Es war Mitte Februar, weit nach Mitternacht und Lisa saß in ihrer Wohnung und dachte über den Tag nach, der hinter ihr lag. Heute hatten sie die neue Kollektion präsentiert. Alles war phantastisch gelaufen und ein voller Erfolg gewesen. Lisa konnte immer noch nicht glauben, dass sie es geschafft hatten. Sie hatte sich schon vor Stunden von der Party verabschiedet, war ein wenig durch das nächtliche Berlin gelaufen und saß jetzt schon eine Weile hier am Fenster und versuchte, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Die letzten fünf Monate liefen wie in einem Film vor ihrem Auge ab. Alles hatte mit Rokkos Idee angefangen. Rokko….Da war wieder der Gedanke an ihn. Sie hatte es seit Silvester recht gut geschafft, ihn aus ihren Gedanken zu verbannen. Seit dem Kuss in der Neujahrsnacht, hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Sie war am nächsten Tag nach Berlin zurückgefahren. Zu groß war ihre Angst ihn zufällig auf Sylt zu treffen. Sie hätte nicht gewusst, was sie ihm hätte sagen sollen. Er wusste, dass sie ihn liebte und sie konnte sich nicht weiter für ihre Gefühle entschuldigen. So fuhr sie nach hause und stürzte sich in ihre Arbeit. Eine Weile hoffte sie noch darauf, dass Rokko sich melden würde, doch außer den seltenen Geschäftsmails kam nichts. Doch auch diese gab sie an ihre PR-Chefin weiter. Einerseits war sie von Rokkos Reaktion enttäuscht, doch andererseits sagte sie sich auch immer wieder, dass sie ja selbst die Schuld daran trug. Sie blickte hinauf in den sternklaren Himmel. Und wieder habe ich ihn aus meinem Leben getrieben. Diesmal wohl für immer. Wieder dachte sie an den vergangenen Abend und ihr wurde nochmals bewusst, dass sie diesen Erfolg zu einem großen Teil Rokko zu verdanken hatte. Ohne ihn würde sie wahrscheinlich noch immer untätig zuhause sitzen und darauf warten, dass Kim ihre Meinung zu ihrer Rückkehr zu Kerima ändern würde. Dafür würde sie ihm ewig dankbar sein. Und das sollte er auch wissen. Entschlossen stand Lisa auf und ging zum Telefon. Sie griff nach dem Mobilteil und wählte Rokkos Nummer in Baltimore. Beim ersten Tuten fing ihr Herz schneller an zu klopfen und am liebsten hätte sie wieder aufgelegt, doch dann hörte sie Rokkos Stimme in der Leitung. „Hello!" Sie schloss die Augen und holte tief Luft.
Rokko saß in seiner Küche. Er war gerade erst nach hause gekommen und öffnete seine Post. Darunter war auch ein recht dicker Umschlag von seiner Oma. Neugierig riss er ihn auf und hielt einen Stapel Bilder und einen Brief in der Hand. Er überflog die Zeilen seiner Oma während er ins Wohnzimmer lief. Im vorbeigehen schaltete er das Radio ein, bevor er sich auf der Couch niederließ und begann sich die Photos anzusehen. Es waren alles Bilder von Weihnachten und auf fast jedem war Lisa zu sehen. Er seufzte tief. Das was an Silvester passiert war, beschäftigte ihn noch immer und er fühlte sich schuldig, weil er bisher noch nicht wieder das Gespräch mit Lisa gesucht hatte. Am 1. Januar war er, auch auf Drängen seiner Oma, zu ihr gefahren, doch sie war bereits weg gewesen. Ein Teil von ihm hatte damals mit Erleichterung reagiert, denn er hätte ihr die Wahrheit sagen müssen und das hätte er wahrscheinlich nicht fertig gebracht. Mittlerweile dachte er anders darüber. Je mehr Zeit verstrich, desto schwerer fiel es ihm den ersten Schritt zu tun. Er hatte gehofft, dass über die Emails, die er wegen der Präsentation an Lisa schickte, wieder der Kontakt zurückkommen würde, doch zu seiner Enttäuschung wurden diese nur noch von Lisas PR-Chefin beantwortet. Er wusste dass die Präsentation heute stattgefunden hatte und er hatte sich den ganzen Tag über dabei erwischt, wie er darüber nachdachte, ob alles klappte. Lisa war heute in seinen Gedanken sehr präsent gewesen und dann kamen auch noch diese Photos. Er lehnte sich auf der Couch zurück und schloss kurz die Augen. Eine Bewegung neben ihm, ließ ihn leicht zusammenfahren und er sah sich um. Gipsy, sein rot-weißer Kater war zu ihm auch das Sofa gesprungen und kletterte jetzt auf seinen Schoß. Gipsy schnupperte an den Bildern und sah sich das, was auf dem Stapel in Rokkos Hand ganz oben lag, interessiert an. Dann blickte er zu Rokko, der ihm mit seiner freien Hand über den Rücken strich und maunzte, bevor er seinen Kopf wieder an das Bild drückte. Rokko nahm die Hand weg und sah auf das Bild, das Gipsy so neugierig begutachtet hatte. Es zeigte Lisa auf einem ihrer Spaziergänge an den Weihnachtsfeiertagen. Sie hatten sich gerade eine kleine Schneeballschlacht geliefert und Lisa lachte mit geröteten Wangen und strahlenden Augen in die Kamera. Wieder, wie so oft in den letzten Wochen hatte Rokko das Bild von Lisa in der Neujahrsnacht, als sie zu seinem Zimmer hinaufgesehen hatte, vor Augen. Die Erinnerung daran tat ihm immer noch weh. Nie wieder hatte er diese Traurigkeit darin sehen wollen und doch hatte er sie wieder zugelassen. Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken. Er nahm es vom Tisch und ohne auf das Display zu schauen hob er ab. „Hello!" „Hallo, Rokko! Ich bin's Lisa." Rokko ließ sich überrascht zurück auf das Sofa sinken. „Hallo, Lisa!" Mehr konnte er nicht sagen. Seine Kehle war wie zugeschnürt. „Hoffentlich hab ich Dich nicht geweckt. Ich hab gar nicht auf die Uhr gesehen." Lisa klang nervöser, als ihr selbst recht war. Dies sollte die Sache beenden und nicht wieder von vorne anfangen lassen. „Nein, ich bin eben erst nach hause gekommen. Wie….wie geht es Dir?" Rokko hatte seine Stimme wieder gefunden. „Gut, Danke! Ich wollte Dir nur schnell sagen, dass die Präsentation heute phantastisch gelaufen ist. Alles hat geklappt." Rokko hatte Mühe sich auf Lisas Worte zu konzentrieren. Sein Hals war wieder in Ordnung, dafür klopfte sein Herz viel zu schnell. „Das freut mich! Das freut mich wirklich." Er konnte hören, dass Lisa lächelte. „Danke! Das ist auch der Grund warum ich anrufe, denn ohne Dich wäre das alles nie zustande gekommen. Es war Deine Idee mit B-Style und dafür bin ich Dir sehr dankbar. Ich wollte nur, dass Du das weißt." Lisa hätte gerne aufgelegt, sie hatte das gesagt, was sie hatte sagen wollen. „Ich hatte vielleicht die Idee, aber geschafft hast Du das ganz allein, Lisa. Vergiss das nicht!" Auch Rokko lächelte jetzt. „Nein, das werd ich nicht. Ich wünsch Dir alles Gute, Rokko!" Bevor Rokko noch etwas sagen konnte, hatte Lisa aufgelegt.
Rokko sah auf das Telefon in seiner Hand. Das klang wie ein Abschied! Der Gedanke traf ihn wie ein Schock. Er starrte weiter auf das Telefon und dann wieder auf das Bild, das er immer noch in seiner anderen Hand hielt. Gibsy, der die ganze Zeit neben ihm gesessen hatte, kam wieder näher und drückte seinen Kopf erneut an das Bild mit Lisa. Rokko sah ihn an. „You like her?" der Kater sah ihn an und maunzte. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. „Me, too!" er nahm Gipsy, setze ihn auf seinen Schoß und strich ihm gedankenverloren übers Fell und flüsterte mehr zu sich selbst „Nein, mehr als das!" Im Hintergrund lief immer noch das Radio.
Old
friend, there were times
I didn't want to see your face
or hear
your name again.
Now those times are far behind me.
It's so
good to see your smile.
I'd forgotten how nobody else
could
make me smile the way you do.
All this time, you're the one I
still want beside me.
I must have travelled down a thousand
roads.
Been so many places, seen so many faces,
always on my
way to somethin' new.
Oh, but it doesn't matter,
'cause no
matter where I go,
every road leads back,
every road just seems
to lead me back to you.
Rokko
lauschte dem Text und sah dabei immer wieder Lisas Bild an. Als der
letzte Ton des Liedes verklungen war, setzte er Gibsy wieder auf die
Couch und ging in sein Arbeitszimmer. Dort holte er eine Kiste vom
Schrank. Er hatte sie seit über 10 Jahren nicht mehr geöffnet.
Ganz oben lag, das was er suchte. Er griff sich den Daruma und ging
wieder ins Wohnzimmer. Gipsy saß noch immer auf der Couch und
sah sein Herrchen gespannt an, als sich Rokko wieder neben ihn
setzte. Rokko legte den Daruma und Lisas Bild auf den Tisch und griff
nach einem Stift. Er hatte der Figur damals beide Augen wieder
abgewischt. Jetzt malte er ihm wieder ein neues. Als Rokko fertig
war, stellte er Lisas Bild vor den Daruma und griff zum Telefon.
Endlich wusste er, was er tun würde.
Song: Bette Midler Every road leads back to you
