Als David Seidel am Valentinstag die Zeitung aufschlug, musste er schon schlucken. Sehen hatte er DAS nicht wollen. Es tat nicht weh, aber es wurmte ihn unendlich.

...möchten Robert Konrad Kowalski und seine Frau Elisabeth Maria die Geburt ihrer Zwillinge Rosalie und Linus bekannt geben...

David fuhr sich durch sein eh schon zerzaustes Haar und schlug wütend mit der Faust auf den Tisch.

"Verdammt!"

Er wusste nicht mal, was ihn eigentlich mehr ärgerte: dass Lisa eine Familie ohne ihn gegründet hatte, oder dass sie es ausgerechnet mit Kowalski tat. Und nun hatte sie den geheiratet und ihn nicht einmal dazu eingeladen. Dabei hatte er geglaubt, dass er Lisa vielleicht doch noch nicht ganz egal war.

"Daviiiiiiid", kam das lang gezogene Jammern von Mandy aus dem Schlafzimmer. "Daviiiiid!"

"Ich komm ja schon!" Er klang ungehalten, nein, er WAR ungehalten. Sein Leben hätte auch so verlaufen sollen, wie das von Kowalski: Lisa heiraten, eine kleine Familie mit ihr gründen, glücklich werden, dann zur Ruhe setzen und den Enkeln beim Spielen zu gucken. Dass er der beziehungsunfähigste Mann ganz Berlins war, ließ er schön beiseite fallen. Wütend stampfte er ins Schlafzimmer.

"Lass uns heiraten, Mary."

"Ich heiße aber Mandy!"

Etwa zur gleichen Zeit saß Helga Plenske selig lächelnd vor einer Tasse Milchkaffee, den sie sich gerade genehmigt hatte. Sie kramte das Foto hervor, das sie seit einer Woche immer an ihrem Herzen trug. Helga Plenske war die stolzeste Oma der Welt und war bereit allen, die danach fragten oder auch nur so aussahen, als würden sie danach fragen wollen, das erste Bild von Rosalie und Linus zu zeigen. Ganz schrumpelig waren sie noch darauf und hatten ihre Augen und winzigen Fäustchen noch zugekniffen. Sie seufzte gerade zum zehnten Mal, als sie die schwere Hand von Bernd auf ihre Schulter legte.

"Sind se nich' süß?" meinte Bernd verträumt, als er sich an den Tresen setzte und Helga nur zustimmend nicken konnte. "So, Helga-Mäuschen, ich hab die Zeitung gerade von Jürgen geholt. Die Anzeige muss ja irgendwo da drin sein."

Eilig blätterte er die Zeitung durch und übersah die Anzeige noch beim ersten Mal. Er blätterte sie ein zweites Mal durch und endlich fand er sie. Was er allerdings auch fand, war die tatsächliche Auflösung eines bereits gelöst geglaubten Rätsels. Bernd ließ die Zeitung sinken und sein entsetztes Gesicht kam dahinter zum Vorschein.

"Was ist denn Bernd?" wollte Helga eilig wissen. Sorgenfalten bildeten sich alsbald auf ihrer Stirn. "Bernd? Sag doch was!"

"Ick gloob's nich. Die ham... det Schanttchen... und der Boxer.. die ham... Und ohne uns! Und ham's ooch nich jesacht...Det muss doch... vor Weihnachten! Bestimmt..."

Während Bernd weiterhin unverständlich vor sich hin brabbelte, nahm ihm Helga die Zeitung aus der Hand und las, was Bernd so verwirrt hatte. Helga seufzte, als sie die Anzeige las, doch anders als Bernd, fand sie in sich nur pure Freude über das Glück, dass ihrer Lisa endlich vollkommen hold war. Sie hatte ja schon so etwas vermutet, als sie den Ring an Lisas Hand zu Weihnachten bemerkt hatte. Doch als ihre Tochter bei näherer Befragung ausgewichen war und nur geheimnisvoll gelächelt hatte, hatte Helga nicht nachgebohrt. Es war ein schöner Ring. Und Rokko Kowalski war der perfekte Ehemann für Lisa und der beste Vater, den sie sich für ihre süßen Enkelkinder wünschen konnte. Dass sie die Hochzeit geheim gehalten hatten... nun, etwas anderes hatte sie von ihrer Lisa und ihrem Gatten nicht erwartet. Die beiden waren schon immer für eine Überraschung gut gewesen. Helga grinste, packte eilig ihre Sachen zusammen, packte auch eine Flasche von dem Champagner ein, der hinter dem Tresen stand und nahm dann den verdatterten Bernd an die Hand, um raus nach Dahlem zu fahren, wo sich das kleine Heim von Lisa, Rokko und den beiden Kleinen befand. Auf so eine Hochzeit musste man schließlich anstoßen!

Kurz nachdem Helga und Bernd gegangen waren, kam Sabrina ans Catering. Sie setzte sich gelangweilt an den Tresen und schaute sich um, in der Hoffnung jemanden für ein Schwätzchen zu erspähen. Kurze Zeit später kam Inka, um sich einen Kaffe zu holen. „Hast Du nichts zu tun, Sabrina?" kam es spitz von ihr, als sie die Cafemaschine zum laufen brachte. „Ich mach Pause." Inka nahm, mit einem abschätzigen Blick zu Sabrina, ebenfalls am Tresen Platz und griff nach der Zeitung, die Helga und Bernd dort hatten liegen lassen. Sie wollte gerade die Seite mit den privaten Anzeigen zuschlagen, als ihr die Namen von Rokko und Lisa ins Auge sprangen. „Nee, das gibt's ja nicht!" sie zog die Zeitung näher und las die Anzeige noch mal. Sabrina rückte näher an Inka heran um zu sehen, was Inkas Aufmerksamkeit erregt hatte. „Zeig mal!" sie zog an der Zeitung, doch Inka hatte den Ellenbogen darauf gelegt und so riss Sabrina lediglich eine Ecke ab. „Was steht denn da?" Sabrinas Hals wurde immer länger. Endlich ließ Inka die Zeitung los, schob sie zu Sabrina hinüber und deutete auf die Anzeige. Sabrina riss sie an sich und überflog die Zeilen. „Und was is daran jetzt so spannend?? Dass die Plansche ihre Kinder bekommen hat, das wissen wir doch schon. Rosalie? Was soll denn das überhaupt für ein Name sein?" sie blickte Inka dümmlich grinsend an. „Du blickst auch gar nichts, Sabrina. Ließ den Satz doch noch mal genauer." Inka konnte sich ein Schmunzeln über Sabrinas Begriffsstutzigkeit nicht verkneifen. Sabrina nahm die Zeitung wieder in die Hand und begann noch mal die Anzeige halblaut zu lesen: „...möchten Robert Konrad Kowalski und seine Frau Elisabeth Maria die Geburt ihrer Zwillinge Rosalie und Linus bekannt geben... Die ham den Nachnamen von Lisa vergessen. Mann sind die doof!" sie sah Inka triumphierend an. Inka begann zu lachen. „Nee, Sabrina, das einzige was hier doof ist, bist Du! Lisas neuer Nachname steht da sehr wohl drin." Sabrina starrte wieder auf die Buchstaben. „Wie neuer Nachname? …und seine Frau Elisabeth…. Nee, dat kann ja wohl nich sein. Versteh ich das jetzt richtig? Die ham geheiratet, oder was?" Sabrina blickte ungläubig von der Zeitung zu Inka. „Ja, genau das heißt es. Ist bei dir jetzt auch endlich der Groschen gefallen? Lisa und der Kowalski haben geheiratet und keinem was davon gesagt."

Ihren letzten Satz hatte sie so laut gesagt, dass Hugo, der gerade auf dem Weg in sein Atelier war, neugierig näher trat. „Quoi? Was habe ich da gerade gehört?" er sah Inka fragend an. Sie nahm Sabrina die Zeitung aus der Hand und hielt sie Hugo kommentarlos hin. Hugo griff danach und fand auch sofort die Anzeige. Lächelnd legte er sie wieder auf den Tresen. „C'est formidable. Sehr geschickt gemacht. So sind sie dem Trubel entkommen, der unweigerlich ausgebrochen wäre, wenn bekannt geworden wäre, dass die Mehrheitseignerin von Kerima heiraten wird. Ich freue mich für die beiden!" Inka schnappte überrascht nach Luft. „Dass sie dem Medienrummel ausweichen wollten ist ja klar, aber dass sie es auch vor uns verschwiegen haben…was sagst Du denn dazu?" Hugo blickte Sabrina nach, die gerade zurück an ihren Platz am Empfang ging und dabei jedem, der ihr über den Weg lief, die Neuigkeit berichtete. „Habt ihr schon gehört! Unsere Chefin heißt jetzt Kowalski!" „Wenn ich mir das" er deutete zu Sabrina, „anschaue, dann kann ich die Entscheidung sehr gut nachvollziehen. Wir haben einfach viel zu viele Leute hier, die kein Geheimnis für sich behalten können." Er nickte Inka schmunzelnd zu und entschwand in sein Atelier.

Währendessen war in der WG von Hanna und Timo heftige Betriebsamkeit ausgebrochen. Beide hatten komplett verschlafen und wuselten geschäftig durch die Wohnung, um so schnell wie möglich zur Arbeit zu kommen, als das Telefon klingelte. „Lass es klingeln. Das ist sicher Hugo, der sich wundert wo ich stecke. Ein persönlicher Anschiss nachher reicht mir. Das brauch ich nicht auch noch am Telefon." Hanna verschwand im Bad. „Vielleicht isses ja auch für mich! Timo griff nach dem Apparat. „Timo Pietsch!" „Hallo, Timo! Ich bin's!" meldete sich seine Mutter. „Mama, was gibt es denn? Du willst sicher wissen, warum ich noch nicht da bin. Ich sag es Dir wenn ich da bin, damit ich nicht noch später komme. Tschüß!" Timo wollte wieder auflegen. Er hätte auf Hanna hören sollen und das Telefon einfach klingeln lassen sollen. „Warte, Timo!" „Ja, was denn noch?" er klang ziemlich genervt. „Habt ihr heute schon in die Zeitung geschaut?" „Nein, denn dann wären wir noch später dran." „Na, dann macht das mal. Die Anzeigenseite ist heute besonders interessant. Bis später!" Inka hatte aufgelegt. Timo warf das Telefon auf den Tisch und ging wieder in sein Zimmer. „Bist Du fertig?" Hanna kam endlich wieder aus dem Bad. „Wer war es denn?" „Meine Mutter!" Timo kam wieder in die Küche und griff nach seiner Jacke. „Oh, hat Hugo sie vorgeschickt?" Hanna lief zur Tür. „Nein, es schien ihr komplett egal zu sein, dass ich noch nicht da bin und von Dir hat sie überhaupt nicht gesprochen. Sie wollte nur wissen, ob wir schon Zeitung gelesen haben. Die Anzeigenseite wäre heute so interessant. Komm lass uns gehen." Er ging an Hanna vorbei in den Hausgang. Hanna folgte ihm. „Hmm, komm wir schauen noch schnell bei Jürgen in die Zeitung. Vielleicht weiß er ja, was deine Mutter meint." „Oh, nee! Wir erfahren das doch noch früh genug." Timo sah Hanna gequält an. „Hopp, komm. Die paar Minuten sind jetzt auch schon egal." Hanna zog ihn in Jürgens Kiosk.

„Hallo, Jürgen! Weißt Du was heute so interessantes in der Zeitung steht?" Hanna stürmte auf Jürgen zu und schnappte sich eine der Zeitungen, die neben der Kasse lagen und begann darin zu blättern. „Guten Morgen, ihr zwei! Na, wohl ein wenig spät dran, oder?" Jürgen grinste Timo an. „Ja, das kann man wohl sagen und jetzt wird es noch später, nur weil Miss Neugier unbedingt noch in die Zeitung schauen muss." Timo verrollte die Augen und blickte zu Hanna. Jürgen lachte und nahm Hanna die Zeitung, in der sie immer noch sehr planlos herumblätterte, aus der Hand. „Hey!" Hanna sah ihn aufgebracht an. Jürgen schlug zielsicher die Anzeigenseite auf und hielt ihr die Zeitung wieder unter die Nase. „Damit Du Dich nicht zu Tode suchen musst!" Hanna griff wieder danach. Ihr Augen wurden beim lesen immer größer. Jetzt trat auch Timo neugierig näher und blickte über Hannas Schulter in die Zeitung. „Hast Du das gewusst?" Hanna sah Jürgen fragend an. Jürgens Gesicht sprach Bände. „Nein. Und wenn Frau Kowalski das nächste Mal bei mir auftaucht, dann werde ich ihr auch noch mal ganz genau sagen, was ich davon halte. Einfach heimlich heiraten und die besten Freunde müssen es aus der Zeitung erfahren." „So schlimm ist das nu auch wieder nicht!" meldete sich Timo zu Wort. „Wenn man mal darüber nachdenkt, was sie sich so an Trubel gespart haben. So mach ich das später auch mal. Da spart man ne Menge Geld, weil man niemanden zu einer Feier einladen muss. Find ich klasse!" Hanna faltete die Zeitung zusammen. „Das Du das so siehst war mir ja klar. Also, ich freu mich für die beiden, aber ich kann Dich schon verstehen, Jürgen. Als bester Freund wäre ich auch sauer." Timo blickte auf die Uhr. „Hanna, wir müssen jetzt wirklich los. Besprechen können wir das auch noch ein anderes Mal." Er ging zur Tür, die in diesem Moment geöffnet wurde. „Hallo, zusammen!" Melanie betrat lächelnd den Kiosk. „Hallo und Tschüß!" Timo zerrte Hanna an Melanie vorbei aus der Tür. Melanie sah den beiden verwundert nach, bevor sie auf Jürgen zuging. „Was ist denn mit denen los?" Jürgen schenkte Melanie sein strahlendstes Lächeln. „Ach, die sind spät dran! Ist bei Dir alles ok?"

„Ähm, klar, mir geht es gut", antwortete Melanie mit fröhlichem, aber verwirrtem Lächeln. „Warum fragst du?" "Na ja, es kommt ja nicht alle Tage vor, dass der Ex-Verlobte heiratet..." Jürgen sprach nicht zu Ende, schob Melanie nur die Zeitung mit der Anzeige hinüber. Er sah, wie ihre Augen sich weiteten und ihr rechter Zeigefinger an ihren Mund wanderte, was er immer tat, wenn Melanie angestrengt nachdachte. Jürgen überlegte, ob er sie in den Arm nehmen oder lieber erst einen Kaffee anbieten sollte. Sie waren erst ein paar Mal ausgegangen - manchmal wusste er daher nicht, wie er sich in welcher Situation verhalten sollte. Als er sich gerade dazu entschlossen hatte, den Kaffe zu holen, ergriff Melanie seine Hand und zog ihn an sich heran. "Ich dachte, es wäre dir spätestens nach gestern Abend klar, dass mich eine Nachricht wie diese nur freuen kann." Sanft strich sie mit ihrer Hand über Jürgens Wange und legte ihre Lippen auf seine.

Zur gleichen Zeit standen Lisa und Rokko im Kinderzimmer und sahen ihren zwei kleinen Engeln beim Schlafen zu. Lisa hatte den Kopf an Rokkos Schulter gelegt. „Glaubst Du die ersten haben die Anzeige schon gelesen?" Rokko grinste und griff nach Lisas Hand, um sie leise aus dem Zimmer zu ziehen, um die beiden Zwerge, die gerade erst eingeschlafen waren, nicht zu wecken. Mit einem Blick zum Tisch zwischen den Bettchen vergewisserte er sich, dass das Babyphone auch eingeschaltet war, bevor er sacht die Tür schloss. „Ich denke schon!" er schmunzelte. „Dann wundert es mich aber, dass noch niemand angerufen hat. Mein Vater regt sich ganz bestimmt richtig auf und meine Mutter…? Sie ist sicher enttäuscht." Lisa sah etwas traurig zu Rokko, während sie die Treppe hinunterging. „Heute ruft auch ganz sicher niemand an." Verschmitzt grinsend ging er an Lisa vorbei ins Wohnzimmer. Lisa blieb verwirrt blickend im Flur stehen. „Warum bist Du da so sicher?" „Darum!" Rokko stand wieder im Türrahmen und hielt ihre beiden ausgeschalteten Handys und das Telefonkabel in der Hand. „Wir sind heute nicht zu erreichen für niemanden und morgen auch nicht. Die sollen sich erstmal abregen." Lisa starrte ihn zuerst ungläubig an, doch ganz langsam machte sich ein Lächeln in ihrem Gesicht breit. „Aber eins hast Du noch vergessen." Grinsend lief sie in die kleine Abstellkammer neben der Haustür. Jetzt machte Rokko ein verwundertes Gesicht. „So, das wäre erledigt!" Lisa kam lächelnd aus der Kammer heraus. „Du kennst doch meine Eltern, die rufen nicht an, die stehen wahrscheinlich bald vor der Tür und deshalb hab ich die Klingel abgestellt. Jetzt sind wir wirklich nicht mehr zu erreichen!" schelmisch grinsend ging sie auf Rokko zu. Dieser zog sie in seine Arme und lächelte sie glücklich an. „Weißt Du was?" „Nein, was denn?" Lisa schüttelte ebenfalls lächelnd den Kopf. „Ich liebe Dich!"

So, lieber Leser, hier verlassen wir Lisa, Rokko und die beiden Zwerge. Was ihnen die Zukunft bringen wird, das wissen wir nicht genau. Doch in unserer Vorstellung leben sie weiterhin glücklich und zufrieden in ihrem Häuschen mit dem kleinen Zimmer unterm Dach für ihre große Liebe.

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Was lange währt, wird endlich fertig! ;o)

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Anne und Chrissi :o)