Auf dem Weg in sein Büro kam er an Lisas vorbei. Darin brannte schon Licht. Wie immer eine der ersten in der Firma. Er konnte nicht anders, als einen Blick hineinzuwerfen. Damals, als er gerade bei Kerima angefangen hatte, hatte er das auch immer wieder gern getan. Lisa hatte ihn fasziniert - vom ersten Moment an. Und selbst wenn sie konzentriert arbeitete, fand Rokko sie unendlich hinreißend. Doch Lisa arbeitete nicht konzentriert, als er heute hinein sah. Lisa saß an ihrem Schreibtisch und sah traurig aus. In ihren Händen hielt sie etwas Weißes und Tränen liefen ihre Wangen hinunter. Als sie ihr Gesicht in dem weißen Stoff vergrub, glaubte Rokko zu erkennen, dass es sich um das Shirt handeln musste, das er, nach der Nacht in London, in ihrem Zimmer vergessen hatte. Rokko schloss seine Augen und atmete leicht zitternd ein. Er hatte einen Entschluss gefasst. Doch als er gerade eintreten wollte, klingelte sein Handy und er eilte schnell davon, um den Anruf anzunehmen.
Gegen Mittag hatte er endlich die dringendsten Arbeiten erledigt und machte sich erneut auf den Weg in Lisas Büro. Zum Glück war Melanie beim Essen mit einer Kollegin. Sie musste erstmal nichts davon wissen, dass Lisa sein Kind erwartete. Das würde er Melanie später erklären. Rokko war fast schon froh, dass Lisa ebenfalls gerade nicht da war. Er hatte sie in Richtung Catering laufen sehen. So konnte er in ihr Büro, ohne dass sie gleich wieder vor ihm davon lief, wie sie es in den Wochen nach London immer wieder getan hatte. Und sie hat ja einen Grund dafür, du Idiot. Du glaubst doch immer, sie so gut zu kennen. Warum ist dir nicht selbst aufgefallen, dass etwas nicht mit ihr stimmt? Er öffnete die Tür sacht und betrat das Zimmer. So oft schon war er hier gewesen. Es duftete nach Lisas Parfum und Erinnerungen wurden geweckt. Langsam ging er zu Lisas Schreibtisch, auf dem noch immer Ernie saß und der Stift mit dem Puppengesicht und den blauen Haaren. Rokko lächelte. Dann fiel sein Blick auf etwas Schwarz-weißes.. ein Foto, genauer: ein Ultraschallbild. Rokko zitterte, als er das Bild aufnahm und es sich ansah. Das war also sein Kind. Etwas so kleines - mein Kind. Mein und Lisas Kind. Tränen standen ihm in den Augen, als er sanft mit einem Finger über das kleine Wesen auf dem Bild strich und sein Herz begann wild zu klopfen. Als er hörte, wie sich die Tür hinter ihm öffnete, drehte er sich langsam um. Lisa stand in der Tür und sah ihn mit großen Augen an. Sie hatte das Bild in seiner Hand entdeckt und begann nervös ihre Finger zu kneten. Rokko legte das Foto wieder auf ihren Schreibtisch ging ein paar Schritte auf sie zu. Lisa sah zur Seite. Sie konnte seinem Blick nicht standhalten.
"Wann wolltest du mir davon erzählen?" fragte Rokko sie leise und mit zitternder Stimme. Er hatte noch immer Tränen in den Augen.
Lisa sah ihn immer noch nicht an. Wie er mich jetzt erst recht verachten muss. "Rokko, ich -"
"Ich dachte, wir wären Freunde."
"Freunde?" Lisas Augen fixierte seine. "Wir sind schon lange keine Freunde mehr." Lisa flüsterte fast.
"Lisa, ich will dir helfen. Ich will für das Kind da sein. Ich will ihm ein guter Vater sein."
Für das Kind da sein. Ein guter Vater sein. Aber was ist mit uns? Lisa richtete sich vor ihm auf. Kopfschüttelnd sah sie ihn ungläubig an. Tränen liefen ihr über die Wangen. "Ich brauche dein Mitleid nicht, Rokko Kowalski. Ich bin bisher ganz gut alleine klar gekommen! Und du hast mir ja auch unmissverständlich klar gemacht, was das für dich war: ein Betriebsunfall!" Lisas Gesicht war tränenüberströmt. Rokko ging zu ihr und wollte den Arm um sie legen, um sie zu beruhigen. "Lisa..." doch Lisa stieß ihn weg. "Nein! Raus! Verschwinde!"
Rokko war sprachlos und schockiert. Er wollte sie nicht noch mehr aufregen. Also hielt er es für besser, ihr Büro zu verlassen. Als er mit gesenktem Kopf die Tür hinter sich geschlossen hatte, brach Lisa zusammen. Sie rutschte auf den Boden und zog ihre Beine fest an sich und starrte ins Nichts. Sie hatte die Liebe ihres Lebens aus ihrem Leben verbannt. Er liebt mich nicht. Es ist besser so. Ich kann das allein schaffen. Ich bin stark.
