Währendessen saß Rokko in seinem Büro und dachte über Lisas Reaktion nach. Du hast Dich angestellt wie ein Schuljunge. Ich will für das Kind da sein. Ich will ihm ein guter Vater sein. Was Besseres ist Dir nicht eingefallen, Kowalski! Du bist mir ein schöner PR-Profi. Du kannst den größten Schrott an den Mann bringen, aber Dich selbst verkaufen…da versagst Du kläglich.

Er hatte den Kopf in die Hände gestützt und fixierte seine Schreibtischplatte. In seinem Kopf rasten Bilder an ihm vorbei. Das Ultraschallbild seines Kindes; Melanie und immer wieder Lisa.

Lisa, als sie ihm zum ersten Mal das Herz gebrochen hatte und weinend vor ihm stand; Lisa, die ihm am Abend, vor ihrer geplanten Hochzeit, sagte, dass sie David immer noch lieben würde und ihn nicht heiraten könne; Lisa, die ihm unter Tränen sagte, dass sie ihn schon immer geliebt hätte und zuletzt eine Lisa, die ihn nicht mehr haben wollte und ihn aus ihrem Leben warf. Er seufzte schwer. Doch plötzlich hatte er eine ganz andere Lisa vor Augen: Lisa, die ihn auf dem Minigolfplatz strahlend umarmte. Eine Lisa, die ihr Ja zu seinem Antrag in voller Lautstärke in den Berliner Nachthimmel schrie. Lisa, die sich mit ihm eine Kissenschlacht durch seine Wohnung lieferte. Er lächelte leicht. Die kurze Zeit mit Lisa, auch wenn sie so schrecklich für ihn geendet hatte, war die schönste seines Lebens gewesen. Ihm wurde klar, dass er Lisa nie aus seinem Herzen gelassen hatte; sie belegte darin immer noch den wichtigsten Platz. Nur sein verletzter Stolz hatte ihn bisher daran gehindert, sich das selbst einzugestehen. Ich liebe Dich noch immer! Es hätte ihm schon in London auffallen müssen. Er hatte den Tag mit Lisa sehr genossen und es war ihm vorgekommen, als hätte es die letzten 2 Jahre nie gegeben. Sogar Melanie hatte er zeitweise vergessen, erst ihr Anruf hatte ihn wieder in die Realität versetzt. Melanie! Ich muss ihr die Wahrheit sagen! Sofort! Er sprang auf und lief aus seinem Büro.

Rokko konnte Melanie dazu überreden früher Feierabend zu machen. Sie war zwar nicht begeistert, da in den letzten Tagen viel liegen geblieben war, aber als er sie ernst ansah und meinte, er hätte etwas wichtiges mit ihr zu besprechen, packte sie ihre Sachen zusammen und folgte ihm nach draußen. Eine zeitlang gingen sie schweigend nebeneinander her. Sie erreichten einen kleinen Park und Melanie setzte sich auf eine Bank. Rokko blieb nervös vor ihr stehen. Melanie sah ihn an. „Du willst mir sagen, dass Du mich nicht heiraten kannst, oder?" Rokko sah sie überrascht an. Ein Teil von Melanie hoffte, dass er gleich „Nein" sagen würde, doch sie sah ihm an, dass er erleichtert war, dass sie ihm die Bürde abgenommen hatte, es selbst sagen zu müssen. Rokko holte tief Luft. „Ja, es tut mir leid. Ich liebe Dich nicht genug, um mit Dir mein Leben zu verbringen. Ich hätte Dich niemals fragen sollen, ob Du meine Frau werden willst. Ich kann verstehen, wenn Du mich jetzt hasst, aber ich konnte Dich nicht weiter belügen. Ich weiß, wie es ist, wenn…." Er brach ab. Tränen glitzerten in seinen Augen. Melanie sah ihn mitfühlend an. Sie wusste, dass er nicht wegen ihr weinte. „Ich hab es geahnt, schon seitdem Du wieder aus London da bist. Du warst verändert. Lisa, oder? Du liebst sie immer noch!" Rokko ließ den Kopf hängen. Seine Stimme wurde immer leiser, als er weiter sprach. „Ja, sie ist einfach in meinem Herzen und ich bekomme sie da nicht raus. Und seit heute ist mir klar, dass ich das auch gar nicht mehr will. Sie ist und bleibt die Liebe meines Lebens, da konnte ein David Seidel nichts dran ändern und Du leider auch nicht. Es tut mir unendlich leid, aber versteh mich bitte!" Rokko sah Melanie traurig an. „Das Baby,….das ist Deins, oder?" sie griff nach Rokkos Hand und zog ihn neben sich auf die Bank. Rokko konnte nur noch nicken. Lautlos rannen ihm die Tränen herab. Melanie legte ihm den Arm um die Schulter. „Es ist ok, Rokko. Irgendwie war es mir schon seit London klar, dass das mit uns nichts wird. Ich bin Dir nicht böse. Du hast versucht es allen recht zu machen und das geht nicht! Hast du Lisa schon gesagt, dass du von dem Kind weißt?" wieder konnte Rokko nur nicken. Melanie holte ein Taschentuch aus ihrer Tasche und reichte es ihm. „Sie hat mich rausgeschmissen. Ich hab es total falsch angefangen. Ich hab nur von dem Kind und von mir geredet, aber kein Wort über sie. Sie will mich nicht mehr." Die Tränen, die gerade erst versiegt waren, begannen erneut zu fließen. Rokko saß wie ein Häufchen Elend auf der Bank. Melanie wusste, dass sie eigentlich diejenige sein sollte, die heulte, schließlich hatte Rokko gerade mit ihr Schluss gemacht. Doch nicht sie saß vor einem Scherbenhaufen, sondern seine Welt war innerhalb eines Tages zusammengebrochen. Er hatte begriffen, dass es für ihn nur eine Frau gab und die stieß ihn aus ihrem Leben, wegen Fehler, die sie beide begangen hatten. Dass er trotzdem noch den Mut und die Stärke aufbrachte, ihr die Wahrheit zu sagen und in Kauf nahm, dass sie ihn ebenfalls verachtete, imponierte Melanie. „Glaubst Du das wirklich?" Sie sah ihn aufmunternd an. Rokko hatte sich wieder einigermaßen gefangen. „Ja, sie wollte mir nicht mal zuhören. Sie hat mich aus ihrem Büro geschmissen und gesagt, dass wir noch nicht mal mehr Freunde wären. Diesmal hab ich alles kaputt gemacht!" er ließ sich resignierend gegen die Rücklehne der Bank fallen. „Lass ihr und Dir auch ein bisschen Zeit. Ihr müsst beide erstmal verarbeiten, was in letzter Zeit passiert ist. Ich denke, dass Dich Lisa auch immer noch liebt. Sie bekommt immerhin dein Kind. Das heißt doch schon mal was." Sei lächelte ihm zu. Rokko versuchte es zu erwidern, aber es misslang komplett. „Zeig ihr, dass Du für sie da bist! Der Rest kommt, dann vielleicht von selbst!" „Danke, Melanie. Ich zieh Dir hier quasi den Boden unter den Füßen weg und dann tröstest Du mich und gibst mir auch noch Ratschläge. Du bist eine tolle Frau!" diesmal konnte er schon wieder lächeln. „Du bist eben was ganz besonderes, Rokko Kowalski!" sie umarmte ihn. „Ich hoffe wir bleiben Freunde." Rokko erwiderte die Umarmung. „Ja, das hoffe ich auch!"