Lisa war in dieser Nacht, das erste Mal seit Wochen, nicht von Alpträumen geweckt worden. Das Gespräch mit Rokko hatte einen Teil der Schuld von ihrem Herzen genommen. Vielleicht konnte sie noch einmal von vorne anfangen und doch noch ihr Glück finden. Zumindest ein kleines Glück, denn das Große hatte sie verspielt und das war ihr klar.
Voller Tatendrang machte sie sich am Sonntag daran das Haus in Ordnung zu bringen. Es würde ein längerer Abschied von ihrer Insel sein und das machte Lisa traurig, aber gleichzeitig freute sie sich auch wieder auf Berlin und darauf ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.
Gegen
Abend beschloss sie Melitta anzurufen, um sich noch persönlich
bei ihr zu verabschieden und ihr Danke zu sagen. Es tutete im Hörer.
5 Mal, 10 Mal. Lisa wollte schon auflegen, als abgenommen wurde. „Bei
Albrecht!" Rokko. Damit hatte Lisa nicht gerechnet. Sie
schwieg. „Lisa?" kam es fragend vom anderen Ende der Leitung.
Lisa seufzte leise. „Äh, Hallo Rokko. Ist Deine Oma da? Ich
wollte mich noch bei ihr bedanken und verabschieden." Sie sprach
viel zu schnell und biss sich nervös auf die Lippe.
„Verabschieden?" Rokko klang irritiert. Oder bilde ich mir das
nur ein? „Ja, ich fahre morgen zurück nach Berlin und vor
dem Frühjahr werde ich wohl nicht wieder hier sein." Langsam
wurde ihre Stimme wieder normal. „Ah so. Ich bin noch ein paar
Wochen hier, bevor es für mich wieder zurückgeht." Lisa
wurde auf einmal bewusst, dass sie gestern überhaupt nicht über
ihn gesprochen hatten. Sie wusste nicht, wo er lebte, wie er lebte
und auch nicht mit wem. „Wirst Du zuhause nicht… vermisst?"
kaum hatte sie die Frage gestellt, wäre es ihr lieber gewesen,
sie hätte geschwiegen. Am anderen Ende der Leitung war es kurz
still. „Vielleicht,…vielleicht vermisst mich Gipsy, aber sicher
bin ich mir da nicht." Sie hörte, dass er lächelte. „Man
weiß ja immer noch nicht, ob Katzen ihren Menschen wirklich
vermissen können." Eine Katze? Lebte er nur mit seiner
Katze? „Na, aber die Person die auf Gipsy aufpasst, wird dich
doch wohl vermissen?" Lisa hatte all ihren Mut zusammen genommen.
Sie wollte wissen, ob zuhause, wo auch immer das für Rokko war,
jemand auf ihn wartete. Sie hörte Rokko leise lachen. „Lisa,
frag mich doch einfach, was Du wissen willst." Sie schwiegen beide.
„Auf mich wartet niemand. Ich lebe, seit meiner Scheidung, alleine
mit meiner Katze in Baltimore." Er seufzte.
„Das
tut mir leid." Etwas anderes war Lisa nicht eingefallen. Sie biss
sich wieder auf die Lippe. „Ich hol Dir dann mal meine Oma."
„Rokko!" rief Lisa. „Ja?" Sie holte tief Luft. „Es war
schön Deine Stimme zu hören." Sie hörte wieder, dass
er lächelte. „Ja. Vielleicht trifft man sich ja irgendwann
wieder, hier auf der Insel." „Ja, vielleicht." Lisa hörte,
wie Rokko den Hörer weg legte und davon lief.
Kurze Zeit später meldete sich Melitta. Lisa dankte ihr nochmals für alles und verabschiedete sich von ihr. „Ach, sie kommen jetzt dann gar nicht mehr her? Schade! Ich mag sie sehr, Lisa. Vergessen sie mich nicht." Lisa musste schlucken. „Ich sie auch, Melitta. Und vergessen könnte ich sie gar nicht. Ich werde mich bei Ihnen melden. Versprochen!" Einige Augenblicke später, war das Gespräch beendet. Lisa starrte den Hörer noch eine Weile gedankenverloren an. Dann stand sie auf, um noch die restlichen Sachen zu packen und dann früh ins Bett zu gehen.
Nicht im Traum hätte Lisa damit gerechnet, dass sie bereits eine Woche später wieder auf Sylt sein würde. Am Samstag saß sie im Autozug auf die Insel und dachte über die vergangene Woche nach. Nichts, aber auch gar nichts war in dieser Woche so gelaufen, wie Lisa es sich gedacht und auch erhofft hatte. Ihr Gespräch mit Timo war sehr gut gelaufen. Sie waren sich relativ schnell einig geworden, dass Lisa ihren alten Posten wieder übernehmen sollte. Das Gespräch hatte am Donnerstag stattgefunden und sie hatten sich geeinigt, dass Lisa in der nächsten Woche anfangen sollte. Doch tags darauf hatte Timo angerufen. Kim, die zusammen mit ihm die Geschäfte leitete und neben ihren eigenen auch quasi die Verfügungsgewalt über Davids und Sophies Anteile hatte, drohte ihr Kapital aus der Firma zu ziehen, sollte Lisa wieder in leitender Rolle bei Kerima erscheinen. Da es der Firma derzeit nicht so gut ging, konnten sie das nicht riskieren. Beiden war klar, dass diese Idee nicht von Kim kam, denn auch heute noch war sie nichts anderes, als Sophies kleine Marionette. Timo hatte Lisa gebeten, abzuwarten, bis nach der nächsten Kollektion. Falls Kim, ihre Drohung dann wahr machen würde, hätten sie eventuell das Kapital um Kim Anteile abzukaufen. Lisa hatte keine andere Wahl, als dem zuzustimmen.
Nach
dem Gespräch mit Timo hatte sie beschlossen, Berlin wieder zu
verlassen. Denn auch die Aussprache mit Alex war nicht nach Lisas
Vorstellungen verlaufen. Er hatte sich alles angehört und war
geschockt über Lisas Geständnis gewesen, dass sie all die
Jahre einen anderen geliebt hatte. Doch von Trennung sprach er nicht.
Er war viel mehr davon überzeugt, dass Lisa dieses Kapitel jetzt
abgeschlossen hatte und der Weg für einen Neu-Anfang mit ihm
frei war. Lisa hatte versucht ihm klar zu machen, dass sie ihm nicht
noch mehr wehtun wolle und er doch ohne sie sein Glück suchen
solle. Doch Alex erklärte ihr, dass sie die Liebe seines Lebens
wäre und er um ihre Liebe kämpfen würde. Lisa spürte,
dass sie mit nichts was sie ihm noch sagen könnte, etwas an
seiner Einstellung ändern würde. Sie bat ihn nochmals
darüber nachzudenken und dachte sie hätte ihm
unmissverständlich klar gemacht, dass sie nicht noch mehr Schuld
auf sich laden wolle, indem sie ihm Hoffnung machte, sie könne
es sich noch einmal anders überlegen.
Dass
Alex nicht nachdachte und nichts von dem, was Lisa ihm gesagt hatte,
bei ihm angekommen war, erfuhr sie schon am nächsten morgen. Ein
Bote brachte ihr einen halben Blumenladen an die Tür. In der
beigelegten Karte stand, dass er sie liebe und hoffe sie würde
zu ihm zurückkehren.
Dieses Schauspiel wiederholte sich jeden morgen. Lisas Eltern, bei denen sie vorübergehend wieder eingezogen war, hatten bald genug von der täglichen Blumenflut. Lisa war verzweifelt. Sie wusste nicht was sie tun sollte und heulte sich bei ihrer Mutter, die mittlerweile auch die anderen Vorkommnisse mit Rokko auf Sylt kannte, aus. „Er muss doch wissen, dass mir das zu viel ist. Dass mir eine Blume lieber ist, als ein ganzer Strauß." Sie blickte traurig auf die Tasse, die sie in ihren Händen drehte. „Er ist schockiert, Lisa. Im Schock tun manche Leute Dinge, die sie hinterher selbst nicht verstehen." Helga saß ihr am Esstisch gegenüber und lächelte ihr zu. „Er wird zur Besinnung kommen. Wenn es Dir mit der Trennung wirklich ernst ist, dann darfst Du ihm aber auch keine Signale mehr geben, die Hoffnung in ihm wecken könnten." „Das habe ich nicht, Mama. Ich habe ihm die Scheidung angeboten. Ich will ihn nicht noch unglücklicher machen. Das hat er nicht verdient." Sie stellte die Tasse auf den Tisch und stütze den Kopf in ihre Hände. „Lass ihm Zeit, alles zu verarbeiten. Er wird es verstehen. Da bin ich mir sicher." Lisa hoffte, dass ihre Mutter Recht hatte. Als dann am Feitag auch noch Timos Anruf kam, stand Lisas Entschluss fest. Sie würde Berlin wieder verlassen. Sie hinterließ Alex eine Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter zuhause, dass sie nicht mehr bei ihren Eltern wohnen würde und er dies bitte in Ruhe lassen solle. Sie packte ihre Koffer und fuhr wieder nach Sylt. Ihr war klar, dass Alex sie früher oder später dort vermuten würde, doch sie hoffte, dass er bis dahin akzeptiert hatte, dass ihre Ehe zu Ende war.
