Kapitel VI
Frankreich, Paris: Nähe Eifelturm
Lara konnte es nicht fassen.
Der Junge lag in ihren Armen und weinte. Er weinte, er war unschuldig, so unschuldig. Und jetzt war er Teil des Puzzles. Geschockt blickte Lara zu Boden und konnte nichts anderes tun, als den jungen Mann festzuhalten. Und Dimitri genoss es, er hörte bald schon auf zu weinen aber es ließ sie nicht los. Sie konnte ihn verstehen. Wegen irgendeinem Geheimnis, dass sein Vater mal gewusst hatte, war Dimitris gesamte Familie ausgelöscht worden. Lara zweifelte nicht daran, dass die Minotauren auch den Rest seiner Blutsverwandtschaft ausradieren würden, wenn sie es nicht bereits getan hatten.
„Ich weiß es nicht.", wimmerte Dimi leise und presste sein Gesicht in ihre Schulter, so als wolle er sich die Augen daran ausstechen. Was für ein Gedanke, dachte Lara sich und ließ die Hände langsam sinken. Dimitri beruhigte sich langsam wieder. „Ist alles okay?", wollte Lara wissen. Blöde Frage.
„Geht es dir einwenig besser?", versuchte sie es erneut. Dimi trocknete seine Augen an seinem Shirt und nickte zögernd. Er war vollkommen durchgefroren. „Komm mit.", Lara erhob sich und reichte dem Jungen ihre Hand. Dieser ergriff sie und kam ebenfalls auf die Beine. Gemeinsam schritten sie aus dem Hof hinaus und schritten die Straße entlang, vollkommen Ziellos. Aber Lara wusste auch nicht, was sie mit einem Jungen machen sollte. Sie hatte keine Ahnung, was er mochte, was ihn trösten oder fröhlich stimmen könnte. Also schritt sie einfach mit ihm schweigend durch die Straßen.
„Ich muss kurz telefonieren.", meinte sie schließlich und ergriff ihren Rucksack, um das Headset herauszuziehen. Es dauerte keine vier Sekunden und die Verbindung stand: „Was gibt es?", wollte Zip wissen. „Probleme, riesige Probleme. Der Junge weiß nicht die Bohne.", Lara blickte zu ihm herüber und lächelte. Sie wusste nicht, ob er Englisch sprach, aber er blickte sie fasziniert an. Und endlich lächelte er auch.
„Was heißt das?", wollte Zip wissen.
„Das er keine Ahnung hat, Dummbatz.", Lara war nicht sauer: „Oder sprichst du kein Englisch?!" Zip murmelte etwas unverständliches. „Verlasst sofort Croft Manor, ich komm nach Hause. Wir sehen uns am Tag des Vogels im Haus der Weissagung." Sie konnte Zip sogar nicken hören: „Klar."
Er wusste was gemeint war. Und Lara auch. Sie waren alle eingeweiht. Dieser Satz wurde nur benutzt, wenn sie keines der drei Anwesen auf dem Gelände der Familie Croft aufsuchen sollten, sondern sich dort trafen. In einem Appartement in London, gemietet auf Chase Carver. Sie hoffte nur, dass die Ordensbrüder sie dort nicht suchen würden. Denn Chase war ja bekanntlich in Nepal. Dort suchte er irgendeinen Schatz.
Lara hatte schon lange keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. „Und was macht ihr zwei jetzt?", wollte Allister wissen. Lara zuckte mit den Schultern, obwohl sie wohl davon ausgehen konnte, dass ihre beiden Kollegen davon nichts mitbekamen. „Ich brauche alle Informationen zu den Minotauren, wenn ich zurück bin.", sagte sie schließlich nach reichlicher Zeit. Dann kappte sie die Verbindung und wand sich an ihren neuen Schützling.
Dieser lächelte sie friedlich an, aber sein Gesicht war voller Trauer. Sie verstand ihn nur zu gut. Dann machte er etwas, das sie verwunderte: „Du bist also Engländerin.", begann er auf brüchigem Englisch. Er gab sich Mühe: „Richtig. Ich bin Lara Croft.", sie reichte ihm die Hand, während sie die Straße entlang strichen, vollkommen verdreckt und erschöpft. Lara hasste Frankreich echt aus vollem Herzen. Sie hatte nichts gegen die Menschen in diesem Land, aber ihre Vergangenheit tat ihren Rest.
„Wir sollten vielleicht was essen gehen!", schlug die Archäologin vor. Dimi zuckte mit den Schultern: „Hunger hätte ich schon. Allerdings ist mein Geld noch in dem Ha...", er verstummte, als ihm einfiel, was diese Bastarde mit seinem zu Hause gemacht hatten. Alles war in die Luft gejagt. Lara seufzte schwer und legte dem Jungen einen Arm um die Schulter: „Ich bleibe bei dir.", versprach sie ihm. Und Dimi brachte ein Lächeln hervor. Sie war erstaunt über diesen Jungen. So jung und schon so viel Mut und Kraft. Lara war in seinem Alter genauso gewesen. Damals als sie mit Von Croy durch Kambodscha und andere Länder. Als junges Mädchen war Lara sehr neugierig und wissensdurstig gewesen. Und wenn eine Prise Abenteuer dabei war, hatte Lara nichts dagegen einzuwenden gehabt.
Die Welt der Abenteuer war nun mal ihre Welt.
„Worauf hast du denn Lust?", wollte Lara von dem jungen Dimitri wissen. Dieser zuckte nur mit den Schultern und machte ein nachdenkliches Gesicht: „Ich mag russische Küche.", erklärte er schließlich. Die Archäologin und Abenteurerin war keineswegs erstaunt über diese Antwort. Dimitris Mutter war Russin gewesen, das war ja eigentlich klar, dass er diese Antwort geben würde. Dann dachte sie kurz nach.
Wo gab es hier eine russische Küche? Und dann hatte sie die Idee. „Komm.", sie ergriff den Jungen bei der Hand und zog ihn durch die Straßen. Es war von hier noch ein gutes Stück Fußmarsch, aber noch hatte der Laden sicher geschlossen und bis die Sonne aufging, würde noch einwenig Zeit vergehen. Und erst danach würden sie sich am Flughafen einen Flug zurück nach England holen.
Als erstes schritten sie in eine der größten Einkaufsmeilen von Paris. Dafür war die Stadt ja zum Glück berühmt und besorgte sich und dem Jungen Kleidung, die ihnen besser stand. Die Sonne war zu dem Zeitpunkt natürlich schon aufgegangen und die Uhren schlugen kurz nach acht, Verkaufstart für viele Geschäfte. Lara kaufte sich einen Rock in hellem grau und dazu ein weißes Shirt. Für Dimi hatte sie ein schwarzes T-Shirt gekauft und passend dazu eine weiße Shorts.
Das Wetter in Paris versprach gut zu werden. Denn immerhin war es ja auch Sommer. Dann kaufte sie dem armen Jungen noch ein Paar Turnschuhe, da er ohne Fußbekleidung in die Nacht hatte fliehen müssen. Normalerweise gab selbst Lara nicht so viel Geld auf einen Schlag aus, aber heute musste sie sich um einen Jungen kümmern und ihn vielleicht auf dem Wege einwenig glücklicher machen zu können.
Schließlich suchte sie eines der schönsten Lokale in Paris aus, hier hatte sie oft mit ihren Eltern gegessen, als diese noch gelebt hatten. Das kam ihr schon vor wie eine halbe Ewigkeit. Und wahrscheinlich war sie das auch. Lara war schon lange Zeit alleine gewesen, sehr lange Zeit. Sie war aber auch eher eine Einzelgängerin. Die meisten Partner, die sie bisher in ihrem Leben erlebt hatte, waren nicht lange bei ihr geblieben. Kaum einer konnte mit Laras Art zu Leben klar kommen, nur Chase hatte es geschafft.
Doch da war es an anderen Punkten gescheitert, vielleicht an der Freundschaft? Lara hatte in ihm nie den Liebhaber gesehen, nicht bei ihrem letzten Versuch. Und damals hatte er ihr viel zu sehr weh getan, um es ihm verzeihen konnte. Als sie sich mit Dimitri ins Innere begab, staunte dieser nicht schlecht.
Es war ein wirklich teures Restaurant, das sah man allein an der Einrichtung, viel Holz, viel Glas und vor allem: sehr viel Marmor. Es war schön, wirklich sehr schön. Hier kostete wohl eine Vorspeise schon mehr als eine Tagesmahlzeit, die er sonst immer zu sich nahm. Als die zwei sich setzten, begann Lara schließlich: „Du kannst essen so viel du willst und was du willst." „Und du?", wollte Dimi wissen und blickte sie fragend an.
„Ich mach es ebenfalls.", sie grinste ihn keck an: „Keine Sorge, das kann ich mir gerade so leisten." Sie lachte leise und empfing die Karte, die der Kellner ihr reichte. Hier waren die Kellner sehr gesittet und hielten sich an sämtliche Benimmregeln. Und auch Lara tat es, versuchte Dimitri immer einwenig zu dozieren, während er da saß wie ein Sack Reis. Doch sie tat es keinesfalls tadelnd, sondern in einem sehr freundlichen und amüsierten Tonfall. „Und so isst du jedes Mal?", wunderte sich der Bursche.
Lara verneinte lächelnd: „Nein, nicht immer. Wenn ich Lust bekomme, geh ich auch mal zu McDonalds und schieb mir einen Burger rein." Sie bediente sich in diesem Satz bewusst einer etwas umgänglicheren Sprechweise, um ihren Abscheu gegenüber der Fastfoodkette zu verdeutlichen. Aber die waren wie Drogen. Man brauchte doch ab und zu einen Hamburger oder eine Portion dieser labbrigen Pommes.
Schließlich kam ihr essen. Lara und Dimitri, beide vollkommen am Verhungern, hatten sich als Vorspeise eine Suppe bestellt, eine indische, danach kam ein großer Teller voller Köstlichkeiten und zum Abschluss noch für jeden Ein Nachtisch und für Lara ein Schnäpschen zum runterspülen, wie Dimitri lächelnd fragte. In der gesamten Zeit erzählten sie über dieses und jenes. Angefangen hatten ihre Gespräche mit Sachen wie dem Wetter, dann blieben sie am Winter hängen und hangelten sich von dort immer tiefer in Richtung persönliches. Sie redeten über Weihnachten, verschiedene Bräuche (Lara wusste vieles über Bräuche aus anderen Ländern zu berichten) und Dimitri verschlang die Informationen förmlich. Dann fingen sie über persönliche Weihnachtserlebnisse zu erzählen und trotz des Verlustes, den er erst vor wenigen Stunden erlitten hatte, erzählte Dimitri fast ohne zu stocken oder vom Thema abzulenken.
Lara wusste genau, was sie tat. Sie versuchte ihn durch geschicktes Fragen und erzählen (dabei log sie ihn kein einziges Mal an) dazu zu bringen, vielleicht doch ein Geheimnis Preis zu geben. Die Leute in diesem Lokal –zwei Männer und drei Frauen- wirkten alle nicht sonderlich darauf erpicht ein Gespräch zwischen zwei Personen zu belauschen, also würde sie wohl kaum einer abhören und wenn der Kellner erschien, versuchte Lara sich ihm zuzuwenden, so dass Dimitri nicht vor dem Mann möglicherweise was herausposaunte. Selbst wenn hier keine Minotauren saßen, mit dem Wissen das er möglicherweise hätte besäßen haben können, würden doch eine Reihe von Menschen den Machthunger verspüren.
All das waren nur Theorien, aber Lara ging davon aus das dieses Geheimnis etwas mit Macht zu tun hatte. Sonst würde diese Sekte nie und nimmer über Leichen gehen, um daran zu kommen. Oder besser: Es zu hüten. Vielleicht hatten die Illuminaten ja genau das falsch gemacht, damals.
Vielleicht hatten sie allesamt keine mystische Grundlage für ihre Macht gehabt, so dass sie schon bald von ihrer Tochtersekte überholt worden waren. Und schließlich auch vernichtet worden waren.
Jedes Gespräch das sie mit Dimi führte, lief aber darauf hinaus, dass er entweder geschickt nichts Preis gab, oder aber wirklich nichts wusste. Allerdings ging Lara eher vom letzteren aus, denn das Verhalten des Jungen vorhin im Garten war nie und nimmer gespielt gewesen, oder Lara würde einen Besen fressen. Dann hätte der Junge einen Oscar verdient und einen Grammy und sogar den Nobelpreis...für so eine Leistung würde man sicher eine neue Kategorie in Sachen Nobelpreis einführen.
Sie lächelte ihn an, ließ in ihrem Gesicht nichts von ihren Zweifeln und Gedanken erkennen. Und sie musste sich eingestehen, dass ihr der Junge sehr ans Herz gewachsen war. Schließlich standen sie aber auf und schritten aus dem Lokal. Lara gab ein großzügiges Trinkgeld. „Und was jetzt?", wollte der junge Kerl wissen.
„Einen Flug in Richtung Heimat.", erklärte Lara ihm. „Was wird aus mir?", wollte Dimi wissen. So hatte er die Frage also gemeint. Lara konnte ihn gut verstehen. Mit einer Wildfremden Frau, auch wenn sie noch so spendabel war, würde sie selbst auch eher zögerlich mitfliegen. Sie musste ihn irgendwie davon überzeugen, dass sie es gut mit ihm meinte. Oder vielleicht auch nicht. Wenn sie ihn drängen würde, würde er sicher noch größere Zweifel hegen. Eine verzwickte Situation, also antwortete sie so, wie sie es am besten empfand.
„Keine Ahnung.", gab sie offen zu: „Ich fliege jetzt zurück." Er sah sie enttäuscht an. „Ich kann doch nicht einfach weggehen.", meinte er traurig und blickte sich um. Alles erinnerte ihn an sein früheres Leben, was er mit einem Schlag plötzlich nicht mehr führte, was ihm von Menschen denen er nie etwas getan hatte, genommen worden war. Lara kannte dieses Gefühl. Ihr selbst wurde einst ihr Leben zerstört. Bei dem Absturz ihres Fliegers in Nepal. Damals war ihre Mutter verschwunden und Lara war alleine zurück geblieben. Nur ihre Klugheit und ihr Wille hatten sie damals am Leben gehalten, bis ihr Vater sie gefunden hatte.
(A/N: Hier muss wohl erwähnt werden, dass sich dies einwenig mit meiner ersten Fanfiction überschneidet. Ich hoffe keiner wird mir das ernsthaft übel nehmen, da diese Fanfiction auf der Vorlage von Tomb Raider „Legend" und die erste auf der Vorlage der Comics entstanden war.)
„Die Leute werden dich jagen.", erklärte Lara ihm die Tatsache. Sie hatte keine Lust ihm eine rosarote Brille auf die Nase zu setzen, sie wollte nichts beschönigen und wollte ihn auch nicht beeinflussen. Die kalte Wahrheit, auf einem Tablett aus rauem Pflaster, vor der Nase serviert. Nur so würde er sich sicher entscheiden können, was er für am besten empfand. „Du kannst zu irgendwelchen Bekannten fahren, kennst du hier welche?", wollte Lara von ihm wissen. Doch er verneinte.
Er war wirklich ein einsamer Junge. Keine Familie, keine Bekannten. Und wenn er zu nahen Verwandten ging, würde sich blitzschnell eine Verbindung herstellen lassen und er würde noch mehr Menschen in Gefahr bringen, aber am meisten sich selbst. Lara seufzte schwer und blickte zu einem in der Nähe parkenden Taxi. Dieses würden sie wohl zum Flughafen nehmen.
„Dimitri, ich kann verstehen, wenn du nicht mit mir mitkommen willst, aber du solltest vielleicht wissen das es ein Leben, wie du es bis gestern geführt hast, nicht mehr geben wird, nicht mehr geben kann.", er blickte verlegen zur Seite und dachte nach. Sie sah keine Tränen in seinen Augen, nur endlose Traurigkeit und Verzweiflung. Armer Bursche, dachte sich Lara für sich und biss sich auf die Unterlippe.
Wenn sie noch lange so auf der Straße standen, würde schon bald zur Zielscheibe werden können. Wenn es nicht bereits zu spät war. Lara blickte sich misstrauisch um. Doch sie konnte keine verräterischen Gestalten in Fenstern erkennen und (was am wichtigsten war) keine verräterischen Lichtspiegelungen von Sniperzielvorrichtungen.
Ein Glück!
Doch wer wusste schon, wie lange es noch dauern würde. Schließlich blickte Dimi sie an. „Ich kenn dich zwar kaum, aber ich glaube dir kann ich trauen.", leise fügte er: „Und wenn das alles ein abgekartetes Spiel sein sollte...scheiß drauf.", dann fuhr er laut fort: „Ich werde mit dir kommen. Und ich will bei dir bleiben."
Lara nickte, sichtlich erleichtert über diese Entscheidung. Dann blickte sie wieder zu dem Taxi, was sich keinen Schritt fortbewegt hatte. „Los geht's.", meinte sie: „Ich schätze mal, hier beginnt ein großes Abenteuer."
„Abenteuer?", Dimi sah sie an, als würde er gleich die Ambulanz rufen: „Ich find das ist eher ein Alptraum." Doch Lara verneinte: „Nein. Ich denke mal, schon bald werde ich wieder das tun dürfen was ich am besten kann." „Und das wäre?", Dimi wirkte eher skeptisch. Lara legte eine stilistische Pause ein und antwortete dann: „Ein Geheimnis lüften und bösen Buben in den Hintern versohlen."
Dimitri Van Haagen lachte amüsiert auf, dann stiegen sie ins Taxi und Lara nannte ihr Ziel. Die Fahrt begann und Lara hoffte, dass sie auch friedlich enden würde.
Fortsetzung folgt:
