Kapitel IV

Frankreich: Paris: In den Straßen

Lara trat auf die Bremse.

Sofort reagierte das Auto und kam zum Stehen, Lara wurde aus ihrer Position nach vorne gerissen und dann wieder zurück in den Sitz geschleudert, aber sie entging so dem Angriff der beiden Fahrzeuge. Diese stießen nun zusammen und trudelten einige Sekunden vor sich hin, bis sie ebenfalls auf die Bremse traten und auseinander lenkten. Lara schoss los, als sie die Beifahrertür des links liegenden Fahrzeugs aufgerissen sah. Der Mann, der nun herauskam erinnerte keineswegs an irgendeinen Ordensbruder. Er war groß, hatte blonde Haare und trug eine Brille, die ihn wahrscheinlich älter aussehen ließ, als er war. Außerdem trug er einen schicken Anzug in schwarz. Erschrocken versuchte er wieder in den Sitz zu springen, doch da war Lara schon heran, zog mit der linken Hand gleichzeitig die Pistole.

Sie rammte den Mann, der nun in einem hohen Bogen über die Motorhaube flog, während sie mit der Pistole in die nun aufgerissene Tür schoss und den Fahrer hinterm Steuer tötete. Zwei zu Null, schoss es ihr durch den Kopf. Dann fuhr sie auch schon weiter, während das zweite Fahrzeug ebenfalls an Geschwindigkeit gewann und sie verfolgte. Sie zweifelte nicht daran, dass schon bald mehr kommen würden.

„Was ist da los?", wollte Allister wissen. „Besuch.", rief Lara über das Dröhnen des Motors hinweg. Hätte sie nicht den Kurs im Gefahrensituationen richtig nutzen gemacht, wäre sie sicherlich überfordert. Damals hatte sie den Kurs eher auf Grund des ulkigen Namens belegt, jetzt freute sie sich darüber, dass er ihn ihrer Abenteuerausbildung enthalten gewesen war. Damals wollte ich auch nur Archäologin werden, Lara erinnerte sich zurück, wie ihr Werner von Croy damals in Angkor Wat erklärt hatte, wie sie sich in solchen Situationen verhalten musste. Danach, nach dem Einsturz des Tempels mit der Iris und Von Croy darin, hatte Lara viel geübt.

Ihr Körper war nun nicht mehr nur ein Werkzeug, sie hatte gelernt ihn zu kontrollieren und damit Sachen zu vollbringen, die nicht mal ein Hochleistungssportler hinbekam. Lara hatte in zehn Jahren fast mehr Ausbildungen in einem Zug gemacht, als jeder Mensch dieser Welt. Sie hatte bei Mönchen und Priestern, bei Ninja und Soldaten, bei Politikern und Professoren, bei Fahrlehrern und Freunden gelernt. Sie war richtig begierig darauf gewesen, besser und schneller und stärker zu werden, als jeder andere. Und sie hatte es geschafft. Es gab wohl nur eine Handvoll Menschen, die es mit Laras körperlich aufnehmen konnten. Und das sie es trotz allem geschafft hatte schön weiblich zu bleiben, freute Lara am meisten.

Schüsse rissen sie aus den Erinnerungen und Lara sah im Rückspiegel das zu dem BMW noch weitere Fahrzeuge aufgeschlossen hatten. Ein Militärfahrzeug und zwei weitere BMW. Wäre die Straße nicht so belebt, hätte es für Lara absolut kein Problem dargestellt, von diesen Autos davon zu fahren, denn ihr Porsche hatte mehr PS, als jedes dieses Fahrzeuge. Aber sie musste Rücksicht auf unschuldige nehmen, weshalb sie auch in einer Art Slalom um die Fahrzeuge fuhr und mit durchgedrückter Hupe die Autos warnte. Oft reagierten die Fahrer aggressiv, oder sie reagierten nicht. Aber die meisten hielten an und ließen sie passieren.

Schade, dass ich kein Blaulicht habe, dann wäre das Problem aus der Welt. „Wäre es nicht angebracht, mal die Autobahn zu benutzen, um die Kerle abzuschütteln?", schlug Zip, ihre helfende Stimme vor. Lara hätte am liebsten gelacht. Sie war nicht hier um Katz und Maus mit den Kerlen zu spielen, es galt das Leben eines Jungen zu retten. Sie durfte Paris nicht verlassen.

Als sie im Rückspiegel erkannte, dass die Fahrzeuge aufschlossen, trat sie in die Bremse und riss das Lenkrad herum, so dass ihr Fahrzeug beinah auf der Stelle eine Wende machte. Dabei zog sie erneut die Waffe und schoss durch die Frontscheibe auf die Reifen des BMW, dieser kam ins schleudern und rammte sie mit voller Fahrt. Der Aufprall war so brutal, wie er nur hätte sein können. Lara wurde erneut nach vorn gerissen, der Airbag riss auf und blies sich blitzschnell auf. Mit dem Gesicht krachte sie hinein und für einen kurzen Moment sah sie Sternchen, während der BMW von aufschließenden Fahrzeugen fast um die Hälfte komprimiert worden war. Lara löste, so geistesgegenwärtig war sie noch, den Gurt und riss die Tür auf, bevor der Airbag sich wieder lehren konnte und rollte zur Seite, mitten auf die Fahrbahn, die Gott sei Dank frei war. Denn die zivilen Fahrzeuge waren vor Schreck alle stehen geblieben. In ihrem Kopf drehte sich alles und sie hatte sich mindestens eine Rippe gebrochen und einige Prellungen und Blutergüsse geholt, aber sie war noch bei Verstand und schaffte es, sich langsam aufzurappeln und von den ineinander verhakten Fahrzeugen wegzukommen.

Sie tauchte in eine Gasse ein und lehnte sich dort erst mal zurück. Sie hatte vielleicht zwei Minuten, um zu verschnaufen und Ausrüstung und Körper zu checken, dann ging es auch schon weiter. Denn die Killer in den hinteren Fahrzeugen hatten es wahrscheinlich besser gehabt, als der BMW, der sie gerammt hatte. Aus ihrer Gasse, im Schatten eines Hauses hockend, sah sie die beiden Fahrer des total zerstörten Fahrzeugs ziemlich gut. Sie lagen ebenfalls auf der Straße, vollkommen blutig und zerquetscht.

Kein Sicherheitsgurt, erkannte Lara. Warum mussten coole Killer auch immer unangeschnallt fahren. Die Archäologin beruhigte ihre Atmung, während sie die Menschentrauben beobachtete, die von dem Fußgängerweg und aus den Häusern einen undurchdringbaren Ring um die Unfallstelle bauten. Und schon wieder hörte sie Sirenen im Hintergrund. Das wird langsam ein echtes Hobby. An Unfallstellen war sie die letzten Wochen schon reichlich gewesen. Und doch schien sie keinen Schritt voranzukommen.

Frustriert über ihre Unwissenheit lehnte sie sich gegen die Wand des Hauses und schloss für einen Moment ihre Augen. Ruhe kehrte ein und sie entspannte sich einwenig. Die Sirenen schienen leiser zu werden und auch die Stimmen der Menschen wurden ruhiger. Sie blendete für einige Sekunden einfach alles aus. Nur noch der eigene Atem war zu vernehmen. Dies würde den Heilungsprozess um einiges beschleunigen.

Nun konnte der Körper, ungestört von äußeren Eindrücken, sich vollkommen auf die Heilung des Gleichen konzentrieren. Aber irgendwas störte Laras Konzentration und Ruhe. Ein Griff an die Schulter. „Alles okay?", fragte eine Stimme auf französisch. So viel zur Ruhe...Lara seufzte und erhob sich langsam wieder. All ihre Knochen rebellierten dagegen, aber sie musste es. „Ja.", antwortete Lara: „Alles paletti."

„Sie sehen verdammt blass aus, ist auch wirklich alles in Ordnung?", der Sprecher trat aus dem Schatten. Ein Mann in Anzug, dunkles Haar, kantiges, gut aussehendes Gesicht. Er lächelte freundlich und trat auf Lara zu. Diese hob aber abwehrend die Hand und bezahlte mit einem Stich in den Rippen, den sie aber überging. Alles was sie in dem Moment zuließ, war ein zusammenkneifen der Augenbrauen. Der Fremde, übrigens ein wirklich gut aussehender Kerl, Lara wog kurz ab ob ein Treffen mit ihm, nach Ende dieses Horrors, drin war, doch dann schüttelte sie unmerklich den Kopf.

„Das kommt von der Müdigkeit antwortete sie.", Lara log. Aber sie konnte niemandem vertrauen. Wenn der Orden wirklich noch existierte, dann hatten sie einen Plan und Lara musste wissen, was dieser Plan war. Aber dafür brauchte sie den Jungen. Der Junge, der mittlerweile vielleicht schon tot war. Außerdem brauchte sie ein Team, ein echt gutes Team. Nicht nur ihre beiden Plappermäuler am Headset. Sie brauchte einen Partner, der mit anpackte. Und da kam ihr auch schon jemand in den Sinn.

Der Fremde sah schließlich in Richtung des Unfalls, wo sich nun die Krankenwagen und Polizeifahrzeuge sammelten: „Schrecklich, finden sie nicht auch?" Lara nickte: „Sehr schrecklich." „Was machen sie in einer Gegend wie dieser, noch dazu in so einer Gasse?", der Kerl ließ wohl echt nicht locker. Doofer Samariter. „Shoppen.", kam es Lara heraus: „Und jetzt lassen sie mich bitte in Ruhe, ich hab noch was zu erledigen.", sie klang zorniger als beabsichtigt. Aber der Kerl ging ihr gehörig auf die Nerven.

Der hatte was von Chase Carver, ihrem Ex-Ex-Ex-Freund oder so ähnlich. Der Kerl war auch sehr aufdringlich gewesen. Der Fremde lachte leise in sich hinein und betrachtete nun die Gassen genauer: „Sieht mir aber nicht aus wie ein Ort, an dem Lara Croft shoppen würde.", nun sprach er Englisch. Lara fluchte. Sie hätte es wissen müssen. Also riss sie die Pistole, so schnell es ihr schmerzender Arm zuließ, aus der Innenseite ihrer Jacke und richtete diese auf den Fremdling.

„Wer sind sie!", wollte Lara wissen: „Und woher kennen sie mich!"

„Ich bin ein Fan.", wehrte sich der Kerl und hob beide Arme, aber eher um zu zeigen das er unbewaffnet war: „Lara Croft, in unseren Kreisen sind sie eine Berühmtheit. Ich kenne jede ihrer Abhandlungen." „Ach und sie haben sie also gelesen, weil...", Lara wartete bis er den Satz vollendete. „...weil es zu meinem Job gehört.", half dieser ihr nun weiter.

„Ach so und ich dachte, sie bräuchten die Illustrationen beim Hand anlegen.", sagte Lara verächtlich und ließ dem merkwürdigen Kerl nicht aus den Augen.

„Seh ich etwa so abstoßend aus.", wollte der Mann wissen, ehrlich gekränkt wie es Lara schien.

„Sie wissen ja gar nicht wen ich alles schon bei schlimmerem erwischt habe.", Lara verdrängt alle aufkommenden Bilder direkt: „Und die meisten waren wirklich edle Persönlichkeiten." Der Fremde lachte ehrlich belustigt auf. Irgendwie wirkte er nicht sehr bedrohlich. Aber sie hatte gelernt, das der Wolf im Schafspelz immer der Netteste war. Und dieser Kerl hatte alles, um dieser Wolf sein zu können. Die Archäologin machte einen Schritt nach hinten und tastete sich mit der freien Hand an der Wand entlang.

„Ich will ihnen wirklich nichts böses.", versuchte der Mann sie zu beruhigen. „Wissen sie, dass haben schon viele behauptet. Aber die haben wenigstens ihre Namen verraten. Das wirkt eher vertraulich.", Lara spürte wie die Wand endete. Sie hatte die Gasse verlassen. Also senkte sie die Waffe und rannte los. Ihr war es vollkommen egal, wer dieser Kerl war. Alles was sie wollte war, den Jungen retten. Und zwar bevor die Kerle ihn foltern oder töten würden. Und wenn sie schon hier waren, dann war das kein gutes Zeichen.

Lara hastete weiter, ignorierte die schmerzenden Füße und es kam ihr so vor, dass je weiter sie ging umso geringer wurde der Protest. Sie schien tatsächlich auch in so einer Position ihre innere Ruhe finden zu können. Der Trick war echt hilfreich, wenn man mal von einem Affen gebissen wurde oder so. Oder einen Autounfall hatte.

Sie brauchte einen neuen, fahrbaren Untersatz. Einen, den sie nicht zu Schrott machen würde. Und schließlich fand sie einen. Ein Motorrad hielt unweit von ihr auf ihrer Fahrbahnseite. Ein junger, gut gebauter Mann stieg ab und löste seinen Helm. Lara sah, wie er die Schlüssel in die Brusttasche seiner Motorradjacke schob und musste grinsen. Ein Kinderspiel. Die Grabräuberin brauchte dafür nur ein wenig Schauspielerische Kunst. Männer waren doch so simpel gestrickt. Sie setzte ihre beste Hilfe-da-ist-jemand-der-will-mir-an-die-Wäsche-Miene auf und humpelte los.

Keinen der Passanten, die noch auf den Straßen unterwegs waren (Paris schlief nie, dachte sie sich dabei), schenkten ihr beachten. Aber sie machte ihre Sache gut. Nach wenigen Sekunden wirkte ihr humpeln echter, als bei einem Schwerverwundeten. „Helfen sie mir.", sprach sie auf französisch und warf sich dem Mann in die Arme. „Was ist denn los?", wollte er wissen und drückte sie instinktiv an sich, sondierte die Gegend hinter ihnen. Doch er konnte wohl nichts auffälliges bemerken.

„Helfen sie mir.", flehte Lara und blickte panisch zurück, dabei drückte sie ihre flachen Hände gegen seinen Brustkorb. Das sie sowieso einwenig lädiert war, half ihr und verpasste der ganzen Show die richtige Würze: „Ein Mann, ein schrecklich fieser Mann.", sie verfluchte sich selbst. So ein billiger Satz. Aber der Kerl sprang trotzdem drauf an.

„Er wollte mich ausrauben. Dort in der Gasse.", sie deutete auf die, aus der sie eben noch gekommen war. Die Pistole schob sie mit dem Ellebogen so weit vom Körper des Motorradfahrer weg, so dass er nicht bemerkte das sie bewaffnet war. Das würde dann doch alles einwenig lächerlich wirken. „Ich geh mal nachschauen.", erklärte er und blickte sie mit einem strahlenden Lächeln an. Oh, er fühlte sie gut. Lara sah ihm das an. Wahrscheinlich erhoffte er sich auch noch eine Post-Rettungsaktions-Nummer auf seinem Zimmer. Doch soweit würde Lara nicht gehen. Bis dahin war sie schon weit weg über alle Berge. Denn während er die Gegend sondiert hatte, war sie mit geschickten Fingern in seine Brusttasche gewandert und hatte den Schlüssel in die flache Hand gedrückt.

„Passen sie bitte auf. Er ist grauenhaft.", rief Lara, während der Mann die Gasse betrat. Er fühlte sich im Moment wahrscheinlich wirklich, wirklich männlich. Doch Lara fand das alles eher belustigend. Das Männervolk war ja so schwach. Sie wollte nicht wie eine Emanze mit Damenbart klingen, aber das war wohl die Wahrheit. Männer machen für Frauen einfach alles. Als er aus ihrem Blickfeld verschwunden war, setzte sie sich auf das Motorrad und zündete den Motor. Das Geräusch musste er gehört haben, denn er kam kurz darauf aus der Gasse und rief ihr etwas hinterher, was aber im Lärm der Maschine unterging.

Eine Yamaha, schwarz, wie Lara es mochte. Dann hatte sie sich schon in den Verkehr eingebunden und jagte davon. Sie würde ihm sein Motorrad sicher wiederbringen...jedenfalls hoffte sie das.

Fortsetzung folgt: