Lisa und Rokko liefen über den verschneiten Strand zu dem Steg, an dem Lisa Rokko im Oktober ihr Versprechen gegeben hatte, ihm Zeit zu geben. Sie stellten sich ganz nach vorn an das Geländer und betrachteten schweigend das Feuerwerk, das von zahlreichen Schiffen, am Hafen, abgefeuert wurde. Minutenlang wurde der nachtschwarze Himmel in die schillernsten Farben getaucht. Langsam wurden die Raketen weniger und schließlich hatte sich der Rauch verzogen und der sternklare Himmel war wieder zu sehen.
Stumm blickten beide zum Himmel und hingen ihren Gedanken nach. „Alles Gute im neuen Jahr, Lisa." Rokko zerschnitt die Stille und sah Lisa lächelnd an. Lisa wandte sich ihm zu. „Das wünsche ich Dir auch!" sie umarmten sich. „Ich wünsche Dir, dass alle Deine Träume in Erfüllung gehen." Seine Worte waren nur ein Flüstern. Lisa löste sich etwas aus seinen Armen und sah ihm in die Augen. Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Lisa konnte seinen warmen Atem auf ihren Wangen spüren und seine Arme hielten sie immer noch fest. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Als Lisa sie wieder öffnete, sah sie wieder genau in Rokkos dunkle Augen und Sekunden später trafen sich ihr Lippen zu einem zarten Kuss. Lisas Knie wurden weich und sie hielt sich, wie eine Ertrinkende, an Rokko fest. Sie hatte nur einen Gedanken: Bitte lass diesen Moment nie zu Ende gehen! Der Kuss, der ganz sanft begonnen hatte, wurde intensiver und Rokko zog Lisa näher an sich. Er genoss es Lisa in seinen Armen zu halten und spürte, wie sich die Mauer in seinem Innern langsam aufzulösen begann. All die Erinnerungen an die kurze Zeit, damals mit Lisa, drängten sich in sein Bewusstsein. Und plötzlich war da wieder das Bild, vor seinem inneren Auge, als Lisa ihm den Verlobungsring zurückgegeben hatte und seine Welt zusammengebrochen war. Auch der Schmerz von damals kehrte zurück.
Er löste sich ruckartig von Lisa. Sie sah ihn erschrocken an. Rokko seufzte schwer und versuchte das Gefühlschaos in sich zu beruhigen. Die Mauer war wieder da, stärker und stabiler, als je zuvor, doch der Schmerz blieb. Er sah zu Lisa. Sie sah kurz den Schmerz in seinen Augen, bevor er sich umdrehte und schnell davon lief. Lisa blieb geschockt stehen. Sie blickte ihm nach, unfähig sich zu bewegen. Erst als er nicht mehr zu sehen war, ließ sie sich gegen das Geländer fallen und rutschte daran zu Boden. Heiße Tränen liefen ihr geräuschlos über das Gesicht. Sie spürte es nicht, sie fühlte nichts mehr, außer der Schuld, die sich wieder zentnerschwer auf ihr Herz legte.
Lisa wusste nicht, wie lange sie dort gesessen und ins Nichts gestarrt hatte. Erst als sie langsam die Kälte wahrnahm, die durch ihre Kleider drang, erhob sie sich und ging nach hause.
Im Wohnzimmer fand sie Melitta, schlafend, auf der Couch vor. Lisa blickte auf die Uhr, es war kurz nach drei. Am liebsten hätte sie Melitta schlafen lassen und wäre selbst auch ins Bett gegangen. Sie wollte jetzt nicht reden. Aber sie wusste auch, dass an schlafen sowieso nicht zu denken war und für Melitta war eine Nacht auf der Couch auch nicht das beste. So ging sie zu Melitta hinüber und weckte sie vorsichtig. „Ach, da seid ihr ja endlich!" Melitta gähnte und setzte sich auf. Als sie Lisas verweinte Augen sah, war ihr sofort klar, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie sah sich im Raum um. „Wo ist Rokko? Was ist passiert, Kindchen?" Sie griff nach Lisas Hand und zog sie zu sich auf die Couch. Lisa konnte Melitta nicht ansehen. Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Melitta rutschte neben sie und legte ihr den Arm um die Schulter. „Ich kann ihnen das nicht sagen." Lisa begann wieder zu weinen. Melitta zog sie in ihre Arme, strich ihr tröstend über den Rücken und ließ sie erstmal weinen. Irgendwann waren die Tränen versiegt. „Erzählen sie mir bitte was passiert ist, Lisa. Es wird Ihnen gut tun. Bitte!" Sie holte tief Luft und begann stockend, Melitta das Geschehene, zu erzählen.
„Ich wollte ihm doch Zeit geben. Aber stattdessen hab ich alles falsch gemacht." Lisa saß wie ein Häufchen Elend auf der Couch und starrte zu Boden. „Sie sind Ihren Gefühlen gefolgt, Lisa. Ich kann darin nichts Falsches sehen." Lisa löste ihren Blick vom Boden und sah Melitta an. Sie lächelte. „Aber, Rokko…" Melitta unterbrach sie. „Rokko hat Angst. Mehr Angst, als sie sich vorstellen können. Das was damals passiert ist, ihre geplatzte Hochzeit…es ist für Rokko immer noch der schlimmste Tag in seinem Leben." Melitta blickte ernst zu Lisa, die sich resignierend gegen die Rücklehne der Couch fallen ließ. „Aber er hat mir doch verziehen. Das hat er mir selbst gesagt." Sie sah verzweifelt zu Melitta. „Ich bin mir sicher, dass das auch wahr ist, Lisa. Er schützt sich selbst, weil er seinen Gefühlen nicht trauen kann. Lassen sie ihm noch Zeit und geben sie die Hoffnung nicht auf." Melitta lächelte Lisa jetzt wieder aufmunternd zu. Auch Lisa versuchte ein Lächeln, aber wirklich gelingen wollte es ihr nicht. Schließlich stand sie auf und sah Melitta dankbar an. „Ich fahre sie jetzt nach hause. Danke, dass sie mir zugehört haben. Das reden hat ein bisschen geholfen."
Rokko war nach hause gelaufen und lag seit Stunden wach auf seinem Bett. Er fühlte sich mies. Er wusste, dass Lisa alle Schuld bei sich suchen würde und das war falsch. Auch er hatte diesen Kuss zu verantworten. Sein Herz begann schneller zu schlagen, als er daran zurückdachte. Es hatte sich richtig angefühlt. Wenn er doch nur die Erinnerungen abschalten könnte. Sein Verstand sagte ihm, dass Lisa ihm nie wieder so wehtun würde. Doch die Angst in seinem Herzen war zu groß, als dass momentan ein anderes Gefühl darin Platz gehabt hätte. Er starrte an die dunkle Zimmerdecke und wünschte sich diesen Abend vergessen zu können. Plötzlich hörte er ein Auto, dass vor dem Haus hielt. Er stand auf und ging zum Fenster. Er sah, wie Lisa und seine Oma ausstiegen. Lisa begleitete Melitta noch zur Tür und sie umarmten sich zum Abschied. Melitta ging ins Haus und Lisa lief zurück zu ihrem Auto. Auf halbem Weg zum Gartentor blieb sie stehen und sah zurück zum Haus. Sie stand noch im Lichtkegel der Türbeleuchtung und Rokko konnte ihr Gesicht sehen. Ihre Augen waren immer noch vom Weinen gerötet. Er wusste, dass er die Schuld an diesen Tränen trug. Er seufzte tief und schloss kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete stand Lisa immer noch da. Jetzt blickte sie direkt zu seinem Fenster herauf. Ihr Blick traf ihn mitten ins Herz. Die Traurigkeit lag wieder über ihren Augen. Dieser Anblick schmerzte ihn mehr, als die Erinnerung an sein eigenes Leid. Eine Träne löste sich aus seinem Augenwinkel, während er immer noch zu Lisa hinab sah. Sie löste ihren Blick von dem Fenster und verließ den Garten. Rokko sah ihr nach. „Es tut mir leid, Lisa. Bitte verzeih mir!"
