In den nächsten 2 Wochen kam sich Lisa vor wie eine Seiltänzerin ohne Netz. Sie versuchte den Balanceakt zwischen „sowenig Zeit mit David verbringen, wie möglich" und bloß nicht zu oft dem frisch verlobten Pärchen oder auch nur Teilen davon begegnen hinzubekommen. So verbrachte Lisa die meiste Zeit in ihrem Büro. Sie kam morgens als erste und ging als letzte. Allerdings bemerkte Lisa, dass ihr der Kontakt zu Melanie, den sie ja nicht komplett einstellen konnte, deutlich weniger ausmachte. Das Problem war Rokkos Anwesenheit. Erst gestern war sie mitten in einem Gespräch mit Hugo, über die neue Herbstkollektion von Kerima, aus dem Atelier gerannt, weil sie Rokko in der Stoffkammer hatte pfeifen hören. Sie hatte absolute Panik ihn auch nur zu sehen. So hatte sie es bisher geschafft jede längere Begegnung zu vermeiden, sie war schlichtweg weggelaufen. Innerlich hasste sie sich dafür, verbot sich aber auch gleichzeitig den wahren Grund für diese Panik herauszufinden. Zu groß war ihre Angst, dass ihr dieses Wissen nur noch mehr wehtun könnte. Stattdessen redete sie sich andere Gründe ein. Du kannst nur nicht sehen, wenn jemand glücklich ist, während Du selbst in deiner eigenen „Traumbeziehung" so leidest. Die Tatsache, dass sie allerdings nur Rokkos Glück so deprimierte, während sie es bei Melanie recht gut ignorieren konnte, verdrängte sie.
Heute waren Lisas 28. Geburtstag. Sie war noch früher als sonst aufgestanden und hatte zuerst überlegt gar nicht ins Büro zu gehen. Doch als sie bei Gabriele in der Küche ihre Kaffe trank, hatte Melanie angerufen und sich für heute krank gemeldet. Also fuhr Lisa doch zu Kerima. Sie war, wie so oft in den letzten Wochen, die erste.
Sie ging in ihr Büro und machte sich an die Arbeit. Nach einer halben Stunde klopfte es an der Tür. Lisa machte sich nicht die Mühe nachzusehen wer vor der Tür stand, sondern rief, ohne den Kopf von ihren Zahlenkolonnen zu heben, herein. Als sie nicht das erwartete „Guten Morgen, Mäuschen!" ihrer Mutter hörte, sah Lisa auf. Vor ihrem Schreibtisch sah sie einen riesigen Blumenstrauß. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!" ertönte plötzlich Rokkos Stimme hinter dem Strauß hervor. Er kam um den Schreibtisch herum und überreichte ihr den Strauß. „Danke, Herr Kowalski! Das wäre doch nicht notwendig gewesen." Lisa sah verlegen auf die Blumen. Rokko sah sie gespannt an. „Und, hat das neue Lebensjahr gut angefangen? Champagnerfrühstück im Hause Seidel?" „Nicht ganz. Ich habe beschlossen nicht zu feiern und hier ist momentan auch so viel los…" Lisa merkte, dass sie rot wurde. Rokko blickte jetzt besorgt. „Lisa, ist bei dir alles ok? Du bist so komisch in letzter Zeit und ich hab auch das Gefühl, dass Du vor mir wegläufst!" Mist, er sieht in mich hinein, als wäre ich aus Glas!
„Ach, plötzlich wieder beim „DU", Herr Kowalski?" sie versuchte die Unterhaltung in eine andere Richtung zu lenken. Jetzt war es an Rokko verlegen zu schauen. „Ich dachte, Du würdest Dich damit wohler fühlen." Er lächelte sie an. Früher haben seine Augen geglitzert, wenn er mich so angelächelt hat. „Danke, aber ich finde es eigentlich komisch so. Jeder hier weiß, was mal mit uns beiden war und dann siezen wir uns wieder. Das ist eigentlich ziemlich kindisch. Findest Du nicht? Oder ist es wegen Melanie?" Nein, es ist wegen mir. Weil ich Distanz zu Dir wollte und mir eigentlich mal geschworen habe, Dich nie wieder sehen zu wollen und mir sogar verboten hatte Deinen Namen zu denken! Laut sagte Rokko: „Nein, sie weiß alles!" Lisa bemerkte nicht, dass Rokko jetzt Probleme hatte ihr in die Augen zu sehen. Sie war viel zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Na, klar! Er hat ihr jedes winzige Detail erzählt. Auf wie viele Arten ich ihm das Herz gebrochen habe. Und einmal war ja nicht genug. Nein, ich habe das sogar 2 Mal hinbekommen. „Gut, dann hätten wir das ja jetzt geklärt." Lisa ging Richtung Tür. „Schön! Freut mich!" Rokko folgte ihr. „Dann kann ich dir ja jetzt noch mal richtig gratulieren!" er kam auf sie zu, umarmte sie und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Dann verließ er winkend das Zimmer. Lisa blieb geschockt stehen. Ihre Gedanken überschlugen sich. Die Stelle an der seine Lippen ihre Wange berührt hatten, brannte wie Feuer. Diesmal konnte sie sich nicht wehren, die Erkenntnis schwappte über sie, wie eine Welle heißen Wassers. Ich liebe ihn immer noch. Und habe ihn endgültig verloren.
