Lisa
hatte von all dem keine Ahnung. Sie wusste nicht, dass sich Rokko nur
wenige Kilometer von ihr befand und darüber nachdachte, ob er
sie überhaupt wieder sehen wollte.
Lisa
hatte den ganzen Tag sehr viel über ihr Gespräch mit
Melitta nachgedacht. Sie hatte alles so gemeint, wie sie es gesagt
hatte. Sie würde Alex die Wahrheit sagen. Sie hatte ihm, schon
morgens, wieder per SMS, angekündigt, dass sie am Montag wieder
zuhause in Berlin sein würde. Diesmal hatte er sogar
geantwortet. Er freute sich auf sie, wollte aber auch endlich ein
klärendes Gespräch mit ihr führen. Davor hatte Lisa
zwar Angst, denn sie wusste, dass für Alex eine Welt
zusammenbrechen würde. Aber sie hatte diese Entscheidung jetzt
getroffen und würde sich nicht wieder von ihrer Angst umstimmen
lassen. Heute war Donnerstag und sie freute sich auf ihre letzten
Tage auf der Insel. Aber sie ertappte sich immer wieder dabei, wie
sie auch schon an die Zeit nach der Aussprache mit Alex dachte. Sie
wollte ihr Leben komplett umkrempeln und ehe sie sich versah, hatte
sie sich schon mit Timo in Verbindung gesetzt. Er war jetzt seit fast
6 Jahren Geschäftsführer von Kerima und hatte sie bei jeder
Vorstandssitzung, denen sie als Mehrheitseignerin immer beiwohnte,
gebeten, doch endlich wieder zurückzukommen. Timo war
begeistert, als sie andeutete, wieder ins aktive Geschäft
einsteigen zu wollen. Sie vereinbarten einen Termin, um das alles
genauer zu besprechen, für das Ende der nächsten Woche.
Nach dem Gespräch fühlte sich Lisa besser. Sie sah wieder
Licht am Ende des Tunnels und realisierte, dass ihr das so sehr
gefehlt hatte. Es war nicht nur die gefühlte Einsamkeit gewesen,
sondern auch die Perspektivlosigkeit, die sie sich mit ihrer Flucht
vor ihren Erinnerungen selbst verordnet hatte, die sie die letzten
Jahre so sehr gequält hatte. Das erste Mal seit Tagen, wenn
nicht sogar Wochen, lächelte Lisa einfach, weil ihr danach war.
Sie griff zum Telefon und rief Melitta an, um für den Samstag
endgültig zuzusagen.
Rokko schloss die Haustür auf. „Nein, sie brauchen wirklich nichts mitbringen. Ich freue mich auf Samstag. Bis dann! Tschüß!" Melitta legte den Telefonhörer auf. Rokko ging an ihr vorbei in die Küche. „Bekommst Du Besuch am Samstag?" er öffnete den Kühlschrank und holte eine Flasche Wasser heraus. Melitta war ihm gefolgt. „Ja, aber nicht nur ich. Ich habe Lisa für den Samstag zum Abendessen eingeladen." Rokko, der gerade ein Glas aus dem Schrank holte, hielt in der Bewegung inne. Langsam drehte er sich um. „Bitte?... Ok, dann bin ich am Samstag weg. Du kannst mich nicht dazu zwingen mit ihr zu reden." Sauer sah er seine Großmutter an. „Niemand zwingt Dich." Melitta stand auf und nahm ihm das Glas aus der Hand, das Rokko fest umklammert hatte. Es drohte zu zerspringen. Diese Geste brachte Rokko wieder in die Wirklichkeit. „Es tut mir leid. Ich wollte nicht so reagieren." Er lehnte sich gegen den Küchenschrank und ließ den Kopf hängen. „Hat Dir der Spaziergang etwas gebracht?" Melitta hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und versuchte in sein Gesicht zu sehen.
„Nichts, außer längst vergessener Erinnerungen und der Erkenntnis, dass manche Menschen wohl nicht dazu bestimmt sind den Menschen zu finden mit dem sie alt werden können." Er seufzte. „Und ich gehöre wohl dazu." Rokkos letzter Satz hing wie ein Geist im Zimmer. Das einzige Geräusch kam vom Radio, das auf der Fensterbank vor sich hin dudelte.
Erinner
mich, Dich zu vergessen
Erinner
mich, die Träume nicht mehr zu teilen
Erinner
mich, es geht mir besser allein
Erinner
mich frei zu sein
Melitta stand auf und wollte es ausmachen, doch Rokko hob die Hand und sie ließ sich wieder auf ihren Stuhl sinken. Rokko ging näher an das Radio heran und lauschte dem Text.
Erinner
mich, Dich zu vergessen
Mein
Versprechen nicht zu brechen
Erinner
mich nach vorn zu schaun
Ich
schaff es kaum
Aus
diesem Albtraum
Je
mehr ich versuch zu verstehn
Desto
weniger weiß ich, wohin unsre Wege gehen
Auch
wenn es wie ein Messer sticht
Wirf
mir die Wahrheit ins Gesicht
Der
letzte Ton war verklungen. Rokko starrte immer noch das Radio an. Er
schaltete es aus.
„Gut,
ich werde mit ihr reden. Ich will das alles noch mal von ihr hören.
Vielleicht kann ich dieses Kapitel dann endlich abhaken." Er
versuchte ein Lächeln, doch es misslang komplett.
Melitta
stand auf und nahm ihren Enkel in den Arm. Sie hatte immer nur das
Beste für ihn gewollt und sie war sich sicher, das richtige zu
tun.
