Kapitel II
Frankreich: Paris: Nähe Eifelturm
Dimitri van Hagen saß zu Hause. Es war Abend, die Sonne ging langsam unter, der Motorenlärm nahm aber nicht ab. Dimitri war 17 Jahre alt, seine Mutter kam aus Russland und hatte nun einen Job als Kellnerin in einem französischen Lokal. Als sie noch mit seinem Vater zusammen gewesen war, hatten sie reichlich Geld gehabt. Sein Vater war Programmierer bei einer niederländischen Softwarefirma gewesen. Dann vor vier Jahren hatte er sich plötzlich verändert. Seinen alten Job hatte er geschmissen, Mama und er hatten sich so oft gestritten, dass Dimitri dachte, die Welt würde untergehen. Und sie hatten sich laut gestritten. Dann war seine Mutter immer in sein Zimmer gekommen und hatte liebevoll zu ihm gesagt: „Dimi, nimm das nicht so schwer. Dein Vater und ich haben einige Probleme, aber wir kommen schon klar. Es ist nichts."
Nur drei Wochen später hatten sie ihr Haus aufgeben müssen, da nun keinerlei Einkommen mehr bestand. Sie waren in eine dreckige Wohnung in Amsterdam gezogen. Und kurze Zeit später hatte seine Mutter eine Totgeburt gehabt. Das hatte sie geschockt und Vater hatte nichts besseres zu tun, als sie zu beschimpfen und zu verfluchen. Dann hatten sie auch schon die Koffer gepackt. Mama hatte einen Liebhaber aus Paris gehabt, der in Amsterdam während seiner Dienstreise verweilt hatte. Dimitri und seine Mutter, Julja, waren zu ihm gezogen. Doch keine zwei Jahre später waren auch sie auseinander gegangen. Der Fremde, den Dimi niemals hatte leiden können, hatte begonnen zu saufen und seine Mutter zu prügeln. Sie hatte oft geweint, sich aber nie getraut Anzeige zu erstatten. Bis Dimi ihm eines Tages das Bein gebrochen hatte, weil dieser mal wieder seine Mutter schlug.
Sie kamen vor Gericht, der Mann saß nun in der Zelle, Mutter musste Geld bezahlen, da Dimi ihn verletzt hatte. Jetzt wohnten sie in einer kleinen Wohnung, doch sie war gemütlich und Dimitri begann sogar, diese Wohnung als sein Zu Hause zu bezeichnen. Mutter war seit jetzt Single, sie meinte, sie wolle sich auf keinen Mann mehr einlassen, denn die waren alle gleich. „Nur du nicht, Dimi.", erklärte sie ihm.
Seit sie nicht mehr bei Vater wohnten, sprach seine Mutter oft russisch mit ihm. Früher hatte sie es nur sehr selten getan und auch nur, wenn Dad nicht anwesend war. Dimitri seufzte und schleuderte sein Mathebuch vom Tisch. Er verstand es einfach nicht. Satz des Pythagoras, Satz des Thales...wozu das alles?
Er würde diesen Kram niemals im Leben brauchen. Niemals. Dimi wusste schon was er werden wollte, Kampfpilot beim Militär. Noch ein halbes Jahr, dann konnte er sich dort einschreiben lassen. Kampfjets waren seine Lieblinge. Sein Zimmer war voll von Postern, Zeichnungen und Modellen. Ebenso hatte er einige Autogramme von berühmten Fliegern gesammelt und bekommen. Sein Lieblingsfilm war „Pearl Harbour".
Eigentlich war er kein Fan von schnulzigem Kitsch, aber die Kampfsequenzen waren einfach zu gut, als das er diesen Film nicht lieben konnte. Wenn auch reichlich übertrieben, wie er selbst fand. Sein Lieblingsflieger war die russische Mig-25. Ob das wohl an seiner halben Herkunft lag? Dimitri beugte sich zum Boden und hob das Buch wieder auf, platzierte es, in Schräglage, vor sich und blickte wieder hinein. „Berechnen sie die Wendepunkte, lokal Extrema und die Ableitungsfunktionen.", er seufzte erneut. Mathematik brachte einfach keinen Sinn für ihn.
Er erhob sich und ging langsam in die Küche. Das Wohnzimmer war sein Lieblingsraum. Links ein kleines Sofa, davor ein Couchtisch, Bücherregale in Hülle und Fülle, eine Kommode auf der ein Fernseher stand, daneben eine Play Station 2, ein Teppich schmückte den dunklen Holzfußboden. Alles wirkte so elegant, war aber meist günstig bei Ebay ersteigert worden. Die Küche war klein, aber fein. Die Möbel waren alt, noch von dem Vormieter übrig geblieben. Aber auch sie wirkten wirklich schick.
Dimi nahm sich ein Glas vom Spülbecken und goss sich Wasser aus der Leitung ein, trank einen Schluck und kippte es wieder weg. Das schmeckte ja scheußlich. Er trank oft Wasser aus der Leitung, aber noch nie hatte es so widerlich geschmeckt. Eine Mischung aus Kalk und Zink, wie er fand.
Der Inhalt des halbvollen Glases wanderte wieder zurück ins Spülbecken, das Glas auf die Anrichte. Dann streckte er sich und überlegte, was er tun sollte. Seine Mom kam nie vor halb 2 Nachts nach Hause. Er hasste es, wenn sie allein unterwegs war. Allein in Paris, aber sie versicherte ihm immer, dass sie Pfefferspray dabeihatte. Und sie wusste sich zu wehren. Wenn Dimi mal Schulschluss hatte, besuchte er seine Mutter in dem Lokal. Es war klein, aber das Essen dort war wirklich lecker. Deshalb war es zum Abend immer proppevoll. So dass die Besitzer die Gäste erst reichlich spät aus dem Lokal jagen konnten.
Oft trafen sich da Geschäftsmänner oder Schauspieler, die nicht von der Presse erwischt werden wollten und einfach genüsslich essen oder reden wollten. Dimi hatte schon so manchen Hollywoodschauspieler in Paris gesehen. Unter anderem auch Tom Cruise und Angelina Jolie. Das waren zwei seiner Lieblingsschauspieler. Dimi war ein Junge wie jeder andere, neben seiner Vorliebe für Flieger hatte er noch eine andere. Die Vorliebe für Mädchen. Und doch hatte er einfach keine Freundin.
Er fand sich selbst nicht hässlich, trug recht ordentliche Sachen und wusch sich immer, stank nicht und schmatzte nicht beim essen. Trotzdem war es ihm noch nicht geglückt die Frau zu finden, mit der er glücklich sein wollte. Irgendwie lag es auch einwenig an ihm. Ihn interessierten die Mädchen aus der Klasse nicht, die jüngeren auch nicht und die älteren, die Frauen, die ihm den ein oder anderen feuchten Traum bereitet hatten, wollten von Dimi nichts wissen.
Seine beste Freundin Sophie war zwei Klassen über ihm, aber sie hatte ihm schon oft verklickert, dass aus ihnen nichts werden konnte. Dimi war einfach zu jung. Und er ärgerte sich so sehr. Doch sich irgendeine Freundin zu nehmen, Hauptsache knutschen und Sex, dass wollte er nicht. Seine Mutter nannte ihn immer: kleiner Romantiker. Und Dimi fand es eigentlich nicht besonders angebracht. Romantiker waren Menschen mit weichem Herzen, sensiblen Nerven, feuchten Augen. Er wollte aber ein Mann sein. Dimitri seufzte und tigerte einige Zeit im Zimmer auf und ab. Nichts zu tun, Langeweile. Diese Worte waren ihm wirklich, wirklich verhasst.
Also setzte er sich kurze Zeit später vor den Fernseher und starrte die Bilder an, die nichts sagend an ihm vorbeiflimmerten. Er gähnte. Im Fernsehen lief gerade eine weitere Folge Emergency Room er hasste diese Sendung, aber um die Zeit lief selten was vernünftiges. Also sah er sich einen alten Schwarzweiß Film an, in dem ein Junge verdächtigt worden war, etwas geklaut zu haben, was er nicht getan hatte. Dummer Film, solche Zufälle gab es doch nicht wirklich, dachte sich Dimitri und schlummerte vor dem Fernseher ein, sah aber nicht, wie eine schwarze Gestalt an seinem Fenster vorbeihuschte.
Julja Toporrowa verließ das Lokal später als gewohnt. Bis zum Schluss hatte dort ein Mann in schwarzen Klamotten gesessen und schweigend über seinem Bier gebrütet. Immer wieder hatte er zu Julja rüber geschaut, aber jedes Mal Augenkontakt vermieden. Schließlich, als der vorletzte Gast das Lokal verlassen hatte, war er aufgestanden, hatte sein schal gewordenes Bier ohne mit der Wimper zu zucken hinabgewürgt und war dann gegangen. Das Bier hatte er schon bezahlt gehabt. Jetzt, kurz nach drei, schritt Julja von dem Lokal weg. Die Nacht war klar, die Straßen meist gut beleuchtet und sie sah keine Menschen auf der Straße. Um die Zeit trieben sich hier nicht mal Mörder und Banditen rum.
Jeder Mensch würde um die Zeit schlafen, außer vielleicht Dimi. Julja hatte ihrem Sohn oft gesagt, er brauche nicht auf sie zu warten. Doch er tat es jedes Mal. Meist schlief er aber vor dem Fernseher ein. Julja hasste es ihren Sohn wecken zu müssen, wenn er den Schlaf der Gerechten schlief. Sie liebte ihren Sohn, wie eine Mutter ihren Sohn nur lieben konnte. Sie würde alles Übel von ihm abhalten, immer. Doch sie konnte ja nicht ahnen, dass dieser Schutz ihr wahrscheinlich besser getan hätte. Während Julja Toporrowa durch die dunklen Straßen ging, musste sie erneut an ihren Exmann denken. Sie konnte nicht abstreiten, dass sie ihn noch geliebt hatte. Das sie ihn vielleicht immer noch liebte. Aber er hatte sie zu sehr verändert. Ihre erste große Liebe war total kühl und abweichend geworden. Und Julja hatte nicht mit ihm leben können, nicht so.
Jetzt hatte sie aber eine schlimme Nachricht im Radio gehört, in den Niederlanden, in Amsterdam, hatte es einen Mord gegeben. Zwei Menschen waren gestorben. Man ging von einer Art rituellem Selbstmord aus, da einer der beiden aus dem Fenster gesprungen war, der andere ohne jegliche Anzeichen im Wohnzimmer gelegen hatte. Julja wusste, wie paranoid das war, aber sie konnte das Gefühl nicht loswerden, dass Marteen darin verwickelt war. Das konnte aber genauso gut ein schlechtes Gefühl sein. In Amsterdam lebten viele Menschen, da war es beinah unwahrscheinlich, dass Marteen Van Hagen irgendwie darin verwickelt war. Doch das würde vollkommen zu seiner Kühnheit sprechen. Rituelle Morde...
Pah, Juljas Blut begann vor Wut zu kochen. Das wär's gerade noch gewesen, wenn der Mann ihrer Träume ein oller Sektenfutzi war. Sie bog beinah automatisch in eine Gasse ein, die parallel zu ihrem Haus lag. Sie würde es von der Rückseite sehen können. Ihr Haus war eines der ersten im etwas schöneren Teil der Stadt. Ein Mehrfamilienhaus zwar, aber trotz allem ein recht sympathisches.
Außerdem lag ihre Wohnung im Erdgeschoss und Julja würde ihren Sohn sehen können, wie er auf der Couch lag und schlief. Sie freute sich schon regelrecht und dieser Gedanke ließ all die bösen Flüche und Verwünschungen, die sie eben noch auf der Zunge hatte, im Keim ersticken. Julja verließ die Gasse und trat auf die breite Straße hinaus. Um die Zeit fuhren hier keine Autos mehr. Alle Menschen schliefen. Sie konnte ihren Sohn schon fast zwischen den Büschen erahnen, als plötzlich etwas blendendes auf sie zuschoss.
Julja blickte nach rechts und sah das Auto. Ihre schwarzen Klamotten ließen sie vollkommen unsichtbar werden und sie blieb wie geschockt stehen. Das Auto war heran und Julja machte Bekanntschaft mit der Motorhaube. Sie knallte mit dem gesamten Körper darauf und wurde, als das Auto anfing zu bremsen, nach vorne, auf die Straße geschleudert. Alles tat weh und sie spürte, dass sie an mindestens sieben Lebenswichtigen Stellen blutete.
Sie würde sterben, wenn nicht schnell der Krankenwagen kam. Aber nein, es war zu spät...sie war unvorsichtig gewesen und nun war Dimi auf sich allein gestellt. Warum musste auch gerade jetzt das Auto kommen? Sie sah wie alle vier Türen des schwarzen BMW (warum konnte sie das Auto noch so genau erkennen?) aufgerissen wurden und vier Gestalten heraustraten, sie an sämtlichen Gliedern packten und aufhoben. Die Gestalten trugen Kutten. Rituelle Morde...
War es also doch kein blöder Zufall. Zwischen den Büschen konnte sie Dimi auf der Couch sehen, ein Schatten löste sich vom Busch und glitt durch ihren Garten. Dann wurde alles um sie herum schwarz. Und sie fluchte innerlich, so lange sie noch konnte.
Verdammter Marteen...
Dimi war auf der Couch eingeschlafen und sah den Schatten nicht, der durch ihren Garten huschte, sah das Blitzen der Waffe im Mondlicht nicht. Er hörte nicht, wie das Gewehr angelegt wurde und wie man auf seinen Kopf zielte. Und das schlimmste: Er wusste nicht mal, wieso er hier im Ziel eines Sniperschützen geraten war. Denn Dimitri war eingeschlafen, während der Fernseher Mission Impossible 2 wiederholte.
Fortsetzung folgt:
