Die nächsten drei Wochen vergingen wie im Flug. Sie kamen gut mit der B-Style Kampagne voran und auch von Hanna aus Berlin kamen nur gute Nachrichten. Sie hatte schon fast alle Modelle gezeichnet und die ersten waren auch bereits geschneidert. Wenn sie dieses Tempo beibehalten konnten, stand der Präsentation im Februar nichts im Wege.

Melitta hielt an ihren Bürozeiten eisern fest und so verbrachten sie die Nachmittage und Wochenenden meistens mit Ausflügen, auf die sie auch Melitta das ein oder andere Mal begleitete. Und so war bald das Wochenende vor Rokkos Rückflug in die Staaten gekommen. Lisa hatte die vergangene Woche in Berlin verbracht, um sich direkt vor Ort von den Fortschritten der Kollektion zu überzeugen und auch endlich die Scheidung von Alexander einzureichen. Er hatte sich in den letzten Wochen nicht bei ihr gemeldet, doch Helga hatte ihr erzählt, dass er immer wieder bei ihnen angerufen hatte. Lisa sah mit dem Einreichen der Scheidung die letzte Möglichkeit, ihn davon zu überzeugen, dass ihre Ehe keinen Sinn mehr machte. Auch Rokko hatte die letzten Tage nicht auf Sylt verbracht. Er war nach Pinneberg gefahren, um seine Eltern zu besuchen. Das Verhältnis zu ihnen war nicht einfach für Rokko, da vor allem sein Vater nie wirklich etwas mit dem Beruf seines Sohnes hatte anfangen können, doch Melitta hatte ihn zu dem Besuch gedrängt, da ihre Tochter ja von ihr wusste, dass Rokko seit über einem Monat bei ihr war. Und so hatte Rokko die letzten drei Tage dort verbracht, war aber sehr froh gewesen, als er am Freitagabend den Autozug auf Sylt wieder verlassen hatte.

Am Samstagmorgen hatten Lisa und er die letzten Details für B-Style besprochen und Lisa war guter Dinge, dass sie den Rest auch ohne Rokko schaffen würde, wobei sie sich darauf einigten, dass er auch weiterhin per Mail und Telefon zur Verfügung stehen würde.
Sie hatten es in den letzten Wochen geschafft, den freundschaftlichen Umgang miteinander wieder zu finden und sie waren beide froh darüber.

„So, Ausnahme-Bürozeit beendet!" Melitta stand in der Tür zum Esszimmer und grinste die beiden an. „Ich werde das Chaos hier vermissen, wenn Du am Dienstag wieder weg bist, Rokko." Ihr Lächeln wurde traurig. Sie hatte sich so daran gewöhnt die beiden in ihrer Nähe zu haben und sie dachte mit Wehmut an die nächste Woche, wenn Rokko wieder in den USA und Lisa wieder in Berlin sein würde. Rokko stand auf und nahm seine Oma in den Arm. „Ich werde Dich auch vermissen, Oma. Und vielleicht komme ich ja an Weihnachten schon wieder. Das ist gar nicht mehr lange." Er lächelte sie an. „Ach, das hast Du schon so oft gesagt, in den letzten Jahren und wie oft warst Du dann wirklich da?" sie strich ihm durch die Haare. Lisa hatte in zwischen angefangen die Unterlagen zusammenzuräumen. Sie hatte nichts von Rokkos Plänen gewusst, an Weihnachten schon wieder nach Deutschland zu kommen und sie erwischte sich bei dem Gedanken, dass sie sich, ebenso wie Melitta, wünschte, dass es keine leeren Worte von Rokko waren und er wirklich kommen würde.
„Lassen sie das, Lisa. Ich räum euch das zusammen. Ihr müsst dann los, wenn ihr noch pünktlich kommen wollt." Rokko sah auf die Uhr. „Oh ja, Lisa, hopp, wir brauchen ca. ne halbe Stunde, bis nach List." Lisa grinste. Sie hatte sich die ganze Woche auf diesen Ausflug gefreut: eine Fahrt zu den Seehundbänken im Wattenmeer.

Als sie gegen halb sechs wieder bei Lisa zuhause ankamen, waren sie immer noch ganz beeindruckt von den Erlebnissen des Nachmittags. Lisa schwärmte von den Seehunden und hörte gar nicht mehr auf zu reden. Sie ging schon vor zur Haustür und Rokko holte noch die Einkäufe, für das gemeinsame Abendessen, aus dem Kofferraum. Als er um die Ecke der Garage bog, sah er Lisa starr vor der Haustür stehen. Auf dem Treppenabsatz saß jemand, den Rokko als Alexander erkannte. Er war gerade dabei aufzustehen. Rokko blieb stehen und überlegte, was er tun sollte. Er verspürte wenig Lust einen Ehekrach mitzuerleben, aber er konnte nicht einfach gehen. Er lief zu den beiden hin und stellte sich neben Lisa. „Guten Abend!" Rokkos Stimme schien Lisa aus ihrer Starre zu holen. „Hallo, Alex. Warum sitzt Du hier vor der Tür?" Alex Blick schweifte von Rokko zu Lisa. „Guten Abend, Lisa. Ich habe meine Schlüssel vergessen und warte schon seit Stunden auf dich. Aber wie ich sehe, hattest wenigstens Du eine schöne Zeit!" Sein Blick ruhte jetzt auf Rokko. „Alexander von Leonberg. Guten Abend!" er streckte Rokko seine Hand hin. Rokko stellte die Einkaufstüten ab und ergriff Alex' Hand. „Robert Kowalski! Nett sie kennen zu lernen." Rokko sah Alex in die Augen und erkannte, das seine Lider leicht zuckten, als er seinen Namen nannte. Lisa beobachtete Alex. Sie wusste nicht wie er reagieren würde. Sie hatte ihm ja alles erzählt und er kannte, die Rolle, die Rokko in ihrem Leben und vor allem auch für ihre Ehe gespielt hatte.
Auch Rokkos Gedanken rasten. Aus Alex Reaktion auf seinem Namen, hatte er geschlossen, dass Lisa ihm erzählt haben musste, dass sie sich einmal sehr nahe gestanden hatten. Er konnte sich vorstellen, welchen Eindruck es auf ihn machen musste, dass er hier mit Lisa auftauchte. Er hoffte, dass Alex aus seiner Anwesenheit nicht die falschen Schlüsse zog und diese Konsequenzen für Lisa haben könnten.

Lisa schloss die Haustür auf. Die beiden Männer folgten ihr nach drinnen. Rokko lief in die Küche und stellte die Tüten ab. Alex murmelte etwas von „Hände waschen" und verschwand in der Toilette. Lisa ging zu Rokko in die Küche. „Es tut mir leid, Rokko. Damit hab ich nicht gerechnet." Sie sah verlegen auf den Boden. „Du kannst doch nichts dafür, dass er plötzlich hier auftaucht. Ich denke allerdings, dass ich besser gehen sollte. Wenn das für Dich in Ordnung ist." Er lächelte sie an. „Kommst Du klar?" sein Lächeln wich einer besorgten Mine. „Danke für Dein Verständnis. Ja, ich bekomme das schon hin." Sie lächelte jetzt ebenfalls. Sie umarmten sich.
Beide sahen nicht, dass Alex im Flur stand und sie beobachtete. Er konnte seinen Blick nicht von Lisas Augen lösen. Die Traurigkeit darin war verschwunden. Eine riesengroße Leere machte sich in ihm breit. Er war eigentlich nach Sylt gekommen, um noch einmal mit Lisa zu reden, sie um eine letzte Chance zu bitten. Doch in diesem Moment wurde ihm klar, dass er verloren hatte, dass er nie auch nur die kleinste Möglichkeit gehabt hatte, Lisas Herz zu gewinnen. Sie war zwar 10 Jahre mit ihm verheiratet gewesen, doch ihr Herz hatte immer Rokko gehört. Er hatte es nicht glauben wollen, als sie ihm genau das, vor Wochen, gesagt hatte, doch jetzt wusste er, dass sie die Wahrheit gesagt hatte. Die Erkenntnis schmerzte, doch er würde sie gehen lassen.

In der Küche lösten sich Rokko und Lisa aus ihrer Umarmung und Alex erwachte aus seinen Gedanken. Er ging ein paar Schritte in den Flur zurück, so dass man ihn aus der Küche nicht mehr sehen konnte. Lisa und Rokko kamen zur Tür heraus. „Sie gehen schon?" Alex tat so, als wäre er gerade aus dem Wohnzimmer getreten. „Ja, ich wünsche ihnen noch einen angenehmen Abend." Rokko ging zur Haustür. Lisa folgte ihm. Auf der Türschwelle gaben sie sich noch mal die Hand. „Tschüß, Rokko. Bis morgen!" Rokko lächelte leicht. „Ja, vergiss das Mittagessen morgen nicht. Sonst ist meine Oma sauer! Bis morgen!" Lisa sah die Sorge in seinen dunklen Augen. Sie lächelte ihm noch mal zu, bevor sie die Tür hinter ihm schloss. Sie holte tief Luft, drehte sich um und sah Alex an. „Warum bist Du hier?" sie ging an ihm vorbei und setzte sich an den Tresen in der Küche. Alex blieb im Türrahmen stehen und blickte sie an. Auch jetzt, nachdem Rokko weg war, war keine Spur mehr der Melancholie in ihrem Blick zu erkennen. „Eigentlich bin ich gekommen, um noch mal mit Dir zu reden, aber das erübrigt sich jetzt." Er seufzte. Lisa sah ihn überrascht an. „Ich willige in die Scheidung ein, Lisa. Ich hab eingesehen, dass ich Dich nicht glücklich machen kann. Ich fahre jetzt in ein Hotel. Morgen hole ich meine Sachen. Leb wohl, Lisa." Er ging zur Garderobe und zog seinen Mantel an. Lisa lief ihm nach. Sie wollte eine Erklärung. „Alex, warum? Was hat Dich in 10 Minuten deine Meinung ändern lassen?" sie sah ihn eindringlich an. „Dass er in wenigen Wochen geschafft hat, was ich in 10 Jahren nicht möglich machen konnte: deine Augen zum Strahlen zu bringen." Er beugte sich herab und gab Lisa einen Kuss auf die Haare. „Ich wünsche Euch viel Glück!" Lisa blickte ihm nach, wie er das Haus verließ. Ihr geflüstertes „Danke" konnte er nicht mehr hören.