Lisa hatte, den ganzen Samstag über, im Garten gewerkelt und zum ersten Mal, seitdem sie das Haus besaß, war ihr aufgefallen, dass die großen Bäume fast alles Sonnenlicht daraus aussperrten. Vielleicht sollte ich sie fällen lassen, damit endlich Licht in die Räume fällt.
Sie stand auf, wischte sich die Erde an den Jeans ab und besah ihr Werk. Sie hatte einige Beete mit Blumen frisch bepflanzt. Sie räumte die Pflanzutensilien weg und ging zurück ins Haus. Im Flur sah sie auf die Uhr und erkannte, dass sie sich jetzt sehr beeilen musste, wenn sie pünktlich bei Melitta sein wollte. Eine halbe Stunde später stand sie, frisch geduscht, vor ihrem Kleiderschrank. In den vergangenen beiden Tagen war der Sommer noch mal zurückgekehrt und den Temperaturen angepasst, entschied sich Lisa für ein leichtes cremefarbenes Sommerkleid. Als sie fertig angezogen und geschminkt vor dem Spiegel stand, realisierte sie, dass sie für den Anlass viel zu aufgedonnert war. Aber ihr war einfach danach gewesen, sich mal wieder schick zu machen und so griff sie nach Handtasche, Schlüssel und Weste und verließ, ohne weiter darüber nachzudenken, das Haus.

Eine viertel Stunde später stand sie vor Melittas Haus. Sie drückte die Klingel und von drinnen war ein fröhliches Bimmeln zu hören. Melitta öffnete ihr die Tür und bat sie herein. „Schön, dass sie da sind, Lisa. Kommen sie, wir setzen uns noch kurz in die Küche. Ich muss ihnen etwas sagen." Melitta hatte mit Rokko vereinbart, dass sie Lisa erstmal alleine sagen würde, dass er hier im Haus war. Sie wollte Lisa nicht komplett ins kalte Wasser werfen und ihr die Chance geben, sich an den Gedanken zu gewöhnen und eventuell gehen zu können, ohne Rokko sehen zu müssen. Lisa folgte Melitta in die Küche. Auf dem Sideboard stand eine Platte mit belegten Brötchen. „Ich dachte, dass bei der Hitze etwas Kaltes besser ist. Im Kühlschrank steht auch noch ein Salat." Lisa merkte, dass Melitta nervös war. Sie stand mitten im Zimmer und knetete ihre Hände. Lisa lächelte ihr zu. „Aber das wollten sie mir doch nicht sagen. Ich habe doch sowieso gesagt, sie sollen sich keine Umstände machen." Melitta holte hörbar Luft. „Nein, es ist etwas anderes, das ich ihnen sagen muss. Ich kann verstehen, wenn sie das was ich getan habe als kompletten Vertrauensbruch ansehen. Aber ich musste es ihm erzählen…" Lisa sah sie fragend an. „Ich glaube ich verstehe nicht ganz, was sie mir sagen wollen, Melitta. Wem mussten sie was erzählen?" Melitta ging auf Lisa zu.

„Wir sollten uns besser hinsetzten." Als beide saßen, seufzte Melitta. „Ich weiß nicht, wie ich ihnen das sagen soll, Lisa. Ich hatte mir alles zu Recht gelegt, aber jetzt ist alles weg." Lisa griff nach ihrer Hand. „Egal, was es ist. Ich will ihnen vorher noch sagen, dass mir unser Gespräch sehr gut getan hat. Ich weiß jetzt, was ich tun werde. Danke!" Melitta lächelte leicht. „Also, irgendwo muss ich ja anfangen. Ich war nicht ganz ehrlich zu Ihnen. Ich kenne eine der Personen, von der sie mir erzählt haben. Anfangs war ich mir nicht ganz sicher, ob es die selbe Person ist, doch je mehr sie mir erzählten, desto sicherer wurde ich...auch die Daten passten und gegen Ende ihrer Geschichte erinnerte ich mich auch wieder, dass er ihren Namen genannt hatte." Lisa blickte Melitta ausdruckslos an. Ihre Gedanken rasten. Von wem, außer von Rokko, Alex und David hatte sie ihr noch erzählt? Lisa war sich sicher, dass sie sonst keine Namen genannt hatte, außer vielleicht noch die ihrer Eltern. Wen kannte Melitta? Alex konnte sie ausschließen. David lebte seit Jahren in Australien und hatte, nach der Scheidung seiner Eltern, fast allen Kontakt nach Deutschland abgebrochen. Rokko…. Lisa wurde weiß im Gesicht. Das kann nicht sein. Lisa schluckte. Sie hatte einen Kloß im Hals und ihr Magen schien sich zu verknoten. „Was haben sie ihm erzählt?" flüsterte sie. Melitta sah Lisa an, dass sie wusste, dass sie von Rokko gesprochen hatte. „Ich hätte es ihnen gleich sagen müssen, Lisa. Das tut mir wirklich leid." Melitta griff nach Lisas Hand, die auf dem Tisch lag. Sie war eiskalt. „Ich konnte nicht anders. Ich musste Rokko erzählen, dass ich sie getroffen hatte. Er ist doch mein Enkel. Ich habe ihn erlebt nachdem sie…nach der Hochzeit. Er hat es genauso wenig verarbeitet wie sie. Ich habe es gut gemeint." Rokko….hatte sie ihm alles gesagt? Lisa sah Melitta direkt in die Augen. „Sagen sie mir bitte, was er weiß." Melitta drückte Lisas Hand. „Alles." Lisas Augen weiteten sich im Schock. „Außer, dass sie ihn immer noch lieben, oder besser gesagt, die Erinnerung an ihn. Er weiß, dass sie sich bei ihm entschuldigen wollen und er ist bereit mit ihnen zu reden. Er sitzt im Nebenzimmer, Lisa." Sie hatte nicht gedacht, dass ihre Kehle noch enger werden könnte. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit. Er war hier, nur wenige Meter und eine Wand trennten sie von ihm. Ihr Gefühl wollte sofort aufspringen und zu ihm laufen, doch ihre Angst hinderte sie daran. Ihr war, als könnte sie sich nicht mehr bewegen. „Ich kann verstehen, wenn sie das jetzt nicht wollen, Lisa. Niemand, auch nicht Rokko, ist ihnen böse, wenn sie einfach wieder gehen und darüber nachdenken." Melitta hielt immer noch Lisas Hand. „Aber denken sie daran. Genau diese Chance haben sie doch gewollt." Lisa hatte die ganze Zeit ins Nichts gestarrt. Jetzt sah sie Melitta an. „Ja, ich weiß. Aber das zu wollen, wenn man nicht weiß, wo der andere ist, ist einfach." Sie seufzte. „Ich hab Angst!" Melitta lächelte. „Ich weiß. Aber die hat Rokko auch."
Plötzlich wurde Lisa klar, dass ihre Angst sie erst in diese Situation gebracht hatte. Noch mal würde sie sich von ihr nicht aufhalten lassen, das richtige zu tun. „Gut. Ich will mit ihm reden. Jetzt." Bestimmt stand sie auf. Melitta lächelte und ging vor ihr in den Flur. Sie deutete auf die Tür am Ende des Ganges. „Er wartet auf sie." Lisa straffte die Schultern, ging auf die Tür zu und drückte die Klinke hinunter.