Lisa saß an ihrem Schreibtisch und brütete mal wieder über Zahlenreihen und Abrechnungen. Sie merkte gar nicht, dass sich die Tür öffnete und Hanna vor ihr stand. „Lisa?" Hanna grinste. „Hanna, oh, ich hab Dich gar nicht rein kommen hören." Lisa sah sie verwirrt an. „Das habe ich gemerkt. Ich wollte Dir nur sagen, dass ich jetzt gehe und Dir fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch wünschen! Wir sehen uns dann wieder im Januar zum Endspurt!" Lisa stand auf und ging um ihren Schreibtisch herum. „Das wünsch ich dir auch. Danke!" sie lächelte Hanna an. „Na, Dank Dir und Deiner wahnsinnig guten Arbeit in den letzten Monaten, wird das wohl die unstressigste Vorbereitung einer neuen Kollektion, die wir je erlebt haben! Danke!" Hanna nickte, winkte Lisa noch mal zu und ging wieder zur Tür. „Mach Du aber auch bald Feierabend, ja?" Lisa sah auf ihre Uhr und erkannte, dass es schon nach 18 Uhr war. „Oh, ja! Klar. Schöne Feiertage."

Nachdem Hanna die Tür geschlossen hatte, setzte sich Lisa wieder auf ihren Stuhl und sah zum Fenster hinaus. Vereinzelt wirbelten einige Schneeflocken vorbei. Die Chancen auf weiße Weihnachten in zwei Tagen standen gar nicht schlecht. Ob es wohl auf Sylt auch schneit? Sie nahm sich vor, nachher, von zuhause aus, bei Melitta anzurufen. Sie lächelte. Morgen war sie wieder dort. Die Zeit war so schnell vergangen, genauso wie Rokko es ihr beim Abschied gesagt hatte. So schnell kannst Du gar nicht gucken, wie Du wieder hier am Flughafen stehst und mich abholst. Er hatte Recht behalten. Sie hatte überhaupt keine Zeit gehabt, sich Gedanken darüber zu machen, dass die Tage bis Weihnachten nicht vergingen. Manchmal hatte sie so viel zu tun gehabt, dass sie sich gewünscht hätte, ein Tag hätte mehr wie 24 Stunden. Sie hatten viel geschafft in den letzten Monaten, die Kollektion stand, die Vorbereitungen zur Präsentation waren fast vollständig. Lisa war sehr zufrieden mit der kleinen Truppe, die seit noch nicht einmal dreieinhalb Monaten das Herzstück von B-Style bildete. Nebenbei hatte sie noch ihren Umzug aus dem gemeinsamen Haus mit Alex organisiert und ihre neue, gemütliche 3-Zimmerwohnung eingerichtet. Sie hatte ihr Leben wieder im Griff, nur abends wenn sie allein in ihrem Bett lag, dann griff die Einsamkeit wieder nach ihr. Dann flossen die Tränen und die Sehnsucht nach Rokko wurde so stark, dass sie am liebsten, sofort in die nächste Maschine nach Baltimore gestiegen wäre. Doch dann erinnerte sie sich wieder an das Versprechen, dass sie ihm gegeben hatte und verwarf den Gedanken. Morgen würde sie ihn wieder sehen. Sie freute sich darauf, doch auch die Angst schlich sich immer wieder dazu. Sie hatten die ganze Zeit per E-Mail und Telefon den Kontakt gehalten, doch meistens war das Geschäftliche im Vordergrund gestanden. Das wenige, was sie privat gesprochen hatten, hatte sich um Lisas Umzug, ihre Scheidung und ab und an um Melitta gedreht. Lisa wusste nicht, was in Rokko vorging und das bedrückte sie. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis, während sie weiter den Schneeflocken zusah.

Lisa erschrak, als plötzlich das Deckenlicht im Büro angemacht wurde. Sie fuhr herum und sah, wie die Putzfrau den Staubsauger in das Zimmer trug. „Oh, Frau Plenske. Sie sind noch hier? Ich dachte alle wären schon weg." Lisa griff nach einigen Unterlagen und schielte auf die Uhr. Es war kurz vor acht und sie hatte noch viel zu tun, bevor sie morgen früh nach Hamburg fahren würde, um Rokko abzuholen. „Ich wollte gerade gehen." Lisa schnappte sich ihren Mantel und ihre Tasche, wünschte der Putzfrau noch schöne Feiertage und verließ das Gebäude.

In ca. 6500 km Entfernung packte Rokko gerade in seinem Büro in Baltimore seine Sachen zusammen. Sein Flug würde um 20 Uhr von Philadelphia aus starten und er musste zuhause nur noch seinen Koffer holen. Er stand am Fenster und sah hinab in den Hafen. Es regnete und trotzdem drängten sich die Menschen zwischen den Anlegestellen und vor der dort angrenzenden Mall. Er hoffte, dass es in Deutschland schneien würde und freute sich auf weiße Weihnachten. Wie schnell die Zeit vergangen ist. Morgen sehe ich Lisa schon wieder. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. Doch gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass Lisa wahrscheinlich eine Antwort von ihm würde haben wollen und er war sich immer noch nicht sicher, ob er den Sprung ins kalte Wasser noch einmal wagen konnte. Er hatte viel über Lisa nachgedacht in den letzten Monaten, seitdem er wieder zuhause war. Die Mauer um seine Gefühle für sie, hatte einige Löcher bekommen, doch wirklich klar sah er noch immer nicht.

Ein Klopfen an der Bürotür holte ihn aus seinen Gedanken. Er lief zurück zu seinem Schreibtisch. „Come in!" Die Tür öffnete sich und sein Kollege Pete kam herein. Sein Blick ruhte auf einigen Unterlagen, die er in der Hand hielt. „Hey, Rob, I was wondering if you could give me some advice with this." er hielt Rokko die Unterlagen hin. Rokko schmunzelte. "Sorry, Pete. You'll have to find somebody else. My vacation just started about 2 minutes ago. Technically I am not here." Pete sah ihn enttäuscht an, doch dann grinste er. „Oh, right. I remember. Christmas in good old Europe, right?" Rokko lächelte leicht. "Yes, at my grandmother's." Pete legte den Kopf schief und sah ihn fragend an. „Come on, according to the way you smile right now, there must be somebody else as well." Rokko räusperte sich und packte weitere Unterlagen in seine Aktenmappe. „You can't fool me. I know you long enough to tell that there is something else. You've been acting different since you returned from Germany in October. Could it be that you lost your heart over there?" Pete lächelte wissend. Rokko sah weiter auf seinen Schreibtisch. "No, not yet. But maybe I'm in danger of loosing it again." Rokko griff nach seinem Mantel und lief zur Tür. "Merry Christmas, Pete. See you in January! Bye!" Rokko verließ sein Büro. Pete sah ihm nachdenklich nach.

Lisa stand in der Ankunftshalle des Hamburger Flughafens und beobachtete die Tafel, an der die Flüge angezeigt wurden. Sie war viel zu früh da gewesen, da sie, wegen des schlechten Wetters, bereits um halb 7 in Berlin losgefahren war. Während der Herfahrt war sie noch ruhig und voller Vorfreude gewesen, doch mittlerweile wurde sie immer nervöser. Endlich wurde bei Rokkos Flug 'gelandet' angezeigt. Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern, bis die Passagiere heraus kamen. Lisa wurde immer unruhiger. Innerlich schalt sie sich für ihre Nervosität. Was soll das? Es ist doch nur Rokko! Nur Rokko? Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Sie griff nach ihrer Handtasche, um nach einem Bonbon zu suchen. Dabei fielen ihre alle möglichen Dinge entgegen: alte Kassenbons, Papierchen und alte Einkaufszettel, die sie nie wieder brauchen würde. Kurzerhand entschied sich Lisa, ihre Tasche auszumisten und ging dazu an einen der großen Abfallbehälter, die hier überall herumstanden. Sie war so vertieft darin zu entscheiden, welche der Kassenzettel sie wegwerfen konnte und welche besser noch aufbewahrt werden sollten, dass sie gar nicht bemerkte, wie sich hinter ihr der Ausgang öffnete und die ersten Fluggäste herauskamen.

Rokko ging mit seinem Gepäckwagen durch die Schiebetüren in die Ankunftshalle. Er blickte sich um, konnte Lisa aber nirgends entdecken. Um ihn herum begrüßten sich überall Leute oder sahen, wie er suchend in die Menge. Er versuchte sich einen Weg aus den Wartenden zu bahnen, um einen besseren Überblick zu bekommen. Plötzlich sah er, etwas abseits, eine Frau mit blonden Haaren an einem Mülleimer stehen. Sie stand zwar mit dem Rücken zu ihm, doch er war sich sicher, dass es Lisa war. Er musste sich eingestehen, dass er sie überall erkennen würde. Plötzlich überkam ihn die Nervosität, die er die ganze Zeit so gut unterdrückt hatte. Langsam schob er den Wagen in ihre Richtung.

„Hallo Lisa!" sie fuhr herum und sah in Rokkos grinsendes Gesicht. Ohne zu überlegen und auch nur einen weiteren Gedanken an ihre Aufregung zu verschwenden, lief sie auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. Erst als sie merkte, dass sich seine Arme um sie legten, wurde ihr bewusst, wie diese Reaktion auf ihn wirken konnte. Schneller als beabsichtigt, machte sie sich von ihm los. „Hallo, Rokko!" sie sah ihn nicht direkt an. „Wie war Dein Flug?" Rokko lächelte. Das war Lisa, wie er sie kannte. Und vermisst habe? Er schob den Gedanken schnell weg. „Gut! Und die Herfahrt? Hier schneit es ja wenigstens." Er deutete mit dem Kopf zu den großen Fenstern, hinter denen vereinzelte Schneeflocken herabfielen. „Ja, und es soll bis morgen noch mehr werden. Sollen wir hier noch einen Kaffee trinken, oder willst Du los?" Sie sah ihn immer noch nicht an und kramte in ihrer Handtasche. Rokko legte den Kopf schief und sah sie schmunzelnd an. „Zuerst will ich jetzt mal, dass Du mich anschaust." Lisa hob den Blick von ihrer Handtasche, sah ihn fragend an und wurde leicht rot. „'tschuldigung! Ich, ….äh, ich wollte…es tut mir leid. Ich hätte Dich nicht..." sie brach ab und sah wieder zu Boden. „Hey, es ist doch ok, wenn Du Dich freust, mich wieder zu sehen. Ich tu's doch auch!" Endlich sah ihn Lisa an und lächelte. „Schon besser." er grinste. „Aber jetzt sollten wir wirklich losfahren. Erstens bin ich hundemüde und zweitens kommt es draußen jetzt ziemlich runter und wir haben noch ein schönes Stückchen vor uns." Lisa folgte seinem Blick nach draußen, wo die Schneeflocken jetzt dicht vom Himmel fielen. „Oh, gut, dann sollten wir wirklich gehen." Rokko nickte gähnend und sie verließen die Halle in Richtung Parkhaus.

Das Wetter wurde nicht besser und Lisa musste sich sehr auf das Fahren konzentrieren. Das und Rokkos Müdigkeit führten dazu, dass sie nur sehr wenig miteinander sprachen. Als sie nach über drei Stunden Fahrt schließlich Niebüll erreichten, um von dort aus mit dem Autozug nach Sylt zu kommen, war Rokko eingeschlafen. Lisa parkte das Auto und ging in das Bahnhofsgebäude um das Ticket zu holen. Der nächste Zug würde in einer halben Stunde abfahren. Sie ging wieder zum Auto, wo Rokko immer noch friedlich schlief. Lächelnd beobachtete sie ihn eine Weile. Plötzlich stiegen Bilder vor ihr auf. Bilder von der einzigen Nacht, die sie mit Rokko verbracht hatte. Auch damals hatte sie ihm, morgens, bevor der Anruf ihres Vaters dazwischenkam, beim schlafen zugesehen. Der Wunsch das öfter tun zu können wurde größer und mit ihm auch die Angst in Lisa, wieder einen Fehler zu machen, der dazu führen konnte, dass sie ihn erneut verlor. Sie seufzte leise und startete den Motor, um langsam zur Verladerampe zu fahren.

Rokko war auch während der Überfahrt nicht aufgewacht. Er schlief auch noch als sie bei Melitta vor dem Haus hielten. Lisa stellte den Motor ab und sah zu ihm hinüber. Sie brachte es fast nicht fertig ihn zu wecken. Ganz sanft stupste sie ihn in den Oberarm. „Rokko, aufwachen. Wir sind da!" Langsam öffnete er die Augen und sah sie verschlafen an. Lisa musste schmunzeln und wieder drängten sich die Gedanken von vorhin in den Vordergrund. Sie schob sie schnell beiseite und lächelte Rokko weiter an. „He, Du Schlafmütze! Du hast die halbe Fahrt verschlafen." Rokko sah sie zerknittert an. „Oh, das tut mir leid." Er gähnte und Lisa stieg lachend aus dem Auto aus. „Ich denke, Du solltest besser drinnen weiterschlafen!" Als Lisa den Kofferraum öffnete, hörte sie bereits Melittas Stimme im Vorgarten. „Da seid ihr ja endlich!" Rokko war jetzt ebenfalls ausgestiegen und nahm Lisa seinen Koffer ab. „Bis morgen bin ich wach. Versprochen!" er lächelte ihr müde zu. „Na, mal abwarten." Sie zwinkerte ihm zu. Zusammen gingen sie zum Tor und begrüßten Melitta, die Lisa gleich zum Kaffe trinken herein bitten wollte. Doch Lisa lehnte dankend ab. Sie wollte in ihrem Haus nach dem rechten sehen. Sie winkte den beiden noch mal zu und stieg wieder in ihr Auto. Sie machte das Radio an. Es lief gerade „Jingle Bells". Lisa sang laut mit und freute sich auf die nächsten Tage.