Der Regen hatte aufgehört. Lisa sah in den wolkenverhangenen Himmel. Sie begann zu frieren und beschloss wieder nach hause zu gehen.

Als sie die Haustür aufschloss, sah sie Alex auf der Treppe sitzen. Er hatte auf sie gewartet.
Er kam auf sie zu. „Lisa, wir müssen reden. Heute ist unser Hochzeitstag und Du rennst den ganzen Tag im Regen rum. Was ist los mit Dir?" er sah sie fragend an. Lisa war gar nicht bewusst gewesen, wie lange sie weg gewesen war, doch der Blick auf die Uhr im Flur sagte ihr, dass es bereits später Nachmittag war. „Es tut mir leid. Ich hab völlig die Zeit vergessen." Sie wollte an ihm vorbei die Treppe hinauf gehen, doch er hielt sie am Arm zurück. „Rede mit mir, Lisa. Bitte!" Sie brauchte ihn nicht anzusehen, um die Verzweiflung zu spüren, die er empfand. Sie machte sich von ihm los und ging weiter die Treppe hinauf. Oben angekommen sah sie sich nach ihm um. Er stand mit hängenden Armen da. Sein Blick tat ihr weh. „Warum?" es war kaum ein flüstern. Sie ließ ihn mit seiner Frage allein und verschwand im Schlafzimmer.

Als sie eine Stunde später wieder nach unten kam, war Alex weg. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel: Liebe Lisa, ich kann so nicht weitermachen. Bitte werde dir darüber klar, ob Du unsere Ehe noch weiterführen willst. Ich liebe dich! Dein Alex
Das was sie schon seit Jahren fürchtete war eingetreten. Alex hielt die Situation nicht mehr aus. Lisa konnte ihn verstehen

Sie blieb auf Sylt. Am nächsten Tag schrieb sie Alex eine SMS, in der sie ihm mitteilte, dass sie nachdenken wolle und sich dann wieder bei ihm melden würde. Er reagierte nicht, aber damit hatte Lisa gerechnet. Sie ging viel spazieren, aber ihre Gedanken drehten sich nur im Kreis. Sie war sich im Klaren darüber, dass sie Alex nicht weiter verletzen durfte. Sie musste ihm die Wahrheit sagen. Sie hatte versagt. Sie hatte so verzweifelt versucht, die Partnerin für Alex zu sein, die er verdient hatte. Doch ihre eigene, unverarbeitete Vergangenheit war ihr im Weg gestanden. Alex würde sie verlassen, sobald er sie Wahrheit wusste, da war sie sich sicher. Sie saß wieder am Strand, wie so oft in den letzten Tagen. Das schöne Wetter war zurückgekehrt und Lisa verbrachte die meiste Zeit draußen.

„Ist alles in Ordnung bei ihnen?" Lisa fuhr herum. Sie sah in das Gesicht einer älteren Dame, die sie besorgt ansah. „Ja, danke!" „Ich gehe hier jeden Tag spazieren und sehe sie immer hier sitzen. Haben sie Kummer?" Die alte Dame lächelte. Lisa seufzte. „Wenn es nur Kummer wäre." „Kommen sie, ich lade sie auf einen Tee ein, da vorne ist ein nettes Café. Vielleicht wollen sie ja reden?" Zuerst wollte Lisa ablehnen, doch dann ging sie doch mit. Sie hatte die letzten Tage wie ein Einsiedler gelebt und die Gegenwart der alten Dame tat ihr gut. „Na, Kindchen. Das ist jetzt genau das richtige, oder?" Sie saßen beide vor ihren Teebechern und hatten bisher geschwiegen. „Oh, wo sind nur meine Manieren? Ich heiße Melitta Albrecht. Ich wohne hier auf der Insel, deswegen habe ich sie auch jeden Tag bei meinem Spaziergang gesehen. Sind sie auf Urlaub hier?" Lisa lächelte. „Wie man es nimmt. Ich bin Lisa, Lisa Plenske. Wir,…ich habe hier ein Ferienhaus. Aber in letzter Zeit bin ich sehr oft hier. Ich liebe diese Insel." Alex hatte es immer als Lisas Haus bezeichnet. Er hatte sich darin nie wohl gefühlt. „Oh, das kann ich verstehen. Ich lebe schon seit 20 Jahren hier. Zuerst mit meinem Mann, aber er ist seit 5 Jahren tot. Manchmal besucht mich einer meiner Enkel, wie jetzt gerade auch. Normalerweise lebt er in den Staaten und ist jetzt für ein paar Wochen bei mir." Melitta erzählte Lisa aus ihrem Leben und sie hörte gespannt zu.

„Ach, da rede ich und rede, dabei haben sie doch den Kummer. Wollen sie mir davon erzählen?" sie sah Lisa aufmunternd an. Lisa umklammerte ihren, mittlerweile, leeren Teebecher und begann leise zu sprechen. Sie erzählte Melitta alles. Wie sie bei Kerima angefangen hatte, ihre unglückliche Liebe zu David, ihr erster Beziehungsversuch zu Rokko, Davids Geständnis, seine Entführung und wie er sie von sich weggestoßen hatte. Als sie auf die erneute Beziehung zu Rokko zu sprechen kam, flossen die ersten Tränen. Doch Lisa sprach weiter. Melitta unterbrach sie nicht einmal und Lisa merkte, wie gut es ihr tat, sich das alles einmal von der Seele zu reden. „Und sie haben ihn nie wieder gesehen?" Lisa hatte gerade mit Alex Abreise geendet und trank einen Schluck Tee. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, sein Blick, als ich ihm den Ring zurückgab, ist meine letzte Erinnerung an ihn." „Und was ist mit ihrem Mann?" Melitta legte Lisa ihre Hand auf den Arm. „Alex? Ich hätte ihn niemals heiraten dürfen. Nicht aus den Motiven, aus denen ich es getan habe. Ich fühlte mich sicher bei ihm, das tue ich noch. Aber Liebe war es nie. Ich wollte, dass mein Leben weitergeht. Und ich wollte nicht weiter alleine sein. Können sie das verstehen?" Wieder kullerten die Tränen und Melitta reichte ihr ein Taschentuch. „Ja, das kann ich, Lisa. Aber ich glaube, das schlimmste für sie war, dass sie auch mit Alex eigentlich allein waren. Obwohl sie geliebt wurden, waren sie einsam. Hab ich recht?" Lisa sah Melitta erstaunt an. „Ja! Ich hätte nie geglaubt, dass das jemand verstehen kann. Danke, Melitta!" Lisa lächelte wieder.

„Was werden sie jetzt tun?" Lisa holte tief Luft. „Ich weiß, dass ich Alex die Wahrheit sagen muss. Ich darf ihn nicht länger quälen. Er hat für mich soviel aufgegeben. Seinen Traum von Kindern, den ich ihm nicht erfüllen wollte. Ich kann mir nicht noch mehr Schuld aufladen. Er hat vielleicht noch mal die Chance seine Wünsche zu erfüllen." Lisa spielte gedankenverloren mit dem Zuckerbecher. „Und was ist mit ihnen…ihren Träumen?" Lisa sah sie überrascht an. „Die habe ich schon lange begraben. Der Mann, den ich liebe, oder dessen Erinnerung ich liebe, ist irgendwo auf dieser Welt und hat hoffentlich sein Glück gefunden. Er denkt sicher nicht mehr an mich. Und wenn doch, dann nur als die Frau, die mit seinen Gefühlen gespielt hat. Ich würde mir nur wünschen, dass ich ihm alles erklären könnte und er mir vielleicht verzeihen kann. Aber dazu müsste ich erstmal wissen wo er ist." Lisa sah zum Fenster hinaus. Es wurde schon langsam dunkel. „Versuchen sie doch ihn zu finden. Für eine Entschuldigung ist es nie zu spät." Melitta folgte Lisas Blick nach draußen. „Denken sie darüber nach." Sie lächelte Lisa aufmunternd zu. „Ich muss dann langsam gehen, bevor mein Enkel die Polizei informiert." „Oh, ich habe sie so lange aufgehalten. Das tut mir leid." Lisa schaute zerknirscht auf das Tischtuch. „Machen sie sich mal keine Sorgen." Melitta stand langsam auf. Lisa folgte ihr an den Tresen des Cafés, zum bezahlen. „Vielen Dank, dass sie mir zugehört haben. Es hat mir sehr gut getan. Darf ich sie in den nächsten Tagen mal zum Essen einladen?" Lisa hatte gerade den Tee bezahlt und sie gingen zur Tür.
„Ich habe eine bessere Idee. Sie kommen mich in den nächsten Tagen mal besuchen." Melitta kramte in ihrer Handtasche und gab Lisa eine Karte. „Meine Adresse und Telefonnummer. Wie wäre es mit Samstag? Sind sie da noch auf der Insel?" Lisa nahm die Karte und steckte sie ganz tief in ihre Jackentasche. „Ja, ich werde Alex noch etwas Zeit geben und mir selbst auch. Ich komme gerne. Danke!" Sie umarmten sich zum Abschied und Lisa ging winkend in die Richtung ihres Hauses.

5 Minuten später war Melitta zuhause. Sie hängte ihr Jacke und die Handtasche an die Garderobe. Sie ging in die Küche, wo ihr Enkel gerade mit Kochen beschäftigt war. „Da bist Du ja endlich, Oma. Ich hab mir schon Sorgen gemacht." Er kam auf sie zu. „Jetzt bin ich ja da." Melitta setzte sich an den Tisch. „Setzt Dich mal zu mir. Ich hab heute Mittag eine junge Frau kennen gelernt und die hat mir ihre Geschichte erzählt. Die werde ich Dir jetzt erzählen. Ich denke sie wird Dich interessieren, die Geschichte von Lisa Plenske." Sie sah den Schock in seinen Augen, doch ohne eine Reaktion von ihm abzuwarten, begann sie zu erzählen.