Während Alex über ihre Beziehung nachdachte, lief Lisa am Strand durch den Regen. Der Himmel hatte seine Schleusen geöffnet, doch sie merkte gar nicht, dass sie schon klatschnass war. Es war weniger der Drang sich zu bewegen gewesen, der sie aus dem Haus hatte fliehen lassen. Sie wollte allein sein. Sie konnte nicht mehr länger, wie es ihr in den vergangenen Jahren meistens gelungen war, für Alex die Fassade aufrechterhalten.
Sie dachte an die ersten Jahre ihre Ehe. Sie waren jedes Jahr zu ihrem Hochzeitstag in Urlaub gefahren; Rom, Paris, London. Jedes Jahr eine andere Stadt. Dieses Mal hatte Alex nach New York gewollt, dorthin wo sie sich kennen gelernt hatten. Doch Lisa hatte ihn überreden können, einfach für ein verlängertes Wochenende nach Sylt zu fahren. Sie liebte dieses Haus und verbrachte soviel Zeit dort, wie möglich. Meistens ohne Alex. Ungefähr ein Jahr nach ihrer Hochzeit hatte sie sich komplett bei Kerima zurückgezogen. Nicht weil ihr die Arbeit keinen Spaß gemacht hatte, sondern weil sie es nicht mehr ertrug ständig ihre Vergangenheit vor Augen zu haben. Die Vergangenheit, die sie so sehr schmerzte und vor der sie nicht davonlaufen konnte. Ihre Ehe mit David hatte nur wenige Wochen gehalten, da Lisa eigentlich ab dem ersten Tag klar war, dass sie ihn niemals hätte heiraten dürfen. Am Morgen nach der Hochzeit hatte sie sich gefühlt, als wäre sie aus einem Traum aufgewacht.
Aus einem Albtraum, indem sie Rokko vorm Altar hatte stehen lassen und David geheiratet hatte. Rokko…. Allein der Gedanke an ihn trieb ihr heute die Tränen in die Augen. Die heißen Tränen vermischten sich mit dem kalten Regen auf ihren Wangen. Heute vor 12 Jahren hatte sie ihm zum zweiten Mal das Herz gebrochen. Diese Schuld ließ sie bis heute nicht los. Sie ging abends mit ihr zu Bett und wachte morgens mit ihr auf. Wenn sie Glück hatte, dann träumte sie nachts nicht immer und immer wieder von dem Moment, an dem sie ihm den Ring zurückgegeben hatte und in seinen Augen hatte sehen müssen, wie seine Welt in sich zusammenbrach. Sie hasste sich dafür, dass sie keine fünf Minuten später David geheiratet hatte und glücklich gewesen war. Das Glück hatte keine 24 Stunden gehalten. Es hatte keinen Tag gedauert und sie hatte die Schuld gespürt und das ganze Ausmaß ihres Handelns war ihr bewusst geworden. Sie hatte versucht Rokko zu erreichen, doch er hatte Berlin bereits verlassen. Niemand wusste wo er war. Hugo hatte behauptet, er wäre zum Meditieren nach Tibet gegangen, doch das glaubte Lisa keinen Moment lang. Sie hatte gewusst, dass sie ihn finden musste. Sie reichte die Scheidung von David ein und nach einem langen Gespräch, indem Lisa ihm versuchte alles zu erklären, stimmte er zu. David hatte ihre Erklärung akzeptiert, verstanden hatte sie wohl niemand, nicht einmal Lisa selbst. Sie hatte nicht nachgedacht, in dem Moment in dem sie den Schuss gehört hatte, ihr waren alle ihre Träume, die mit David zusammenhingen durch den Kopf geschwirrt. Und der Gedanke, dass diese Träume mit einem Wort, ihrem Ja zu Rokko, dahin gewesen wären, hatte ihr Angst gemacht. Wieder einmal, wie schon so oft in ihrem Leben, hatte ihr die Angst den Weg diktiert, doch diesmal hatte es kein Zurück gegeben. Sie hatte begonnen ihn zu suchen, war jedem noch so kleinen Hinweis nachgelaufen und dafür durch die halbe Welt gereist. Erst als ihr Max klar machte, dass Kerima sie brauchte, flog sie wieder nach Berlin zurück. Gefunden hatte sie Rokko nicht. Es schien, als wäre er ihr immer einen Schritt voraus. Auf dem Heimflug von der letzten Station ihrer Suche, New York, hatte sie dann Alex kennen gelernt. Er hatte ihr seine Karte gegeben, doch schon in dem Moment, als er sie darum bat, sich bei ihm zu melden, war ihr klar gewesen, dass sie es nicht tun würde. Sie hatte sich wieder voll in ihre Arbeit gestürzt. Für die anderen war sie wieder die Alte, die alles daran setzte Kerima, mal wieder erfolgreich vor einer feindlichen Übernahme zu retten. Doch eigentlich war es nur eine Flucht, eine Flucht vor sich selbst, ihrer leeren Wohnung und ihrer Schuld. Umso überraschter war sie, als Alex, Wochen nach ihrem Kennen lernen, plötzlich bei Kerima auftauchte. Er lud sie zum Essen ein und auch jetzt, Jahre später, wusste sie noch nicht, warum sie diese Einladung angenommen hatte. Danach ging alles sehr schnell. Sie sah Alex immer häufiger. Sie merkte, dass er sich in sie verliebt hatte. Dieses Gefühl für ihn konnte sie nicht erwidern, doch sie fühlte sich sicher bei ihm. Ihr Herz gehörte immer noch einem anderen und heimlich suchte sie weiter nach ihm. Seit sie aus den USA zurück war, waren die Hinweise weniger geworden, doch eines morgens im Juli, fand sie schließlich wieder etwas über Rokko. Doch damit hatte sie nicht gerechnet. Er hatte sich verlobt. Es war wie ein Schock. Sie las die Meldung wieder und wieder und langsam machte sich die Erkenntnis in ihr breit. Er lebte sein Leben weiter. Sollte sie das auch? Die nächsten Tage verbrachte Lia wie im Nebel, nichts und niemand drang zu ihr durch. Ihre Gedanken drehten sich nur um Rokko und dass er offenbar über sie hinweg war. Dieser Gedanke tat ihr unheimlich weh, aber löste auch etwas anderes in ihr aus. Sie wollte auch wieder glücklich sein. Und so hätte Alex Heiratsantrag zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Lisa sah darin ein Zeichen, dass auch sie ihr Leben weiterleben musste. Sie liebte Alex nicht, aber dass sie ihm damit irgendwann einmal wehtun könnte, war Lisa damals nicht bewusst. Sie war davon überzeugt, dass sie lernen würde ihn zu lieben. Sie drängte auf eine schnelle Hochzeit und als ihr Alex das Datum, den 1. September, präsentierte, war sie kurz davor zu protestieren, aber sie sagte nichts. Alex hätte eine Erklärung gewollt und die konnte Lisa ihm nicht geben. Er sollte nie etwas von Rokko erfahren.
So wurde sie am 01.09.2008 Alexanders Frau. In Gedanken war sie den ganzen Tag über bei Rokko. Sie hatte nicht mehr weiter nach ihm gesucht. Nie wieder seit diesem Tag im Juli, als sie von seiner Verlobung gelesen hatte.
Sie arrangierte sich in ihrer Ehe und das erste Jahr war sie auch glücklich. Sie hatte Rokko in den hintersten Winkel ihres Herzens verbannt. Die erste Krise kam, als sie sich von Kerima zurückzog. Zuviel dort erinnerte sie an Rokko und das wollte sie nicht mehr. Alex nahm ihren Ausstieg aus der Firmenführung zum Anlass, das erste Mal das Thema Kinder anzusprechen. Er träumte von einer Großfamilie, doch bei Lisa löste diese Vorstellung nur Panik aus. Sie sah wieder ihren Traum von damals vor sich. Rokko hatte ihr gerade den Heiratsantrag gemacht und sie hatte sich mit einer Miniausgabe von Rokko auf dem Schoß gesehen. Sie versuchte krampfhaft sich dieses Bild mit Alex vorzustellen. Es gelang ihr nicht. Da wurde ihr das erste Mal klar, dass sie Alex nicht liebte und ihn niemals lieben würde.
