Rokko hatte auch die nächste Nacht bei Lisa verbracht. Und die Nacht danach. Und ebenso alle anderen Nächte die darauf folgten. Zwar hatte er immer noch seine Wohnung, doch kam er dort nur noch hin, um seine Post zu holen und die Blumen zu gießen. Er wusste, dass er schon wieder Hals über Kopf in eine Beziehung mit Lisa gestürzt war - aber er genoss es. Er genoss das Gefühl der ganz großen Verliebtheit, gepaart mit dem großen Glück, das er mit Lisa teilen durfte. Und wenn sich manchmal ein kleines Gefühl der Angst bei ihm einschlich, dann nahm Lisa ihn in den Arm und küsste ihn so lange, bis er wieder strahlte. Er wusste, dass sie ihr Verhalten vor ihrer Hochzeit tief bereute. Trotzdem hatte er sie noch nicht wieder gefragt, ob sie seine Frau werden wolle. Aber Rokko wollte sich noch ein bisschen Zeit lassen. Manchmal glaubte er, dass ein erneuter Antrag ihr Glück wieder zerstören könnte. Seit wann so abergläubisch, Kowalski? scholt er sich dann selbst. Aber der Zweifel nagte an ihm. Vielleicht hätte David Seidel nicht versucht, Lisa wieder für sich zu gewinnen, wenn sie nicht Rokkos Antrag angenommen hätte. Helga hatte ihn bereits darauf angesprochen, ob er nicht vielleicht doch die "wilde Ehe" mit Lisa beenden und sie noch ein mal um ihre Hand bitten würde. Er hatte nur schnell schulterzuckend abgewehrt und gemeint, dass sie ja alle Zeit der Welt hätten und er die Dinge diesmal vielleicht doch nicht wieder überstürzen wollen würde. Helga hatte ihn daraufhin etwas wehmütig angsehen. Er wusste ja, wie sehr sie sich wünschte, ihre Lisa endlich unter der Haube zu sehen. Doch Rokko konnte ihr den Wunsch nicht erfüllen. Noch nicht. Er schmunzelte als er daran dachte, dass so eine wilde Ehe ja auch ganz nett war. Wilde Ehe...

"Woran denkst du?" wollte Lisa wissen, die lächelnd neben ihm ging, seine Hand fest in ihrer.

"Nur daran, wie sehr ich dich liebe."

Lisas Augen leuchteten und sie lehnte sich zu ihm, um ihm einen Kuss zu geben.

Es war ein verregneter Sonntag Ende August, an dem sie sich zu einem Museumsbesuch in Dahlem, im Südwesten Berlins, entschlossen hatten. Nun waren sie auf dem Weg zurück zur U-Bahn. Es hatte aufgehört zu regnen und die Luft war angenehm frisch und duftete nach nassen Straßen und Bäumen. So hatten sie mit Absicht einen längeren Weg über den Campus der Freien Universität und durch die kleineren Straßen gewählt, um den bald endenden Sommer noch ein wenig zu genießen. Als sie weiter gingen, legte Rokko seinen Arm um Lisa, die ihren Kopf erschöpft vom Tag auf seine Schulter legte. Er atmete tief ein und aus, als er es sah. Es war klein und wirkte fast ein bisschen verloren und einsam zwischen all den großen... aber es war perfekt. Rokko blieb wie verzaubert stehen und betrachtete es lang.

"Warum bleiben wir stehen?"

"Lisa, schau mal..."

Lisa folgte seinem Blick und lächelte, als sie das kleine Backsteinhaus, das mit wildem Wein bewachsen war und von einem kleinen Garten umrundet wurde, entdeckte.

"Kommt mit." Schon nahm er ihre Hand, zog Lisa hinter sich her und öffnete sachte das kleine Tor, an dem ein Schild "ZU VERKAUFEN" baumelte. Sie tapsten durch die Pfützen im Vorgarten. An den Fenstern waren keine Gardinen mehr, also war es wohl verlassen. Rokko trat nahe an eins der Fenster heran. Er drückte seine Nase an der Scheibe platt, um hinein spähen zu können. Dan zog Rokko sie weiter hinter das Haus. Es grenzte ein recht großer Garten daran. Als Rokko einen Fuß hinein setzte, wurde es bunt um ihn herum. Er sah genau, wie die Blumen für sie blühen würden, wie er hier mit seinem Sohn Fußball spielen würde. Er sah Lisa, wie sie mit ihrer kleinen Tochter an der Hand in den Garten kommen und ihm einen Kuss geben würde und wie sie dann alle gemeinsam auf Schatzsuche zwischen den Bäumen und Büschen gingen. Sein Lächeln wurde strahelnder und er wusste, dass sie hierhin gehörten.

"Lisa, ich würde gern jeden Morgen neben dir aufwachen. Ich würde gern hier jeden Morgen neben dir aufwachen."

Er sah sie an und war froh, dass sie ebenso strahlte wie er.

"Ja, das wäre schön", hauchte sie noch, bevor sich ihre Lippen zu einem langen, sanften Kuss trafen. Dann nahm Rokko Lisa in seine Arme, ihren Rücken an sich gepresst und legte seine Hände beschützend auf Lisas Bauch, und sein Kinn auf ihre Schulter.

"Da hinten", er zeigte auf eine stelle zwischen zwei Bäumen, die sich wie ein Bogen neigten, "da bauen wir eine Schaukel hin."

"Und daneben einen Sandkasten", grinste Lisa.

"Ja, für ganz viele Sandkuchen und Kleckerburgen", lachte Rokko und hielt Lisa noch ein bisschen fester. Er vergrub seine Nase in ihren Haaren und dachte mit Freude und einem wohlig-warmen Gefühl im Bauch an ihre gemeinsame Zukunft in ihrem kleinen Häuschen.

Am Montag Morgen rief Rokko ganz früh beim Besitzer des Häuschens an. Er war fürchterlich nervös und trommelte mit den FIngern auf seinem Schreibtisch herum. Was, wenn es schon verkauft war? Was würde dann aus seinen Träumen werden? Nach einem für ihn endlosen Klingeln hatte der Besitzer das Gespräch angenommen und sofort einen Termin mit ihm vereinbahrt. Das Geschäft war schnell abgeschlossen. Rokko und Lisa musste nur einen kurzen Blick in das Häuschen werfen, um zu wissen, dass es genau das war, was sie sich erträumt hatten. Sie waren bereit jeden Preis dafür zu zahlen. Glücklich standen sie nach dem Kauf im noch leeren Wohnzimmer, Hand in Hand, und erträumten ihre Zukunft in den schillerndsten Farben: sie träumten von einem Zimmer für einen kleinen Rokko und eins für eine kleine Lisa und einem Zimmer unter dem Dach für Rokko und Lisa und ihre große, große Liebe.