Als Melitta ihre Geschichte beendet hatte, sah sie ihren Enkel ernst an. Rokko hatte die ganze Zeit über kein einziges Wort gesagt. Nur an seinen Gesichtsausdrücken hatte Melitta gesehen, dass ihn das alles sehr berührt hatte. Rokko stand auf und ging ans Fenster. Er starrte in die Dunkelheit. „Ich hatte das alles ganz weit von mir gedrängt. Und dann muss sie sich ausgerechnet hier ein Ferienhaus kaufen und Dir über den Weg laufen." Er fuhr sich resignierend durch die Haare. „Ja genau, Du hast es verdrängt, aber, genau wie Lisa, nie verarbeitet. Ich habe dich doch direkt danach erlebt. Du warst wochenlang hier. Völlig fertig. Und plötzlich hast Du deine Koffer gepackt und hast dein Nomadenleben wieder angefangen. Reden wolltest Du damals nicht. Anfangs konnte ich das verstehen, doch auf die Dauer…Hast Du eigentlich jemals wirklich mit jemandem darüber geredet?" Melitta war aufgestanden, hinter Rokko getreten und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Nein, damals tat es zu weh. Ich wollte ihren Namen nie wieder aussprechen. Ich wollte mein Leben wieder haben. Das Leben, das ich vor Lisa hatte." Den letzten Satz hatte er so leise gesprochen, dass Melitta ihn nur verstand, weil sie direkt hinter ihm stand. Ihr war klar, dass sie hier gerade eine Wunde wieder geöffnet hatte, die nie wirklich verheilt war. „Lisa wünscht sich, Dir alles erklären zu können. Sie will sich entschuldigen. Willst Du nicht auch endlich Klarheit, um diesen Teil deines Lebens abschließen zu können?" Rokko hatte sich umgedreht und lehnte jetzt, mit verschränkten Armen, am Fensterbrett. „Ich weiß nicht, ob es für einen Entschuldigung nicht zu spät ist." „Denkst Du das wirklich? Dafür sollte es nie zu spät sein, vor allem nicht, nachdem Du jetzt weißt, dass sie dich gesucht hat. Über ein Jahr lang. Denk bitte darüber nach." sie blickte ihn bittend an. Rokko gab ihr einen Kuss auf die Wange und verließ die Küche. Sie sah ihm nach, wie er die Treppe nach oben lief. Sie kannte ihren Enkel gut genug, dass sie sicher war, dass er gar nicht anders konnte, als darüber nachzudenken. Er wird Zeit brauchen, aber dann doch das richtige tun.
Als
Melitta am nächsten Morgen nach unten kam, fand sie auf dem
Tischchen im Flur einen Zettel von Rokko: Bin spazieren gegangen.
Muss nachdenken! Liebe Grüße Rokko
Lächelnd
steckte sie den Zettel in ihre Westentasche.
Unterdessen
lief Rokko am Strand entlang. Er wusste, wo seine Oma immer spazieren
lief und war deswegen an einen anderen Teil der Insel gefahren. Lisa
wollte er nicht begegnen. Seit gestern Abend dachte er immer das
gleiche: Warum jetzt? Warum überhaupt? Es stimmte, dass er jeden
Gedanken an Lisa weit von sich geschoben hatte. Nachdem sie ihn vor
der Kirche hatte stehen lassen, war er nach hause gefahren, hatte
gepackt und war mit dem nächsten Zug hierher gefahren. Er hatte
sich in seinem Zimmer vergraben und war tagelang unansprechbar
gewesen. Melitta hatte nichts gefragt und ihn in Ruhe gelassen. Es
stimmte, was sie gesagt hatte. Er hatte nie mit jemandem über
all das gesprochen. Anfangs nicht, weil es zu sehr weh tat und später
nicht mehr, weil er vergessen wollte, vergessen musste, um
weitermachen zu können. Nachdem er sich wieder einigermaßen
gefangen hatte, hatte er Kontakt zu seinem alten Studienkollegen
Jerry aufgenommen. Er war Chef einer großen Werbeagentur in
Stuttgart und hatte Connections rund um den Erdball. Jerry hatte
sofort einen Job für ihn und so reiste er die nächsten zwei
Jahre von einem Auftrag zum nächsten.
Bei einem dieser Aufträge
lernte er Dana kennen. Sie war Grafikerin und arbeitete an einem
seiner Projekte mit. Es begann freundschaftlich, doch bald merkte
Rokko, dass sie mehr für ihn empfand. Dana schien klar zu sein,
dass er Zeit brauchte und die gab sie ihm. Rokko war ihr dankbar
dafür und langsam entwickelte er Vertrauen zu ihr und
letztendlich verliebte auch er sich in sie. Es war nicht die ganz
große Verliebtheit, aber er empfand genug für sie, um sich
sicher zu sein, dass er sein Leben mit ihr verbringen könnte. So
heirateten sie im Dezember 2008. Sie zogen zusammen nach Baltimore,
wo Dana in einer Agentur arbeitete. Rokko arbeitet weiter für
Jerry, doch seine Projekte beschränkten sich jetzt auf die USA.
Die ersten Jahre seiner Ehe mit Dana verliefen glücklich, doch
irgendwann hatte Rokko genug von seinem Nomadenleben. Er wollte eine
richtige Familie und jeden Abend zu dieser nach hause kommen. Er
suchte nach einer Festanstellung und wurde auch bald fündig.
Leider teilte Dana seine Vorstellungen von einer Familie nicht. Sie
wollte Karriere machen und nicht zuhause Kinder hüten. So schob
Rokko seine Wünsche auf die Warteliste in der Hoffnung, dass
Dana ihre Meinung ändern würde. Doch zu Rokkos Enttäuschung
geschah das
nie. Sie verfolgte ihre beruflichen Ziele und war bald mehr
unterwegs, wie Rokko es je gewesen war. Vor drei Jahren hatten sie
beide einsehen müssen, dass ihre Erwartungen vom anderen nicht
erfüllt werden konnten und trennten sich.
Rokko hatte danach wieder sein Nomadenleben aufgenommen und Aufträge in der ganzen Welt übernommen. Jetzt war er, seit noch nicht einmal einer Woche wieder, zum ersten Mal seit Jahren, in Deutschland. Es sollte ein Urlaub werden, der erste seit langer Zeit. Doch nun kam er sich vor, wie auf einer Reise in die Vergangenheit. Er hatte sich gewünscht diese Reise nie antreten zu müssen, doch das Schicksal hatte die Tickets gekauft, ohne ihn zu fragen. Doch es lag immer noch an ihm zu sagen, wann die Reise beendet war. Er wusste jetzt, was ihn jahrelang unterbewusst gequält hatte. Niemand konnte ihn zwingen, Lisa zu treffen. Ein Teil von ihm hatte mit Genugtuung reagiert, dass Lisa mit David nicht das Glück ihres Lebens gefunden hatte. Doch wirklich freuen konnte er sich darüber nicht. Immer wenn er daran dachte, dass Lisa nach ihm gesucht hatte, stellte er sich vor, was passiert wäre, wenn sie ihn gefunden hätte. Bilder von ihrer gemeinsamen Zeit stiegen vor ihm auf. Manche Erinnerungen ließen ein Lächeln auf seinen Lippen erscheinen. Doch letztendlich sah er immer wieder Lisas Blick, als sie ihm den Verlobungsring zurückgegeben hatte. Der Gedanke an diesen kurzen Moment seines Lebens, der soviel für ihn zerstört hatte, ließ den Schmerz wieder in ihm aufsteigen. Den Schmerz, von dem er sicher war, dass er ihn schon vor langem überwunden hatte. Doch jetzt war er wieder da und Rokko konnte nichts dagegen tun. Er blieb stehen und sah hinaus aufs Meer. Er wusste, dass er eine Entscheidung treffen musste. Er könnte morgen in ein Flugzeug steigen und versuchen seiner Vergangenheit zu entfliehen oder er könnte sich ihr endlich stellen, in der Hoffnung wirklich einen Schluss-Strich darunter ziehen zu können. Beides konnte schief gehen, doch mit welcher Entscheidung würde er später besser leben können? Er schloss die Augen und seufzte tief. Dann drehte er sich um und ging den Weg zurück, den er gekommen war. Er vergrub die Hände in seinen Jackentaschen. Der Tag war kühl und die Sonne schaffte es nur manchmal sich gegen die dicken, grauen Wolken durchzusetzen. Es waren nur wenige Menschen am Strand. Einige Kinder ließen ihre Drachen im Wind fliegen und auf einer Bank, an der Promenade, saß ein älteres Ehepaar. Rokko hatte sie schon vorher bemerkt und hatte kurze Zeit fasziniert beobachtet, wie verliebt die beiden miteinander umgingen. Es musste schön sein mit jemandem alt werden zu können und denjenigen immer noch so zu lieben, wie am ersten Tag. Zwei Mal hatte er schon die Hoffnung gehabt, diesen Menschen gefunden zu haben, doch beide Male war er enttäuscht worden. Er fragte sich, ob es wohl wirklich für jeden Menschen auf der Welt das passende Gegenstück gab, oder ob er die Ausnahme bildete.
