Am nächsten Morgen war Rokko schon früh am Strand unterwegs. Er wusste, dass die nächsten beiden Tage stressig werden würden und so wollte er noch mal die Ruhe genießen. Er saß auf einem Steg und sah dabei zu, wie die Sonne versuchte die Wolken zu vertreiben. „Guten Morgen!" Rokko fuhr herum und sah Alexander auf dem Steg stehen. Rokko erhob sich und ging auf ihn zu. „Guten Morgen! Sie sind noch hier?" er musterte Alex, konnte aber nichts aus seinem Gesicht lesen. „Ja, ich habe im Hotel übernachtet, hole nachher noch meine Sachen aus dem Haus und dann bin ich weg." Alex sah an Rokko vorbei hinaus aufs Meer. „Ich werde Lisa keine Schwierigkeiten machen. Ich habe eingesehen, dass ich sie verloren habe, Herr Kowalski." Er sah Rokko jetzt direkt an. Rokko sah die Resignation und die Trauer in seinen Augen. „Sie müssen nichts sagen. Ich habe begriffen, dass Lisas Herz ihnen gehört." Er schloss die Augen und seufzte leise, bevor er weiter sprach. „Versprechen sie mir nur eins. Lassen sie nie wieder zu, dass dieses Strahlen in ihren Augen erneut erlischt." Rokko konnte nur nicken. Ohne ein weiteres Wort drehte Alex sich um und verließ den Steg.
Alexanders Worte hallten in Rokkos Ohren. Lisas Herz gehört ihnen. Er hatte das ausgesprochen, was Rokko geahnt hatte, die letzten Wochen aber immer wieder ganz weit weg geschoben hatte. Lisa liebte ihn noch immer. Seufzend setzte er sich wieder hin und sah den Wellen zu, die sich an den Pfeilern des Stegs brachen. Er wollte herausfinden, was dieses Wissen in ihm auslöste. Doch immer wenn er versuchte, hinter die freundschaftlichen Gefühle, die er für Lisa hatte, zu schauen, baute die Angst in sekundenschnelle eine Mauer auf, die er nicht einreißen konnte. Er wusste nur eins: Alex hätte ihm das Versprechen nicht abnehmen müssen, er hatte es sich selbst schon gegeben und auch die Angst, wieder verletzt zu werden, würde ihn nicht davon abhalten, es einzulösen. Er würde nur Zeit brauchen, diese Angst zu verlieren. Zeit, die Lisa mir hoffentlich geben wird!
Die letzten beiden Tage vergingen viel zu schnell. Den Montagabend hatten sie ein letztes Mal alle bei Melitta verbracht. Sie hatten zusammen gekocht und wieder viel gelacht, doch über allem hing das Bewusstsein, dass das für längere Zeit das letzte Mal sein würde, das sie zusammen waren. Besonders Melitta ging das alles sehr nahe. Sie ließ keine Gelegenheit aus Rokko und Lisa in den Arm zu nehmen und immer wieder musste Rokko ihr versprechen, dass er diesmal wirklich zu Weihnachten kommen würde.
Es war schon spät, als Lisa sich auf den Heimweg machte. Rokko begleitete sie nach hause, da sie diesmal ohne Auto unterwegs war. Sie entschieden sich für den längeren Weg, am Strand entlang. Sie liefen schweigend nebeneinander her und hingen beide ihren Gedanken nach. Außer ihnen war fast niemand unterwegs, nur einige Jugendliche hatten ein Lagerfeuer entzündet und spielten leise Musik. Rokko steuerte den Steg an, an dem er am Sonntagmorgen Alex getroffen hatte. Still blickten sie beide auf das nachtschwarze Meer. „Rokko?" Lisa sah ihn aus den Augenwinkeln an. „Ja?" Er drehte den Kopf zu ihr und lächelte. „Ich weiß, dass ich das was ich dir sagen will, besser nicht sagen sollte. Denn vielleicht zerstört es alles, was sich in den letzten Wochen zwischen uns wieder aufgebaut hat." Ihre Stimme wurde immer leiser und sie sah verlegen zu Boden. „Lisa? Was..?" Lisa unterbrach ihn. „Bitte sag nichts, lass mich einfach reden." Sie blickte ihn kurz an. Er sah die Besorgnis in ihrem Blick. Sie ging ein paar Schritte auf das Ende des Stegs zu. Rokko folgte ihr, blieb aber in einigem Abstand zu Lisa stehen. Sie seufzte schwer bevor sie weiter sprach. „Die letzten Wochen mit Dir….ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte mal so glücklich gewesen bin. Doch, eigentlich schon. Aber das ist lange her, es kommt mir manchmal so vor, als wäre es ein anderes Leben gewesen. Damals, bevor wir…., bevor ich,…" sie kam ins stottern. Sie wollte ihn nicht an ihren größten Fehler erinnern. Rokko legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. „Es ist ok, Lisa. Ich hab dir doch gesagt, dass ich Dir verziehen habe." Sie drehte den Kopf und Rokko sah die Tränen, die in ihren Augen glitzerten. „Ja, und das kann ich immer noch nicht glauben. Aber kann ich mir jemals verzeihen?" sie blickte wieder aufs Meer hinaus. Rokko wusste nicht, was er sagen sollte. Lisa wand sich zu ihm um. Die Tränen liefen ihr jetzt lautlos übers Gesicht. Sie sah ihm direkt in die Augen. „Ich habe geglaubt, dass es mir reichen würde, wenn Du mir verzeihst und wir wieder freundschaftlich miteinander umgehen können. Doch ich habe mich selbst angelogen. Ich liebe Dich, Rokko. Und ich kann nicht als Freund in Deinem Leben bleiben und miterleben, wie es irgendwann wieder eine andere Frau für Dich geben wird. Ich kann bis heute nicht verstehen, wie Du das damals konntest. Ich kann es nicht. Ich bin nicht so stark wie Du." Sie drehte sich um und lief weiter den Steg entlang. Rokko sah ihr nach. Ihre Silhouette hob sich kaum vom Himmel ab. Langsam ging er zu ihr. Er schlang seine Arme um ihren Bauch und legte seinen Kopf auf ihre Schulter. Rokko spürte, wie sich ihr Körper anspannte. Er wollte seine Arme schon wieder von ihr lösen, als er merkte, dass sie sich leicht gegen ihn lehnte. „Du bist noch viel stärker als ich, Lisa." Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. Ein leichter Wind kam auf und trug die Musik vom Lagerfeuer am Strand zu ihnen.
Cause
I need time
My heart is numb has no feeling
So while I'm
still healing just try and have a little patience
„Ich
weiß, dass Du es bist und deshalb bin ich mir sicher, dass Du
mir die Bitte, die ich an Dich habe, auch erfüllen kannst."
Lisa drehte sich in seinen Armen und sah ihn an. Noch immer
glitzerten Tränen auf ihrem Gesicht. „Gib mir bitte Zeit,
Lisa." Er lächelte sie an. Lisa nickte leicht. „Nur ein
bisschen Geduld, für Dich, für mich,…für uns."
Wieder löste sich eine Träne aus Lisas Augenwinkel. „Für
uns?" sie flüsterte. „Kannst Du das?" er strich ihr sanft
die Tränen von den Wangen. „Ja!" Lisa vergrub ihr Gesicht an
seiner Schulter.
Rokko schob sie behutsam ein Stück
von sich. Er lächelte sie liebevoll an und auch auf Lisas Zügen
war wieder ein leichtes Lächeln zu erkennen. Lisa wollte sich
von ihm lösen, doch Rokko hielt sie fest und gab ihr einen
zarten Kuss auf die Stirn. Sie seufzte leise. Rokko löste die
Umarmung und griff nach ihrer Hand. Langsam gingen sie über den
Strand zu Lisas Haus. Im Hintergrund war immer noch die Musik zu
hören.
Cause
the scars run so deep it's been hard but I have to believe
have a
little patience
have a little patience
Kurze Zeit später stand Lisa allein auf dem Balkon ihres Schlafzimmers und starrte in die Dunkelheit. Der Wind trug das Rauschen des Meeres zu ihr und Lisa empfand das Geräusch als tröstlich. Immer wieder hörte sie in Gedanken Rokkos Worte: Nur ein bisschen Geduld, für Dich, für mich,…für uns. Sie verbot sich selbst, zuviel Hoffnung in diesen einen Satz zu legen, gab sich aber selbst das Versprechen, Rokko die Zeit zu geben, die er brauchte. Diesmal werde ich die Geduld haben, die Du damals mit mir hattest!
