arm, als ich das Mädchen aufhob und in die Arme des Persers bettete, steigerte meine Redebereitschaft nicht gerade. Woher kam nur der merkwürdige Schwindel? Ich hatte eine Morphiuminjektion vorgenommen, ehe ich mich heute Abend in die Loge begab... es war zu früh, dass eine Auswirkung von Entzug denkbar wäre...
„Entschuldigen Sie mich..:"
„Erik!"
„Mir liegt nichts an Diskussionen. Kommen Sie in zwei Tagen wie vereinbart zum See."
Er folgte mir nicht.
Ich musste weg... runter... nur runter. Ich sollte mich einen Moment hinlegen...
Meine Schritte waren derart unsicher, dass ich gar nicht merkte, wie ich auf dem Gang mehrere Male nach dem Halt einer Wand tasten musste.
Ich schaffte es bis zu der von mir angestrebten Garderobe. Atemlos tastete ich nach dem unauffälligen Mechanismus, welche an der Hinterwand eine getarnte Türvorrichtung in Richtung Keller öffnete.
Mit leisem Scharren konnte ich sie zur Seite bewegen.
Irgendetwas hinderte meinen linken Arm, mir zu gehorchen und der anhaltende Schwindel zwang mich für einen Moment Ruhe zu schöpfen.
Ächzend stützte ich mich mit der Hand auf mein rechtes Knie und senkte den Kopf.
Nur einen Augenblick, sagte ich mir, während ich kaum bemerkte, dass ich an meinem Kragen zerrte. Ich musste nur einen Augenblick wieder zu Atmen kommen.
Doch es fiel so schwer... und plötzlich war da der Holzfußboden, der näher und immer näher kam.
Zoe
„Bei Allah! Hättest du nicht wenigstens dieses eine Mal tun können, was ich dir gesagt habe, Kind!"
Er war mir direkt vor den Garderobenräumen mit energischen Schritten und geballten Fäusten entgegen gekommen. Nadir Khans Augen sprühten Funken, und schon schoss seine Hand vor, fasste mich unsanft am Arm und wollte mich den Gang entlang in Richtung Haupthalle dirigieren.
Ich weigerte mich zu folgen, stemmte beide Absätze meiner Stiefel gegen den Holzfußboden. „Nein! Nadir, hör mir zu!"
„Sei ruhig!" seine Stimme war zu einem Knurren geworden. Beschäftigte ihn noch etwas anderes als die Tatsache, dass ich – wie nicht anders zu erwarten – seiner Anweisung nicht nachkam? „Die Sûtere wird jeden Moment da sein. Ich will nicht, dass du hier in etwas überaus Unschönes hinein gerätst..."
„Wunderbar... ich will auch etwas überaus Unschönes verhindern! Und deswegen solltest du jetzt keine weitere Zeit verlieren, sondern mitkommen!"
Ohne eine Antwort abzuwarten, wand ich mich aus Nadirs Griff und vertauschte die Rollen. Nun war ich es, die ihn mit all meiner Kraft hinter sich herzog. „Es ist wegen Erik, du musst mir helfen ihn zu einem Arzt zu schaffen, oder einen zu holen... er liegt da hinten..."
„Was?" Es schien Besorgnis zu sein, die seine Schritte nun ebenfalls beschleunigen ließ.
„Wie du schon bemerkt hast, bin ich nicht zur Kutsche gegangen, sondern habe versucht, dich hier zu finden." Gleich würden wir da sein. „Aber stattdessen, hörte ich etwas hier in dem Raum, und das", ich deutete auf den Mann, den ich so gut es ging mit meinem Schal unter dem Kopf auf dem Boden ausgestreckt hingelegt hatte, „war, was ich vorfand."
Nadir Khan, stürzte an mir vorbei und ging neben dem bewusstlosen Maskierten in die Knie. Er griff nach seinem erschlafften Handgelenk und fühlte nach dem Puls.
Statt einer aufschlussreichen oder wenigstens Beruhigenden Bemerkung, stieß er einen persischen Fluch aus. Dann schoss sein Kopf ruckhaft zu mir um.
„Zoe", eindringlich fixierte mich sein Blick. „Hast du die Maske angerührt?"
„Was?"
Im ersten Moment glaubte ich, mich verhört zu haben. „Nein!
Aber das scheint mir augenblicklich auch nicht das schwerwiegendste
unserer Probleme zu sein..."
„Für ihn wäre es das
ganz sicher." Da war etwas eigentümlich Trauriges in der
Stimme des Daroga. „Sein Gesicht ist das, was er mit allen Mitteln
zu hüten, verborgen zu halten strebt. Es ist entstellt. Und wer
hinter diese Maske blickt, lüftet einen Schleier, den niemand
fortziehen darf."
Mein Magen rebellierte. „Das also ist der Grund..."Mir war schwindelig.
„Ja. Was Erik verbirgt... es hat ihn dazu gebracht, sich nicht länger der Welt der Menschen angehörig zu fühlen."
Die Worte Nadir Khans wirkten vorsichtig, mit Bedenken gewählt. Ich wusste nicht was es war, das er zurückhielt, doch mir war klar, dass er ein Bedürfnis hatte, mich vor weiteren Informationen zu schützen.
Entstellt... im Geist rollte ich dieses Wort vor und zurück, betrachtete es von allen Seiten. Eriks Gesicht war entstellt... aufgrund der selben Ursache, mit der jene Narben seinen ganzen Körper überzogen hatten?
Die Tatsache, die ihn zwang, eine Maske zu tragen, schien so schwerwiegend, dass sie mir Respekt einflößte. Hatte ich schon gestern eine dunkle Vorahnung gehabt, die mich gänzlich davon hatte Abstand nehmen lassen, hinter das Geheimnis dieser Vermummung schauen zu wollen?
Entstellt... ich hatte von Brandopfern und Kriegsverletzen gehört, deren Erscheinungsbild für immer verformt war.
Neugier mochte eine meiner vorstechendsten Eigenschaften sein. Doch in diesem einen Menschen, dessen Puls mein Vater gerade abermals prüfte, fand jeder kleinste Funken Unbeherrschtheit seinen Meister. Vorhin schon hatte ein Instinkt mich abgehalten, diesen Schutz von Eriks Gesicht zu entfernen – nun wusste ich, dass ich niemals so taktlos sein könnte, ihn einer derartigen Demütigung auszusetzen.
Ein ungutes Gefühl, dass die Zeit uns zum Handeln drängte, forderte beharrlich dass ich mich abwand und eine unruhige Wanderung durch die enge Kammer startete. Dutzende von Bildern und Fragen schossen mir durch den Kopf.
Fragen über die Nacht in Eriks Zuhause – Gefühle, die einen warmen Schauer durch meinen Körper jagten – Fragen über den geheimnisvollen nächtlichen Besucher, der lediglich eine weiße Rose hinterlassen hatte...
Ich hatte mich so furchtbar erschrocken, als ich vorhin in diesen Raum gekommen war, gerade zu dem Zeitpunkt, als dieser große, beindruckende Mann hilflos in sich zusammengesunken war, und sich seitdem nicht mehr bewegt hatte.
Nervös ballte ich meine Hände zu Fäusten und empfand den scharfen Druck der Fingernägel als seltsam beruhigend. Ich schämte mich zutiefst, denn was ich vorhin beinahe getan hatte, war gewiss falsch. Warum hatte ich mich so überlegen gefühlt, dass ich die Maske schon berührt hatte? Natürlich, war ich neugierig, welches Gesicht sich darunter befand, doch hatte ich sogar in jener Nacht respektiert, dass Erik scheinbar sehr viel an der Geheimwahrung seiner Identität lag?
Und was zum Teufel hatte mich dann tatsächlich davon abgehalten, mein Vorhaben zu verwerfen und die neugierigen Finger in ihre Schranken zu verweisen?
„Du hast Recht, er kann nicht hier bleiben." Nadir Khan hatte seine Untersuchung beendet.
Ich nickte und rückte mein Cape zurecht. Mir war kühl.„Tragen können wir ihn nicht. Also holen wir wohl am Besten einen Arzt..."
„Nein!" Die Anweisung kam schwach hinter der Maske hervor, war jedoch unmissverständlich.
Ich riss die Augen auf. Von einer Sekunde zur anderen war ein Hauch von Leben in Eriks Gestalt zurückgekehrt, und die scharfen, bernsteinfarbenen Augen richteten sich auf mich. War er wütend? Einen irrationalen Moment lang glaubte ich den Vorwurf, beinahe sein wahres Gesicht gesehen zu haben, in Eriks Blick zu lesen... dann brach der Kontakt ab und seine Lider schlossen sich mit einem Flackern.
Er zog scharf die Luft ein.
Dann richtete er sich auf.
Nadir stützte ihn kurz, ließ es jedoch sofort sein, als ein scharfes ‚Finger weg', ihn zurecht wies.
Erik hob eine Hand an die Brust. Ein unsichtbarer Schmerz brachte ihn dazu, die langen Finger in den Stoff seiner Kleidung zu graben... direkt über dem Herzen.
„Komm her Zoe, du muss mich stützen."
Zuerst glaubte ich, mich getäuscht zu haben, doch eine eindeutige Bewegung der rechten Hand ordnete an, dass ich näher zu Erik hintrat.
„Nein!" Nadir hielt mich fest, kurz bevor ich den Maskierten erreicht hatte. „Meine Tochter wird Sie nicht nach unten bringen..."
„Wollen Sie, dass Sie der Polizei eine Erklärung für die Geschehnisse im Büro des Ballettmeisters abgibt, während Sie mir unten eine Tasse Tee kochen?" Die beißende Ironie seiner Worte brachte mich zum lächeln.
Der Griff meines Vaters löste sich zögerlich und ein resigniertes Kopfschütteln begleitete seine Erwiderung. „Bedenken Sie, was Sie tun, Erik... wenn Zoe erfährt, wo Sie wohnen..."
Seufzend zog der Angesprochene sich an meiner dargebotenen Hand hoch und stützte sich auf mein Schulter. Auch wenn er übermäßig schlank war, merkte ich, dass wir einen anstrengenden Weg vor uns hatten.
„Sie ist einmal zu Ihnen zurückgekehrt, sie wird es auch wieder tun." Mit dieser knappen Aussage, wandte er sich der merkwürdigen Türöffnung an der hinteren Wand zu, die ich bisher nicht hatte einordnen können.
Ich erschrak, wie schwer es ihm fiel, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Seine Muskeln schienen ihm nicht recht gehorchen zu wollen.
„Ich werde meine Tochter nicht länger als unbedingt nötig bei Ihnen lassen. In drei Stunden komme ich unten ans Ufer des Sees. Sorgen Sie dafür, dass ich Zoe dann mitnehmen kann."
„Wir werden sehen, Daroga." Seine Stimme klang heiser, beinahe brüchig.
Ich rechnete mit einem weiteren Einwand meines Vaters, doch als Erik einen weiteren Schritt in Richtung des merkwürdigen Ganges tat, der hinter dieser Wandöffnung zum Vorschein kam, war Nadir es, der einen Schalter betätigte und schwaches Gaslicht in der Dunkelheit aufflackern ließ.
„Gehen Sie. Ich werde die Tür schließen."
„Scheinbar war ich nachlässig in meiner Beobachtung, Daroga. Sie wissen mehr über meine Oper, als gut ist."
Ich zuckte leicht zusammen, als sich plötzlich eine massive Holzplatte, die von einem Gegengewicht zu Seite gehalten worden war, vor die Öffnung schob, und mich und meinen maskierten Begleiter allein in dem moderigen kleinen Gang zurückließ.
Eriks Gestalt durchlief ein Schaudern und hätte ich nicht all meine Kraft aufgewandt, ihn weiterhin zu stützen, hätte er sich nicht aufrecht halten können.
Seine Atemzüge klangen rasselnd und Besorgnis machte sich in mir breit.
Dennoch brachte er nach einigen Sekunden die Selbstbeherrschung auf, den Weg fortzusetzen.
Nach fünf Minuten wurde das Schweigen unerträglich. Überall hier unten nahm ich Geräusche wahr, die ich nicht einzuordnen vermochte... und immer wieder das leise Quietschen von Ratten und anderem Getier.
Himmel, was tat ich hier nur?
„Erik? Wohn genau gehen wir eigentlich?"
Einen Moment lang herrschte Stille, dann jagte sein Lachen einen Schauer über meine Haut. „Fünf Stockwerke tief unter die Oper, liebe Zoe... genau in meine Wohnung – die unterirdische Höhle des Phantoms."
Erik
Die zweite Attacke war weit schwerwiegender als die erste.
Eben noch blickte ich – endlich wieder dazu fähig ein solches Gefühl zu verspüren - voller Zufriedenheit zu Zoe, meiner Begleiterin, die anmutig staunend durch die geheimnisvolle Tür, welche sie bei ihrem ersten Aufenthalt nicht bei Bewusstsein passiert hatte, in meine Wohnung trat.
Ich wusste genau, dass es die Anstrengung gewesen war, das Boot über den See zu bringen, welche mich nun keuchend in die Knie zwang.
Mein Blickfeld verengte sich.
Meine Lungen weigerten sich, Luft hinein zu lassen.
Ein stechender Schmerz bohrte sich mir in die Brust.
Schrille Farben tanzten vor meinen Augen.
Ein Schraubstock presste mir die Schläfen zusammen.
Irgendwo am Rande meines Bewusstseins spürte ich Zoes Hand, welche die meine ergriffen hatte.
Tröstlich.
Kurz bevor tiefe Schwärze mich verschluckte, durchflutete mich Erleichterung. Endlich wurde ich erlöst.
Jemand war bei mir.
Der Schmerz war bis auf ein dumpfes Gefühl der Beklemmung verschwunden.
Zoe... es war Zoe, die ich nach kurzem Blinzeln und einer Wendung meines Kopfes – diese kleine Bewegung schien Ewigkeiten in Anspruch zu nehmen – auf dem Rand des großen Bettes im Gästezimmer sitzen sah.
„Na endlich, Erik." Ihre Stimme klang sanft und beruhigend, was in erheblichem Gegensatz zu ihren folgenden Worten stand: „Ich war gerade beinahe böse geworden, weil ich glaubte, du hättest diese Schwäche nur simuliert! Aber gleich das Bewusstsein zu verlieren und mich dazu zu bringen, dich in mühevoller Arbeit hierher zu schleifen, ist reichlich dick aufgetragen."
Sie zog eine Schnute. Himmel! Wie schaffte dieses Mädchen nur, sich in meiner Gegenwart so ungezwungen zu verhalten. Da saß sie und plauderte, als hätte ich ihr vorhin nicht gesagt, dass ich es war, der dieses Opernhaus in Angst und Schrecken versetzte...
„So erst musst du deine Rolle als Operngeist nicht nehmen, mein Lieber."
Ein Lachen stieg in mir empor, doch statt ihm amüsiert Luft zu machen, fühlte ich sofort eine Enge in meinem Hals, die sich in krampfartigem Husten löste.
„Ich wäre dir zutiefst verbunden, wenn du sarkastische Kommentare vorerst zurückhalten könntest", keuchte ich, als meine Stimme langsam wieder gehorchte.
„Entschuldige." Sie biss sich auf die Lippe und ihre wasserblauen Augen suchten meinen Blick voller Sorge - ein eigentümliches Gefühl. Noch in der letzten nacht hatte ich mich im Geheimen zu ihr begeben, ihre schutzlose Gestalt im Schlaf beobachtet und mich dazu gezwungen, meine Begierde durch Betrachtung, sanftes Streicheln ihrer Wange, ihres Halses zu stillen. Und nun saß sie hier an meinem Bett, und was ich fühlt war Dankbarkeit für ihre Nähe, keine Wollust, keine Gier. Nun war ich es, der hilflos vor ihr lag.
Ich wollte sie nicht gehen lassen, wollte immer diese Wärme in den Augen eines Menschen sehen... zumindest für die Zeit, die mir nun noch blieb. Die Zeichen des heutigen Abends waren deutlich: Ich musste zwei kurze Herzinfarkte erlitten haben. Für einen Mann von fünfzig Jahren, dessen Leben von harter körperlicher Arbeit, exzessiver Selbstaufgabe an die Musik und nicht zuletzt vielen Jahren in der tröstlich sanften Umarmung von Morphium geprägt war, keine außergewöhnliche Lage.
Der Tod war zu einer Frage von kurzer Zeit geworden. Und als ich noch einmal zu Zoe aufblickte, fasste ich einen Entschluss.
Ich hatte stets gewusst, dass diese Oper mein Grab werden würde, doch anders, als ich es ursprünglich beabsichtig hatte, würde ich nicht zulassen, dass ich im Sterben allein wäre.
Zoe... ich würde sie nicht gehen lassen.
Ich schlief bis zum Morgen. Es war ein tiefschwarzer, traumloser Zustand, den ich in den vergangenen Wochen stets erst nach tagelangen Exzessen des Komponierens im Morphiumrausch erreicht hatte. Dieses Mal hatte wohl mein langsam seinen Dienst aufgebendes Herz diesen Beitrag geleistet.
Zoe hatte darauf bestanden wach zu bleiben. Einige Bücher im Salon hatten wohl ihre Aufmerksamkeit erregt, und in begeisterter Faszination hatte sie mich gebeten, ihr diese Lektüre zur Verfügung zu stellen.
In meiner beschämenden körperlichen Schwäche war ich äußerst dankbar für den Umstand ihrer Schlaflosigkeit. Mein Zimmer hatte ich ihr aufgrund der – nun ja – ‚Exklusivität' meiner Einrichtung, des Sarges, nicht anbieten können. Und ich fühlte mich auch nicht sicher genug auf meine Kräfte gestellt, dass ich es für mich hätte aufsuchen können.
Ich sog tief die Luft ein und nahm erleichtert zur Kenntnis, dass der stechende Schmerz ausblieb, der mir gestern Nacht noch so schwer wie ein Mühlstein auf der Brust gelegen hatte.
Sieben Uhr Morgens war es nun, wie mir das leise Klingen der Standuhr verkündete.
Auch wenn ich nicht sicher war, wie mein Körper auf Bewegung reagieren würde, beschloss ich aufzustehen und die Kleidung zu wechseln. Es drängte mich danach zu Zoe zu gehen, sie zu beobachten... ihre Bewegungen faszinierten mich, zogen etwas in mir zu sich hin – unausweichlich. Ihr lebendiges Wesen, für mich ein einziges Rätsel in all seiner undurchschaubaren Facettenhaftigkeit, schien mich zu sich zu rufen.
Im Stehen, Gehen überkam mich mehrere Male Schwindel. Doch endlich - mich gewaschen und in frischem Hemd, Hosen und Hausmantel wesentlich wohler fühlend - trat ich in den Salon.
Im ersten Moment traf ein schmerzhafter Stich meine Seele. Das Bild, welches sich mir bot war zu schlicht, zu schön, um es mit Gelassenheit zu tragen. Zoe saß, immer noch in ihr Ballkleid gewandet, mit einem geschlossenen Buch auf dem Fußbänkchen neben ihr, in meinem Sessel vor dem glimmenden Kamin. Ihr Kopf war zur Seite gesunken, der Mund in friedlichem Atmen leicht geöffnet. Sie hatte die Schnürstiefel ausgezogen, die Beine unter sich angewinkelt.
Meine kleine Ayesha lag auf dem Rücken direkt vor ihr und angelte konzentriert nach einem Zipfel des burgunderfarbenen Kleides.
Erst als ich langsam näher trat, wandte sie mir das Köpfchen mit aufgestellten Ohren zu und maunzte fragend, wie ich wagen könnte, ihr Spiel zu stören.
Ich legte einen Finger an die Lippen und bedeutete ihr ruhig zu sein.
Offenbar missfiel es Ayesha, sich meine Aufmerksamkeit teilen zu müssen, den kaum war ich noch näher getreten, um mit einem kurzen Blick auf den Buchdeckel zu prüfen, welche Lektüre Mademoiselles Aufmerksamkeit erregt hatte, trollte sie sich gemächlich in Richtung wärmenden Feuers und rollte sich dort mit dem Rücken zu mir zusammen.
„Die Enzyklopädia Botanica", murmelte ich verwundert, als ich die goldgeprägten Lettern auf dem Bucheinband erkannte. „Was hattest du damit vor, ma petite?" Gedankenverloren strichen meine Finger über das glatte Leder...
„Eigentlich hatte ich gehofft, dort ein paar bestimmte Informationen zu finden." Kleine Füchsin! Ein Auge geöffnet schien sie mich schon einen ganzen Moment lang betrachtet zu haben. „Über diese hier", ihre Hand wanderte in eine der Rockfalten und brachte eine sehr mitgenommen wirkende, geknickte weiße Rose zum Vorschein, die mir überaus vertraut vorkam.
„Aber nun scheint mir der Umstand, dass es dir besser geht, doch viel wichtiger, Erik." Sich kurz räkelnd, streckte sie beide Arme in die Höhe und dehnte den anmutigen Nacken von einer Seite zur anderen. Ich folgte jeder Bewegung mit größter Faszination.
Tief in mir ahnte ich bereits, dass meine momentane Rüstigkeit mit einem jähen Schlag wieder beendet sein könnte, doch schob ich diese Gedanken mit Vehemenz beiseite. Ich wollte nicht daran denken, konnte nur das Gefühl der Euphorie in mir pulsieren spüren, dass Zoe hier war und dass ich sie nun ganz für mich allein besitzen könnte. Sicher würde es nicht mehr allzu lange dauern, ehe mein unabwendbares Schicksal mich einholte, und dann wäre sie abermals frei. Doch noch nicht jetzt... noch nicht jetzt.
„Wie geht es dir, meine Liebe? Du musst müde sein von einer Nacht wie der vergangenen." Ein weiterer Schritt und ich stand so dicht vor ihr, dass ich mein eigenes, schemenhaftes Bild in ihren glänzenden Augen wiedergespiegelt sah.
Sie blickte zu mir auf, noch immer in einen leichten Schleier von Schläfrigkeit gehüllt.
Als ich sanft mit einer Hand nach jener widerspenstigen Haarsträhne fasste, die sich vorwitzig aus Zoes Frisur gelöst hatte, berührte ich wie zufällig sie weiche Haut ihres Halses.
Die Erregung, welche mich in ihrer Nähe erfüllte, war weniger körperlich – meiner Vermutung nach hatte mein grausam anfälliges Herz mir in dieser Hinsicht vorerst den Wind aus den Segeln genommen – vielmehr verspürte ich den verführerischen Kitzel von Macht, von Besitzanspruch, von dem Wissen ein solches Wunder wie Zoe nun für zu halten.
Hatte ich bei unserer ersten Begegnung hier unten in meinem Reich auch noch gezögert, moralische Bedenken gehegt, so bestand eine trotzige Stimme tief in meinem Inneren doch nun darauf, dass es mein verdammtes Recht war, Zoe für die letzte Zeit an meiner Seite zu wissen! Jedem Mann war die Zärtlichkeit einer Frau zugestanden! Und nun, da ich ihr einmal so nahe gewesen war, würde ich nicht zulassen, dass sie mir auf alle Ewigkeit verweht bliebe!
Bedächtig, ohne meine Augen von der Betrachtung ihrer Lippen, der blauen Augen, der langen schwarzen Wimpern zu lösen, folgte einer meiner Fingern nun dem sanften Schwung ihres Halses, ihrer Schlüsselbeine.
Als sie sprach lächelte sie, und ihre Stimme war beinahe zu einem zufrieden-erotischen Schnurren geworden. „Die Rose ist zwar wunderschön gewesen, Erik... aber war das wirklich ein Ersatz für diese Art von Berührung?"
„Nein." Ich strich mit einem Daumen über ihre köstlich vollen Lippen. „Bist du noch immer bereit für einen Handel?"
Ich sollte ihre Antwort nie erfahren.
Zoe
Dieser Mann verstand es, mich mit Hilfe irgendeiner geheimen Macht immer wieder aufs Neue zu fesseln.
Als ich gemerkt hatte, dass es um seine Konstitution nun viel besser als gestern Nacht zu stehen schein, hatte ich mir eigentlich vorgenommen, meiner Empörung über seinen verschwörerischen Besuch in meinem Zimmer Ausdruck zu verleihen. Doch was tat ich statt dessen? Ich versank im Wohlklang seiner simplen Worte, ergab mich angesichts eines Hauches von Zärtlichkeit, mit dem er mich bedachte.
Und als er nun auch noch die Dreistigkeit besaß, mir eine erneute Übereinkunft abzuverlangen, wo er mich doch beim ersten Mal nach anfänglicher Leidenschaft so brüsk abgewehrt und wieder in Nadir Khans Haus gebracht hatte, ertappte ich mich doch dabei, zu einem Nicken anzusetzen.
Doch dieses peinliche Zeugnis meiner Manipulierbarkeit blieb mir durch einen schicksalhaften Wink erspart.
Ein helles Klingeln, mit deutlicher Beharrlichkeit immer lauter werdend, riss Erik förmlich von mir los und ließe ihn raubtierhaften Schrittes aus dem Raum eilen. Ayesha war mit einem Satz auf die Pfoten gekommen und folgte ihm mit wild peitschendem Schwanz.
Merkwürdig... sie reagierten beide geradezu so, als sein Gefahr in Verzug? Was mochte das Klingeln in dieser unterirdischen Behausung ausgelöst haben?
Ich erhob mich ebenfalls, strich mein Kleid glatt, brachte das gestern ausgewählte Buch zurück an seinen Platz im Regal und versucht meine Ruhe wieder zu gewinnen. Und hatte ich bisher nicht ein enormes Maß an Selbstbeherrschung an den Tag gelegt?
Ich schmunzelte über meine eigenen Gedanken. Erik war also das Phantom der Oper! Kein Wunder, dass mein Vater, der wie er gesagt hatte einmal ein Daroga – also ein persischer Polizeibeamter – gewesen war, sich dazu verpflichtet fühlte ihn zu verfolgen. Vermutlich gab es auch zusätzlich noch etwas, das beide Männer verband, sonst hätte Nadir in all seinem Pflichtbewusstsein sicherlich längst die Sûtere auf Erik angesetzt.
Ich hatte nicht viel von diesem ominösen Phantom gehört, konnte mir allerdings vorstellen, dass Erik sich hier einen alten Theateraberglauben zu Nutzen machte, um sich daraus irgendeine Form von Vorteil zu verschaffen. Alle die wertvollen Orientteppiche, teuer wirkenden Möbel und Gegenstände hier wollten sicherlich finanziert sein.
Außerdem schien dieser Ort zu Erik zu passen, ein Tempel der Kunst für einen Künstler! Denn ich zweifelte nicht daran, dass Erik jedes einzelne der Instrumente beherrschte, die ich hier in seiner Wohnung gesehen hatte... eine Violine, ein Cello, der Flügel im Salon... wer weiß, was sich noch auftun würde, wenn ich meine Erkundungsreise auch auf die Räume ausweiten könnte, die ich gestern bedauerlicherweise verschlossen fand.
„Folgst du mir bitte, chérie?" Erik war unvermittelt in der Salontür aufgetaucht und bedeutete mir nun mit ihm in den nebenangelegenen Raum zu treten. Das Klingeln hatte aufgehört. „Ich möchte dir zu gerne etwas zeigen..."
„Das klingt aber überaus vielversprechend", entschlüpfte es mir neugierig und ich beeilte mich, Erik zu begleiten. Tatsächlich würde ich sicher nicht enttäuscht werden, denn er lenkte mich durch eine der Türen, an denen ich gestern noch vergeblich meine beschämenden Fähigkeiten als Schlossknackerin versucht hatte – um den Verlustpreis zweier verbogener Haarnadeln.
„Stell dich hier her." Wurde ich angewiesen und blickte nun direkt auf einen Vorhang, der die Wand mir gegenüber vollkommen verhüllte.
Der Raum war dunkel, schmal aber lang und bis auf den Vorhang leer.
„Nanu", wunderte ich mich neckend. „Die zweite Theatervorstellung innerhalb eines Tages?"
„Sozusagen, meine Liebe... sozusagen." Mit einem Ruck riss er den Vorhang beiseite.
Das Blut gefror mir in den Adern.
„Vater..." flüsterte ich erstickt.
Sein Anblick verursachte mir Schwindel. Aus den braunen Augen, die er weitaufgerissen hilflos über den Raum schweifen ließ, in dem er sich jenseits einer Glasscheibe befand, sprachen Unglauben und blanke Furcht. Er hinkte stark und die Aura der Autorität, welche ihn stets umgeben hatte, was reiner Hilflosigkeit gewichen.
Instinktiv eilte ich vorwärts zum Glas, als seine Hände sich tastend auf die Scheiben legten, suchte seinen Blick. Doch er schien mich nicht einmal wahrzunehmen.
„Aus seiner Sicht befindet er sich in einer Art Spiegelkammer, meine Liebe. Wir können ihn hier aus der Dunkelheit wohl beobachten- er ahnt jedoch nichts von unserer Anwesenheit."
Mein Kopf flog herum und wie ich Erik so ruhig, mit vor der Brust verschränkten Armen, da stehen sah, bekam seine machtvolle Ausstrahlung für mich eine neue Gewichtung. Und diese neue Gewichtung jagte mir Angst ein. Ich konnte ja hinter der Maske nicht einmal die geringste Regung erkennen, die mir etwas über seine Gedanken verraten hätte!
Mitleid, Häme, Schadenfreude... was ging in ihm vor?
„Hilf ihm! Warum lässt du ihn nicht frei?"
Die Verwunderung in seiner Stimme klang aufrichtig. „Ist das dein Wunsch? Ich war mir nicht ganz sicher."
Ungläubig starrte ich ihn an. „Wenn ich also wünschen würde, dass du ihn - verletzt wie er ist - da drin schmoren lässt, dann würdest du es tun?"
Erik wand den Kopf nicht ab, noch brach er den Blickkontakt mit mir. „Ja." Er trat einen Schritt vor und hob amüsiert einen Finger an die Lippen. „Interessant ist übrigens, dass du ausgerechnet das Bild des Schmorens verwendest, meine Liebe."
„Was?" Ich war völlig verwirrt... konnte den Gedanken an Nadir nicht verdrängen, der sich hier doch offensichtlich in einer Art von Spiegelgefängnis befand und schnellstens Hilfe bedurfte.
Erik jedoch schien dieser Situation mit einem mir unverständlichen wissenschaftlichem Interesse gegenüberzustehen. beinahe so, als wolle er mir etwas veranschaulichen, das ihn mit großem Stolz erfüllt.
Er eilte zu einem Hebelmechanismus an der Rückwand des Raumes, betätigte sie und starrte dann gebannt auf die Geschehnisse hinter der Spiegelwand. „Sieh her!", rief er aufgeregt.
Das Herz schlug mit bis zu Hals. Eine ungute Vorahnung machte sich in mir breit. Warum ging Erik hier mit einem Menschen um, wie mit einem Spielzeug?
Ich sah nur eine Möglichkeit, ihn in seinem Eifer zu bremsen. Unter Aufbringung all meiner Beherrschung wandte ich mich mit verschränkten Armen ab. „Nein! Ich werde nicht hersehen. Ich wünsche – und du hast gesagt, du würdest auf meine Wünsche Rücksicht nehmen – dass du Nadir Khan augenblicklich dort herausholst, Erik"
Erik
„Hier, trinken Sie das, Daroga."
Mit dankbarem Nicken nahm er die Tasse heißaufgebrühten Pfefferminztees an. Zoe hatte darauf bestanden, ihm eine Wolldecke um die Schultern zu legen und war nun in der Küche verschwunden, um eine Kleinigkeit zu Essen herzurichten.
„Sie sind unterkühlt und der Sturz in die Folterkammer hat einige Bänder ihres Fußes arg strapaziert. Vielleicht sind sie sogar gerissen." Nüchtern betrachtete ich noch einmal die mittlerweile blau gewordene Extremität, deren Umfang in den letzten Minuten stetig zugenommen hatte.
„Nun wenigstens kann ich von mir behaupten, wohl der Einzige zu sein, der Ihre tödliche Falle überlebt hat, Erik." Mit einem schwachen Schmunzeln, welches mehr Zynismus als Humor zum Ausdruck brachte, ließ der Daroga die Wolldecke von seinen Schultern gleiten. Natürlich musste ihm nach einer Nacht in den Katakomben noch immer recht kühl sein, doch genau wie ich es von einem auf Korrektheit bedachten Mann wie ihm erwartet hatte, war es ihm weit wichtiger, die Form zu wahren. Nur so ließ sich auch der törichte Umstand erklären, seinen malträtierten Fußknöchel gleich wieder ins Schuhwerk zu zwingen.
„Sie waren gestern nicht wie vereinbart am Seeufer, Erik!"
„Ich war verhindert." Die Empörung des Persers amüsierte mich.
Er seufzte und ließ seinen Blick über den Raum schweifen. Wie hatte meine Behausung nur innerhalb so weniger Tage zu einem solch geschäftigen Ort werden können. Die Art, mit welcher der Daroga nun alles genauestens zu beobachten schien, missfiel mir und zerrte an meiner Geduld mit ihm. „Und da Sie aus meinem Fernbleiben entweder schlossen, dass ich Sie nur vertröstet hätte, um Zoe in meiner Gewalt zu halten... oder dass ich inzwischen verstorben sein könnte, und Ihre Tochter nicht aus eigener Kraft zu Ihnen zurückkehren konnte, machten Sie sich auf die Suche nach einem anderen Zugang."
„Ganz genau." Mit einem leichten Ausdruck des Erschreckens, wandte sich Nadir Khans Kopf in Richtung Küche, von wo gerade ein Scheppern, gefolgt von mühsam zurückgehaltenen Fluchen erklungen war. „Auch wenn ich weniger daran dachte, dass Sie Zoe gefangen halten würden, Erik... dazu hätten Sie wohl keinen Grund. Schließlich befand meine Tochter sich schon einmal in Ihrer Obhut und Sie brachten sie wohlbehalten wieder nach Hause."
„Ja, das tat ich. Und wie Ihnen in ihrer Scharfsichtigkeit sicherlich nicht entgangen ist, vergewisserte ich mich daraufhin sogar noch einmal ihres Wohlbefindens, Daroga."
„Sofern Sie mitten in der Nacht darüber Aufschluss erlangen konnten." Eine deutliche Herausforderung hatte sich in der Stimme meines Gegenübers gefestigt. „Ich bin nicht blind, Erik! Irgend etwas zieht Sie zu meiner Tochter hin, und ich wäre ein denkbar schlechter Vater, ließe ich dies ohne einzuschreiten zu!"
„Sind Sie denn überhaupt ein Vater für Zoe?", biss ich zurück. In meiner Wut spürte ich mich die Fäuste ballen. „Treiben Sie es nicht auf die Spitze, Nadir! Eben haben Sie sich noch als glücklich bezeichnet, die Folterkammer überlebt zu haben, nun fordern Sie mich in meinem eigenen Heim heraus!" Scharf sog ich die Luft ein. Ruhe... ich musste Ruhe bewahren, wenn ich mein Ziel erreichen wollte. Erzwungen aber mit nüchterner Analytik fuhr ich fort. „Mir scheint, Sie wissen nicht sonderlich viel über Ihre Tochter, fordern einen Gehorsam, den Sie sich erst verdienen müssten, und spielen eine Beschützerrolle, die sie Ihnen nicht zugestehen will."
Der Gesichtsausdruck des Daroga ließ mich beinahe annehmen, dass meine Worte nun einen Sturm persischer Flüche entfachen würden, doch statt dessen, wandte er den Blick ab. Die Schatten des Feuers zeichneten seine alt gewordenen Züge in unerbittlich kantiger Ehrlichkeit. Vor mir sah ich einen Mann, der seine erste Frau, seinen geliebten Sohn, sogar seine Heimat zu Grabe getragen hatte...
„Fassen Sie zu fest nach Zoe, wird Sie Ihren Fingern entgleiten", seufzte ich.
„Das weiß ich." Düsternis senkte sich über den Raum. Es missfiel mir, dies zuzugeben, doch der greifbare Schmerz dieses Mannes berührte mich mehr als ich für gut hieß. „Ich bin Zoe so fremd wie sie mir. Anfangs empfand ich es beinahe als Bürde, mich mit dem Gedanken an ein Kind auseinander zu setzen... das Kind von einer Frau, das kaum mehr bedeutete als ein Zufallsprodukt..."
Hätte er in diesem Moment nicht eine Hand an die Schläfen gehoben, um sich in dieser Bewegung verstohlen über die Augen zu wischen, seinen Kummer so gut er konnte verborgen zu halten, ich hätte ihn ohne ein weiteres Wort eigenhändig in die Spiegelkammer zurückgeworfen – jemanden über Zoe reden zu hören, wie über ein lästiges Ding, erschien mir als höchste Blasphemie!
Doch so beschränkte ich mich darauf, weiterhin zu zuhören.
„Doch langsam, als ich sie dann schließlich atmend und lebendig vor mir sah, ereilte mich eine Erkenntnis, die noch weitaus verheerender für mich war: früher oder später würde ich anfangen, dieses Mädchen von ganzem Herzen zu lieben. Obwohl sie geradezu aus einer anderen Welt kommt... ist sie meine Tochter und ein Teil von mir."
Zoe
Als ich neben den wütenden Stimmen auch noch das Klirren von Geschirr vernahm, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten.
Die ganze Zeit über hatte ich mich bemüht, meine Aufgewühltheit, das Zittern meiner Hände während ich heißen Tee im Samowar zubereitete, zu unterdrücken. Doch nun hatte ich alle Besonnenheit aufgebraucht.
Hastig meine Röcke hochraffend, hetzte ich den Gang von der Küche zum Salon entlang, störte mich nicht an Ayesha, die mir fauchend hinterher schoss und betete nur, dass sich inzwischen keine Tragödie abspielte.
Bis zu jenem Zeitpunkt, an dem ich beinahe so etwas wie sadistische Schadenfreude in Eriks Verhalten meinem Vater gegenüber erkannt hatte, hatte ich noch geglaubt die beiden verbinde zwar eine Rivalität, jedoch auch gegenseitiger Respekt. Jetzt dämmerte mir allmählich, dass ich noch leichtsinniger an Erik herangetreten war, als mir ohnehin bewusst war.
Das ‚Phantom der Oper', nannte er sich selbst. Kein ‚gewöhnlicher' geheimnisvoller Mann, der in diesem herrlichen Reich ein zurückgezogenes Leben führte... Vielleicht sollte ich endlich aufhören, mir die Dinge schön zu reden! Nadir und ich befanden uns in der Wohnung eines – ich wagte es kaum zu denken – eines Mannes, der in machen Momenten dem Wahnsinn näher als gesundem Verstand zu stehen schien.
Mein Anblick, als ich den Salon stürmte, brachte die Geschehnisse darin zum einfrieren.
„Mon dieu", flüsterte ich und riss die Augen auf. Was sich mir bot war geradezu grotesk.
Beide Männer waren aufgesprungen. Und während Nadir Khan - noch immer ziemlich mitgenommen, und in gekrümmter Haltung, aber mit vor Wut vorgerecktem Kinn - unweit der Tür, einen halben Meter von mir entfernt Position bezogen hatte, beschrieben Eriks Schritte lauernd einen Halbkreis. Seine Augen funkelten fiebrig und mit geballten Fäusten, beinahe hörbar atmend, wirke er wie ein lauerndes Raubtier – bereit zuzuschlagen.
Ein Instinkt befahl mir, die Hände zu haben, und mich zwischen die beiden Männer zu schieben.
‚Wie absurd!', schoss es durch meine Gedanken, ‚als ob ich genügend Autorität besäße, um ihnen Einhalt zu gebieten!'
Beinahe wäre ich auf etwas ausgerutscht und entdeckte, dass ich mitten in eine Lake aus Tee trat und kleine Porzellansplitter unter meinen Schuhen knirschten. „Was um Himmels..."
„Vorsicht! Zoe!"
Alles passierte derart schnell, dass ich es zwar wahrnehmen, aber nicht auch nur ansatzweise verstehen konnte. Nadir hatte mich mit einem warnenden Ausruf gepackt, an den Schultern herumgerissen und zur Tür herausgestoßen. Keuchend schlug er die sie hinter uns zu.
Das Letzte, was meine Augen im Inneren des Raumes wahrnahm, war ein dunkler Schatten, der mit einem unheilverkündenden Knurren auf uns zustürzte – und Augen... unbändig zornige Augen, die hinter einer schwarzen Maske funkelten.
Etwas prallte hart gegen das Holz, und erst jetzt erkannte ich, dass Nadir sich mit aller Kraft gegen die Tür stemmte.
„Zoe", seine Stimme zerriss meine angespannte Starre. „Wir müssen irgendeinen Keil finden!"
Gehetzt blickte ich mich um. Ein Schrak war alles, was der Flur hergegeben hätte- massives Mahagoni, unmöglich ihn zu verrücken.
Nadir ächzte, als ein weiterer Stoß von innen gegen die Tür prallte. Erik musste sich mit einer Kraft dagegen werfen, die ich nach seinem Zusammenbruch niemals vermutet hätte.
„Was ist denn passiert?" schrie ich wütend.
„Ich lasse sie nicht gehen!" Die Antwort schlug mir wie eine Faust in den Magen von jenseits der Tür entgegen.
„Ich lasse nicht zu, dass sie mich verlässt!"
Einen Augenblick musste ich darum kämpfen, von all dem, was geschah nicht überrollt zu werden. Meine Knie zitterten, kalter Schweiß rann mir den Rücken herab.
„Seien Sie doch vernünftig, Erik!" Nadirs Stimme überschlug sich beinahe, als er gegen den tosenden Lärm antrat, der und entgegengesetzt wurde. „Was Sie verlangen ist unmöglich!"
Allem Anschein war Diplomatie nicht die Stärke des rasenden Mannes, der es aus dem Inneren des Raumes heraus nun schaffte, die Tür eine gute Handbreit aufzustemmen, ehe mein Vater sie abermals mit langsam erschöpfender Kraft zustieß.
Es war nur noch eine Frage der Zeit, ehe sich dieser Kampf entscheiden würde. Und ich ahnte, dass Nadir Khans Chancen auch dieses Mal geringer standen, als die seines Kontrahenten.
Plötzlich war Ruhe. Kein Widerstand, nicht ein kleines Geräusch, das die gespenstische Stille durchbrach. Nur ein leises Keuchen drang an mein Ohr, dass ich klopfenden Herzens als mein eigenes erkannte.
Nadir lauschte.
Ich lauschte.
Was war gesehen?
Kälte erfasste mich. Eriks Stimme war markerschütternd – nicht durch Lautstärke, sondern durch eine ruhige Eindringlichkeit, der sich niemand hätte widersetzen können. „Ich will mit dir reden, Zoe. Allein."
„Nein", Nadirs Augen nagelten mich fest. „Denk nicht darüber nach! Wenn er in dieser Verfassung ist, ist ihm alles zuzutrauen."
Mir lag auf der Zunge, wie oft er Erik denn schon in einer solchen Wut erlebt hatte, doch ich wusste, dass dafür jede Zeit fehlte.
Wir mussten schnell handeln. Und nach allem, was ich an Eindruck von jenem maskierten Mann gewonnen hatte, war unsere einzige Möglichkeit, eine Einigung zu erzielen. Ich bezweifelte stark, dass wir seine Wohnung ansonsten unversehrt verlassen konnten...
„Lass mich mit ihm sprechen."
„Zoe, nein... du kennst ihn nicht. In diesem Zustand ist er gefährlich. Ich...", er brach den Satz unbeendet ab. Die Sorge in seinem Blick ließ mich erröten.
„Nadir", es war reine Berechnung, dass ich meine Hand beruhigend auf die seine legte, sagte ich mir selbst. Natürlich ließ mich die Angst seiner Augen kalt!
Zögerlich ließ er sich von der Tür fortlenken. Ich wagte nicht zu ihm aufzublicken. Es war seltsam, derart im Zentrum seiner Aufmerksamkeit zu stehen.
Stattdessen legte ich eine Hand auf die Klinke, atmete noch einmal durch und trat in den Raum, aus dem keine Laut mehr gedrungen war.
Erik hatte mir den Rücken zugewandt, wartete bis ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, ehe er sich langsam herumdrehte. Alle Angriffslust war aus seiner Haltung verschwunden. Hätte man mir lediglich von seinem Ausbruch eben erzählt, ich hätte es nicht geglaubt. Der Anzug saß tadellos, und indem er sich fahrig über die glatten schwarzen Haare strich, die Schultern straffte und vor mich trat, verfluchte ich auch schon dieses Gefühl tief in mir, dass mich – unmöglich es zu leugnen – zu ihm hinzog.
Auch die Stimme verfehlte ihre reizvolle Wirkung nicht, gerade so als benutze er sie wie ein Garn, mich einzufangen. „Bleib Zoe!" Alles an ihm wirkte einwandfrei... bis auf seine Augen! O Gott, seine Augen waren noch immer wie die eines gehetzten Tieres. Da war soviel Schmerz, soviel Verzweiflung, dass es mir die Kehle zuschnürte. Doch der Todesstoß für all meine Kampfbereitschaft war viel kleiner. „Bitte!" Er würgte dieses Wort beinahe hervor.
Und ich wusste, dass ich verloren hatte.
1 puce Floh
