Ein paar Tage waren seitdem vergangen. Zwischen Melanie und Rokko war wieder alles okay. Der Gedanke mit Rokkos Ex-Verlobter zusammen zu arbeiten hatte Melanie anfangs etwas verwirrt und darüber hatte sie nachdenken müssen. Doch letztendlich war er ja jetzt mit ihr zusammen und daran würde auch die erneute Zusammenarbeit mit Lisa nichts ändern. Rokko hingegen beschäftigte die neue-alte Konstellation in seinem Leben. Er fasste einen Entschluss.

Melanie und Lisa standen am Catering und tranken Kaffe. Irgendwer hatte die Berliner Zeitung auf dem Tresen liegen lassen und Lisa blätterte sie halb interessiert durch. Melanie war in ein Gespräch mit Hanna über B-Style vertieft. „Oh, mein Gott!" Lisa starrte entsetzt die Zeitung an. Sie konnte nicht glauben, was sie da sah. In der Mitte der Zeitung war eine doppelseitige Photocollage von Rokko und Melanie. Darunter stand:

Du bist alles für mich! Heirate mich!

Dein Rokko

Vor Lisas innerem Auge stiegen Bilder von Rokko und ihr selbst auf. Wie er damals nervös vor ihr gekniet hatte und wie enttäuscht er von ihrer unsensiblen Reaktion gewesen war. Rokko singend unter ihrem Fenster und schließlich der Abend auf dem Boot, an dem sie seinen Antrag angenommen hatte. Sie würde nie den Ausdruck in seinen Augen vergessen, als sie ihr Ja in den Berliner Nachthimmel gerufen hatte. Jetzt sah er Melanie mit seinen verträumten dunklen Augen so an. Lisa merkte, wie heiße Tränen in ihr aufstiegen. Nein, nicht hier. Beruhige Dich. Es war Deine Entscheidung. Jetzt leb auch damit. Sie schluckte die Tränen hinunter und registrierte jetzt auch, dass Melanie mittlerweile die Anzeige entdeckt hatte. Ihr standen Tränen in den Augen. „Ist Rokko schon da?" fragte sie in die Runde. „Äh, nein, der wollte sich heute Morgen mit dem Photografen treffen, müsste aber gleich hier sein." Hanna warf nun auch einen Blick in die Zeitung. „Oh, ist das süß!" sie strahlte Melanie an. Melanies Blick schweifte durch den Raum hinüber zu den Aufzügen. Rokko war gerade aus einer der Kabinen getreten. Sie sprang auf und rannte zu ihm hinüber. Sie warf sich in seine Arme und rief durch den ganzen Raum „Ja, ich will!" Rokko strahlte und wirbelte sie durch die Luft. Das war zuviel für Lisa. Sie ging, so schnell es möglich war ohne aufzufallen, in ihr Büro. Dort verschloss sie die Tür hinter sich, rutschte daran zu Boden und begann bitterlich zu weinen. Sie weinte um sich selbst, ihre ausweglose Beziehung zu David und darüber, dass sie Rokko jetzt endgültig verloren hatte.

Nach einer Weile klopfte es an ihrer Tür. Lisa erschrak. Sollte sie sich so zu erkennen geben? Und wenn es Melanie war - oder noch schlimmer: Rokko! - dann wollte sie so, wie sie jetzt war auf keinen Fall gesehen werden.

"Moment!" rief sie noch, während sie sich aufrichtete und zu ihrem Schreibtisch lief, um nach Taschentüchern zu suchen.

"Mäuschen, ich bin's - mach doch auf."

"Ja, Mama."

Lisa fand keine Taschentücher und benutzte stattdessen ihre Hände um die Tränen wegzuwischen. Was sie nicht verbergen konnte, waren die stark geröteten Augen, die ihrer Mutter sofort auffielen, als sie die Tür öffnete. Lisa zog sie hinein und verschloss die Tür wieder schnell hinter ihr.

"Mäuschen, dich nimmt die Verlobung von Herrn Kowalski und Frau Förster doch sehr mit, nicht wahr?"

"Ach Mama... nein, dass ist es nicht. Ich bin nur etwas nervös in letzter Zeit. Der Stress. Es ist nichts weiter. Wirklich. Ich hab nur einen Anruf bekommen und musste deshalb so schnell in mein Büro - ist das sonst irgendwem aufgefallen?" fragte Lisa ganz beiläufig.

Helga sah ihre Tochter prüfend an, fragte aber nicht weiter nach.

"Na ja, Herr Kowalski hat es, glaube ich, gesehen..."

"Wirklich!" kam es viel hoffnungsvoller von Lisa, als sie das gewollt hatte.

"Ja, aber der war dann ja gleich wieder umringt von allen Kollegen, die ihm gratulieren wollten. Du, Lisa, bist du sicher, dass du nicht doch noch was vom-"

"Nein! Ich bin glücklich mit David. Sehr glücklich." Lisa lächelte gequält.

"Gut. Dann kann ich dich jetzt allein lassen?" Helga sah immer noch besorgt aus.

"Klar."

Schon war Helga verschwunden. Lisas Telefon klingelte und sie nahm ab.

"Plenske?"

"Jetzt? B-Style?"

"Ähm, ja, ich bin gleich da."

Lisa legte den Hörer auf. Melanie wollte, dass Lisa als Geschäftsführerin das künftige Vorgehen für B-Style abnickte. So ein Unfug! Das macht die nur, um mich leiden zu sehen...Ich hab ihr doch nicht umsonst die Leitung übertragen.

Lisa blickte in den Spiegel. Ihre Augen waren schrecklich gerötet und viel zu wund, um die Kontaktlinsen im Auge zu behalten. Also nahm sie sie raus und setzte sich stattdessen ihre Brille auf. Sie richtete ihre Haare und strich ihr Kostüm glatt. Dann nahm sie die Mappe und machte sich auf den Weg in den Konferenzraum.

Als sie diesen betrat, saßen Rokko und Melanie händchenhaltend auf der einen Seite, Hannah auf der anderen. Lisa setzte sich neben Hannah und warf ein kurzes "Hallo!" in die Runde.

"Frau Plenske", nickte Rokko ihr zu. Frau Plenske? Sind wir also wieder beim Sie?

"Frau Plenske, ist alles in Ordnung?" wollte Melanie besorgt wissen.

"Ja, alles bestens. Heuschnupfen", meinte Lisa, zeigte auf ihre roten Augen und versuchte ein Lächeln.

"Im März?" fragte Rokko.

"Ja, auch im März gibt es Schnittblumen."

"Natürlich."

Natürlich weiß er genau, dass ich keinen Heuschnupfen habe... Lisa, in was hast du dich da nur wieder verrannt?

"Also, worum geht's?"

"Ja, Herr Kowalski", begann Melanie und sah verliebt zu Rokko, der ihren Blick ebenso erwiderte, "hat ein, wie wir finden, großartiges Konzept erarbeitet."

"Dafür ist er ja auch engagiert worden. Also?"

"Es geht vor allem darum, dass USP zu vergrößern."

"USP?" Hannah hatte überhaupt keine Ahnung, wovon er sprach.

"Unique Selling Point", kam es wie aus einem Munde von Lisa und Rokko. Sie sahen sich an, aber Rokko wandte den Blick wieder ab, um fortzufahren.

"Wir müssen uns die Frage stellen: wie erreichen wir, dass B-Style aus den Köpfen der Menschen nicht mehr wegzudenken ist?"

Dann begann Rokko Strukturen auf das Whiteboard zu zeichnen, bunte Zettel anzuordnen und verschiedene Wortfelder miteinander zu verknüpfen. Lisa konnte sehen, dass er voll in seinem Element war. Er war wieder im Begriff, sie von seinen Ideen zu begeistern. Lisa seufzte innerlich. Kaum da, schon bringt er wieder Schwung in den Laden. Ach, Rokko... Dann rüttelte sie sich selbst wach und setzte sich gerade in ihren Stuhl.

"Ja, das ist ja alles schön und gut, aber wenn ich mich recht erinnere, sind ihre Ideen in etwa zwei Jahre alt, Herr Kowalski."

Uh, das war schnippischer als geplant...

"Sicher werden sie aber auch wissen, Frau Plenske, dass man die Ideen damals nicht umgesetzt hat."

"Es gab andere, wichtigere Aufgabenfelder!"

Rokko sah ihr direkt in die Augen und hielt ihrem Blick stand, so dass Lisa eine Gänsehaut bekam.

"Ich weiß. Aber heute gibt es bei weitem mehr Möglichkeiten als schon vor zwei Jahren. Die Ideen mögen daher auf sie etwas angestaubt wirken, aber das sind sie nicht für unsere Kunden. Wir können uns heute noch viel mehr auf Internetportale konzentrieren. Mit ein paar wenigen Probeshirts oder -jacken bei zum Beispiel, können wir heute schon Millionen erreichen, bekommen fast kostenlos Werbung und können vor allem unsere Produkte einer neuen Zielgruppe eröffnen."

Lisa nickte und ihr Mund verzog sich ein wenig zu einem Lächeln. "Ja, klar. Dann machen Sie mal." Dann wandte sie sich an Melanie. "Frau Förster, werde ich noch gebraucht?"

"Nein, vielen Dank, Frau Plenske."

"Gut. Bis auf weiteres."

Lisa stand auf und verließ den Konferenzraum und lehnte sich außen an eine Wand. Wieder rasten Bilder durch ihren Kopf. Bilder von damals, als sie dem Parfum "Mariella" seine neue Identität "Pearl" verpasst hatten. Damals war sie von Rokkos innovativen, feurigen Ideen sofort begeistert gewesen. Diesmal war es nicht viel anders. Rokko Kowalski hatte viel in ihrem Leben verändert und zum Dank hatte sie ihn vor der Hochzeit sitzen lassen. Für David. Alles für das Märchen mit David, das sich als Albtraum entpuppte. Lisa seufzte und ging zum Catering.

"Einen Kaffee bitte."

"Hier Mäuschen."

"Du, Mama, hast du David heute schon gesehen?"

"Nein, noch nicht. Ist er bei einem Außentermin?"

"Ja, sicher..."

Lisa blickte auf ihre Hand, an der ein Ehering hätte sein sollen. Aus der Traum von der Märchenhochzeit...

In dem Moment öffnete sich die Tür zum Konferenzraum erneut und heraus kamen Rokko und Melanie - Arm in Arm, fröhlich lachend und Rokko mit diesem gewissen Glänzen in den Augen. Sie steuerten geradewegs aufs Catering zu. Lisa nahm das als Anlass, schnellstmöglich wieder in ihrem Büro zu verschwinden. Sie kramte ihr Handy hervor und tat so, als hätte sie so eben einen Anruf erhalten.

"David! Liebling, ja, ja das können wir machen...", schrie sie fast in das Telefon und lief mit großen Schritten auf ihr Büro zu. Schon war sie an dem Ort, der ihr als einziger noch Sicherheit bot und schlug die Tür hinter sich zu. Sie klappte ihr Handy wieder zu. Schicksal, du willst es mir so richtig heimzahlen, nicht wahr? Mich so richtig leiden lassen für meine Fehler. Aber hat man irgendwann nicht mal genug gelitten, verdammt!