Lisa erwachte am nächsten Morgen mit schlimmen Kopfschmerzen - dabei hatte sie auf der Party nichts getrunken. Aber ihr brummte der Schädel von den Peinlichkeiten des vergangenen Abends. Rokko hat also wieder eine Neue. Warum ich aber ausgerechnet die wenige Stunden zuvor als meine Assistentin einstellen musste - das Schicksal ist offenbar von Göberitz mit mir in den Grunewald gezogen. Jetzt kann ich sie nicht mehr rauswerfen. Dafür bräuchte ich schon einen triftigen Grund und "Geht mit meinem Ex-Verlobten" ist wohl keiner. Ahhhh!
Lisa wollte sich erneut in die Kissen vergraben und einfach den ganzen Tag weiterschlafen, aber mit einem schnarchenden David an ihrer Seite war das schlecht möglich. Also schwang sie sich aus dem Bett, genehmigte sich eine ausgedehnte Dusche, zog sich ihr dunkelblaues Kostüm an, steckte ihre Haare hoch und nahm schließlich ihre Tasche, um möglichst schnell aus der Villa Seidel zu verschwinden. Ihr Frühstück nahm sie schon seit einer Weile lieber bei Kerima ein.
Kaum hatten sich die Türen des Fahrstuhls bei Kerima geöffnet, stürmte ihr auch schon Melanie entgegen. "Guten Morgen, Frau Plenske! Hier ist ihr Kaffee, so wie sie ihn am liebsten haben: mit viel Milch und drei Stücken Zucker!" Melanie drückte ihr den Becher in die Hand und plapperte weiter munter drauf los. "Die Aktienkurse von Kerima stehen gut, B-Style steckt aber immer noch in einem Tief. Deswegen hab ich mir auch schon eine Strategie für die neue Kollektion ausgedacht. Außerdem-"
"Frau Förster - bitte, beruhigen sie sich", versuchte Lisa möglichst freundlich ihre Assistentin zum Schweigen zu bringen. "Ich will jetzt erst mal meinen Kaffe trinken. In Ruhe. Und dann, wenn ich in meinem Büro bin, können sie gern wieder mit mir über geschäftliches reden. Bis dahin will ich nichts - wirklich nichts!- über Kerima oder B-Style hören."
"Verstehe. Croissant?" fragte Melanie mit einem gewinnenden Lächeln und hielt eine Tüte vom Bäcker hoch.
"Klar. Gern", lächelte Lisa.
Sie gingen gemeinsam zum Catering. Die Stille, die nun zwischen den beiden herrschte, war noch unerträglicher als das Geplapper zuvor. Lisa erinnerte sich an den vergangenen Abend und hoffte, dass Melanie - und vor allem Rokko - nicht gesehen hatten, wie sich David daneben benommen hatte. Aber natürlich haben sie es gesehen und auch gehört - David war sicher bis Warschau zu hören... Lisa seufzte und setzte sich auf einen der Hocker am Catering.
"Guten Morgen, Mäuschen", begrüßte Helga ihre Tochter. "Da hast du ja eine wirklich nette Assistentin ausgesucht", lächelte Helga Melanie aufmunternd zu. "Sie hat schon den Kaffee für dich besorgt, als sie noch gar nicht wissen konnte, dass du jeden Moment hier sein würdest."
"Innere Intuition! Meine Mutter sagt ja immer, dass ich schon vor jeder werdenden Mutter weiß, dass sie ein Kind bekommt...", sprudelte es wieder aus Melanie heraus. Lisa ahnte, dass sie sich hier zumindest eine sehr gesprächige Assistentin gesucht hatte. Sie riss ein Stückchen von ihrem Croissant ab und tunkte es in ihren Kaffee. Dann schob sie es sich in den Mund.
"Lisa, bist du nicht langsam zu alt zum Ditschen?" fragte Helga Plenske mit einem vorwurfsvollen Blick.
"Zum Ditschen ist man nie zu alt. Du klingst schon wie die Seidels..."
Wieder herrschte beklemmende Stille. Zum Thema "Familie Seidel" wollte Helga lieber nichts mehr sagen. Sie wünschte sich noch immer, dass Lisa damals Rokko Kowalski geheiratet hätte. Dann müsste sie jetzt nicht in der Seidel'schen Hölle im Grunewald leben - samt einem gelangweilten und oft betrunkenen David Seidel, der leider nicht mehr wusste, dass er Lisas Vater versprochen hatte "sein Schnattchen" glücklich zu machen. Lisa nahm ihren Becher und ging ohne ein weiteres Wort in ihr Büro. Melanie sah ihr etwas hilflos hinterher. Sollte sie hinterher? Oder lieber noch ein bisschen warten? Hilfe suchend wandte sie sich an Helga, die sie schon duzen durfte. "Sollte ich ihr jetzt folgen?" "Geh'n se mal, Kindchen. Und hier, nehmen sie der Lisa mal ein bisschen Obst mit. Sie sieht ganz blass aus."
Melanie nickte, nahm den Teller und eilte in Lisas Büro. Dort klopfte sie an und trat ein. Nervös lächelnd stand sie vor Lisas Schreibtisch und wartete, dass die etwas sagte. "Ja, stellen sie den Teller ruhig ab. Wenn sie so weit sind, können wir dann jetzt über B-Style reden."
Lisa tat es leid, dass sie so unfreundlich und mies gelaunt wirken musste, doch konnte sie beim besten Willen nicht anders. Immer wieder ging ihr die gestrige Szene durch den Kopf - immer wieder sah sie, wie sie selbst mit einem betrunkenen David von Dannen zog, während ihre Assistentin in den Armen von Rokko lag. Lisa atmete tief durch und setzte sich gerade an ihren Tisch.
"Ja, also", Melanie setzte sich auf den Stuhl gegenüber und holte ihre Mappe hervor. "B-Style hat eine neue Kollektion. Die ist auch wirklich toll. Aber: wir müssen sie besser an unsere Zielgruppe bringen. Wir müssen nach neuen Wegen suchen, die Kollektion zu vermarkten - natürlich immer im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten. Vielleicht sollten wir auch über neue Vertriebswege nachdenken. Und ich glaube, dass es dafür nur einen gibt, der uns helfen kann: -"
"Rokko Kowalski", kam es monoton von Lisa.
Melanie war erstaunt und überrascht.
"Ach, Sie sind mit der Arbeit von Herrn Kowalski vertraut?"
"Ja, das kann man so sagen."
"Dann wissen Sie ja, wozu er fähig ist, was er leisten kann. Ich glaube, er ist genau der Richtige, um B-Style aus dem kleinen Tief zu holen."
Lisa seufzte innerlich. Natürlich war Rokko der Richtige. Die Frage war nur: Wollte sie wieder so eng mit Rokko zusammenarbeiten? Und würde er überhaupt für sie arbeiten wollen? Immerhin: gestern war er ihr doch sehr freundlich begegnet. Ich könnte auch Melanie die Leitung des Projekts übertragen - dann müsste ich ihn nicht so oft sehen...
"Frau Förster, wären sie daran interessiert die Leitung im Projekt "B-Style aus der Krise holen" zu übernehmen?"
"Wirklich? Sie meinen ICH könnte... also, das wäre großartig!"
"Gut", lächelte Lisa. "Dann sind sie ab sofort vor allem dafür verantwortlich. Ich überlasse es auch ihnen, sich mit Herrn Kowalski in Kontakt zu setzen und anzufragen, ob er an der Aufgabe Interesse hätte."
"Oh, bestimmt hat er das. Er liebt schwierige Aufgaben."
Ich weiß, dachte Lisa. Rokko Kowalski hatte schon immer schwierige Aufgaben geliebt. Einmal hatte er sich sogar mit dem schwierigen Projekt "Lisa Plenske" beschäftigt.. Aber das war lange her.
"Gut, wenn sie dann keine Fragen mehr haben, können sie gern anfangen."
"Ja, vielen Dank noch mal für ihr Vertrauen!"
Lisa nickte und sah, wie Melanie das Büro verließ und auf ihrem Platz davor Platz nahm.
