Das Kapitel muss jetzt etwas länger sein. Ich hoffe, es gefällt euch.


Das Magnayen trieb ihre Kinder vor sich her. Shadow, das kleinste unter ihren Jungen hielt sie sanft zwischen ihren Kiefern. Aus der Erdhöhle führten zwei Gänge. Durch den einen war der Rudelführer wieder an die Oberfläche verschwunden, den anderen wählte die Mutter jetzt um ihre Jungen in Sicherheit zu bringen. Der Lärm wurde immer lauter, je näher sie der Oberfläche kamen. Auf einmal rieselte Erde durch den Gang. Das Magnayen lief schneller und trieb ihre Jungen zu noch größerer Eile an. Dann brach die Decke ein…
Ein Mensch hatte sich bis in den Bau vor gegraben. Grade noch rechtzeitig waren hatte die Mutter ihre Welpen in Sicherheit gebracht. Und dann roch sie es. Mit einem Mal blieb sie stehen. Die Jungen winselten und versuchten sich allesamt zwischen ihren Beinen zu verstecken. „Ruhe!" herrschte sie sie an. „Was ist das?" schrie eins von Shadows Geschwistern, das es der Mutter gleichgetan hatte und schnüffelte. „Blut!" raunte das Magnayen den Jungen zu. „Und jetzt seid still!"

Die Fiffyen taten wie ihnen geheißen war. Shadow rappelte sich auf, er war der Mutter aus dem Maul gefallen, als sie versucht hatte die anderen Jungtiere zur Ruhe zu bringen.
Ein metallisches Geräusch drang in die Höhlenöffnung, dazu die Stimmen von Menschen. Ein Donnerknall zerriss die Luft. Irgendwo jaulte ein Rudelmitglied. „Kommt, sie versuchen sie aufzuhalten." Die Mutter wollte erneut nach Shadow greifen, erwischte aber ein anderes Junges und lief zusammen mit den Jungtieren aus der Höhle. Shadow blieb alleine in der Dunkelheit zurück…

Irgendetwas stimmte nicht! Dieser immer wiederkehrende Alptraum war gegangen, doch die Dunkelheit war geblieben. Eine Müdigkeit - wie Blei - hatte sich über Shadows Lider gelegt. Er konnte weder seine Augen öffnen, noch etwas mit seinen anderen Sinnen aufnehmen. Seine Ohren hörten nur die Stille und die Nase konnte keinen Geruch wahrnehmen. Seine Glieder waren zu schwer, als dass er sie bewegen konnte. Trotzdem konnte er fühlen, wie etwas um ihn herum geschah…

Das kleine Pokémon hatte nicht die geringste Chance. Es wehrte sich tapfer und verzweifelt, doch seine Bisse und Schläge verfehlten die geschickte Jägerin, die es verstand das kleine Monster auf Distanz zu halten aber nicht entkommen zu lassen. Mit einem gezielten Sprung und einem Biss ins Genick beendete Velvet das tödliche Spiel. „Du hast wohl gedacht, du kannst mir entkommen?" fragte sie in die Nacht hinein.

Velvet trug ihre Beute mit sich fort. Sie hatte Glück gehabt. Diese kleinen Rattfratze mit ihren scharfen Zähnen waren nicht zu unterschätzen. Und dieses war ein besonders großes Exemplar und dumm genug gewesen ihr über den Weg zu laufen. Sie war immer noch auf Shadows Fährte. Eigentlich müsste sie ihn bald eingeholt haben, doch in der Dunkelheit der Nacht sahen Entfernungen anders aus, als sie's tatsächlich waren. Mit ihrer Jagdbeute im Maul kam sie zudem langsamer voran als vorher. Trotzdem dauerte es nicht lange, bis sie wieder volle Witterung aufnahm. Aber da war nicht nur der Geruch des kleinen Fiffyens.

Das Wesen ging langsam auf Shadow zu. Es näherte sich auf zwei Beinen und fixierte den Schlafenden mit seinem Blick. Das buschige Fell seiner Halskrause wehte ab und zu in der böigen Nachtluft. In einer Tatze hielt es einen Fanden, an dem ein durchlochter Stein befestigt war. Diesen ließ das Wesen leicht hin und her schwingen. Dort vor ihm lag seine Abendmahlzeit. Diese leichte Beute konnte es sich nicht entgehen lassen. Geifer tropfte von seinen Zähnen.

Vorsichtig näherte sich Velvet dem Ort, an dem sie Shadow vermutete. Das ungemähte Gras stand so hoch und dicht, dass man nicht hindurch gucken konnte. Wenn es auch nicht viel war, was ihre Eltern ihr beigebracht hatten, so hatten sie ihr doch die Vorsicht gelehrt. Lautlos schlüpfte sie zwischen den einzelnen grünen Büscheln hindurch. Doch was sie sah ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.

Ohne zu überlegen was sie überhaupt tat ließ sie ihre Beute fallen und rannte auf das große Monster zu. Diese war so auf Shadow fixiert, dass es seine Umgebung gar nicht mehr wahrnahm. Velvet schnellte vom Boden empor. Mit einem kraftvollen Satz sprang sie dem überraschten Geschöpf in den Rücken. Diese verlor kurze Zeit seine Balance und taumelte. Doch nun drehte es sich um und griff Velvet an.

Sie hatte kaum Zeit zu überlegen. Das wütende Pokémon stampfte auf sie zu. Auf seinen zwei Beinen bewegte es sich erstaunlich schnell. Dazu war es fast dreimal so groß wie sie. Verärgert darüber, dass ihm jemand seine Mahlzeit streitig machen wollte schlug das Hypno mit seinem Pendel um sich. Velvet war schnell und konnte ausweichen. Im gleichen Moment konnte sie ihrem Gegner einen Hieb mit ihren scharfen Klauen verpassen. Das große Pokémon schien es nicht zu merken. Es dreht sich fast im gleichen Tempo um, wie Velvet um es herum fegte. Ihr fehlten Kraft und vor allem Ausdauer für einen Kampf wie diesen. Dieses Manko versucht sie durch Entschlossenheit wett zu machen. Kämpfte sie nun nicht mehr nur um Shadows leben, sondern viel mehr um ihr eigenes. Das Hypno setzte zu einer seiner Psychoattacken an. Zu seiner Überraschung schien diese aber völlig wirkungslos von Velvet abzuprallen. Sie wusste es nicht, aber sie hatte einen Elementevorteil auf ihrer Seite. Doch lange konnte sie das Tempo in dem der Kampf lief nicht mehr durchhalten. Bisher hatte sie es vermieden von dem Hypno getroffen zu werden, doch nun merkt es auch, dass Velvet immer langsamer wurde und ungenauer zielte. Bei einer ihrer nächsten Attacken stellte es ihr einfach ein Bein. Velvet fiel vorne über und landete unsanft im Dreck. Das jetzt riesig über ihr stehende Pokémon wollte sich mit seinem gesamten Körper auf sie schmeißen, als ein markerschütternder Schrei ertönte.

Stille! Beide Kontrahenten waren wie erstarrt. Für den Bruchteil einer Sekunde waren beide abgelenkt. In diesem Moment schoss eine dreckig graue Kugel zwischen sie und verbiss sich in ein Bein des Hypnos.

Die bleierne Schwere war in dem Moment von Shadow gewichen, als Velvet diese Monster angegriffen hatte. Er hatte den beiden fasziniert beim Kämpfen zugesehen, bis er begriffen hatte, dass Velvet um ihrer beider Leben kämpfte. Was machte sie eigentlich hier? Egal, sie war gekommen, um ihm das Leben zu retten. Und nun kämpfte sie verzweifelt um das ihre. In dem Moment, in dem er erkannt hatte, dass sie verlieren würde, beschloss er, ihr zu helfen. Es war kein Gedanke, der ihn zum Handeln brachte, sondern eher ein Gefühl. Ein Zwang, etwas zu tun. Er konnte nicht einfach weglaufen uns sie im Stich lassen.

Er hatte sein Rudel heulen gehört. Sogar oft in der Nacht, als alle verschwanden. Vielleicht konnte er es auch. Er musste! Velvet fiel, jetzt musste er schnell handeln. Shadow öffnete einfach sein Maul und ließ seinen Ängsten und Gefühlen freien lauf. Sie formten einen Ton, wie er schrecklicher nicht sein konnte. Dies war kein gewöhnliches Bellen oder Heulen. Dies war die gesamte Angst, die er seit dem verschwinden seiner Familie verspürt hatte. Dies war der Ärger, den er empfand, weil sie ihn alleine gelassen hatten.

Noch während er markerschütternde Ton aus seiner Kehle quoll setzte er sich in Bewegung und rannte auf die beiden Kämpfenden zu. Seine Zähne gruben sich in das maisgelbe Fell des Monsters.

Das Hypno erschrak und versuchte Shadow abzuschütteln. Velvet nutzte die Unachtsamkeit ihres Gegners und sprang an ihm hoch, doch bevor sie ihm zu Nahe kam erwischte das Pokémon sie mit seinem Pendel. Es hatte wild um sich geschlagen und Velvet mit einer solchen wucht getroffen, dass sie zu Boden ging und einen Moment benommen liegen blieb. Ein brennender Schmerz zog sich quer über ihre Schnauze. Trotzdem musste sie weiterkämpfen. Falls sie es nicht täte würde keiner von ihnen beiden den morgigen Tag erleben.
Das Hypno hatte sich von Shadow entledigt, doch nun wusste es nicht, welche seiner potentiellen Mahlzeiten es zuerst angreifen sollte. Es entschied sich für das kleine Fiffyen, mit dem es sehr viel leichter fertig werden würde, als mit dem Absol, das so wild entschlossen auf ihn losgegangen war. Doch nun unterschätzte es den Kampfgeist von Shadow und die Schnelligkeit von Velvet. Shadow hatte einige Schritte zwischen sich und das Hypno gebracht. Aber nicht um zu fliehen. Er nahm Anlauf. Im gleichen Moment, wie Velvet ihm in die Haken biss, sprang Shadow los und traf das Riesige Pokémon mit voller Wucht im Bauch. Das Hypno viel hinten über und landete hart auf seinem Rücken. Shadow und Velvet bissen und traten so viel sie konnten nach dem sich windenden Körper. Mühsam konnte sich das Hypno aufrichten. Das war ihm zu viel Mühe für eine einfache Mahlzeit. Resigniert und mit Kratzern und Bisswunden übersäht floh es durch das hohe Gras.

Shadow konnte es nicht glauben. Ihm war nach jubeln. Sie hatten es geschafft. Sie beide hatten ein viel größeres und stärkeres Monster besiegt. Keiner würde sie aufhalten können. Zusammen würden sie alles schaffen. Er verlor keinen Gedanken mehr daran, warum Velvet ihn nicht alleine gelassen hatte. Er war nur froh, dass sie da war. Suchend drehte er sich nach ihr um. Aber er sah nur noch ihr Hinterteil, wie es zwischen den Grashalmen verschwand. Erneut keimte Verzweiflung in ihm auf. Was sollte das schon wieder? Wollte sie ihn jetzt auch verlassen? So schnell er konnte lief er hinter ihr her. Als er fragend ihren Namen rief antwortete sie nur: „Du brauchst mich nicht! Ich werde meine eigenen Wege gehen und dich alleine lassen, so wie du wolltest."