Kapitel6
Obi-Wan Kenobi fuhr sich mit der Hand über seinen Bart. Er hatte das Gefühl, schon Stunden an diesem Taxistand zu stehen. Jegliches Zeitgefühl verlierend nutze er die Zeit, um weiter nachzudenken.
Ein Traum. Inwieweit konnte er einem Traum Bedeutung zumessen? Er war noch nie jemand gewesen, der solchen Dingen eine hohe Bedeutung zusprach. Selbst wenn Padmé von Anakin geträumt hatte, war es wirklich mehr als ein Zufall? Kannte das nicht jeder, dass man von Leuten träumt, die man nie zuvor gesehen hat? War ihm selbst das schon mal passiert? Er konnte sich nicht erinnern.
Auf jeden Fall würde ihr Bericht sicherlich hilfreich sein. Er würde mehr über die Jedi erfahren und über die aktuelle politische Lage. Vielleicht gab es gar keinen Krieg? Musste er sich mit dem Gedanken an ein Paralleluniversum anfreunden? Der Jedi-Meister hatte starke Zweifel.
Langsam begann es zu dämmern. Die Sonne würde bald untergehen. Der Himmel leuchtete schon in einem zarten rosa. Kaum merklich ließ der Verkehr etwas nach.
Vielleicht kommt Padmé gar nicht.
Wohin sollte er gehen? Obi-Wan fühlte eine seltsame Leere in sich aufsteigen. Er war noch nie zuvor allein gewesen. Natürlich gab es Situationen, in denen er auf sich allein gestellt war, aber immer in der Gewissheit, im Tempel willkommengeheißen zu werden. Schnell schob er diese Gedanken beiseite. Er war ein Jedi. Er sollte sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Noch nie in seinem Leben hatte er sich Gesellschaft mehr gewünscht. Er, der es sonst so schätze allein zu sein. Natürlich hatte er gerne Freunde. Zwar nicht viele, aber dafür sehr enge. Und jetzt…
Reiß dich zusammen. Es gibt immer einen Ausweg.
Padmé wird kommen, ihm helfen und bald würde er sich aus dieser Lage retten. Dann würde alles wieder normal sein. Aber was ist schon normal?
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Anakin schaute sich in dem Schiff um, in dem er sich jetzt befand. Jedoch konnte er nichts Auffälliges oder Ungewöhnliches entdecken. Alle Anwesenden gingen ihren Aufgaben nach. Er konnte es kaum erwarten Senator Organa unter vier Augen zu sprechen. Gerade hatte man ihm mitgeteilt, dass sie auf dem Weg nach Tatooine befanden, um das Lager Organas aufzusuchen. Das weckte zwar schmerzhafte Erinnerungen in Anakin, aber er ließ sie zu, damit sie durch ihn hindurchfließen konnten. Auch wenn das nicht so ganz funktionierte, wurde Anakin wenigstens ein bisschen ruhiger. Immerhin schlummerten auf diesem Planeten seine dunkelsten Taten.
Immer noch überlegte er krampfhaft, wie er überhaupt nach Coruscant gelangt war, ohne es zu merken. Und immer noch hatte er nicht die leiseste Ahnung, wo Obi-Wan steckte. Aber Senator Organa würde ihm schon eine Erklärung für all das liefern. Er würde sich nur etwas gedulden müssen und auf eine passende Gelegenheit warten, um seine Fragen zu stellen. Im Moment jedoch konnte er noch nicht mal etwas Sinnvolles tun, sondern nur herumstehen. Dabei wurde er auch noch genaustens beobachtet. Zwar sollte er nichts davon merken, aber Anakin konnte deutlich die verstohlenen Blicke auf seinem Rücken spüren. Er noch nie der Geduldigste gewesen.
Leider konzentrierte er sich deshalb nur darauf, ruhig zu bleiben, anstatt sich auf die Absichten und Gefühle Organas zu konzentrieren. Vermutlich wären ihm dann einige Überraschungen erspart geblieben.
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Endlich, von weitem sah Obi-Wan Padmé auf sich zulaufen. Schnell eilte er ihr entgegen.
„Verzeiht, dass es so lange gedauert hat, aber die Senatorin hatte ein Treffen, bei dem ich dabei sein sollte."
„Ich habe gar nicht gemerkt, dass soviel Zeit vergangen ist. Lasst uns an einen ungestörteren Ort gehen. Habt Ihr eine Idee?"
„Ja folgt mir."
Padmé führte ihn solange durch mehrere Straßen, bis der Jedi schließlich begann, die Orientierung zu verlieren. Und das sollte schon etwas heißen. Auch hätte man der kleinen zierlichen Frau eine solche Schnelligkeit nicht zugetraut. Aber Obi-Wan hatte bereits seit der Schlacht auf Naboo aufgehört, sie zu unterschätzen. Wenigstens konnte er, was die Geschwindigkeit betraf, mit ihr mithalten.
Doch schließlich waren sie angekommen. An einem Ort, den Obi-Wan noch nie zuvor betreten hatte. Auf Grund der langen Wegstrecke war ihm klar, dass das Haus, vor dem sie nun standen, vom Zentrum Coruscants sehr entfernt lag. Zwar befand es sich noch auf relativ hoher Ebene, aber man konnte ihm schon deutlich ansehen, dass hier die weniger betuchten Einwohner der Stadt verkehrten. Man konnte kaum den Himmel sehen, so sehr war alles zugebaut. Ein paar Laternen erleuchteten das triste Grau dieser Gegend. Denn die Sonne war inzwischen fast vollständig untergegangen.
Sie betraten das Haus. Es bestand aus mehreren kleineren Apartments. Eins davon öffnete Padmé mit einem Schlüssel. Obi-Wan folgte ihr hinein.
Das Innere der kleinen Wohnung war nichts im Vergleich zu dem prachtvollen Apartment der Senatorin. Allerdings konnte sich Obi-Wan nicht vorstellen, dass Padmé hier wohnte, denn die Diener und Dienerinnen der Senatoren pflegten ein Zimmer in den Gemächern ihrer Herren zu haben.
In dem Raum befand sich nichts außer einem kleinen Sofa, einem Tisch, einem Bett und einem Schrank. Padmé nahm auf dem Sofa Platz und bedeutete dem Jedi-Meister sich neben sie zu setzen.
Erwartungsvoll blickte Obi-Wan sie an.
„Diese Wohnung wird ab und zu als Versteck benutzt, wenn einige der Senatoren in Gefahr sind. Niemand weiß davon, außer den Senatoren, den Bediensteten und dem Kanzler. Wenn ich Euch also hierher geführt habe, dann ist das ein Zeichen meines Vertrauens. Ich bitte Euch deshalb hierüber Stillschweigen zu bewahren.
Ich denke, es ist das Beste, wenn ich mit dem Traum beginne. Seit mehreren Nächten habe ich immer wieder ein und denselben Traum. Anfangs schenkte ich ihm wenig Beachtung, doch nachdem er sich ständig wiederholte, war ich ein wenig beunruhigt. Vermutlich findet Ihr das lächerlich." Sie senkte den Kopf.
„Nein, ganz und gar nicht." Obi-Wan bedachte sie mit einem mitfühlenden Blick. „Redet bitte weiter."
„Nun ja, in meinem Traum treffe ich diesen Anakin immer in meinem Schlafzimmer. Wir scheinen sehr vertraut miteinander zu sein. Ich denke, ich muss das nicht weiter erläutern. Wir reden zuerst über belanglose Dinge und dann fragt er mich, wie es mir und dem Baby geht. In diesem Augenblick bemerke ich immer, dass ich schwanger bin und man das an meinem Bauch erkennen kann." Padmé errötete ein wenig. Dann blickte sie zu Obi-Wan auf.
Dieser wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Seine erste Reaktion bestand darin, sich sicher zu sein, dass man diesem Traum keine weitere Bedeutung zulassen müsse, denn Anakin würde niemals… Oder doch? Seit er die Senatorin das letzte Mal gesehen hatte, war ihr nichts anzusehen gewesen.
Wie auch immer, das war zwar sehr beunruhigend und er würde sich darum kümmern müssen, jedoch half ihm das im Moment nicht weiter.
Vielleicht wird die momentane politische Situation hier mehr Licht in meine Dunkelheit bringen.
Mit diesem Gedanken wandte er sich wieder Padmé zu.
