Als Rokko am nächsten Morgen die Treppe herunter kam, sah er seine Oma auf einer Leiter balancieren, um etwas, das er nicht richtig sehen konnte, über der Eingangstür zu befestigen.
„Guten Morgen! Kannst Du mit so was nicht warten? Mann sollte meinen, der eine Beinbruch vor Jahren hätte Dir gereicht!" er stand jetzt unter der Leiter und sah lachend nach oben. Melitta sah verschreckt zu ihm hinunter und versteckte das, was sie gerade noch hatte befestigen wollen, hinter ihrem Rücken. „Erschreck mich doch nicht so. Wegen Dir wäre ich jetzt fast runter gefallen." Sie sah ihn vorwurfsvoll an, doch eigentlich war sie viel zu froh, dass er diesmal sein Versprechen wahr gemacht hatte und wirklich zu Weihnachten hergekommen war. Wobei sie sich ziemlich sicher war, dass das Lisas Verdienst war und nicht ihrer. Der Vorwurf verschwand aus ihren Zügen und sie lächelte Rokko an. „Guten Morgen! Hast Du gut geschlafen?" Rokko grinste, denn Melitta versuchte nun von der Leiter zu steigen, ohne dass Rokko sah, was sie in ihrer Hand hatte. „Ja, Danke. Was hast Du denn da?" Melitta spielte die Unschuldige. „Was meinst Du denn? Ich hab nur ein paar Spinnweben weg gemacht." Sie war am Fuß der Leiter angekommen und ihre Hand verschwand sofort wieder hinter ihrem Rücken. „Oma, ich glaub Dir kein Wort. Ich kann nur hoffen, dass das kein Mistelzweig ist. Das fände ich nicht komisch!" Melitta streckte ihm resignierend ihre Hand hin. Darauf lag, wie Rokko richtig vermutet hatte, ein Mistelzweig. „Aber das gehört doch zu Weihnachten dazu." Kam es leicht beleidigt von ihr. „Ja, aber ich weiß genau, was Du damit beabsichtigst und das finde ich nicht fair." Rokko war etwas aufgebracht und ging in die Küche. Melitta folgte ihm. Rokko schenkte sich Kaffee ein und stellte sich ans Fenster. Über Nacht hatte es aufgehört zu schneien, doch die ganze Nachbarschaft sah aus, als ob jemand sie mit Puderzucker bestäubt hatte. Im Hintergrund klangen Weihnachtslieder aus dem Radio. Melitta war hinter ihn getreten und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Es tut mir leid. Ich wollte halt ein wenig nachhelfen." Sie lächelte schief. „Lisa liebt Dich noch immer. Hast Du das noch…." „Ich weiß." Rokko unterbrach sie. „Sie hat es mir gesagt, bevor ich im Oktober wieder nach hause geflogen bin." Er starrte nach wie vor aus dem Fenster. „Ich hab sie um Zeit gebeten. Die will sie mir geben." Seufzend drehte er sich um und setzte sich an den Tisch. Melitta nahm ihm gegenüber Platz. „Und?" sie sah ihn fragend an. „Nichts und! Woher weißt du das eigentlich. Hat Lisa es Dir gesagt?" er fixierte seinen Kaffeebecher, den er in den Händen drehte. „Nein, hat sie nicht. Aber ich hab das gespürt. Man braucht sie nur mal ein bisschen beobachten, dann weiß man es. Nur bei Dir, da sehe ich nur eine Mauer, die Du so hoch um Dich rumgebaut hast, dass Du selbst nicht mehr drüber schauen kannst." Rokko stellte seine Tasse auf den Tisch und sah seine Oma ungläubig an. Langsam nickte er. „Du hast Recht." Es war nicht mehr als ein Flüstern. „Ich will diese Mauer nicht, aber jedes mal wenn ich versuche herauszufinden, ob ich mehr für Lisa fühle, als Freundschaft, ist sie da und mit ihr die Erinnerung an den schlimmsten Tag meines Lebens." Er vergrub das Gesicht in seinen Händen. „Das ist er immer noch? Der schlimmste Tag deines Lebens?" Rokko nickte leicht. „Dann fühlst Du auch noch mehr für Lisa. Und diese Mauer baust Du auf, weil Du Angst davor hast, das zuzugeben und nicht aus Angst wieder verletzt zu werden." Rokko starrte immer noch auf den Tisch. „Ist es nicht egal, warum ich Angst habe?" Melitta lächelte. „Also ich würde lieber eine Mauer einreißen, die mich von der Liebe fernhält, als eine die mich vor Schmerz bewahrt." Damit stand sie auf und begann in der Küche zu werkeln. Rokko trank einen Schluck seines, mittlerweile kalten, Kaffees und erhob sich dann ebenfalls. „Ich stell mal den Baum auf!" er verließ die Küche. Melitta lächelte kurz und widmete sich dann wieder ihren Vorbereitungen für das Abendessen.

Am frühen Nachmittag erschien Lisa. Sie begrüßte Rokko kurz und verschwand dann zu Melitta in die Küche, um ihr beim Kochen zu helfen. Doch Melitta verscheuchte sie recht schnell wieder. „Nee, Kindchen, gehen sie mal Rokko beim Baum schmücken helfen. Beim kochen hab ich meine eigene Ordnung, da kann ich niemanden brauchen." Lachend ging Lisa hinüber ins Wohnzimmer, wo Rokko gerade die erste Lichterkette am Baum anbrachte. „Deine Oma kann mich beim kochen nicht gebrauchen. Kann ich Dir vielleicht helfen?" sie blieb in der Tür stehen. Rokko sah zu ihr hinüber und lächelte. „Hmm, ich bräuchte noch jemand, der mir die zweite Lichterkette entwirrt." Lisa ging zum Tisch, auf dem dutzende von Schachteln mit Weihnachtsschmuck lagen, griff nach der Lichterkette und setzte sich aufs Sofa. Eine Weile wurschtelten sie beide schweigend vor sich hin. Als Lisa die Lichter entwirrt hatte, stand sie auf und brachte sie Rokko, der gerade die letzte Lampe am Baum befestigte. „Perfektes Timing!" er lachte. „Ja, wir sind schon ein gutes Team." Lisa lächelte, doch das Lächeln verschwand, als ihr die Bedeutung dieses Satzes bewusst wurde. „Ähm, ich meine geschäftlich und beim Weihnachtsbaum schmücken." Sie schielte zu Rokko, der auf seine Hände blickte. „Ja!" er begann auch die zweite Kette am Baum anzubringen. Lisa blieb neben ihm stehen. „Danke!" Rokko sah sie fragend an. „Ich wollte mich gestern schon bei Dir für die weitere Hilfe für B-Style bedanken. Aber dann bist Du eingeschlafen." Sie lächelte wieder. „Danke, Rokko! Ohne Dich wären wir noch lange nicht so weit!" Rokko erwiderte ihr Lächeln. „Gern geschehen. Ich hab es doch gern gemacht. Es hat Spaß gemacht wieder mit Dir zu arbeiten." Er befestigte weiter die Lampen am Baum. Lisa ging zum Tisch und öffnete die Schachteln mit den Christbaumkugeln. „Wir können mit schmücken anfangen." Rokko war neben sie getreten und griff nach der Schachtel, die Lisa gerade in der Hand hielt. Ganz kurz berührten sich ihre Hände, bevor Lisa den Karton los ließ. Sie sah zu Boden und spürte, dass sie rot wurde. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Rokko die Schachtel wieder auf den Tisch stellte und dann einen Schritt auf sie zuging. Lisa spürte seine Hand an ihrem Kinn, die sie sanft zwang ihn anzusehen. „Ich hab Dich vermisst, Lisa." Sie wusste nicht was sie sagen sollte. Langsam bildete sich ein Lächeln auf Lisas Gesicht. Rokko blickte ihr direkt in die Augen. „Ich Dich auch!" murmelte sie. „Lisa! Können sie mal schnell kommen?" Melittas Rufen aus der Küche, holte Lisa wieder in die Wirklichkeit. Sie wich einen Schritt zurück, drehte sich um und flüchtete fast in die Küche. Rokko ließ sich langsam auf einen Sessel sinken und vergrub sein Gesicht in den Händen. Er hatte förmlich sehen können, wie weitere Steine aus der Mauer gefallen waren, als er Lisa gesagt hatte, dass er sie vermisst hatte. Doch noch immer konnte er nicht sehen, was dahinter lag. Und wieder stieg der Zweifel in ihm auf. Was wenn ich doch nur wieder eine Enttäuschung finde? Stehe ich das noch mal durch? Und genauso schnell, wie sie vorhin löcheriger geworden war, baute der Zweifel die Mauer wieder ein Stück höher, denn noch war die Angst größer als die Hoffnung.

Er hörte die Küchentür zufallen und Schritte im Flur. Schnell sprang er auf, griff sich irgendeinen Karton mit Baumschmuck und begann wahllos die Kugeln aufzuhängen. Lisa trat wieder ins Wohnzimmer, lächelte ihm zu und begann dann ebenfalls den Baum zu schmücken. Beide erwähnten das Geschehene nicht mehr. Rokko war froh darüber und Lisa, die zunächst voller Hoffnung gewesen war, erinnerte sich wieder an ihr Versprechen und schwieg.

Weihnachten und die Tage bis zum Jahreswechsel vergingen schnell. Lisa verbrachte fast die ganze Zeit bei Melitta und Rokko. Sie hatte einige Unterlagen für die Präsentation im Februar mitgebracht und zusammen mit Rokko verpassten sie den Vorbereitungen den letzten Schliff.
Da Lisa die gesamten Feiertage bei Melitta verbracht hatte, wollte sie sich zu Silvester revanchieren und lud die beiden zu sich nach Hause ein. Sie verbrachten einen lustigen Abend, aßen Raclette und spielten Karten, bis Melitta ein Set Bleigießen aus ihrer Tasche holte. „Na, wie wär's damit?" schmunzelnd legte sie den Karton auf den Tisch und holte auch noch ein Deutungsbuch aus ihrer Tasche. Lisa blickte etwas irritiert vom Tisch zu Melitta und dann zu Rokko, der grinste. „Au ja!" er griff nach dem Set und packte den Löffel und die Bleifiguren aus. „Hast Du irgendwo eine Schüssel?" er stand auf, ging zum Sideboard und holte eine der Kerzen, die dort standen, zum Tisch. „Ich hol eine." Lisa stand auf und lief in die Küche. Dort lehnte sie sich gegen den Tresen und seufzte tief. Sollte sie das wirklich mit machen? Seit Jahren schon hatte sie sich um das Bleigießen an Silvester herumgedrückt, da sie immer noch abergläubisch genug war und an die Bedeutungen glaubte. Und was wenn sie irgendeine Figur goss, die missverständlich zu deuten war. Sie schloss die Augen und überlegte fieberhaft, wie sie sich auch dieses Mal wieder davor drücken konnte. Doch dann sah sie Rokkos grinsendes Gesicht vor sich. Er hatte sich so gefreut, als seine Oma das Set ausgepackt hatte. Und sicher glaubt er überhaupt nicht daran! Sie schlug die Augen wieder auf. Sie würde mitmachen.
„Lisa?" Alles ok?" Rokkos Rufen riss sie aus ihren Gedanken. „Ja, ich bin gleich wieder da!" sie ging zum Schrank, holte eine Schüssel heraus und füllte sie mit Wasser.

Als sie wieder ins Esszimmer kam, hatte Rokko schon alles vorbereitet; die Kerze brannte und er hatte je zwei Figuren an alle verteilt. Melitta begann und goss eine Brille und einen Becher. Rokko griff nach dem Deutungsbuch, suchte die beiden Begriffe heraus und begann zu lesen. „Also, der Becher bedeutet Glück und Gesundheit und die Brille, dass Du sehr alt werden wirst!" er grinste seine Oma an. „Na, noch älter kann man ja wohl kaum werden!" Melitta lachte und reichte Lisa den Löffel. Zaghaft griff Lisa danach und sah Melitta an, die ihr aufmunternd zunickte. Die erste Figur wurde nach längerem hin und her als Stock identifiziert. Melitta blätterte im Buch nach der Bedeutung und las schmunzelnd vor: „Dein Leben verändert sich!" Lisa drehte den Löffel in ihren Händen. „Na, toll. Veränderung hatte ich im alten Jahr eigentlich schon genug." Melitta legte ihr die Hand auf den Arm. „Nehmen sie das doch nicht so ernst, Lisa! Sehen sie es einfach als Denkanstoss." Lisa lächelte sie an und nickte, bevor sie die nächste Figur über die Flamme hielt. Diesmal war die Identifizierung einfacher. „Das kann nur ein Stein oder eine Mauer sein." Melitta blätterte schon wieder nach der Bedeutung, doch aus den Augenwinkeln beobachtete sie ihren Enkel, der bei dem Wort Mauer leicht zusammengezuckt war. „Deine Ausdauer zahlt sich aus!" Melitta hatte die Bedeutung gefunden. „Ausdauer und Veränderung? Wie soll denn das zusammenpassen?" Lisa hatte die beiden Bleifiguren auf ihre Handfläche gelegt und betrachtete sie nachdenklich. Melitta sah zu Rokko, der seine Fassung wohl wieder gefunden hatte. „Na, ich denke, dass damit B-Style gemeint ist. Deine Ausdauer bei der Präsentation wird sich auszahlen und dadurch kommt die Veränderung." Er lächelte Lisa an, die, immer noch in Gedanken, nickte und die Figuren langsam auf den Tisch fallen ließ. „Ach, ich messe dem viel zu viel Bedeutung zu! So, Du bist dran!" schmunzelnd gab sie den Löffel an Rokko weiter. Bei Rokkos erster Figur gab es keinen Zweifel, es war ein Tor. „Du wirst Deinen Wohnort wechseln." Melitta sah Rokko gespannt an. „Kann es sein, dass es Dich wieder nach hause zieht?" Rokko verzog das Gesicht und schielte zu Lisa, die ihn ebenfalls neugierig ansah. „Na, wenn da was dran sein sollte, an dieser in die Zukunft Guckerei, dann wird es wohl eher so sein, dass ich in den USA umziehe. Ich habe ein Angebot in Boston. Ich habe noch nichts gesagt, weil sich das erst im Januar entscheiden wird." Sowohl Lisa als auch Melitta blickten enttäuscht. In Lisa war kurz die Hoffnung aufgekeimt, dass Rokko möglicherweise wieder nach Deutschland ziehen könnte, doch seine Erklärung ließ diese Hoffnung wieder, wie ein Kartenhaus, zusammenbrechen. „Ja, wenn Du dort glücklich bist, dann muss ich damit wohl leben, dass ich Dich weiterhin nicht so oft zu sehen bekomme." Melitta lächelte traurig. „Du bist doch mein Lieblingsenkel, Rokko!" sie fuhr ihm durch die Haare. „Na, das werde ich mal meiner Cousine erzählen, wenn ich wieder mit ihr telefoniere." Er grinste schief und griff nach dem letzten Bleistück. Auch dieses Mal war es leicht zu erkennen. „Die Fahne bedeutet, dass Dein Kopf und Dein Herz unterschiedlicher Meinung sind." Melitta blickte Rokko über den Rand des Buches an. Rokko drehte die Fahne, die er gerade gegossen hatte, zwischen seinen Fingern. Melitta ließ das Buch auf den Tisch sinken und sah zu Lisa, die Rokko erwartungsvoll beobachtete. Er hob den Kopf und sein Blick traf sich mit Lisas. Er brach den Blickkontakt wieder und konzentrierte sich erneut auf die kleine Figur in seinen Händen, die er mit einer resignierenden Bewegung in die wassergefüllte Schüssel fallen ließ. „Ach, das ist doch alles Quatsch!" sein Blick fiel auf die Uhr, die hinter Lisa an der Wand hing. „Oh, es wird Zeit den Sekt auf zumachen. In 10 Minuten beginnt das neue Jahr."

Nachdem sie um 12 Uhr angestoßen hatte und sich gegenseitig ein gutes neues Jahr gewünscht hatten, schlug Rokko vor, nach draußen zu gehen und das Feuerwerk anzusehen. „Geht ihr beiden Mal, ich bleibe hier, wenn das ok ist, Lisa. So lange in der Kälte stehen, nee, das ist nix mehr für mich." Melitta lächelte die beiden an. „Ja, klar. Machen sie es sich bequem, Melitta. Wir bleiben auch nicht lange. Oder?" Lisa blickte fragend zu Rokko. „Nein, aber Silvester ohne ein paar Raketen, das geht nicht." Er ging grinsend in den Flur und holte seinen und Lisas Mantel. Melitta erhob sich und sah den beiden nach, wie sie durch den Garten, in Richtung Strand, verschwanden. Eine Weile stand sie noch im Türrahmen und sah in den Himmel, der bereits von einzelnen Raketen erhellt wurde, bevor sie fröstelnd die Tür schloss und sich wieder an den Tisch setzte. Dort ließ sie den Blick über die Bleifiguren schweifen und hoffte, dass vielleicht ein Funken Wahrheit in deren Bedeutungen steckte.