Der Sonntag passte komplett zu Lisas Stimmung. Es regnete schon morgens und Lisa hätte am liebsten den ganzen Tag im Bett verbracht. Vor einer Woche war sie voller Tatendrang gewesen und jetzt war das Luftschloss, das sich ganz langsam in ihr neues Leben hatte verwandeln sollen, schon wieder verpufft. Sie hätte gerne mit Melitta gesprochen, doch sie hatte Angst, dass eine erneute Kontaktaufnahme ihrerseits, bei Rokko den Eindruck erwecken könnte, sie würde seine Oma benutzen, um wieder Kontakt zu ihm zu bekommen.

Ganz tief in ihrem Herzen wusste Lisa, dass das noch nicht einmal gelogen war. Sie mochte Melitta sehr und war ihr dankbar für alles, doch als sie überlegt hatte, wo sie hingehen könnte, um für eine Weile aus Alex Reichweite zu verschwinden, hatte Rokkos Anwesenheit auf Sylt den Ausschlag gegeben. Und selbst die Tatsache, dass Alex sie hier am ehesten finden würde, war kein Gegenargument gewesen. Das Treffen mit Rokko hatte ihr deutlich gemacht, wie sehr sie ihn, in den vergangenen Jahren, vermisst hatte. Sein Lächeln, die Art, wie er es, wie kein anderer verstanden hatte, sie aus der Reserve zu locken, aber vor allem das Gefühl der Geborgenheit und des geliebt Werdens, dass sie so noch bei niemand anderem verspürt hatte, fehlten Lisa sehr. Sie wusste, dass diese Sehnsucht bleiben würde, denn sie war sich sicher, dass Rokkos Gefühle für sie nie wieder mehr sein würden, als Sympathie, die hoffentlich für eine Freundschaft reichen würde.

Es war inzwischen früher Nachmittag, der Regen hatte aufgehört und Lisa entschloss sich zu einem kleinen Spaziergang. Auf dem Rückweg ging sie über den kleinen Friedhof, um den Weg abzukürzen. Gedankenverloren ging Lisa zwischen den Gräbern hindurch. Manchmal blieb sie vor einem stehen, um die Inschrift zu lesen. Dabei dachte sie darüber nach, ob wohl an all die Menschen die hier begraben lagen, noch von Angehörigen und Freunden gedacht wurde. Wer denkt wohl an mich, wenn ich eines Tages nicht mehr bin? Der Gedanke machte ihr Angst und es wurde ihr schmerzhaft bewusst, dass sie allein war. Nichts von dem, was sie sich einmal erhofft hatte, war in Erfüllung gegangen. Kein Mann, keine Kinder, niemand, der sie vermissen würde.

Sie war mitten auf dem Weg stehen geblieben und merkte gar nicht, dass es wieder zu nieseln anfing. „Lisa?!" der Klang ihres Namens riss sie aus ihren Gedanken. Sie sah sich suchend um und entdeckte plötzlich Melitta, die auf einer Bank unter einem großen Baum saß. Sie ging auf sie zu. „Oh, Lisa, ich bin ja so froh, dass sie hier sind. Ich hatte schon befürchtet, dass hier gar niemand mehr vorbeikommt." „Hallo Melitta. Was machen sie denn hier? Zum draußen sitzen ist es doch viel zu kalt!" Lisa sah sie fragend an. „Ach, Kindchen, ich bin hingefallen. Mein Knöchel tut ziemlich weh. Er wird immer dicker und ich kann fast nicht laufen." Melitta deutete auf ihren rechten Fuß und Lisa konnte sehen, dass er deutlich angeschwollen war. „Ja, das sieht nicht gut aus. Wie ist denn das passiert?" Melitta seufzte. „Ich war am Grab meines Mannes und wollte die Blätter wegräumen. Da bin ich auf der Grabumrandung abgerutscht und umgeknickt. Weiter wie bis zu dieser Bank habe ich es nicht geschafft." Melitta zeigte auf eine Gräberreihe. „Meine Handtasche liegt noch da hinten. Würden sie mir die bitte holen?" „Ja, klar!" Lisa lief zu den Gräbern hinüber und entdeckte auch gleich Melittas Handtasche. Sie hob sie auf und sah auf den Grabstein. Konrad Albrecht Lisa lächelte. Rokko trug den Namen seines Großvaters. Sie ließ den Blick noch einmal über das Grab schweifen, bevor sie zu Melitta zurück lief.

Eine halbe Stunde später hatte Lisa Melitta nach hause gebracht. Sie war schnell zu sich gelaufen, um ihr Auto zu holen. Ganz langsam führte Lisa Melitta, durch den wieder kräftiger gewordenen Regen, zur Haustür. Drinnen setzte sie sie auf den erstbesten Stuhl. „Danke, Lisa. Jetzt komme ich alleine zurecht!" Melitta saß erschöpft und frierend vor ihr. „Allein? Ich dachte, dass…." Lisa sprach den Satz nicht zu Ende. „Rokko ist gestern nach Hamburg gefahren. Er trifft sich dort mit alten Freunden und Studienkollegen. Er kommt erst am Freitag zurück. Bis dahin schaffe ich das schon." Melitta konnte einen Schimmer der Enttäuschung in Lisas Augen sehen. „Aber warum sind sie eigentlich wieder hier? Sie wollten doch bis zum Frühjahr in Berlin bleiben." Lisa seufzte tief. „Ja, das war geplant, aber leider ist alles schief gelaufen und ich hab es dort nicht mehr ausgehalten." Melitta griff nach Lisas Hand. „Das wird schon wieder, nur nicht den Mut verlieren." Lisa lächelte sie schwach an. „So, aber jetzt kümmere ich mich erstmal um sie. Sie brauchen trockene Kleider, ihr Fuß einen kalten Umschlag und wir beide einen heißen Tee." Melitta lächelte und erklärte Lisa schnell, wo alle Sachen waren.

Eine Stunde später saßen die beiden gemütlich im Wohnzimmer. Lisa hatte Melitta soweit versorgt, wie es möglich war. Melitta hatte sich geweigert zum Arzt zu gehen, doch Lisa wollte versuchen, sie am nächsten Tag doch noch dazu zu überreden. Für den Moment war sie schon mal froh, dass sie nicht immer wieder versuchte aufzustehen. Lisa lehnte sich entspannt im Sessel zurück und nippte an ihrem Tee. Plötzlich fiel ihr ein, dass sie Rokko verständigen mussten. „Melitta, sollten sie Rokko nicht wenigstens anrufen?" Melitta schüttelte den Kopf. „Ich will nicht, dass er denkt, dass er zurückkommen muss. Er hat sich so auf das Wiedersehen mit seinen Freunden gefreut und wenn er jetzt hört, dass ich zu doof zum laufen bin, fühlt er sich sicher verpflichtet her zu kommen. Das will ich nicht!" Lisa nickte. „Aber was wollen sie denn so lange machen? Sie können ja fast nicht laufen? Und was ist, wenn er anruft? Wollen sie ihn beschwindeln?" Lisa sah sie fragend an. „Es reicht doch, wenn er es mitbekommt, wenn er am Freitag wieder hier ist. Sobald er es weiß, fährt er zurück. Da bin ich mir sicher." Lisa wusste, dass Melitta Recht hatte. Rokko war viel zu verantwortungsbewusst, als dass er seine Oma, in so einer Situation, allein ließe. „Aber, wenn er wüsste, dass sie nicht alleine sind, dann würde er doch sicher in Hamburg bleiben, oder?" Lisa lächelte. „Woran denken sie, Lisa?" Melitta sah sie neugierig an. „Ich könnte doch, wenn es ihnen recht wäre, so lange hier bei ihnen bleiben, bis Rokko wieder da ist. Sie können sich auskurieren, Rokko kann in Hamburg bleiben und ich….ich wäre nicht allein." Den letzten Teil ihres Satzes hatte Lisa geflüstert. Sie starrte in ihre Teetasse. Aus den Augenwinkeln sah sie zu Melitta. Diese strahlte sie an. „Eine bessere Idee hätten sie gar nicht haben können, Kindchen. Das ist die Lösung." Lisa sah sie erleichtert an. „Sie sind einverstanden?" „Ja, natürlich, so ist doch jedem geholfen." Melitta zwinkerte ihr zu. So war es beschlossene Sache, dass Lisa die nächsten Tage bei Melitta wohnen würde. Sie fuhr schnell zu ihrem Haus, um einige Sachen zu holen und ihren Eltern mitzuteilen, wo sie die nächsten Tage zu erreichen war. Es war nicht nur die Angst vor dem allein sein gewesen, die sie dazu gebracht hatte Melitta das vorzuschlagen. So war auch relativ sichergestellt, dass Alex sie, zumindest die nächste Woche, nicht finden würde.

Am Abend unterrichtete Lisa Melitta über die Vorkommnisse in Berlin. Doch glücklicherweise kamen sie auch bald auf andere Themen zu sprechen. Melitta erzählte Lisa aus ihrem Leben und so erfuhr sie auch einiges aus Rokkos Kindheit. Rokkos Vater, war wie sein Schwiegervater, Melittas Mann, auch bei der Marine gewesen. Die Familie war häufig umgezogen und bei Rokko hatte das dazu geführt, dass er auch später ruhelos durch die Welt zog. „Er hat mich damals angerufen, als sie seinen Antrag angenommen hatten. Er war so glücklich und wollte unbedingt, dass ich zu der Hochzeit komme, doch mein Mann war damals schon sehr krank. Er hätte nicht mitkommen können und alleine lassen wollte ich ihn nicht. Rokko meinte damals, dass er endlich einen Hafen gefunden hätte, der das Ankern wert wäre. Zwei Wochen später, stand er hier vor der Tür…." Melitta sprach nicht weiter. Sie sah Lisa, der die Tränen in den Augen standen, an. „Oh, das wollte ich nicht. Ich mache ihnen keinen Vorwurf, Lisa. Sie haben damals einen Fehler gemacht und, wie ich finde, diesen teuer bezahlt. Aber ihr Leben ist noch nicht vorbei, sie sind noch jung. Es gibt immer ein Licht am Horizont. Manchmal sehen wir es nicht, weil der Weg vor uns steinig und voller Klippen ist. Aber es ist immer da, so lange wir daran glauben. Geben sie den Glauben daran nicht auf, Lisa." Sie lächelte Lisa aufmunternd an. Lisa wischte sich die Tränen weg und schniefte. „Ich will es versuchen, doch momentan sind mir nicht nur Klippen im Weg, sondern ganze Gebirgszüge." „Dann gehen sie doch um die Berge drum herum. Niemand sagt, dass sie über sie drüber müssen." Sie zwinkerte Lisa zu und unterdrückte ein Gähnen. „Entschuldigen sie, Lisa, aber der Tag war doch recht anstrengend. Ich würde gerne ins Bett gehen." Lisa sah auf ihre Uhr. „Oh, ja. Es ist ja auch schon spät. Und sie haben Rokko nicht angerufen." Melitta verzog das Gesicht zu einem schuldbewussten Grinsen. „Ich mach's morgen. Versprochen!" Lisa lächelte ihr zu und stand auf. „Wenn sie mir jetzt noch sagen, wo ich schlafen kann, dann bringe ich mal meine Tasche dahin und dann helfe ich ihnen." Melitta erklärte ihr den Weg in das Gästezimmer im 1. Stock. „Das Bett ist leider nicht bezogen. Die Überzüge sind gegenüber, in Rokkos Zimmer. Ich hoffe es macht ihnen nichts aus, das noch zu machen." Lisa schüttelte den Kopf und ging hinaus in den Gang. Sie lief nach oben und öffnete die, von Melitta beschrieben Tür. Dahinter lag ein gemütliches kleines Dachzimmer mit Blümchentapete, weißen Vorhängen an dem Gaubenfenster und hellen Möbeln. Lisa fühlte sich sofort wohl. Sie ging zum Fenster und sah hinunter in den nächtlichen Garten. Sie riss sich von dem friedlichen Anblick los und ging wieder nach draußen. Vor der gegenüberliegenden Tür blieb sie kurz stehen. Sie legte die Hand auf die Türklinke und seufzte leise, als sie sie herunterdrückte. Sie suchte nach dem Lichtschalter. Das Zimmer war ähnlich geschnitten, wie das, das sie in den nächsten Tagen bewohnen würde. Die Möbel waren dunkler und statt Blümchen waren hier Streifen auf der Tapete. Lisa ging einige Schritte hinein und augenblicklich hatte sie das Gefühl, dass er im Raum wäre. Das Zimmer verströmte den Geruch nach seinem Aftershave. Langsam lief sie im Zimmer umher. Überall waren seine Sachen verteilt. Am Schrank hingen das Hemd und die Krawatte, die er vergangenen Samstag getragen hatte. Vor dem kleinen Schreibtisch in der Ecke bleib sie kurz stehen. Er war über und über mit Notizen, in Rokkos unverkennbarer Handschrift, übersäht. Sie ließ den Blick weiter schweifen und erblickte ein gerahmtes Photo, das auf dem Fensterbrett stand. Sie nahm es in die Hand und erkannte Rokko, der glücklich in die Kamera strahlte und in seinem Arm eine kleine rot-weiße Katze hielt. Das muss Gipsy sein! Lisa stellte das Bild lächelnd zurück. Sie wollte zum Schrank, um die Bettbezüge zu holen, doch am Bett blieb sie erneut stehen. Sie strich ganz leicht über die Bettdecke und das Kopfkissen. Sie griff danach und vergrub ihr Gesicht darin. Da war er wieder, sein Geruch, noch viel intensiver, wie Lisa ihn schon im Zimmer wahrgenommen hatte. Sie begann zu zittern und die Sehnsucht nach Rokko war so stark, das sie ihr die Luft zum atmen nahm. Sie setzte sich, die Tränen rannen lautlos über ihre Wangen. Was mache ich hier? Sie begann zu zweifeln, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, wieder nach Sylt zu kommen.