Rokko saß im Wohnzimmer und lauschte nach draußen. 10 Minuten waren vergangen, seitdem Lisa an der Tür geklingelt hatte. Er hatte die Stimme seiner Oma gehört, bevor die Küchentür geschlossen wurde. Seitdem war Stille. Zuerst war Rokko auf einem Sessel gesessen, doch je länger nichts passierte, desto unruhiger wurde er. Mehr als einmal dachte er daran einfach durch die offene Terrassentür zu verschwinden. Durch den Garten und über den Zaun…nein, das wäre feige. Er schollt sich selbst für diese Gedanken. Er hatte zugestimmt und jetzt würde er es auch hinter sich bringen. In den letzten Tagen hatte er lange darüber nachgedacht, was er Lisa sagen wollte. Doch etwas wirklich Sinnvolles war dabei nicht herausgekommen. Morgens hatte er beschlossen, es einfach auf sich zukommen zu lassen und erst einmal abzuwarten, was Lisa ihm sagen würde. Melitta hatte ihn beim Frühstück beobachtet. Er hatte viel zu viel Kaffee getrunken und sein Marmeladenbrötchen nur lustlos auf dem Teller herum geschoben. „Du hast Angst!" hatte sie zu ihm gesagt. Er hatte den Kopf geschüttelt und sie aufgebracht angesehen. Melitta hatte nur leicht gelächelt und ihm ihre Hand auf den Arm gelegt. Sie hat Recht. Ich hab Angst. Er stand auf und ging ein paar Schritte auf die Terrasse hinaus. Es war immer noch viel zu warm. Er sah in den Himmel. Die untergehende Sonne tauchte die wenigen Wolkenfetzen in ein zartes rosa. Er stand einfach da, die Hände in den Hosentaschen und sah den Vögeln dabei zu, wie sie ihre Kreise drehten. Er schloss die Augen und wieder, wie so oft in den letzten Tagen, hatte er, fast augenblicklich, Lisas Gesicht vor sich.

Ein Geräusch aus dem Wohnzimmer ließ ihn herumfahren. Die Tür war geöffnet worden und jemand stand im Türrahmen. Er ging einige Schritte auf die Terrassentür zu, blieb aber kurz davor stehen. Lisa… Auch sie war einige Schritte in das Zimmer hinein gelaufen. Melitta hatte die Tür geschlossen und die beiden waren allein. Keiner der beiden sagte ein Wort. Rokko sah Lisa einfach nur an. Sie hatte sich fast nicht verändert. Sie trug keine Brille mehr und ihre Haare, die sie zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden hatte, waren länger und fielen über ihre Schulter. Mehr Veränderungen konnte er auf die Distanz nicht feststellen. Lisa ging langsam auf ihn zu. Er sieht immer noch wie damals aus. Rokko stand, die Hände immer noch in den Taschen seiner Hose vergraben, auf der Terrasse. Er trug ein strahlend türkisfarbenes Hemd und als Lisa die dunkelblaue Krawatte entdeckte, die er immer noch unter dem Hemdkragen trug, musste sie schmunzeln. Sie war jetzt an der Tür angekommen. Nur noch wenige Schritte trennten sie von ihm. Rokko sah das leichte Lächeln auf ihren Lippen, doch als er in ihren Augen ebenfalls danach suchte, musste er erkennen, dass das Strahlen, das er früher so geliebt hatte, verschwunden war. Die Traurigkeit, die ihn daraus ansah, erschreckte ihn zutiefst. „Hallo, Rokko!" sie stand jetzt direkt vor ihm und konnte die kleinen Lachfalten um seine Augen und die vereinzelten, silbernen Strähnen in seinen dunklen Locken erkennen.

Er lächelte sie an. „Hallo, Lisa. Ich bin froh, dass Du nicht davon gelaufen bist." Er sah sie nicht direkt an, als er sprach und Lisa merkte, zu ihrer Erleichterung, dass er genauso nervös war, wie sie selbst. „Ich hatte kurz daran gedacht, aber ich bin schon zu oft in meinem Leben davon gelaufen, weil ich Angst hatte. Und genau diese Angst hat uns beide in diese Situation gebracht." sie seufzte. „Sollen wir uns setzen?" Rokko deutete auf die Gartenmöbel, die am Rand der Terrasse standen. Lisa nahm auf der Bank platz und Rokko setzte sich auf einen der Stühle gegenüber. Er brauchte die Distanz. „Danke, dass Du mir diese Chance gibst. Das bedeutet mir sehr viel." Sie sah ihm direkt in die Augen. „Meine Oma hat mir keine andere Wahl gelassen." Er grinste, doch nur, um seine eigene Nervosität zu überspielen. „Deine Großmutter ist eine tolle Frau, Rokko. Es hat mir gut getan mit ihr zu sprechen, auch wenn ich damals noch nicht wusste, dass sie zu Deinem Leben gehört." Sie lächelte und wieder sah Rokko in ihren Augen nur diese unendliche Traurigkeit. Er fragte sich, was dazu geführt hatte, dass das Strahlen darin gestorben war. „Ich weiß, oder ich denke, dass Du Antworten von mir willst. Ich will versuchen, sie Dir zu geben. Aber zuerst will ich mich entschuldigen. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie leid mir mein Verhalten von damals tut. Ich weiß, dass ich nicht erwarten kann, dass Du mir verzeihst oder verstehst warum ich damals so gehandelt habe. Denn das kann ich selbst nicht." Sie holte tief Luft und sah ihn wieder an. „Lisa…" Rokko wollte etwas sagen, doch Lisa unterbrach ihn. „Bitte sag nichts. Hör mir, bitte, einfach nur zu." Sie sah ihn flehend an. Rokko nickte und Lisa begann wieder zu sprechen.

Sie hatte ihm alles gesagt und sah ihn nun an. „Ich habe mich selbst um ein Leben an Deiner Seite betrogen, nur weil ich mir von meiner Angst den Weg habe zeigen lassen. Mit dieser Schuld muss ich leben. Ich habe die ganzen 12 Jahre über nur gehofft, dass ich nur mein eigenes Leben zerstört habe und dass Du trotz all dem Dein Glück gefunden hast. Das habe ich Dir von ganzem Herzen gewünscht und nie aufgehört Dich zu lieben." Mittlerweile war es dunkel im Garten. Einige Minuten zuvor waren, wie von Geisterhand, im ganzen Garten kleine Lampen angegangen. Lisa sah auf ihre Hände, die sie, während ihrer ganzen Erzählung, immer wieder nervös geknetete hatte. Rokko wusste, dass sie auf eine Reaktion von ihm wartete. Er war schon, als Melitta ihm das, was er eben nochmals von Lisa gehört hatte, erzählt hatte, tief getroffen gewesen. Doch jetzt, wo ihm Lisa auch noch sagte, dass sie ihn immer noch liebte, fühlte er nur noch eine riesengroße Leere in sich. Er konnte jetzt erahnen, warum sich dieser Schleier, der sie am Strahlen hinderte, über Lisas Augen gelegt hatte.

Es dauerte lange, bis er etwas sagen konnte. Am liebsten hätte er gar nichts gesagt. Doch das konnte er Lisa nicht antun. Sie war absolut ehrlich zu ihm gewesen, das wusste er. Also hatte sie zumindest dasselbe von ihm verdient. „Lisa, ich weiß nicht was ich sagen soll. Ich war mir die letzten Jahre über immer so sicher, dass das alles, dass Du, soweit von mir weg ist. Ich hab meine Leben weitergelebt, nachdem der größte Schmerz vorbei war. Und immer gedacht, dass Du an Davids Seite das Glück gefunden hast, dass ich Dir wohl nicht schenken konnte." Er sah sie an, doch Lisas Blick ruhte immer noch auf ihren Händen, die jetzt allerdings in ihrem Schoß ruhten. „Ich mache Dir keine Vorwürfe, denn dazu ist es zu spät und sie bringen niemandem etwas." Bei seinem letzten Satz sah Lisa auf. Er sah ein wenig Erleichterung in ihrem Blick. Er lächelte sie leicht an, bevor er weiter sprach. „Eine Frage habe ich allerdings. Was jetzt? Du hast mir gesagt, was Du sagen wolltest. War's das oder…?" Er ließ den letzten Satz unvollendet in der Luft hängen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er geflüstert hatte. Lisa sah ihn erstaunt an. „Darüber habe ich nie nachgedacht, Rokko. Ich wollte immer nur, dass Du weißt, was passiert ist. Der Hoffnung und meinen Träumen habe ich, vor langer Zeit, Lebe wohl gesagt." Sie sah ihm jetzt direkt in die Augen. „Wir werden unsere Leben weiterleben. Ich meines, hoffentlich, mit etwas weniger Schuldgefühlen und Du kannst vielleicht in Zukunft wieder etwas freundlicher an mich denken." Sie lächelte ihn hoffnungsvoll an. „Ich denke, da kann man darüber reden." Rokko grinste sie leicht an und Lisas Lächeln wurde ein wenig fröhlicher.
„Ich gehe jetzt besser." Lisa stand auf und ging Richtung Tür. Rokko folgte ihr. Als sie durch das Wohnzimmer und den Flur zur Haustür gingen, berührte Rokkos Hand ganz leicht ihren Rücken. Vor dem Haus blieb Lisa stehen und drehte sich zu ihm um. „So, dann geh ich mal. Danke, dass Du mir zugehört hast. Sag deiner Oma einen schönen Gruß und Danke für die Mühe mit dem Essen, das keiner angerührt hat. Ich hoffe, sie ist deswegen nicht böse!" Lisa sah etwas verlegen auf den Boden. „Bestimmt nicht. Das schmeckt auch noch zum Frühstück!" Rokko schmunzelte. Lisa blickte ihn beruhigt an. „Es war schön Dich zu sehen, Lisa." Rokko kam einen Schritt auf sie zu. Lisa nickte und wollte ihm ihre Hand entgegen strecken, doch Rokko umarmte sie einfach kurz. Lisa hatte gar keine Gelegenheit wirklich zu reagieren, denn dazu war es viel zu schnell vorüber. Verwirrt blickend ging sie zum Gartentor. Rokko blieb vor der Tür stehen. Als sie das Tor schloss, sah sie sich noch einmal zu ihm um. Er stand genau im Lichtschein, der aus dem Haus kam und Lisa konnte sein Gesicht nicht sehen. Sie winkte ihm noch mal zu und ging dann davon. Rokko lief langsam zum Tor und sah ihr nach, bis sie nicht mehr zu sehen war. Seufzend drehte er sich um und ging ins Haus.