Im Laufe des Tages gratulierten ihr noch kurz einige Kollegen. Da aber alle im Stress waren, gab es außer ein paar lieben Worten und Umarmungen nicht, was Lisas Stimmung hätte aufhellen können. David, der am Morgen noch tief geschlafen hatte, hielt es noch nicht mal für nötig sie anzurufen. Und als Lisa in der Villa Seidel anrief, um ihn vielleicht zu einem gemeinsamen Abendessen in den Wolfhard zu überreden, sagte ihr Gabriele, dass der junge Herr Seidel bei einem Geschäftsessen war. Geschäftsessen? Mit wem denn, wenn du dich seit Wochen nicht hier blicken lassen hast?
Als Lisa spät am Abend beschloss, die Arbeit Arbeit sein zu lassen, roch sie noch einmal an Rokkos wundervollen Blumen. Er kann noch immer in dir lesen wie in einem offenen Buch, Lisa Plenske. Er kennt dich besser, als David das je getan hat. Sie stellte die Blumen wieder beiseite und verließ ihr Büro. Als letzte in der Firma machte sie an diesem Abend das Licht aus. Alles Gute zum Geburtstag...
Lisa machte sich auf den Weg zum Fahrstuhl. Als sie den Knopf gedrückt hatte, um den Lift herbei zu rufen, wurde es auf einmal laut um sie herum. "Überraschung!" brüllten ihre Kollegen um sie herum und sprangen aus allen Ecken und Winkeln der Etage. Die meisten hatten sich im Cateringbereich versteckt, aber einige auch hinter Pflanzen und hinter dem Empfang. Lisa hatte vor Schreck ihre Tasche fallen gelassen und hielt ihre Hände vor den Mund. Sie begann ausgelassen zu lachen, als sie von allen Seiten her umarmt und beglückwünscht wurde und die Gesichter flogen nur so an ihr vorbei.
Helga und Inka verteilten an alle Anwesenden Gläser mit Sekt und gaben dann auch Lisa eins.
"Auf dich, Mäuschen! Auf ein neues Lebensjahr, das die hoffentlich viel Glück bringen wird! Auf Lisa!"
"Auf Lisa!" echoten alle um sie herum und hoben ihre Gläser.
Nach dem Anstoßen verteilten sich alle Gäste auf der Etage, tranken, aßen und lachten. Max, der eben noch den Arm um Yvonne gelegt hatte, ging auf Helga Plenske zu und zog sie leicht zur Seite.
"Frau Plenske", begann er leise. "David haben sie doch informiert, oder?"
Helga zuckte erschrocken zusammen und schlug sich die Hand vor die Stirn. Sie schüttelte ihren Kopf. "Nein, Herr Petersen, den hab ich ganz vergossen."
Sogleich holte Max sein Handy hervor und wählte Davids Nummer.
Lisa feierte derweil ausgelassen. Sie war lange nicht mehr so befreit und glücklich gewesen wie an jenem Abend. Sie tanzte und lachte vor allem mit Hanna und Timo. Immer wieder gesellten sich andere dazu. Und Lisa lachte. Sie lachte, wie seit vielen Monaten nicht. Nur einer erkannte, dass Lisa trotz allem nicht vollkommen glücklich war. Rokko kannte die verschiedenen Arten der Lisa Plenske zu lachen. Und er wusste, dass ihr heutiges zwar absolut ehrlich gemeint war, in ihm aber eine gewisse Melancholie und Schwere lag, die man nur entdecken konnte, wenn man Lisa lange gekannt und genau beobachtet hatte. Er schüttelte den Kopf, um sich aus seinen Gedanken zu reißen und ging zum Catering, um ein paar Kleinigkeiten für Melanie mitzunehmen.
Lisa stieß derweil noch mal mit Timo, Hanna und Hugo auf ihren Geburtstag an, als sich die Fahrstuhltüren öffneten. Niemand bemerkte David zunächst, aber Lisa spürte seine Anwesenheit sofort, spürte wie er auf sie zukam und sah ihn mit einem halben Lächeln an.
"Happy Birthday", sagte er kühl, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und einen Strauß rosa Nelken, auf deren Einwickelpapier noch der Preis klebte, in die Hand. Schon wandte er sich wieder ab und lief zu Max - laut fragend, ob es hier denn wenigstens was zu trinken gäbe.
Lisa stand da, starrte auf den Strauß, starrte dann wieder auf David und überlegte, ob sie tatsächlich Lippenstift auf seinem Hemdkragen gesehen und den süßlich-schweren Duft eines billigen Parfüms wahrgenommen hatte. Sie wusste nicht, wohin sie sehen sollte. Dann fixierte sich ihr Blick auf Rokko, der am Catering stand und sie wusste, dass er die Szene genau gesehen hatte. Lisas Fassade fiel in sich zusammen Sie hörte nicht mehr, was die anderen um sie herum sagten. Sie hörte nur noch ihren eigenen Atem und das langsamer werdende Klopfen ihres Herzens. Sie spürte, wie ihr Herz in ein tiefes, tiefes Loch taumelte und auf dem Boden in tausend kleine Teile zersprang. Dann hörte sie gar nichts mehr, spürte nur noch, wie jemand den Arm um sie legte und wie sie kurz darauf die kühle Abendluft umfing.
"Lisa? Lisa? Hörst du mich?"
"Was?"
Lisa saß auf einem Stuhl vor einem weit geöffneten Fenster. Sie blickte sich um und ihre Augen ruhten schließlich auf Rokkos besorgtem Gesicht.
"Rokko... was - was ist passiert?"
„Na, sagen wir mal so, ich hatte das Gefühl, dass Du gleich vom Barhocker kippst und da hab ich Dich da weggeholt."
„Äh, Danke!" Lisa stand auf und wollte wieder zu den anderen hinüber gehen. Rokko hielt sie am Arm fest. „Lisa? Mit Dir stimmt doch irgendwas nicht. Ich kenn Dich zu gut, als dass Du mich anlügen könntest. Rede mit mir!" Lisa bekam unter seinem Blick eine Gänsehaut. Sie hatte das Gefühl, als ob er genau in ihr Herz sehen konnte. Sie seufzte. „Wenn Du mich so gut kennst, dann ist Dir ja sicher klar, dass David und ich…..!" sie machte das Geräusch eines platzenden Ballons nach. „Die Seifenblase ist geplatzt!" Sie schlang ihre Arme um ihren Oberkörper und schaute zu Boden. Rokko ging auf sie zu und zog sie in eine Umarmung. Das war zuviel für Lisa. Lautlos rannen ihr die Tränen übers Gesicht. Rokko hielt sie fest, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Sie löste sich von ihm und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Na, wieder besser?" Rokko sah sie lächelnd an. „Ja, Danke!" sie schniefte. „Lisa, ich will, dass Du weißt, dass ich immer für Dich da bin. Als Freund, wenn Du jemanden zum reden brauchst." Lisa sah ihn mit großen Augen an. Kann ich das? Wieder Zeit mit ihm verbringen und genau zu wissen, dass er diesmal nur Freundschaft für mich empfindet? Lisa wollte Rokko nicht wieder aus ihrem Leben gehen lassen, doch sie wusste auch genau, dass sie sich selbst nicht mehr länger belügen konnte und sich auf eine Freundschaft mit Rokko einlassen durfte. Sie wusste, dass sie alles verloren hatte und setzte deswegen alles auf eine Karte. „Rokko, seitdem Du wieder in meinem Leben aufgetaucht bist, ist mir klar geworden, was für einen großen Fehler ich doch begangen habe, als ich Dich sitzen gelassen habe." Sie griff nach seiner Hand. Rokko stand starr vor ihr. Er ahnte was Lisa ihm sagen wollte. Nicht jetzt, Lisa! Ich habe so lange gebraucht um darüber hinwegzukommen, dass ich nur Dein Lückenbüßer war! Spiel nicht noch mal mit mir. „Rokko, ich liebe Dich! Ich hab Dich immer geliebt, war aber zu blöd es zu merken. Gibst Du mir noch mal eine Chance?" sie sah ihn ängstlich an. Rokko schüttelte ihre Hand ab.
„Nein, Lisa! Der einzige der blöd war, bin ich. Blöd genug Dir zu glauben, dass Du mich damals wirklich heiraten wolltest. Ich hatte meine Zweifel, aber Du hast es einmal geschafft mich anzulügen, leider war das Deine schlimmste Lüge. Du hast mir das Herz gebrochen und nicht nur einmal. Ich war doch nur dein Spielball! Du hast mich zwei Mal durch die Hölle gehen lassen und jetzt wo ich wieder einen Schritt auf dich zu gehen will und Dir meine Freundschaft anbiete, revanchierst Du Dich damit, dass Du mir noch mal ein One-way-Ticket in die Hölle schenken willst. Nein, Lisa. Ich hab Dich endlich raus aus meinem Herzen. Ich bin glücklich! Du hast damals deine Wahl getroffen. Jetzt leb auch damit!" Ohne sie noch mal anzuschauen, verließ er den Raum und ließ eine erschütterte Lisa zurück.
