Als seine Mutter ihn so packte, erschrak Shadow so sehr, dass... es aufwachte. Wieder war es allein, in einem engen und dunklen hohlen Baumstamm gekauert. Leise wimmerte es vor sich hin: "Mama, Mama..." Tränen sickerten aus seinen Augen und überschwemmten bald die kleine Schnauze, liefen über sein ganzes Fell und zogen dabei helle Bahnen durch den verschmutzten Pelz. Nach einiger Zeit versiegten sie wieder. Shadow hatte sich in einen traumlosen Schlaf geweint.

Als er daraus erwachte war es schon hell. Mühsam kletterte das Fiffyen aus dem Baum und labte sich noch einmal an den Beeren. Shadow versuchte sich zu einer Entscheidung durchzuringen. Hier waren so viele Erinnerungen an seine Familie, doch selbst blieb sie verschwunden. Nur manches Mal bei Nacht, wenn er schlief, dann traf er sie wieder, aber diese Treffen taten ihm weh. Was er träumte machte ihm Angst: Lärm, Dunkelheit, aufgewühlte Erde und überall der Geruch von Menschen und ihren komischen Dingen. Und wenn er aus diesen Träumen erwachte, dann war er wieder alleine. Noch mehr alleine als vor so einem Traum. Doch was sollte er tun?

Seine Familie war nicht mehr bei ihm. Waren sie fortgewandert? Woandershin? Nur, warum hatten sie ihn dann zurückgelassen? Dem Fiffyen war klar, dass es alleine lernen musste, wie es klar kam. Niemand würde ihm dabei helfen. Und seine Familie würde es auch nie wieder finden, wenn es nicht einmal kleine Geschöpfe jagen konnte.

Er musste einfach weg, weg von diesem Ort. Doch wohin sollte Shadow sich wenden. Nirgends gab es ein Zeichen, in welche Richtung er gehen sollte und Shadow konnte es sich nicht den ganzen Tag überlegen, denn dann würde ihn die Dunkelheit wieder einholen und er müsste noch eine Nacht in dem hohlen Baum verbringen.

Das kleine Fiffyen saß eine zeitlang auf seinen Hinterbacken und dachte nach. Jede Richtung war genauso gut wie eine andere. Wieso konnte ihm keiner sagen, wohin es sich wenden sollte? Seine Eltern hätten sicher einen Rat gewusst, doch sie hatten ihn ja alleine gelassen, aus irgendeinem Grund…

„Am liebsten würde ich über den Himmel laufen können", dachte Shadow, „, dann könnte ich neben der Sonne herlaufen, es würde nie dunkel werden und ich könnte alles sehen…"
Mit der Sonne laufen! Das war doch eine gute Idee. „Wenn ich mit der Sonne laufe, dann wird es nie mehr dunkel." Dachte das Fiffyen und machte sich auf den Weg, immer in die Richtung, in die die Sonne abends verschwand. Natürlich wusste es nicht, dass es etwas Unmögliches vorhatte, aber zumindest brachte es diese Entscheidung auf den Weg. Shadow folgte der Sonne. Dass sie sich trotzdem immerweiter von ihm entfernte merkte er gar nicht. Zum einen war der Wald zu dicht und zum anderen hatte die Sonne gerade ihren Zenit überschritten und begann erst langsam zu sinken.

Shadow lief etwa seit zwei Stunden immer weiter nach Westen, als der Wald begann sich zu lichten. Schließlich ließ ihn ein Anblick stoppen, wie er noch nie einen erlebt hatte. Er hatte den Waldrand erreicht. Vor ihm erstreckt sich eine unendliche Ebene aus Grün, das von der Sonne in einen smaragdenen Glanz gehüllt wurde, blitzte und funkelte, dass es schon fast in den Augen schmerzte. Da musste er also hin. Hinein in dieses Meer aus Grün. Nirgends Bäume, nur vereinzelte Hecken, unter denen er sich verstecken konnte. Das Fiffyen ließ sich von diesem Augenblick total gefangen nehmen. Nach einer Weile bemerkte er einen sonderbaren Geruch in der Luft. Eine Spur von Feuchtigkeit, die mit dem Wind über die Hügel und Berge weit am Horizont getragen wurde. Dieser Geruch holte Shadow in die Wirklichkeit zurück. Es würde Regen geben. Das hatte er ganz zu Anfang seiner Wanderung erfahren müssen. Schon einmal hatte es so gerochen, doch damals kannte er diesen Geruch noch nicht und wurde von einem Platzregen überrascht. Noch war der Himmel strahlend blau, doch auf dieser Ebene würde er keinen Schutz vor dem Wasser finden. Also beschloss Shadow sich zuerst einen Unterschlupf zu suchen und den Regen abzuwarten. Er lief am Waldrand entlang, bis es an eine Stelle kam, an der es nicht weiter ging. Eine kleine Klippe, eine gewaltige Schlucht für so ein kleines Pokémon trennte den Wald hier von der Grasebene. Also musste Shadow wieder ein Stück in den Wald hinein. Aber nicht weit, den es hatte Glück und stolperte nahezu über einen Haufen von Geröll und verwitterten Steinen, zwischen denen sich ein Hohlraum gebildet hatte, gerade groß genug für eine Hand voll Fell. Am Himmel tauchten inzwischen erste dunkele Bänder auf, doch Fiffyen war schon zwischen die Steine geschlüpft und machte es sich gemütlich. Zwischen den Steinen fand es dazu noch einige Insekten, Würmer und Nacktschnecken, die ihm, von der Feuchtigkeit munter geworden, eine kleine Mahlzeit lieferten. Was Shadow nicht wusste war, dass ihm seine Entscheidung sich vor dem Wetter zu verkriechen das Leben gerettet hatte. Weit über dem vom Wind zerzausten Gras flog ein riesiges Tauboss, mit gierigen Augen nach Nahrung suchend. Normalerweise labte es sich an Käferpokémon, doch den kleinen Fellball hätte es auch nicht verschmäht. Erwachsene Tiere griff es freilich nicht an, doch ein schutzlos umherlaufendes Jungtier war immer eine willkommene Abwechslung. Kreischend stieß das Tauboss vom Himmel herab, um kurze Zeit später mit einem fetten Rattfratz in den Fängen aufzusteigen und davon zu fliegen.

Leise begann der Regen auf das Blätterdach des Waldes zu prasseln. Shadow rollte sich ein und begann wohlig vor sich hin zu dösen.