Kapitel III
Frankreich: Paris: Charles de Gaulle Flughafen
Die Maschine aus Amsterdam landete nur wenige Stunden nach ihrem Abflug am Zielflughafen. Es hatte keinerlei Komplikationen gegeben und auch keine Probleme mit dem Wetter oder der Maschine. Alles war super gelaufen. Mit dem Aufsetzen der Räder ging eine regelrechtes Aufatmen durch die Erstarrte Menge. Alle flogen sie, doch kaum einer traute sich wirklich. Ruhe legte sich über die Maschine, die langsam ausfuhr, an Schwung verlor. Bald würde das typische Gedränge losgehen, wo alle aufsprangen und schon an der Tür standen, obwohl diese noch nicht mal geöffnet worden war. Aber im Moment herrschte Ruhe. Nur eine Person war noch immer so unruhig, wie die anderen am Beginn dieses Fluges. Diese Person war Lara Croft und sie vermisste den Kontakt zu ihren beiden Spezialisten am Headset. Im Flieger war dieser und jegliche Form von Handys verboten, so dass ihre Ausrüstung sicher verstaut in ihrer einzigen Tasche lag. Ihrem Handgepäck. Lara war auch keineswegs aus Urlaubsgründen in Paris. Eigentlich mied sie Paris, seit den Vorfällen von vor zwei Jahren, aber jetzt führte die Arbeit hier hin. Nicht die Arbeit als Tomb Raider, sondern die Arbeit als sozialer Mensch.
Es ging darum das Leben eines Jungen zu retten, der ein fürchterliches Geheimnis mit sich trug (woher nahm sie an, dass es bei dem Geheimnis wirklich um was furchtbares ging?) und nun im Visier einer antiken Sekte war. Jedenfalls von Leuten, die von sich behaupteten eine antike Sekte zu sein. Keiner wusste genau, was und wer diese Sekte war. Sie wussten nur, dass es sie im finsteren Mittelalter mal gegeben hatte, ein Abkömmling der Illuminati. Und das sie eigentlich und das schien ihr doch unwiderlegbar, vollkommen ausgerottet worden sind. Lara seufzte. Das ergab alles keinen Sinn, erstmal musste sie jetzt diesen Jungen finden, dann konnte sie weiter sehen. Sie würde das Spiel mitspielen und so tun, als wäre die Sekte wirklich real. Irgendwann kam der Übeltäter schon ans Tageslicht, dafür würde sie höchstpersönlich Sorge tragen.
Während sie sich gemeinsam mit dem Passagieren schließlich doch aus dem Flieger begann, wurde sie von der kühlen Pariser Nacht empfangen. Die große Fläche, auf der sie sich nun befand war nicht mehr Amsterdam, es war nun Paris. Ein vollkommen anderes Land, trotzdem hatte der Flug nicht lange gedauert. Sie hatte im Inneren abgecheckt, ob vielleicht ein Minotaur mit ihr drin saß, aber die Menschen sahen alle keineswegs verdächtig aus. Doch das war bei Geheimsekten immer der Fall. Sie sahen immer unscheinbar aus. Bis sie dann losschlugen und man feststellen musste, dass es sich um Tausende Anhänger überall auf der Welt handeln musste.
Lara hatte bereits viele schlechte Erfahrungen mit Sekten gemacht. Diese war also nix neues für sie. Die Schlange bewegte sich über den Landeplatz, angeführt von einer Stewardess. Sie begaben sich ins Innere der Gebäude, wo nacheinander Pass und Gepäck kontrolliert wurden. Beim Pass gab es kein Problem. Es wurde abgestempelt, Lara Croft wurde als Eingereist anerkannt und schon ging es weiter zum Gepäck. Bei der manuellen Absuche fanden die Frauen (sie wurde immer von Frauen abgesucht) nichts, nur in ihrer Reisetasche erblickte eine blonde Frau vom Sicherheitsdienst die beiden Pistolen. Sie blickte Lara Croft fragend an und sprach sie schließlich auf französisch an: „Kann ich ihren Waffenschein und die Erlaubnis Waffen über die Grenze tragen zu dürfen sehen?"
Lara kramte in ihrer Brieftasche, während sie nachdachte. So was passierte ihr nie. Normalerweise wurde sie an sämtlichen Flughäfen erkannt. Aber sie dachte sich nichts dabei und reichte die Papiere der blonden Frau. Die braunhaarige Kollegin, mit dem Körperbau eines „Hinter Gittern" Schauspielers, gesellte sich zu der zierlichen Blonden. Gemeinsam murmelten sie was leise, so dass Lara nix verstand. „Kommen sie bitte mit.", die braunhaarige Tante nahm ihre Tasche und führte Lara durch das Flughafengebäude in Richtung Sicherheitsverwahrung. Da war Lara noch nie gewesen. „Was ist passiert?", sprach Lara das Mannsweib an. Diese schnaubte verächtlich: „Irgendwas stimmt mit ihrem Pass nicht. Wir dürfen sie nicht gehen lassen, bevor das nicht geklärt ist." „Das kann nicht sein, der Pass ist mir vor einem Monat erst zugestellt worden. Er ist noch vollkommen neu. Vielleicht haben sie einen Fehler bei der Datenerfassung gemacht?", wunderte sich Lara.
„Wir machen keine Fehler.", grunzte das Weib und bugsierte Lara weiter. Etwas war hier gehörig faul. „Ich würde gern mit Monsieur Fache reden.", verlangte Lara. Fache war der Leiter des Flughafens, er war ebenso ein alter Freund von Lara Croft und würde dieses Missverständnis schnell aus der Welt schaffen.
Doch die braunhaarige Frau reagierte gar nicht darauf. Stattdessen schloss sie langsam die Tür auf und stieß Lara hinein, führte sie zu einer der Zellen. Es wird Zeit zu handeln, dachte Lara. Das konnte einfach nicht sein. Sie brauchte aber einen Beweis, dass was nicht in Ordnung war. Und dann sah sie ihn. Am Hals, leicht durch das blaue Hemd verdeckt, sah sie ein Symbol. Das Dreieck mit der Linie, wie auf James Rücken. Und sie erkannte, was hier vor sich ging. Die Frauen waren Minotauren gewesen, sie versuchten sie von dem Jungen fernzuhalten. Es war nicht auszuschließen, dass das gesamte Personal Mitglied der „Sekte" war.
Ebenso auch Fache. Vielleicht hatte er sie all die Jahre getäuscht. Man konnte eben niemandem trauen, musste sie wieder feststellen. Und im nächsten Moment wirbelte Lara herum. Ihr ausgestreckter Arm krachte gegen die Brust der Riesin und stieß diese gegen die Wand. Als nächstes folgte ein Sprung an die Gegenüberliegende Wand. Dort stieß Lara sich ab, wirbelte um die eigene Achse und ließ ihr Knie gegen die Schläfe der Frau krachen. Die Überwachungskameras hatten das Bild schon längst erfasst und Lara blieben nur wenige Sekunden. Mit einem Handgriff löste sie die ID Karte der Frau von ihrer Brust und rannte zur Tür. Bald würde es hier von Sicherheitsleuten nur so wimmeln.
In der Tasche kramte sie das Headset und ihren Gürtel mit allen Utensilien hervor und zog beides an. Sofort wurde eine Verbindung über Satellit hergestellt und sie konnte Zip und Allister von weiter weg debattieren hören.
Ein beruhigendes Gefühl. Sie meldete sich nicht, stattdessen brachte sie den Gürtel an und eilte zur Tür. Diese schloss sie mit der ID Karte auf und hastete dann über den Überfüllten Flughafen. Sommerferien in vielen Ländern, jetzt war die Hauptanreisezeit. Sie tauchte in der Menge unter und sah Wachmänner zur Tür hasten, die eilig Befehle auf Französisch brüllten. Zwischen Menschen, Kioskständen und anderen Geschäften, schlängelte sie sich geschickt hindurch und sah schon die Tür vor sich. Doch davor kam ein kurzes Stück auf freier Schussbahn. Sie legte einen Zahn zu. Und dann hörte sie es. Stimmen die riefen. Sie konnte keinerlei Hass oder Zorn in der Stimme erkennen, einfach eine nüchterne, befehlende Stimme. So sprach kein Mensch, der wirklich Mensch war.
So sprach höchstens ein vollkommen gedrillter Kerl. Ein Mann, ein Minotaur. Sie grinste. Also hatte sie mit ihrer Vermutung doch Recht behalten. Die Schüsse kamen von oben, von einer Galerie. Lara eilte zu einer Bank rüber, sprang an einem davon rennenden Mann, der eben noch seelenruhig seine Zeitung gelesen hatte, vorbei und hörte nur kurze Zeit später Maschinengewehrschüsse durch die Halle sausen. Keiner davon traf sie, aber sie erreichte die Bank, stieß sich mit einem Fuß ab und segelte durch die Luft. In der Luft vollführte sie eine 180 Grad Drehung und hing nun über Kopf, zog ihre Pistolen und schoss. Die Kugeln sausten zum Teil an den Wachmännern vorbei, teilweise trafen sie Säulen, Glas oder Bänke. Aber es wurden keine Menschen verletzt.
Diese Aktion hatte auch eher dem Ziel gedient, die Minotauren in Deckung gehen zu lassen, doch sie blieben unbeirrt stehen. Keiner von ihnen schien wirklich Angst vor diesen Metallprojektilen zu haben. Lara hatte mal gelesen, dass Minotauren furchtlose Wesen seien. Ebenso wie ihre griechischen Vorfahren aus den Mythen. Damals war der Minotaurus in einem Labyrinth gefangen gewesen und hatte jeden getötet, der dort hineingelangt war. Ebenso furchtlos und kalt, wie die Männer auf der Galerie. Laras Zeit schien endlich weiter zu gehen und sie vollendete den Salto, stand wieder auf den Füßen und rannte die letzten Meter bis zu der Drehtür. Dort warf sie sich mit ganzem Gewicht gegen das Glas, was daraufhin zerbarst.
Na toll, wieder in Paris und schon hast du wieder Ärger gemacht, Lara fluchte, rappelte sich auf und eilte zwischen vorbeirasenden Autos die Straße hinab, die sie zu einem Parkplatz führte. Dort suchte sie sich das schnellste Auto aus und öffnete die Tür. Dies ging natürlich nicht so leicht, wie es klang. Und die Scheibe einschlagen wollte sie nicht. Aber es gab einen Trick, den Lara niemandem verraten würde. War ja ihr Trick.
Schnell schloss sie den Porsche kurz und sauste dann in einem Affenzahn davon. Kein Minotaur folgte ihr. Sie konnte endlich einwenig durchatmen und schließlich klickte sie auch den kleinen Knopf an ihrem Headset, während sie auf die Autobahn hinaus fuhr und sich in Richtung Paris machte. Der Knopf diente zur Freisetzung eines Impulses in der Bibliothek, dem Arbeitszimmer, Zips Schlafzimmer und in der Küche. Das waren die Orte, die Zip und Allister meist nutzten, deshalb auch dort die leuchtenden Lämpchen und der Signalton. Es dauerte nur wenige Sekunden, da hörte sie Zip am Apparat.
„Was gibt's meine Schöne?", wollte er wissen. Sie konnte sich ein grinsen nicht verkneifen, während sie die Nächste Ausfahrt in die Hauptstadt nahm. „Minotauren. Sie haben mir auf dem Flughafen aufgelauert. Gibt es noch nichts neues?", wollte Lara wissen: „Keine Anzeichen für ein mögliches Fortbestehen? Keine Anzeichen auf ihren Führer?" Sie konnte regelrecht hören, wie Zip den Kopf verneinend schüttelte: „Nein Lara. Nicht die Bohne. Diese Minotaurusheinis haben sich wirklich Mühe gegeben, ihre Rückkehr so lange wie möglich geheim zu halten."
„Aber warum dann gerade jetzt?", überlegte Lara laut. Keine Ahnung, dass wäre ihre Antwort gewesen, aber Zip und vor allem Allister hatte oft einige gute Ideen. „Keine Ahnung.", wie sie befürchtet hatte: „Allister ist im Moment in der Bibliothek und geht meteorologische Karten durch, sieht sich die Sterne durch dein neues Teleskop an und so was. Er vermutet ein Ereignis am Himmel."
„So was wie Sonnenfinsternis oder Planetenkonstellation?", wunderte sich Lara. Darauf war sie noch nicht gekommen. Aber es gab allerdings auch keine Textpassagen, die den Orden mit Sternen oder Planeten in Verbindung brachte. Also war das relativ unwahrscheinlich. „Was gibt es denn noch für Möglichkeiten?", wunderte sich Lara Croft. Irgendwie spielten die Minotauren ein wirklich undurchsichtiges Spiel. Das alles schien so voll und ganz nicht zusammen zu passen. Mit der rechten Hand begann Lara den Zettel zu suchen, auf dem sie sich die Nummer und Adresse des jungen Mannes aufgeschrieben hatte. Nachts war Paris einfach nur wunderschön. Sie bretterte gerade am Louvre Museum, mit seinem Pyramidenartigen Eingang, der vom Licht nur so erhellt war, vorbei. Schließlich fand sie den Zettel und hielt ihn so, dass die Straßenlaternen die Straßennummer und Namen erkennen ließen.
Dimitri Van Hagen, war der Name. Ein merkwürdiger Name für einen Jungen, aber Dimitri war der Sohn eines Russen und einer Holländerin. Da war es vollkommen klar, dass er einen solchen Namen bekommen hatte. Ihr Blick fiel auf die Uhr. Kurz nach acht. Die Armbanduhr stellte sich automatisch um, sobald sie bestimmte Zeitzonen überflog, so dass sie immer die aktuelle Uhrzeit parat hatte. Als Britin mochte Lara Frankreich nicht besonders, das lag aber auch nicht unbedingt an der sowieso schon vorhandenen Abneigung der Länder zu einander, sondern an den Ereignissen vor zwei Jahren.
Damals hatte Werner Von Croy sie zu sich gerufen, denn er musste mit ihr was klären. Sie hatte sich allerdings vollkommen abgeschottet und reagierte nicht auf seine Anrufe, denn die Tatsache, dass er sie in Ägypten verraten hatte, ließ Lara einen gewissen Hass auf ihren alten Mentor verspüren. Dann traf sie sich schließlich doch mit ihm in seinem Penthouse und nur einen kurzen Moment später war er tot. Sie hatte zuerst gedacht, dass sie ihn umgebracht hatte, denn die Erinnerungen waren verschwommen gewesen. Doch schließlich hatte sich die Wahrheit herausgestellt. Eine alte Sekte (Lara schüttelte bei dem Gedanken daran, den Kopf...Parallelen wie diese kamen selten vor.) hatte mit Werner Kontakt gehalten, doch als er sich Lara anvertrauen wollte, brachte man ihn um.
Ob es bei James ähnlich war? Immerhin hatte auch er versucht sie zu kontaktieren und dieser Hinweis auf Amsterdam. All das schien zu einem Puzzle zu werden, dass Lara zu lösen noch nicht im Stande war. „Eine andere Möglichkeit?", Zip riss sie aus den Gedanken: „Ich hab mir mal Prophezeiungen angesehen. Aber es passt keine. Eine gibt es, die wäre annähernd richtig. Aber meine Lateinkenntnisse reichen nicht aus, um sie dir ernsthaft zu übersetzen."
„Was steht denn da?", wollte Lara wissen. „Zum Jahr des Mondes, am vollen Hund wird er kommen, am dritten Tag wird er richten, was zu richten gegeben ist.", lass Zip vor und Lara kam ins Grübeln. Sie kannte keine Prophezeiung, die so lauten könnte.
„Lies den lateinischen Text vor.", verlangte Lara, während sie weiterhin die Augen nach dem Straßennamen offen hielt. Doch in der Innenstadt gab es nichts, jedenfalls nicht im harten Kern. Also musste sie die Suche ausweiten, wie ihr schien. Doch zuerst lauschte sie aufmerksam dem Text. „Zip. Du hast es leider falsch übersetzt. Die Wörter stimmen zwar...", sie stockte und grinste: „...zum Teil. Aber: Die Beziehungen sind falsch. Es muss heißen: Zum Jahr des Hundes, am dritten Tag des Vollmondes, wird er kommen, zu richten, was zu richten ist.", sie dachte über die nun etwas veränderte Bedeutung nach: „Das Jahr des Hundes ist aus dem asiatischen Kalender und macht vollkommen keinen Sinn in dem Zusammenhang." Zip schien ihr schweigend zu zustimmen.
Ebenso schien er sich darüber zu ärgern, dass er den Text falsch übersetzt hatte. Männer, sie sind doch so leicht zu durchschauen. Lara verließ die Stadt in Richtung Eifelturm und sauste nun durch schmalere Straßen, die noch immer intensiv befahren wurden, so dass sie in einer Straßen mehrmals anhalten musste und durchgehend nur im ersten Gang vorankam. Sie hasste solche Schleichtouren wie die Pest.
Lara liebte Autos wie ihre Männer, schön, stark und schnell. Na ja, nicht unbedingt zu schnell. Sie hörte wie im Hintergrund ein Stuhl verrückt wurde und wie Allister sich kurz mit Zip beriet, bevor er Lara die Botschaft verkündete: „Keine Phänomene in nächster Zeit. Keine Planetenkonstellation, keine Sonnenfinsternis. Nicht mal n popeliger Kometenhagel.", er schien ernsthaft enttäuscht zu sein, dass er ausnahmsweise keine Hilfe darstellte. Lara verstand dieses Gefühl nur zu gut. Sich hilflos fühlen will keiner.
Und vor allem Lara nicht, nicht in gewissen Situationen. Sie seufzte und starte voll durch, als der Verkehrspfropfen sich gelöst hatte. Doch schon kurze Zeit fielen ihr zwei Scheinwerferpaare auf, die nicht von ihrer Seite wichen. Es waren die charakteristischen Formen von 5er BMWs. Eine typische Gangstermarke, wie man sie nur aus Filmen kannte. Lara hätte nie gedacht, dass sie mal wirklich Leute traf die sie ernsthaft in so einem Auto verfolgten.
Aber schon einen kurzen Augenblick später stieß der Vorderste gegen ihre Stoßstange. Es gab einen kurzen Aufprall, dann setzten die beiden BMW zum Überholmanöver an. Lara beobachtete sie zuerst, blieb auf gleicher Geschwindigkeit und sah zu, wie sie plötzlich zwischen die BMW genommen wurde.
„Jungs, ich glaub wir bekommen Gesellschaft.", sprach sie ins Headset. Dann lenkten beide Wagen gleichzeitig in ihre Richtung.
Fortsetzung folgt:
